Mrz 312008
 

„Vermeide gespaltene Botschaften!“ war einer der kommunikativen Grundsätze, für die dieses Blog sich wiederholt ausgesprochen hat, z.B. am 27.11.2007. Um so erstaunlicher war es, heute in der BZ zu lesen:

Mit dem Slogan „be berlin“ wirbt der Senat seit zwei Wochen auf großen Citylight-Plakaten für die Hauptstadt. Gleich daneben trommelt die Berlin Tourismus Marketing (BTM) auf Riesenpostern: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“.

Zufall? Versehen? Oder eine gezielte Doppel-Kampagne?

„Wir treten nicht gegeneinander an“, sagt Senatssprecher Richard Meng und beteuert: In Zukunft wolle man beide Kampagnen besser koordinieren. Professionelle Werber schütteln den Kopf über die ungewollte Konkurrenz, wo es doch um die gleiche Sache geht: „Was die beiden Berlin-Kampagnen vermissen lassen, ist eine einheitliche grafische Gestaltung“, so Stefanie Windeck vom „Institut für gute Werbung“ (BVG, McDonalds, Löwenbräu).

Wenn zwei einander entgegenarbeitende Botschaften auf den Betrachter einströmen, dann besteht die Gefahr des „Gegen-Lärms“. Das Resultat kann – abgesehen von der Ressourcenverschwendung – null sein. So werden auf manchen Flughäfen „Gegenschall-Anlagen“ aufgestellt, die durch geschickte Frequenzwahl den Lärm der Flugzeuge neutralisieren können. Wenn die beiden Kampagnen einander also überlagern, so dass man nur noch verwundert den Kopf schüttelt, dann haben sie letztlich sogar doch noch etwas Positives bewirkt, nämlich, dass man die Nackenmuskeln bewegt.

Wie zum Beleg dessen erreicht mich heute auch die Amtliche Information zum Volksentscheid „Tempelhof bleibt Verkehrsflughafen“. Auch hier bietet sich für den unvorbereiteten Leser dasselbe gespaltene Bild: Beide Seiten können in etwa gleich gute Argumente für sich geltend machen. Die wahrscheinlichste Reaktion darauf wird so sein:

Wer seine Meinung schon gefasst hat, wird sich in ihr noch bestätigt sehen. Wer keine vorgefasste Meinung hat, wird so hin- und hergerissen sein, dass er keine Entscheidung trifft und lieber zuhause bleibt.

Zwei herrliche Fälle von Doppelbindung!

 

 

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Macht Spaß. Ist gesund. Ist gut für die Stadt.

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Mrz 302008
 

conferencebike30032008001.jpg

Wer dieses Blog liest, weiß, dass ich manchmal recht kritisch zur Außendarstellung von öffentlichen Einrichtungen Stellung nehme, insbesondere, wenn diese unser Steuergeld ausgeben. Aber es geht auch anders, etwa bei Verbänden und Vereinen, die aus Mitgliedsbeiträgen finanziert werden. Jüngstes Beispiel: Die Äußerungen der Berliner ADFC-Vorsitzenden Sarah Stark in der Berliner Zeitung:

„Wir treten für Alltags- und Freizeitradler ein, weil wir Rad fahren gut finden. Es macht Spaß, ist gesund und gut für die Stadt.“ So einfach ist das.

Warum ich das gut finde? Die Aussage ist knapp, kommt zum Punkt, schreitet in einem jener berühmten „Dreisätze“ vom eher hedonistischen Genuss des einzelnen zum Wohl der Allgemeinheit. Die Sätze sind in Wir-Form, auch gut. Dagegen kann man nichts sagen. Serve, Volley, Punkt! Kein Untergangsraunen von der Klimakatastrophe, keine Kampfrhetorik gegen die böse Autolobby. So funktioniert Werbung für die eigene Sache.

Der berühmteste solcher Dreisätze ist übrigens jenes bekannte Dictum, jene unschlagbare Eigenwerbung Veni vidi vici des Heerführers Caesar. Dass es in der politischen Rhetorik und in der Werbung auf knappe, rasch zum Ziele führende Aussagen ankommt, die vorzugsweise als Dreiergruppe erscheinen sollen, ist heute allgemein anerkannt. Selbst die äußerst umstrittene, auch in diesem Blog am 11.03.2008 kritisierte Kampagne des Berliner Senats „be berlin“ setzt ganz auf diese Dreigliedrigkeit, etwa in Mustern wie: „Sei risikobereit, sei aktiv, sei Berlin“. Insoweit ist gegen sie kaum etwas einzuwenden. Allerdings reitet Bibberlin dieses Prinzip der Dreigliedrigkeit doch etwa allzu ausgiebig. Da spürt man dann schon die Absicht, Zweifel an der Ehrlichkeit kommen auf. Der große Caesar hingegen gebot über eine ganze Fülle an anderen Tropen und Figuren. Aber er konnte eben auch schlicht.

Wie zur Bekräftigung des eben Gesagten trafen wir heute am Potsdamer Platz auf ein radelndes … nicht Weltwunder, aber doch Stadtwunder: ein Fahrrad, das eher einer wandelnden Plattform glich, angetrieben von 7 Personen, die fleißig in die Pedale traten. Einer der Pedaleure ragte hervor, er saß am Lenker und erklärte gerade: „… der Tunnel wurde gebaut, damit weniger Autos durch die Innenstadt fahren.“ Aha, dies war also offenbar eine Stadtführung auf einem eher ungewöhnlichen Gefährt. Ich glaube, es heißt Conference-Bike, also „Zusammentrage-Fahrrad“. Das ganze funktioniert offenbar mithilfe eines komplizierten Kardan-Gelenks. Ich möchte das nicht reparieren müssen, aber es ist nett anzusehen!

Macht Spaß. Ist gesund. Ist gut für die Stadt.

So einfach ist das.

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„Ich habe ein Holzbein. Aus diesem Grund hasse ich die Frauen.“

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Mrz 292008
 

Io ho una gamba di legno (beh, non proprio di legno: è una gamba americana che nessuno sospetterebbe e zoppico appena, ma fa lo stesso). Ragion per cui odio le donne. 

Übersetzt: Ich habe ein Holzbein (obwohl: eigentlich nicht aus Holz. Es ist ein amerikanisches Bein, das niemand vermuten würde, und ich humple auch nur ganz wenig, das kommt aber auf dasselbe hinaus). Deshalb hasse ich die Frauen.

Tommaso Landolfi, In società, Adelphi edizioni, Milano 2006, p. 70-102, hier: p. 70

Dies ist der Anfang einer Erzählung Tommaso Landolfis, die ich wirklich sehr spannend finde, nämlich: „L’eterna provincia“.
Beeindruckt hat mich darin die ebenso seltene wie aufschlussreiche Ehrlichkeit, mit der ein Mann seine eigene Unzulänglichkeit, das Gefühl einer beständigen, unmerklichen Demütigung als Grund für seinen Hass, für eine serielle Rache an verschiedenen, letztlich austauschbaren Frauen beschreibt. Das finde ich als Mann grandios, dass ein italienischer Mit-Mann so etwas hinkriegt. Mich würde ja das Urteil einer Frau hierzu interessieren!

