Archive for Dezember, 2010

Welches Deutsch?

Donnerstag, Dezember 30th, 2010

Soeben las ich den Kindern Stifters Bergkristall vor. Adalbert Stifters Deutsch ist von jenem Bemühen um Reinheit gekennzeichnet, wie es einige große Meister der deutsche Sprache immer wieder bewiesen haben – zu ihnen zählen beispielsweise auch Franz Kafka und dessen erklärtes Vorbild Heinrich von Kleist. Sie verwenden in der Tat fast keine Fremdwörter. Goethe und Schiller hingegen streuen sie gerne und ohne zu zögern ein.

Minister Ramsauers Bemühen um Eindämmen der Anglizismen-Flut halte ich für im Grundsatz richtig.

Zur Zeit des Barock bemühten sich zahlreiche wackere Männer wie etwa Gryphius, Lohenstein oder Harsdörffer, die deutsche Sprache vom klirrenden Zierrat, vom welschen Tand zu reinigen. Noch Immanuel Kant kämpfte um 1720 ersichtlich mit dem Deutschen, bahnte Wege des Denkens in einer Sprache, die sich noch nicht auf eine Norm hatte festlegen lassen.

Erst danach konnte unter vielen Mühen so etwas wie eine einheitliche deutsche Hochsprache sich bilden, in der Lessing, Goethe, Schiller, G.W.F. Hegel und später auch Kleist oder Kafka schrieben. Auch das Grundgesetz richtet sich in Lautung und Wortschatz etwa nach den Normen, die sich um 1770 herausgebildet hatten.

Diese im Großen und Ganzen einheitliche, wenn auch in sich stark differenzierte deutsche Hochsprache, die wir seit etwa 1770 schreiben und sprechen, gilt es zu pflegen und weiterzuentwickeln. Das scheint mir das Anliegen Ramsauers zu sein. Und darin stimme ich ihm zu.

Es stört mich in der Tat, wenn die grünen Männer in einem Manifest von role models sprechen – statt von männlichen Vorbildern.

Sprachfeldzug des Verkehrsministers: Ramsauer jagt Schlagzeilen – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Politik

Was dient dem Kind?

Mittwoch, Dezember 29th, 2010

28122010191.jpg La famiglia cristiana - dieses erbauliche Familienblatt der italienischen Bischöfe sah ich während meiner 3 italienischen Gastarbeiterjahre immer wieder an den Schriftenständen katholischer Kirchen stehen. Ich griff nie dazu. “Die christliche Familie” – das klang mir etwas altbacken und muffig. Zu unrecht. Viele meiner italienischen Freunde rümpften wie ich ebenfalls die Nase bei der Wendung “La famiglia cristiana”. Zu unrecht, wie ein Blick auf den Internetauftritt des Blattes sofort belegt. Familie und Christentum scheinen unverbrüchlich zusammenzupassen wie Schloss und Riegel, wie Wald und Wiese, Kind und Kegel.

Eine bohrende Frage drängt sich dennoch auf: Ist das Christentum ursprünglich wirklich die Religion der Familie?

Hans Conrad Zander stellte in einem Hörfunkgespräch am Fest der Hl. Familie zu recht heraus, dass das Christentum, im Gegensatz etwa zum Judentum oder dem Islam, gerade nicht die Familienreligion schlechthin ist.

Deutschlandradio Kultur – Thema – Jesus, der überzeugte Single
Kassel: Wie weit ist denn das gegangen? Im Untertitel nennen Sie Ihr Buch ja tatsächlich auch “Jesus, der Familienfeind”. Hatte er nur Probleme mit seiner eigenen Familie, oder war er wirklich so, wie Sie das herauslesen aus der Bibel, ein Gegner der ganzen Institution Familie?

Zander: Er hat auf die Familienbindungen seiner Jünger nicht die geringste Rücksicht genommen und das in einer Weise, die überaus schockierend war für seine Zeit. Da ist ein Jünger, der ihm nachfolgen will, der ihm aber sagt: Mein Vater ist gerade gestorben, ich möchte meinen Vater begraben. Und bedenken Sie, das ist nicht, wie wenn heute ein junger Deutscher seinen Vater rasch einäschert, das war fürs jüdische Empfinden die wichtigste Verpflichtung gegenüber den Eltern, dass er ihn begräbt. Und Jesus sagt voller Verachtung: “Lass die Toten die Toten begraben.”

Ich selbst sprach öfters mit christlichen Ordensleuten, die selbstverständlich bei jeder, auch bei wichtigen Familienfeiern zuerst die Erlaubnis der Oberen einholen mussten, ehe sie ihre Herkunftsfamilie besuchen und mit ihr feiern durften.

Zanders Belege sind mächtig – und wenn dem Christentum der Titel Familienreligion aberkannt werden muss, welcher Titel ist es dann, der ihm eher zukommt?

Ich sehe das so: Das Christentum ist wohl eher die Religion des Kindes als die der Familie, mehr die Religion des Nächsten als des Fernsten, mehr die Religion der freien Entscheidung als der Institutionen, mehr die Religion der Gemeinde als der Familie. Gemeinde ist fast noch wichtiger als Familie, die freie Entscheidung des Individuums ist wichtiger als die Institutionen. Freie Entscheidung wird geboten, nicht Unterwerfung. Das Wohlergehen des Kindes ist wichtiger als der Zusammenhalt der Familie.

