Archive for Juli, 2010

Haben links und rechts als politische Begriffe ausgespielt?, oder: Wohin treibt die CDU? (2)

Donnerstag, Juli 29th, 2010

Vorrang der Person vor dem Staat, Vorrang der Freiheit vor der Versorgungssicherheit, ein gerüttelt Maß an Staatsskeptizismus, Streben nach Machtverteilung, keinerlei Bezugnahme auf  “das Konservative”, “das Bürgerliche” – und übrigens auch nicht auf “das Nationale”: das waren auffällige Züge in der kurzen 90-Sekunden-Skizze einer entstehenden Partei, welche Konrad Adenauer am 23. März 1949  vor der Interparlamentarischen Union in Bern vorstellte. Ich halte diese Rede für eine der besten, eine der lesenswertesten Reden Adenauers überhaupt – besonders angesichts der Umfragewerte für die CDU, die Forsa heute frei Haus liefert.

War die CDU je eine linke Partei? Mit Sicherheit nein. Denn für die linken Parteien gilt, dass sie ein anderes Grundverständnis staatlichen Handelns haben als die CDU.

“Die Bundesrepublik muss zu ihrer Verantwortung stehen und allen Bürgern angemessenen Wohnraum garantieren. Sie darf diese Verantwortung nicht an die Kommunen delegieren.” Dies ist ein typischer Satz einer linken Partei – vor wenigen Tagen nahezu wörtlich von einem führenden Vertreter der Grünen geäußert. 25 qm für einen Single gelten dann ganz schnell als “unwürdig”.

“Der Staat muss allen Bürgern eine menschenwürdige Partizipation am gesellschaftlichen Reichtum garantieren. Der Staat muss verhindern, dass ganze Menschengruppen abgehängt werden und im Hartz-IV-Elend verkümmern.” Das ist linkes Denken. Eine respektable Zielsetzung ohne Zweifel! Aber sie pflegt eine ganz bestimmte Sichtweise des Staates.

Der Staat ist gemäß den linken Politikansätzen eine übergeordnete, fürsorglich-lenkende, umverteilende, mitunter sogar bemutternde Instanz. “Wir wissen, was den Bürgern fehlt. Wir kümmern uns um die Bürger. Wir wissen, was eine gerechte Gesellschaft ausmacht. Lasst uns mal ran.”

Linke Politik besteht über weite Strecken darin, vorhandene Benachteiligungen aufzudecken, anzuklagen, den Betroffenen bewusstzumachen, Ziele gesellschaftlichen Handelns vorzugeben.

Linkes Politikverständnis ist häufig elitär, häufig akademisch, häufig  besteht es schlicht darin, Benachteiligungen zu definieren und staatliche Mittel zur Beseitigung dieser Benachteiligungen (für sich) einzufordern. Der Staatsskeptizismus der Christdemokraten ist den linken Parteien fremd. Linke Parteien agieren häufig im Namen übergeordneter Ideale wie Gerechtigkeit, Partizipation, Gleichheit, also Abschaffung von Benachteiligungen.

“Links und rechts haben als politische Begriffe ihre Funktion verloren. Was sich nach 1968 an linken Ideen als illusorisch und falsch herausgestellt hat, ist auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Was richtig war, hat die CDU übernommen. Punkt.”

So apodiktisch äußert sich Peter Altmeier, der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, im aktuellen Spiegel Nr. 30/2010, S. 27.

Ich halte diese Aussage für bestreitbar. Denn nach wie vor gibt es drei Parteien, die sich selbst eindeutig als links bezeichnen: Die Linke, Die Grünen, die SPD. Diese linken Parteien schreiben dem Staatshandeln höhere Eingriffsrechte zu als die Parteien der Mitte und der Rechten. Sie weisen meist die Letztverantwortung für das Glück aller dem Staat zu. Die Person erklärt sich als das Ensemble der sie produzierenden Umstände. Wenn es Ungleichheiten gibt, sind sie durch soziale Umstände bedingt, die es zu verändern gilt.

Ein gutes Beispiel für solches linke Politikverständnis sind die riesigen staatlichen Förder- und Kompensationsprogramme Berlins wie etwa Die Soziale Stadt, Quartiersmanagement. Aber auch der riesige Bestand an Mietwohnungen im öffentlichen Besitz ist kennzeichnend für eine strukturell linke Politikauffassung.

