Nachrichten aus einer befestigten Siedlung

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Dez 302007
 

alter-mann-mit-rollator-suv-und-enkel.jpg Wir melden uns aus Hochzoll-Nord, einem gutbürgerlichen Wohnviertel Augsburgs. Hier besuchen wir meinen Vater und Angehörige. Soeben kehren wir von einem Spaziergang zurück. Da ich hier aufgewachsen bin, kann ich die Veränderungen über die Jahrzehnte hin gut feststellen. Wir waren 2 Stunden auf den Beinen und sind nur fünf Menschen begegnet. Von Kindern keine Spur mehr! Stattdessen nimmt die Größe und Wuchtigkeit der vor den Türen geparkten Automobile von Jahr zu Jahr zu: ich zähle mehrere Mercedes der S-Klasse, zahlreiche SUVs (also massige Geländewagen), zahlreiche Schilder: „Ausfahrt freihalten – auch gegenüber“. Ein anderes Schild: „Vorsicht – Hund beißt manchmal.“ Aha! Es gibt auch hier einen Anflug von Humor. Wo sind die Menschen zu den Autos, wo sind die Leute zu den beißenden Hunden? Wo sind die Kinder? Ab und zu huscht eine Gestalt vorbei, packt etwas ins Auto. Ich grüße die wenigen verbleibenden Menschen freundlich und ernte aus Blicken zunächst Erstaunen darüber, dass: da grüßt jemand!

Wanja bekommt einen Schreianfall, kaum dass wir die Kirche Heiliggeist erreicht haben. Er hat Hunger, möchte sofort nachhause! Eine ältere Frau, bei der mein Vater sich für seinen schreienden Enkel entschuldigen zu müssen glaubt, schimpft verständnisvoll: „Ja, bei uns im Haus gibt es auch SO ETWAS. DAS führt sich auch so auf. Zu unserer Zeit hat’s ja SO ETWAS nicht gegeben.“ Ich schweige. Die Hausbesitzer in Hochzoll-Nord staffieren ihre Häuser zunehmend mit festungsartigen Trutz- und Schutz-Elementen aus: hier ein Türmchen, da ein neuer, höherer Zaun, dort eine krönende Zinne – ein unglaubliches stilistisches Durcheinander mit lauter Anleihen an die Zeit, als die Kleinadligen sich noch mit Wimpeln, Kutschen, Karossen und Zugbrücken hervortaten! Das ganze Geld scheint heute in PS-starke Autos, Häuser und Warnschilder zu fließen.

An der Wand der Heiliggeist-Kirche hat jemand insgesamt vier gleichlautende Graffiti aufgesprüht: Das hebräische Tetragramm, also die Selbstbezeichnung Gottes aus dem Tanach. Das rabbinische Judentum vermeidet etwa seit dem 1. Jahrhundert, diese vier hebräischen Buchstaben auszusprechen und verwendet im Kult stattdessen Bezeichnungen wie Adonaj („mein Herr“) oder Ha-schem („der Name“).- Mein erstes Empfinden: Großartig – es gibt also noch Menschen mit Sinn für Unordnung. Diese Geste, die Botschaft dieser Graffiti bleibt aber für mich schwer zu deuten. Was mag wohl in dem Menschen vorgegangen sein, der in hebräischer Quadratschrift den hebräischen Namen G’TT auf die Wand sprühte? Dachte er etwa: „Gott der Juden und Christen und Muslime, erbarme dich dieses ganzen Viertels!“? Oder wollte er die Christen daran erinnern, dass sie nur ein Abkömmling, ein Reis vom Stamm des alten Israel sind? Ferner: Wird der Hausherr die Anordnung zur Löschung des „Namens“ geben? Er ist da ganz schön in Tsores geraten! (Tsores ist übrigens ein altes jiddisches Wort für Drangsal, Zwickmühle).

ha-schem.jpg

Aufnahme: Graffito an der Außenwand der Heilig-Geist-Kirche, Augsburg-Hochzoll, aufgenommen am 30.12.2007

Wir gehen mit Vater spazieren, der seinen Rollator mit Mühe durch die engen Bürgersteige steuert. Im Vergleich zu Berlin weist dieses Viertel noch sehr viele bauliche Barrieren auf. Kein gutes Pflaster für Gehbehinderte! Kinder und Jugendliche gibt es hier allem Anschein nach nicht mehr. Ich komme zu dem Schluss: Das ist eine mögliche Zukunft der deutschen Gesellschaft mit ganz wenigen Kindern, vielen Straßen, Autos und Verbotsschildern. Wollen wir das?

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Quote of the day – the most salient political fear

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Dez 282007
 

„Nevertheless, the most salient political fear, the one that most pervasively structures our lives and limits our possibilities, is the fear among the less powerful of the more powerful, whether public officials or private employers, far-off agents of state or local, familiar elites. And here we come to the crux of the argument. For all our talk today of the fear of terrorism, or, before that, of communism, the most important form of fear is that which ordinary Americans have of their superiors, who sponsor and benefit from the inequities of everyday life.“

Corey Robin: FEAR. The History of a Political Idea. Oxford University Press, New York 2004, 316 pages, here: p. 20

Stimmt dies? Nach Robins Sicht spielt Angst eine eminent wichtige Rolle beim Zusammenhalt von Machtstrukturen. Ängste werden bewusst eingesetzt, um Macht zu sichern. Die gerade „angesagtesten“ Ängste – also die vor Terrorismus, oder in Deutschland: die vor Arbeitsplatzverlust – sind willkommene Steuerungsmechanismen, um tiefersitzende, alltäglichere Ängste zu überdecken. Robins Buch ist erneut – wie schon das von Schmidbauer – ein herrlicher Gedankenschmaus! In diesem Buch werden die verschiedensten Spielarten all dessen, was die Griechen unter Phobos zusammenfassten, abgehandelt: Furcht, Angst, Terror, Schrecken, Entsetzen, Terrorismus, Einschüchterung – meines Wissens die umfassendste politische Analyse des Phänomens Angst aus jüngerer Zeit. Besonders lesenswert: die Ausführungen über Hannah Arendt.

