Jun 302008
 

Der einzige direkt gewählte Bundestagsabgeordnete der Grünen, Hans-Christian Ströbele, nimmt nun ebenfalls zum Kreuzberger Schulstreit Stellung. Er vertritt den Bundestagswahlkreis 084 Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost. Wahlergebnis 2005: Grüne: 21,8% , Ströbele: 43,3% . Das Interview im Tagesspiegel von heute zeigt, warum er in unserem Wahlkreis bei der letzten Bundestagswahl doppelt soviele Stimmen erhielt wie die Partei, die ihn aufgestellt hat: Er verbiegt sich einfach nicht, argumentiert immer wieder quer zu den Parteilinien – und er bleibt dadurch hochgradig erkennbar. Ströbele ist Ströbele. Das verleiht ihm eine hohe Glaubwürdigkeit. Zu Recht oder Unrecht? Die Mehrheit der Kommentare im Online-Tagesspiegel von heute meint offenbar: zu Unrecht. Wenn dem Bundestagsabgeordneten Ströbele die Politik der Grünen nicht passt, dann sagt er das vernehmlich und ohne die üblichen diplomatischen Klauseln. So war es damals bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr unter Außenminister Joschka Fischer, so ist es jetzt beim massiven Elternprotest gegen die grüne Bildungspolitik im Bezirk. So kritisiert er auch offen den Umgang der Grünen mit „mediaspree versenken“. Zitat Ströbele:

„Vieles von dem, was die Initiative „Mediaspree versenken“ will, ist richtig. Selbstkritisch muss ich eingestehen, dass viele von uns, die jetzt kritisch sind, sich lange leider um diese brachliegenden Flächen zu wenig gekümmert und auch gar nicht daran geglaubt haben, dass da mal was draus werden könnte.“

Die Wähler wollen das, sie wollen einfach keine braven Parteisoldaten mehr, sondern aufrechte Kämpen. Menschen, die hinhören können. Die es schaffen, Glaubwürdigkeit weit über die Grenzen der eigenen Partei auszustrahlen. Aber lest selbst den Ausschnitt aus dem Interview:

Frage: Einige Eltern sagen, sie würden bleiben, wenn sie eine evangelische Privatschule gründen könnten. Das wurde ihnen bislang von Ihrer Grünen-Kollegin, der Bildungsstadträtin, Monika Herrmann, verwehrt.

Ströbele: „Ich unterstütze die Gründung dieser Schule. Das kann für einige der Ausweg sein.“

Es ist, als wollte er sagen: „Ich kämpfe für meine politischen Überzeugungen. Am meisten davon glaube ich bei den Grünen durchsetzen zu können.“ Welche Eigenschaften müsste eine Direktkandidatin mitbringen, die gegen Ströbele im Bundestagswahlkreis 084 antreten wollte? Wie könnte sie – oder ein männlicher Direktkandidat – sich gegen die „Marke Ströbele“ durchsetzen? Antwort: Sie oder er müsste dieselbe klare Erkennbarkeit mitbringen. Einen Politikstil verkörpern, der die Leute anspricht. Nicht Ströbele kopieren. Aber Aussagen machen, in denen sich die Mehrheit der Wähler wiederfindet. Klar ausdrücken, dass man nicht aus Rücksicht auf die Parteilinie sich wieder und wieder verbiegt. Werden die anderen Parteien so jemanden finden? 2009 wird doch wieder der Bundestag gewählt, die Kandidatensuche ist wahrscheinlich schon im Gange. Tritt Ströbele wieder an?
Die Botschaft eines erfolgreichen Direktkandidaten muss sein: Erst kommt das, was gut ist für das Land. Danach schauen wir, mit welcher Partei wir das bewirken können. Nicht umgekehrt! Denn: Keine Partei hat immer recht.

Aber: Man muss nicht – wie Ströbele – auf einem über 10 Jahre alten Fahrrad durch den Wahlkreis ziehen. Es darf auch ein neueres Modell sein – sofern mit Muskelkraft betrieben.

Lies das ganze Interview:

„Wegziehen wäre falsch“

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Egoismus der Gene, oder: Das Kreuz mit den Kreuzberger Schulen

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Jun 272008
 

Bewegte Debatten kennzeichneten gestern das Treffen der Eltern in der Kreuzberger Passionskirche. Die Bänke waren gut gefüllt mit vielen Eltern, Lehrerinnen, Schulleiterinnen und Journalisten. Fehlanzeige: die Politik. Kein einziger Vertreter aus der Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksverwaltung, der BVV oder aus dem Berliner Senat ergriff das Wort. Den Politikerinnen – das wurde gestern deutlich – wird gar nichts mehr zugetraut. Der Tagesspiegel meldete gestern: Kein einziger Politiker der BVV-Fraktionen schickt sein Kind auf eine Kreuzberger Grundschule. Das ist der Egoismus der Gene. Jeder will das beste für sich und seinen Nachwuchs. Wo waren gestern die Parteien, wo war das Bezirksamt, wo war die Opposition?

Anlass des Treffens: Hunderte von Eltern erhielten erst in diesen Tagen ihre Ablehnungsbescheide: die Kinder dürfen nicht auf die gewünschte Schule gehen. Gestern wieder einmal benannte Hauptprobleme der Kreuzberger Grundschulen: zu hoher Anteil von Kindern, die Deutsch nicht als Muttersprache sprechen, deshalb Abwanderung von bildungsbewussten Familien. Daneben wurden gehäuft auftretende Vorfälle von Gewalt unter Kindern berichtet. Das Herkunftsland der Gewalttäter wurde offen ausgesprochen.

Weitverbreitet und selbst von den Behörden unter vier Augen empfohlen: Scheinummeldungen, also Täuschung der Behörden. Dadurch kommt man in den Einzugsbereich der gewünschten Grundschule. Die Abstimmung mit den Füßen läuft unvermindert weiter. Die weniger beliebten Restschulen werden in einen Abwärtsstrudel gerissen – Endstation: Schulschließung. So geschehen mit der Rosegger-Grundschule.

Was tun? Bezirksschulrätin Herrmann musste unter Druck ihre bisherige Ablehnung einer evangelischen Privatschule aufgeben. Laut Bericht auf gestriger Versammlung erklärte sie sich am Dienstag endlich einverstanden. Die evangelische Privatschule wird kommen, aber nicht zum kommenden Schuljahr. Hürden auf dem Weg zur Gründung einer neuen Schule: Lehrerknappheit und Mangel an geeigneten Gebäuden.

Den Politikern wurde gestern wiederholt und mit Bitterkeit vorgeworfen, das Problem nicht aktiv anzugehen, sondern auszusitzen. „Kreuzbergs Schulen werden vom Senat kaputtgespart. Wir brauchen mehr Lehrkräfte, mehr Sprachförderung im Grundschulbereich“, rief ein empörter Elternvertreter.

