Wie sehen uns die anderen?

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Dez 302009
 

28122009.jpg Einen kühnen, weitschweifenden Blick auf die Weltstädte dieser Erde wirft David Byrne in seinem Buch „Bicycle Diaries“.  Und zwar tut er dies vom Sattel des Fahrrades aus. Umwerfend! Er entfaltet am Radfahren eine bestimmte Weltsicht, ein geduldiges Sich-Einlassen auf das Gegenüber. Und ein Gefühl der Freiheit:

That same sense of liberation I experienced in New York recurred as I pedaled around many of the world’s principal cities. I felt more connected to the life on the streets than I would have inside a car or in some form of public transport: I could stop whenever I wanted to; it was often (very often) faster than a car or taxi for getting from point A to point B; and I didn’t have to follow any set route. The same exhilaration, as the air and street life whizzed by, happened again in each town. It was, for me, addictive.

Unsere Fahrradstadt Berlin kommt auch vor, von Seite 42 bis Seite 76. Und ich halte das, was Byrne auf diesen 34 Seiten über Berlin schreibt, für sehr erhellend. So sehen uns also die anderen. Hier: ein Amerikaner.

David Byrne: Bicycle Diaries. Faber and Faber, London 2009. 302 Seiten. 17,50 Euro

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Dez 292009
 

Eins der aufschlussreichsten Interviews der letzten Tage: Volker Ratzmann von den Grünen und Thomas Heilmann von der CDU in der Berliner Morgenpost vom 27.12.2009. Und so fängt es an:

Parteien – CDU und Grüne loten Bündnisoptionen aus – Berlin – Printarchiv – Berliner Morgenpost
Berliner Morgenpost: Herr Heilmann, Herr Ratzmann, hätten Sie sich früher in der Schule doof gefunden? Der eine mit Aktenkoffer und Lederschlips. Der andere mit Palästinensertuch und langen Haaren?

Volker Ratzmann: Ich bin in der Tat mit Lederjacke und Palästinensertuch durch die Gegend gelaufen. Wir hatten generell wenig Junge Unionler in unserer Schule.

Thomas Heilmann: Ich bin das fünfte Kind von sechsen, da war die Kleiderfrage schnell geklärt – immer das vom großen Bruder. Das war damals noch nicht Nachhaltigkeit, sondern einfach nur sparsam. Ich komme aus Dortmund, der Hauptstadt der SPD. Da ist Interesse für Positionen der CDU zumindest nicht Mainstream. Bis heute liebe ich weder Aktenkoffer noch Schlipse, obwohl ich heute Krawatten manchmal beruflich bedingt trage.

Schön, dass die Gesprächspartner am landläufigen Image der Parteien kratzen!

Wir brauchen darüber hinaus vielleicht bisweilen mehr Mut, Parteien inhaltlich aus einer Art Grundformel abzuleiten. Ich selbst versuche das immer wieder innerhalb meiner Partei, der CDU.

Ich greife dabei gern auf die Entstehung der CDU zurück: „Die CDU war eine Art Alternative Liste, eine Sammlungsbewegung, die sich klar von den bestehenden Altparteien wie etwa Zentrum und DVP abgrenzte. Ebenso stand sie in schroffem Gegensatz zur verbotenen Partei der NSDAP. Sie wollte keine Partei alten Typs werden, sondern fasste sich als Union, als Bündnis der Unabhängigen auf. Daran müssen wir anknüpfen. Wir müssen zur Alternative werden.“

Was ist der gemeinsame Nenner dieser Alternativen Liste?  Antwort: Das „Christlich-Demokratische“. Ein klares Bekenntnis zu den christlichen Grundwerten der Freiheit des Einzelnen, zur unendlichen Würde der Person, zur Verantwortung des Einzelnen für Familie und Gesellschaft, zu den Werten der Demokratie, des Rechtsstaates – das alles findet man in den Gründungsdokumenten der neugegründeten Alternativen Liste (genannt CDU) wieder und wieder. In den entscheidenden 8-10 Jahren von 1947-1957 waren es diese Werte, die die den Grundstein für die noch heute bestehende Ordnung der Bundesrepublik legten.

Ich glaube, wir Christdemokraten müssen viel ruhiger, viel gelassener, viel überlegener in die ganze Tiefe des Freiheitsbegriffes eintauchen, in die ganze Breite des Verantwortungsbegriffes uns hineinstrecken. Diese beiden Begriffe müssen wir glaubwürdig und überzeugend erzählen können. Damit steht und fällt der Erfolg der CDU/CSU.

Die Grundformel der CDU, die steckt meines Erachtens im Namen „Christlich-Demokratische Union“. Das Christliche, das Demokratische, der Unions-Gedanke – das sind für mich die Säulen, die bilden für mich das Grundgefüge dieser Partei. Diese drei Säulen, die gilt es zu erklären und stets wieder neu begreiflich zu machen.

Von hier aus werden sich dann mühelos Anknüpfungen zum Klimaschutz, zum Umweltschutz, zu einzelnen Themen wie dem Radfahren, dem gemeinsamen Lernen, zur aktiven Friedenspolitik ergeben. Die CDU könnte die Grünen auf den urgrünen Politikfeldern stellen und sie mit dem Kuss der Spinne umarmen.

Dazu braucht es Mut. Dazu braucht es Kraft im Denken. Dazu braucht es nicht zuletzt viele neue Menschen, die die Partei mit diesem Wissen vertreten.

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Dez 282009
 

Einen mutigen Schritt in die Zukunft wird – so hoffe ich – die CDU Friedrichshain-Kreuzberg am 16. Januar 2010 tun. Die Neuwahl des Kreisvorstandes ist eindeutig und klar in der offiziellen Einladung angesagt! Ich meine: Der Kreisverband braucht den kompletten, kraftvollen Neubeginn. Der Bezirk bietet nach der Neuwahl des Kreisvorstandes für die CDU ein gewaltiges, bisher nicht genutztes Potenzial: christlich-demokratisches Subsidiaritätsprinzip umsetzen! Vorreiterrolle bei Umweltschutz und Integration erkämpfen! Mitgliederprinzip einführen! Verankerung im Bezirk gezielt anstreben! So wird es vorangehen.

Ort: Bürgersaal, Stallschreiberstraße 12, 10969 Berlin

Zeit: Samstag, 16. Januar 2010, 10.00 Uhr

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„Die Römer haben alles vorgemacht“ – die Einsichten des Robert Harris

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Dez 282009
 

„It was late December and from a dark grey sky blew a wind that was quick enough and sharp enough to steal your breath …“ Mit diesen Sätzen tauche ich ein in den neuen Roman von Robert Harris, „Lustrum“. Ich teile mit Harris die Faszination durch die antike Politik. Alles, was wir heute noch durchfechten, wurde keimhaft dort schon angelegt: Das Setzen auf die Kraft des Wortes, das Ringen um den Sieg in Rede und Gegenrede, die Einsicht in die Machtgebundenheit alles politischen Handelns. Aber in einem scheint mir das folgende Interview mit dem Autor besonders bemerkenswert:

Deutschlandradio Kultur – Thema – „Die Römer haben alles vorgemacht“

Die Römer – so Harris – fühlten sich zu Zeiten Ciceros noch einigermaßen sicher. Die Republik, die Jahrhunderte lang bestanden hatte, würde doch wohl weitergehen, oder? Sie täuschten sich. Das Gefüge aus Machtbegrenzungsmechanismen und Gegengewichten war auseinandergeraten. Wir zitieren aus dem Interview:

Die Römer waren damals überzeugt, dass ihre Demokratie, die schon seit Jahrhunderten bestand, auch noch Jahrhunderte weiter bestehen würde. Es kam aber nicht so. Die römische Geschichte lehrt uns, wie schnell scheinbar stabile politische Systeme zerfallen können, wie schnell sie in den Abgrund geraten. Cicero stemmte sich dagegen, er versuchte alles zu tun, um die Integrität der römischen Republik aufrechtzuerhalten. Es ist ihm nicht gelungen, weil um ihn herum das ganze Gefüge zusammenbrach und er als Einzelner das nicht aufhalten konnte.

Nun, ich würde die römische Republik nicht als „Demokratie“ im heutigen Sinne bezeichnen. Aber sie war eine res publica in dem Sinne, dass das Gemeinwesen als Sache aller vollberechtigten Bürger galt, nicht als Privateigentum oder Lehen eines Einzelnen oder einiger weniger.