Als strukturell links bezeichne ich neben einer starken öffentlichen Wohnungswirtschaft auch einseitig zugunsten einzelner Unternehmen aufgelegte Rettungs- und Stützungspläne, wie etwa die causae famosae Hochtief oder Opel. In beiden Fällen behauptete der Staat: “Ich weiß besser, was gut für euch Bürger ist als der Markt. Vertraut uns. Wir lassen euch nicht im Stich.”

Das Bundesland Berlin ist insgesamt ein Paradebeispiel für strukturell staatsverquicktes, staatslastiges, also im Grunde linkes politisches Handeln. Hier wurde über die Jahrzehnte hinweg vom Staat eine üppige Subventions-, Förder- und Benachteiligten-Industrie herangezogen, die alle wichtigen Parteien erfasst hat und im Grunde die Stadtgesellschaft in den Status der strukturellen Unmündigkeit zurückversetzt hat. Die Auswirkungen müssen als mindestens zweischneidig, an manchen Stellen hingegen als geradezu verheerend bezeichnet werden.

Eine Lähmung der Eigenkräfte, ständiges Rufen nach der heilenden Hand des Staates in allen Bereichen (etwa in der Schulpolitik, in der Familienpolitik), eine aufgeschwemmte Verwaltung, Erpressbarkeit der politischen Entscheidungsträger, Gefahr von Korruption und Vorteilsnahme im Amt – das sind einige der Schattenseiten dieser staatsverquickten Politikauffassung.

Mühselig versucht das Bundesland, sich aus diesem umfassenden Gespinst an staatlicher Hilfe und Staatsabhängigkeit hervorzuarbeiten.

Wenn man die Unterscheidung zwischen linker und rechter Politik auf den Müllhaufen der Weltgeschichte wirft, begibt man sich der Möglichkeit, die entscheidenden Unterschiede im Staatsverständnis der linken Parteien und der CDU begrifflich präzise zu fassen.

Die CDU sollte – so meine ich -  ihren subsidiären Freiheitsbegriff hegen und pflegen. Freiheit wächst von unten her. Sie wird nicht vom Staat huldvoll gewährt. Freiheit bedeutet selbstverständlich auch die Freiheit zu scheitern. Kein Staat kann dem einzelnen alle Daseinsrisiken abnehmen. Kein freiheitlicher Staat darf seinen Bürgern ein stets gleichbleibendes Maß an Wohlstand und Versorgungsglück versprechen.

Auf diesen Zug ins permanente Versorgungsglück sollte die CDU nicht aufspringen – und so sie es getan hat, sollte sie wieder abspringen.

SPIEGEL ONLINE – Nachrichten

90 Sekunden im Aufzug, oder: Wohin treibt die CDU?

Donnerstag, Juli 29th, 2010

Eine lustige Übung im Sprachunterricht: “Stellen Sie Ihre Organisation einem Unbekannten vor, mit dem Sie 90 Sekunden im Aufzug fahren!” Das kann man auch mit Parteien machen! Was würde ein CDU-Mitglied im Jahre 1949 gesagt haben? Vielleicht dies: “Wir sind die bürgerliche Volkspartei mit christlichen, liberalen und konservativen Wurzeln!”? Oder etwa so:

Das Wesen der sozialistischen Partei und der kommunistischen Partei ist Ihnen wohl von früher her bekannt, das gleiche gilt von den freien Demokraten. Dagegen ist das Ziel der Christlich Demokratischen Union und der Christlich Sozialen Union – so heißt die Partei in Bayern – weiten Kreisen unbekannt, da es sich hier um eine neue Partei handelt. Diese Partei umfaßt Katholiken und Protestanten. Sie will, daß die christlichen Grundsätze, wie sie sich im Abendland im Laufe von Jahrhunderten entwickelt haben, bestimmend sein sollen für die Innen- und Außenpolitik und die Wirtschaft. Wir behaupten in der CDU/CSU nicht, daß wir allein Christen seien, geschweige denn, daß wir die guten Christen seien, aber wir wollen, daß die Werte des Christentums in Wirtschaft und im öffentlichen Leben, auch in der Außenpolitik, wie ich bereits sagte, bestimmend sein sollen. Die Freiheit und die Würde der Person sind unsere Grundforderungen. Wir sind der Auffassung, daß jeder Mensch unabdingbare Rechte gegenüber dem Staat und der Wirtschaft sein Eigen nennt. Wir bekennen uns zum föderali­stischen Gedanken. Wir sind gegen jede gefährliche Häu­fung -wirtschaftlicher und politischer Macht bei Einzel­personen, bei Korporationen irgend­welcher Art, auch beim Staate. Darum betonen wir das machtverteilende Prinzip.

