Jan 162009
 

16012009.jpg “Freiheit der Wahl” –  unter diesem Motto erklärte ich gestern meinen Einsatz für das Fahrrad. Ich meine: Solange auf unseren Straßen ein Gewaltvorsprung des motorisierten Verkehrs herrscht, kann von echter Freiheit bei der Wahl des Verkehrsmittels nicht die Rede sein. Immer wieder höre ich in Moskau und Berlin: “Ich würde ja gerne Rad fahren, aber es ist mir zu gefährlich.”

Mir selbst ist es nicht zu gefährlich – denn durch jahrzehntelange Erfahrung meine ich mittlerweile Verhaltensweisen entwickelt zu haben, die mir unfallfreies Fahren garantieren. Dazu gehört in jedem Fall das Einhalten der Straßenverkehrsordnung unter allen Umständen. Nur einen einzigen Fahrradunfall habe ich übrigens in 45 Jahren gehabt, und zwar an der Wilhelmstraße, genau vor der SPD-Zentrale. Eine Autofahrerin öffnete dort die Tür beim Aussteigen, übersah mich, und ich stürzte – ohne mich zu verletzen. Aber meine besten schwarzen Schuhe von Hugo Boss zeugen heute noch davon, genauer gesagt: der rechte.  Wir schimpften erst aufeinander, sprachen uns dann aus – versöhnten uns, umarmten uns sogar nach dem Versöhnungsgespräch.

Zurück zu “Freiheit der Wahl” – unter dieses Motto stellen auch die Beweger von “Pro Reli” ihre Plakatkampagne. Heute tadelt der Juraprofessor Bernhard Schlink in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf Seite 9 die Parteinahme der Kirchen für dieses Volksbegehren. Sein Hauptvorwurf lautet:

F.A.Z.-Gastbeitrag: Die Kirchen haben schon verloren – Kirche & Religion – Politik – FAZ.NET

So, wie die Kirchen den Kampf für Volksbegehren und -entscheid führen, gewinnen sie selbst dann nicht, wenn am Ende das Wahlpflichtmodell verwirklicht wird.Mit der Trägerschaft der laufenden Kampagne „Pro Reli“ haben sie auch deren Propaganda mit allen Verzerrungen, Entstellungen und Lügen übernommen. „Pro Reli“ erklärt, dass Berlin seine Bürger auf in Deutschland einzigartige Weise bevormunde, dass Ethikunterricht Zwangsunterricht sei, dass er ohne spezifische religiöse oder weltanschauliche Ausrichtung Werte überhaupt nicht vermitteln könne, dass er mit der Vermittlung von Werten das staatliche Neutralitätsgebot verletze, dass er den Fundamentalismus fördere – es sind Verzerrungen und Entstellungen, die sich jetzt auch die Kirchen zurechnen lassen müssen. Die Kampagne spielt mit der Angst vor fundamentalistischer Indoktrination im islamischen Religionsunterricht und behauptet, Religionsunterricht sei nur als ordentliches Lehrfach in einem Wahlpflichtbereich durch den Staat auf Lehrinhalte und -methoden zu überprüfen – es ist falsch, aber die Kirchen stellen es nicht richtig und distanzieren sich nicht davon.

Der Verfassungsrechtler Bernhard Schlink lehnt ferner das zentrale Argument des Volksbegehrens ab, die geltende Lage an Berlins Schulen widerspreche dem Grundgesetz:

Die Behauptung, das Berliner Modell sei verfassungswidrig, soll es in den Augen der Empfänger der Briefe erledigen. Wer für das Volksbegehren unterschreibt, tritt nicht nur für ein pädagogisches, schul- und integrationspolitisches Modell ein und auch nicht nur für die Kirche, sondern für die Verfassung. Wer wollte sich dem verweigern! Auch dieses zentrale Argument ist schlicht falsch – und die Kirchen wissen es. Das Grundgesetz sieht ausdrücklich vor, dass Religionsunterricht in Berlin nicht ordentliches Lehrfach sein muss. Berlin hat bei der Gestaltung des Religionsunterrichts eine besondere verfassungsrechtliche Freiheit.

Was soll man nun davon halten? Wenn der Gesetzentwurf mit juristisch falschen Argumenten begründet wird, dann steht das Begehren auf wackligen Füßen.

Mein Eindruck: Das Volksbegehren erzählt keine Geschichte. Ich spüre kein Anliegen, keine Botschaft. Keins der Argumente für oder gegen die bestehende Regelung vermag mich endgültig zu überzeugen. Das galt schon für das Tempelhof-Volksbegehren, und es gilt auch hier. Für schädlich halte ich auch hier, dass die politischen Parteien der Stadt sich eindeutig für und gegen das Volksbegehren gestellt haben. Sie haben das Unternehmen für sich eingespannt.

Ich selber habe übrigens 13 Jahre lange Religionsunterricht an der Schule genossen. Er spielte jedoch in meiner religiösen Entwicklung keine Rolle. Entscheidend und prägend waren für mich Gespräche, das gelebte Vorbild meiner beiden Eltern von frühester Kindheit an, das Hinweinwachsen in die Gemeinde, die Erfahrungen mit Dutzenden und Dutzenden von Menschen, die ich so verstand: diese christliche Botschaft hat etwas zu bedeuten.

Bis zum heutigen Tage pflege ich und lese ich gerne in den religiösen Überlieferungen der Juden, der Christen, der Araber, der alten Griechen und der alten Römer. Vieles spricht dafür, dass unser Europa nur eine einzige Klammer hat. Nämlich die Herkunft und Prägung durch die drei asiatischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. In allen Ländern, die wir heute als zu Europa gehörig betrachten, war mindestens eine dieser drei Religionen für einige Jahrhunderte lang die amtlich und öffentlich einzig zugelassene Wahrheit.

Ich halte den deutschen Rabbinerenkel Karl Marx ebenfalls für den Stifter einer erstaunlich geschlossenen und einheitlichen Glaubensgemeinschaft, einer echten Ersatzreligion  – der Religion des Kommunismus.

Leider tun manche so, als wäre das Christentum etwas ursprünglich Europäisches. Das ist schlicht falsch. Es entstand in Vorderasien als Abkömmling des Judentums.

Aber soll man alle diese so prägenden Religionen und Ersatzreligionen zum Gegenstande eines ordentlich gelehrten Schulfaches machen? Ich weiß es nicht. Ich hege Zweifel.  Die Zweifel nehmen zu. Weder die Initiatoren des Volksbegehrens noch die Befürworter der jetzigen Lösung haben wirklich unwiderlegbare Argumente. Und sie haben eigentlich alle nichts zu erzählen. Ganz im Gegensatz zu Moses, Jesus, Mohammed und Karl Marx.

Also – lesen wir doch mehr Moses, Paulus, Mohammed und meinethalben auch Karl Marx. Und dann sprechen wir noch mal über “Pro Religionibus”.

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