Familie ist gut und gerechtfertigt, weil und solange sie auf unvergleichliche, unübertroffene Weise dem Wohl des Kindes dienen kann. Institutionen sind wichtig, weil und solange sie dem lernenden, wachsenden Individuum ermöglichen, freie Entscheidungen zu treffen – dies gilt etwa für die Schule.

Institutionen “dienen” dem Einzelnen. Die Familie mit Vater und Mutter “dient” dem Kinde. Die Einrichtungen der bürgerlichen Gesellschaft  haben “stützende”, nicht aber letztbegründende Aufgaben, wie dies etwa der Soziologe Arnold Gehlen sagte.

Woher kommt aber nun der überragende Siegeszug der Familie? Hierzu meine ich: Die Familie ist das stabilste Modell für das Aufwachsen von Kindern. Es gibt nur sehr wenige Gesellschaftsmodelle, die wirklich die frühe Herauslösung der Kinder aus den Familien verlangen und verkünden. Dazu gehört die staatliche Kleinkind-Erziehung im antiken Sparta und in der Utopie Platons, die osmanische Knabenlese, der Lebensborn der NS-Ordensburgen. Keines dieser Beispiel ist erstrebenswert. Im Gegenteil. Sie sind abschreckend.

Das teure gesellschaftspolitische Ziel eines möglichst flächendeckend vorgehaltenen staatlichen Kleinstkindbetreuungsangebotes für möglichst viele, möglichst immer jüngere und immer kleinere und kleinste Kinder muss hinterfragt werden. Unsere Kommunen ächzen jetzt schon unter drohender Zahlungs- und Handlungsunfähigkeit, muss ihnen dann noch die Last der Kleinstkinderziehung aufgebürdet werden?

Uneingeschränkt befürworten würde ich aber den Grundgedanken einer weitgehenden Zusammenarbeit der Familien und der staatlichen Institutionen. Die Familien und die Schulen sollten viel enger ineinandergreifen, gerade hier in Berlin. Stets unter der einen großen Leitfrage:

Was dient dem Kind? Wie werden die Kinder, unsere geliebten “Zwerge”, zu selbstbewussten, fröhlichen, klugen und glücksfähigen Erwachsenen? Die Familie hat dabei sicherlich nicht ausgedient. Sie bedarf im Gegenteil heute mehr denn früher der Stärkung und der Festigung.

So meine ich, dass die grundlegende Erziehung, das Erlernen der Landessprache, die Einübung von grundlegenden Verhaltensmustern, Erziehung zu Respekt, liebevollem Umgang, das Erlernen von Gehen, Sitzen, Laufen, Springen und Singen weiterhin im Wesentlichen eine Aufgabe der Familien ist und bleiben sollte.

Je älter das Kind wird, desto mehr treten andere, stützende Einrichtungen oder besser “Gemeinden” hinzu. Familie ist nichts Starres, sie öffnet sich zum unmittelbaren Umfeld, tritt zu anderen Familien, zu anderen Institutionen in Kontakt.

Dazu sollte auch die Gesellschaftspolitik ihr Scherflein beisteuern. “Einbeziehen – nicht ausgliedern!” lautet das Zauberwort.

Bild: Schlosspark Sanssouci, Potsdam, Blick auf das Chinesische Haus, heute

Saelic sint die armen des geistes

Montag, Dezember 27th, 2010

reichtum0011.jpg  Wer erinnert sich nicht der herrlichen Forderung “Reichtum für alle!” aus dem Bundestagswahlkampf 2009, die fast entschuldigend als “Wir meinen natürlich geistigen Reichtum” zurechtgedeutet wurde!

Geistiger Reichtum, geistige Armut – was bedeutet das eigentlich? Dass Gregor Gysi unmittelbar eine biblische Wendung aufgreift, war ihm selbst sicherlich mehr als vielen Wählern bewusst.

Gleich zwei Mal erhielt der arme Kreuzberger Blogger Meister Eckharts Predigt Q 52 “Beati pauperes spiritu” zu Weihnachten zugedacht. Einmal als Jahresgabe der Meister-Eckhart-Gesellschaft, einmal als Arme-Leute-Ausgabe in Reclams wohlfeiler Volksbibliothek.

“Saelic sint die armen des geistes”: also übersetzt Eckhart von Hochheim Matthäus 5,3. Im Griechischen heißt es:

Μακάριοι οἱ πτωχοὶ τῷ πνεύματι, ὅτι αὐτῶν ἐστιν βασιλεία τῶν οὐρανῶν.
Was bedeutet “die armen des geistes”, pauperes spiritu, οἱ πτωχοὶ τῷ πνεύματι ?

Sprachlich ist der Sinn zunächst klar:  Gepriesen werden hier die, die “an Geist arm sind”, die “wenig oder keinen Geist haben”, die “geistig minderbemittelt sind”. Diese oder ähnliche Wendungen mehr geben den schlichten Sinn der in schlichter Sprache gehaltenen Bergpredigt wider. Die griechische Sprache, der griechische Text ist hier eindeutig und unterliegt keiner variantenreichen Mehrfachüberlieferung.