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Hassübung

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Mrz 282008
 

„Wie machst du das?“, fragte heute vormittag ein Vereinskamerad beim Pilates-Training im Fitnessstudio die Trainerin Julia, als diese ihren wohlgeformten Oberkörper wie in einem Scharnier bewegt auf den gestreckten Knien ablegte. „Das ist meine absolute Hassübung. Ich schaffe das einfach nicht.“ Ich schalte mich ein: „Mein Tipp: Werde als Frau geboren … die sind einfach gelenkiger!“ Julia stimmt zu, verweist auf ihr tägliches, jahrelanges Training als Turnerin und Tänzerin. Mir gehen noch ein paar Gedanken im Kopf herum, über die ich nachher auch mit dem Klagenden spreche. Warum „Hass-Übung“? Warum hassen wir das, was wir nicht schaffen, was sich uns entzieht? „Warum soll ich mein Spielzeug aufräumen – ich HASSE das!“ So reden schon die Kinder in der Kita heute. Das habe ich selbst öfters gehört. Sehr oft, sehr schnell sind gerade junge Menschen heute mit diesem Wort Hass zur Stelle. Ein weiteres Beispiel – diesmal von einem anderen Kaliber! Ich entnehme es der Tagesspiegel-Rezension des aktuellen Dokumentarfilms „Deutschstunde“, der den Deutschunterricht in einem Kreuzberger Gymnasium beschreibt:

Aber das Sprachproblem allein ist es ja nicht. Fatima etwa spricht ausgezeichnet Deutsch und hat inzwischen ihr Abitur in der Tasche. Sie ist eine Hauptprotagonistin im Film. Sie lebt für ihren Glauben und besucht Hamas-Solidaritätskundgebungen. An ihrer radikalen Einstellung lässt Fatima zumindest keinen Zweifel. „Ich habe einen Hass entwickelt“, sagt sie in dem Film und meint damit vor allem den Hass auf die USA.

Wie kann man mit solchen Arten des Hasses umgehen? Im leichter zu lösenden Falle der Pilates-Hass-Übung erreichten wir heute in der Nachbesprechung der Trainingsstunde folgende Antwort: „Betrachte doch deinen Körper mit seinen Schwächen nicht als deinen Feind, den es zu besiegen oder zu hassen gilt. Hass ist keine Antwort. Fordere nicht alles auf einmal, nimm dir weniger vor, gehe an die Grenzen deiner Beweglichkeit, aber quäle dich nicht.“

Ich würde ergänzen: Hass ist zwar manchmal eine verständliche Reaktion, aber keine weiterführende Antwort. Er dient niemandem. Hass darf zwischen Personen – aber auch in der Person selbst – nicht das letzte Wort sein. Beim politisch oder ideologisch motivierten Hass wird die Bewältigung schwieriger. Wahrscheinlich um so schwieriger, je weiter entfernt oder unbekannter der Gegenstand des Hasses ist. Da es dann keine Möglichkeiten der direkten Erfahrung mit dem Gehassten gibt, fehlt die Korrekturmöglichkeit.

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In Berlin mobil – mehrheitlich ohne Auto

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Mrz 272008
 

Gute Nachrichten vom Berliner Verkehr bringt der Berliner gedruckte Tagesspiegel von heute auf S. 9: Die Studie „Mobilität in der Stadt – Berliner Verkehr in Zahlen“ belegt: „Immer mehr Berliner steigen aufs Rad.“ Pro 1000 Einwohner gibt es in Berlin etwa 320 PKW, in Innenstadtbezirken oft nur etwa 200. Damit hebt sich Berlin deutlich von anderen deutschen Großstädten ab. Auf der nächsten Seite (S.10) finde ich die Anzeige der Kampagne des Bundesverkehrsministers: „Runter vom Gas. Jährlich sterben in Deutschland rund 5000 Menschen bei Verkehrsunfällen.“ Diese Anzeigenkampagne, die in Gestalt von Todesanzeigen daherkommt, erregt den Unwillen mancher Umwelt- und Verkehrsinitiativen, etwa von „Pro Tempolimit„.

Die Kritiker haben in einem Recht: Es kommt nie gut an, wenn sich eine Instanz – hier also das Bundesverkehrsministerium – mit zwei einander widersprechenden Botschaften zugleich präsentiert: Einerseits wirbt das Ministerium für eine Verringerung der Geschwindigkeit, andererseits wehrt sich Verkehrsminister Tiefensee gegen die Einführung eines Tempolimits auf den Autobahnen, obwohl dort etwa 200 Menschen pro Jahr aufgrund überhöhter Geschwindigkeit auf Strecken ohne Geschwindigkeitsbeschränkung sterben und obwohl die Einführung eines 120-km-Limits Jahr für Jahr etwa 3,7 Mio. Tonnen Kohlendioxid einsparen hülfe. Wahrlich keine Kleinigkeit! Die Zeiten vom Mai 1995, als sich die damalige Umweltministerin Merkel mit Tränen in den Augen für die Einführung eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen einsetzte, sind offenbar vergessen. Man kann wahrscheinlich bei den Wählern noch keine Mehrheiten für die Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen gewinnen, obzwar die allerneuesten Umfragen bereits anderes besagen.

Ich wäre schon froh, wenn innerorts die bestehenden Tempolimits von der Mehrheit der Autofahrer eingehalten würden. Dies ist derzeit nicht der Fall. Soweit ich weiß, gilt grundsätzlich Tempo 50 als Obergrenze, gebietsweise auch Tempo 30. Derartige „Freiheitsbeschränkungen“ scheinen ebenfalls in Vergessenheit geraten zu sein.

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Ost-West-Deutungsmuster in der Weltgeschichte durchschauen – Wiederholungen vermeiden

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Mrz 252008
 

Erneut stoße ich auf einige Aussagen zum Gegensatz zwischen dem alten Perserreich und dem „Rest der Welt“, aus europäischer Sicht also den griechischen Stadtstaaten. Gebräuchlich seit etwa 2.500 Jahren und bis in die neueste Zeit hinein weiterverwendet ist die Entgegensetzung: dort „orientalisches Großreich mit despotischer Willkürherrschaft“, hier „europäisch-westliches freies Gemeinwesen mit starker Bürgerbeteiligung“. Perikles, Aischylos, Herodot, das Buch Ester der Bibel – sie gehören zu den frühen Belegen für diese schroffe Behauptung eines unversöhnlichen West-Ost-Gegensatzes; die neueren Begründungen für Aktionen gegen die jeweiligen Machthaber im Mittleren Osten reihen sich nahtlos in diese Deutungskette ein. Dies gilt übrigens auch für die Protestaktionen gegen das „blutige Schah-Regime“, deren amtliche Niederprügelung ja am 2. Juni 1967 einer der Auslöser der Studentenbewegung wurden, aber es gilt auch für die jüngsten militärischen Unternehmungen gegen die Nachfolgerstaaten des antiken Persien, also insbesondere die heutigen Staaten Iran, Irak und Afghanistan. Aber auch gegenüber der heutigen Türkei werden immer wieder ähnliche Vorbehalte geäußert, die letztlich in einer Linie mit der Ablehnung der orientalischen Staatsformen überhaupt liegen. Der britische Historiker Anthony Pagden hat in seinem neuen Buch „Worlds at War: The 2,500-Year Struggle Between East and West“ ganz offenbar noch einmal dieses Deutungsmuster als Konstante der europäisch-asiatischen Geschichte aufgearbeitet und im wesentlichen als zutreffend verteidigt, jedenfalls laut Rezension im Economist, (March 22nd-28 2008, p.87-88):

„It is hardly a coincidence, he [i.e., Pagden] suggests, that ancient Athens found itself doing battle with the Persian tyranny of Xerxes, while the modern Western world faces a stand-off with the mullahs‘ Iran. In his view of history, these are simply related chapters in a single narrative: the contest between liberal and enlightened societies whose locus is Europe (or at least European culture) and different forms of Oriental theocracy and authoritarianism.