Was ist beachtlich bei diesem kurzen 90-Sekunden-Portrait, das Konrad Adenauer von der Neugründung ablieferte?

1) Er betont die Neuartigkeit der Partei. Er beschreibt sie als Partei neuen Typs, die als Sammlungsbewegung entstanden sei. Das Wort “konservativ” nimmt er weder der Sache nach noch auch sinngemäß in den Mund. Ebenso fehlt jeder Verweis auf so etwas wie “bürgerlich”.

2) Als die einigende Klammer benennt er nicht bürgerlich und auch nicht konservativ, sondern die christlichen Grundsätze, wie sie sich über die Jahrhunderte entwickelt hätten. Damit greift er in der Selbstbestimmung der Partei weit in die Vergangenheit zurück, ohne jedoch konkrete materielle Forderungen zu erheben.

3) Er unterstreicht den Vorrang der Person vor dem Staat. Freiheit und Würde der Person, nicht materieller Wohlstand oder Sicherheit des Kollektivs sind die Grundforderungen. Die Person kommt zuerst, der Staat dient der Person. Ein gewisser Staatsskeptizismus schlägt durch. Der Staat dient nicht der Durchsetzung eines idealen, gerechten Gemeinwesens, sondern der Sicherung der Rechte der Person.

4)  Machthäufung, Machtballung in den Händen einiger weniger muss vermieden werden. Deshalb muss Macht verteilt werden. Macht ist als solche nicht böse, aber sie muss begrenzt werden. Keine Instanz darf zu groß oder zu mächtig werden.

Wir schließen daraus: Die CDU ist 1949 eine neuartige Partei, die das staatliche Gemeinwesen von der einzelnen Person her aufbaut. Der Staat ist nachrangig, die letzte Verantwortung für gelingendes Leben, für Lebensglück also, trägt nicht der Staat, sondern die Person.

Wann ist man in den USA integriert? Wann in Deutschland?

Donnerstag, Juli 29th, 2010

Die Muslime in den USA gelten als besser integriert, als wohlhabender denn etwa die eingebürgerten Hispanics oder die Schwarzen, deren Vorfahren vor Jahrhunderten als Sklaven nach USA verschleppt oder verkauft wurden. Woran liegt dies?

Drei einfache Kriterien für gelingende Integration in den USA nennt Lamya Kaddor:

“Man ist dann integriert, wenn man erstens für die grundlegenden Werte der Freiheit, der Gleichheit und des Eigentums einsteht, wenn man zweitens seinen eigenen Lebensunterhalt verdient und wenn man drittens wenigstens soviel Englisch beherrscht, dass man sich verständigen kann” (Muslimisch – weiblich – deutsch, S. 106).

Wann ist man als Zuwandrerin Deutschland erfolgreich integriert? Ich würde sagen: Man ist in Deutschland integriert, wenn man erstens nach acht Jahren Aufenthalt einen unbefristeten Aufenthaltstitel erlangt hat und damit unabhängig von der Staatsangehörigkeit alle gesetzlichen Ansprüche eines Bürgers gegenüber dem deutschen Sozialstaat geltend machen kann, wenn man zweitens ein Netz aus verwandtschaftlichen Beziehungen und staatlichen Fürsorgeleistungen geknüpft hat, das einem das Verharren in der Herkunftskultur ermöglicht, und drittens, wenn man durch Heirat mit einem Partner derselben ethnischen Herkunft die Ansprüche auf Versorgung und materielle Sicherheit generationenübergreifend verstetigt hat.

Ich übertreibe geringfügig, dennoch läuft es heute in den meisten Fällen bei uns in Berlin-Kreuzberg  so ab. Es war vor zwanzig Jahren noch nicht so, aber heute ist es überwiegend so. Besserung ist nicht in Sicht, solange man nicht grundsätzlich am Sozialstaat etwas ändert. Ich vertrete – übrigens weitgehend allein auf weiter Flur – folgende Ansicht: Mit der jetzigen Sozialgesetzgebung ist die Integrationsproblematik nie und nimmer zu bewältigen. Im Gegenteil: Es werden ständig neue überflüssige, ideologisch belastete Nebenkriegsschauplätze aufgemacht, so etwa jetzt das Burka-Verbot. Ein Zeichen der Hilflosigkeit, dass darüber in Frankreich und Holland so ausführlich diskutiert wird!