Es herrschte eine insgesamt zwischen Ratlosigkeit, Empörung, Zuversicht und Entschlossenheit schwankende Atmosphäre. Niemand ergriff wirklich beherzt das Wort: „Wir leben hier in diesem Bezirk, wir stehen in der Verantwortung. Gemeinsam schaffen wir es. Was können wir zusammen tun?“

In derselben Nacht stellte Altkanzler Schmidt im Fernsehen bei einer Preisverleihung den bemerkenswerten Satz an den Schluss seiner Rede: Salus publica suprema lex. Zu Deutsch: Das Gemeinwohl soll oberster Grundsatz unseres politischen Handelns sein. Der Mann gefällt mir, und ich halte ihn immer noch für einen der besten Redner unter den lebenden deutschen Politikern. Acta sequantur! Taten müssen folgen.

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Jun 262008
 

Mit meiner ADFC-Stadtteilgruppe unternahm ich am 21. Juni 2008 eine halbtägige Rundfahrt durch den Bezirksteil Friedrichshain.

east-side-gallery-21062008001.jpg Die Route führte von dem bunten Band der East Side Gallery längs dem äußerst suggestiven Osthafengelände zum verträumten Ortskern von Alt-Stralau. Ich konnte es nicht lassen, ich musste ein Bad in der Stralauer Bucht nehmen, am Übergang, da wo Schlick und Schlamm aus Jahrzehnten industrieller Fertigung sich mit dem anflutenden Spreewasser vermengen! Beim Herausklettern aus dem schlickgetränkten Gestade riss ich mir das Knie blutig – meine Taufe mit Stralauer Spreewasser! Das war die Stelle:

johannesbad.JPG Tom, danke für die Fotoverwendungsrechte! „Wohnen am Wasser“, dieses Motto der neuen Bürgerlichkeit stand im Kontrast zu einer Demonstration unter dem kämpferischen Motto „Wir bleiben“ in der Nähe des Boxhagener Platzes. Sogar einen echten Bundestagsabgeordneten könnt ihr auf diesem Bild entdecken!

wir-bleibendemo-am-boxhagener-platz-21062008024.jpg
Die Karl-Marx-Allee wiederum verweist auf die Verflechtung von Architektur und Politik – eine echte Absage an die nur funktionale Moderne. Erfahrbar wurde: Die moderne, vorsorgende Kommunalpolitik entfaltet sich im 19. Jahrhundert im ehemaligen Arbeiterviertel Friedrichshain – etwa durch den Märchenbrunnen. Der ist Volksbelustigung pur!

marchenbrunnen21062008037.jpg

 

Einen nachdenklichen Schlusspunkt setzte schließlich der Friedhof der Märzgefallenen im Volkspark. „Wissen wir eigentlich, was damals geschah?“, fragte eine Teilnehmerin. Ich finde: Die ganze Anlage mit den Gräbern der Aufständischen vom 18./19. März 1848 ist unserer modernen deutschen Demokratie unwürdig! Sie zählen zu den Ahnen unseres Grundgesetzes, sie forderten das, was erst 70 Jahre später Wirklichkeit wurde: eine parlamentarische Demokratie ohne feudales Oberhaupt! Sie haben Besseres verdient, als missachtet in irgendeinem Winkel hinzudämmern, zumal dies kein Mahnmal ist, sondern eine echte Gräberstätte. Sie bedarf einer sorgfältigen Pflege und Betreuung.

marzgefallene21062008041.jpg

 

Ein Teilnehmer fasste so zusammen: „Vieles war neu für mich, manches war unbeschreiblich suggestiv, manches war einfach schön hässlich – aber alles immer lohnend, immer verlockend! Friedrichshain, das ist ja eine kleine Welt für sich. Hab ich so nicht gewusst. Danke für die hervorragende Vorbereitung und kundige Führung!“ Ich meine: Um mit der Realität einer Großstadt ins Gespräch zu kommen, gibt es kein besseres Mittel als eine Fahrradtour! Auf Dörfern oder im Gebirge sollte man zu Fuß wandern, aber unsere Berliner Bezirke sind zu groß, als dass man sie zu Fuß einigermaßen umfassend an einem halben Tag erwandern könnte. Fährt man aber mit dem Auto oder dem Bus, kriegt man einfach nichts mit und man kommt mit den Leuten nie und nimmer ins Gespräch.

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Kreuzberger Fluchtbewegung

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Jun 252008
 

Und wieder schlagen die Wogen hoch. Auch der Tagesspiegel greift jetzt das Thema auf, das unser Blog schon vor einigen Tagen auf die Tagesordnung setzte. Es geht um die Versammlung der entrüsteten Eltern am Donnerstag, morgen, in der Passionskirche. Sicher habe ich mich in die Nesseln gesetzt, als ich vergangene Woche in diesem Blog verlangte, auch das Bezirksschulamt solle eingeladen werden. Hallo Herr Mehr von der taz, bitte nicht böse sein! Ich vertrete die Meinung, wenn man Leute so heftig angreift, müssen sie im Saale sitzen. Zusammen mit Lehrern, Rektoren – und möglichst auch ein paar Schülern, die die Kreuzberger Schulen von innen her kennengelernt haben.

Gesprächsverweigerung und einseitige Vorwürfe bringen uns nicht weiter. Hepimiz insaniz!

Kreuzberger Fluchtbewegung

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Des pistes pour améliorer la sécurité en vélo

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Jun 252008
 

Paris diskutiert nach drei tödlichen Unfällen, wie die Sicherheit der Radfahrer verbessert werden kann. L’Express berichtet darüber. Einigkeit scheint darin zu bestehen, dass die überparteilich gewünschte Stärkung des Radverkehrs ohne dreierlei Stützungsmaßnahmen nicht gelingen kann:

1) Aufklärung über Rechte und Pflichten gemäß der Straßenverkehrsordnung. Bus- und LKW-Fahrer, PKW-Fahrer ebenso wie Radfahrer kennen oft die eigenen Verpflichtungen nicht, halten sich zu wenig daran. Welcher deutsche oder türkische Autofahrer weiß etwa, dass laut StVO die vorhandenen Radwege grundsätzlich nicht genutzt werden müssen, sondern dass Radfahrer auch die Fahrbahn nutzen dürfen? Blogger Droopy mahnt Regeltreue bei den Radlern an:

Bonjour Que les cycistes soient déjà plus respectueux du code de la route et respectent les feux rouges. Il n’est pas normal de que n’importe qui puisse utiliser la route sans connaître un minimum du code de la route. Il faut mettre dans le même sac les scooters. Alors un peu de respect des règles de conduite et ensuite vous pourrez vous pleindre Salutation Droopy

2) Schaffung einer geeigneten Infrastruktur für den Radverkehr. Hier scheint Paris verstärkt auf die Schaffung von Radwegen und Radstreifen neben der Fahrbahn zu setzen. Entscheidend ist die Frage: Wie gehen wir mit dem städtischen Raum um? Während in Deutschland manche Fachkreise die Zusammenführung der Verkehrsarten fordern, wird in Ländern wie Italien und Frankreich wieder stärker auf Entmischung der Verkehre gesetzt, wie das früher auch in Deutschland durchweg der Fall war. Zitat:

Germain Couvert, le père de la jeune femme écrasée le 2 mai par un autobus a dénoncé sur RTL la cohabitation de véhicules lourds et de vélos dans les mêmes couloirs.

