Jan 312008
 

Das Einladungsschreiben zur Gründungsversammlung ist fertig. Alle ADFC-Mitglieder sind eingeladen, ebenso aber auch Neugierige und Interessenten!

 

Einladung zur Gründungsversammlung einer ADFC-Stadtteilgruppe Friedrichshain-Kreuzberg

Liebe ADFC-Mitglieder,

wir, Boris, Johannes und Tom haben uns als begeisterte Radler in Kreuzberg getroffen und unseren gemeinsamen Wunsch, eine „ADFC-Stadtteilgruppe Friedrichshain-Kreuzberg“ zu gründen, bekräftigt. Wir wollen mit vereinten Kräften ein besseres Fahrradklima im Bezirk schaffen und auch vielleicht mal gemütlich zusammen eine Tour radeln.

Themen, die uns beschäftigen, sind zum Beispiel: Wunsch nach einer Querung durch das Gleisdreieckgelände, Verbessern der Radführung im Bereich Kottbusser Tor, Bergmannstraße als Fahrradstraße, mehr Abstellanlagen schaffen, Baustellen für Radler entschärfen. Uns ist es wichtig, vor Ort als Radler Präsenz zu zeigen und kompetente Ansprechpartnerin im Bezirk zu sein.

Ihr seht: Wir haben Ideen und Engagement. Dafür suchen wir Mitstreiter/innen!

Wir treffen uns regelmäßig jeden dritten Donnerstag im Monat um 19 Uhr im „Max und Moritz“ und laden Euch herzlich zur

Gründungsversammlung der ADFC-Stadtteilgruppe Friedrichshain-Kreuzberg

am 13.03.2008, 19 Uhr im „Max- und Moritz“, Oranienstr. 162 (zwischen Oranien- und Moritzplatz)

Vorschläge zur Tagesordnung: Kennenlernen, Bestimmung eines/er Versammlungsleiters/in, Wahl eines/er Ortsgruppensprechers/in, Mailingliste, Vorhaben.

Mit den besten Grüßen

Johannes

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Jan 292008
 

Leider lassen mir dienstliche Pflichten keine Zeit, die schulärztliche Pflichtuntersuchung meines Wanja zusammen mit meiner Frau zu besuchen. Aber sie berichtet mir am Abend davon. Die Reifeuntersuchung beginnt pünktlich um 8.30 Uhr morgens. Erste Frage der Schulärztin: „Na, hast du beute schon ferngesehen?“ Wanja enttäuscht sie, denn – er hat nicht!

Nein, Frau Doktor – so früh steht er nicht auf!

Alle anderen Aufgaben löst er mit Bravour und ohne Zögern, außer dem Hörtest. Da hat er Mühe, die Richtung zu benennen, aus der ein Geräusch kommt. Jetzt bekommt die Ärztin Oberwasser: „Das ist ja alles falsch, alles falsch!“

Erstaunlich bleibt für mich, dass die Amtsärztin annimmt, er habe schon vor 8 Uhr morgens ferngesehen. Weil er Migrationshintergrund hat? Welche Erfahrungen haben sie im Amt mit migrantischen Familien wie der unsrigen? Dass wir Tag und Nacht vor der Glotze hängen?

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Drei Mal ein klares Votum: Die Deutschen wählen das Lagerdenken ab

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Jan 282008
 

Einer der spannendsten Fernsehabende flimmerte gestern über die Mattscheibe: Erst gab es Berichte zu den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen, dann den zweiten Aufreger der Woche: „Das Wunder von Berlin“, den großartigen ZDF-Fernsehfilm über den Fall der Mauer. Ein wunderbares Zusammentreffen mit Botschaften, die sich wechselseitig verstärkten! Die rhetorisch matten Generalsekretäre redeten sich den Mund fusslig ob des Wählervotums, „bürgerliche Mehrheiten“, (vulgärsprachlich: Mehrheiten aus CDU und FDP) geisterten durch die Podien – der Wähler hatte sich offenbar nicht eindeutig ausgedrückt. Nicht eindeutig – ist das so?

„So gehst du mir nicht aus dem Haus“, herrschte der Stasi-Oberstleutnant Kaiser seinen Sohn Marco an, als dieser mit aufgegeltem Haar und in schwarzen Punk-Klamotten zu einem Konzert abzog. Der aufmüpfige Marco rebellierte gegen eine ihm verlogen erscheinende, spießige Ordnung. Die Ordnung schlug geballt zurück. Was war die DDR doch für ein ordentlichkeitsbesessener Staat! Solange man die äußeren Formen einhielt, solange man den Führungsanspruch von Staat und Partei nicht infrage stellte, konnte man meist recht geruhsam leben. Die bürgerliche Fassade hielt schlecht und recht bis 1989. Erpressbar wurde Marco durch seinen Wunsch nach privatem Glück und beruflichem Fortkommen. Und so wird er Zugführer der NVA.

Roland Koch ist bestraft worden. Er hatte mit der Jugendkriminalität auf ein Thema gesetzt, das zwar wichtig ist, in dem er sich aber nicht auskannte und bei dem er sachlich nichts zur Lösung beitragen konnte. Er hoffte auf den Angst-Effekt. Die Wähler sind ihm nicht gefolgt. Ich kann mich somit darauf verlassen, dass meine türkischen, arabischen und russischen Mitbürger und Familienmitglieder nicht unter einem bedrückenden Generalverdacht mit mir zusammenleben.

Ganz anders Christian Wulff: Er präsentierte sich als um Ausgleich bemühter, an Problemlösungen arbeitender Manager. Damit hatte er Erfolg. Die Deutschen geben ganz offenkundig – jetzt schon seit vielen Wahlgängen – genau diesem Politikertyp den Vorzug, unabhängig von der Parteizugehörigkeit. Die meisten führenden Politiker unseres Landes fallen mittlerweile unter diesen Leitgedanken: „Zusammenbringen statt spalten“.

Die DDR-Bürger im Film „Das Wunder von Berlin“ waren des dauernden auf sie niedertrommelnden Propagandabeschusses mit der Mär vom feindlichen kapitalistischen Lager, gegen das es sich mit aller Entschiedenheit zu wehren gelte, ebenso überdrüssig wie die Hessen des Kochschen Linksblock-stoppen!-Lagerdenkens.

Das Freund-Feind-Denken ist gestern erneut mit großem Nachdruck abgewählt worden, an den Wahlurnen ebenso wie in dem höchst sehenswerten ZDF-Film über das „Wunder von Berlin“.

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Jan 282008
 

„In der Demokratie sind wir alle Bürger. Egal ob wir Nadelstreifenanzüge, abgewetzte Jeans oder Latzhose tragen.“ Endlich sickert es auch außerhalb dieses Blogs durch, – etwas, was ich mit diesen Worten bereits am 10.12.2007 hier unter dem Stichwort „Neue Bürgerlichkeit“ formuliert hatte, wenngleich ich mich altersbedingt einer wesentlich gesitteteren Diktion befleißigte als Burkhard Hirsch. Lesen Sie selbst im Spiegel online von heute:

Auch der frühere Innenminister von Nordrhein-Westfalen und Altliberale Burkhard Hirsch kritisierte am Montag gegenüber SPIEGEL ONLINE die einseitige Ausrichtung der FDP auf die Union. „Ich habe es immer für einen schweren Fehler gehalten, dass die FDP sich vor den Wahlen in einer solchen Art festlegt. In einem Mehrparteiensystem müssten die Liberalen in der Lage zu sein, mit allen demokratischen Parteien zu koalieren“. Der FDP-Politiker kritisierte auch die Verwendung des Begriffes vom „bürgerliches Lager“ durch CDU und CSU. „Die Konservativen können nicht für sich beanspruchen, festzulegen, wer Bürger dieses Landes ist. Da stehen mir die Haare zu Berge, das ist vergorener Quatsch aus dem 19. Jahrhundert“, so Hirsch.