Nebenbei: Nach einer Umfrage, die BILD heute auf Seite 1 brachte, flößt die „Angst vor sozialer Kälte“ den meisten Deutschen (58%) die größte Besorgnis ein – nicht die Angst vor Krankheit, Tod oder Terrorismus. Quelle der Meldung ist dpa; die Meldung selbst fand ich auch zum Nachlesen beim Fränkischen Tag.

Die Deutschen fürchten die soziale Kälte
Umfrage Fast jeder Zweite hält unsere Gesellschaft für kinderfeindlich.

von Dorit Koch, dpa

Hamburg – Die Angst der Deutschen vor Kinderfeindlichkeit und sozialer Kälte wächst: „Immer mehr Menschen sehen in diesen beiden Problemen die größten Zukunftssorgen. Umfragen haben ergeben, dass Deutschland damit im Vergleich zu anderen europäischen Ländern leider weit vorn liegt“, sagte Zukunftsforscher Prof. Horst Opaschowski. „Ganz persönlich sehnen sich die Deutschen vor allem nach Vertrauen, Geborgenheit und menschlicher Wärme.“ Die Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, deren wissenschaftlicher Leiter Opaschowski ist, hat bei Repräsentativumfragen in neun Ländern 11 000 Menschen dazu befragt.

Gestern wurde Benazir Bhutto ermordet. Und gerade deswegen ist unser Thema Angst angesagter denn je!

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Dez 272007
 

Mit derart wörtlich gepflastertem hartem Gefüge könnte man den Vers 606 aus den Persern des Aischylos wiedergeben. Emil Staiger übersetzt weitaus gepflegter und beruhigter:

Derart verstört Unheilsbestürzung unsern Sinn.

Las gestern zur Nacht dieses Drama in einem Zug durch. Was für eine Orgie der Angst, was für ein Wühlen in der Verstörung! Vieles erschließt sich erst, wenn man den griechischen Originaltext liest, Wort um Wort dem ungewohnten, über weite Strecken mit persischen Fremdwörtern und Namen durchsetzten Text nachlauscht. Dieser gesamte Monolog der Atossa ist darüber hinaus eine der Stellen, in denen ausführlich über Ursprung und Wirkung der Angst verhandelt wird.

Ἄτοσσα
φίλοι, κακῶν μὲν ὅστις ἔμπειρος κυρεῖ,
ἐπίσταται βροτοῖσιν ὡς ὅταν κλύδων
600κακῶν ἐπέλθῃ πάντα δειμαίνειν φιλεῖ:
ὅταν δ᾽ δαίμων εὐροῇ, πεποιθέναι
τὸν αὐτὸν αἰεὶ δαίμον᾽ οὐριεῖν τύχην.
ἐμοὶ γὰρ ἤδη πάντα μὲν φόβου πλέα
ἐν ὄμμασιν τἀνταῖα φαίνεται θεῶν,
605βοᾷ δ᾽ ἐν ὠσὶ κέλαδος οὐ παιώνιος:
τοία κακῶν ἔκπληξις ἐκφοβεῖ φρένας.
τοιγὰρ κέλευθον τήνδ᾽ ἄνευ τ᾽ ὀχημάτων
χλιδῆς τε τῆς πάροιθεν ἐκ δόμων πάλιν
ἔστειλα, παιδὸς πατρὶ πρευμενεῖς χοὰς
610φέρους᾽, ἅπερ νεκροῖσι μειλικτήρια,
βοός τ᾽ ἀφ᾽ ἁγνῆς λευκὸν εὔποτον γάλα,
τῆς τ᾽ ἀνθεμουργοῦ στάγμα, παμφαὲς μέλι,
λιβάσιν ὑδρηλαῖς παρθένου πηγῆς μέτα,
ἀκήρατόν τε μητρὸς ἀγρίας ἄπο
615ποτὸν παλαιᾶς ἀμπέλου γάνος τόδε:
τῆς τ᾽ αἰὲν ἐν φύλλοισι θαλλούσης βίον
ξανθῆς ἐλαίας καρπὸς εὐώδης πάρα,
ἄνθη τε πλεκτά, παμφόρου γαίας τέκνα,
ἀλλ᾽, φίλοι, χοαῖσι ταῖσδε νερτέρων
620ὕμνους ἐπευφημεῖτε, τόν τε δαίμονα
Δαρεῖον ἀνακαλεῖσθε, γαπότους δ᾽ ἐγὼ
τιμὰς προπέμψω τάσδε νερτέροις θεοῖς. ̓́ Vielleicht werde ich diesen Abschnitt überhaupt bei dem Angst-Vortrag zugrunde legen. Er scheint mir passend. Bis zum 18. Januar ist noch Zeit. Was das Johannes-Evangelium angeht, so steht 16,33 bereits fest – ein Spitzensatz johanneischen Denkens, der unabsehbar in die Ferne gewirkt hat, bis hin zu Kierkegaard, Heidegger, Paul Tillich, ja selbst der Ägyptologe Jan Assmann bezieht sich ausdrücklich auf ihn.