Aus der Lektüre des Buches erwächst mir eine Bestätigung meiner schon früher geäußerten Vermutung: Das Gemeinwesen, die Demokratie ist nie endgültig gesichert. Sie muss jederzeit bekräftigt werden. Die wenigen einfachen Grundsätze, auf denen die Bundesrepublik Deutschland aufruht, müssen immer wieder neu formuliert werden, sie müssen auf den jeweiligen Anlass bezogen neu benannt, ausgesprochen und in Taten umgesetzt werden.

Einer dieser Leitsätze ist: Das Parlament kontrolliert die Regierung. Es ist kein Abnick- und Akklamationsorgan.

Bundestagspräsident Norbert Lammert hat mit seiner deutlichen  Kritik am Wachstumsbeschleunigungsgesetz der Bundesregierung diese Pflicht in, wie ich meine, vorbildlicher Weise erfüllt. Lest selbst, was die WELT schrieb:

Lammert bemängelte, dass das Wachstumsbeschleunigungsgesetz „mit einem vielleicht aus der Euphorie des Wahlergebnisses entstandenen Energieüberschuss ein bisschen sehr schnell zusammengebastelt und auf den Weg gebracht worden ist“. Das Gesetz enthalte neben manchen sinnvollen auch einige zweifelhafte, „schlicht misslungene, auch nicht vertretbare Regelungen“, sagte er unter Verweis auf die Mehrwertsteuerabsenkung für Hotels.

Bene dixisti! Robert Harris, aber auch Marcus Tullius Cicero hätten sich über diesen mutigen Schritt sicherlich gefreut.

Nachweis: Robert Harris: Lustrum. Hutchinson, London 2009, hier: S. 4

Interview nachhören

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Dez 272009
 

Mein Großvater Robert Hampel war ein Bauer in dem Dorf Klein-Herlitz in Schlesien. Er hatte 8 Kinder. Alle Kinder mussten recht bald im Hof und auf den Feldern mithelfen. Man hatte ein Auskommen, da alle mit anpackten. Hungern musste niemand, aber reich waren sie auch nicht. Einige der 8 Kinder durften sogar das Gymnasium in der Kreisstadt Troppau besuchen. Mein Opa las gerne abends in einem Buch. Oft schlief er dabei ein. Im Jahr 1946 wurde der Familie die Staatsbürgerschaft mit einem Federstrich aberkannt, der Besitz wurde ersatzlos zugunsten des tschechischen Staates eingezogen. Mein Vater trug nach dem Krieg ein „N“ für „Nemec“ auf der Jacke aufgenäht. Die Familie musste das Land verlassen.

Im Westen angekommen, fing man wieder bei Null an. Man unterstützte sich gegenseitig, so gut es ging. Wenn eine Tante erkennbar nicht für sich selbst sorgen konnte, wurde sie mitgezogen. Mehrere Verwandte in der riesigen Sippe wurden einfach „mitgefüttert“.

Mit dem Lastenausgleichsgesetz leistete die Bundesrepublik Deutschland eine willkommene Starthilfe.

Vier dieser 8 besitzlosen Bauernkinder wurden nach dem Krieg Lehrer, zwei wurden Universitätsprofessoren. Die anderen wurden Unternehmerinnen und haben ihr Glück in anderen Ländern gemacht.

Von der üppigen Grundsicherung des Staates, wie sie heute den Familien angedeiht, konnten meine Vorfahren nur träumen. Sie hatten über weite Strecken hin ganz sicher ein geringeres Einkommen, einen geringeren Besitz als die heutige durchschnittliche Hartz-IV-Familie.  Aber gerade deshalb strengten sie sich an.

Was sagt mir das heute, am Fest der Heiligen Familie? Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft. In der Familie übernehmen und erlernen wir Verantwortung für uns selbst, für andere, für den Staat.

Die Familie trägt die Hauptlast der sozialen Sicherung. Nicht der Staat, wie es heute leider immer wieder behauptet wird.

Zwar wissen Finanzexperten längst, dass unsere staatlichen Sicherungssysteme die Grenzen der Belastbarkeit überschritten haben. Aber niemand traut sich, die Familien stärker heranzuziehen und dies auch deutlich, unerschrocken und klar auszusprechen. Niemand? Nun ja, die katholische Kirche tut es schon noch. Aber bereits die vermeintliche C-Partei (im Klartext: die CDU) tut es nicht mehr. Es könnte Wählerstimmen kosten.

Man schüttet lieber Geld ohne Ende in die Sozialarbeiterisierung der Gesellschaft. Man schüttet Geld in die Hände dieser Familien, die doch alle nebenher noch ein gutes Zubrot verdienen. Letzter genialer Einfall: das Betreuungsgeld unserer bekanntlich im Geld schwimmenden Bundesregierung.

Der Staat zieht sich weiterhin durch üppige Sozialleistungen einen satten, vergnügten, bewegungsunfähigen Sozialadel heran. Irgendwann erwartet der Staat auch – wie heißt es? „Gegenleistungen“. So drückte sich Bürgermeister Wowereit in einem seiner butterweichen Interviews kürzlich aus (Tagesspiegel, 25.12.2009). Zitat:

Wowereit sagte, er befürworte das Prinzip, fördern und fordern. „Wenn wir den Familien Hilfen geben, dann muss es auch eine Gegenleistung geben.“ Er habe allerdings Schwierigkeiten mit Vorstößen Buschkowskys, wie etwa Kinder aus bildungs- und leistungsfernen Zuwandererfamilien gegen den Willen ihrer Eltern zu erziehen. „Wir wollen die Mithilfe der Familien. Wenn das in einzelnen Fällen nicht klappt, dann muss man die Kinder aus den Familien herausnehmen. Denn sonst gibt es nur Konflikte, die nicht produktiv sind.“

„Lernt ein bisschen Deutsch!“ Pustekuchen!  Der Zug ist abgefahren.

Das gilt vor allem für Berlin.  Aber niemand packt die Familien an. Niemand nimmt sich die Väter und Mütter zur Brust. „Ihr Väter, kümmert euch um eure Kinder und schüchtert sie nicht ein!“ So das Evangelium heute.

Man wimmert stets: „Ach .. sie sind ja alle soo – wie lautet das Wort? – ÜBERFORDERT und BENACHTEILIGT!“

Und die Söhne dieser benachteiligten und überforderten Familien machen mit ihren BMWs und Mercedes die Straßen Neuköllns und Kreuzbergs unsicher, scheuchen uns Radler nach Gutdünken vor sich her.

Das kann so nicht weitergehen.  Hier muss man andere Saiten aufziehen.

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Der Fehl Gottes

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Dez 252009
 

Gute, packende Predigt des Kaplans Eric Godet heute im Weihachtsgottesdienst! Er erzählt, wie er verlacht wurde, als er in der Kindheit nach der „Definition Gottes in der Bibel“ fragte. Er stellt heute klar: Die Bibel erzählt nicht vom Gottesbild. Sie erzählt vom Menschen. Godet verweist zurecht auf das II. Nikänische Konzil von 787, wo die Nicht-Bildlichkeit Gottes noch einmal bekräftigt wurde! Gott lässt sich allenfalls als Umriss nachzeichnen, als etwas Fehlendes, als etwas Ausgespartes. Ich führe fort: Der fehlende Gott also, der „Fehl Gottes“ – so drückt es Hölderlin aus, so hat es Heidegger später wieder aufgegriffen. Dieser „Fehl Gottes“, das ist Kernbestand der christlichen Botschaft! Und dieser Fehl Gottes wird ausgeglichen in der Erfahrung der Gemeinde, in der Erfahrung des Du, in der Erfahrung des Kindes. So weit führt mich heute die Weihnachtsbotschaft.

Schaut man sich in den Kirchen um, wird man nur in ganz seltenen Fällen ein Bild Gottes finden. Die Nichtdarstellbarkeit Gottes verbindet Judentum, Christentum, Islam. Das Bild Gottes wird für Christen bestenfalls zugänglich im Menschen. Im kleinsten wie im größten, im neugeborenen ebenso wie im alten, schwachen, kranken und sterbenden Menschen. „Wie schaut euer Gott aus?“, so fragte ich einen Moslem nach einer Diskussion im Kreuzberger Glashaus (wir berichteten in diesem Blog am 05.07.2009). Er antwortete: „Er hat bei uns 99 Namen.“ Aha! Ich denke: 99 Namen – das heißt doch wohl, dass er ebensogut auch 999 Namen haben könnte. Auch im Islam ist Gott der schlechthin Jenseitige, der sich nicht fassen und fangen lässt.

