“Wir wollen alles daran setzen, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin bleibt!”, oder: “Wer Merkel will, muss CDU wählen.” Solche und andere Aussagen kann man aus Unionskreisen immer wieder hören. Soeben sagte in genau diesem Sinne Günther Öttinger im zdf spezial: “Wir werden den Wahlkampf auf Kanzlerin Merkel zuschneiden. Der Wähler soll wissen: Das ist unser Angebot.”
Die Süddeutsche schreibt heute nach dem Wahldebakel in Bayern:
Wohl auch deshalb verlassen sich die Wahl-Strategen im Konrad-Adenauer-Haus für die Bundestagswahl 2009 auf ihr bestes Zugpferd, auf die Bundeskanzlerin. Sie ist beliebt, gilt als kompetent und hält sich aus innenpolitischem Streit raus. Sie macht sich so unangreifbar und damit taktisch gesehen alles richtig.
Union im Niedergang – Von Flop zu Flop – Politik – sueddeutsche.de
Was meint Blogger Johannes Hampel dazu?
Ich habe schon vor Monaten behauptet: Das Merkel-Argument reicht nicht aus, um die nächsten Wahlen zu gewinnen. Zwar nimmt das Gewicht der Spitzenpersönlichkeiten bei der Wahlentscheidung zu. Denn die Parteien in ihren Programmen werden immer weniger unterscheidbar, zumal in Zeiten einer großen Koalition. Aber warum reicht es nicht zu sagen: “Wer Merkel will, muss CDU wählen”?
Zunächst einmal: Eine Person ist noch kein Programm. Wenn Merkel die überragende Politikerin ist, als die sie viele, sehr viele sehen, dann – so werden viele denken – wird sie ohnehin Bundeskanzlerin. Wen sonst sollten die Parteien zum Bundeskanzler wählen? Die CDU wird nach jetzigem Stand der Umfragen stärkste Partei, folglich wird Merkel Kanzlerin. Es gibt also für Unentschlossene keinen Grund, CDU zu wählen, damit Merkel Kanzlerin bleibt. Denn sie bleibt es ja nach jetzigen Umfragen ohnehin.
Die Frage ist nur: Mit welchen Mehrheiten?
Die Wähler wollen keine Dominanz einer Partei mehr. Sie haben sich – vielleicht – vom Typ Volkspartei verabschiedet. Sie sind misstrauischer geworden, als wollten sie sagen: “Wenn wir schon Merkel weitere 4 Jahre als Kanzlerin haben, und das wollen wir ja, dann soll sie wenigstens keine allzu starke eigene Mehrheit haben. Denn den Parteien trauen wir nicht über den Weg. Wir müssen dem Kanzlerinwahlverein ein starkes Korrektiv an die Seite stellen.”
Ferner gilt: Kanzlerin Merkel wird weiterhin nicht als typische CDU-Politikerin wahrgenommen. Denn dann müssten ihre Beliebtheit und die Ergebnisse der Partei näher beieinander liegen. Man schätzt parteiübergreifend ihre mäßigende Art, die teilweise in schroffem Gegensatz zum urtümlich-polternden-unbeherrschten Gestus steht, den so viele andere Spitzenpolitiker an den Tag legen. Sie vertritt einen neuen, pragmatisch-unaufgeregten Politikertypus, der in allen Parteien noch in der Minderheit ist, der sich aber wohl in den nächsten Jahrzehnten durchsetzen wird.
Der kritische, nicht gebundene Wähler wird folglich denken: “Aha, ihr von der CDU setzt Merkel nur vorne hin, weil sie so gut ankommt und so beliebt ist. Eigentlich seid ihr aber ganz anders. Wieso sollen wir euch trauen? Wen oder was habt ihr sonst noch außer Merkel? Lasst doch mal sehen!” Wieder andere sagen: “Ich hab mein Leben lang SPD gewählt. Das nächste Mal wähl ich vielleicht Merkel. Wenn nur die CDU nicht wäre.”
Fragen über Fragen! Wir haben noch keine Antworten. Ich meine aber: Die CDU darf nicht allein auf die Karte Merkel setzen. Sie muss beweisen, dass sie von Merkel etwas gelernt hat. Eine Partei muss Konzepte und Personen vorweisen können, das vollständige Abstellen eines Wahlkampfes auf die Spitzenkandidatin erregt unweigerlich den Verdacht: Und sonst? Habt ihr sonst niemanden? Was – oder wen – habt ihr sonst noch? Die Partei muss beweisen, dass es weder Zufall noch Berechnung ist, wenn Merkel zur Vorsitzenden gewählt wurde.
Etwas sehr Gutes, Weiterführendes schreibt mittlerweile Wolfgang Wehrl, der CDU-Kreisvorsitzende aus Friedrichshain-Kreuzberg, im Rundbrief Oktober 2008, der mich heute per Post erreichte:
“Die Art und Weise, wie wir nach den richtigen Inhalten und Wegen suchen, sie in der Bevölkerung kommunizieren und Mehrheiten organisieren, aber auch wie wir mit unseren politischen Mitbewerbern umgehen, all das sagt etwas aus über unser Menschenbild und wie wir uns die Gesellschaft vorstellen, in der wir leben möchten.”
Wir halten fest: Wehrl spricht vom Suchen nach Inhalten und von Wegen, von Wegen im Plural. Er spricht von einem besseren Umgang mit Mitbewerbern – er spricht nicht einfach von Personalien. Sondern von Personalien im Lichte eines übergreifenden Politikansatzes. Und das halte ich für goldrichtig. Da kann ich jedes Wort unterstützen.
Eine gute Partei beweist sich nicht einfach dadurch, dass sie die eine oder andere herausragende Spitzenpersönlichkeit hervorbringt, an der Spitze der Bundespartei ebenso wie in den Kreisverbänden, sondern dadurch, dass sie die Bürger von außerhalb der Partei einbezieht, dass sie die gemeinsame Sache, das Wohl des Ganzen über persönliche Interessen stellt und sich selbst im hellen Licht der Öffentlichkeit zur Diskussion stellt. Unaufgeregt, aber leidenschaftlich.
Bitte mehr davon, Herr Wehrl!