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Muss die CDU das Fahrrad erst noch entdecken?
Immer wieder fragen mich Verkehrsexperten: “Warum tut sich die CDU so schwer mit dem Fahrrad? Warum kämpfen so wenige CDU-ler für nachhaltige Mobilität und setzen munter weiter aufs Auto und aufs Flugzeug? Wofür steht denn das C? War Jesus Christus nicht ein armer Unterschichtenjude, der fast immer zu Fuß ging und sich nie eine Sänfte oder ein Pferd leisten konnte wie die Reichen seines Landes?” Gute Frage! Morgen wird sich der CDU-Bundesvorstand mit einem 25-Seiten-Papier zum Klima-, Umwelt- und Verbraucherschutz befassen. Ich kenne das Papier nur in Auszügen. Nach einem Bericht der Berliner Zeitung vom 19. Juni 2008 “entdeckt die CDU das Fahrrad als Umweltverkehrsmittel Nummer Eins”. Wirklich, entdeckt sie es erst jetzt? Schauen wir uns doch an, wie sich erfolgreiche Unionspolitiker in den Städten für das Fahrrad einsetzen:
Beispiel Stuttgart: Der CDU-Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster möchte die hügelige Neckarstadt zur attraktiven Fahrradstadt umgestalten. Er möchte den Anteil der Fahrradfahrten am Gesamtverkehr auf 20 Prozent steigern. Er setzt dabei auf ein bisschen Nachschub: das Elektro-Fahrrad Pedelec. “Runter vom Rad, rein in die Sitzung”, erklärte Bürgermeister Schairer, picco bello in Anzug und Krawatte gekleidet. Und siehe: Er hat die letzte Wahl gewonnen (Quelle: ADFC Radwelt 3/08, S. 10).
Beispiel Augsburg: Der neue CSU-Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl setzte im Wahlkampf auf das Prinzip “Freiheit der Wahl”. Er wandte sich gegen die einseitige Bevorzugung von Bussen und Bahnen und erklärte den Ausbau der Fahrradinfrastruktur zur Chefsache. Unter anderem verlangte er ausdrücklich als Punkt 100 seines 100-Punkte-Programms, den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) bei Straßenbauplanungen stets mit einzubeziehen. Und siehe: Er hat die letzte Wahl gewonnen.
Beispiel Hamburg: Bereits vor der Wahl, am 21.02.2008, erklärte CDU-Vormann Ole von Beust die Verdoppelung des Radverkehrs auf Kandidatenwatch zu seinem Ziel: “Bis zum Jahr 2015 soll sich der Anteil des Radverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen in unserer Stadt verdoppeln. Dies ist das erklärte Ziel der Radverkehrsstrategie für Hamburg, die auf Initiative der Hamburgischen Bürgerschaft von einem Fahrradforum mit Vertretern aus allen betroffenen Bereichen erarbeitet wurde.” Und siehe: Er gewann die Wahl.
Ergebnis: Überall, wo die Christenunion glaubwürdig aufs Fahrrad und nachhaltige Mobilität setzt, gewinnt sie die Wahlen in Großstädten und Stadtstaaten. Ist der Umkehrschluss ebenfalls zulässig, dass das Werben mit noch mehr Flugverkehr und noch mehr Autobahnen in Großstädten beim Wahlvolk schlechter ankommt? Das morgen tagende CDU-Präsidium wird sich angesichts ständig steigender Kerosin- und Benzinpreise damit zu befassen haben. Nebenbei: Air Berlin hat laut Handelsblatt vom 18.06.2008 Streckenstreichungen sowie 52 Entlassungen angekündigt. Die Trendwende beim Billigflugverkehr wird also kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche.
In dem morgen zur Beratung anstehenden Papier heißt es jedenfalls: „Das Fahrrad spielt als umweltfreundliches Verkehrsmittel eine Schlüsselrolle.“ Die Union setze sich „konsequent für die Stärkung des Radverkehrs“ ein. Euer Wort in Gottes Ohr!
Wir sind gespannt!