Ansonsten gab es ersten Ärger mit dem neuen Fahrrad. „Warum fährst du so schnell, ich komme nicht mit!“, ruft Wanja aus.  Dabei hatte er mit mir bereits die ADFC-Kreisfahrt 2009 komplett mitbestritten – ohne die geringste Klage! Er ist ein guter Radfahrer! Ich erkenne: Das neue Fahrrad ist sehr schnell, mit sehr geringem Krauftaufwand beschleunigt es auf die zulässige Höchstgeschwindigkeit. Das geht auch jedem so, der erstmals in einen BMW steigt. Ein kleiner Tritt in das Pedal – und man zischt ab. Subjektiv erlebt man die Geschwindigkeit ganz anders. Man meint zu schaukeln oder zu schleichen und hat schon die Stoßstange des Vorausfahrenden auf der Nase.

Fazit: Mein ständiges Predigen von „Rücksicht und Vorsicht im Straßenverkehr“  werde ich mit dem neuen Fahrrad erst noch unter Beweis stellen müssen. Die Kinder mahnen mich.

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Camminando va – Leben ist Aufbruch

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Dez 242009
 

Camminando va – das ist das Lied, das wir heute zum Abschluss des Krippenspiels in der Kreuzberger Kirche St. Bonifazius singen und spielen werden.  Beginn: 15.30 Uhr.

Aber was bedeutet eigentlich „Camminando va“? So fragte ich gestern eine italienische Freundin. Sie gab mir zu Antwort: „Ziehe deines Weges. Schau nicht zu sehr nach rückwärts. Trau deinen Kräften. Kümmere dich um die Menschen am Wegesrand.“

Da hatte ich sie. Die Weihnachtsbotschaft dieses Jahres. Ich schlief über dieser Botschaft eine Nacht. Heute früh setzte ich diese Botschaft auf Youtube. Es ist eine frohe Botschaft im Gehen. Keine ordentliche, keine gesetzte Botschaft, sondern eine wildbewegte  aus der Morgenfrühe, aufgenommen mit fahriger Kamera, zwischen winddurchschossenen Bäumen auf den kalten Straßen Kreuzbergs.

YouTube – 24122009.mp4

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Dez 222009
 

Seit Jahrzehnten leidet Berlins CDU an Nachwuchsmangel für Spitzenkandidaturen. Hier gilt, so meine ich: Öffnet die Partei, lasst echten Wettbewerb zu, führt das Mitgliederprinzip ein. Dann habt ihr gegen den roten Wolf und das grüne Mädchen eine echte Chance. Lest hierzu den Tagesspiegel von heute:

Berliner Parteien stellen sich auf
Die Grünen wollen auf jeden Fall ab 2011 mitregieren, aber „nicht das Schmiermittel für einen stotternden rot-roten Motor“ sein, wie es einmal Fraktionschefin Ramona Pop ausdrückte. Schwarz-Grün kommt für die Berliner Grünen derzeit ebenso wenig wie eine Jamaikakoalition in Frage. Nur irgendwann müssen sie sich klar positionieren.

Und die CDU?

Die Berliner CDU will 2011 den Regierenden stellen und geht mit einem eigenen Kandidaten ins Rennen. Nach dem gescheiterten Versuch, mit dem externen Kandidaten Friedbert Pflüger 2006 erfolgreich zu sein, wird es wohl ein Kandidat aus den eigenen Reihen sein.

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Dez 212009
 

17122009006.jpg Kein anderer deutscher Politiker liefert so brillante Analysen zum politischen  Tagesgeschäft, kein anderer deutscher Politiker kann den Funktionswandel des politischen Systems seit den Jahren 1989/90 so unbestechlich erklären wie Wolfgang Schäuble. Ich erinnere mich an einige seiner SPIEGEL- und ZEIT-Beiträge. Jeder von ihnen hat mir eine Einsicht geliefert, die ich so oder so ähnlich schon dunkel geahnt hatte – aber eben nicht die Kraft, nicht die Erfahrung hatte, sie auch auszusprechen. Ob man Schäubles Einschätzungen der Lage immer zustimmt, bleibe dahingestellt – aber in seinen hinter die Fassade dringenden, meta-politischen Aussagen halte ich ihn für unübertroffen unter den deutschen Politikern.

Um so überraschter war ich am vergangenen Donnerstag, ihn bei der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa in sehr aufgeräumt-erzählerischer, zwangloser, persönlicher Haltung zu erleben. Thema war erneut: Das Doppelgedächtnis der „alten“ und „neuen“ EU-Staaten. Zsuzsa Breier hob zu Beginn hervor, wie weit wir noch von einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur entfernt seien. Dazu sei noch sehr viel mehr Erzählen und Benennen nötig. Viel zu wenig werde von den Verbrechen der Kommunisten geredet. Mart Laar, der ehemalige estnische Ministerpräsident, arbeitete in klaren, unzweideutigen Worten heraus, welchen Weg Estland und die ehemaligen Ostblockstaaten insgesamt gegangen seien: weg aus der Unterjochung durch das Zwangssystem des Kommunismus, hin zu Selbstbestimmung, schmerzhaften Reformen, mühsamen Aufbauprozessen.

Schäuble fand von Anfang an einen sehr persönlichen Ton. Ich sah, mit welcher Aufmerksamkeit er durch seinen frei schweifenden Blick das Publikum zu „lesen“ versuchte! Immer wieder richtete er auch das Wort direkt an uns Zuhörer. Etwa als er sich klar für das repräsentative und gegen das direkte Modell der Demokratie aussprach: „Machen Sie nicht den Fehler, Volksabstimmungen einzuführen! Sonst kommt so ein Blödsinn heraus wie das Schweizer Minarettbauverbot.“ Es gelte vielmehr, mühselige Einsichten „von oben herab“  durch „nachholende Zustimmung“ in politisches Handeln umzusetzen. Schäuble verwies zu recht darauf, dass die Generation „Adenauer und seine Mitstreiter“ viele grundlegende Weichenstellungen durchsetzten, die zweifellos bei direkten Volksabstimmungen damals durchgefallen wären. Regierungskunst ist eben auch, das für richtig Erkannte zu tun, auch wenn die Mehrheiten erst nachher zustande kommen.

Zwei Mal kam Schäuble zu der Feststellung: „So sind wir.“ So sind wir – wir werden die Freiheit dem Zwang vorziehen. Und wir werden den größeren Wohlstand dem freiwilligen oder erzwungenen Verzicht und der Mangelwirtschaft vorziehen.Wir können Politik nur mit den Menschen machen, wie „wir“ (nicht „sie“) eben sind.

„So sind wir.“ Dieser eine Satz hat mich am meisten beeindruckt! Hier wurde nicht von komplizierten Systemen oder Funktionen, vom „christlichen Menschenbild“ oder ähnlichem doziert. Hier sprach einer, der sich ausdrücklich einbezog. Der sich selbst für fehlbar, unvollkommen und beschränkt ausgab und ausdrücklich auf eine Stufe mit seinen Wählern stellte.

Den Vorwurf, es werde zu wenig von den Verbrechen der Kommunisten gesprochen, parierte Schäuble mit folgendem Hinweis: „Mir hat mein Freund Ignatz Bubis erzählt, wie lange es dauerte, bis seine Verwandte über die Schrecken des KZ zu reden anfing. Es dauerte bis in die 80er Jahre.“ Schäubles Botschaft war: Man sollte nicht zu viel in den Schrecken der Vergangenheit wühlen, sondern beherzt und entschlossen die großen Aufgaben der Zukunft anpacken, etwa die Festigung und Vertiefung der Europäischen Union. Hier sei er keineswegs mit dem Erreichten zufrieden. Die einseitig verfolgte Idee des Nationalstaates habe sich überlebt. Der Nationalstaat bedürfe der Überwölbung durch Europa – aber auch der Stärkung der untergeordneten, der regionalen und lokalen Ebenen. Hier klang das Subsidiaritätsprinzip durch, das – so Schäuble – leider nicht durchgängig genug beachtet werde.

„Wenn es eine umfirmierte NSDAP gegeben hätte, wenn sie nach 1945 nicht verboten worden wäre, dann hätten die Nazis ähnlich hohe Stimmengewinne erzielt wie die umbenannte SED nach 1990.“  Diese mutige Aussage bekräftigte Schäuble noch einmal, als ein Zuhörer energisch den Kopf schüttelte. Geschäft der Demokratie sei es, das gesamte Spektrum der Meinungen zuzulassen und durch unablässiges Werben und Kämpfen für die als richtig erkannte Sache einzutreten. Gerade in diesen Passagen wurde deutlich, dass dem politischen Menschen Wolfgang Schäuble jeder eifernde, jeder rechthaberische Zug fehlt. Ich meine: Zwischen dieser klug abwägenden, um die Verführbarkeit des Menschen wissenden Weltsicht und dem, was man als stumm leidendes Mitglied etwa auf Versammlungen der Berliner CDU um die Ohren gewatscht bekommt, liegen wahrhaftig Welten.