Die armen des geistes – hier gibt der prädikative Genitiv ebenfalls die Sache wider, an der jemand arm ist. Das belegt nicht zuletzt auch das Grimmsche Wörterbuch:

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm
praedicatives arm, wozu die sache im gen. oder mit der praep. an gesetzt wird: er ist nit arm des guts, aber arm des muts und geists. Keisersb. sch. d. penit. 57; selig sind die da geistlich arm sind. Matth. 5, 3 (ahd. armê sind in geiste);

Pneuma wiederum, “Geist”, hebräisch “ruach”, steht für religiöse Bindung und Bildung, für Hauch, Anhauch Gottes, für das Göttliche, das Geist oder Geistkraft  ist.

Sicher recht weit vom wörtlichen Sinn schweifen ab Übersetzungen, wonach hier diejenigen gemeint seien, die “arm sind vor Gott”, wie es etwa die derzeit übliche Einheitsübersetzung der deutschspachigen Kirchen gerne haben will. Besonders weit ab vom wörtlichen Sinn führt die “Bibel in gerechter Sprache” des Jahres 2006: “Selig sind die Armen, denen sogar das Gottvertrauen genommen wurde”.

Zunächst einmal gibt der griechische Urtext ebenso wie die lateinische und die mittelhochdeutsche Übersetzung her:

Selig sind die Geistesarmen.

Zu denken ist hier – so meine ich eindeutig aus dem griechischen Text herauszulesen – aus heutiger Sicht auch an religiös Ungebildete, an Analphabeten, an Menschen mit einem niedrigen Intelligenzquotienten, an geistig Behinderte, an geistig Benachteiligte, an bildungsferne Schichten.

Um die geht es Jesus offenbar. Das scheint der Kern der Botschaft zu sein.


Brauchen wir eine Männerquote in der Kindererziehung?

Montag, Dezember 27th, 2010

26122010170.jpg Kinder brauchen männliche Vorbilder. Kinder brauchen Väter oder Ersatz-Väter als Vorbilder.  Vor allem die Jungen benötigen unbedingt männliche Einflüsse – vermutlich bereits sehr viel früher als bisher vermutet. Wenn “das Männliche” im guten Sinne fehlt, ist das für die Jungen später nur sehr schwer aufzuholen – oder nur um einen sehr hohen Preis wie etwa die vorübergehende oder dauernde Delinquenz.

Umgekehrt können Väter selbstverständlich auch das “Mütterliche” teilweise mitverkörpern. Man schaue sich Alices Lebenslauf bei Madame Toussaud an (Foto). Aber niemand würde sagen: “Ein Kind kann auch ohne Mutter oder Ersatzmutter sehr gut aufwachsen.” Nein, nein: Alle Erfahrungen sprechen dafür, dass Kinder so etwas wie MAMA brauchen – in der Regel die leibliche Mutter. Aber es kann jede andere Frau sein, die dem Kind dauerhaft über viele Monate und Jahre verlässlich zugewandt ist.

So meine ich:

Alle Erfahrungen sprechen dafür, dass Kinder, vor allem die Jungen, so etwas wie PAPA brauchen – in der Regel den leiblichen Vater. Aber es kann jeder andere Mann sein, der dem Kind dauerhaft über viele Monate und Jahre verlässlich zugewandt ist: ein Onkel, ein Pate, ein älterer Bruder, ein Großvater, ein Geistlicher, ein Sporttrainer.

Ebenso wie Wirtschaft, Politik und Wissenschaft insgesamt von einer höheren Anwesenheit der Frauen profitieren, so werden auch Familie, Kita und Schule von einer höheren Anwesenheit an Männern mannigfachen Gewinn ziehen. Das Fehlen der Männer in den Familien und den Kitas und Grundschulen ist ein entscheidender Grund für scheiternde Schul- und Berufskarrieren von Jungen. Das halte ich aus eigener Anschauung für offenbar, die Wissenschaft würde dem wohl überwiegend zustimmen.

Wir brauchen mehr Frauen in den Führungsetagen der Aktiengesellschaften, und ebenso brauchen wir mehr Männer in den Familien, in den Kitas, in den Schulen. Wie ist das zu schaffen? Nun, ein Kita-Erzieher leistet sicherlich ebenso wertvolle Arbeit wie ein Vorstandsmitglied eines Unternehmens der kommunalen Wohnungswirtschaft … hüstel, hüstel.

Wie schaut es auf dem Gehaltszettel aus? Welche Anreize werden gesetzt? Welche Wertschätzung bringen die Menschen der Arbeit der Erzieher entgegen? Hüstel, hüstel.

Gute Schritte unternimmt Berlin in dieser Richtung. Bitte weitergehen! Und bitte auch an die Väter IN den Familien denken. Wir brauchen – so meine ich – eine Neukonturierung der Vaterrolle in der Gesellschaft, in der Kultur, in der Schule.