Hirsch hat recht – liest er dieses Blog? Allerdings verfolgte ich gestern recht aufmerksam die „Berliner Runde“ der Generalsekretäre, und ich muss sagen: Die CDU- und FDP-Vertreter und leider auch die Journalisten nahmen – nebst zahlreichen anderen hölzern-vorgestanzten Wendungen – immer wieder Worte in den Mund wie etwa: „Ich hoffe immer noch auf eine bürgerliche Regierung“…. „das bürgerliche Lager wird vielleicht doch die Regierung stellen“. Auch hier in Berlin hört man immer wieder aus der CDU flehentliche Sätze wie: „Wir bürgerlichen Parteien dürfen dem linken Block nicht die Herrschaft überlassen etc.pp.“ und was dergleichen Leerformeln mehr sind. Ich freue mich, dass ein erfahrener Politiker wie Burkhard Hirsch den Standpunkt vertritt, den ich bereits seit Monaten hier in Berlin offensiv gegen alle Widerstände verfechte. Weiter so, Burkhard Hirsch! In der Sache haben Sie recht, im Ton sag ich’s persönlich etwas sanfter – bin halt leider sehr bürgerlich.

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Jan 272008
 

Am Donnerstag traf ich mich mit einigen aktiven Mitgliedern vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC). Thema: Gründung einer Kreuzberger Stadtteilgruppe des ADFC. Obwohl wir uns vorher nicht kannten, fanden wir sofort einen guten Draht zueinander. So macht Basisarbeit Spaß! Natürlich konnte ich fachlich meinen neuen Mitstreitern – darunter einem studierten Verkehrswissenschaftler – in keiner Hinsicht das Wasser reichen. Aber es geht überhaupt nicht darum, „Punkte“ für sich zu holen, sondern jede und jeder stellt das über Jahre und Jahrzehnte hin angesammelte Wissen in den Dienst der gemeinsamen Interessen: Förderung des Fahrradverkehrs, Schaffung eines günstigen Klimas für unser klimafreundliches Verkehrsmittel! Für uns alle stellt das Fahrrad zwar zunächst einmal nur das unübertroffen praktische Verkehrsmittel der ersten Wahl im innerstädtischen Verkehr dar, aber darüber hinaus fand ich auch viel Widerhall bei meinem Bekenntnis, dass Fahrradfahren auch eine Art Lebenseinstellung, eine urbane Heiterkeit wiedergibt: im Einklang mit sich und den Mitmenschen, körperbewusst, sportlich, fair, gesundheitsbewusst, umweltschonend, keine Ruppigkeiten, kein PS-Prahlen, keine selbstauferlegte Isolation gegenüber den Mitmenschen wie in den rollenden Blechkisten, den Autos (die sicherlich auch ihre Berechtigung haben – gerade für Alte, Kranke und Gehbehinderte, dann auch im Wirtschaftsverkehr und bei Lasttransporten).

Ich habe einfach schon bei diesem ersten Mal so viel hinzugelernt, dass ich mir sicher bin: Wir werden zusammen viel Gutes bewirken – nicht nur für uns, sondern auch für unseren Bezirk, für das Wohlbefinden aller! Besonders wohltuend empfand ich, dass ich alle meine Fragen, die ich mitgebracht hatte, im lockeren Gespräch klären konnte:

Was ist ein „Kreuzberger Bügel“? -Antwort: Ein Standardmodell für Fahrradabstellvorrichtungen, wie es sich insbesondere in Kreuzberg bestens bewährt hat. Das von mir favorisierte Modelll vom Schöneberger Ufer (dieses Blog berichtete am 21.12.2007) erhielt nicht die Bestnote, weil für bestimmte kleinere Fahrradmodelle die benötigte zweite Strebe fehlt.

Was ist der ADFC – eine quasi-politische Vereinigung, die in Abstimmung mit einer bestimmten Partei ein umfassendes verkehrspolitisches Konzept verfolgt? Klare Antwort: Nein, der ADFC bildet vielmehr eine Lobby, also eine Interessenvertretung für alle jene Menschen, die beruflich oder privat das Fahrrad nutzen. Also eine Art ADAC für Radfahrer? Ja, kann man so sagen, scheint mir.

Wieviele Mitglieder hat der ADFC in Berlin? Über 10.000! Das ist beeindruckend – damit reicht er schon an den Mitgliederstand einer Partei heran.

Es wird zügig „wie auf zwei Rädern“ weitergehen – ich halte euch Blogger auf dem laufenden, Termin und Ort der Gründungsversammlung sind schon vorläufig abgestimmt, ich werde demnächst unser offizielles Einladungsschreiben auch hierher stellen, sobald es noch einmal im Wortlaut von den Teilnehmern der Vorbesprechung gebilligt und ADFC-intern geprüft und versandt worden ist!

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Als Schuldiger vor dem Kammergericht

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Jan 242008
 

fahrrad-juli-2006-014.jpg Eine lehrreiche Erfahrung machte ich gestern vor dem Kammergericht in der Elßholzstraße. Und das kam so: Neuerdings begleite ich meinen fünfjährigen Sohn fast jeden Tag mit dem Rad zur Kita am Kleistpark in der Elßholzstraße. Er fährt voller Stolz auf seinem, ich auf meinem Rad. Da Kinder laut StVo § 2 Abs. 5 bis zum vollendeten achten Lebensjahr den Bürgersteig benutzen müssen, fährt er nicht auf der Straße und auch nicht auf dem Radweg. Meist fuhr ich – bis gestern – auf dem Bürgersteig knapp hinter ihm drein, mit Argusaugen wachend. Oft schon sind wir so an Streife gehenden Polizisten vorbeigefahren, die nie etwas beanstandeten. Gestern kamen uns vor dem Kammergericht zwei Außendienstmitarbeiter des Ordnungsamtes entgegen – sie erwarteten mich und sprachen mich an: „Es tut uns leid, aber Sie müssen absteigen. Auch als begleitender Erwachsener dürfen Sie nicht den Bürgersteig befahren.“ Ich gab mich dankbar für die Rechtskunde, zumal mir die Rechtslage nicht eindeutig bekannt war. Ich war aber erstaunt und grummelte ein bisschen herum: „Wir passen schon auf, es ist nie etwas passiert. Ich bin schon an vielen Polizisten vorbeigefahren.“ Sie erwiderten: „Egal, was die Polizei sagt, die erzählen viel Unsinn, wenn der Tag lang ist. Was glauben Sie denn, wenn Sie einen Unfall verursachen – dann kommt niemand für den Schaden auf. Zwar drücken wir und auch die Polizei öfter mal ein Auge zu, aber erlaubt ist es trotzdem nicht, dass Erwachsene zusammen mit Kleinkindern auf dem Bürgersteig fahren. Es hilft nichts: Sie müssen auf der Fahrbahn fahren und versuchen, Ihr Kind im Auge zu behalten. Und denken Sie an die Migrantenkinder, die schauen weder nach links noch nach rechts.“