Wieso erwähne ich Assmann? Nun, im Februar 2007 besuchte ich Angst. Kon(junk)turen eines Gefühls, die Tagung des Einstein Forums Potsdam, bei der Assmann seine Überlegungen im Anschluss an dieses Jesus-Wort vortrug. Das Beste kommt jetzt: Diesen Vortrag kann man ebenso wie einige andere nachhören – was hiermit nachdrücklich empfohlen sei!

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„Fürchtet euch nicht!“

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Dez 262007
 

Erneut lasse ich den Tag heute geruhsam angehen. Ich finde fast zufälllig beim Lesen von allerlei klugen Büchern über Angst die folgenden Worte, die häufig Nelson Mandela zugeschrieben werden. Er soll sie in seiner Antrittsrede als Staatspräsident 1994 gesagt haben:

Our deepest fear is not that we are inadequate. Our deepest fear is that we are powerful beyond measure. It is our light, not our darkness that most frightens us. We ask ourselves, Who am I to be brilliant, gorgeous, talented, fabulous? Actually, who are you not to be? You are a child of God. Your playing small does not serve the world. There is nothing enlightened about shrinking so that other people won’t feel insecure around you. We are all meant to shine, as children do. We were born to make manifest the glory of God that is within us. It’s not just in some of us; it’s in everyone. And as we let our own light shine, we unconsciously give other people permission to do the same. As we are liberated from our own fear, our presence automatically liberates others.

Diese mittlerweile berühmten Worte stammen allen Belegen nach, die mir vorliegen, von Marianne Williamson, und zwar aus ihrem 1992 erschienenen Buch: A Return to Love. Die Zuschreibung an Mandela ist eine Mär, die sich hartnäckig hält. Dieses Gedicht findet sich in dem veröffentlichten Manuskript seiner Rede nicht.

Ich selbst fand den Hinweis auf dieses Zitat übrigens in folgendem, durchaus lesenswertem Aufsatz: Linda Briendl: Archetypen der Angst und das sich ängstigende Individuum, in: Jan Baldewien, Hans Erich Loos (Hg.): „Angst essen Seele auf“. Vom Umgang mit den Ängsten. Evangelische Akademie Baden, Karlsruhe 2006, [= Herrenalber Forum Band 46], S. 9-29

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Dez 252007
 

heiligabend.jpg Hoch oben auf der Empore der Heilig-Kreuz-Kirche, auf den Treppenstufen hockend – denn es war kein Platz auf den Bänken – höre ich mir die Botschaft an:


„Habt keine Angst!“ Unser Kind schwirrt auf eigene Faust im gewaltigen Kirchenraum umher. „Habt keine Angst!“ Zuhause suchte und fand ich einen zeitgenössischen Deuter, der diese Freudenbotschaft, deren Verkündung ein Teil der Menschheit heute begeht, ganz wesentlich als Befreiung von Angst deutet. Von der Angst, die in mannigfachen Gestalten unser Dasein wesentlich bestimmt. Es ist Eugen Drewermann. Ich habe mir seinen Kommentar zum Johannes-Evangelium entliehen. Drewermann schreibt:

Verständlich machen lässt sich die „neue Wirklichkeit“ (Paul Tillich), die mit der Person Jesu in die „Welt“ getreten ist, wohl nur, wenn man sowohl individualpsychologisch als auch sozialpsychologisch die Mechanismen freilegt, die im Felde der Angst das gesamte Dasein des Menschen und seine Weltauslegung verformen. „In der Welt habt ihr Angst; aber faßt Mut: ich – besiegt habe ich die Welt“, sagt der johanneische Jesus (Joh 16,32).

Eugen Drewermann: Das Johannes-Evangelium. Bilder einer neuen Welt. Zweiter Teil: Joh 11-21. Patmos Verlag, Düsseldorf 2003, S. 8

Alle Weihnachtslieder singe ich mit, doch bricht mir manchmal die Stimme.

Ich werde gerade in diesen von Lohnarbeit freigestellten Tagen meine Studien zum griechisch verfassten Neuen Testament fortsetzen und beständig immer wieder in die dionysische Welt des Aischylos eintauchen. Höchst bemerkenswert, dass Drewermann wieder und wieder eine Nähe des Johannes-Evangeliums zum Dionysos-Kult zu belegen meint.

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Dez 242007
 

Worauf ich mich jetzt zu Weihnachten besonders freue: viel Zeit mit der Familie verbringen – und nach Herzenslust Bücher lesen! Zum Beispiel dieses: Wolfgang Schmidbauer: Lebensgefühl Angst. Herder Verlag Freiburg im Breisgau, 2005, 208 Seiten.