Integration – Dreijährige sollen in Berlin zum Sprachtest – iPad Berlin – Berliner Morgenpost – Berlin
Zöllner kündigte verstärkte Bemühungen um Männer als Kita-Erzieher an, darunter einen Runden Tisch „Berliner Plattform Mehr Männer in Kitas“. Berlin liege mit einem Anteil von 4,3 Prozent über dem Bundesdurchschnitt von 2,4 Prozent. „Die Zahlen sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, aber es ist bei weitem noch nicht so, dass ich sagen würde: Da gibt es nichts mehr zu tun.“

Von Bismarck über Stresemann zu Adenauer …

Sonntag, Dezember 26th, 2010

26122010159.jpgWir begingen (begingen?) heute fröhlich radelnd den zweiten Weihnachtstag. Das Fahrrad fährt seine Überlegenheit gegenüber dem Auto gerade bei Schnee und Eis noch deutlicher aus, was man an diesem Foto sieht: auf schön geräumtem Radweg sind meine Lieben schon davongehuscht, ehe ich meine Handy-Kamera in Anschlag gebracht habe. Wir kommen gerade von der Plamannschen Erziehungsanstalt her, an der Bismarck seine Grundschulzeit verleben musste (musste?): Stresemannstraße 30. Das Foto zeigt die Stresemannstraße, die ehemalige Königgrätzer Straße, weiter oben, Richtung Deutschlandhaus, neben dem ALDI, der immer so gute Sonderangebote an Xenion-Computern bereithält.

In guter Stimmung ließ ich mich bei Madame Toussaud zusammen mit dem eisernen Kanzler ablichten, den ich wegen seiner mitunter knorrig-unsympathischen, dennoch diplomatisch-verbindlichen  Art schätze. Wie öfters schon angedeutet, hege ich eine gewisse Vorliebe für unsympathische Politiker. Ein knorriger Charakter kann Ausweis lauterer Gesinnung sein!

Noch höher in meiner Achtung als Fürst Bismarck stehen Gustav Stresemann und  vor allem Konrad Adenauer. Hans-Peter Schwarz hat sicherlich eines der Erfolgsgeheimnisse Adenauers erfasst, wenn er über ihn sagt:

“Deutschland, so hämmert er der Öffentlichkeit ein, versteht sich nicht mehr als autonomer Akteur, sondern nur noch als Teil eines größeren Ganzen – Europas, der freien Welt  westlicher Demokratien, der atlantischen Staatengemeinschaft! Die Akzente mögen wechseln, an der Grundorientierung selbst ist kein Zweifel erlaubt.”

Zitat: Hans-Peter Schwarz: Adenauer. Der Staatsmann: 1952 – 1967. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1991, S. 526

Adenauer war ein Meister der Kunst, zerrissene oder scheinbar zerrissene Tischtücher wieder zusammenzunähen. Wie er etwa die widerborstigen Saarländer durch geduldiges Hinhalten, durch Abwarten wieder hereinholte, das ist wahrhaft vorbildlich gewesen!

26122010165.jpg

“Meine Herren, nun wollen wir aber nicht das Tischtuch mit den Saarländern zerreißen … wir müssen uns wieder zusammenraufen … ” So oder so ähnlich begann einer seiner meist kürzeren Wortbeiträge im CDU-Bundesvorstand, als man wieder einmal über eine notorisch zerstrittene Parteigliederung verhandelte. Adenauer wusste: Parteienstreit gehört zum Wesen der Demokratie dazu, und er wusste, dass Streit auch innerhalb der Parteien zum täglichen Brot gehören kann, aber nicht gehören muss.


Intensivtäter brauchen männliche Vorbilder: Baut die Väter wieder auf!

Sonntag, Dezember 26th, 2010

Die weihnachtliche Abendmeditation nimmt ihren Ausgang von einer zufällig aufgelesenen Frage im Interview (Südeutsche Zeitung heute, S. 2):

Erzbischof Zollitsch – “Manches wird uns noch weh tun” – Politik – sueddeutsche.de
SZ: Der Psychologe und Theologe Manfred Lütz hat von einem kollektiven Vaterproblem gesprochen

So lautet eine Frage im Interview mit Erzbischof Robert Zollitzsch.

Ein kollektives Vaterproblem? Sind wir eine vaterkranke Gesellschaft?

Ja. Ich halte dieses kollektive Vaterproblem, das allerdings eher ein Vater-Sohn-Problem ist, für eins der bestgehüteten, aber doch offenbaren Geheimisse. Es steht an der Wurzel einer Vielzahl an gesellschaftlichen und politischen Notlagen.

Nur ein, ebenfalls zufällig herausgegriffener Beleg: Berlin diskutiert derzeit intensiv über Intensivtäter, also jene Kinder und Jugendlichen oder auch jungen erwachsenen Männer, die dutzendfach oder auch hundertfach Straftaten begehen, immer wieder eingefangen und milde bestraft werden, dann wieder holterdipolter entlaufen, oder einfach losgelassen werden.

Jetzt soll ein geschlossenes Heim für Intensivtäter in Berlin entstehen (vgl. etwa taz vom 22.12.2010):

“Das neue Heim soll bis Sommer 2011 eröffnet und von der Stiftung soziale Dienste (FSD) und dem Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) betrieben werden. Der genaue Standort werde noch geprüft. Vorgesehen sind sechs Krisenplätze, die pro Kind und Tag rund 300 Euro kosten werden. Es sei gewährleistet, dass die delinquenten Kinder “nicht einfach wieder weglaufen können”, versicherte Zöllner. Die Unterbringung sei aber nur vorübergehend. Spätestens nach sechs Monaten in dem Heim soll eine langfristige Unterkunft für die Kinder gefunden sein.”