Sobald die einzelnen Familien, vor allem aber die jungen Männer gezwungen sind, ihren Lebensunterhalt durch legale Beschäftigung selbst zu erarbeiten, werden die meisten Probleme der Integration “der Muslime” sich innerhalb weniger Jahrzehnte wie in den USA in Luft auflösen. Die meisten – nicht alle.

Den Nikab, also die Ganzkörperverhüllung, bei der ausschließlich ein kleiner Augenschlitz freigelassen wird, den kenne ich aus der Schule und dem Supermarkt bei mir um die Ecke. Es sind Frauen aus nach außen extrem abgeschlossenen Familien, die neuerdings in Kreuzberg den Nikab tragen und die ich nach den deutschen Kriterien (nicht nach denen der USA) als hervorragend integriert bezeichnen würde. Schulnote 1.

Ich meine: Wir sollten schon erklären, ob wir eine “weiche” Integration nach US-amerikanischen Vorbild oder eine hervorragend gelungene, systemisch verankerte Integration so wie bisher in Deutschland haben wollen.

Es hat sich doch überall herumgesprochen, mit welchen Kniffen und Angaben man – unabhängig von der Staatsangehörigkeit – die Integration ins deutsche Sozialhilfewesen erreichen kann.

Ich meine ferner: Was die Deutsche Lamya Kaddor sagt, etwa auch in einem aktuellen Interview zum Thema Freiheit, zum Thema Burka-Verbot, sollte man mindestens diskutieren:

Deutschlandfunk – Interview – “Ich würde nie so weit gehen, ein ganzes Verbot auszusprechen”
Darüber hinaus hat übrigens gestern das Pew-Forum in Amerika eine Umfrage veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass die meisten Europäer diesem Verbot zustimmen, aber die meisten Amerikaner interessanterweise eben nicht, und man muss sich fragen: Woran liegt das. Leider wird die Begründung nicht aufgeführt, da werden also nur die Zahlen, die Statistiken benannt. Ich glaube, das hat sicherlich auch damit was zu tun, dass dem Begriff der Freiheit, der persönlichen Freiheit in Amerika einfach eine viel größere Bedeutung zugemessen wird, als man das hier in Europa tut – leider.

Deutsche Lehrerin bietet Geert Wilders ein öffentliches Forum in der Schule!!

Mittwoch, Juli 28th, 2010

Sie steigt und steigt in meiner Hochschätzung. Wer? Lamya Kaddor. Wie das? Neben vielen anderen richtigen Einsichten, die sie in ihrem Buch ausbreitet, hat sie es gewagt, den Film “Fitna” von Geert Wilders im islamisch-christlich gemischten Religionsunterricht einer zehnten Klasse vorzuführen – als “problemorientierten Einstieg in das Thema religiöse Vorurteile”. Wohlgemerkt ohne einen Vorab-Kommentar zu liefern!

Als der Abspann lief, hatte die ganze Klasse Fragezeichen in den Augen” (S. 124).

Eine Journalistin einer namhaften deutschen Tageszeitung war anwesend, spitzte die Ohren.

Aber so sind wir doch gar nicht” – so die einhellige Reaktion der Klasse, die zu 80% aus muslimischen Jugendlichen bestand. Dennoch entspann sich ein lebhafter, im Streit geführter Dialog.  Ein Dialog zwischen rassistischen Vorurteilen, verletztem Stolz und – allmählichem Umdenken auf seiten des “Rassisten”.

Ich halte das Vorgehen Kaddors für vorbildlich. Den Gegner auf seinem Feld stellen, Vertrauen in das offene Wort setzen, vorhandene negative Empfindungen anerkennen, ernstnehmen – und im Gespräch und mit viel Geduld eine Wandlung, eine Läuterung im Gegenüber herbeiführen. Diese Wandlung durch Umdenken ist ein zutiefst jüdisch-christlich-muslimischer Gedanke!

Andreas, der Schüler, der offen rassistisches Gedankengut geäußert hatte, meldete sich zu Wort: “Also, ich wollte euch und Ihnen, Frau Kaddor, noch etwas sagen. Was ich da gesagt habe, mit den Ausländern und den Arbeitsplätzen und so, das tut mir leid.”