Tja, das sah ich ein, zumal die Mitarbeiter sich wirklich sehr höflich verhielten. Ob aber die Ordnungshüter gemerkt haben, dass auch mein Sohn laut amtlicher Definition ein Kind mit Migrationshintergund ist? Ich schob das Rad die letzten Meter bis zum Kindergarten. Ab heute habe ich die neue Ordnung tatsächlich so eingeführt: Sohnemann fährt auf dem Trottoir, ich auf der Straße oder auf dem Radweg nebenher. Wanja sieht es ein und fährt zunehmend geschickter und rücksichtsvoller. Übrigens: Wenn ich ihn frage: „Wie möchtest du am liebsten zur Kita, mit dem Auto, der U-Bahn oder dem Fahrrad?“, dann sagt er stets: „Mit dem Fahrrad – aber mit dem eigenen.“

Was ich mir von Fahrrad- und Autofahrern wünsche: Einhaltung der Verkehrsregeln. Die Autos fahren in Deutschland grundsätzlich schneller als erlaubt ist – ich erfahre dies regelmäßig, wenn ich selbst PKW fahre. Oft sehe ich in Berlin PKWs, die bei Rot noch über die Ampel fahren. Die Fahrradfahrer halten sich – das muss ich leider so hart sagen – in der Mehrzahl auch nicht an die Regeln: Rotlicht kennen die meisten überhaupt nicht, viele fahren in der Dunkelheit ohne Licht, viele Erwachsene befahren den Bürgersteig, auch wenn sie ohne Kinder unterwegs sind. Das alles finde ich nicht gut für unsere Sache.

Ich meine, wir Fahrradfahrer sollten uns von den Autofahrern nicht ständig zu solchen vielen kleinen Verstößen verleiten lassen, sondern beweisen, dass wir uns an die Regeln halten und deshalb auch in unseren Rechten geachtet werden möchten. Nur so werden wir uns neue Freunde gewinnen und letztlich auch den Anteil des Fahrradverkehrs in Berlin steigern können.

Bild: mein derzeitiges Fahrrad, mit dem ich sehr zufrieden bin

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Jan 222008
 

symposium-jugendgewalt-dsc_0040_400.jpg Nach all den Posen und Possen, die Wahlkampfzeiten mit sich bringen, waren meine Erwartungen eher niedrig, als ich gestern, am 21. Januar, das Symposium zur Jugendgewalt im Deutschen Bundestag besuchte. Eingeladen in den Fraktions-Sitzungssaal hatten die Abgeordneten Volker Kauder (Rottweil-Tuttlingen) und Hans-Peter Uhl (München). Und – Überraschung! – die ganze Veranstaltung war von der ersten bis zur letzten Minute lehrreich, wohltuend unaufgeregt, sachorientiert, von echtem Ringen um Lösungen geprägt. Das Verdienst daran war vor allem der Auswahl der eingeladenen Sachverständigen zuzuschreiben, die mit einer Fülle an Einsichten und Ansätzen aufwarten konnten. Es gab auch nicht den Anflug von billigem Populismus zu spüren. Besser kann man es nicht machen. Eine solche Anhörung verdient die Bestnote 1 in jedem Anti-Politikverdrossenheits-Training für hartgesottene Demokratieverächter!

Jens Weidner, Erziehungswissenschaftler und Kriminologe (Hamburg), breitete Fakten aus: Die Jugendkriminalität insgesamt steigt nicht, sehr wohl aber die Jugendgewaltkriminalität und die Rohheitsdelikte. Die Täter sind männlich, fühlen sich zwischen Rambo und Versager, und sie sind deshalb leicht kränkbar, unberechenbar. Ihnen fehlt die Fähigkeit, sich in das Leiden anderer einzufühlen. Die Gewalttaten werden maßgeblich vom 14. bis 24. Lebensjahr begangen, danach wächst sich diese Form der Kriminalität aus. Alle Gewalttäter seien, so Weidner, ohne Ausnahme ihrerseits Opfer einer katastrophalen Erziehung zum Bösen. Die Jugendgewalt in Deutschland sei stark international geprägt. Gewaltakte dienten als „Tankstelle für das eigene Selbstbewusstsein“. Weidner empfahl: „Einmassierung des Opferleids in die Seele der Täter“, Anti-Aggressivitäts -Training, zeitnahe Verurteilung, Warnschussarrest als Verstärkung der Ernsthaftigkeit einer Bewährungsstrafe (derzeit sind Arreststrafen als Ergänzung einer Bewährungsstrafe nicht zulässig). Die Erhöhung der Höchststrafe im Jugendgerichtsgesetz sei marginal, da sie sowieso nur für die seltenen Mordtaten verhängt werde. Wie soll man sich verhalten, wenn man zufällig Zeuge einer von mehreren begangenen Straftat wird? Wagemutig einschreiten, sich dazwischenwerfen oder weglaufen? Weidner empfahl nichts davon, vielmehr: „Halten Sie einen Sicherheitsabstand von 20 bis 100 Metern und rufen Sie: ‚Aufhören – ich habe gerade die Polizei gerufen!'“ Mehr lesen: tpjg_weidner_080121.pdf

Ergänzung einer aufmerksamen Leserin, die ebenfalls das Symposium besucht hat. Danke!

„Vielleicht sollten Sie in Ihrem Blog noch ergänzen, dass für Herr Weidner richtiges hilfeleistendes Verhalten in Gefahrensituationen auch darin besteht, dass man nach dem Ruf, man habe die Polizei geholt, ruhig weglaufen darf.“ (Zuschrift vom 23.01.2008)

Gilles Duhem, früher Quartiersmanager, jetzt Geschäftsführer des Vereins Morus 14 (Berlin), hat mich persönlich besonders beeindruckt, weil er am anschaulichsten von der Beziehung zu den Tätern sprechen und das ganze Thema durch O-Ton-Dialoge mit Fleisch und Blut erfüllen konnte: Wie er klare Grenzen setzt, wie er sich aber auch nicht unterbuttern lässt, wenn seine Klienten ihn selbst als „Du Opfer“ anmachen: „Ich bin kein Fußabstreifer!“ Jugendgewalt sei in allen westlichen Ländern eine Querschnittsaufgabe, die sich nicht in das polarisierte Raster der Parteipolitik zwängen lasse. Auf die Frage der Abgeordneten Kristina Köhler (Wiesbaden), ob er nicht einen zunehmenden deutschfeindlichen Rassismus feststelle, antwortete er: Die ethnischen Gruppen sind auch untereinander spinnefeind und bekämpfen sich „wie die Hunde“. Für ihn sei die ethnische Herkunft zweitrangig: „Das sind für mich alles deutsche Menschen, die hier geboren sind und hier aufwachsen, egal, welchen Pass sie haben.“ Dringend nötig sei ein untereinander vernetztes Vorgehen der verschiedenen Akteure in Sozialarbeit, Schule, Polizei und Justiz. Bisher werde viel Geld durch Einzelmaßnahmen, die dann klanglos im Sande verliefen, also durch die berüchtigte „Puderzuckermethode“ verschwendet. Mehr lesen: tpjg_duhem_080121.pdf

Der Jurist Roman Poseck, Abteilungsleiter im Hessischen Justizministerium, hieb in dieselbe Kerbe: Bei der Bekämpfung der Jugendkriminalität könne das Jugendstrafrecht nur ein Baustein in einem umfassenden Gesamtkonzept sein. Hauptziele bei einer wünschenswerten Überarbeitung des Jugendstrafrechts müssten sein: zeitliche Nähe zur Tat, Verfahrensbeschleunigung, breiteres Spektrum der Sanktionsmöglichkeiten mit großem Entscheidungsspielraum für den Jugendrichter, darunter auch „uncoole“, aber wirksame Maßnahmen wie etwa Handy- oder Fahrverbot. Auch im Stafrecht sollte das Erreichen der Volljährigkeit „grundsätzlich“ als maßgebliche Altersgrenze zugrundegelegt werden. Mehr lesen: tpjg_poseck_080121.pdf