Was ist Problem dieser Intensivtäter?

Persönlich kenne ich zwar nur eine Intensivtäter-Familie, aber durch behutsames Eingehen und durch Nachfragen, auch bei Fachkräften der psychosozialen Versorgung meines weiteren Bekanntenkreises ergibt sich mir folgendes Bild, das mehr oder minder auf die meisten (vermutlich aber alle)  Intensivtäter zutreffen dürfte:

Die Jungen kommen aus Familien, in denen es an nichts so sehr fehlt wie an einem guten Vater. Es fehlt der gute Vater als Erzieher der Söhne. Die Mütter sind heillos überfordert, zumal sie häufig viele Kinder haben. Bleiben sie sich selbst überlassen? Nein! Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen, Amtsmitarbeiterinnen werden meist recht früh aufmerksam, ordnen kleinere erzieherische Maßnahmen oder Betreuung an.

Recht oft ergibt sich ein dichtgewebtes Netz an Hilfe, an Fürsorge, “aufsuchender Sozialarbeit”, Terminen und Gesprächen beim Amt oder beim Familiengericht. Zuletzt auch beim Jugendrichter oder beim Strafrichter.

Die Jungen werden meist sehr früh auffällig, etwa durch ständige Regelverstöße ab dem Kita-Alter, durch kleinere Frechheiten und Regelverstöße, die in der Summe ungeahndet bleiben. Nach und nach bauen sich die Jungen etwas auf: ein superstarkes Ego. Kontakte, ältere Brüder dienen als negatives Vorbild. Und der gute Vater fehlt. Es fehlt die grenzensetzende Autorität der Väter. Die Mütter und überhaupt Frauen werden als Grenzzieherinnen nicht akzeptiert.

Der mütterliche, der fürsorgliche Staat versucht es nun im Guten: Die Jungen werden mit einer ganzen Latte an Maßnahmen “bespielt”. Die Jungen machen es gerne mit. Aber das Verhalten wird sich dadurch nur in seltenen Fällen ändern. In den meisten Fällen schleift sich eine kriminelle Karriere nach und nach ein, völlig unabhängig von der Bespielung durch fürsorgerische und weiblich-pflegerische Maßnahmen.

Als Endstation wird nunmehr in der Berliner Landespolitik das geschlossene Heim diskutiert. Ein für die Gemeinschaft extrem teurer Schlusspunkt unter eine Kette von für sich ebenfalls teuren Einzelfallmaßnahmen!

Geht es anders? Ich meine: ja!

Ich bin numehr zur Überzeugung gelangt, dass den Jungen nur durch den vorübergehenden oder längerdauernden Anschluss an einen festen, unbedingt an einen männlichen Vater-Ersatz oder Ersatz-Vater zu helfen ist. Es muss ein Mann sein, und es muss ein gleichbleibender, mit Autorität und Strenge begabter Erzieher sein. Der Erzieher muss fest im Leben des Jungen verankert sein. Bei Auswahl und Leitung kann der Staat helfen. Der russische Pädagoge Makarenko hat ähnliches für schwerstkriminelle Jugendliche vorgeschlagen und erfolgreich umgesetzt.

Ideallösung in meinen Augen ist weder das geschlossene Heim noch das geschlossene Erziehungslager etwa eines Makarenko (“Boot-Camp”), sondern die amtliche Zuweisung einer Art “Adoptiv-Familie”, in die die Jungen nach und nach zusätzlich zu ihrer Herkunftsfamilie integriert werden. Im Gegensatz zu den “Stadtteilmüttern” oder freiwilligen “Patenschaften”, wie sie etwa Neukölln praktiziert, wäre dieses neuartige Modell der Adoptiv-Familie  verpflichtend durch das Jugendamt oder das Jugendgericht vorzuschreiben. Die Adoptiv-Familie müsste unbedingt aus Mutter und Vater bestehen. Sie sollte, muss aber nicht derselben Religion oder Volksgruppe angehören wie der Intensivtäter.

Die Adoptivfamilie müsste im Laufe der Wochen, Monate und Jahre recht weitgehend in das Leben der Familie des Intensivtäters hineinreichen. Das verlangt Vertrauen, das erst allmählich gebildet werden kann. Hauptaufgabe: Zeit sinnvoll gliedern, Zeit anfüllen, nach und nach Identifikation mit dem Vater-Ich herstellen.

Idealerweise wird der Ersatzvater solche Autorität gewinnen, dass sein Wort, sein Verbot gilt: “HANDLE NICHT MIT DROGEN! HALTE DICH AN DIE GESETZE!”

Es liegt auf der Hand: Wenn das Wort, das Verbot des Vaters solches Gewicht hätte, dass der Junge es befolgte, wird er das Schattenreich der Staftaten verlassen und ins Reich der Gesetzestreue, ins symbolische “Reich des Vaters” hinüberwandern.

Ich wage folgende Behauptung: Nur über die bewusst herbeigeführte Identifikation mit einem als vorbildlich empfundenen Mann wird es dem Intensivtäter gelingen, seine Karriere als Intensivtäter  beizeiten zu unterbrechen.

Wer kann dieses Vorbild sein? Viele! Es kann auch ein Lehrer sein, ein Sozialarbeiter, ein Imam, ein Fußballtrainer – oder eben, wenn es nicht anders geht, der Vater einer “Adoptiv-Familie”.