Even where the enlightened West did bad things, these were aberrations from a broadly virtuous trajectory; where the tyrannical east (from Darius to Osama bin Laden) committed sins, they were no better than anybody could expect—that is what Mr Pagden implies. He broadly accepts the argument of the al-Qaeda propagandists that today’s global jihad is a continuation of the civilisational stand-off which began in the early Middle Ages and which is doomed to rage on.“

Helfen solche Vereinfachungen, die immer noch das politische Handeln und das Selbstbild des Westens leiten, weiter? Eine Schwierigkeit liegt darin begründet, dass unser Geschichtsbild der orientalischen Großreiche fast ausnahmslos aus der Außensicht „vom Westen her“ gespeist ist. Wir besitzen schlechterdings keine ausgearbeitete Geschichtsschreibung aus dem Inneren des Perserreiches, ebensowenig wie aus dem alten Ägypten. Was nun das antike Persien angeht, das sich ja im 6. Jahrhundert v.d.Z. von der Donau bis an den Indus erstreckte, also das erste, von den Zeitgenossen viel bestaunte Weltreich überhaupt darstellte, so tut man ihm offensichtlich unrecht, wenn man es einzig und allein als despotische, ungeregelte Willkürherrschaft bezeichnet. Im Gegenteil: Unter Dareios (550-486 v.Chr.) wurde eine effiziente Verwaltung aufgebaut. Der Altertumswissenschaftler Philipp Meier schreibt:

„Galt Kyros als der Begründer, so war Dareios der Ordner des Reiches. Er hat das Riesenreich bis auf den letzten Weiler hin durchorganisiert. Das Ergebnis war eine Verwaltung, die selbst nach heutigen Maßstäben als vorbildlich gelten darf. Dareios war der fähigste Organisator der alten Welt. Von diesem Erbe zehrt der Iran noch heute.“

Weit schwerer als der Vorwurf mangelnder Organisation wiegt jedoch der ständige Vorwurf mangelnder Freiheit, den wir im Westen landauf landab hören und wiederholen. Die östlichen Großreiche – ob nun das antike Perserreich oder das spätere Osmanische Reich – werden aus dem Westen meist stereotyp als Bastionen der Unfreiheit, der gesetzlosen Willkür gesehen, in denen der Einzelne und die einzelne Volksgruppe nichts, der Wille des Mannes an der Spitze alles gelte. Doch auch hier sind erhebliche Korrekturen angebracht! Ich zitiere noch einmal Philipp Meier, der die bis heute allseits umjubelten Siege der Griechen über die Perser bei Salamis und Plataiai in den Jahren 480-479 v. Chr. wie folgt kommentiert:

„Ob das allerdings für die Griechen ein Glück war, mag bezweifelt werden. Denn während die Perser eine relativ liberale Herrschaft über ihre Provinzen ausübten, versuchte Athen, die übrigen hellenischen Territorien in beträchtlich radikalere Abhängigkeit zu zwingen, die binnen 100 Jahren zum totalen Bedeutungsverlust der Stadt führten. ‚Es steht fest, dass die Staatsgewalt der griechischen Stadtstaaten über ihre Bürger in gewisser Hinsicht die des [persischen] Großkönigs über seine Untertanen überstieg. So hatten beispielsweise die den persischen Monarchen unterworfenen ionischen Städte keine andere Verpflichtung, als einen mäßigen Tribut zu zahlen, der ihnen überdies häufig erlassen wurde, während sie sich im übrigen selbst regierten.‘ (Jouveuel, S. 172) Athen dagegen versuchte, die angestrebte, aber nie verwirklichte hellenische Einheit durch eine Tyrannis durchzusetzen, die die Wehrfähigkeit der Städte derart herabsetzte, dass sie Alexander von Makedonien mit nur wenig Gegenwehr in die Hände fielen.“

(zitiert aus: Philipp Meier: Das Perserreich. In: Aischylos. Die Perser. In neuer Übersetzung mit begleitenden Essays. Regensburg: Selbstverlag des Studententheaters 2005, S. 73-86, hier S. 78 und S. 86)

Was lernen wir daraus? Ich meine dreierlei: Zunächst, die festgeprägten Urteile des Westens über den angeblich so barbarischen, unfreien Osten haben sich seit 2500 Jahren als außerordentlich hartnäckig erwiesen. Sie entbehren zweitens jedoch oft einer sachlichen Begründung und lassen sich dann durch historische Forschung widerlegen oder zumindest einschränken. Als handlungsleitende Impulse für die Beziehungen zwischen den heute bestehenden Staaten sind sie schließlich nur mit äußerster Vorsicht zu gebrauchen. Sie führen wie schon in der Vergangenheit so auch heute oft in die Irre. Das zeigt sich in dem weitgehend konzeptionslos anmutenden politischen Handeln der westlichen Staaten in den heutigen Staaten des Mittleren Ostens.

 

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Mrz 212008
 

helmi_21032008.jpg An diesem regnerischen Karfreitag des Jahres 2008, dem 14. Adar des Judentums, also dem Purim-Fest, beschließen wir nach reiflichem Erwägen, das Puppentheater im Jüdischen Museum zu besuchen. Wir verlieren uns zunächst unrettbar im verwinkelten Gegänge des Libeskind-Baus in der Lindenstraße, doch nach zahlreichen Rückfragen erreichen wir die Kinderinsel. Dort warten schon die drei Spieler des Theaters Helmi mit ihren drolligen, aus Schaumstoff geschaffenen Puppen auf die Kinder. Gegeben wird Purim, eine theatralische Umsetzung der Ester-Geschichte, die ja sowohl in der hebräischen wie in der christlichen Bibel zu finden ist. Worum geht es? Am persischen Hofe zu Susa herrscht ein recht kläglicher, allen Einflüsterungen seines korrupten Höflings Haman ausgelieferter König namens Ahaschverosch. Aus gekränkter Eitelkeit heckt Haman einen Vernichtungsplan gegen das gesamte jüdische Volk aus, doch die mutige und schöne Jüdin Ester erringt das Vertrauen des Königs und vereitelt diesen Anschlag.

Wie bei diesem jüdischen Fest heute üblich, erhalten die Kinder Ratschen und allerlei Klangwerk, um den missgünstigen Haman bei jeder Namensnennung zu übertönen und zu vertreiben.

Bei vielen Reden stockte mir schier der Atem. Wie konnten die Vernichtungsgesetze des persischen Trunkenbolds ausgerechnet im Jüdischen Museum, in dem die Shoah eine so beklemmende Vergegenwärtigung erfährt, mit derart leichtsinnigem Tand und mutwilligem Treiben als ein Art Kasperletheater mit bösem Krokodil und lieber Prinzessin ins Werk gesetzt werden? Durfte diese maßlose Rache- und Zerstörungsphantasie denn an diesem Ort so unverhüllt noch einmal ausgesprochen werden? Immerhin entwirft das in der Bibel wiedergegebene Gesetz des Perserkönigs zunächst einmal eine Art Grundsatzprogramm des „eliminatorischen Antisemitismus“, wie dies Daniel Goldhagen etwa 2.500 Jahre später nennen sollte: Vernichtung und Tötung aller Juden im Reich, Enteignung und Umverteilung ihrer gesamten Habe, Bereicherung der Staatskasse durch Einzug des herrenlos gewordenen Vermögens.