Thomas Decken, Direktionsleiter der Kreispolizeibehörde Mettmann, konnte eindrucksvoll nachweisen, wie mithilfe eines klug durchdachten, alle Beteiligten einbeziehenden Konzepts die Raubdelikte im Polizeibezirk Hilden-Nord fast vollständig zurückgedrängt wurden. Zeitlich verkürzte Maßnahmen, so etwa die Diversionstage, bringen Polizei, Jugendgerichtshilfe, Staatsanwalt, Jugendliche und Eltern zusammen und hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck. Decken plädierte leidenschaftlich für mehr ehrenamtliches Engagement der Bürger. Mehr lesen: tpjg_decken_080121.pdf

Und da kann ich ihm nur zustimmen, denn oft wird die Lösung aller Probleme von „der Politik“ erwartet, dabei sind viele Probleme schlicht gesellschaftlicher Natur und müssen folglich in der Gesellschaft selbst behoben werden.

Kirsten Heisig, Richterin am Amtsgericht, berichtete eindrücklich aus ihrer Praxis am Jugendgericht. Sie bestätigte, dass Gewalt- und Rohheitsdelikte ständig zunähmen, wobei Täter mit Migrationshintergund überrepräsentiert seien. Ihre Vorschläge: Mehr Druck auf die Eltern, wenn diese Hilfe nicht annehmen, Durchsetzen der Schulpflicht, vermehrte Anwendung der vereinfachten Jugendverfahren nach § 76 JGG. Warnschussarrest ja oder nein? – Sie sei eher dafür, aber er sei in Jugendrichterkreisen höchst umstritten. Bei Kapitaldelikten wie Mord oder Totschlag sollte überlegt werden, ob der im Jugendstrafrecht geltende Erziehungsgedanke hinter dem der Schuldabgeltung zurücktreten müsse. Wie dringend Handlung geboten sei, ergebe sich schon aus der schlichten Tatsache, dass bereits jetzt jedes zweite Berliner Kind im Alter von 0 bis 2 Jahren einen Migrationshintergrund habe. Diese Kinder seien alle unsere Zukunft – wir hätten keine andere. Mehr lesen: tpjg_heisig_080121.pdf

Volker Kauder zitierte gegen Schluss aus einem Bericht des Stern (Nr. 3/2008): “ ‚Gewalt bestimmt ihr Leben, weil es ja sonst nicht viel gibt. Sie hören den Rap der Gangster von Aggro Berlin und fühlen sich auch so. In Wahrheit langweilen sie sich zu Tode.‚ Wäre es da nicht gut, die Rädelsführer aus dem Verkehr zu ziehen?“

An genau dieser Stelle meldete ich mich selbst am Saalmikrophon ungefähr so zu Wort: „Wir reden hier immer nur von Prävention und Repression. Diese Langeweile, diese absolute Inhaltsleere scheint aber eins der Hauptprobleme zu sein. Zieht man da einen Rädelsführer aus dem Verkehr, ändert dies nichts an der sinnleeren Langeweile. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass vieles auch wunderbar funktioniert. In der Kita am Kleistpark etwa, mit 80% Migrantenkindern, darunter mein migrantischer Sohn, singen und tanzen die Kinder zusammen. Sie spielen zusammen Theater. Musikschulen, Sportvereine, Kirchen und Moscheen gestalten Zeit, verleihen Struktur und Sinn, wenn Familien dies nicht schaffen. Lasst uns endlich die Musikschulen ausbauen – deren Wartelisten sind voll!“ Jugendrichterin Heisig erwiderte: „Ja, wir bekommen es natürlich nur mit der negativen Auslese zu tun.“

Fazit? Ich versuche, den gefühlten Konsens der Anhörung so zusammenzufassen:

Es gibt ein echtes Problem mit zunehmenden Gewalt- und Rohheitsdelikten bei jungen männlichen Straftätern, unter denen wiederum der internationale Anteil stark ist.

Gesetzgeberische Schnellschüsse durch bloße Strafrechtsverschärfung bringen nichts. Nötig und erfolgversprechend ist ein zwischen allen Akteuren abgestimmtes Konzept, das Prävention und Repression umfasst. Klare Grenzen und abgestufte Zwangsmittel sind unerlässlich.

Eins der effizientesten Mittel bei Straftätern scheint ein Anti-Aggressionstraining zu sein sowie die Erfahrung: „Ich werde gebraucht, ich gehöre dazu.“

Nicht härtere Strafen, sondern eine zeitnähere Verurteilung mit fühlbaren Konsequenzen sind geboten. Dafür sollten einige Änderungen im geltenden Jugendstrafrecht sorgfältig erwogen werden.

P.S.: Soeben lenkte ich mein Fahrrad am Fahrzeug eines stadtbekannten Berliner Müllunternehmens vorbei – der Geruch ist nicht der allerfeinste, aber der Spruch an der Seite des mächtigen Kippers, der für den gleichnamigen Sportverein wirbt, gefällt mir gut:

Dein Leben ist zu kurz für langweilig. Komm zu uns. Alba

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Jan 202008
 

marie_luise18012008.jpg Mit einigen Büchern und einem USB-Stick im Gepäck radelte ich zu Marie-Luise. Zum ersten Mal seit mehreren Jahren verspürte ich vor einem Vortrag oder Auftritt starkes Lampenfieber! Warum? Es war sicherlich ein titanisches Unterfangen, die Angst in einem Grenzgang zwischen Alt-Athen und Alt-Israel, zwischen Gegenwart und Antike, zwischen Psychologie, Literatur, Religion und Politik ausleuchten zu wollen. Aber es wurde ein sehr bewegender Abend für alle. Alle gingen mit starken Gefühlen schwanger – es war also keine theoretische Übung, sondern ein echtes Gastmahl für Kopf und Herz, zu dem jede und jeder etwas beitrug. Danke an euch alle, danke an Marie-Luise und Karl-Heinz!

Ein paar Folien, die man hier nachlesen kann, vermitteln einen ersten Eindruck von den Themen, dir wir erörterten: angst_eine-erregung.ppt

 Posted by at 20:11
Jan 162008
 

bode_germanangst.jpg Entrüstungsmaximalismus – ein schönes Wort, das ich Sabine Bodes klugem Buch „Die deutsche Krankheit – German Angst“ entnehme (S. 251-3). Damals, im April 2006, ging es um das Attentat auf einen Deutsch-Äthioper in Potsdam. Heute geht es erneut um Jugendkriminalität, insbesondere bei jungen Männern. Damals wie heute werden einzelne Fälle herausgegriffen und überlebensgroß als Schreckensgemälde ausgespannt. Das ganze Angstszenario floß dann in politische Beratungen ein. Zitat aus dem Buch (S. 253):

Das zähe, jahrelange Verhandeln über ein Zuwanderungsgesetz ist ein Lehrstück darüber, wie nicht ausgedrückte Ängste eine vernünftige Politik blockieren können. Meiner Ansicht nach lag bei den Verfechtern der multikulturellen Gesellschaft wie auch bei den Befürwortern des Ausländerstopps dieselbe Ratlosigkeit zugrunde. Wäre die große gemeinsame Beunruhigung erkannt worden, dann hätte man sich eingestehen können: Wir haben Angst, weil wir nicht wissen, wie wir mit Fremden umgehen sollen.