Der Autor beleuchtet Angst in ihren zahlreichen persönlichen, sozialen und politischen Ausprägungen. Ein gewisses Maß an Angst ist überlebensnotwendig. Es warnt vor Gefahren und hilft Schmerz vermeiden. Ein Übermaß an nicht bewältigter Angst hingegen führt zu krankhaften Verfestigungen, kann lähmend wirken. Phobien, Panikattacken und Depressionen sind die Folge. Unsere Generation – Schmidbauer bezeichnet sie in polemischer Zuspitzung als Generation Angst – sei durch ein Zuviel an bewusst und unbewusst geschürten dumpfen Ängsten gekennzeichnet, das im eklatanten Gegensatz zur tatsächlich erreichten Daseinsvorsorge stehe. Die Politiker nutzten die Angst der Wähler häufig in unverantwortlicher Weise aus, ja schürten sie noch zusätzlich, um daraus Gewinn zu ziehen. Sie gaukeln den Wählern falsche Verheißungen, gleisnerischen Trost, nämlich die Abwehr aller Ängste vor. Seine ganze Fülle an klugen, beherzigenswerten Einsichten lässt Schmidbauer in einem Schlusskapitel Generation Zuversicht?, einem Plädoyer für eine weise, solidarische Angst ausklingen. Er schreibt auf S. 206: „Eine solche Generation wird gelernt haben, die gefährliche Angst, ungerechte Privilegien einzubüßen, zugunsten der solidarischen Angst aufzugeben, nicht rücksichtsvoll genug mit den begrenzten Möglichkeiten unseres Planeten umzugehen, dieses an wenigen Stellen prekär mit Leben überwachsenen Stäubchens im All.“

Das Buch passt auf jeden Gabentisch, ich werde versuchen, es noch einmal rechtzeitig zu beschaffen, um es zu verschenken.

Zitat des Tages, aus diesem Buch, S. 13: „Autofahrer wissen schon lange, dass es nicht genügend Benzin für alle Zukunft gibt. Aber die meisten werden erst dann aufs Fahrrad umsteigen, wenn sie ihren Tank nicht mehr füllen können.“

So lasst uns denn aufs Fahrrad umsteigen!

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Dez 232007
 

millais-christ-in-the-house-of-his-parents.jpg Das Weihnachtsfest begehen wir bescheiden im engsten Kreis, mit einigen Besuchen und einigen Geschenken. Dieses Bild von John Everett Millais gefällt mir heute am besten: es zeigt die Mühsal des Alltags in einer Schreinerwerkstatt. Es zeigt unsere Verletzlichkeit. Wie leicht schneidet man sich an herumliegenden Messern! Die rohe Geschöpflichkeit der beiden Schafsköpfe, die der Maler sich aus einer Metzgerei bringen ließ. Mein Namenspatron steht auch da: Ganz an der Seite – so als gehörte er nicht ganz dazu. Die Mutter ist verhärmt. Sie war eben nie auf Rosen gebettet. Da unser nächster und größter Nachbar pünktlich zum Weihnachtsfest ebenfalls zum Schengen-Raum gehört, zeige ich Euch, wie gut Ihr schon Polnisch könnt – denn das versteht Ihr doch, oder?

Zdrowych, spokojnych i radosnych Świąt Bożego Narodzenia oraz wszystkiego najlepszego w nadchodzącym Nowym 2008 Roku

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Von Löwen und Tigern: am Tresen der deutschen Geschichte mit Florian Havemann

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Dez 222007
 

Vor mir liegt das Buch: Havemann. Von Florian Havemann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Erste Auflage 2007, 1092 Seiten. In kleiner Runde saßen wir heute in der Küche und besprachen, was wir schon über das Buch gehört und gelesen hatten. Die eine kennt den einen, ich war schon in der Wohnung des anderen – unsere privaten Erinnerungen und Bekanntschaften vermengen sich mit den zwischen den grauen Pappdeckeln ausgebreiteten Reminiszenzen. Ich lese die ersten 43 Seiten. Es ist, als lehnte man in einer Kneipe neben einem Unbekannten, der dann nach und nach vieles auspackt, sodass man staunenden Mundes zuhört. Der Unbekannte zieht immer wieder ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto aus der Brieftasche. Etwa so: „Da schau her, das ist mein Onkel Richard,“ der zum ersten Mal in der ganzen Zirkusgeschichte Tiger und Löwen, Löwen und Tiger in einer Truppe vereint hat (S. 37).

Ich weiß: es werden noch viele solche Begebenheiten kommen. Am Schluss wird mein Bild von Robert Havemann ein anderes sein. Ich erinnere mich noch an den Ton, mit dem meine Eltern von diesem Robert Havemann sprachen. Havemann war ein Opfer, Havemann war ein unerschütterlicher Warner und Mahner. „Was ist mit Havemann?“, hörte ich raunen. Havemann bewies, dass etwas nicht möglich war, was andere für möglich hielten. Was? Ich verstand es nicht, konnte es im Alter von acht Jahren nicht verstehen. Ich erinnere mich an den Buchrücken: Fragen – Antworten – Fragen. Der Buchtitel kam mir damals im Alter von 11 Jahren merkwürdig vor. Warum ein Buch schreiben, – so dachte ich – das mit Fragen endet?

Dieses hier – so scheint mir – lässt kaum Fragen offen. Ich werde es weiterlesen, denn es bietet eine vermutlich recht genaue Schlüssellochperspektive auf die letzten hundert Jahre deutscher Geschichte. Verengt wie eben jede Schlüssellochperspektive, wohl auch einseitig, böse, hilflos liebend mit nachgetragener-unerwiderter Liebe, ressentimentgeladen und enttäuscht, aber dafür spannend, unersetzlich und aufschlussreich in den Details. Was für ein Brocken, was für ein Trumm Buch!