„Il doit y avoir des pistes cyclables où les véhicules ne peuvent pas aller et les piétons non plus“, a déclaré Germain Couvert .

„Avoir eu l’idée invraisemblable de faire cohabiter dans le même couloir les autobus et les vélos, c’est de la folie“, a-t-il estimé. „Les autobus sont les véhicules les plus dangereux, les plus lourds, les moins maniables d’autant que les Vélibs sont extrêmement mal faits, le guidon est très lourd, chaque fois qu’un cycliste démarre, la roue fait des zigzags“, a-t-il ajouté.

3) Kampagnen für einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel. Alle Beteiligten, Fahrradverbände, Autofahrerverbände, Polizei, Kommunalpolitiker müssen an einem Strang ziehen. Nur durch ständige Rücksicht, unablässig eingeübte Verantwortung füreinander lassen sich Unfälle der schlimmsten Art vermeiden. Zitat:

Annick Lepetit, adjointe PS aux Transports à la mairie de Paris, a souhaité lundi 23 juin „sensibiliser de façon forte l’ensemble des usagers au partage de l’espace public“ pour „faire évoluer les mentalités“.

„Je souhaiterais qu’on travaille en commun avec la préfecture de police“ a indiqué lundi à l’AFP Annick Lepetit, qui a lancé un „appel à la vigilance de tous“ pour la circulation à Paris.

Elle a précisé qu’entre 2001 et 2007, le nombre de cyclistes en général avait augmenté de 94% à Paris, bien qu’ils ne représentent encore que 2 à 3% du trafic.

Outre une campagne d’affichage sur les panneaux de la Ville, la mairie envisage des aménagements de voirie en concertation avec la préfecture et la RATP.

Zwei sehr gute Kampagnen für solch einen Bewusstseinswandel kann man im Internet studieren:

Rücksicht kommt an. Kampagne des ADFC Bonn

Radlust Fahrradkommunikation

Des pistes pour améliorer la sécurité en vélo

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Jun 242008
 

Freuet euch, es stimmt: Die Union bekennt sich zum Fahrrad! In dem gestern verabschiedeten Antrag des CDU-Bundesvorstandes an den 22. Parteitag heißt es auf S. 16 wörtlich:

Jeder Bürger kann eigenverantwortlich zur Reduzierung der verkehrsbedingten Umweltbelastung beitragen. Dies gilt insbesondere für den Freizeitverkehr, der bislang in Deutschland zwei Drittel des Pkw-Verkehrs ausmacht. Das Fahrrad spielt als umweltfreundliches Verkehrsmittel eine Schlüsselrolle. Die Union setzt sich konsequent für die Stärkung des Radverkehrs und die bessere Vernetzung mit anderen Verkehrsmitteln ein.

Bemerkenswert ist die Eindeutigkeit in der Wortwahl: „Schlüsselrolle“, das bedeutet: Am Fahrrad führt in der Verkehrspolitik kein Weg vorbei. „Konsequent“, das bedeutet: Mit der bisherigen Flickschusterei soll aufgeräumt werden. Gefordert sind vielmehr ganzheitliche Radverkehrsstrategien, wie sie etwa in Berlin und Hamburg bestehen. „Bessere Vernetzung“, das bedeutet: Die Mitnahme des Fahrrads in Straßenbahnen, U-Bahnen, S-Bahnen, Regionalzügen muss zur Selbstverständlichkeit werden. Vor allem aber: Es muss endlich möglich sein, das Fahrrad im ICE mitzunehmen. „Bislang“ sind zwei Drittel des PKW-Verkehrs Fahrten zum Freizeitvergnügen. Das häufige Argument „Ich brauch das Auto für meine Arbeit“ gilt nur in einem Drittel aller gefahrenen Kilometer! Mit „bislang“ sagt nun die CDU: „Das soll nicht so bleiben, wir wollen eine Verringerung des überwiegend privat veranlassten PKW-Verkehrs.“ Und eins der besten Mittel zur Verringerung des PKW-Verkehrs ist die Förderung des Fahrradverkehrs.

Wir brauchen also die Freiheit der Wahl: eine sichere Radverkehrsinfrastruktur ist unerlässlich. Auf jeder Straße muss es für Radfahrer möglich sein, gefahrlos und unbedrängt durch den PKW-Verkehr voranzukommen. Die Autofahrer müssen aufhören, öffentliches Straßenland als ihr Vorzugsrevier zu besetzen und widerrechtlich und entgegen den Bestimmungen der StVO andere Verkehrsteilnehmer wegzuhupen, wegzudrängen und einzuschüchtern. So muss etwa der vorgeschriebene seitliche Sicherheitsabstand von mindestens 1 Meter und 50 Zentimeter beim Überholen den Autofahrern in Fleisch und Blut übergehen.

Das ganze soll freiwillig erfolgen, niemand wird das Autofahren verbieten. Keine Partei will schließlich die Stimmen der Autonutzer verlieren, die zwar in Berlin eine echte Minderheit sind, aber bundesweit doch mehr als die Hälfte aller Wähler umfassen.

Das Lustige am Zeitpunkt ist: Während die CDU sich so passioniert aufs Fahrrad setzt, fordert Renate Künast von den Grünen mehr Autos, und zwar „1 Million Elektroautos“ bis 2020, die also das 1-Liter-Auto noch unterbieten. Dies tat sie in der ZDF-Sendung „Berlin direkt“ am vergangenen Sonntag, dem 22.06.2008. Sie sagte kein Wort gegen das Auto an sich, sie verschwieg, dass natürlich auch Elektroautos von irgendwoher ihre Energie beziehen müssen – vermutlich aus dem öffentlichen Stromnetz! Und natürlich verschwinden dank mehr Elektro-Autos die bestehenden Benzinkutschen nicht von Straßen, sie laufen nur etwas länger.
Was sind das für Zeiten, die wir da erleben! Das Auto ist nicht mehr der leibhaftige Gottseibeiuns für die Grünen, und die Christenunion bekehrt sich von der ehemaligen Autopartei hinweg. Sie verlangt – nun, nicht den äußerst schöpfungsfreundlichen Leihesel, wie das Jesus von Nazaret im Neuen Testament bei Markus 11, 1-7 tut. Auch Jesus ging ja nicht immer zu Fuß. Sehr wohl aber verlangt die CDU den fast ebenso schöpfungsfreundlichen Drahtesel, egal ob leihweise oder im Dauerbesitz. Eine echte Schlüsselszene, daran sollten wir denken.