Wichtig ist: es muss über einen längeren Zeitraum ein und derselbe Mann sein, an dem sich der Jugendliche “abarbeitet”. Nur durch diese Konstanz kann der Jugendliche nach und nach ein stabiles männliches Ich aufbauen.

Das Adoptiv-Familienmodell unter Beibehaltung und Einbeziehung der Herkunftsfamilie gibt es meines Wissen nach deutschem Recht derzeit noch nicht. Ich kenne jedoch die SOS-Kinderdörfer, bei denen etwas Verwandtes versucht wird. Deren Erfahrungen gilt es abzurufen.

Systematische, extrem zeitnah erfolgende Repression durch Polizei und Justiz werden nicht überflüssig, aber sie sind nur ein Baustein in einer dichtgeknüpften wachsamen Kette, deren früher Beginn – wie gesagt – das bewusste Heranführen, das bewusste Einführen einer väterlichen Autorität in den Alltag des gefährdeten und gefährdenden Jungendlichen ist. Sind die Väter der Straftäter noch da, dann müssen sie in jedem Fall mit einbezogen werden!

Aber, wie gesagt, die Väter sind häufig nicht da, haben sich abgesetzt oder sitzen selbst im Gefängnis.

Wenn es nicht gelingt, die Jungen durch väterliche Autorität gewissermaßen umzupolen, besteht die Gefahr der Verfestigung krimineller Strukturen. Dann bilden sich stabile Netzwerke, die letztlich vor unseren Augen zu einer Art selbsterzeugter, einer Berliner “Homegrown-Mafia” nach süditalienischem Typ führen können. Eine derartige weitverzweigte, über viele Generationen sich erstreckende Mafia gibt es derzeit in unseren heimischen Berliner Sippen wohl noch nicht, aber sie droht zu entstehen.

Das kollektive Vaterproblem unserer Gesellschaft, von dem Menschen wie Manfred Lütz, Kirsten Heisig, Wolfgang Schenk, Ahmet Toprak, Necla Kelek, Wassilios Fthenakis und viele andere gesprochen haben,  spiegelt sich als individuelles, tragisches Vaterproblem einzelner junger Männer. Sie sollen hier die Vaterkranken genannt werden.

Wir sind aufgerufen, diesen Menschen durch starke Ersatz-Väter den Ausstieg aus kriminellen Karrieren zu ermöglichen. Das hier vorgeschlagene Modell der “Adoptiv-Familie” versteht sich als erster Baustein dazu.

Der ununterbrochene Faden: Aleppo

Samstag, Dezember 25th, 2010

25122010151.jpg Isâ ben Butrus, so hieß in arabischer Sprache der Stifter und Besitzer des glanzvollen “Aleppo-Zimmers”, das ich heute am Weihnachtstag im Pergamon-Museum bestaunte, nachdem ich den Weihnachtsgottesdienst in St. Bonifatius besucht hatte. Fünf Mal entdecke ich Maria mit Jesus, zwei Mal den heiligen Georg. Das Opfer Abrahams, oder Ibrahims, wie er auf arabisch heißt, wird ebenso dargestellt wie das letzte Abendmahl Jesu. Isâ ben Butrus war Christ, er gehörte zur blühenden Gemeinde im damals osmanisch beherrschten, heute syrischen Aleppo. Das Zimmer ist eindeutig auf 1009-1012 islamischer Zeitrechnung datiert, also auf 1600-1603 nach Chr.

Aleppo! Haleb! Chalybon!

Eine der ältesten Städte der Menschheit, tausendfach besungen und erwähnt, deren Geschichte sich anhand all der Stücke im Pergamonmuseum als ununterbrochener Faden nacherzähen lässt.

“Hört auf zu jammern und arbeitet!”

Freitag, Dezember 24th, 2010

Hört auf zu jammern und arbeitet!” So entfährt es mir in Gedanken des öfteren, wenn ich mir wieder einmal die lange Litanei einer sich neu erfindenden Gruppe an Benachteiligten angehört habe. Ich hüte mich selbstverständlich, diese Gedanken je auszusprechen, vertraue sie nur diesem Blog an, das nur von wenig mehr als 1000 Menschen gelesen wird. Diese Gedanken bleiben also unter uns. Bitte nicht weitersagen!

Diese Gruppen der Benachteiligten wachsen gerade in Berlin rasch an: die Hartz-IV-Empfänger, die ehrlichen Steuerzahler, die Kreuzberger Restdeutschen, die Türken, die Libanesen, die Moslems, die Arbeitslosen, die Angestellten, die Kranken, die Gesunden, die Transgender-Menschen, die Autofahrer, die Radfahrer, die Schwulen, die Heteros, die alleinerziehenden Väter, die verheirateten Mütter, die alleinerziehenden Mütter, die Nur-Hausfrauen, die mit Familie und Beruf doppelt belasteten Frauen, die Nur-Hausmänner, die Flugschneisenbewohner, die Flughafenfernen  … alle sind sie irgendwo benachteiligt!

Die Benachteiligten-Klagen machen mittlerweile mehr als die Hälfte der deutschen Innenpolitik aus. Sie alle schließen sich der unsterblichen Formulierung an: “Wir haben keine Bürgerrechte! Wir werden unsere Minderheitenrechte einklagen!”