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Ist das Geheimnis Homers endlich entschlüsselt?

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Dez 222007
 

assyrer.jpg Raoul Schrott bringt in der FAZ heute einen höchst lesenswerten Beitrag zu Homer. Seinem neuartigen Befund nach lebte der Dichter in Kilkien als griechischer Schreiber der assyrischen Machthaber. Vorbild für Troia war Karatepe, eine Hauptstadt Kilikiens. Schrotts Beobachtungen und Erklärungen sind faszinierend. Sie bestätigen, was ohnehin in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher herausgearbeitet worden ist: Die Blüte der griechischen Kultur im ersten Jahrtausend v.d.Z., die mit Homer einsetzte, nährte sich aus ganz unterschiedlichen Quellen, die jedoch fast ausschließlich in dem Gebiet liegen, das wir heute als Naher und Mittlerer Osten bezeichnen. Dazu gehört im weiteren Sinne auch Ägypten. Etwa ein Dutzend asiatischer Hochkulturen scheinen von den „Hellenen“ produktiv aufgenommen und umgeformt worden zu sein. Europa ist also ein Abkömmling Asiens. Ist diese Einsicht so brandneu? Nein, bereits der antike Mythos von Europa hatte sie. Löst Schrott das Rätsel Homers? Einige Rätsel löst er wohl, andere schafft er neu. Ist es denn so entscheidend, die Frage zu beantworten, quis erit, cui debuerit? Oder: Woher habt ihrs genommen, wie konnt es zu euch kommen?

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Dez 212007
 

21122007.jpg Architekten weisen immer wieder darauf hin, wie wichtig die Details für Qualität und Anmutung eines Bauvorhabens sind. Dann reden sie in lyrischen Tönen über Handläufe, Abstufungen, Durchwegungen und dergleichen Einzelheiten. Ein oft missachtetes Detail verdient alle Aufmerksamkeit: der Fahrradständer. Ein sehr gelungenes Beispiel fand ich heute in Kreuzberg vor dem Bürogebäude Tempelhofer Ufer 37 an der Schöneberger Brücke. Hier sind die griffartig geschwungenen, gut hüfthohen Edelstahlrohre als gestaltendes Element in einen mit Ziegel- und Natursteinen kleinteilig angelegten Eingangsbereich integriert worden. Eine optisch darauf abgestimmte Rampe ermöglicht Behinderten das mühelose Betreten des Gebäudes. Durch die in warmen Ocker-, Erd- und Rottönen gehaltenen Elemente entsteht eine einladende, zum Verweilen anregende Gesamtanmutung, die sich organisch an die Fassade anschließt. Die Fahrradständer sind nicht nachträglich „angeklebt“ worden, sondern markieren augenfällig das Sich-Beruhigen des noch in Bewegung befindlichen Besuchers, nicht unähnlich einer Art Wellenbrecher in der Brandung des Großstadtverkehrs. Da sie selbst die Kreisform eines im Boden verankerten Rades nachahmen, strahlen sie Verlässlichkeit, Bewegung und zugleich Ruhe aus. Funktional gesehen erfüllen sie ihren Zweck, den Diebstahl von Fahrrädern zu verhindern, auf vorbildliche Weise, doch verschmilzt die Funktion hier mit der Form zu einer überzeugenden Einheit. Form blends with function!

Ich selbst hatte übrigens keine Besorgung in diesem Gebäude, war aber versucht, mein Fahrrad dort abzustellen. Eine klug durchdachte Lösung eines häufig vernachlässigten Themas für die Aschenputtel des heutigen Stadtverkehrs, denen ihr großer Auftritt noch bevorsteht: die abgestellten Fahrräder.

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Das böse Tier oder: Wie Angst entsteht und wohin sie führen kann

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Dez 202007
 

boses-tier.jpg Mit Wanja entdecke und singe ich gerne Kinderlieder. Diesmal durchblättern wir das Buch: Die schönsten Kinderlieder, herausgegeben von Gisela Walter, Ravensburger Buchverlag. Mit Bildern von Marlis Scharff-Kniemeyer. Es ist derzeit mein liebstes Liederbuch. Viele alte Bekannte treffen wir, aber auch Neues, z.B. das Lied

Wir wolln einmal spazierengehn in einem schönen Garten.

Wenn nur das böse Tier nicht wär, wir wolln nicht lange warten …

Nach und nach baut sich von eins bis zwölf eine immer stärkere Spannung, eine angstvolle Erwartung auf. Gibt es das Tier? Wie sieht es aus, wer hat es gesehen? Unklarheiten, Vermutungen, Ungenauigkeiten werden aufgebläht. Beim Singen kommt in mir eine echte Angstlust auf.
Wenn es dann heißt:

Um elf, da klopft’s

um zwölf, da kommt’s!

dann ist die Angst da – breit und groß und schaurig-schön! So entsteht Angst, so wird sie gelöst, so wird sie durch gemeinsames Singen bewältigt. Wanja sagt zum ersten Mal überhaupt: Dieses Lied lerne ich auswendig, das möchte ich vorsingen! Am nächsten Morgen kann er es auch schon auswendig. Ein echtes Einlernen war nicht nötig. Allerdings fragt er weiterhin nach den Einzelheiten des bösen Tiers. Wie sieht das böse Tier aus? Warum ist es im Garten? Ich antworte stets mit einem einen raunenden … Vielleicht ist es …