Ich habe mich nach der Aufführung mit einem der Puppenspieler unterhalten, habe aber sogleich gesagt, dass ich diesen Versuch nicht nur künstlerisch höchst gelungen, sondern auch pädagogisch wertvoll finde: immerhin gehen Kinder häufig mit Todes- oder Rachephantasien um, diese Bilder des Bösen sind ein häufiger Gegenstand von Märchen und Träumen; die Bilder spielen ferner auch eine gewisse Rolle in den Kämpfen der Kinder untereinander. Das lustige Puppentheater erlaubte es den Kindern, sich mit „den Guten“ zu identifizieren, Vertrauen in die Kraft der Gemeinschaft zu fasssen, die sich auch in bedrückender Unterlegenheit durch Witz und Klugheit den rettenden Weg aus höchster Gefahr schafft. Das Helmi, dieses Berliner Puppentheater, verdient höchstes Lob! Lob verdient auch die Leitung des Jüdischen Museums, die sich getraut hat, einen derart explosiven Stoff den spielerischen Händen einer buntgewürfelten Truppe von Bajazzos und Komödianten anzuvertrauen.

Beim Nachschauen in der Bibel fällt mir noch einmal auf, eine wie schlechte Presse doch das Perserreich in der Antike hatte! Wir hatten schon einmal in diesem Blog Gelegenheit, dieses zähe antipersische Vorurteil bei der Betrachtung der Perser des Aischylos anzusprechen (dieses Blog, Eintrag vom 08.01.2008). Die heutige Bibelwissenschaft freilich scheint die Darstellung des Perserhofs im Buch Ester mehrheitlich als Karikatur aufzufassen; so schreibt etwa Annemarie Ohler in ihrem sehr kundigen, hilfreichen Bibel-Atlas:

Das Buch Ester übertreibt satirisch Luxus und Willkür des Perserkönigs. Der Günstling Haman, den es ärgert, daß ein Jude nicht vor ihm niederfällt, erhält die Erlaubnis, alle Juden im Reich umzubringen. Zum Glück verbraucht der König Wein und Mädchen in Mengen, denn so gerät er an Ester. Todesmutig nützt sie ihre Schönheit, lädt ihn zum Trinkgelage und stimmt ihn um. Der Freibrief zu töten wird Haman entzogen; wörtlich denselben erhalten nun die Juden (8,11 = 3,13).

Regierungsamtliche Judenverfolgung war im Perserreich undenkbar; das Buch setzt sich mit Vorgängen in hellenistischer Zeit auseinander. Es ermutigt Verfolgte; doch es warnt auch: Gewinnen Ohnmächtige Macht, gehen sie nur zu leicht mit ehemaligen Verfolgern so um, wie diese zuvor mit ihnen (9,12 ff.).

zitiert aus: Annemarie Ohler, dtv-Atlas Bibel, Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage, München 2006, S. 133

Mir fällt auf, dass Buch Ester ausdrücklich hervorhebt, dass die Erlasse des Königs jeweils in den verschiedenen Sprachen der Volksgruppen übersetzt wurden. Das Perserreich war zweifellos ein multikulturelles Gebilde, in dem sich keine „Leitkultur“ dominierend über die andere legte, sondern die Macht des Königs die zentrale Achse war, um die herum sich Politik, Recht und Herrschaft anordneten. Immer wieder tritt es freilich in der vernichtend harten Kritik etwa des Aischylos oder auch der Bibel hervor: Wo kein überpersönliches Recht herrscht wie etwa im alten Israel, wo keine starke, von allen getragene Identifikation mit dem Gemeinwesen ausgebildet wird wie etwa in der attischen Demokratie, da geht diese personalisierte Reichsvorstellung an sich selbst zugrunde. Tyrannei, also Macht ohne Legitimität, so kommen Aischylos und Buch Ester überein, hebt sich selbst auf, geht an Übertreibungen und Genusssucht zugrunde.

Es besteht mehr als ein Anlass, dieses Buch erneut zu lesen und sich einen Reim aus heutiger Sicht darauf zu machen! Das Theater Helmi im Jüdischen Museum zu Berlin – was für eine mutige, fruchtbare Zusammenstellung!

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Mrz 202008
 

Mit einer russischen Altistin, die sich um Hilfe an mich gewandt hat, gehe ich Silbe um Silbe einiger Arien aus der Matthäuspassion von Bach durch. Diese Genauigkeit der Aussprache, dieses Hinarbeiten an einzelnen Wörtern, bis jeder Buchstabe verschmilzt mit dem gesungenen Ton, das Ganze zu belebter Klangrede wird – es ist mir eine tiefe Freude, und Bachs Musik rührt mich immer wieder zu Tränen.

„… dass die Tropfen deiner Zähren … „ Wie oft habe ich diese Arien schon gehört – 50 Mal, hundert Mal? Jedesmal ergreifen sie mich anders.
Wer gibt sich heute in unseren elektronischen Massenmedien noch echte Mühe mit dem guten gepflegten Wort, abseits der vorgestanzten Formeln? Am Abend ruft mich ein Marktforschungsinstitut an. Thema: Berliner private Rundfunksender. Ob ich lieber alte oder neue Musik höre? Ich ziehe vom Leder, sage: „Die alte Musik, also die Musik bis etwa zum 15. Jahrhundert, kommt nicht an die innovative Ausdrucksfülle der neuen Musik eines J.S. Bach heran.“ „Für Hörer wie Sie haben ich keine Felder zum Ausfüllen“, klagt Frau Köhler, „meine Zeitschema geht nicht hinter 1970 zurück.“ Na, dann quälen wir uns noch weiter mit allerlei Fragen zu beliebten und unbeliebten Frühstücksmoderatoren, die mir alle unbekannt sind. I couldn’t care less about your breakfast moderators, Frau Köhler, Ihre Fragen gehen an meiner Bandbreite vorbei.

Irgendwann antworte ich nur noch: Radio Fritz. Damit bin ich wieder im Spiel, denn dieser Sender steht auch auf ihrem Zettel. Hurra! Aber ich bringe sie auch in Verlegenheit durch die Nennung einiger Berliner UKW-Sender, von denen sie noch nie gehört hat. Etwa Radio France International (106,00 FM) oder National Public Radio aus den USA (104,1 FM), ganz zu schweigen von Radio Russkij Berlin (97,2 FM).

Wir beenden das 20-minütige Interview im besten Einvernehmen: Wir haben beide Zeit verschwendet und gestehen dies einander ganz offen ein. Schön, dass es diese Ehrlichkeit gibt, Frau Köhler.

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ADFC Berlin Mitgliederversammlung wählt neue Landesvorsitzende

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Mrz 162008
 

Gestern besuchte ich die Mitgliederversammlung des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) Berlin. Nach einer intensiven Aussprache, an der ich mich selbst auch beteilige, wählt die Versammlung Sarah Stark, die bisherige stellvertretende Landesvorsitzende, zur neuen Landesvorsitzenden. Im Namen der ADFC-Stadtteilgruppe Friedrichshain-Kreuzberg gratuliere ich ihr und wünsche ihr viel Erfolg im neuen Amt.

 Posted by at 08:35
Mrz 142008
 

 

Kam gestern spät nachhause von der Gründungsversammlung der ADFC-Stadtteilgruppe Friedrichshain-Kreuzberg. Lebhafte Beteiligung, einige sehr angenehme Menschen lernte ich neu kennen. Jede und jeder hatte etwas Wesentliches beizusteuern. Besonders gefreut hat mich, dass auch ADFC-Mitglieder aus anderen Stadtteilen kamen. Und Friedrichshain war so gut vertreten wie Kreuzberg. So wachsen die Bezirkshälften zusammen.