Einbeziehung, Ausgleich, klare Friedenspolitik – unter diesen Grundworten ließen sich weitere Anmerkungen zusammenfassen. Einer privilegierten bilateralen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland, wie sie bis 2005 gepflegt wurde, erteilte Schäuble deshalb eine klare Absage: „Wir dürfen als Deutsche keine Russlandpolitik machen ohne unsere europäischen Partner einzubeziehen.“

Mein persönliches Fazit des Abends lautet: Mart Laar und Wolfgang Schäuble teilen wesentliche Grundeinsichten.  Sie gehen davon aus, dass die Politik eines freien Europa aktiv-vorwärtsblickend sein muss, im Bewusstsein der zum Glück überwundenen Spaltung Europas klare Ziele verfolgen muss, ohne die Gräben der Vergangenheit durch gefährliches Verschweigen oder nicht zielführendes Darin-herum-Wühlen künstlich offenzuhalten.

Ich fasse also den gesamten Abend so in zwei Worten zusammen: „Wer nicht gegen uns ist, der sei für uns! Wer noch nicht für uns ist, dem reichen wir die Hand hin!“

Die Kraft der Freiheit wird stärker sein als die Knechtschaft eines Systems. Der politische und wirtschaftliche Erfolg des Europäischen Projekts wird stärker sein als das Spaltungsdenken. Und die Idee der Eigenverantwortung wird dem übermäßigen Machtanspruch der Systeme und Bürokratien in jederlei Gestalt widerstehen müssen.

Dem kann ich nur zustimmen. Denn: So sind wir.

Unser Foto zeigt von links nach rechts:  Wolfgang Schäuble, Mart Laar, Moderator Konstantin von Hammerstein

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Dez 192009
 

19122009001.jpg … so fasse ich die ersten Fahrtberichte mit dem neuen Produkt der vsf-Fahrradmanufaktur zusammen, das ich gestern bei einem der Fachhändler in der Bergmannstraße kaufte. So wie Peter Schlemihl einfach in sein Seckel griff, um weitere Golddukaten hervorzuziehen, so genügt ein lässiger Tritt in die Pedale, um das VSF T300 auch auf holprigem Grund mühelos voranzutreiben. Die Ausbeute jedes einzelnen Kilojoule an eingesetzter Muskelenergie übertrifft alles, was ich bisher im Bereich Stadträder ausprobieren durfte. Ein wichtiges Signal zum Thema Klimaschutz nach dem Scheitern der Kopenhagener Konferenz!

Bei dem gestern und heute herrschenden starken Frost hielt das VSF T300 jederzeit sicher die Spur, auch auf eisigem Grund und starkem Splittbelag. Das Drehmoment entfaltete sich gerade im unteren Drehzahlbereich mit überzeugender Gleichmäßigkeit, das Umschalten erfolgt ohne Ruckeln und Holpern. Den Volllastbereich konnten wir gestern und heute nicht austesten, da zu viele schleichende Motorfahrzeuge ein rasches Vorwärtskommen behinderten.

Die Anmutung des Rades wurde in ersten Stellungnahmen aus der designkundigen Damenwelt als „edel, klassisches Understatement, bestens geeignet für Anlässe auch auf hoher und höchster Ebene“ bezeichnet. Motto: „Man zeigt, was man sich leisten könnte, aber man lässt es nicht heraushängen.“ Das VSF T300 8 Gg SH FL ebony DIA RH 62 empfiehlt sich durch strenge, reduktionistische Linienführung für den coolen Kreuzberger Oberschichtler, dem der BMW Z3 und der Saab turbo billiger Kokolores für testosterongeplagte Jungmänner sind, der aber andererseits dem Zeitgeist, der heute in Gestalt unregelmäßiger, wuchtiger Rahmenarchitektur daherkommt, keinen modischen Tribut zollen möchte.

Die mitgelieferte Dokumentation in der edlen schwarzen Mappe enthält eine hinreichend ausführliche, 32-seitige Bedienungsanleitung, technische Unterlagen sowie ein Service-Scheckheft. Die Wartungsintervalle sind mit „alle 2000 km bzw. einmal jährlich im Winter“ recht großzügig. Für einen hohen Wiederverkaufswert – etwa am Berliner Mauerpark – leistet ein sorgfältig geführtes Service-Scheckheft mit dem lückenlosen Nachweis aller Wartungsarbeiten sicher beste Dienste.

Ärgerlich stieß dem Neubesitzer des VSF T300  jedoch folgender Satz auf S. 12 der Bedienungsanleitung auf: „Laut Straßenverkehrsordnung sind Sie verpflichtet, Radwege zu benutzen, sofern sich diese in einem zumutbaren Zustand befinden.“ Ein offenbar unausrottbares Vorurteil, das leider immer wieder zu unschönen Szenen zwischen motorisierten Dränglern und radfahrenden Klimaschützern führt! Seit 1997 besteht keine allgemeine Radwegebenutzungspflicht mehr. In Berlin etwa sind die allermeisten Radwege nicht mehr benutzungspflichtig.

Die Beratung beim Fachhändler war fachlich einwandfrei, freundlich, die Servicequalität überzeugte in vollem Umfang. Da mir gestern zwischen 2 Terminen nur wenig Zeit blieb, gab letztlich das hohe Maß an subjektiv empfundenem Vertrauen sowie das positive Votum meiner persönlichen Beraterin den Ausschlag bei meiner raschen Kaufentscheidung.

Besonders gut finde ich: Der gesamte Kaufvorgang ähnelt dem Kauf eines anderen „langlebigen, hochwertigen Gebrauchsgutes“, wie etwa eines Autos. Dinge wie das „Service-Scheckheft“ oder das mitgelieferte Dokumententäschchen erinnern mich an die Kauferfahrungen beim Kauf eines neuen PKW. Und gerade in diese Kauferfahrung gilt es auch in der Fahrradbranche vorzustoßen.

Der Radfahrer ist ein Fahrzeug-Kunde wie jeder andere. Er möchte zunehmend ein Produkt mit hoher Wertigkeit, nachhaltigem Marktwert und hohem Image-Faktor. Vertrauen, Zuverlässigkeit und persönliche Beratung werden bei Wahl und Anschaffung des neuen Fahrzeugs in Zukunft eine immer größere Rolle spielen.

Unser Foto zeigt das VSF T300 8 Gg SH ebony DIA RH 62 heute sicher angeschlossen an einen der berühmten „Kreuzberger Bügel“ vor dem Rathaus Kreuzberg in der Yorckstraße. Der erste Großeinkauf konnte problemlos bewältigt werden.

Seriennummer: PK 112849

Schloss: Bügelschloss Abus Granit Futura 64/180HB300 TexKF

Temperatur: -10 Grad.

Kartoffeln: Speisekartoffeln festkochend, von NP Ecke Großbeerenstraße , 5kg

Tragetasche: Modell IKEA, hochreißfest

19122009002.jpg

 Posted by at 22:07
Dez 182009
 

fahrrad-juli-2006-014.jpg

Recht traurig war ich gestern: Mein schönes Fahrrad wurde mir gestohlen, als ich es an der Schützenstraße ordnungsgemäß abgestellt hatte. Genau durch dieses Rad habe ich den endgültigen Übergang zum Fahrrad als Hauptverkehrsmittel geschafft. Weg vom Auto, weg von der BVG. Es hat mich zu einem freieren, gesünderen, entspannteren, glücklicheren Menschen gemacht. Es hat mich zu unendlich vielen kleinen Begegnungen und Gesprächen geführt.

„Das findest du am Wochende am Mauerpark wieder – du kannst es kaufen“, vertraut mir ein italienischer Freund an. Er lebt seit sechs Monaten in Berlin, aber dass die Stadt gegen die Fahrraddiebstähle fast machtlos ist, weiß er schon.

Hier noch ein paar Details: Das Rad hat den Typ Citirad Arcadia TS. 08, Rahmennummer D184174. Neu gekauft am 30. Mai 2006 in Kreuzberg. Kaufpreis 499.-

Das Bild oben zeigt dieses Fahrrad.