Ich selbst könnte mich mühelos in ein Halbes Dutzend solcher Kategorien einreihen!

Soeben lächelte ich über Thomas Buddenbrooks treffenden Satz: “Und du begreifst nicht, Mensch, daß alle diese Widrigkeiten Folgen und Ausgeburten deiner Laster sind, deines Nichtstuns, deiner Selbstbeobachtung?! Arbeite! Höre auf, deine Zustände zu hegen und zu pflegen und darüber zu reden.”

Gestern schaute ich hingerissen die Verfilmung der Buddenbrooks durch Breloer an. Großartig!

Na, ich meine: Irgendwo – hat der wackere Mann, dieser Tom Buddenbrook, ja recht. Buddenbrooks, 9. Teil, 2. Kapitel

Ob aber Thomas Mann selbst  sich stets an diese trefflichen Maximen seines von ihm erschaffenen Namensvetters gehalten hat? Ich bezweifle dies. Für wahrscheinlicher halte ich es, dass er sich hin- und hergerissen fühlte zwischen dem liederlichen Christian und dem fleißigen ehrenwerten Thomas.

Erstaunlich: Der gewaltige Mensch und der schwache Mensch

Donnerstag, Dezember 23rd, 2010

Ein aus Ägypten stammender Freund sagt es mir schroff und klar ins Gesicht: “Zu diesem Weihnachten bleiben zwei Zimmer dunkel: meins und das von Jesus.” Ein großartiges, ein geradezu herzbezwingendes Wort: es führt die Nähe zu Jesus vor Augen und zugleich die absolute Ferne, die schlichte Wahrheit: “Ich kann nichts mit eurem Jesus-Gebimmel anfangen.”

Ein Besuch führte uns heute wieder ins Neue Museum Berlins. Wieder setze ich mich dem bezwingend-versonnenen Lächeln Nofretetes aus, wieder durchmaß ich die ganze offene lange Achse hin zum römischen Standbild des gewaltigen Sonnengottes Helios. Und wieder las ich – in einer recht gewaltsam-zwingenden Übersetzung – jene Verse aus dem Ödipus des Sophokles, die der Baumeister Stüler übermannshoch in ein Fries setzen wollte:

Erstaunlich ist der Mensch Erstaunlicheres
waltet nichts als der Mensch

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Ein ägyptisches Kalksteinrelief aus dem 3. Jahrhtausend vor Christus, im Untergeschoss,  zeigt die Flotte des Pharaos heimrudernd “mit gefangenen Asiaten”. Es könnten Syrer sein! Es könnten Parther sein. Es könnten Palästinenser sein:

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Ein anderes zeigt einen Wüstenlöwen übermenschlich groß dahinschreitend, wie er die Feinde des Pharaos unter seinen Pranken zertrampelt.

Die ägyptische und die griechisch-römische Antike feiern zuerst und zumeist den großen, den gewaltigen, aber auch den gewaltsamen Menschen. Sie zeigen ihn ihn seiner Größe, in seinem Schmerz, in seinem Irren und Scheitern, aber sie wollen ihn groß, hochfahrend, kraftvoll und selbstbewusst. Helios, der Sonnengott, ist kraftvoll, überlebensgroß, allem Sterblichen enthoben. Er bedarf des Blickes derer nicht, die ihn anbeten! In diesen vielleicht 100 Metern im Neuen Museum, ausgespannt zwischen ägyptischer Nofrete und spätrömischem Helios, durchmaßen wir heute die Landschaft des antiken Denkens von der Größe des vorbildlichen Menschen, von der übermenschlichen Größe des Gottes.

Um wieviel anders erscheint demgegenüber die Botschaft jenes göttlichen Kindes, die Botschaft jenes menschgewordenen Gottes, der ausdrücklich dazu auffordert, wie die Kinder zu werden. Dieser Mensch stellt das Kind in den Mittelpunkt seiner Botschaft. Er tritt selbst als Kind auf die Bühne.

Wieder zuhause angelangt, öffne ich ein Päckchen mit einem Buch, das mich als Weihnachtspost eines Nahestehenden erreicht. Ich schlage das Buch, alter Sitte folgend, an einer beliebigen Stelle auf. Ich lese darauf die folgenden Worte:

… und umhüllt, uns liebenswert und schroff-unzugänglich macht, zu Menschen mit offener Flanke, stets auf der Suche nach einem Antlitz, einem Wort, einem Licht, die uns endlich die Wahrheit all dessen begreifen ließen, was die Landschaft unseres Lebens ausmacht.

Der Mensch tritt also hier ganz unscheinbar hervor – kein gewaltiges Wesen, sondern ein bedürftiges, stets auf der Suche, auf der Suche … nach einem Antlitz, einem Wort, einem Licht …

Ich halte inne – die Stimme dieses Kreuzberger Bloggers ist unversehens mit der Stimme des Verfassers jener Zeilen verschmolzen. Es ist, als hätte dieser armselige Kreuzberger Blogger seine Stimme in die des Buch-Autors einfließen lassen.