„Wir wollen größtmögliche Offenheit und Teilhabe, ein gutes, freundschaftliches Auskommen aller Verkehrsteilnehmer, und nicht zuletzt wollen wir auch Freude am Fahrradfahren vermitteln. Facharbeit mit den Bezirksbehörden und Präsenz vor Ort bei den Menschen ergänzen einander. Das eine kommt ohne das andere nicht aus“, äußerte ich mich. Tja, dagegen war kaum etwas einzuwenden. Deshalb wurde der hier schreibende Johannes Hampel einstimmig zum Sprecher gewählt. Als stellvertretenden Sprecher wählte die Versammlung Lars Schäfer.

Der ADFC hat im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg etwa eintausend Mitglieder. Aufgabe der Stadtteilgruppe ist es, als kompetenter Ansprechpartner für Politik und Verwaltung im Bezirk aufzutreten, ein fahrradfreundliches Klima zu fördern und vor Ort in Friedrichshain-Kreuzberg ganz allgemein die Interessen der Fahrradfahrer im Sinne des Gesamtverbandes ADFC zu vertreten.

Der ebenfalls neu gewählte stellvertretende Sprecher, Lars Schäfer, führte aus: „Der BVG-Streik in diesen Tagen ist ein willkommener Anlass, noch einmal die unübertroffenen Vorteile des Verkehrsmittels Fahrrad herauszustellen und die Streikfolgen für die Betroffenen erträglicher zu machen.“ Neuralgische Punkte in der Verkehrsführung stehen auf dem Aufgabenzettel der Stadtteilgruppe ebenso wie historisch-kulturelle Bezirkserkundungen per Rad. Das Motto dabei lautet: Fahrrad + mehr. Auch die bekannten Attraktionen unseres Ost-West-Bezirks wollen wir ansteuern, nicht zuletzt auch für Neuzugezogene er-fahrbar machen.

Erstes Projekt ist die Bearbeitung einer für den Fahrradverkehr kritischen Zone, nämlich der Gegend Dresdener Straße/Oranienplatz/NKZ. Hier verläuft eine wichtige Radverbindung für den Südost-Nordwest-Verkehr. ADFC-Mitglied Tom Albrecht legte dazu Problembeschreibung und Lösungsvorschläge vor, die er bereits beim Bezirksamt eingereicht hat. Die Stadtteilgruppe beschloss, dieses Thema weiter zu bearbeiten und gemeinsam mit dem Bezirksamt Lösungen anzustreben.

Es herrschte Einigkeit, dass alle Zeichen der Zeit im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg auf eine noch bessere Förderung des Fahrradverkehrs hinweisen. Der Fahrradfrühling kommt!

Das nächste Treffen der ADFC-Stadtteilgruppe Friedrichshain-Kreuzberg findet am 17. April 2008, 20 bis 22 Uhr statt. Der Versammlungsort steht noch nicht fest. Kennt jemand von euch einen Ort, der möglichst in der Mitte des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg liegt, z.B. eine Kneipe mit abgetrenntem Nebenzimmer, ein Nachbarschaftsheim oder etwas ähnliches? Danke für eure Tipps!

 

 Posted by at 19:48
Mrz 132008
 

Beim Bäcker kaufte ich die BZ von heute. Dort las ich auf S. 7, dass Herr Ströbele dem BZ-Reporter Gunnar Schupelius in Anschluss an eine rbb-Fernsehsendung namens Klipp und Klar nicht sein Fahrrad ausleihen würde, da er, Schupelius, Repräsentant der BZ sei. Und die BZ möge er, Ströbele, nicht. Herr Schupelius verspürt Ärger, und macht diesem unter dem Titel Der gerechte Zorn von Gunnar Schupelius Luft. Wir Leser werden aufgefordert, zu der Causa „Nichtverliehenes Fahrrad“ Stellung zu nehmen. Gerne komme ich dieser Aufforderung nach und schreibe an die im Blatt angegebene E-mail-Adresse:

Sehr geehrter Herr Schupelius,

ich kann Ihren Ärger, Ihre Enttäuschung gut nachvollziehen. Ständig als Vertreter eines namhaften Organs der Boulevardpresse eingeordnet zu werden, muss kränkend auf Sie wirken. Gleichwohl sollten Sie das ganze nicht allzu persönlich nehmen.

Sehen Sie es doch bitte auch von der anderen Seite: Die Begründung des von Ihnen der Unhöflichkeit Beschuldigten hob nur auf Ihre Zugehörigkeit zu „Berlins grösster Zeitung“ ab, nicht auf Sie als Person. Wären Sie kein BZ-Reporter, hätte er Ihnen doch wohl sein Fahrrad geliehen. Nur so ergibt seine Begründung einen Sinn. Ich wage zu vermuten: Er mag Sie eigentlich – wenn Sie nur nicht zu der Zeitung gehörten, die er nicht mag. Ströbele war ehrlich, weil er zu seinen Gefühlen stand und nicht alles mit einer Friede-Freude-Eierkuchen-Soße überkleisterte. Er verzichtete auf den billigen Sieg zu sagen: Ja, ich leihe Ihnen mein über zehn Jahre altes Aluminiumfahrrad, das mich schon lange begleitet und das ich auch nicht aufgeben werde. Was wäre das für ein Popularitätsschub gewesen! „Grüner Bundestagsabgeordneter verleiht sein Fahrrad an BZ-Reporter.“ Ein hübscher Aufmacher!

Und da Sie schon die nette biblische Wendung des „gerechten Zorns“ verwenden: Paulus rät im Epheserbrief, „die Sonne nicht über dem Zorn untergehen zu lassen“ (4,26) – er ermahnt also, sich von Gefühlsaufwallungen nicht fortreißen zu lassen, denn „im Zorn tut der Mensch nicht das, was vor Gott recht ist“ (Jak 1,20). Bei nüchternem Gemüt sehen die Dinge bald anders aus. Ich bitte Sie also: Suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Widersacher, bringen Sie die Beziehung ins Reine! Immerhin haben Sie ihn ja doch öffentlich recht schroff der Unhöflichkeit, der Verbohrtheit und Rechthaberei bezichtigt. Bitten Sie ihn um Verzeihung hierfür! Das wäre ein echtes Zeichen der Großmut, deren Mangel Sie bei Ihrem Gegner beklagen.

Aber um das Ganze zu einem versöhnlichen Abschluss zu bringen: Ich leihe Ihnen mein Rad! Ich habe in diesem Blog öffentlich mein Zweitrad jedem angeboten, der während des BVG-Streiks im Regen steht. Dieses Blog berichtete am 05.03.2008. Morgen ist es noch frei. Versprochen ist versprochen! Klipp und klar.

Sie finden mich heute um 19 Uhr bei der Gründung der ADFC-Stadtteilgruppe Friedrichshain-Kreuzberg im Restaurant Max & Moritz, Oranienstraße. Kommen Sie, hören Sie, berichten Sie, leihen Sie ein Fahrrad von mir!

Ich schließe hier – denn die Sonne geht unter.

Mit besten Grüßen

Johannes Hampel

 Posted by at 19:01

Sodele. Berlin. Das ist unsere Stadt.

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Mrz 122008
 

Na also, es geht doch! Die Berliner Zeitung wartet mit einem guten Leitspruch für ein positives Selbstbild Berlins auf: „Wir sind Berlin.“ Ich hatte mir selbst gestern auch so einen Spruch ausgedacht, nämlich:

Berlin. Das ist unsere Stadt.

Englisch:

Berlin. That’s our city.

Was haltet Ihr davon? In solchen Wahlsprüchen tritt hervor: Wir-Gefühl, Zusammengehörigkeitsgefühl, Verantwortungsgefühl. Hinweisende Gebärde, als wollte jemand sagen: Leute, kommt, „schaut auf diese Stadt!“. Von diesem Wir-Gefühl, diesem Selbstbewusstsein haben wir derzeit in Berlin noch zu wenig. Wir brauchen mehr davon.