Vor zwei Wochen habe ich eine schöne neue LED-Beleuchtung für 91.- Euro montiert. Dadurch hatte es Standlicht vorne und hinten. Sicherheitsmängel hat das Rad keine, zumal ich etwa den Kaufpreis in Instandhaltung und Aufwertung investiert habe.

Bin ich böse? Nein. Ich war traurig. Ich denke jetzt an all die Freude, die mir das Rad geschenkt hat.

Möge dieses gestohlene Fahrrad auch den neuen Besitzer zu einem gesünderen, klügeren, ehrlicheren und glücklicheren Menschen machen!

 Posted by at 23:38
Dez 172009
 

1194272589___irinapotapenkoport.jpg Zu den beeindruckendsten Opernregisseuren der Gegenwart zählen für mich Christoph Schlingensief (Deutschland, Österreich, Burkina Faso usw.) und die russische Opernsängerin Irina Potapenko (Schöneberg, Kreuzberg). Was haben die beiden gemeinsam? Sie bringen die Oper als Kunstform an ungewöhnliche Orte. Sie gehen zu den Kindern, den Armen, den Vergessenen. Zu den Unterschichtlern dieser Erde. Sie glauben an die verwandelnde Kraft der Kunst, des Gesanges. Kultur, Musik, Gesang, Oper – nennt es doch wie ihr wollt! – ist etwas für alle. Sie ist so wichtig wie das täglich Brot.

Was ist der Unterschied? Schlingensief findet viele Mitstreiter. Das schreibt die ZEIT über ihn und sein afrikanisches Opernhaus:

»Ich meine das ernst«, sagt Schlingensief. In seinem Opernhaus sollen Künstler aus Afrika und Europa zusammenkommen. Er hat sich die Unterstützung von Außenminister Steinmeier geholt, vom Goethe-Institut, und er hofft auf private Spender – etwas mehr als eine Million Euro wird Schlingensief wohl brauchen. Und nun ist er hier in Burkina Faso mit einem fünfköpfigen Team, um nach einem geeigneten Ort zu suchen.

Irina Potapenko kommt ohne Subventionen, ohne Team, ja sogar ohne Außenminister aus. Die Puppen bastelt sie selbst in ihrer Freizeit. Einige davon hat sie schon verschenkt. Ihre Spielorte sind Kitas und Schulen, sind die berühmten Schimmel- und Asbestkieze Kreuzbergs und Schönebergs. Finanzielle Unterstützung erhält sie keine. Mit ihrem lustigen dreirädrigen Lastenrad fährt sie die Requisiten zur Bühne, werkelt, malt und hämmert selbst. Sie führt Regie, malt mit den arabischen und türkischen Kindern die Bühnenbilder, singt selbst, lässt Kinder als Mitwirkende auftreten, spannt auch ihren willfährigen Ehemann, nämlich den hier schreibenden Blogger, als Helferlein ein. Und das Beste daran ist: Keine einzige Zeitung nimmt Ira Potapenko wahr. Sie macht es um der Kinder willen, um der Kultur willen.

Irina Potapenko ist für mich die Opernregisseurin des Jahres 2009. Wirklich – nur für mich! Bitte, bitte: Nicht weitersagen, dass das Gute so nah liegt! Pssst!

 Posted by at 12:21
Dez 172009
 

161220090011.jpg „Höre deiner Priester Lehre, dieser war dein Gatte nicht“, so heißt es in Goethes vortrefflicher Ballade „Der Gott und die Bajadere“. Hören wir doch heute die Lehre der türkischen Väter aus Neukölln! Oh Germanisten, lest folgenden Abschnitt aus der Presseerklärung der Väter von heute:

Wir sorgen uns ernsthaft um unsere Kinder und um deren Chancen in unserer deutschen Gesellschaft. Wir wissen, dass unsere Kinder in Deutschland nur eine Chance haben, wenn sie früh genug deutsch lernen und früh genug der deutschen Kultur näher kommen.

Was fällt euch auf? Richtig, die Wortwiederholungen! In der ganzen Erklärung der türkischen Väter wimmelt es von „deutsch“, von „Kultur“, von „unserer deutschen Gesellschaft“, „deutscher Kultur“ usw. Die türkischen Väter bekennen sich eindeutig zu diesem Land. Es heißt Deutschland. Sie bekennen sich zu ihrer Verantwortung für die eigenen Kinder. Und sie lehnen weitere Almosen des deutschen Staates ab. Sie fordern keinen türkischen, keinen arabischen Sprachunterricht, sie fordern keine Wohltaten, sie fordern nur, dass der deutsche Staat die Fehler nicht weitermacht, die schon so lange begangen worden sind.

Die Einsichten, diese Erklärungen sind äußerst wichtig. Kazim Erdogan wurde übrigens vor einigen Monaten schon einmal am 28.04.2009 in diesem Blog gewürdigt. Den Mann würde ich gerne mal kennenlernen.

Dies Erklärung ist bemerkenswert. Es ist keine Rede mehr von einem harmonischen Miteinander der „Herkunftskultur“ und der „Zielkultur“. Die türkischen Väter wollen eines für ihre Kinder: den Anschluss an „unsere deutsche Gesellschaft“, an unsere „deutsche Kultur“.

Problem ist: Die Deutschen wissen oftmals selbst viel zu wenig von der deutschen Kultur. Sie ist ihnen Kokolores. Ein türkischer Dozent erzählte einmal, im Goethe-Institut Ankara hätten nach einem Deutschkurs alle Teilnehmer ein Volkslied in ihrer Nationalsprache gesungen bei einem Fest. Dann kam die Reihe an die deutschen Dozenten der deutschen Sprache. Sie kannten kein deutsches Volkslied. Sie blieben stumm. Ich denke mir: Vielleicht sangen sie das lustige Lied vom „We all live in a yellow submarine“, oh yeah!

Kürzlich sprach ich mit einer Kreuzberger Akademikerin, einer Geisteswissenschaftlerin. Ich erzählte von der bevorstehenden Chamisso-Lesung der Chamisso Akademie im Chamisso-Kiez. Am Samstag.

„Chamisso, Chamisso …? Der Name sagt mir nichts.“ So die Antwort. Ich hoffe, diese Geisteswissenschaftlerin (Germanistin?) am Samstag begrüßen zu dürfen!

Das Bild zeigt den hier schreibenden Blogger im harmonischen Miteinander mit einem der Tiere aus Mozarts Zauberflöte, die am Freitag in der Fanny-Hensel-Grundschule aufgeführt wird.

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Dez 162009
 

Das Gute an der Podiumsdiskussion über Erziehung am vergangenen Mittwoch war: Die Expertin war eine Frau, nämlich eine Professorin für Pädagogik, und die Betroffenen waren Männer, nämlich zwei Kreuzberger Väter. Sonst ist es meist umgekehrt: Mann weiß bescheid, Frau ist zutiefst betroffen. Der Schluss kann nur lauten: Die Väter sind im Kommen, sie stellen sich ihrer Verantwortung in Familie und Schule! Hier kommt mein nächster Beweis. Eine Presseerklärung aus unserem Schwester-Bezirk Neukölln. Lest die Presseerklärung selbst – ich werde gerne zu der Pressekonferenz gehen! Die gesamte Erklärung veröffentliche ich mit Erlaubnis von Kazim Erdogan.

Pressemitteilung: Türkische Vätergruppe in Neukölln lehnt Betreuungsgeld ab

 

Die Koalition plant Leistungen in Höhe von 150 Euro in bar oder in Form eines Gutscheins  

für Familien, die ihre Kinder zu Hause betreuen. Wir finden dieses Vorhaben falsch; denn sie wird den Kindern und ihrer Bildung nichts nutzen.

Wir fürchten, dass viele Eltern das Geld nicht für Bildung ausgeben werden. Vielmehr werden sie es sparen oder anderweitig Verwendung dafür finden.

Trotz guten Willens werden die meisten Familien der “Verlockung des Geldes“ erliegen und

ihre Kinder von den Kindergärten abmelden. Wir wissen, dass viele Mütter mit Migrationshintergrund keine ausreichende Bildung haben, um ihre Kinder auf die Schule vorzubereiten. Ihre Deutschkenntnisse sind oft mangelhaft.

Die Fakten sind bekannt: Kinder mit Migrationshintergrund, die in den Kindergarten gehen, lernen die deutsche Sprache wesentlich schneller und kommen dort zum ersten Mal mit der deutschen Kultur in Berührung.

Deswegen schlagen wir vor, das Geld dort zu investieren, wo es der Bildung der Kinder am besten nutzen würde. Das Geld muss den Kindertagesstätten und Schulen zugute kommen.