Staunen in der Klasse, dann brandete Applaus auf!

Ich empfehle allen, die in Berlin mühsam um ein Zusammenkommen der drei abrahamitischen Religionen ringen, die Seiten 124-128 in dem Buch “Muslimisch – weiblich – deutsch” zu lesen.

Lamya Kaddor: Muslimisch – weiblich – deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam. Verlag C. H. Beck. München 2010

Sein Name sei Burâq!

Mittwoch, Juli 28th, 2010

14052010004.jpg Ein äußerst verlässliches, leistungsstarkes Ross ist in alten Darstellungen der Burâq: halb Pegasus, halb Kentaur, vereint er ein Menschenantlitz mit dem Körper eines Pferdes, das mit Flügeln begabt ist. Die antike griechische Vasenmalerei bringt zahlreiche Darstellungen dieser fabelhaften Mischwesen, Goethe lässt den Kentauren namens Chiron im zweiten Akt des Faust II wertvolle Dienste als Leichtflugzeug und enzyklopädisch gebildeten Berater erbringen.

In nur einer Nacht konnte ein solcher Burâq genannter Kentaur seinen Reiter von Mekka nach Jerusalem und wieder zurück bringen.

Wir haben beschlossen, unser himmelblau und nachtschwarz geschecktes Stahlross mit dem Namen Burâq zu benennen. Bergab läuft Burâq so schnell und sicher, dass man in der Tat abzuheben meint. Auch bei Geschwindigkeiten weit jenseits der 50 km/h hält er den Geradeauslauf trefflich, schluckt Unebenheiten gutmütig weg. Wittert er den Stall, so legt er noch ein Quentchen zu. Dies stellte er am vergangenen Sonntag beim Zieleinlauf in der Brühlschen Gasse am Terassenufer in Dresden unter Beweis:

dresr10ost00571.jpg

Unsere Darstellung ganz oben zeigt den Burâq unserer Wahl auf dem Flugfeld Tempelhof, bereit zum Abheben.

Wer an älteren Darstellungen des Burâq interessiert ist, der sei auf zwei persische Darstellungen aus dem 15. Jahrhundert verwiesen, die bequem in folgendem Fundort nachzuschlagen sind:

Der Koran für Kinder und Erwachsene. Übersetzt und erläutert von Lamya Kaddor und Rabeya Müller. C.H. Beck Verlag, München 2008, S.  87 und S. 221

“Ich glaube mit Wenn und Aber”

Dienstag, Juli 27th, 2010

kaddor32cda952-a1ac-443f-9daf-9c773554bf52g300.jpg Jeder, der das neue, heute bereits vergriffene Buch von Kirsten Heisig nicht erhalten hat, sollte zunächst einmal das Buch “Muslimisch – weiblich – deutsch” von Lamya Kaddor lesen. Ich sage mit dem Kirchenvater Augustinus: Tolle lege! Oder, wie es Koran zu Beginn sagt: Iqrâ! Was für eine begeisternde Geschichte! Glauben im Hier und Jetzt – das vollzieht sich als das ganz persönliche Ringen, Prüfen, Erzählen, Beten der einzelnen Gläubigen. Darin sind Islam und Christentum einander sehr verwandt. Lamya Kaddor findet einen kräftigen, lebensbejahenden, mutigen Ich-Ton. Sie erzählt ihre Geschichte – und damit erzählt sie zugleich die Geschichte ihrer Religion in ihrem Heimatland, also in … nein, nicht “Nordrhein-Westfalen”, sondern “Deutschland”.

Ein Satz wie “Ich glaube – mit Wenn und Aber” stößt genau jene Tür zu einem in der Zeit stehenden, modernen Islam auf, wie ich ihn mir so sehr wünsche von meinen vielen muslimischen Nachbarn und Bekannten und Mit-Eltern.

Ich halte dieses Buch für das derzeit beste Werk zum Thema “europäischer Islam”, ein echter Meilenstein auf dem Weg der “Vermittlung”. Islam als Religion der “Vermittlung”, warum denn nicht? Das ist doch eine großartige Vision!