Und übrigens: Der Spruch „es ist unsere Stadt“ wurde schon einmal als Kampagnenthema verwendet – nämlich von der Stadt Saarbrücken. Die sind schlau, die Saarländer! Und das Motto „Unsere Stadt“ ist auch schon mehrfach verwendet worden, für allerlei kommerzielle Adressenverzeichnisse und dergleichen.
Besonders sympathisch fand ich die Aussage meines Mit-Schwaben Cem Özdemir: Er sagt, sein erstes deutsches Wort sei „Sodele“ gewesen. Zu betonen auf der ersten Silbe mit einem langen offenen O. Özdemir berichtet:

Mein erstes deutsches Wort ist … „sodele“, soweit ich mich erinnern kann. Das sagte die schwäbische Hebamme zu meiner Mutter nach der Entbindung. „Sodele“ sagt man in der Regel zu vollbrachter Arbeit, wenn man etwas erfolgreich hinter sich gebracht hat.

Ein hervorragendes Gedächtnis hat Özdemir! Na bitte, das erinnert mich an Karl Valentin: „Ich wurde geboren von meiner Mutter. Der erste Mensch, den sich sah, war die Hebamme. Ich staunte sehr, denn ich hatte diese Frau vorher nie gesehen.“

@ Cem Özdemir: bitte nicht sauer sein, wenn ich mich hier frech als Ihren Mit-Schwaben ausgebe! Ich stamme nur aus Augsburg, der Hauptstadt von Bayrisch-Schwaben. Aber wir halten uns selbst für echte Schwaben. Ich hoffe, Sie erkennen das noch an!

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Mrz 112008
 

Als eifriger Internetsurfer konnte ich mir die Enthüllung der neuen Markenkampagne durch unseren Berliner Regierenden Bürgermeister nicht entgehen lassen und verfolgte sie ausschnittweise auf dem Internetportal meiner Heimatstadt mit. Richtig gut fand ich, dass Klaus Wowereit nett-anrührende Geschichten erzählte und glückliche Menschen vorstellte, die sich gegen alle Widerstände und Klippen Erfolg erarbeitet haben – ob nun als Starkoch oder als Hauptschüler aus einer angeblich so benachteiligten Hauptschule. Weiter so! Wir brauchen Erfolge, man muss diese Geschichten wieder und wieder erzählen, und die Menschen, die etwas auf die Beine stellen, die zu Schmieden ihres Glücks geworden sind, sollen im Rampenlicht stehen – mindestens für einen Augenblick. Mehr davon, vortrefflich, davon können wir gar nicht genug bekommen!

Was aber ist von dem neuen Slogan „be berlin“ zu halten? Zunächst einmal: Welche Sprache ist das? Vielleicht Englisch, die heutige Massen- und Krethi-und-Plethi-Sprache, die kaum jemand kann (übersetzt: „sei Berlin“)? Oder Hebräisch, eine der Ursprungssprachen unserer europäischen Kultur (übersetzt: „in Berlin“)? Zu befürchten steht: Englisch … kein gutes Englisch, that goes without saying. Es klingt schon sehr seltsam, jemandem zuzurufen: Be Paris, Be Madrid, Be Roma. Es erinnert an: „Be quiet!“ Ein solcher Imperativ ohne hinzugesetztes „.. please!“ oder ähnliches wirkt recht schroff im Englischen, überfällt den Hörer oder Leser auf kumpelhaft-überrumpelnde Art.

Aber halten wir den Schöpfern der Kampagne zugute, dass sie sich etwas dabei gedacht haben. Sie wollen offenbar zur Identifikation mit dieser Stadt auffordern, oder sie erzwingen. Etwa im Sinne der Kampagne aus dem glorreichen WM-Sommer 2006: „Du bist Deutschland.“ Funktioniert so etwas? Ich glaube: Nein. Niemand springt gerne über so ein Stöckchen, das ihm ungefragt hingehalten wird.

Warum eigentlich Englisch? Hier leben hunderttausende Menschen mit nichtdeutscher Muttersprache, Hunderttausende sind zugewandert, aus der Türkei, aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus dem Mittelmeeraum, aus dem östlichen Europa und Russland. Für sie alle, die in dieser Stadt leben, ist Deutsch die Verkehrssprache, die lingua franca, die ihnen das Leben und Wirtschaften in der Metropole und die Integration in diese Gesellschaft ermöglicht. Nur Menschen mit langjähriger Schulausbildung im westlichenTeil Berlins verfügen über hinreichende Englischkenntnisse, um sich einen Reim auf diesen Slogan zu machen. Alle anderen werden sich ausgeschlossen fühlen, darunter auch die Bewohner des ehemaligen Ostteils von Berlin, die sich trotz hartnäckiger Beschulung weder im Russischen noch im Englischen hinreichende Gewandtheit aneignen konnten.

Ich bin überzeugt: Der zentrale Werbespruch Berlins, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, hätte unbedingt in deutscher Sprache verfasst werden müsssen.

Meine britischen Kolleginnen und Kollegen fragen mich immer wieder entgeistert: „Was macht ihr mit euerer schönen deutschen Sprache? Sprecht lieber ein gepflegtes, verständliches Deutsch, als euer verhunztes Englisch, das nicht unser Englisch ist!“

Wie sieht es mit dem Klang des Slogans aus? Für die Einprägsamkeit einer Aussage ist die sinnliche Anmutung mitentscheidend, vor allem, wenn sie derart sinnleer daherkommt wie eben dieses „be berlin“. Gut finde ich die Alliteration – jeder Marketingstratege weiß, dass Konsonantenwiederholung am Wortanfang sinnvoll ist. Die zwei I-Laute deuten auf etwas Helles, Kleines oder auch Niedliches hin. Die Lautfolge Biberlin erinnert an etwas Niedliches, etwa einen kleinen Biber, ein flinkes Wiesel, ein knuddeliges Eisbärenbaby, oder auch an das dialekthafte „Biberle“, also ein schwäbisches Küken. Ist Berlin so klein und niedlich? Nun ja, vielleicht im Vergleich zu Mexiko-Stadt oder Moskau. Aber es passt einfach nicht zu dieser großen und selbstbewussten Stadtregion, es manifestiert sich hier eine Selbst-Verleugnung und Selbst-Verniedlichung, wie sie uns nicht gut ansteht. Der ausländische Tourist wird fragen: „Haben die das nötig? Da steckt doch was dahinter! Was wollen die von mir? Ich soll Berlin sein? Aber ich will doch die Stadt nur genießen, nicht mich zu ihr bekennen!“ Psychologen belehren uns, dass derartige zwanghafte Selbstverkleinerung, die noch dazu durch die Kleinschreibung unterstrichen wird, nur die Kehrseite einer äußerst gefährlichen Allmachts- und Herrschaftsphantasie sein kann.

Gesamturteil: Das Motto „be berlin“ ist zwar gut gemeint, aber letztlich ein echter kommunikativer Fehlschlag, ein Rohrkrepierer der Extraklasse. Ich heiße es anbiedernd, schlecht bedacht, geprägt von jener Mischung aus befehlender Überheblichkeit und demütigender Selbstverzwergung, die weder für die ausländischen Besucher noch die zugewanderten und alteinsässigen Bewohner dieser Stadt ein echtes Angebot darstellt. Der Wahlspruch „be berlin“ ist eine sprachliche Kapriole, die sich selbst wieder und wieder konterkarieren wird. Ist dafür öffentliches Geld an die zahlreichen beteiligten Agenturen geflossen? Das sollte man zurückfordern.