Wir geben unserem Bezirksbürgermeister, Herrn Buschkowsky, recht, wenn er sagt:

 “Es spielt keiner mit ihnen und es liest auch keiner etwas vor. Das sind die Grundlagen der Verwahrlosung schon in frühester Kindheit.“

Wir sorgen uns ernsthaft um unsere Kinder und um deren Chancen in unserer deutschen Gesellschaft. Wir wissen, dass unsere Kinder in Deutschland nur eine Chance haben, wenn sie früh genug deutsch lernen und früh genug der deutschen Kultur näher kommen. Nur so können wir ein besseres Miteinander aufbauen.

Deshalb sollte der Staat in die Bildung unserer Kinder investieren und keine Almosen an die Eltern verteilen.

 

Über unsere Vorschläge informieren wir Sie gerne auf der Pressekonferenz

am:   21. Dezember 2009, um: 12:00 Uhr

im: Creativ-Centrum Neuköllner Leuchtturm

Emser Str. 117, 12051 Berlin (U- & S-Bahn Neukölln und Hermannstr.)

 

Teilnehmer: Türkische Väter und der Psychologe Kazim Erdogan, Initiator und Leiter der regelmäßigen Gesprächsrunde

 

Presseanfragen an: Kazim Erdogan, Tel.: 68874815, Mobil: 0176-64110878

 

Die Türkische Vätergruppe, vertreten durch Aydin Bilge, Murat Metinol und Cihan Balaban

Berlin-Neukölln, 14. Dezember 2009

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Schimmelkiez oder Zauberflöte? Was ist unser Leitbild?

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Dez 152009
 

Eine recht besinnliche Weihnachtsfeier besuchte ich gestern bei der CDU Kreuzberg-West im Lokal Diomira in der Stresemannstraße. Allerlei Märchen und Lieder schossen mir auf dem Hinweg durch den Kopf – von reichen Königen und armen Schneidern etwa. Aber dann ließ ich mich einfach ein in den Strom an Gedanken und Gesprächen. Gleich zu Beginn machte ich mich für eine neue innerparteiliche Vielfaltskultur stark: „Abweichende Meinungen müssen nicht nur toleriert werden, sondern jedes neue Mitglied, das klare, eigenständige Ideen vorträgt, muss ausdrücklich begrüßt werden.“ Nur so kann der dringend benötigte politische Nachwuchs entstehen. Ich saß genau diametral dem Abgeordneten Kurt Wansner gegenüber. Zwei Männer an den Ecken, die einander bei allen unterschiedlichen Meinungen respektieren und ausreden lassen. Schön!

Thema der Reden von BVV-Fraktionschef Müller und Kurt Wansner waren verschimmelte Wohnungen im sogenannten Schimmelkiez, brennende Autos, linksradikale Gewalt, nächtliche Ruhestörungen durch loses Volk, drogenbesteckverseuchte Spielplätze. Nachdem einige derartige Reden verklungen waren, ergriff ich selbst das Wort.

„Es reicht nicht aus, immer nur den Finger auf wunde Punkte zu legen! Wir müssen ein positives Leitbild aufzeigen. Bei allen Problemen gilt es Lösungen vorzuschlagen. Probleme, für die es keine Lösungen gibt, sollte man nicht zu Tode reiten. Mir fällt auf, dass in Friedrichshain-Kreuzberg so viele Gruppen nebeneinander herleben. Es herrscht ein beziehungsloses Nebeneinander: Türken, Deutsche, Araber, Familien, Alte, Studenten, Ossis und Wessis, Friedrichshainer, Kreuzberger, türkische Urberliner und deutsche Zugewanderte,  … alle diese Gruppen gilt es zusammenzuführen.

Wir brauchen (ich hielt bedeutungsschwer inne) ein Leitbild. Ich nenne es:

Der zusammenwachsende Bezirk 

Alle werden dieses Leitbild freudig begrüßen. Statt Autos anzuzünden, werden die Menschen lieber bei uns mitmachen. Keiner wird sich der Anziehungskraft dieser guten Idee entziehen. Statt immer nur mehr für sich zu verlangen, werden die Menschen sagen: Da will ich mitmachen!“

„Wie stellen Sie sich das vor?!“ ward ich gefragt.

Ich sagte: „Kommen Sie am Freitag zur Zauberflöte in die Fanny-Hensel-Grundschule, dann werden Sie es sehen!“

Ich meine, dass Kultur einen Kristallisationspunkt dieses neuen Miteinander ausmachen muss: Mozart, Goethe, Chamisso, Homer, der Koran, die christliche Bibel, türkische und deutsche Klassiker, arabische Bildkunst aus dem 13. Jahrhundert, Immanuel Kant, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung … das Feld ist weit! Nur darf man sich nicht immer mit kurzlebigen Popsongs oder gar mit der heutigen kulturellen präsentischen Wüste der Werte begnügen.Wir müssen unbedingt zu den Quellen zurück – und zwar zunächst einmal in deutscher Sprache, später dann auch in den Originalsprachen.

Zufällig kommen die Kinder, mit denen und für die wir am Freitag die Zauberflöte aufführen, aus genau diesem „Schimmelkiez“. Na, überlegen Sie mal, wie Sie sich fühlen würden, wenn Sie hörten: „Sie kommen aus dem Schimmelkiez? Wie schön!“

Diese Gedanken vom Vorrang des Guten über das Böse fallen der Berliner CDU noch sehr schwer! Sie krallt sich immer noch in Negativpropaganda fest, entwickelt kaum Impulse für die Zukunft.

Unsere Kinder, die Berliner brauchen nicht das Gefühl, im Schimmelkiez der Nation zu wohnen. Sie brauchen das Gefühl, jederzeit Zugang zur Zauberflöte unserer Werte zu haben! Zur Zauberflöte unserer gemeinsamen Leitkultur in Deutschland, wie das Armin Laschet nennt.

„Die Aufsteigerrepublik“ Armin Laschets, „die soziale Marktwirtschaft“, „die wachsende Stadt“ eines Ole von Beust – das alles sind Beispiele für prägnante, positiv nach vorne weisende Leitbilder. Diese müssen das Fundament der Politik in Bezirk und Bundesland bilden, nicht das hämische Kritteln und Knastern, wie es sich Berlins CDU unter der jetzt noch amtierenden Führung leider immer noch nicht abgewöhnt hat.

In der zweiten Hälfte des Abends setzte ich mich auf den Platz Kurt Wansners, den dieser freigemacht hatte, und plauderte sehr nett mit einer  Delegierten ausgerechnet aus Lichtenrade, die unseren Bezirk im Kreisparteitag vertritt. Ich plauderte mit einfachen Mitgliedern, mit Funktionären. Ich nenne das gerne das „Beichtstuhlverfahren“. Aus der  Vielfalt der von mir individuell erfragten Meinungen ergibt sich nach und nach ein Gesamtbild dessen, wie Berlins CDU insgesamt und der Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg insbesondere funktioniert. Leitfragen sind dabei: Wer hat das Sagen? Wer hält die Fäden in der Hand? Welche Rolle ist dabei den Delegierten zugedacht? Worum geht es? Geht es eigentlich um Politik? Oder um etwas ganz anderes? Wie erklärt man sich die Wahlergebnisse? Wie redet man sich die eigene Lage schön? Wie werden eigene Machtinteressen durchgesetzt? Wie wichtig ist die Satzung?

Zu guter letzt griff ich zur Geige. Denn Weihnachten und Besinnung, Weihnachten und Musik, Weihnachten und Versöhnung, das gehört für mich unauslöschlich zusammen. Aber den Mut, ein christliches Adventslied zu spielen, den brachte ich doch nicht auf im Diomira.

Zur Bekräftigung unseres Programms vom „Zusammenwachsenden Bezirk“ spielte ich zuerst die „hebräische Melodie“ von Joseph Achron, dann die Gavotte aus der E-dur-Partita von Johann Sebastian Bach, und dann die deutsche Nationalhymne, wobei ich mich stark auf die ursprüngliche Streichquartettfassung Joseph Haydns stützte: „Gott erhalte Franz den Kaiser!“, war der erste Text, der darauf stand. Dann kam: „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Der Satz steht in G-dur, das jedem Geiger vortrefflich in den Händen liegt.

Übrigens: „Einigkeit und Recht und Freiheit“, das ist ebenfalls ein solches Leitbild. Leitbilder müssen klar sein, müssen einfach sein, und sie müssen oft wiederholt werden. Sie sind keine Selbstverständlichkeit.