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Textauswahl für „Angst – Angststarre – Angstflucht – Angstlösung“

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Jan 152008
 

Für den Vortrag bei Marie-Luise am Freitag habe ich nunmehr die Textauswahl getroffen. Alle Zuhörer können sich vorab, so sie denn wollen und Zeit haben, mit diesen vorgeschlagenen Texten vertraut machen. Dies ist aber keine Bedingung – ich freu mich auf euch!

Aischylos: Perser insgesamt, jedoch besonders Einzugslied des Chores V. 1-155 vom Anfang und Monolog der Atossa, V. 598-622

Aristoteles: Rhetorik, 1382a-1383b; Poetik, 1449b-1450; 1453b11

Evangelium des Johannes: insgesamt, jedoch besonders 16,33

Biblia hebraica („Altes Testament“) in der griechischen Übersetzung der Septuaginta: Psalm 56 (Zählung der Septuaginta: 55, Zählung der evangelischen und katholischen Bibelausgaben: 56), Buch Genesis/Bereschit: Kapitel 3

Für alle Texte wird der griechische Text herangezogen, jedoch werden keine griechischen Sprachkenntnisse vorausgesetzt. Alles wird ins Deutsche übersetzt werden.

Gute deutschsprachige Literatur:

Sabine Bode: Die deutsche Krankheit – German Angst. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 2. Auflage 2007

Borwin Bandelow: Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2006

Wolfgang Schmidbauer: Lebensgefühl Angst. Jeder hat sie. Keiner will sie. Was wir gegen Angst tun können. Herder Verlag, Freiburg 2005

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Die Perser gehen baden im Deutschen Theater

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Jan 142008
 

Wir besuchten die vielgerühmte Inszenierung der Perser im Deutschen Theater. Die Schaupieler gaben sich redliche Mühe und sagten den wohleinstudierten, äußerst sperrig übersetzten Text mit großem handwerklichem Geschick ohne Stocken auf. Der Regisseur Gotscheff hatte sich offenbar viele Gedanken gemacht und überraschte mit manchem zirzensisch-hübschem Einfall.

Ich dachte an jene glorreichen Zeiten, als die Griechen nach einer Tragödienaufführung der „Zerstörung Milets“ ihr Holztheater kurz und klein geschlagen hatten vor überschäumenden Emotionen. Daraufhin baute man steinerne Theater. Gestern abend blieb alles heil. Es war alles halb so schlimm. Wir gingen nachhause, ruhig, wie uns beschieden ward, nicht ohne vorher geklatscht zu haben.

Ich erstand dann noch eine sehr gute Publikation: Erika Fischer-Lichte / Matthias Dreyer (Hg.): Antike Tragödie heute. Vorträge und Materialien zum Antiken-Projekt des Deutschen Theaters, Deutsches Theater Berlin 2007. Am Abend las ich darin noch zwei erhellende Aufsätze von Susanne Gödde und Anton Bierl.

 Posted by at 15:45
Jan 142008
 

clown-toti.jpg Am Wochende besuchten wir das hübsche neue Salontheater „Endstation Sehnsucht“ in der Kreuzberger Obentrautstraße gleich zwei Mal. Am Samstag lud unser Nachbar Laurenz Schlüter zur Premiere seines Kurzfilms ein. Was für ein Vergnügen! Wir sahen zahlreiche Bekannte, Nachbarn und Freunde als Darsteller in einem veritablen, ironisch-versonnenen Kurzfilm! Vorher und nachher: Geplauder, Händeschütteln, Wiedererkennungen en masse, genießerisches Suppelöffeln – vortrefflich!

Mit unserem syrischen Hofnachbarn konnte ich bei einer Flasche Bionade auch den arabischen Namen Haschem klären (dieses Blog diskutierte): Seiner Meinung nach kommt der männliche Vorname einfach vom uralten Stamm der Haschemiten und ist insofern nicht mit dem hebräischen ha-schem verwandt.

Am Sonntag sahen wir am selben Spielort das Stück „Die tollsten Abenteuer sind im Kopf“ mit Tara Stalter und Thomas Ulbricht. Wir wurden nach einem lustigen Vorgeplänkel, bei dem ein wahrhaft „auf-sässiger“ Liegestuhl dem Clown Toti böse Streiche spielte, in einen finsteren Zauberwald entführt, wo die böse Hexe Baba-Jaga den Menschen die Augen klaute! Recht schaurig, aber die Kinder im Raum wurden zu kühnen Kämpfern gegen die Angst, die uns Großen mit Singen, Lachen und Mitspielen halfen, die Bangnis zu vertreiben und die ungeliebte Baba-Jaga zu versöhnen. Unser Wanja beteiligte sich auch und brachte die Lieder, die wir seit Wochen singen, eigenständig in dieses bewegende Theatererlebnis ein! Der Zauber des Theaters wirkte auf mich ein – hier, unter den Kleinen, oft nicht genug Gewürdigten. Vielleicht deswegen, weil Clown Toti immer wieder uns Zuhörer einbezog, zum Mitmachen und Mitlachen anregte.

Stelle einen Menschen auf eine Bühne – und du kannst die Welt bewegen!

 Posted by at 09:49
Jan 132008
 

Im heutigen Tagesspiegel lese ich ein sehr bewegendes Gespräch mit Sabriye Tenberken. Es geht um ihre Angst, und wie sie sie überwunden hat. Auszüge:

„Als Sie neun Jahre alt waren, sind Sie durch eine Erkrankung langsam erblindet. Hatten Sie Angst?

Ich hatte Angst vor der Reaktion der Leute. Angst, allein zu sein, nicht mehr ernst genommen zu werden. Nicht vor dem Nichtsehen. Als ich sehen konnte, habe ich mir Blindheit als Dunkelheit vorgestellt, und als ich dann wusste, dass ich erblinde, habe ich auf die Dunkelheit gewartet. Aber es wurde nie dunkel.“

Ein großartiges Zeugnis der Überwindung der Angst, des mühsam errungenen Vertrauens – ich bin begeistert!

„Bekommen Sie Höhenangst?

Man kriegt nur Höhenangst, wenn man Zeit hat, sich auf die Höhe zu konzentrieren. Aber ich muss ständig auf meine Füße achten: Ist der Untergrund fest oder schlammig, Schnee, Eis oder Geröll? Und auf die Ohren: Jeder Blinde hatte ja einen sehenden Begleiter, bei mir war das Paul, und an seinem Rucksack hing ein Glöckchen, das mir die Richtung anzeigt.

Da müssen Sie dem Vordermann ja eine ganze Menge Vertrauen entgegenbringen.

Klar, wenn er einen Abgrund runterspringen würde, dann spränge ich hinterher im Glauben, es ginge nur eine Stufe hinunter. Aber er wäre ja blöd, das zu tun. Als Blinder muss man sowieso Vertrauen haben. Wir haben bei uns zum Beispiel eine sehr gefährliche Straße, da rasen die Autos mit 100 Sachen. Ich sage den Kindern: Keine Angst, die Leute helfen euch rüber.

Wie merken Sie, dass Sie jemandem vertrauen können?