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„Habt ihr denn schon eine Schule für Wanja?“

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Dez 192007
 

So fragen gleichlautend ein Leser aus Barcelona und eine Leserin aus Prenzlauer Berg. Ich darf antworten: Ja, wir haben Wanja ordnungsgemäß bei der für uns zuständigen Grundschule, nämlich der Fanny-Hensel-Schule, angemeldet. Gleichzeitig reichten wir dort einen Antrag auf die Einschulung in der Adolf-Glassbrenner-Schule ein. Wir hatten diese Schule am Tag der offenen Tür besichtigt (dieses Blog berichtete am 25.10.2007), Wanjas Bruder Tassilo hat sie ebenfalls besucht und ein gutes Zeugnis abgelegt, und sie liegt sehr viel näher an unserer Wohnung als die Fanny-Hensel-Schule, die eigentlich für ein Kind, das zu Fuß geht, schon zu weit weg liegt.

Dem jahrgangsübergreifenden Unterricht kann man jedoch hier an den Berliner Grundschulen nicht entgehen. Er erinnert mich an den jahrgangsübergreifenden Unterricht an den Dorfschulen, von dem die Urgroßväter erzählten (“ … und es ist doch noch was G’scheites aus uns ‚worden!“). Für Menschen, die aus einem stärker leistungsfördernden Schulwesen kommen, ist dies ein Schauspiel, bei dem man erst einmal die Luft anhält. Wird unser Wanja hier drei Jahre lang das Alphabet lernen bzw. es im Sinne besserer Sozialkompetenz anderen beibringen – das er jetzt schon ohne einen einzigen Tag Grundschule kann, und zwar in kyrillischen und in lateinischen Buchstaben?

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Kulturelle Differenzen wahrnehmen

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Dez 162007
 

Necla Kelek, die türkisch-deutsche Soziologin, zieht in ihrem Beitrag für die FAZ vom 15.12.2007 „Freiheit die meine“ eine nüchterne Bilanz dessen, was geleistet wurde, woran die Beteiligten sich abmühen, und welche Erwartungen unrealistisch sind. Zitate:

Es handelt sich bei der Auseinandersetzung mit dem muslimischen Wertekonsens nicht um Probleme, die man nur „erklären muss, um sie zu verstehen“. Lange haben die Integrationsbeauftragten und Islamkundler so gearbeitet, haben sie für Verständnis geworben, um den Muslimen ein „Ankommen“ in dieser Gesellschaft zu erleichtern. Wenn wir aber genau hinsehen, werden wir erkennen, dass wir es mit einem Wertekonflikt zu tun haben. Er berührt die Grundlagen unseres Zusammenlebens und wird Europa verändern, wenn wir uns nicht zu einer eigenen europäischen Identität bekennen.

Dieser Konflikt ist seit einiger Zeit Thema auf der deutschen Islamkonferenz, an der ich teilnehme. Seit fast einem Jahr diskutieren wir mit den Islamverbänden über eine gemeinsame Erklärung zum Wertekonsens. Der strittige Text lautet: „Grundlage ist neben unseren Wertvorstellungen und unserem kulturellen Selbstverständnis unsere freiheitliche und demokratische Ordnung, wie sie sich aus der deutschen und europäischen Geschichte entwickelt hat und im Grundgesetz ihre verfassungsrechtliche Ausprägung findet.“ Die Islamverbände des Koordinierungsrates der Muslime weigern sich bis heute, dieser Formulierung zuzustimmen.

Wohltuend finde ich die klare, schnörkellose Sprache der Autorin, ihre entschiedene Parteinahme für „unsere Gesellschaft“ und ihre Art, wie sie aus dem eigenen Erleben erzählt – etwa, welchen Riesenschritt es für sie bedeutete, im Alter von 18 Jahren erstmals eine Bratwurst zu bestellen. Zitat:

Wir sprechen von unterschiedlichen Dingen, auch wenn wir dieselben Begriffe verwenden. Freiheit, Anstand, Würde, Ehre, Schande, Respekt, Dialog – mit alldem verbinden westlich-europäische Gesellschaften bestimmte Vorstellungen, die von der islamisch-türkisch-arabischen Kultur ganz anders definiert werden. Es müsste so etwas wie ein Wörterbuch Islam-Deutsch, Deutsch-Islam erstellt werden, das diese Differenzen benennt.

Der Mut zur Bratwurst

Ich selbst musste mir meine Freiheit nehmen, sonst hätte ich sie nicht bekommen. Ich war achtzehn Jahre alt, also volljährig und im letzten Ausbildungsjahr zur technischen Zeichnerin, als ich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit allen Mut zusammennahm, um – was ich lange beschlossen hatte – eine Bratwurst zu essen.

Bratwürste aßen nur die gavur, die Ungläubigen, denn sie bestehen meist aus Schweinefleisch – und Schweinefleisch ist haram, verboten. Ich bestellte also die Wurst und erwartete, dass mit dem ersten Biss sich entweder die Erde auftat und mich verschlang oder ich vom Blitz erschlagen wurde. Die Wurst war nicht besonders lecker, aber das Entscheidende war, dass – nichts geschah.

