Frauen! Versteckt das Mütterliche!

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Apr 272012
 

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Schnappatmung und Beißreflexe zuhauf umwabern die Aufnahme des Buch „Danke. Emanzipiert sind wir selber“ von Kristina Schröder und Caroline Waldeck.

Ich habe es nämlich gelesen und stelle fest, dass fast nichts von dem, was die Kritikerinnen des Buches hineinlesen, auch darin steht. Weder will es die Frauen als Heimchen am Herd wissen und sie dorthin ins finsterste Mittelalter zurückstürzen, noch verwirft es die Errungenschaften der Frauenbewegung. Die Autorinnen verlangen nichts anderes vom Staat und von der Politik, als dass sie ihre eigene Entscheidung treffen können, und dass ihnen nicht ständig Karriererwartungen aufgedrückt werden, die sie nicht wollen.

Die massiven Feindseligkeiten gegenüber den beiden Autorinnen finde ich sehr erhellend. Spannend für einen unbestechlichen Sozio-Analytiker, wie ich es bin!

Das Gleiche gilt auch für den Kampf gegen die „Herdprämie“ usw. Dass eine Frau sich in den ersten drei Lebensjahren vorrangig um die Pflege und Erziehung der Kinder kümmern will oder kümmern muss (hä?) und dafür liebend gern ihre Karriere unterbricht oder riskiert, das DARF nicht sein.

Und doch deutet vieles darauf hin, dass es für die Kinder am besten ist, wenn sie die ersten zwei oder drei Lebensjahre in enger räumlicher Anbindung an eine oder einige wenige stets gleichbleibende Frauen oder Männer verbringen, üblicherweise die Mutter, die „Amme“ oder sonst einige wenige Personen.

Das wirtschaftlich und sozial erfolgreichste Bundesland mit den statistisch geringsten Sozialproblemen, nämlich Bayern, hat die geringste Betreuungsquote im frühkindlichen Bereich (8%). Besteht da ein Zusammenhang?

Selbst das häufig zu hörende Argument, türkische oder arabische Kinder müssten in der Krippe Deutsch lernen, weil sie es sonst nicht mehr könnten, trifft nicht zu. Das ergibt sich doch schon daraus, dass die allermeisten türkischen und arabischen Kinder, die wirklich Erfolg in Berlin oder in Deutschland haben, eben nicht aus der deutschen Krippe kommen, sondern aus intakten, relativ traditionellen Familien. Diese erfolgreichen Migranten kommen häufig erst im Alter von 6 oder 7 Jahren nach Deutschland, haben nicht die deutsche staatliche Kleinkindbetreuung, sondern die familiengeprägte Sozialisation ihrer monoethnischen Herkunftsfamilien durchlaufen. Beispiele kenne ich selbst zuhauf.

Wir haben im letzten Jahr vor dem Schulbesuch in Berlin ein Kitabetreuungsquote von fast 96%, gleichwohl setzen Politik und Gesellschaft völlig unrealistische Erwartungen in einen großflächigen Ausbau der staatlichen Kleinkindbetreuung.

Nichts spricht dafür, dass die massiv verfestigten Integrations- und Sozialisationsprobleme unserer typischen Kreuzberger oder Neuköllner Kinder durch die staatliche Krippe für Kleinkinder (0-3 Jahre) gelöst werden könnten.

Mich interessiert, wie es zu dieser massiven Abwertung des Mütterlichen in den westlichen Gesellschaften etwa seit 1980 kommen konnte. Kuckt Euch mal die Reklame, die Werbung, die Mode und die Stars an. Alles, was bei der Frau auf so etwas wie „mütterliche“ Konnotationen hinweisen könnte, wird systematisch weggepixelt. „Versteck Deine mütterliche Seite!“ Dies scheint ein zentrales Gebot der heutigen Medienlandschaft zu sein.

Was aber ist mütterlich? Darüber besteht – glaube ich – ein gewisser jahrhundertelanger Grundkonsens in den europäischen Gesellschaften, was sich unter anderem daran ablesen lässt, dass in verschiedenen europäischen Kulturen verschiedener Zeiten das Mütterliche ähnlich besetzt wird: Das Ideal der Mütterlichkeit ist eng verknüpft mit Fürsorge, Zärtlichkeit, Sanftheit, Dauerhaftigkeit, Hingabe, Treue, Uneigennützigkeit. Mit dem Willen, das Kind zu hegen und zu pflegen, es wachsen zu lassen, es groß werden zu lassen.

Doch genau dieses Ideal ist heute brüchig geworden.  