Es war für mich ein würdiger Höhepunkt und Abschluss einer denkwürdigen Weihnachtsfeier. Weitere Veranstaltungen  werden folgen.

Am Freitag, 18. Dezember 2009, morgens 8.50 Uhr:

Mozarts Zauberflöte in einer Fassung für Puppentheater und Kinder. Eingerichtet von Irina Potapenko. Mit selbstgebastelten Puppen.

Datum:

Freitag, 18. Dezember 2009

Zeit:

08:50 – 10:00 Uhr morgens

Ort:

Fanny-Hensel-Grundschule, Kreuzberg

Straße:

Schöneberger Straße 23

 Posted by at 16:09
Dez 142009
 

Kürzlich traf ich im bezirklichen Fahr-Rat mit einer Vertreterin des „Mieterrates Chamissoplatz“ zusammen. Uns kaltschnäuzigen Radlern wurden die Leviten gelesen. Klar. Aber wer war Chamisso? Ich will mehr wissen und versuche heute eine Gesamtausgabe zu kaufen. Fehlanzeige! Es gibt im Handel derzeit keine Ausgabe von Adalbert von Chamisso zu kaufen – ebensowenig wie von Ludwig Erhard.

Erneut stelle ich fest: Die Deutschen verlieren in atemberaubendem Tempo ihre Vergangenheit. Ich habe dies auch bei der Podiumsdiskussion der Adenauer-Stiftung am vergangenen  Mittwoch in aller Härte gesagt: „Unsere jungen Männer wachsen in ein kulturelles Vakuum hinein.“ Geht ins Prinzenbad, geht auf die Plätze, sprecht mit den Jungs in den Kiezen! Sie haben keinen echten Bezug zu irgendwelchen kulturellen Hervorbringungen des Landes, in das sie hineingeboren werden. In das kulturelle Vakuum, das wir den Jungen anbieten, stößt sieghaft, nahezu unbezwinglich der Islam vor. Der Islam ist für die muslimischen Jugendlichen eine geistig-moralische Prägekraft allerersten Ranges, vergleichbar allenfalls der Strahlkraft, die das europäische Christentum etwa bis ins 18. Jahrhundert hinein auszuüben vermochte. Fundamentalistische Strömungen erstarken, der moderate, durch die türkische Ditib gezügelte Islam nimmt ab, der kompromisslose, herrische Islam nimmt zu.

Wir verbleibenden Deutschen leben mit unserem Interesse für Ludwig Erhard, Konrad Adenauer, Rosa Luxemburg, Goethes „West-östlichen Divan“ oder auch Adalbert von Chamisso in der extremen Diaspora. Wenn die Verlage einen nach dem anderen importierten amerikanischen Bestseller auf den Markt werfen, aber Stimmen wie etwa die eines Adalbert von Chamisso nach und nach verlöschen, dann zerfasert unser kulturelles Nervengeflecht – es löst sich auf, Präsentismus herrscht. Außer dem gerade Angesagten gibt es dann nichts mehr.

Der über 1000 Jahre alte Text des Koran wird in diese sich auflösenden Nervengeflechte hineinwachsen und tut dies im Alltag der jungen Muslime bereits jetzt. So erschienen am Bayram-Fest in der vergangenen Woche fast keine Schüler zum Unterricht in unserer Klasse. Sie blieben einfach zuhause, begingen das religiöse Fest. Die Schulpflicht ist demgegenüber absolut sekundär. Erst kommt die Religion, dann die Schule.

Gerade Adalbert von Chamisso wäre – wie Goethe – ein idealer Brückenbauer zum Islam (wie auch zum Judentum). Was für eine traurige Verlustmeldung, dass dieser Dichter heute weder gelesen noch auch nur verlegt wird!

Heute las ich das staunenswerte Gedicht „Die goldene Zeit“ von Adalbert von Chamisso. Hört doch folgende Verslein daraus:

Ungeschickt zum Löschen ist
Wer da Öl gießt, wo es brennt;
Noch ist drum kein guter Christ,
Der zu Mahom sich bekennt.
Scheut die Eule gleich das Licht,
Fährt sich’s doch vorm Winde gut,
Besser noch mit Wind und Flut
Aber gegen beide nicht.

Das ist groß, das ist verrätselt, das erregt mir Sensationen, als hätte ich ein Gedicht von Rimbaud oder Verlaine gelesen! „Wer zu Mohammed sich bekennt, ist deswegen kein schlechter Christ!“ So deute ich den Sinn der Verse 3 und 4. Es gab über das gesamte 18. Jahrhundert hin und weit drüber hinaus eine lebhafte Debatte über den Islam, an der sich Voltaire, Goethe, Chamisso und viele andere beteiligten. Nichts davon ist den Menschen heute noch gegenwärtig. DAS ist ein kulturelles Versagen allererster Größe.

In Chamissos Versen finden wir die prästabilierte Harmonie der Religionen, das ist Goethe, ist Lessing, das ist Navid Kermani, das ist der Geist, den wir heute brauchen! Gerade hier im Chamissokiez und heute in Kreuzberg!

Am kommenden Samstag,19.12.2009, findet folgende Lesung statt:

Tzveta Sofronieva und Adalbert von Chamisso.  Weilands Wellfood, Bergmannstraße 5-7, Kreuzberg-Chamissokiez,  Beginn 16.00 Uhr. Eine Veranstaltung der neugegründeten Chamisso Akademie.

Da muss ich hin – bin sehr sehr gespannt!

Wird es uns gelingen, den rapiden Gedächtnisverlust aufzuhalten?

 Posted by at 00:04
Dez 102009
 

09122009.jpg Schaut euch meinen Freund an! Er ist Rheinländer. Er wusste um die Bedeutung von klaren Leitbildern, von Mehrheiten, von Strategie und Taktik im Gewühle des politischen Alltagsgeschäftes. Und ihn zeichnete noch etwas aus: Er konnte zuhören. Sitzungsprotokolle des CDU-Bundesvorstandes belegen, dass er über weite Strecken seiner Gremienarbeit einfach nur zuhörte. Und dann gelang ihm etwas, was besonders schwer ist: Er brachte die richtigen Leute an die richtigen Plätze, er setzte die richtigen Themen, er fuhr auch mal dazwischen, wenn etwas „anbrannte“. Und er gab eigene Versäumnisse und Fehler zu und lernte daraus. Vorbildlich!

Übrigens hat er sich auch getäuscht. Zum Beispiel war er der Überzeugung, dass das Projekt der Europäischen Einigung auf Gedeih und Verderb mit der EVG, der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, verknüpft sei. Es kam anders. Die französische Nationalversammlung lehnte die EVG ab, und die europäischen  „Einigungspolitiker“ standen vor einem Scherbenhaufen. Ein ähnliches, aber nicht so schlimmes Desaster hat die EU mit ihrem Lissabon-Vertrag erlebt. Auch hier gilt es, aus Fehlern zu lernen und das große gemeinsame Vorhaben unter veränderten Bedingungen voranzutreiben.

Gestern nahm ich an einer Podiumsveranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung teil. Was für eine Freude! Eine Schöneberger Kita-Leiterin, ein Kreuzberger Grundschulleiter, zwei engagierte Kreuzberger Väter (darunter der hier schreibende Blogger) und eine Pädagogik-Professorin von der Humboldt-Uni diskutierten und stritten unter der kundigen Moderation eines zuhörenden Politikers mit einem achtsamen, neugierig-aufgeschlossenen Publikum über die beste mögliche Bildung für unsere Kinder. Gut & schön!

Eins meiner großen Vorbilder hätte sich gefreut. Er war im Geiste dabei. Als Rheinländer hätte  er es gebilligt, wenn ich mich einfach neben ihn gestellt und um ein gemeinsames Foto gebeten hätte. Mein herzlicher Dank geht an Herrn Korneli und seine Mitarbeiterin von der Konrad-Adenauer-Stiftung, die dieses Foto ermöglicht haben.

Bericht folgt an dieser Stelle!

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Advent, Advent, ’ne Beschwerde brennt, erst eins, dann zwei,…

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Dez 092009
 

dann drei, dann vier, … dann stehn die Eltern vor der Tür.

Herrlicher Beleg für meine Beobachtung, dass die Berliner Bildungsdebatte von Klagen, Jammern und – Geld-Verlangen geprägt sei! Auch die gute alte taz liefert mir empirisches Belegmaterial en masse! Gestern zum Beispiel entdeckte ich darin folgende hübsche Meldung:

Eltern könnten im Bildungssystem noch mehr bewegen, wenn die Vernetzung besser wäre, sagt Elternvertreterin Daniela von Treuenfels. Sie nervt den Senat mit einem Beschwerde-Adventskalender.