Ich beschliesse, Keleks Buch „Die verlorenen Söhne“ zu lesen.

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Handverlesenes Publikum in der Tee-Lese

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Dez 162007
 

Je weniger Zuhörer ein Konzert besuchen, desto enger ist die Bindung zwischen Spielenden und Hörenden, desto stärker beeinflussen die Hörer durch ihre Art der Aufmerksamkeit das Spiel. So war es gestern abend: Alle Finger einer Hand hätten nicht ausgereicht, um all die Zuhörer zu zählen! So bot unser Publikum uns denn das denkbar beste, empfangend-gebende Hinhören. Wir weihten unser neues digitales Klavier durch diese Darbietung ein. Es war eine Freude! Fortan sind wir unabhängig und können an jedem bewohnten Ort der Erde ein Konzert mit Klavierbegleitung geben, vorausgesetzt, ein elektrischer Stromanschluss ist vorhanden.

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Angststarre – Angstflucht – Angstlösung: eine Erregung

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Dez 142007
 

 

200px-dionysos_mask_louvre_myr347.jpg Mit Marie-Luise und Karl-Heinz besprach ich nach dem Weihnachtsoratorium am Sonntag die Grundzüge des vereinbarten Vortrages über die Angst. Wir kamen überein, das Thema nicht zu trocken, nicht zu gelehrt, nicht zu abschreckend zu formulieren. Ira ist skeptisch! Termin: 18. Januar 2008. Vorläufige Ankündigung:

„Angst und Mitleiden“ – diese tiefen seelischen Erschütterungen sollen in der attischen Tragödie eine reinigende Wirkung entfalten. Was ist dran an dieser Sichtweise?

„In der Welt habt ihr Angst!“ Wie hat das Christentum unser Grundgefühl Angst überformt? Textbeispiele aus den Tragödien des Aischylos, den Schriften des Aristoteles, der hebräischen Bibel und dem Johannes-Evangelium werden ausgespannt als Hintergrund für die Frage: Wie gehen wir heute mit Angst und Ängsten um?

Begann meine Sammlung mit dem Eingangschor aus den Persern des Aischylos. In der Tat: schon in den ersten Strophen dieser ältesten uns überlieferten Tragödie wird ein Gemälde der Angst ausgebreitet (Vers 115-119):

115ταῦτά μοι μελαγχίτων
φρὴν ἀμύσσεται φόβῳ,
ὀᾶ, Περσικοῦ στρατεύματος
τοῦδε, μὴ πόλις πύθη
ται κένανδρον μέγ᾽ ἄστυ Σουσίδος,

„Mein Sinn wird durch Angst zerkratzt“ das Verb bezeichnet zerzausen, zerraufen, wie von Haaren etwa. Angst also als Widerfahrnis, erregt, durcheinander.

 Posted by at 21:42
Dez 132007
 

Gabriele Faber schaut bei uns vorbei. Wir besprechen Ablauf und Zeitplan des nächsten Konzerts am Samstag, 15. Dezember, 19.00 Uhr, im neueröffneten Teeladen in der Großbeerenstraße 56 in Kreuzberg. Wir freuen uns auf diese ungewöhnliche Mischung aus Texten, Liedern und Musik. Der Eintritt ist frei für alle.

Endgültiges Programm: Denksprüche und Poesien zwischen Ost und West. Gabriele Faber liest. Irina Potapenko singt. Kaorou Mizoguchi spielt Klavier. Johannes Hampel spielt Geige.

 Posted by at 18:22
Dez 132007
 

Wie die gedruckte FAZ heute berichtet, wurde der Journalist und Blogger Stefan Niggemeier von der Branchenzeitschrift Medium Magazin zum Journalisten des Jahres gewählt. Schön, ich gratuliere! Mir gefällt seine Hartnäckigkeit, die er in seinem Blog immer wieder unter Beweis stellt. Werde mir seinen Blog noch mal genauer anschauen. Was mir auffällt, ist, dass seine eigenen Einträge recht lang sind. So lange Beiträge traue ich mich noch nicht zu schreiben. Lest ihr so lange Einträge in den Blogs?

Die spätabends erscheinenden Moderatorinnen in den von ihm so angriffslustig bezichtigten TV-Gewinnspielen finde ich aber gar nicht so schlecht anzusehen. Bisweilen echt lecker! Leider werden ihre nackten Beine mitunter durch störende Einblendungen überdeckt, wie auch Ira vorgestern recht pampig anmerkte. Wir suchten übrigens rund um 23 Uhr einfach nur irgendwelche biederen Fernseh-Nachrichten zum Hausgebrauch, aber es gab nur genüsslich ausgewalzten Smalltalk über Tod, unheilbare Krankheit und Steuererhöhungen, daneben einige amerikanische Serien und eben – bestes gleisnerisches Call-in-TV. Mundus vult decipi – ergo decipiatur. Reiches Deutschland!