Dieser Einklang der Stimmen führt auch zurück zu meinem ägyptischen Freund:

Die dunklen Zimmer – sind OK. Es ist doch total OK, wenn man mit dem Gebimmel nichts anfangen kann! Wenn eine das Kreuz mit dem Kreuz hat und Kreuzberg gleich in Klecksberg umbenennen möchte, nur um nicht immer von diesem Kreuz zu hören.

ICH HABE NICHTS DAGEGEN, wenn jemand etwas gegen Weihnachten hat und nichts mit Weihnachten anfangen kann. Wenn er lieber in dunklen Zimmern hockt. Ja warum denn auch nicht.

Im Gegenteil! Ich mag sogar die Menschen besonders, die so ehrlich sind und zur Dunkelheit stehen.

Genau diese absolute Dunkelheit – das ist der Kern und der Anfang der Botschaft, an die manche – nicht alle – sich morgen zu erinnern versuchen. Mit offener Flanke, stets auf der Suche  …

Zitat: Elmar Salmann: Spuren. Geistesgegenwart. Figuren und Formen des Lebens. EOS Verlag, St. Ottilien 2010, hier S. 36

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Staatslastig = links? Nationalistisch = rechts?

Mittwoch, Dezember 22nd, 2010

Sind alle staatslastigen Parteien links? Sind alle Parteien, die ihr Vertrauen in dauerhafte Förderprogramme, in staatliche Umverteilung, in die soziale Gerechtigkeit herstellende, fürsorgliche Macht des Staates, in das Heranzüchten einer staatsabhängigen Bevölkerungsmehrheit setzen, linke Parteien?

Kann man so nicht sagen! Es mag zwar so heute in Deutschland im Großen und Ganzen zutreffen. Je linker, desto staatsfixierter, desto mehr Vertrauen in die staatliche Lenkungsmacht! Das ist eine Faustregel, die wie alle Faustregeln etwas Gewaltsames hat.

Aber es gab und gibt auf der rechten, der nationalistischen Seite ebenfalls extrem staatslastige Parteien! Der ungarische Jobbik ist zweifellos eine sehr rechte, staatslastige  Partei.

Die italienischen Faschisten, die deutschen Nationalsozialisten bekämpften zwar, ehe sie zur Macht kamen, den italienischen bzw. deutschen Staat in seiner damaligen Ausprägung mit den Mitteln des illegalen Kampfes, des Terrors und der Gewalt. Sobald sie aber die staatliche Macht errungen hatten, setzten sie alles daran, die gesamte Gesellschaft durch die Macht des Staates umzuschaffen.

Auch die faschistischen und nationalistischen Parteien waren also im Grunde extrem staatslastige Parteien – sind es bis zum heutigen Tage. Der bestehende Staat, die “bürgerliche Demokratie”, war und ist ihr Hauptgegner.

Ungarn wählt – Die fröhlichen Faschisten von Jobbik – Politik – Berliner Morgenpost – Berlin

Bei unseren extremen Linken, also etwa der Rote Armee Fraktion und ihren Nachfahren, galt und gilt Ähnliches:

Die deutschen, extrem zersplitterten Linksextremisten – von der Weimarer KPD einer Rosa Luxemburg bis zur RAF einer Ulrike Meinhof und darüber hinaus – bekämpften zwar, da sie nicht an der Macht waren, den deutschen Staat, die bürgerliche Demokratie in ihrer damaligen Ausprägung, mit den Mitteln des illegalen Kampfes, des Terrors und der Gewalt. Ich hege aber keinen Zweifel:  Sobald sie die staatliche Macht errungen hätten, hätten sie alles daran gesetzt, die gesamte Gesellschaft durch die Macht des Staates umzuschaffen.

Extreme Staatslastigkeit bedeutet keineswegs bereits automatisch links.

Die KPdSU, die russischen Kommunisten schafften gewissermaßen die Quadratur des Kreises:  Sie waren zweifellos überzeugte Kommunisten, aber sie waren oder wurden eben auch glühende Nationalisten! Sie waren staatsgläubig, aber sie schafften es auch, durch extreme, auch gewaltsame Russifizierung, durch Unterwerfung und militärische Gewalt gegen die umliegenden kleineren Staaten wie etwa Polen, Tschetschenien, Afghanistan oder die baltischen Staaten fast die gesamte rechtsextreme, nationalistische Bewegung Russlands auf ihre Seite zu ziehen! Wer den kommunistischen Nationalismus nicht wollte, wurde liquidiert, wie etwa Trotzkij.

Das Militärbündnis zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich, das immerhin bis zum August 1941 gehalten hat, war der ideale Ausdruck dafür, dass nationalistische, sozialistische und kommunistische Ideen und Ideale sehr wohl zusammenpassen. Erst 1990 hat sich Europa weitgehend von dieser unheiligen Allianz befreit. Zum Glück!

Es darf somit nicht wundern, dass gerade in den ehemals kommunistisch-nationalistischen Staaten wie etwa der ehemaligen Sowjetunion oder der VR Ungarn, oder in Gebieten der früheren DDR heute der extreme Nationalismus, der Rechtsextremismus leider weiterhin so furchtbar stark ist. So weiß es jeder, dass es im Gebiet der ehemaligen DDR weiterhin starke nationalistische, faschistische Bewegungen gibt, die in Gefährlichkeit den linksextremistischen Bewegungen nicht nachstehen. Sie bestanden übrigens bereits in der DDR, jedoch im Untergrund.