Welche Wonne – ich höre landauf landab nur Beschwerden, Gezänke und Geplärr. Da passen auch die streikenden Studenten wunderbar dazu! Es ist ein Anspruchsdenken vom allerfeinsten. Einer meiner Lieblingspsychologen, Jeffrey Young, hat dieses pathologische Anspruchsdenken wunderbar beschrieben: Die Menschen und auch die Kollektive bauen im Laufe der Jahre eine Maske aus Grandiosität und Beleidigtsein auf, die es ihnen ermöglicht, wunderbar die Schuld am eigenen Versagen auf andere, auf die Institutionen, auf den Staat zu schieben. Diese andauernde Selbst-Viktimisierung ist wunderbar in Berlin am Blühen. Und sie ist teils lächerlich, teils nur noch niederschmetternd.

Herrlich! Bin gespannt, welche weiteren Belege die Berliner Zeitungen morgen noch liefern. Und dann wird abgerechnet. Am Abend. In der Adolf-Glassbrenner-Schule. Beginn: 19.30 Uhr. Freu mich schon. Es wird ein Fest!

 Posted by at 01:23

„Es hängt doch alles nur vom Geld ab …“

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Dez 092009
 

Einen Tag vor dem Bildungsabend mit der Konrad-Adenauer-Stiftung werfe ich meine Netze noch einmal aus: Ich frage Schüler, Eltern, Lehrer und Unbeteiligte, ob sie morgen kommen wollen. Die meisten wollen oder können nicht kommen. Aber alle geben sie mir etwas mit auf den Weg: „Es hängt alles nur vom Geld ab“, so eine Mutter, die ich ebenfalls einlade. Prima! Dazu passt hervorragend der nach einem Jahr erneuerte Brandbrief von Schulleitern aus Mitte, den die Morgenpost heute bringt. Zitat:

 Gute Schüler verließen in Scharen den Bezirk oder das öffentliche Schulsystem, das mit den Angeboten der Privatschulen nicht mithalten könne, hieß es. Die Schulleiter forderten damals unter anderem stärkere finanzielle Zuwendungen für den hohen Anteil von Schülern aus sozial benachteiligten Familien und Kindern aus Einwandererfamilien. Außerdem sollte die bauliche Unterhaltung der Schulen gesichert werden.

„Unser Brandbrief hat ein großes öffentliches Interesse ausgelöst“, sagte Manuela Gregor. Viel getan habe sich aber nicht. In einem Resümee haben die Schulleiter jetzt ihren Unmut darüber zu Ausdruck gebracht. „Nach anfänglichem Entgegenkommen zeigt das Bezirksamt kaum noch Kooperationsbereitschaft. Es gibt keine Initiativen mehr, unsere Probleme anzugehen“, heißt es da. Bis auf die Neu- beziehungsweise Festanstellung von Hausmeistern gebe es keine konkreten Ergebnisse zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Alle stimmen überein: Es fehlt am Geld. Das fehlende Geld ist an allem schuld. Hätten die Schulen genug Geld, wäre alles gut.

Es wird sehr sehr schwer für mich morgen! Wird es mir gelingen, meinen abweichenden Standpunkt darzulegen? Wer weiß? Bin gespannt. Wahrscheinlich werd ich mich total unterbuttern lassen. Denn wie gesagt:

„Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles.“

 Posted by at 01:08
Dez 062009
 

Bereits im 5. Jahrhundert vor Christus zeichnet sich ein Gegensatz zwischen orientalischer Herrschaftskultur und europäischer Freiheitskultur ab. In den Persern des Aischylos, aber auch im Buch Ester der Hebräischen Bibel wird dies exemplarisch fassbar.

Die orientalische, die östliche Herrschaftskultur beruht auf der Unterwerfung des Einzelnen unter die göttlich überhöhte Vorrangstellung der Macht. Die Macht des Selbstherrschers setzt das Recht, schützt den Einzelnen vor Anmaßungen anderer, verlangt aber bedingungslose Anerkennung und Verherrlichung. Bis zum heutigen Tage herrschen in den meisten Nachfolgestaaten der antiken Großreiche des Ostens autokratische, auf Unterwerfung beruhende Regierungen. Die einzige Ausnahme stellen Israel und – mit allerdings erheblichen Einschränkungen – die Türkei und teilweise Libanon dar. Alle anderen Staaten vom Maghreb bis nach Pakistan sind autokratische oder diktatorische Regimes, in denen sich niemals über die Jahrtausende hin eine echte Freiheitskultur entfaltet hat.  Die Bürger dieses Staaten sind an ihre Versorgungsdiktaturen gewöhnt. Die Macht setzt sich durch, gestützt auf einen willfährigen Polizei- und Beamtenapparat.

Aus diesen Ländern der Versorgungsdiktaturen kommen die „problematischen“ Migrantengruppen zu uns. Da sie in ihren Herkunftsländern niemals aktive Teilhabe am öffentlichen Leben erlangt haben, setzen sie ihre Karriere als Versorgungsempfänger in Deutschland nahtlos fort. Folge: es kommt ihnen gar nicht in den Sinn, etwa Elternabende zu besuchen. Alles, was der Staat macht, wird von den Bürgern hingenommen. Weder wird der Staat kritisiert, noch wird er aktiv verändert. Der Staat – hier also vertreten durch die Schule – soll seine Versorgungsleistungen erbringen. Zu diesen Leistungen gehört auch die Erziehung der Kinder. Man liefert Kinder ab, und die Schule soll sie erziehen. Der Islam mit seinem starken Akzent auf Endgültigkeit, mit seinem geschlossenen Weltbild, mit seiner nicht-diskursiven Ethik eignet sich ideal als Kitt solcher autokratischer Herrschaftsverbände.

Ganz anders das europäische Modell der abendländischen Leitkulturen! Europäische Leitkulturen sind dynamisch. Sie entstehen aus dem häufig streitigen Gegeneinander unterschiedlicher Machtpole und Machtinteressen. Machtverherrlichung ist nicht ihr Hauptzweck, sondern Befragung, Bekämpfung oder auch Sicherung der stets gefährdeten Macht. Europäische Leitkulturen sind nach vorne offen, sie zeichnen sich durch stetes Umdeuten der Herkünfte aus. Zu den europäischen Leitkulturen gehören deshalb untrennbar offene Kanonbildungen – ja der Kanon kultureller Werte und Werke ist selbst Gegenstand fortlaufender Neudeutung und Neuschaffung.

In der Berliner Schulpolitik herscht riesige Verwirrung über die Herkunftsländer unserer Migranten – sofern man sie überhaupt zur Kenntnis nimmt.  Unser Sozialsystem wird von den Zuwanderern aus Türkei, Libanon oder Jordanien als bruchlose Fortsetzung der orientalischen Versorgungsdiktaturen erlebt und dankbar entgegengenommen. Die orientalisch-islamische Herrschaftskultur wird meist unbefragt weitergegeben. Dies erfahre ich auf Schritt und Tritt bei der Begegnung mit jungen migrantischen Männern in Kreuzberg.

Diese jungen migrantischen Männer wachsen in ein kulturelles Vakuum hinein, da die deutsche Gesellschaft – also wir – es nicht mehr vermag, ihre eigenen Werte überzeugend zu formulieren. Vielmehr wird in der deutschen Politik der Staat zunehmend zum „Anspruchsgegner“ gemacht, der uferlos auswuchernde Versorgungs- und Glückseligkeitswünsche zu befriedigen hat. Diese Grundhaltung „Versorge uns oh Staat!“ reicht bis weit in die CDU und die FDP hinein.

Man kann dies auch an den neuesten Schulreformversuchen ablesen. So wird etwa in der Broschüre des Berliner Senats zur neuen Sekundarschule nirgendwo die Rolle der Familie oder der fundamentale Beitrag des Einzelnen erwähnt – vielmehr wird das gesamte Schulwesen als eine Art BVG-Verschiebebahnhof dargestellt. Es kommt nur darauf an, den richtigen Waggon zu erwischen, alles andere regelt der Staat für die Schüler.

Ich halte dies für gefährlich. Wir brauchen nicht den Untertan, den unmündigen Leistungsempfänger. Wir brauchen den mündigen, seiner Rechte und Freiheiten bewussten Menschen und Bürger, der seine Glückseligkeit nicht vom Staat erwartet, sondern selbst dafür arbeitet.

 Posted by at 21:28