Ich vertraue so ziemlich jedem. Das geht sogar so weit, dass ich beim Bezahlen das Portemonnaie offen hinhalte und sage: Such dir raus, was du brauchst. Die Leute sind so überrascht über dieses Vertrauen, dass sie es nicht missbrauchen. Wenn du dich als blinder Mensch mit Selbstverständlichkeit bewegen willst, führt Misstrauen zu nichts.“

Ich lese das Interview so: Der Gegensatz zu Angst ist nicht Mut oder Tollkühnheit, sondern Vertrauen. Dieses Vertrauen lässt sich nicht rational begründen, sondern nur beispielhaft am eigenen Leib erfahren, am besten durch das Vorbild eines anderen Menschen.

„Wenn Sie die Wahl hätten, sehen zu können oder blind zu sein, wofür würden Sie sich entscheiden?

Ich weiß nicht. Dadurch, dass ich etwas verloren habe, habe ich auch vieles gewonnen: Ich kann mich sehr lange stark konzentrieren. Und ich habe meine Angst verloren. Wenn man sehen kann, sieht man ein Problem, eine Sackgasse, und denkt: Da geht es nicht weiter. Ich habe diese Vorhersicht nicht, ich lasse mir Zeit und stelle mich ganz anders auf Leute und Probleme ein. Aus der Ferne scheinen Probleme manchmal unlösbar. Und wenn man davorsteht, dann begreift man erst: Hier ist eine Lücke, da kann ich durch.“

Wir müssen uns Sabriye Tenberken als einen glücklichen Menschen vorstellen.

 Posted by at 11:53

Windows on the World: Ein postmoderner Roman über die Angst zum Tode

 Sprachenvielfalt  Kommentare deaktiviert für Windows on the World: Ein postmoderner Roman über die Angst zum Tode
Jan 122008
 

Der Roman Windows on the World schildert die letzten 2 Stunden eines Vaters, der am 11. September 2001 zusammen mit seinen beiden Söhnen die Attentate auf die Zwillingstürme erlebt – ein fiebriger, überhitzter Abriss der letzten Gedanken eines weißen Amerikaners über die letzten Dinge. Ein einziger weitgespannter Essay-Roman über die Angst, Angst vor dem Nichtsein, Angst davor, umsonst gelebt zu haben, und davor, den Sinn (aber was ist das?) zu verfehlen. Mannigfaltig sind die offenen und versteckten Bezunahmen auf die Traditionen der alten Welt – insbesondere das Alte Testament, Buch Genesis, und die attische Tragödie. Zitat aus dem Kapitel 10 h 24: „Ce roman utilise la tragédie comme une béquille littéraire.“ Dieser Roman stützt sich auf die Tragödie als einen literarischen Krückstock.

Wie steht es mit der Todesangst? Ist sie die größte, umfassendste Angst? Ist sie das eigentlich Menschliche, das uns vom Tier abhebt? Der fiktive Erzähler-Autor scheint dieser Ansicht zuzuneigen, und der Roman, der ja nicht zwei Stunden, sondern nur 1 Stunde 59 Minuten dauert, führt den Leser zielstrebig auf den Zeitpunkt 10 Uhr 30 zu – exakt die Minute, in welcher der Erzähler mit seinen Söhnen stirbt. Die Leser sollen also selber eine Art Todeserfahrung erleben. Um 10 Uhr 16 heißt es:

J’ai peur de la mort. Je suis fier de ma lâcheté. Mon absence totale de courage physique m’oblige à vivre sous la permanente protection de la police et de la loi. Mon absence totale de courage physique est ce qui me distingue de l’animal.

Frédéric Beigbeder: Windows on the World. Roman. Bernard Grasset, Paris 2003

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Vorfreude auf Die Perser im Theater

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Jan 102008
 

Soeben habe ich zwei Karten für die Aufführung der Perser im Deutschen Theater Berlin bestellt. Am kommenden Sonntag, den 13. Januar, gehen wir hin. Ich bin schon gespannt, empfinde aber – noch – keinerlei Angst. Regisseur Dimiter Gotscheff beruft sich ausdrücklich auf die antike Katharsis-Deutung. Wird er uns wohlige Schauer des Entsetzens über den Rücken jagen? Am nächsten Sonntag wissen wir mehr! Wieso aber wohlige Schauer des Entsetzens?

Nun, Aristoteles bestimmt das Wirkungsziel der attischen Tragödie in seiner Poetik wie folgt:

Eine tragödienspezifische Lust, die im Erlebnis eines eigenartigen Gereinigtwerdens von zuvor in tieferschütternder Wucht empfundenen Affekten, an deren Spitze die besonders stark aufwühlenden Grund-Affekte ‚Mitleid‘ und ‚Furcht‘ (eleos kai phobos) stehen.

Hier frei zitiert (mit Auslassungen) nach folgender, nachdrücklich zu empfehlender Hinführung: Joachim Latacz, Einführung in die griechische Tragödie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993 [=UTB 1745], S. 65-66

So wiederum kündigt das Deutsche Theater Berlin selbst sein Unterfangen an:

DIE PERSER
480 v. Chr. verloren die Perser in der Schlacht bei Salamis gegen die von ihnen lange unterdrückten Griechen. Acht Jahre später schrieb ein Grieche aus der Sicht des besiegten Feindes die älteste überlieferte Tragödie der Weltliteratur. Die Perser: Ein Volk begreift, dass es ausgespielt hat. Ein »organisierter Nervenzusammenbruch«, so Durs Grünbein, ein einziger langer Schrei, übertragen in Worte. Aischylos lässt die Verantwortlichen für das Fiasko auftreten, vom Chor des Ältestenrates bis zu Xerxes, dem geschlagenen Feldherrn und König. Er wagt einen Blick auf gegenwärtige Geschichte, der Vergangenheit und Zukunft einbezieht. Die Sieger von heute sind bald wieder die Besiegten von morgen. Auch wenn die Toten verscharrt werden, sind sie präsent. In seiner Theaterarbeit ging es Dimiter Gotscheff stets um die klassisch griechische Tragödienwirkung einer umfassenden, auch körperlichen Reinigung.

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Angst vor etwas – warum eigentlich VOR?

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Jan 102008
 

Der aktuelle Spiegel (Nr. 2 vom 7.1.2008) bringt auf S. 143 unter dem Titel Willkommen, oh Schattenreich eine gute Besprechung der Tagebücher Peter Handkes. Handke schreibt demnach in seinem Tagebuch:

„A. hat Angst vor meiner Unbeherrschtheit, noch bevor ich die Beherrschung verliere (auch so ein kleiner Teufeskreis).“

Ein vortrefflicher Satz! Er spiegelt genau das wider, was die Angst oft so schrecklich macht: Die Erwartung eines Unheils, das man schon von irgendwoher zu kennen meint, das aber noch bevorsteht. Angst scheint stets in die Zukunft gerichtet zu sein. Vor etwa vollständig Vergangenem, einem Unheil, das endgültig abgeschlossen ist, empfindet man keine Angst, sondern Trauer, Wehmut oder ähnliches. Bereits in der Behandlung der Angst (phobos) bei Aristoteles, in der Rhetorik (1382b-1383a), wird das Wägend-Ungewisse, das in die Zukunft Vorgreifende der Angst sehr schön herausgearbeitet, und zwar so, dass auch wir modernen Menschen jeden Satz daraus verstehen und nachvollziehen können.

Tritt das Wovor der Angst dann endlich ein, dann erscheint die Angst sofort gemindert – oder sie verschwindet gänzlich. Dies haben viele Verbrechensopfer, aber auch Soldaten berichtet.

Wahrscheinlich heißt es deswegen: Angst vor etwas haben, nicht nach etwas.