Gefragt ist heute die multipel einsetzbare, parallel in mehrere Karrieren eingetaktete Frau: Sie wählt selbst ihren Weg in Wirtschaft, Gesellschaft und Familie oder in  verschiedenen Lebensformen, lässt sich von niemandem dreinreden, entscheidet für sich, was gut für sie ist.

Kinder? Ja, gern, aber nicht als Selbstzweck, nicht als unverfügbares Geschenk und schicksalhafte Pflicht, und vor allem nicht, damit eine Frau gar im Muttersein Glück und Erfüllung finden könnte, wie das einige Jahrtausende lang von vielen Frauen erwartet wurde. Kinder sind etwas Gutes im Leben der Frau nur sobald und soweit sie in den Lebensentwurf der Frau hineinpassen.

Der Staat, die Politik sollen gefälligst dafür sorgen, dass das Kind nicht als gravierender Störfaktor der Lebensplanung , sondern als willkommene Ergänzung eines Lebensabschnittes gelingt.

Darüber würde ich wahnsinnig gerne mal mit Frauen und Männern streiten. Mal kucken.

 

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Apr 222012
 

„Wer kennt diesen Mann? Wer ist dieser Mann?“ Soeben habe ich bei Bekannten und Zufallsbekannten eine Straßenumfrage mit dem aktuellen SPIEGEL durchgeführt zum Bild auf S. 7, ganz unten. Selbstverständlich mit verdeckter Bildlegende – denn da steht es ja, wer das Bild gemalt hat.

„Das ist doch Johannes!“

„Das ist doch ein berühmter holländischer Maler!“

Für mich ist dieses Nürnberger Selbstbildnis von ca. 1500, ergreifend und schlicht, ein prägendes Selbstbildnis eines europäischen Menschen. Ein durch und durch freier Mann, der uns erhobenen Hauptes und unverwandten Blickes anblickt, niemandem hörig, keinem irdischen König untertan! Das Geheimnis wird sich wohl nie ganz enträtseln lassen.

Fragen über Fragen!

http://www.spiegel.de/suche/index.html?suchbegriff=d%FCrer

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Land grabbing, oder: Woran leidet Afrika?

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Apr 172012
 

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Soeben rief ich, einen bayrisch-schwäbischen Heimatdichter zitierend, aus: „O Lust des Beginnens! O früher Morgen!“, ich machte Morgengymnastik im morgenfrischen Park, las die heutige taz und Stefano Libertis „Land grabbing. Come il mercato delle terre crea il nuovo colonialismo“ auf dem Kindle for PC! Zitat Liberti: „Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte – probabilmente la verità è da qualche parte nel mezzo „(Position 2227). Ganz meine Rede!

Liberti schneidet tief hinein in eine zentrale Herausforderung der Gegenwart: Landwirtschaft, Ernährung, Armut, Gerechtigkeit, Bodenverteilung, Lebensstil, Kapitalismus, Neokolonialismus. Alle Begriffe sind mit Fragezeichen zu versehen!

Allerdings gelangt Liberti am Ende seiner langen, scharfsichtigen Analyse mit Hunderten von Gesprächen zu einer mich in dieser Eindeutigkeit überraschenden Schlussfolgerung. Er schreibt:

I responsabili principali di questa svendita indiscriminata di terre sono i governi nazionali, che barattono le risorse del paese per un pugno di valuta forte – o, nel peggiore dei casi, per un bonifico in dollari su un conto domiciliato all’estero (Kindle-Ausgabe, Position 3558).

Das ist zu deutsch: „Die Hauptverantwortlichen für diesen hemmungslosen Ausverkauf der Flächen sind die nationalen Regierungen, die die Ressourcen des Landes für eine Handvoll, eine Faust an Devisen in starker Währung verscherbeln – oder schlimmstenfalls für eine Gutschrift in Dollar auf einem im Ausland geführten Konto.“  

Hört hört! Nicht die Märkte, nicht die Spekulation, nicht der Neoliberalismus, nicht der Neokolonialismus, nicht der Kapitalismus und nicht einmal die EU sind laut Stefano Liberti verantwortlich zu machen für den Ausverkauf des Bauernlandes, sondern unverantwortliche afrikanische Regierungen, die das Land aus dem Staatsbesitz heraus an den Meistbietenden verhökern, um sich die eigenen Taschen zu füllen. So schreibt es schroff und deutlich Liberti!

Ich konstatiere dies hier nur. Man sollte Libertis Buch, das neuerdings unter dem Titel „Landraub“ auch in deutscher Übersetzung im Berliner Rotbuch Verlag vorliegt, sehr genau lesen. Es lohnt sich!

