Aug 212008
 

Ich finde aus meiner persönlichen Sicht den Vorschlag von Gesundheitsministerin Schmidt gut, Langzeitarbeitslose nach entsprechender Schulung für die Betreuung unserer Demenzkranken und anderer Pflegebedürftiger einzusetzen. Demenz im hohen Alter ist ein Massenphänomen, das in unserer alternden Gesellschaft an Bedeutung noch zunehmen wird. Hier sind wir alle gefordert, nach Lösungen zu suchen. Eine sehr gute Lösung kann sein, zu den Demenzkranken in die Wohnung zu ziehen oder sie zu sich zu nehmen. Dies hat etwa Ministerin von der Leyen kürzlich gemacht. Ihr Kommentar: “Das schlechte Gewissen ist weniger geworden!” Hut ab, Frau Ministerin! Ich war aber sowieso schon ein Fan von Ihnen. “Just another fawning German …!”

Die Angehörigen allein sind aber häufig überfordert, da ein schwer dementer Mensch rund um die Uhr auf Abruf Betreuung und Zuwendung abraucht. Ein großer Teil dieser Arbeit wird heute in Deutschland durch Hunderttausende von osteuropäischen Frauen erbracht. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Herkunftsländer: Polen, Ukraine, Russland, Lettland, Estland, Litauen. Frauen, die aus ganz anderen Berufen kommen und keine hinreichende Ausbildung haben, schon gar nicht den jetzt ins Auge gefassten 160-Stunden-Kurs. Dennoch leisten diese Frauen aufgrund von viel Einfühlung, mühsam erworbener Erfahrung und einer richtigen Grundhaltung gute, ja oft hervorragende Arbeit. Sie sind durch ihre eigene prekäre wirtschaftliche Lage in den Heimatländern gezwungen, diese Arbeit anzunehmen.

Die sozialrechtliche Stellung vieler dieser Frauen ist ungeklärt. Sie bewegen sich in einem grauen Bereich. Jeder in der Branche weiß es. Aber der Pflegesektor in Deutschland bräche sofort zusammen, wenn man alles komplett legalisieren wollte.

Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen mit der Pflege Demenzkranker, aufgrund der Geschichten, die ich mir habe erzählen lassen, behaupte ich: Die Betreuung Demenzkranker und anderer Pflegebedürftiger nach geregelten Arbeitszeiten ist grundsätzlich für jeden erwachsenen Menschen eine lösbare und zumutbare Aufgabe. Voraussetzung dafür ist allerdings eine vorherige fachliche Einweisung, eine regelmäßige “Betreuung der Betreuer”, etwa in Art von Supervision, und vor allem ein grundsätzliches Umdenken in unserer Gesellschaft. Wichtig ist, dass die Arbeitszeiten begrenzt sind, dass man immer wieder komplett abschalten kann und sich dem sogartigen Effekt entzieht, den das Zusammenleben mit dementen Menschen hat.

Demenz in allen ihren Spielarten ist Teil der Normalität, Teil unseres Lebens. Es gilt, diesen Teil unserer Normalität anzunehmen. Alle Vorschläge zur Besserung der Lage sollen uns willkommen sein. Der Vorschlag, Arbeitslose für den riesigen, derzeit nicht abgedeckten Pflege- und Betreuungsbedarf heranzuziehen, geht in die richtige Richtung. Weitere Vorschläge sind nötig. Eine konzertierte Aktion “Pflege – das geht uns alle an” täte unserem Land gut.
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