Von der persönlichen Erzählung  über die historische Belehrung hin zur politischen Forderung geht das Buch. Architektonisch klar gegliedert wie eine Moschee. Ein geistiger Genuss, der mir heute den Nachmittag verschönte, den ich mit meiner Familie im heimatlichen Prinzenbad abschloss, wo einige Arabisch sprechende Jugendliche unschuldig herumtollten und planschten.

Lamya Kaddor: Muslimisch – weiblich – deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam. Verlag C. H. Beck. München 2010

Kreuzberger Michelin-Männchen springt Besenwagen von der Schippe

Montag, Juli 26th, 2010

dresr10ost0020.jpgNo child left behind – Niemand darf zurückbleiben – niemand soll abgehängt werden!” So hört man es immer wieder. Und diese Worte klangen mir im Ohr, als ich beim Dresdner Jedermannrennen “Race Day Dresden” gestern einige Kilometer hinter dem Feld herfuhr. Denn nach etwa 10 Kilometern konnte ich den Anschluss an das Peloton nicht halten: Ich musste den Helm lockern, die Kapuze von über dem Helm abnehmen, Kapuze wieder aufziehen, Helm wieder aufsetzen. “Das sind die Letzten …” riefen Zuschauer einander zu, als wir hinter Pirna einen 700 m langen Berg hochstrampelten.  Hinter mir tuckerte im ersten Gang ein bulliger Diesel. Er ließ sich nicht abschütteln.  “POLIZEI – Schlusswagen” stand bedrohlich auf ihm. Ich bin sonst immer polizeifreundlich gesonnen, aber gestern war sie mir UNSYMPATHISCH. “Jetzt durchhalten! Jetzt weißt du also, wie sich die Benachteiligten in unserer Gesellschaft fühlen! Du bist das hintere Drittel, du bist der Letzte! Du bist der Schulabgänger ohne Abschluss.”

Ich schnappte am Verpflegungspunkt eine Banane und versuchte, die herrlichen Ausblicke in die Sächsische Schweiz zu genießen. Der POLIZEI-Schlusswagen fuhr weiter! Der BESENWAGEN hattte mich überholt! Ich war draußen! Ich trat in die Pedale, kämpfte mich heran. Ich überwand den Schlusswagen. Überholte die vorletzte Rennfahrerin, sprach ihr Mut zu: “Wir schaffen das!” “Irgendwie werden wir es schaffen!”, lächelte sie zurück.

Nach und nach trocknete die füllige blaue Regenjacke, die ich am Start übergestreift hatte. Denn es hatte zu Beginn des Rennens eine Stunde lang ohne Unterlass geregnet. Die Regenjacke wölbte sich, blähte sich im Wind, ein Abbremsen auf den langen Schussfahrten wurde überflüssig. Und sie sorgte dafür, dass der Anstieg nicht zu leicht wurde. Die Rennschuhe waren vollkommen durchnäßt, statt zweier Füße spürte ich das ganze Rennen über zwei bewegliche Eisbeutel kreisen.

So fuhr ich gestern zwei Drittel des Dresdener Jedermann-Rennens im festen Bewusstsein, der Letzte im Feld zu sein. Mein einziges Ziel war es, innerhalb der geforderten Zeit (Durchschnitt 25 km/h) anzukommen und nicht disqualifiziert, nicht vom Besenwagen eingesammelt zu werden.

Ich erreichte die Zieleinfahrt vor der Semper-Oper nach dreieinhalb Stunden mit weichen Knien und unter dem herzlichen Beifall der Zuschauer.

Ich plauderte mit einigen Mitstreitern. Alle fanden das Rennen ungewöhnlich schwer. Angeblich hatte ein ehemaliger Weltmeister das Rennen gewonnen. Die Jedermann-Rennen sind, wie man vernimmt, für Ex-Profis lukrativ geworden.

Zu meiner Überraschung muss ich heute im Internet feststellen, dass ich keineswegs der Letzte war, sondern unter den 170 männlichen Teilnehmern des 88-km-Rennens Rang 129 herausgefahren habe. Ich kann mir das nur so erklären, dass sich verschiedene Felder gebildet hatten – bei einem hatte ich abreißen lassen müssen, und das nächste Feld hatte mich offenbar nicht eingeholt.

Mein selbstgestecktes Ziel, nämlich unter die besten 70% der 182 Teilnehmer zu fahren, habe ich also um 1-2 Plätze verfehlt. Aber unter den schlechtesten 30% war ich (fast) der Schnellste.