Ich meine: Es spricht in der Tat einiges dafür, dass die Probleme der meisten afrikanischen Staaten – wie Liberti meint – an der Politik dieser einzelnen Länder liegen, an den Machthabern, die vor allem an den eigenen Vorteil denken. Ich gehe einen Schritt weiter:

Gäbe es den funktionierenden Rechtsstaat mit Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte, gäbe es eine echte Marktwirtschaft mit parlamentarischer Demokratie und würden die Regierungen sich vorrangig um die Interessen der Bevölkerung kümmern, sähe die Lage in Afrika anders aus. Sie sähe dann vielleicht etwa so aus wie in dem früher so armen Südkorea oder dem früher so armen Schwabenland.

Alexander Knaak (Übers.), Stefano Liberti

Landraub

Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus

ISBN 978-3-86789-155-4

256 Seiten
12,5 x 21,0 cm
geb.

sofort lieferbar

Preis 19,95 €

   

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Apr 162012
 

– „Eltern bringen ihren Kindern systematischen Regelverstoß bei! Es ist abenteuerlich, was man unter Berliner Radfahrern sieht!“

.- „Die Eltern sind aber auch nicht besser als die Kinderlosen!“

– „Die Radfahrer sind aber viel schlimmer als wir Autofahrer!“

– „Die Autofahrer sind aber viel schlimmer als wir Radfahrer!“

So fasse ich die mannigfachen Reaktionen auf den letzten Beitrag zum Thema „Für mich!“ zusammen.

Und somit Guten Morgen!

Ich meine: Echt cool wäre es, wenn Radfahrer, Autofahrer und andere Akteure zusammen etwas gegen die Missachtung der Verkehrsregeln und gegen die mitunter haarsträubenden Rücksichtslosigkeiten der Verkehrsteilnehmer täten – Autofahrer und Radfahrer nehmen sich da leider gegenseitig nichts weg, mindestens in Städten mit vergleichsweise nicht ganz schlechter  Rad-Infrastruktur wie Berlin, Bonn oder Münster. So habe ich auf tausenden von Radkilometern in den letzten beiden Jahren nur einen einzigen Unfall erlebt: Ein Radfahrer fuhr mir an der roten Ampel volle Kanne in die Gepäcktasche (von mir wiederholt fälschlich als „Satteltasche“ bezeichnet), da ich im Gegensatz zu allen anderen ach so lieben Mit-Radfahrern bei Rotlicht am Fußgängerüberweg Warschauer Brücke anhielt. Man höre und staune: Ein einziger Radfahrer von etwa 20 Radfahrern, der bei regem Fußgängerverkehr an dieser Stelle die rote Ampel beachtete! Und das ist beileibe kein Einzelfall, sondern leider bezeichnend für Berlins Radverkehr.   

Die massiven Regelverletzungen einer sehr hohen Zahl von Radfahrern keksen mich an. Wir als Radfahrer verlieren Verbündete in Politik und Gesellschaft, wenn wir das leugnen und in Abrede stellen, was alle anderen außer uns mit Händen greifen können.

Dasselbe sagt ja auch in weitaus gepflegteren Worten Jürgen Trittin aus der zugegebenermaßen privilegierten Sicht  der Fahrbereitschaft des Deutschen Bundestages in seinem höchst lesenswerten Interview mit der Berliner Zeitung vom Wochenende: Viele Radfahrer und viele Autofahrer bringen sich selbst und andere durch eklatantes Fehlverhalten in Gefahr. Am eigenen Verhalten können und sollen wir Radfahrer viel mehr arbeiten!

Ich meine: Hier bedarf es eines deutlich differenzierteren Ansatzes. Es reicht nicht aus, immer nur den schwarzen Peter Ramsauer oder den grünen Jürgen Trittin weiterzuschieben. Man muss schon auch vor der eigenen Tür kehren.

Gelassen und freundlich läuft es besser. Allzeit freundliches Fahren wünscht

der arme Kreuzberger Blogger

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/juergen-trittin-im-interview–es-ist-manchmal-abenteuerlich–wie-es-hier-zugeht-,10809148,14813972.html

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Für mich

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Apr 112012
 

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„Menschen, die selber keine Kinder haben, begreifen nur selten, was dies bedeutet, ganz gleich, wie reif und intelligent sie ansonsten auch sein mögen, zumindest traf das auf mich zu, bevor ich selber Vater wurde.“ Der guten Ordnung halber setzen wir diesen Satz, der von Karl Ove Knausgard stammt, in Anführungsstriche.