Leute, die Suche geht weiter. Habt ihr Vorschläge?

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Muss das sein – die arme Felge!

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Mrz 102008
 

10032008_felgenkiller.jpg Jeden Tag laufe ich in meinem Hof an einer Installation der Vergänglichkeit vorbei, die nachgerade ein bewegender Aufruf für bessere Fahrradabstellanlagen ist. Das Fahrrad eines Mieters, dessen Vorderrad erbärmlich zugerichtet ist. Grund: Nur mit dem Vorderrad ist das Fahrzeug eingestellt. „Wenn das Fahrrad nur mit dem Vorderrad eingestellt wird, ist es an der empfindlichsten Stelle stabilisiert. Das hat zur Folge, dass die Felge leicht verbiegt“, warnt Roland Huth vom Bundesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC). Geht es auch besser? Aber ja! Für die Aufstellung in Höfen empfiehlt Wilhelm Hörmann vom ADFC zwei Modelle: den Beta Focus XXL von Orion Bausysteme in Biebenheim und den Genius L15 vom Hersteller Langer in Langelsheim. „Bei den Modellen sind die Kriterien Diebstahlschutz, Standsicherheit und gute Zugänglichkeit erfüllt.“ Und als echter Kreuzberger bin ich natürlich besonders stolz auf den „Kreuzberger Bügel“, der sich mittlerweile bestens bewährt hat und den Ruf unseres zunehmend fahrradfreundlichen Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg in die Welt hinausträgt! Zu besichtigen vielerorten, etwa vor dem Gebäude der AGB oder dem Rathaus in der Yorckstraße. Wir Mieter haben wegen der „Felgenkiller“ bereits an die Hausverwaltung geschrieben – einen Brief mit 45 Unterschriften. Die Antwort war abschlägig: Der Denkmalschutz lasse die Montage besserer Abstellvorrichtungen nicht zu.

Zitate aus: „Der Felgenkiller muss nicht sein.“ Von Michaela Maria Müller, in: MieterMagazin Heft 3/2008, S. 21

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Mrz 052008
 

In den Morgenzeitungen herrscht helle Aufregung: Die Berliner Verkehrsbetriebe BVG sind in einen unbefristeten Ausstand getreten. Die Not ist riesig: „Jetzt muss ich eine halbe Stunde zu meinem Arbeitsplatz gehen, und eine halbe Stunde zurück. Dadurch habe ich 1 Stunde mehr Arbeit am Tag“, klagt eine Postmitarbeiterin. „Jetzt müssen die Schüler auch mal eine kurze Strecke zu Fuß gehen oder aufs Rad umsteigen“, äußert sich ungerührt, ja geradezu erbarmungslos die Sekretärin einer Spandauer Oberschule. O Jammer, o Schrecken! Doch – es herrscht nicht nur Weltuntergangsstimmung. So schreibt die Berliner Zeitung heute:

Aber es gibt auch Streikgewinner. „Die Nachfrage nach Pkw ist definitiv gestiegen“, freut sich Sebastian Grochowski von der Autovermietung Rent-a-Car. „Der BVG-Streik ist für uns eine Chance, den Berlinern zu zeigen, dass wir da sind, wenn wir gebraucht werden“, sagt Bernd Dörendahl, Vorsitzender der Innung des Berliner Taxigewerbes. Der ADAC ruft seine Mitglieder dazu auf, Fahrgemeinschaften zu bilden. Der Senat müsse für die Dauer des Streiks die Parkraumbewirtschaftung aussetzen. Allerdings gibt es morgen keine Knöllchen: Dann streiken auch die Ordnungsämter Berlins.

Vortrefflich – in diesem Chaos gibt es also auch einen Hoffnungsschimmer. Wenig gesprochen wird bisher vom Rad. Vielleicht weil es heute endlich einmal schneit? Ja, der Märzenschnee treibt gerade jetzt in dicken Flocken gegen die Fenster unserer Kreuzberger Wohnung. Oder weil es sich noch nicht herumgesprochen hat, dass man das Fahrrad wirklich das ganze Jahr hindurch nutzen kann und folglich jederzeit einsatzbereit halten sollte? Ich freue mich schon auf meine Tour heute – wie üblich dauert sie nur wenige Kilometer, von Kreuzberg in das Stadtviertel Tiergarten – ich könnte eigentlich auch zu Fuß gehen. Aber das würde ja eine halbe Stunde dauern. Das sei ferne von mir! Wie so viele in unserer hektischen Metropole bin ich auf die schnellste, effizienteste und sicherste Beförderung angewiesen. Ich bin auch nicht besser als die anderen. Und deshalb setze ich weiterhin voll auf das Rad.

Für alle Fälle habe ich sogar noch ein älteres, nicht so schnelles Ersatzrad im Keller. Streikopfer, meldet euch – ich verleihe es tageweise. Unentgeltlich, zum Zeichen des mitmenschlichen Erbarmens mit den unschuldigen Leidtragenden des Streiks.

Wie heißt es doch: „Der BVG-Streik ist für uns eine Chance, den Berlinern zu zeigen, dass wir da sind, wenn wir gebraucht werden.“ Wenn Fahrräder reden könnten!

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„Ich bin schon längst fertig!“

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Mrz 042008
 

bogenhand.jpg Zu unseren fast täglichen Ritualen gehört das gemeinsame Geige-Üben en famille. Wanja erhält von seinem Lehrer Woche um Woche ein leicht abgewandeltes Programm: leere Saiten mit ganzem Bogen streichen, das eine oder andere Volkslied im 5-Ton-Bereich, einfache Melodien zupfen. Ich spiele mit, sooft ich kann. Gerade in diesen Tagen, wo ich, als „ordentlich lastbarer Esel“, fast immer von Termin zu Termin eile, ist mir dieses kleine Exerzitium eine echte Labsal, und ebenso auch die kleine Geschichte, frei erzählt am Abend. Heute spielten wir beide auf der Geige Alle meine Entchen, Ira begleitete uns auf dem Klavier. Was für eine Freude! Wanja scheint es nicht so zu empfinden, denn er versucht, schneller als ich zu spielen, will uns abhängen, eilt uns absichtlich eine Viertelnote voraus und erklärt voller Stolz, während wir beim Schluss-A anlangen: „Ich bin schon längst fertig“. Mann, so cool fühlt er sich da, das sieht man ihm an!

Dieser Wunsch, partout schneller zu sein, mehr Spielzeug zu haben, das schnellere Auto zu fahren, scheint tief eingewurzelt zu sein in uns Jungs.

 Posted by at 23:09
Mrz 022008
 

Seit ich meinen Bekannten im Kiez erzähle, dass ich jetzt beim ADFC für die Belange des Fahrradfahrens kämpfe, ernte ich viel Zustimmung, aber auch versonnenes Lächeln: Viele glauben es noch nicht ganz, dass alle Zeichen im innerstädtischen Verkehr auf „Rad“ stehen. Vor allem aber erhalte ich interessante Einblicke in das, was die Menschen bewegt. „Ich möchte von meinem Laden nachhause fahren. Das Benzin wird immer teurer, und es ist eine nette Tour. Aber ich kann nicht richtig Fahrrad fahren. Wo kann ich es lernen?“ So sprach vorgestern eine aus der Türkei stammende Bekannte, Ladeninhaberin hier in Kreuzberg. „Wir Krimtataren in der Türkei haben ein Sprichwort: Der Tüchtige weiß das Pferd ebenso wie das Schwert zu führen.“ Das Pferd, so erklärt sie mir, ist nach heutiger Deutung das Fahrzeug, also das Auto, oder eben auch das Fahrrad. Der Führerschein gehört dazu. Das Schwert sei die Fähigkeit, sich im Leben durch Erwerbsarbeit zu behaupten. Heute stehe Schwert also für abgeschlossene Berufsausbildung. Das Sprichwort gelte für Männer und Frauen gleichermaßen.