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Jun 222008
 

Immer wieder fragen mich Verkehrsexperten: „Warum tut sich die CDU so schwer mit dem Fahrrad? Warum kämpfen so wenige CDU-ler für nachhaltige Mobilität und setzen munter weiter aufs Auto und aufs Flugzeug? Wofür steht denn das C? War Jesus Christus nicht ein armer Unterschichtenjude, der fast immer zu Fuß ging und sich nie eine Sänfte oder ein Pferd leisten konnte wie die Reichen seines Landes?“ Gute Frage! Morgen wird sich der CDU-Bundesvorstand mit einem 25-Seiten-Papier zum Klima-, Umwelt- und Verbraucherschutz befassen. Ich kenne das Papier nur in Auszügen. Nach einem Bericht der Berliner Zeitung vom 19. Juni 2008 „entdeckt die CDU das Fahrrad als Umweltverkehrsmittel Nummer Eins“. Wirklich, entdeckt sie es erst jetzt? Schauen wir uns doch an, wie sich erfolgreiche Unionspolitiker in den Städten für das Fahrrad einsetzen:

Beispiel Stuttgart: Der CDU-Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster möchte die hügelige Neckarstadt zur attraktiven Fahrradstadt umgestalten. Er möchte den Anteil der Fahrradfahrten am Gesamtverkehr auf 20 Prozent steigern. Er setzt dabei auf ein bisschen Nachschub: das Elektro-Fahrrad Pedelec. „Runter vom Rad, rein in die Sitzung“, erklärte Bürgermeister Schairer, picco bello in Anzug und Krawatte gekleidet. Und siehe: Er hat die letzte Wahl gewonnen (Quelle: ADFC Radwelt 3/08, S. 10).

Beispiel Augsburg: Der neue CSU-Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl setzte im Wahlkampf auf das Prinzip „Freiheit der Wahl“. Er wandte sich gegen die einseitige Bevorzugung von Bussen und Bahnen und erklärte den Ausbau der Fahrradinfrastruktur zur Chefsache. Unter anderem verlangte er ausdrücklich als Punkt 100 seines 100-Punkte-Programms, den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) bei Straßenbauplanungen stets mit einzubeziehen. Und siehe: Er hat die letzte Wahl gewonnen.

Beispiel Hamburg: Bereits vor der Wahl, am 21.02.2008, erklärte CDU-Vormann Ole von Beust die Verdoppelung des Radverkehrs auf Kandidatenwatch zu seinem Ziel: „Bis zum Jahr 2015 soll sich der Anteil des Radverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen in unserer Stadt verdoppeln. Dies ist das erklärte Ziel der Radverkehrsstrategie für Hamburg, die auf Initiative der Hamburgischen Bürgerschaft von einem Fahrradforum mit Vertretern aus allen betroffenen Bereichen erarbeitet wurde.“ Und siehe: Er gewann die Wahl.

Ergebnis: Überall, wo die Christenunion glaubwürdig aufs Fahrrad und nachhaltige Mobilität setzt, gewinnt sie die Wahlen in Großstädten und Stadtstaaten. Ist der Umkehrschluss ebenfalls zulässig, dass das Werben mit noch mehr Flugverkehr und noch mehr Autobahnen in Großstädten beim Wahlvolk schlechter ankommt? Das morgen tagende CDU-Präsidium wird sich angesichts ständig steigender Kerosin- und Benzinpreise damit zu befassen haben. Nebenbei: Air Berlin hat laut Handelsblatt vom 18.06.2008 Streckenstreichungen sowie 52 Entlassungen angekündigt. Die Trendwende beim Billigflugverkehr wird also kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche.

In dem morgen zur Beratung anstehenden Papier heißt es jedenfalls: „Das Fahrrad spielt als umweltfreundliches Verkehrsmittel eine Schlüsselrolle.“ Die Union setze sich „konsequent für die Stärkung des Radverkehrs“ ein. Euer Wort in Gottes Ohr!

Wir sind gespannt!

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Jun 212008
 

kberg_schule21062008044.jpg Die amtliche Ablehnung unseres Wunsches, unser Sohn möge auf der uns bekannten, in nächster Nähe gelegenen Grundschule aufgenommen werden, erreichte uns am 13. Juni 2008. Was sollen wir tun? Die Schule, auf die er gehen soll, liegt in einem türkisch-arabischen Sozialghetto, das wir von einigen Spielplatzbesuchen kennen. Es sind alles nette Kinder, die auch einigermaßen Deutsch sprechen können. Ich mag sie! Die Wohnblocks sind übersät mit Satellitenschüsseln. In einem Innenhof gibt es ein gescheitertes Ökoprojekt zur natürlichen Reinigung von Abwasser. Was sollen wir tun? Wegziehen, doch noch schnell eine andere Schule suchen, Widerspruch einlegen? Oder sollen wir uns bereiterklären, etwas zur besseren Durchmischung der Sozialmilieus zu tun, und unseren Sohn einer Schulpopulation mit über 40% Türken, 30% Libanesen und ein paar anderen Nationalitäten, darunter weniger als 10% mit Deutsch als Muttersprache,“zur Verfügung stellen“?
Doch so wie uns gibt es Hunderte! Beim Einkaufen am Samstag abend entdecke ich im Bioladen an der Ecke ein lustiges Plakat: „Sind Kreuzbergs Schulen noch zu retten?“ Beredt wird Klage geführt über Behördenwillkür und Elternfrust. „Es hagelt Ablehnungen von den wenigen Wunschschulen.“ Kreuzbergs Bürgermeister habe sein Kind auf eine freie Schule in einen anderen Bezirk geschickt, nur 5 von 12 Bezirksschulräten in Berlin hätten überhaupt eigene Kinder, keiner davon würde seine Kinder an eine Kreuzberger Schule schicken. Es gebe keine Elternwahl der Schule, die Familien würden auf unerträgliche Weise bevormundet, einem ideologischen Projekt würden die Kinder aus „bildungsinteressierten“, lernfördernden Familien geopfert usw. Schuleinzugsbereiche würden auf willkürliche Weise ohne Rücksicht auf gewachsene Sozialstrukturen und Nachbarschaften gezogen.
Als mögliche Auswege werden vorgeschlagen: aus dem Bezirk wegziehen, eine Scheinummeldung vornehmen, rasch doch noch eine freie Schule gründen, sowie Proteste einlegen gegen eine überforderte (oder unfähige?) Schulverwaltung.

kberg_schule_21062008043.jpg

Eine Versammlung wird hierzu stattfinden am 26. Juni 2008, 20 Uhr, in der Passionskirche am Marheinekeplatz. Ich würde da gerne hingehen! „Politiker und andere Ideologen“ sind dort laut dem Aufruf ausdrücklich unerwünscht. Letzteres halte ich für falsch! Wenn man den zuständigen Behörden und Politikerinnen derartig massiv Unfähigkeit und ideologische Verbohrtheit unterstellt, wie es die Autoren des Plakates tun, dann muss man den Angesprochenen auch die Möglichkeit geben sich zu rechtfertigen. Man sollte die Bezirksschulrätin Monika Herrmann einladen – ich werde dies selbst tun und nehme dafür gerne den geballten Unmut der Eltern auf mich!