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Jan 092008
 

csr900.gif Die britische Zeitschrift „The Economist“ widmet in ihrer aktuellen gedruckten Ausgabe (January 5th-11th 2008) mehr als 14 Seiten dem Thema Einwanderung. Das Fazit sei vorweggenommen: Die Volkswirtschaften der westlichen Länder brauchen sowohl quantitativ wie qualitativ noch weit stärkere Einwanderung, wenn sie ihren Wohlstand sichern wollen. Zu diesen Volkswirtschaften gehören ohne jede Einschränkung die Bundesrepublik Deutschland und die anderen EU-Staaten. Der Economist wirft den Politikern fast aller westlicher Länder eine grundsätzlich viel zu zögerliche Haltung bei der Öffnung der Grenzen und eine zu geringe Bemühung bei der Integration der Zuwanderer vor.

Es lohnt sich, diese Positionen des Magazins mit den Stellungnahmen der Spitzenverbände der deutschen Industrie, also etwa des BDI, zu vergleichen. Ergebnis: Weitgehend identisch mit den Empfehlungen des Economist! Die deutsche Wirtschaft hat sich stets für eine weitestgehende Öffnung der Grenzen, sowohl für Menschen als auch für Kapital, ausgeprochen. So fordert sie seit langem ein flexibleres Zuwanderungsrecht. So lehnt sie aber auch den jüngsten Beschluss des CDU-Parteitags zur Beschränkung ausländischer Investoren ausdrücklich ab. Es tut (mir mindestens) gut, derartige vernünftige Stimmen in aufgeregten Wahlkampfzeiten, wo viele wild durcheinander gestikulieren und aufeinander einschlagen, zur Kenntnis zu nehmen.

Lesen Sie nachstehend Auszüge aus dem Leitartikel des Economist im Original. Ich halte ihn nach Inhalt, Stil und sprachlicher Gestalt für vorbildlich.

Jan 3rd 2008
From The Economist print edition

Keep the borders open!

The backlash against immigrants in the rich world is a threat to prosperity everywhere

ITALIANS blame gypsies from Romania for a spate of crime. British politicians of all stripes promise to curb the rapid immigration of recent years. Voters in France, Switzerland and Denmark last year rewarded politicians who promised to keep out strangers. In America, too, huddled masses are less welcome as many presidential candidates promise to fence off Mexico. And around the rich world, immigration has been rising to the top of voters‘ lists of concerns—which, for those who believe that migration greatly benefits both recipient and donor countries, is a worry in itself.

As our special report this week argues, immigration takes many forms. […]

History has shown that immigration encourages prosperity. Tens of millions of Europeans who made it to the New World in the 19th and 20th centuries improved their lot, just as the near 40m foreign-born are doing in America today. […] Letting in migrants does vastly more good for the world’s poor than stuffing any number of notes into Oxfam tins.

The movement of people also helps the rich world. Prosperous countries with greying workforces rely ever more on young foreigners. Indeed, advanced economies compete vigorously for outsiders‘ skills. […] It is no coincidence that countries that welcome immigrants—such as Sweden, Ireland, America and Britain—have better economic records than those that shun them.

Face the fears

Given all these gains, why the backlash? Partly because politicians prefer to pander to xenophobic fears than to explain immigration’s benefits. But not all fear of foreigners is irrational. Voters have genuine concerns. Large numbers of incomers may be unsettling; economic gloom makes natives fear for their jobs; sharp disparities of income across borders threaten rich countries with floods of foreigners; outsiders who look and sound notably different from their hosts may find it hard to integrate. To keep borders open, such fears have to be acknowledged and dealt with, not swept under the carpet.

[…]
Politicians in rich countries should also be honest about, and quicker to raise spending to deal with, the strains that immigrants place on public services.

It is not all about money, however. As the London Tube bombers and Paris’s burning banlieues have shown, the social integration of new arrivals is also crucial. The advent of Islamist terrorism has sharpened old fears that incoming foreigners may fail to adopt the basic values of the host country. Tackling this threat will never be simple. But nor would blocking migration do much to stop the dedicated terrorist. Better to seek ways to isolate the extremist fringe, by making a greater effort to inculcate common values of citizenship where these are lacking, and through a flexible labour market to provide the disaffected with rewarding jobs.

Above all, perspective is needed. The vast population movements of the past four decades have not brought the social strife the scaremongers predicted. On the contrary, they have offered a better life for millions of migrants and enriched the receiving countries both culturally and materially. But to preserve these great benefits in the future, politicians need the courage not only to speak up against the populist tide in favour of the gains immigration can bring, but also to deal honestly with the problems it can sometimes cause.

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Aischylus – der erste von uns anmaßend-überheblichen Europäern?

 Europäischer Bürgerkrieg, Griechisches  Kommentare deaktiviert für Aischylus – der erste von uns anmaßend-überheblichen Europäern?
Jan 082008
 

Die folgende Behauptung des großartigen Historikers Norman Davies verblüffte mich heute kurz nach dem Frühstück:

In his Persae, Aeschylus creates a lasting sterotype whereby the civilized Persians are reduced to cringing, ostentatious, arrogant, cruel, effeminate, and lawless aliens. Henceforth, all outsiders stood to be denigrated as barbarous. No one could compare to the wise, courageous, judicious, and freedom-loving Greeks.

Davies benennt vor allem die attische Tragödie als Quell jener abendländischen Überheblichkeit gegenüber den Barbaren, die dann im Laufe der Jahrtausende zu so viel Unheil geführt habe. Ich frage: Ja, sind denn die Griechen in der Orestie des Aischylos etwa auch nur einen Deut besser? Sind sie nicht verschlagen, verblendet, angsterfüllt, hinterlistig, feige, grausam, verbrecherisch? Ich glaube, in seinem Verdikt über Aischylos irrt Davis, wie sonst eigentlich ganz selten. Sein meisterhaftes Buch über europäische Geschichte kann ich trotzdem nur mit allergrößtem Nachdruck empfehlen. Das Zitat findet sich auf S. 103.

Norman Davies: Europe. A History. 1365 Seiten, Pimlico, London 1997

Ebenso meisterhaft widerlegt im heutigen Tagesspiegel die Berliner Gräzistin Gyburg Radke die in diesem Blog bereits am 22.12.2007 angezeigten Thesen des Raoul Schrott zum „endlich gelüfteten Geheimnis“ Homers. Sowohl Davies‘ als auch Radkes Ausführungen treten mit einer zentralen These zum europäischen Geistesleben hervor: Aischylus habe seine Tragödien in schroffer Abgrenzung von der barbarischen Außenwelt geschaffen, so Davies. Demgegenüber kann Radke darauf verweisen, dass die hohe Kunst Homers gerade in der sorgfältigen Sichtung und Komposition ganz unterschiedlicher Traditionsstränge aus verschiedenen Kulturen bestanden habe. Zitat:

Schrotts Eingebung, die These der oral poetry sei falsch, weil das große Kunstwerk „Ilias“ nicht Produkt der mündlichen Überlieferung, sondern nur der Fleißarbeit eines Schriftgelehrten sein könne, verfehlt gerade das, was Homer zum größten aller Dichter macht. Nicht das Sammeln macht ihn besonders, sondern im Gegenteil seine strenge Auswahl. Dass er neu ordnet und eine neue, vollständige und individuelle Geschichte erzählt, darin liegt die Faszination Homers. Deshalb sprechen wir noch heute von ihm, nach 2800 Jahren.