Ich weiß, dass es in Berlin solche Radfahr-Kurse für Erwachsene gibt. Mir ist bekannt, dass in vielen Ländern das Fahrradfahren nicht Teil der selbstverständlichen Grundbildung der Kinder ist, darunter auch Russland.

Da fällt mir ein: Sehr selten sehe ich Türken oder Araber auf Fahrrädern. Weder Männer noch Frauen. Fahren die alle mit tiefergelegten BMWs oder Vans? Ist es einfach uncool, mit dem Fahrrad zu fahren? Sind wir alle „Loser“, wenn wir nicht mit dem eigenen PKW unseren Status unter Beweis stellen? Gilles Duhem, Geschäftsführer des Vereins Morus 14 erzählte dies bei einer öffentlichen Anhörung im Bundestag (dieses Blog war dabei): „Für den jungen Mann, den ich als Sozialarbeiter betreut habe und der mittlerweile erfolgreich im Berufsleben integriert ist, bin ich immer noch voll Opfer, weil ich mit dem Fahrrad fahre.“

Spannend ist es auch, in Gesprächen mit einzelnen „Türken“ oder „Arabern“ ganz unterschiedliche Geschichten zu hören. Die lassen sich nicht alle über einen Kamm scheren. In der Türkei halten sich immer noch einige sehr lebendige Identitäten. Das sind Völker und Gruppen, die zwar mittlerweile Türkisch als erste Sprache übernommen haben, aber beispielsweise nicht notwendigerweise Moslems sind. Eine Zwangsassimilation wie in früheren Jahrzehnten wird von ihnen nicht mehr verlangt. Erzwungene Assimilation hat dementsprechend der türkische Ministerpräsident bei seiner Kölner Rede mit aller Schärfe als ein „Verbrechen“ abgelehnt. Offenkundig sprach er hier über innere Angelegenheiten der Türkei. Dennoch war die Aufregung in Deutschland gerade darüber groß. Mit den Leuten reden, sich erkundigen, ehe man vorschnell urteilt, hilft oft weiter in solchen Fällen.

Wir müssen uns ein klein bisschen entschleunigen, etwa durch mehr Fahrradfahren, durch häufigeres Fragen und Zuhören.

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Ostfrauen zeigen Zähne und Klauen gegenüber Ausspähversuchen

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Mrz 012008
 

Aus dem Institut für Soziologie einer namhaften deutschen Universität erreicht uns die Einladung, an einer wissenschaftlichen Umfrage zum Thema bikulturelle Partnerwahl teilzunehmen. Wir sind geehrt – und überrascht. Woher haben die unsere Adresse, woher wissen die, dass wir ein russisch-deutsches Ehepaar sind? Antwort: Aus dem Melderegister. Das Melderegister, so erfahren wir, steht wissenschaftlichen Anfragen offen. Und noch stärker geehrt fühlen wir uns, als wir lesen: „Wir würden uns sehr über Ihre Antwort freuen, weil ohne Ihre Mitwirkung keine seriöse Forschung möglich ist.“ Was für eine Verantwortung, was für eine Last! Können wir sie ernsthaft schultern? Wenn wir also nicht teilnehmen, sackt die ganze Studie in sich zusammen, verbläst ins Unseriöse wie ein Kinderluftballon. Na, denn mal los! Den Datenschutzhinweis haben wir gelesen.

Wir studieren die Fragen. Sie sind sowohl in deutsch wie in russisch verfasst, für Mann und Frau getrennt. Ira ist bass erstaunt, denn die Ehefrau soll vieles preisgeben, z.B.: „Hatten Sie vor Ihrer jetzigen Ehe Partnerschaften mit Männern, die mindestens 6 Monate gedauert haben? Wenn Sie einmal an Ihre früheren Beziehungen zurückdenken, würden Sie sagen, dass Sie eher gute oder eher schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht haben? Ihr Körpergewicht zu Beginn der Partnerschaft? Für mich ist ein Mann anziehend, wenn er Lust auf Sex hat. Für wie wichtig halten Sie diese Aussage?“ Und so weiter, und so weiter …

Ira ist empört: Was bilden die sich ein! Sie greift sofort zum Telephonhörer, ruft die Kontaktadresse an der Universität an und sagt: „Verzeihen Sie, Sie stellen Fragen, die ich nicht einmal meiner Mutter beantworten würde. Ich werde nicht teilnehmen.“ Die sehr freundliche Dame am Telephon weist noch einmal auf die sofortige Anonymisierung der Daten, die absolute Seriosität der Erhebung hin – nichts zu machen! Ira bleibt ungerührt, und ich bin stolz auf sie. Ich werde selbst auch nicht teilnehmen, ergreife den Hörer und erkläre ausführlicher: „Selbst wenn wir uns auf Ihren Datenschutz zu 100% verließen – was wir gerne tun würden – hätten Sie bedenken müssen, dass derartige intime Details in einer rein postalisch hergestellten Verbindung nur schwer preisgegeben werden. Außerdem finden wir es bedenklich, dass nach Ihrer Aussage die Forschung unseriös wird, wenn wir beide nicht teilnehmen. Allein schon durch diese Aussage erscheint uns das Projekt nicht seriös.“ Die Dame bedankt sich betroffen und höflich, und wir beenden das Gespäch im besten Einvernehmen.

Am Abend lese ich Ira einen Abschnitt aus einer Biographie vor, die Gerd Langguth über eine in der DDR aufgewachsene deutsche Frau verfasst hat. Ich zitiere: Diese Frau …

… hatte von ihren Eltern mit auf den Weg bekommen, gegenüber Lehrern, manchen Klassenkameraden oder Repräsentanten des Staates nie zu offenbaren, was sie wirklich denkt. Dieses Element der Gefahrenvermeidung lernt in einer Diktatur jeder, der die Abhängigkeit seines Fortkommens von Partei, Geheimdienst und Staat erkennt.

Voller Genugtuung und etwas ironisch frage ich Ira: „Und? Was hältst Du davon? Das ist doch gut beobachtet, das gilt doch für euch ‚Ostfrauen‘ ganz allgemein, oder?“ Ira zuckt mit den Achseln. Sie meint: Natürlich ist es so. Das sei doch so selbstverständlich, dass man es nicht eigens aufzuschreiben brauche. Der Exhibitionismus des westdeutschen Reality-TV-Dschungelcamps sei ihre Sache nie gewesen.

P.S.: Ich habe die Genehmigung Iras, dieses Erlebnis in diesem Blog zu berichten.

Übrigens: Die genannte Frau, eine bekannte Politikerin, scheint irgendwie über ihren Schatten gesprungen zu sein und offenbart im SZ-Magazin dieses Wochenendes, wie sie die 68-er Jahre erlebt hat. Garniert mit privaten Fotos aus ihrer Jugend. Sehr erhellend, eine gute Zugabe zu der Biografie des Politikwissenschaftlers Langguth!

Bibliographischer Hinweis: Das Zitat entstammt dem lesenswerten, höchst kentnisreichen Buch von Gerd Langguth: Angela Merkel. Aufstieg zur Macht. Biografie. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, Dezember 2007, S. 401

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