Man sollte gemeinsam fragen: „Wie kann man die unhaltbare Situation noch retten? Was können wir gemeinsam tun?“ Ohne die Behörden, ohne die zuständige Bezirksstadträtin wird es kaum gehen.

Nach meinen Eindrücken sind die Frauen und Männer in der Bezirksschulverwaltung bemüht, die Lage nach Kräften zu bewältigen. Dass die Kreuzberger Bezirkspolitiker keine eigenen Kinder in Kreuzberger Schulen schicken, ist ihnen nicht zum Vorwurf zu machen. Alle Eltern suchen doch stets das Beste für den eigenen Nachwuchs! Nur wenige lieben die multikulturelle Welt so sehr, dass sie der Welt ihren eigenen Sohn opfern. Sollen die Kreuzberger Schulleiter denn die deutschen Kinder züchten?

Die Kreuzberger Lehrerinnen und Lehrer leisten aber nach allem, was ich höre, sehr engagiert und mit großem Geschick ihren Beitrag zum Heranwachsen einer neuen, multikulturell geprägten Gesellschaft, fühlen sich aber wohl oft alleingelassen; sie brauchen mehr konstruktive Mitarbeit von den Eltern, der Schulverwaltung und der Politik. Und wir wissen: Bereits jetzt stammt jedes zweite Kind unter drei in Berlin aus einem „Migrationshintergrund“ (z.B. auch mein zweiter Sohn), im Jahr 2020 werden in deutschen Großstädten zwei Drittel aller Kinder einen „Migrationshintergund“ haben, d.h. mindestens eines der Eltern wird Deutsch nicht als Muttersprache haben. Das ist ein Fakt. Wir haben in Kreuzberg die großartige Chance, hierfür brauchbare, überzeugende Modelle für den Rest des Landes mitzuentwickeln! So wie bisher kann es nicht weitergehen, das ist klar, die Politik konnte bisher kein gutes Modell entwickeln, um Eltern und Kinder aus allen Nationen auf den gemeinsamen Weg mitzunehmen. Müssen wir Eltern also die Politik mitnehmen? Wachrütteln? Erlösen?

Es geht aber doch! Wir haben erst kürzlich einen herrlichen Kindergeburtstag bei uns zuhause mit mehrheitlich türkischen Kindern, einem polnischen Kind, einem deutschen Kind und einem deutsch-russischen Kind gefeiert und dabei Lieder in diesen Sprachen gesungen!

Reinen Wein eingeschenkt hat uns das Schulamt allerdings nicht. Man hat uns viel zu lange hingehalten, so dass wir kaum mehr zeitgerecht reagieren können. Das war nicht OK.

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Jun 212008
 

Gerechtigkeit, Freundschaft, Sicherheit – das sind alles schlichte, uralte Tugenden. Der Koran, die Bibel, Platon, Aristoteles, der Talmud und Immanuel Kant sind voll von Erwägungen darüber! Wer Gerechtigkeit und Freundschaft fordert, liegt eigentlich nie falsch. Zunehmend erkennen das auch Bürgerbewegungen und politische Gruppierungen. Sie sagen nicht mehr: „Weg mit den umweltschädigenden erdölgestützten Verkehrsmitteln!“, sondern schreiben sich bewährte Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit oder Freundschaft auf die Fahnen – oder auch buchstäblich auf den nackten Leib. Eins der vielen Beipiele für diese neue Schlichtheit in der Kommunikation entnehme ich der Berliner Morgenpost aus dem Hause Axel Springer, und zwar der Ausgabe vom 08.06.2008:

Splitternackt sind gestern Hunderte Menschen durch das Zentrum von Madrid geradelt, um für mehr Sicherheit für Radfahrer im Straßenverkehr zu demonstrieren. Die Demonstranten fuhren am Morgen von der Plaza de Cibeles in Richtung Plaza de España los. Die Kundgebung stand unter dem Motto „Nackt im Angesicht des Verkehrs, Gerechtigkeit auf der Straße“. Autos verstopften die Straßen und machten sie zu „feindlichen und gefährlichen Orten“, erklärten die Organisatoren.

Bemerkenswert: Erneut wird der Begriff „feindlich“ gewählt, um den Ist-Zustand zu beschreiben. Dies dürfte bestätigen, was wir im vorherigen Eintrag schrieben: Letztlich hat sich die Art Mensch nicht von der Einteilung der Welt gemäß dem Freund-Feund-Schema entfernt. Diese Unterscheidung scheint biologisch verankert zu sein wie Lachen und Weinen.

An dieser Grunddisposition können wir kaum etwas ändern. Es gilt also für uns, bewusst Freundschaft zu säen, wo bisher Feindschaft erfahren wird, z.B. durch eine bessere, freundschaftliche Art des Miteinander-Umgehens im Straßenverkehr. Man muss sich ja nicht immer gleich ausziehen.

Hunderte Radler protestieren nackt in Madrid – Panorama – Printarchiv – Berliner Morgenpost

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Feindseliger Stinkefinger? Nein: Wir brauchen Freundschaft im Straßenverkehr

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Jun 172008
 

Immer wieder erschrecken uns niederschmetternde Beobachtungen und Meldungen über das ruppige Verhalten mancher Radfahrer, mancher PKW-Fahrer, mancher Taxifahrer, mancher LKW-Fahrer, mancher Busfahrer, mancher Motorradfahrer. Neueste Beispiele: In der Radwelt Nr. 3/2008, dem ADFC-Magazin, berichtet Roland Huhn auf S. 26-27 unter der Rubrik „Vorsätzliche Angriffe auf Radfahrer“ über ein bewaffnetes Gefecht zwischen einem Radfahrer und einem PKW-Fahrer. Waffen auf Seiten des PKW-Fahrers: Anhupen, Abdrängen, Beschleunigen, Überfahren, Unter-dem-Wagen-Mitschleifen. Waffen auf Seiten des Radfahrers: ausgestreckter Mittelfinger, Schlag mit der Hand auf die Motorhaube. Der Radfahrer unterlag, er trug mehrere Knochenbrüche an Arm, Becken und Schädel und schwere Verbrennungen durch den heißen PKW-Auspuff davon und musste sich langwierigen Operationen und einer Hauttransplantation unterziehen.

Aus Berlin wiederum wird ein Gefecht zwischen einem Radfahrer und einer Busfahrerin berichtet.

