Jan 072008
 

Anhand der neuesten Forschungsliteratur überprüfe ich meinen aus dem Kopf verfassten Eintrag vom 30. Dezember, in dem das in Augsburg entdeckte hebräische Graffito יהוה dokumentiert und besprochen wurde. Ein vortreffliches, neu erschienenes Handbuch lege ich hierzu auf meinen Schreibtisch:

Jan Christian Gertz (Hg.): Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments. 2., durchgesehene Neuauflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007 [=UTB 2745]

Auf Seite 122 lese ich dort zum Problem des Augsburger Graffito:

Nicht unerheblich ist die Frage nach der Bedeutung des Namens: Nach Ex 3,14 in masoretischer Vokalisation liegt eine Ableitung von der hebräischen Wurzel HYY „sein, werden“ im Grundstamm vor, doch wird seit Julius Wellhausen die arabische Wurzel HWY „wehen“ als plausibler angenommen, u.a. weil sie dem theologischen Profil des Jhwh als eines urspünglichen Wettergottes (vgl. Ri 5,4f; Hab 3,3; Ps 68,8f.; Dtn 33,2) eher entspricht. Philologisch ist von der Basis HWY aus beides möglich. Daraus ergibt sich für den Namen Jhwh die Alternative einer Deutung als finite Verbalform des Langimperfekts 3. P. m. Sg. im Grundstamm „er wird/ist“ oder „er weht“. Bei JHW handelt es sich um die entsprechende Form im Kurzimperfekt bzw. Iussiv „er sei/werde“ oder „er wehe“. Nimmt man anstelle des Grundstammes einen Kausativstamm an, erweitern sich die Deutungsmöglichkeiten (Jhwh: „er lässt sein“ bzw. „schafft“ [s. W. F. Albright] oder „er lässt wehen“. Die Übersetzung der LXX von Ex 3,14 „Ich bin der Seiende“ ist der griechischen Ontologie verpflichtet.

Für einen derartig gedrängten, mit mannigfachen Belegen untermauerten semantischen Abriss des hebräischen Gottesnamens kann man gar nicht dankbar genug sein. Ich empfehle das genannte Werk allen jenen, die die Hebräische Bibel (oder, wie manche sagen: das Alte Testament) mit Handreichungen durch die moderne Wissenschaft neu entdecken wollen.

Was ich allerdings in dem Band bisher nicht gefunden habe, ist eine fundamentale kritische Auseinandersetzung mit dem sicherlich anfechtbaren Begriff „Altes Testament“. Der Buchtitel „Altes Testament“ ist der Sammlung antiker Schriften nachträglich angeheftet und höchst problematisch. Manche Juden meinen mit gutem Grund, schon durch den Namen „Altes Testament“ werde ihnen ihre Schrift, ihre Bibel gewissermaßen enteignet. Selbst die frühen Christen nannten die Sammlung ihrer verbindlichen Schriften (Tora, Ketubim, Nebiim), zu denen nach und nach frühe Bekenntnisschriften der Jesusgemeinden hinzutraten, bis weit ins zweite Jahrhundert hinein nicht Altes und Neues Testament. Das hier angezeigte Buch hält sich übrigens dankenswerterweise von der früher häufig vorherrschenden rein christologischen Lesart der Hebräischen Bibel weit entfernt.

Nebenbei: Der Eintrag vom 30. Dezember in diesem Blog bedarf keiner sachlichen Korrektur.

 Posted by at 13:37

  3 Responses to “Der Name – ha-schem: was die Forschung sagt”

  1. Danke, Achmed! „Gastfreundschaft angedeihen lassen und Kamelstute melken“ – das gefällt mir. Ich verstehe Dich so: „haschama“ – es kommt drauf an, was man draus macht.

    Ob ich die Einstellungen beim Spam-Schutz ändern kann? Werde mal kucken. Bin heute leider aber zu sehr im Gedränge, muss gleich nach Hamburg aufbrechen. Bitte schreibe trotzdem weiter. Gruß, Johannes

  2. Achmed, noch eine Frage: Was bedeutet der geläufige arabische Vorname Haschem? Auf Hebräisch heißt es ja eigentlich nur: „der Name“. Danke, herzlicher Gruß, Johannes

  3. Das ist ja spannend! Ich kenne das eifersüchtige „Anwehen“ und „Anpfeifen“ gegen Baal aus vielen Stellen der Hebräischen Bibel. Aber: „Inzwischen ist deutlich, dass Jhwh und Baal sehr eng miteinander verwandt waren und als Wettergötter ähnliche Kompetenzen besaßen“ (Gertz, a.a.O. S. 131). Gerade deswegen sind sich wohl die Anhänger der beiden Gottheiten gern in die Haare geraten! Und diese Rivalität mag wohl auch die Rede vom „eifersüchtigen“ Gott Jhwh besser begreifbar machen. Die beiden Gottheiten Baal und Jhwh unterlagen offenbar seit dem 10.Jh. v.d.Z. einem Trend zur Uranisierung und Solarisierung – vieles spricht dafür, dass Jhwh in Samaria als Baal-schamem vorgestellt wurde (Belege bei Gertz, a.a.O. S. 131f.)

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