So verlockend es ist, ein anschauliches Bild von seiner Lebenswirklichkeit zu gewinnen und mehr über den Kulturaustausch zwischen Griechen und dem Alten Orient zu erfahren, so bleibt dies doch lediglich der Rahmen für das, was uns Homer wirklich näherbringt. Die assyrischen Einflüsse auf die Entwicklung der griechischen Dichtung zu kennen, ist ein großer Erkenntnisfortschritt, den nicht Raoul Schrott, sondern die Forschung erbracht hat. Doch sollte uns Homer dadurch nicht exotisch und fremd werden, sondern vertrauter: als Höhepunkt der Dichtkunst, die Europa im Dialog mit anderen Kulturen hervorgebracht hat.

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Glückwunsch Ira!

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Jan 082008
 

2112_14067_nbh_potapenko_190.jpg Zufällig entdecke ich auf der Homepage des Nachbarschaftsheims Schöneberg einen Bericht über Ira, die in der Kita am Kleistpark verschiedene Theateraufführungen gemacht hat. Glückwunsch, Ira! Wir sind stolz auf Dich!

Zitate:

Die Opernsängerin Irina Potapenko, Mutter eines Kindes in der Kita Am Kleistpark, hat dort vieles angestoßen. Gemeinsam mit dem Team initiierte sie das Projekt „Der kleine Amadeus“. Mittlerweile gibt es eine feste Kooperation mit der Musikschule des Bezirks, eine Musikpädagogin arbeitet in der Kita. Die aus Moskau stammende Alt-Sängerin musiziert in ihrer Freizeit ebenfalls weiter mit den Kindern.

Frau Potapenko, gerade haben Sie mit Kitakindern Mozarts Zauberflöte aufgeführt. Wie geht das mit Vierjährigen?
Wir haben mit acht Kindern und sechs Puppen gespielt, alles hat gut geklappt. Wir werden das wiederholen. Die Kinder, die mitgemacht haben, waren begeistert. Alle anderen haben gebannt zugehört. Dass sie klassische Musik kennenlernen, ist so wichtig! Es sollte sogar eine Selbstverständlichkeit sein. Dafür engagiere ich mich.

Das hört sich energisch an. Reißen Sie immer viele Menschen mit?
Ich muss zugeben, als mein Sohn im Jahr 2005 in die Kita kam, habe ich mich sofort eingemischt. „Wo ist das Klavier?“, war meine erste Frage. Es gab keins. Dann wurde es angeschafft, das hat etwas in Gang gesetzt. Gemeinsam mit meinem Mann Johannes Hampel, der Geige spielt, habe ich Konzerte auf den Fluren der Kita gegeben. Das war im Mozartjahr 2006. Jetzt folgte als weiterer Höhepunkt die Zauberflöte.

Sie haben auch die Figuren gebastelt?
So fing es an. Die Königin der Nacht habe ich aus Pappmaschee gemacht, dann konnte ich nicht mehr aufhören. Als ich die Puppen hatte, habe ich die Oper auf 40 Minuten Länge gekürzt. Die Arie der Pamina singt eine befreundete Sopranistin, die Orchesterbegleitung kommt von der CD. Ein Kita-Vater ist Tonmeister, er hat alles zusammengeschnitten. Alle Kinder sind wieder voll dabei, sie singen, malen, dekorieren. Auch die, die zu Hause mit Kultur oder Musik womöglich gar nichts zu tun haben. Genauso die Kinder, die zum Beispiel sprachliche Probleme haben. Die Sprache der Musik versteht jeder.

Weil sie die Seele wirklich öffnet, so wie Mozart es meint?
Kinder lügen in diesem Alter nicht, ihre Reaktion ist direkt und ehrlich. Wenn die Botschaft dieser Musik nicht ankäme, würde man es ihnen sofort anmerken. Aber sie kam bisher noch jedes Mal an, also habe ich immer weitergemacht. So machen wir mit der Kita auf uns aufmerksam. Für Eltern und Erwachsene aus der Nachbarschaft werden wir die Zauberflöte noch einmal aufführen. Das Haus soll ein Familienzentrum werden. Das unterstütze ich sehr

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Jan 072008
 

Anhand der neuesten Forschungsliteratur überprüfe ich meinen aus dem Kopf verfassten Eintrag vom 30. Dezember, in dem das in Augsburg entdeckte hebräische Graffito יהוה dokumentiert und besprochen wurde. Ein vortreffliches, neu erschienenes Handbuch lege ich hierzu auf meinen Schreibtisch:

Jan Christian Gertz (Hg.): Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments. 2., durchgesehene Neuauflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007 [=UTB 2745]

Auf Seite 122 lese ich dort zum Problem des Augsburger Graffito:

Nicht unerheblich ist die Frage nach der Bedeutung des Namens: Nach Ex 3,14 in masoretischer Vokalisation liegt eine Ableitung von der hebräischen Wurzel HYY „sein, werden“ im Grundstamm vor, doch wird seit Julius Wellhausen die arabische Wurzel HWY „wehen“ als plausibler angenommen, u.a. weil sie dem theologischen Profil des Jhwh als eines urspünglichen Wettergottes (vgl. Ri 5,4f; Hab 3,3; Ps 68,8f.; Dtn 33,2) eher entspricht. Philologisch ist von der Basis HWY aus beides möglich. Daraus ergibt sich für den Namen Jhwh die Alternative einer Deutung als finite Verbalform des Langimperfekts 3. P. m. Sg. im Grundstamm „er wird/ist“ oder „er weht“. Bei JHW handelt es sich um die entsprechende Form im Kurzimperfekt bzw. Iussiv „er sei/werde“ oder „er wehe“. Nimmt man anstelle des Grundstammes einen Kausativstamm an, erweitern sich die Deutungsmöglichkeiten (Jhwh: „er lässt sein“ bzw. „schafft“ [s. W. F. Albright] oder „er lässt wehen“. Die Übersetzung der LXX von Ex 3,14 „Ich bin der Seiende“ ist der griechischen Ontologie verpflichtet.

Für einen derartig gedrängten, mit mannigfachen Belegen untermauerten semantischen Abriss des hebräischen Gottesnamens kann man gar nicht dankbar genug sein. Ich empfehle das genannte Werk allen jenen, die die Hebräische Bibel (oder, wie manche sagen: das Alte Testament) mit Handreichungen durch die moderne Wissenschaft neu entdecken wollen.

Was ich allerdings in dem Band bisher nicht gefunden habe, ist eine fundamentale kritische Auseinandersetzung mit dem sicherlich anfechtbaren Begriff „Altes Testament“. Der Buchtitel „Altes Testament“ ist der Sammlung antiker Schriften nachträglich angeheftet und höchst problematisch. Manche Juden meinen mit gutem Grund, schon durch den Namen „Altes Testament“ werde ihnen ihre Schrift, ihre Bibel gewissermaßen enteignet. Selbst die frühen Christen nannten die Sammlung ihrer verbindlichen Schriften (Tora, Ketubim, Nebiim), zu denen nach und nach frühe Bekenntnisschriften der Jesusgemeinden hinzutraten, bis weit ins zweite Jahrhundert hinein nicht Altes und Neues Testament. Das hier angezeigte Buch hält sich übrigens dankenswerterweise von der früher häufig vorherrschenden rein christologischen Lesart der Hebräischen Bibel weit entfernt.

Nebenbei: Der Eintrag vom 30. Dezember in diesem Blog bedarf keiner sachlichen Korrektur.

 Posted by at 13:37