„Erst am Montagabend hatte in Lankwitz ein wegen eines vorangegangenen Fahrmanövers genervter Radfahrer einer 31-jährigen Busfahrerin mit einem Faustschlag das Nasenbein gebrochen.“

Erneuter Angriff auf einen Bus

Derartige Fälle, zu denen wohl jeder Verkehrsteilnehmer aus eigner Anschauung weitere Erlebnisse anfügen kann, beweisen: Im Straßenverkehr werden immer wieder tiefsitzende Instinkte ausgelöst, die im gewöhnlichen Umgang tief in unserer Seele schlummern. Nirgendwo sonst wird so schnell, so unbegründet, so maßlos beleidigt, verletzt und getötet wie im Straßenverkehr. Jedes Jahr sterben in der Europäischen Union etwa 50.000 Menschen durch zum allergrößten Teil vermeidbare Verkehrsunfälle, Hunderttausende werden verletzt. Man vergleiche bitte diese Zahl mit der Zahl der Opfer des fundamentalistischen Terrorismus pro Jahr in den europäischen Ländern, und man wird erkennen, wie ungleich und ungerecht die öffentliche Debatte verläuft. Öffentliche Aufmerksamkeit ist ein hochgradig manipulierbares Gut.

Was wir brauchen, ist ein bewusstes, beharrliches und anhaltendes „Gegensteuern“ gegen diese jäh aufflammende Feindschaft. Ich spreche von „Feindschaft“, weil nur ein so tief verwurzeltes Gefühl wie „Haß“ oder „Feindschaft“ die oben genannten Exzesse im Straßenverkehr erklären kann. Ich nehme mich selber da nicht aus, spüre selbst manchmal eine urtümlich-groteske Aggression in mir hochkochen, wenn jemand mir als Autofahrer den letzten freien Parkplatz wegschnappt oder mich als Fahrradfahrer bedrängt und gefährdet. „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erkennen.“ Woher kommt dies? Psychologen bieten als Erklärung an: Revieransprüche, Imponiergehabe, Frustgefühle aus dem Alltag … die Liste ließe sich verlängern. Biologen sagen: Der Mensch hat sich durch hunderttausende von Jahren der Evolution ein sicheres Laufverhalten angeeignet. Der Mensch ist eigentlich ein leidlich angepasstes, auf zwei Beinen laufendes Tier! Fußgänger, Wanderer und Läufer brauchen deshalb keine Verkehrsordnung. Sobald der Mensch aber fährt, ist er physiologisch unter enormer Belastung; auf dieses Übermaß an Reizen reagiert er mit Abwehr, Angriff, Drohverhalten – mit einer Fülle an Stressreaktionen, die sofort wieder abflauen, wenn er das Fahrzeug verlässt.

Das Gegenteil von Feindschaft ist Freundschaft. Wie kann man Freundschaft säen, wo sonst Feindschaft blüht?

Regeltreue ist das erste. Mühsame Einhegung der destruktiven Neigungen in unserer Seele ist ein Ziel der Straßenverkehrsordnung. Ein Rot ist ein Rot – für alle, auch für Radfahrer. Die Straßenverkehrsordnung gilt für alle, die am Straßenverkehr teilnehmen. Es kann nicht dem Ermessen des einzelnen überlassen bleiben, ob er sich daran hält.
Reviergrenzen achten ist das zweite! Radfahrer gehören nicht auf den Fußweg, sondern entweder auf die Fahrbahn oder auf eine eigene Radverkehrsanlage, also den Radstreifen oder den Radweg. Sehen und Gesehenwerden, Hören und Gehörtwerden sind unerlässlich. Deshalb: funktionierendes Licht, helltönende Klingel gehören zur unverzichtbaren Grundausstattung jedes Fahrrades.

Und drittens: An den anderen denken, vorausschauen, sich in den anderen hineinversetzen sind Haltungen, die wir gewohnheitsmäßig einüben müssen.

Wir brauchen Freundschaft.

Das Motto im Straßenverkehr darf nicht lauten: Platz da, jetzt komme ich. Ich habe Recht, kapier das doch endlich, sonst kannst du was erleben!

Der Wahlspruch im Straßenverkehr lautet: Ich denke gern an dich. Ich pass auf dich auf. Sei mein Freund.

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Jun 132008
 

„Die Vaterstadt, wie find ich sie wieder …?“ fragte einst Bert Brecht bei seiner Rückkehr in seine zerbombte Heimatstadt Augsburg. War sie zerbombt, als ich vergangenen Samstag zurückkehrte? Nein, im Gegenteil! Verändert, gewandelt – ja, aber immer noch dieselbe aufgeräumte, maßvolle, überschaubare und im Grunde wohlgeordnete Welt! Die Wiederbegegnungen mit den Klassenkameraden offenbarten eine über all die Jahrzehnte hinweg eher noch vergrößerte Nähe – vermutlich ist uns allen klar, dass keine Zeit so prägenden Einfluss auf den Menschen ausübt wie die ersten zwanzig Lebensjahre. Das hält zusammen, auch wenn die Wege sich stark entfernen.

In der Predigt des Gottesdienstes hob Prior Pater Theodor hervor, wie fundamental das Christentum durch die Kultur der Erinnerung geprägt sei. Ich fügte in Gedanken hinzu: Das gilt auch für Judentum und Islam. „Ich bin mein Erinnern“, so Augustinus. In der Kirche durfte ich auf der Geige zwei Soli spielen: Das berühmte Air von Bach aus der Orchestersuite Nr. 3 D-Dur, und zusammen mit Irina Potapenko Vivaldis „Gloria patri“, Willi Hafner spielte die Orgel.

Bezeichnend der folgende Dialog mit dem neben mir stehenden Kameraden beim Gruppenfoto im Seminarhof: „Und wer bist du?“, fragte ich den neben mir Stehenden, der mir freundlich die Hand angeboten hatte. … Es war der Schuldirektor – also ein Großer, ein Mann, der sechs Jahre vor mir das Abitur gemacht hatte! Er erlaubte mir gleich, beim Du zu bleiben.

Dieses „Du“ ist bezeichnend für den Wandel: All die kirchlichen und weltlichen Autoritäten und Amtsträger von heute sind weit weniger distanziert, als ich sie damals erlebte. Sie sind zum Anfassen, man kann sie sozusagen duzen. Ich halte das für einen gesellschaftlichen Wandel, der nicht nur dadurch erklärbar ist, dass ich selber mittlerweile in die Altersgruppe der „Erwachsenen“ eingerückt bin.

Im St.-Gallus-Kirchlein, das wir unter kundiger Führung von Pater Theodor besichtigten, beeindruckte mich die Geschichte des Rochus von Montpellier: Er kümmerte sich um die Aussätzigen und Pestkranken, wurde angesteckt und durch Narben und Blattern entstellt. Bei der Rückkehr in seine Vaterstadt Montpellier, nach langen Wanderjahren, erkannte ihn niemand. Man warf ihn unter dem Vorwurf der Spionage ins Gefängnis. „Das ist ein Migrant ohne Personalausweis und ein Spion, den brauchen wir hier nicht!“, sagten die Bürger von Montpellier. Er schmachtete 5 Jahre in der Haft. Dann starb er.