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Dez 112007
 

im-gesprach-mit-hermann-rudolph.JPG Am Montag besuche ich erstmals die Mitgliederversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa. Wir tagen an historischer Stätte in der Charité: In dieser Bibliothek hielt Robert Koch seinen bahnbrechenden Vortrag über die Tuberkulose-Bazillen, für den er später den Nobelpreis erhielt. Anschließend werden wir zum Konzert geladen. Im Robert-Koch-Hörsaal der Charité bieten Bariton Máté Sólyom-Nagy und Pianistin Zsusza Bálint einen bunten Strauß an Kompositionen von Zoltán Kodály und Franz Liszt. Ungarische Volksmusik in der Adaptation durch Kodály steht neben dem weh-zerrissenen Riesenfragment der Liszt’schen Dante-Sonate. Mein Favorit: Die drei Zigeuner des Nikolaus Lenau in der Vertonung durch Liszt. Eines der Gedichte, die mich schon jahrzehntelang begleiten. Endlich hören andere es auch einmal!

Drei Zigeuner fand ich einmal

Liegen an einer Weide,

Als mein Fuhrwerk mit müder Qual

Schlich durch die sandige Heide.

Über das ganze 19. Jahrhundert hin bildete das europäische Bürgertum einen Kult der Zigeuner heraus. Wer ist ein Zigeuner? Zigeuner, das sind in diesem Gedicht und anderswo die Gescheiterten, die Ausgeschlossenen, die Opfer der Transformationsprozesse einer sich bildenden bürgerlichen Gesellschaft. Es sind die Nicht-Bürger schlechthin, die Flüchtlinge, die Exilierten. Wir sprachen gestern in diesem Blog über die Definition des Bürgers. Wohlan, was ein Bürger ist, lässt sich herausarbeiten, wenn man den Nicht-Bürger anschaut. Baudelaire und Lenau besangen diese Nicht-Bürger, diese Zigeuner, Liszt, Brahms, Sarasate, Bizet und viele andere fingen sie musikalisch ein.

Sah letzten Samstag an der Kreuzbergstraße einen Rom aus Rumänien vor dem Supermarkt Lidl, wie er in den Händen die Fiedel für sich allein ein feuriges Liedel spielte. Direkt neben den Einkaufswagen-Einstellvorrichtungen, wo man die Euro-Münzen zurückbekommt. Wanja warf ihm Münzen in den Geigenkasten.

Der Rom vor dem Lidl

Ich sprach mit ihm, wir
lachten zusammen. Ich
kannte ihn schon von der
Kottbusser Brücke. Gebrochenes
Deutsch, Deckenriss in der Violine.

Begrenztes Repertoire. Auch er

willkommen in Europa.

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Rückkehr der Bürgerlichkeit – auch in Kreuzberg?

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Dez 102007
 

In der aktuellen Ausgabe Nr. 25/2007 von zitty Berlin lese ich einen bemerkenswerten Artikel über die Rückkehr der Bürgerinitiativen: „Alle wollen mitreden.“ Autor Felix Denk schreibt:

„Zwar verlieren Parteien und Gewerkschaften scharenweise Mitglieder und die Wahlbeteiligungen sind nicht nur auf kommunaler Ebene so niedrig wie selten zuvor. Gleichzeitig jedoch steigt die Bereitschaft der Bürger, sich freiwillig zu engagieren – das gilt, wie Umfragen zeigen, für ehrenamtliche Tätigkeiten genau so wie für Bürgerinitiativen. Die Bürgerlichkeit kehrt zurück. So versteht auch der Soziologe Frank Adloff die Umfragewerte. Besonders die Mittelschicht ist bereit, Verantwortung zu übernehmen.“

Was also ist ein Merkmal des Bürgers? Vielleicht genau dies: ein Gefühl dazuzugehören, die Bereitschaft, sich einzumischen, Verantwortung zu schultern. Ich glaube, wir brauchen noch mehr davon. In der Demokratie sind wir alle Bürger. Egal ob wir Nadelstreifenanzüge, abgewetzte Jeans oder Latzhose tragen. In Kreuzberg ist es allenthalben zu sehen, da scheint eine neue „Bürgerlichkeit“ entstanden zu sein. Man findet sie im ökologischen Supermarkt LPG am Mehringdamm, im selbstverwalteten Fahrradladen oder beim rauchfreien Vätertreff eher als bei den vermeintlich „bürgerlichen“ Parteien, die hier in Kreuzberg nur zweite Geige oder vielmehr tiefsten Stimmenanteil-Kontrabass spielen.

Frühere Zeiten haben den Bürger als den satten, selbstzufriedenen Spießer gesehen, der die Welt so lässt, wie sie ist. Es kömmt aber darauf an, sie zu gestalten. Ich meine: sie behutsam gestalten, menschenfreundlich, umweltfreundlich, Eine-Welt-freundlich, in kleinen Schritten. Was meint ihr? Seht ihr euch auch als Bürger?

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Dez 102007
 

gethsemanekirche.jpg Zwei Mal, am 8. und am 9. Dezember, spiele ich als Geiger bei Bachs Weihnachtsoratorium mit. Am Samstag in der Emmauskirche in Kreuzberg, am Sonntag in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. Die Gethsemanekirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Großes Glücksgefühl für alle, jeder und jede lässt sich tragen von den Wellen dieser unendlich reichen Musik. Dahinter steckt aber auch viel konzentrierte Arbeit, vor allem für den Chor studiosi cantandi mit dem Dirigenten Norbert Ochmann. Wir laden zwei Freunde zu uns ein, um noch ein Glas Wein zu trinken. Wie bei Musikern üblich, lassen wir auch die Einzelleistungen Revue passieren. Unser Freund sagt: „Die Einzelbewertung interessiert mich nicht besonders, ich schließe die Augen und – ich höre Bach!“

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