Merke, oh Unqualifizierter, Benachteiligter, Letzter dieser Welt: Du bist nicht so schnell der Letzte, wie du denkst. Besser ist es, zu kämpfen als aufzugeben. Aufgeben, nur weil man der Letzte ist? Niemals! Denn: So mancher, der sich für den Letzten hielt, wird der Erste unter den Letzten sein.

Ein spannendes, lehrreiches Rennen! Ich schließe dieses herrliche Rennen in mein Gedächtnis ein im Bewusstsein, der Erste unter den Letzten gewesen zu sein.

UND: Nächstes Jahr fahre ich ohne Michelin-Regenjacke – da mag es schneien und graupeln so viel es will.

Ein paar Impressionen findet ihr auf Youtube:

Start Race Day Dresden 122 km 

Startvorbereitung Race Day Dresden 88 km

Mitschwimmen im Hauptfeld Race Day Dresden

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“Niemand opfert sein Kind für die Integration”

Montag, Juli 26th, 2010

Derartige Vorwürfe musste ich armer Kreuzberger Vater mir immer wieder anhören – von anderen deutschen Eltern, von Sozialarbeitern … dafür, dass wir unseren Sohn in eine ganz normale staatliche Schöneberger Kita und staatliche Kreuzberger Grundschule geschickt haben. Dort wo teils türkische, teils arabische Schüler mit ihren allgemeinen Lernbedürfnissen die absolute Mehrheit stellen und die wenigen deutschen oder nichtmuslimischen Kinder mit ihren besonderen Lernbedürfnissen eher nebenher laufen. Wobei die Politiker des linken Parteienspektrums mit ihrem leidenschaftlichen Faible für das “gemeinsame Lernen” sich bemerkenswerterweise stets vornehm zurückhalten.

“Das Wertvollste, was du hast, den eigenen Sohn, das kannst du doch nicht DIESER Welt opfern …!” DIESE Welt? Darüber schreiben Güner Balci, Kirsten Heisig, Kazim Erdogan, Heinz Buschkowsky und einige andere.

Kein Zweifel:

Hier in Berlin, vor allem Kreuzberg und Neukölln, droht die deutsche Gesellschaft
der Zukunft komplett auseinanderzubrechen – und wir sind mittendrin!

Knackpunkt, an dem alles bricht und fast zerbricht, ist die Schule. Von einer gemeinsamen Grundschule kann schon lange keine Rede mehr sein. Obwohl wir hier im Bezirk die Grünen als größte Partei genießen dürfen, ist wahrscheinlich nirgendwo sonst – außer in Neukölln und Wedding – die Absetzbewegung aus dem öffentlichen Grundschulwesen so stark wie hier.

Die Eltern, die für ihre kleinen Kinder etwas vorhaben, ziehen weg in das ehemalige Ost-Berlin, oder sie melden sich um, oder sie melden die Kinder in privaten Grundschulen an.

So wie etwa Güner Balci, die ebenfalls aus Kreuzberg weggezogen ist in den Bezirk Mitte – es ist anzunehmen: den Teil von Mitte, der im ehemaligen Osten liegt.

Und das titelgebende Zitat entnehmen wir nicht nur Gesprächen mit verschiedenen Kennerinnen, sondern es wurde auch von Güner Balci exakt so geäußert:

Neukölln-Roman von Güner Balci: Ein Fluchtweg für die Arabqueen – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Kultur

Die 35-Jährige ist von Kreuzberg ins schicke Berlin-Mitte gezogen. Sie ist gerade Mutter geworden. “Niemand opfert sein Kind für die Integration”, sagt sie.

Race Day Dresden 2010 ruft!

Samstag, Juli 24th, 2010

 Letzte Vorbereitungen zur Abfahrt nach Dresden. Kaum Hektik, kaum Nervosität. Wir sind gemeldet zum Race Dresden 2010. Habe diesmal als erwartete Durchschnittsgeschwindigkeit 32 km/h angegeben. Rechne mir im Ziele eine Platzierung im Mittelfeld aus (=besser als die langsamsten 30%). Das ist mein Ziel. Es ist mein erstes Radrennen in und durch das Bundesland Sachsen. Werde versuchen Ehre für meinen Heimatbezirk Friedrichshain-Kreuzberg einzulegen.