Erst nach seinem Tode erkannten sie an einem bezeichnenden kreuzförmigen Muttermal: „Das ist einer von uns!“

rochus07062008.jpg

Unser Bild zeigt die Statue des Rochus von Montpellier in der Sankt-Gallus-Kirche in Augsburg.

„Das ist einer von uns!“, „Das gibt es bei uns auch!“ Unter dieses Motto stelle ich auch meine Tischrede im Ratskeller von Augsburg. In uralten Gewölben erhebe ich meine Stimme. Wie der mythische Antaios verspürte ich neue Kräfte beim Betreten der alten Erde! Wer hat hier, in diesem Prachtbau von Elias Holl, vor mir schon alles gegessen und geredet? Ich spreche über Persien in der Antike und den Iran heute, zitiere aus den „Persern“ des Aischylos und dem Buch Ester der Bibel. Kulturen bedrohen einander mit wechselseitigen Vorwürfen und Unterstellungen: „Ihr wollt uns alle vernichten!“ So damals wie heute. Aber die attische Tragödie des Aischylos versetzt sich in das Leid der ehemaligen Feinde hinein. Durch Erschütterung, Schmerz, Trauer bewirkt Aischylos eine befreiende Erfahrung: Wir können miteinander sprechen, uns ineinander hineinversetzen. Griechen und Perser – so unterschiedlich sie sind – erfahren einander als die „nächsten Fremden“. Gesang, Tanz, religiöse Erfahrungen wie etwa die Tragödie verbinden die Feinde von ehedem. Wir brauchen diese Haltung auch heute. Es lohnt sich, diese uralten Texte wieder und wieder zu lesen. Mein Griechischlehrer von damals sitzt unter den Zuhörenden, kommt nachher auf mich zu und pflichtet mir bei. Einen Heiterkeitserfolg erziele ich, als ich ein paar griechische Verse austeile und in Gruppenarbeit übersetzen lasse. Die Auflösung wird für das nächste Jahrgangstreffen angemahnt. So sei es, gute Sache das Ganze, danke an die Organisatoren, in zehn Jahren sehen wir uns wieder!

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Kampf um „Chlor-Hähnchen“ geht in die nächste Runde

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Jun 112008
 

EU-Kommission will „Chlor-Hähnchen“ zulassen

So der Titel einer Meldung im Tagesspiegel von heute. Da klingelt doch ein Glöckchen – wurde dieses weltbewegende Thema nicht bereits in diesem Blog erwähnt? – Richtig! Thomas de Maizière hatte dieses Thema als Lehrbuchbeispiel für einen sittlich nicht eindeutig zu wertenden Interessengegensatz in der Politik genannt. „Wer ist das gute, wer das böse Hähnchen?“, so fragten wir am 09.05.2008. Er meinte: Das lässt sich so einfach nicht sagen.

Natürlich – das europäische Hühnchen steht hier in Europa viel besser da. Es hat eine gute Presse in Berlin! Auch die Leserkommentare im Tagesspiegel schlagen sich mehrheitlich beherzt auf die Seite unseres guten europäischen Federviehs. Bezeichnenderweise unterschlägt der Artikel aber wieder einmal ein entscheidendes Argument, das de Maizière allerdings sehr wohl genannt hatte: dass nämlich die amerikanischen Hühnchen in einer viel naturnäheren Umgebung aufwachsen dürfen, als die europäischen Vorschriften für Massentierhaltung dies zulassen würden.

Man kann die ganze Sache auch umdrehen: Die klinisch nahezu sterile Umgebung der Massentierhaltung nach europäischen Normen macht selbst eine kurze nachträgliche Chlorbehandlung unnötig. Jeder, der schon einmal eine europäische Massen-Geflügelfarm mit lebenden Objekten besichtigt hat, mag sich selber fragen: Was ist appetitlicher? Wer hat recht?

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Jun 102008
 

Banges Warten herrscht in unserer Familie auf den Bescheid des Schulamtes Friedrichshain-Kreuzberg. Wohin geht unser Sohn ab nächstem Jahr zur Grundschule? Der Bescheid ist immer noch nicht da, mehrfache Zusagen des Schulamtes sind nicht eingehalten worden. Bereits im Oktober 2007 hatten wir fristgemäß unseren Antrag auf Einschulung bei der örtlich näher gelegenen, uns bestens bekannten und empfohlenen Grundschule, der Kreuzberger Adolf-Glaßbrenner-Grundschule, eingereicht. Dieses Blog berichtete im Oktober und am 1. Dezember 2007. Administrativ liegen wir im Einzugsbereich der viel weiter entfernt gelegenen Kreuzberger Fanny-Hensel-Grundschule. „Sie bekommen Anfang Mai 2008 Ihren Bescheid, warten Sie’s einfach ab. Fast alle Wünsche auf Einschulung in einer anderen Grundschule können befriedigt werden.“ So hörten wir’s damals landauf landab, unisono von Amtsmitarbeiterinnen, Schulleiterinnen und zuständigen Stellen. Aber die letzten Auskünfte, die ich telefonisch einhole, lauten ganz anders: „Es sieht schlecht aus. Wir sind voll. Ohne Geschwisterkind werden Sie bei Ihrer Wunschschule nicht reinkommen.“ Das Friedrichshain-Kreuzberger Schulamt ist offensichtlich überflutet und überfordert, kommt mit Anträgen und Fristen nicht zurecht. Wo bleibt bloß der Bescheid, der schon vor 6 Wochen hätte eintreffen müssen? Wird unser Sohn jetzt in eine Schule gehen, an der nach eigener Auskunft 41% der Kinder die Türkei, 32 % den Libanon und 6% Polen als „Herkunftsland“ angeben? Müssen wir umziehen? Soll unser Sohn die deutsche Schule in Moskau besuchen? Man lese doch im auskunftsfreudigen Schulprogramm der Fanny-Hensel-Schule nach! Kann unser Sohn gut genug Türkisch, Arabisch und Polnisch, um auf dieser Schule mithalten zu können? Wird er mit Deutsch und Russisch als Muttersprachen nicht zum Außenseiter abgestempelt werden? Zweifel und Ängste sind angebracht.