Hier ‘n paar Takte aus dem Grußwort der Oberbürgermeisterin Helma Orosz:

Race Day Dresden 2010
Für die engagierte Vorbereitung danke ich besonders dem Verein Internationale Sachsen-Tour e. V., der für einen erneuten Höhepunkt im Sportkalender der Landeshauptstadt Dresden gesorgt hat. Ich bin überzeugt, die Dresdnerinnen und Dresdner werden die Fahrerinnen und Fahrer wieder gebührend an der Strecke empfangen. Zahlreiche Fans säumen dann die Straßen in und um Dresden, wo die Sportler unter den Anfeuerungsrufen ihre Höchstleistungen zeigen können.

Streitet mit ihm – aber lasst ihn rein: der Fall Wilders

Freitag, Juli 23rd, 2010

Einige Male habe ich schon muslimische Bekannte gefragt: “Bist du bereit, über den Islam öffentlich zu diskutieren?” Ich bekam bisher nie Zusagen. Fast alle öffentlichen Debatten über den Islam finden deshalb ohne Beteiligung von Muslimen statt. Das macht dieses Geschäft so unendlich mühsam.

Der Islam ist mittlerweile eine deutlich sichtbare Macht hier in Kreuzberg-West: Nikab und Burka habe ich hier schon des öfteren gesehen, – sofern die Frauen ausnahmsweise die Erlaubnis zum Verlassen der Wohnung erhalten haben. Ich habe auch einige Male versucht, mit diesen Müttern ein Gespräch zu führen. Na, was glaubt ihr, wie solche Versuche ausgehen, ausgehen müssen?

Die streng observante Form des Islam, der wahabitische, saudisch geprägte, den es vor zwanzig Jahren bei uns noch nicht gab, ist deutlich spürbar. Kitas und Schulen haben sich auf die muslimische Kindermehrheit eingestellt, während die nichtmuslimischen Kinder allzu leicht in die Minderheitenposition gedrängt werden.

Die Behauptungen des Geert Wilders über Wesen und Erscheinungsformen des Islam sind zweifellos überspitzt. Aber sie verdienen es, öffentlich diskutiert zu werden. Sie sind keineswegs als billige Polemik abzutun.

Bei einem öffentlichen Auftritt in Berlin sollte Wilders  jedenfalls einen kompetenten Gesprächspartner von muslimischer Seite vorfinden, der ihm widerspricht.

Die populistische Etikettierung als “Rechstpopulist” ist ganz sicher verfehlt. Sie nimmt die Aussagen des Geert Wilders schlicht nicht zur Kenntnis.

Die gewaltigen Schwierigkeiten, die unsere Gesellschaft mit den türkischen und arabischen Zuwanderern hat, sind – so meine ich – nicht durch die Religion bedingt, sondern durch ein komplexes Gefüge aus Schwäche, Unkenntnis, Vermeidungs- und Ausnutzungsverhalten auf beiden Seiten, wobei das größte Problem die durch unser Sozialsystem geförderte, alle Begriffe sprengende Trägheit ist.

Einige Thesen, die Geert Wilders in seinem durchaus lesenswerten Blog äußert, sind zweifellos richtig, andere hingegen verdienen es, durch Muslime und Christen erörtert, korrigiert und auch zurückgewiesen zu werden.

Die ersten beiden Aussagen, die hier nachstehend zitiert werden, halte ich übrigens für zutreffend:

Auch ich meine:

1) Der Begriff der persönlichen, der individuellen Freiheit ist im Islam – so wie er sich heute präsentiert – unterentwickelt.

2) Die meisten Muslime, die ich kenne, neigen zum Fatalismus. Sie begreifen ihr Leben als “schicksalsgegeben”, sie arbeiten nicht an der Umgestaltung ihres Lebens, sie arbeiten nicht an der Umgestaltung der Welt, in der wir leben.

Es gibt von Wilders viele andere Aussagen, die ich bestreiten würde, aber diese beiden, die zunächst kommen, kann ich nur unterstreichen – und zwar aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen, Begegnungen und Interaktionen mit Berliner Muslimen.

Weblog Geertwilders – Wilders: my message to Muslims
Without individual freedom, it is not surprising that the notion of man as a responsible agent is not much developed in Islam. Muslims tend to be very fatalistic. Perhaps – let us certainly hope so – only a few radicals take the Koranic admonition to wage jihad on the unbelievers seriously. Nevertheless, most Muslims never raise their voice against the radicals. This is the “fearful fatalistic apathy” Churchill referred to.