Interessant hingegen ist die ethnologische Perspektive: Der Tagesspiegel bringt heute auf S. 16 einen weiteren Hintergrundbericht zu Mentalitätsunterschieden zwischen Deutschland und den Herkunftsländern unseres multikulturellen Umfeldes: Fatma Bläser vom Verein Hennamond berichtet an verschiedenen Berliner Grundschulen, wie sie in der Türkei zwangsverheiratet wurde, dann aber trotz einer Reihe von Morddrohungen den Ausstieg schaffte:

14 500 Schüler, 137 Schulen – Fatma Bläser findet Gehör

Die Ausreise nach Deutschland in den 70er Jahren empfand Fatma zunächst als Befreiung, doch bald fing der Vater an, sie wegen Nichtigkeiten zu schlagen und zu Hause festzuhalten. Als sie die Schule beendet hatte, wurde sie in der Türkei zwangsverheiratet: Zurück in Deutschland weigerte sie sich, ihren Ehemann anzuerkennen. Stadttdessen heiratete sie einen Deutschen. Es kam zum Bruch mit der Familie, ein Mordkommando wurde auf sie angesetzt. Als es aufflog, sollten ihre Brüder sie töten. Zwei weigerten sich, einer kam mit einer Pistole zu ihr, ließ sich aber von seinem Vorsatz abbringen. Erst nach zehn Jahren kam es zu einer Aussöhnung mit ihren Eltern.

Zwangsverheiratungen scheinen auch in Berlin ein häufiges Phänomen zu sein. Schön, wenn man bereits an der Grundschule in diese Unterrichtsgegenstände eingeführt wird. Unser Sohn wird somit eine exzellente Grundausbildung im Bereich interkultureller Verständigung erfahren. Übrigens: Wir werden ihn nicht zwangsverheiraten. Er wird selbst entscheiden.

Über die Grundschule, die unsere Kinder besuchen, dürfen wir ja leider in Berlin nicht selbst entscheiden.

Schulamt Friedrichshain-Kreuzberg: Wir warten. Wie können wir euch helfen?

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Changing Trains, Changing World, Changing Stages

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Jun 062008
 

Gestern erlebte ich beim Umsteigen auf einem Berliner S-Bahnhof Ungewissheit als die Kraft, die zum Wandel des eigenen Selbst führt. Also galt: Changing trains – changing self. Heute fahre ich nach Augsburg zum Klassentreffen. Ich freue mich schon, die alten Schulkameraden wiederzusehen. Was ist aus ihnen geworden? Was ist aus dir geworden? Ich habe einen kleinen Festvortrag angemeldet und vom Veranstalterkomitee zuerkannt bekommen: – „Von Heulsusen und Jubelpersern – das Perserbild bei Aischylos und im biblischen Buch Ester“. Ich werde nachzuweisen suchen, dass negative Vorurteile über die Perser im besonderen und die Asiaten allgemein sich weitgehend unverändert über die Jahrtausende erhalten haben – zum Schaden beider Seiten, mit riesigen Folgekosten, deren letzte noch heute Tag um Tag gezahlt werden – mit Menschenleben, mit Billiarden Dollar an Kriegskosten, und vielen vielen zerstörten Chancen.

Edith Hall, die Klassische Philologin an der Universität London, schreibt hierzu in ihrem Kapitel „Changing world, changing stages“ unter dem Obergriff „Recasting the Barbarian“:

Aeschylus‘ Persians has played an indisputable role in the perpetuation of the ideological conflict between East and West that has recently re-erupted with such terrible violence. It has historically helped to reinforce the adoption by Christian mindset of a primary Other in the shape of Islam. The third-millenial vilification of the Arab world has a long history which cannot be dissociated from the rediscovery of ancient Greek xenophobia and prejudices against non-Greeks in the East.

Edith Hall: The Theatrical Cast of Athens. Interactions between Ancient Greek Drama and Society. Oxford University Press, 2006, hier: Seite 220

Das verspricht spannend zu werden! Wir haben uns damals redlich geplagt mit Latein und Griechisch – damals an St. Stephan noch verpflichtend vorgeschrieben für alle Schüler – neben der üblichen zweiten Fremdsprache Englisch! Ein bisschen Spaß muss auch sein – deshalb werde ich kleine Abschnitte aus Aeschylus und aus der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel, austeilen – mal sehen, wie weit wir noch kommen …

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Umschlag

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Jun 052008
 

05062008.jpg In Schöneweide. Spät abends treten die Streckenarbeiter über die Gleise. In Richtung Baumschulenweg versinkt die große Stadt glutrot. Und einen kurzen Augenblick weißt du nicht, in welche Richtung du einsteigen sollst. Es war nur ein Augenblick. Dann steigst du ein. Nichts ist geschehen, aber wieder bist du ein anderer geworden.

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Jun 032008
 

Medienschelte durch aktive Politiker? Das kommt einfach nicht gut an, geht fast immer nach hinten los. Der neueste Fall erschüttert unser Stadtgespräch seit gestern. Man lese doch nur die Leserbriefe zum Thema im Online-„Tagesspiegel“ von heute.

Friedbert Pflüger fordert Aus für „Anne Will“

Gut finde ich aber, dass endlich jemand offen zugibt, seinen Einfluss im Rundfunkrat kraft Amtes geltend machen zu wollen. Wer von den anderen Rundfunkräten ist schon so ehrlich und steht dazu? Noch besser wäre es, wenn man die Unabhängigkeit und Professionalität eines Journalisten aus dem eigenen Spektrum in Zweifel zöge! Dann würde Wowereit etwa sagen: „Hallo Leute, der Einspieler bei Anne Will enthielt ein paar irreführende Behauptungen!“ Wird er das tun, hat er das schon getan? Es würde ihm einen riesigen  Sympathiebonus bei den Wählern bringen!

Gefahr allerdings: Es gibt auf jeder Seite des nach Proporz aufgeteilten Journalistenspektrums in unseren Öffentlich-Rechtlichen ein paar recht auffallende „Parteigänger“ und „Hofberichterstatter“, die es mit der Sorgfaltspflicht nicht allzu genau nehmen.  Sollen aktive Politiker jeden einzelnen Journalisten auf Glaubwürdigkeit durchleuchten, obendrein hinter den gut abgeschirmten Türen unserer Aufsichtsgremien? Weder ARD noch ZDF noch taz noch BILD stellen die Wahrheit unverkürzt dar, überall unterlaufen Einseitigkeiten und auch Fehler. Soll man sich drüber aufregen? Jammern über „Rotfunk“ oder „Schwarzfunk“ lohnt nicht! Es bleibt nichts übrig, als für seine Meinung zu kämpfen, Dinge klarzustellen – wie es etwa Jürgen Todenhöfer in seinen Büchern macht, in denen er den meisten westlichen Medien insgesamt eine verzerrende Darstellung nachweisen kann. Er tut dies übrigens im C. Bertelsmann Verlag, der zu Random House gehört – einem der mächtigsten westlichen Medienimperien weltweit!

Die Welt unserer Medien ist also recht vielfältig, niemand ist gezwungen, sich lustige oder langweilige Komödien am Sonntagabend anzuschauen, deren Informationsgehalt – wie alle wissen – im freien Fall begriffen ist.

Ein dirigistischer Eingriff seitens staatlicher Gremien, etwa Forderungen nach Absetzung einer schlecht gemachten Sendung durch die Rundfunkaufsicht, sind der falsche Weg. Wer solche Forderungen erhebt, schadet sich selbst.

 Posted by at 13:59