Ich meine in der Tat: Das Hineinwachsen in die Rolle eines Vaters oder einer Mutter kann jedem Menschen eine Dimension des Mitmenschlichen eröffnen, die über das Für-Sich-Sein hinausgeht. Denn Vater oder Mutter müssen, sofern sie ihre Verantwortung ernst nehmen, stets bedenken: Welche Wirkung hat das, was ich tue oder nicht tue, für mein Kind? Welche Wirkung hat das, was ich tue oder nicht tue, für andere Kinder? Für andere Menschen?

Kinder verlangen, dass wir für sie mit-denken, mit-fühlen, mit-entscheiden.

Am Beispiel des gestern erlittenen Auffahrunfalls an der roten Ampel wurde mir dies wieder klar. Ein gesunder, kräftiger, hellwacher Mann meint in der Regel abschätzen zu können, ob er mit seinen Rotlichverstößen jemand anderen gefährdet.  „Ich entscheide für mich selber, wann ich mich an Verkehrsregeln halte und wann nicht – ich entscheide nur für mich.“

ICH entscheide FÜR MICH selber, was gut ist oder nicht.“ Das ist der vorherrschende Modus der Für-Mich-Gesellschaft. Auf diesen Modus setzt die Werbung, setzen die vielen Glücksverheißungen, etwa die Spielcasinos, das Rauschgift, der Alkohol, die Sucht, die zahllosen Belohnungen und Gratifikationen, welche der Konsum ausschüttet.

Siehe etwa das obige Bild!

Allerdings hat dieser Mann, der mir gestern ins Fahrrad drauffuhr, nicht bedacht, welche Wirkung diese gehäuften Rotlichtverstöße auf die Berliner Kinder haben. Die Kinder sehen in der Welt der Erwachsenen, dass die Erwachsenen sich selber oft nicht an die Regeln halten, die ihnen in der Schule eingeschärft werden. „Halte bei Rot an!“ Dutzende Male hören die Kinder das in der Schule. Und hunderte Male wird vor ihren Augen gegen diese Regel verstoßen.

Folge: Die Kinder wissen nicht, woran sie sind. Sie sehen: Die Regeln gelten nur für manche, für andere nicht.

Eben dieser junge, kräftige Radfahrer, der mir gestern an der Ampel drauffuhr, würde sich vermutlich anders verhalten, wenn er Vater wäre und mit seinem minderjährigen Sohn zusammen Rad führe. Er wüsste dann nämlich, dass für Kinder das Vorbild der Erwachsenen von entscheidender Wirkung ist.

Diese Dimension des Für-andere-seins wird selbstverständlich auch in vielen anderen Erfahrungen zugänglich: in der Freundschaft, in der Liebe zu einem anderen erwachsenen Menschen oder zu einem Tier, immer da, wo Menschen für einen bestimmten anderen Menschen dauerhaft Verantwortung übernehmen.

Aber Vaterschaft und Mutterschaft nötigen diesen Wandel der Persönlichkeit geradezu auf. Freundschaften oder Liebesbeziehungen zu anderen Menschen sind frei wählbar und abwählbar.

Das eigene Kind hingegen ist nicht „wählbar“. Gerade deswegen können Kinder einen so umfassenden, verwandelnden Einfluss auf das Leben der Erwachsenen ausüben. Sie können einen erste, notwendige Schritte zum Lieben führen.

Zitat:
Karl Ove Knausgard: Lieben. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand Verlag, München 2012, S. 6

 Posted by at 15:23
Apr 112012
 

Dieser arme Blogger wurde gestern auf dem Weg zu einer seiner zahlreichen ehrenamtlichen Gremiensitzungen (diesmal: ADFC)  in einen Auffahrunfall an der Warschauer Straße verwickelt. Weithin leuchtete das Rot mir vor der S- und U-Bahnstation entgegen, Fußgänger kreuzten den Weg, ich bremste sachte und hielt als einziger von vielen Radfahrern an – pardauz, da war es schon passiert: Ein Radfahrer fuhr mir von hinten in die Satteltasche hinein. Die liebe, geduldige Ortlieb-Satteltasche, die schon so viele Knüffe bekommen hat, bremste den Aufprall sanft ab. Niemand wurde verletzt. Danke, liebe Tasche!

Mein Unfallpartner rechnete natürlich nicht damit, dass ein Radfahrer sich an die rote Ampel hielt. Er entschuldigte sich ganz lieb: „Hab einen Augenblick weggeschaut!“ Na, aber auch ich sprach einige begütigende Worte: „Ich weiß ja, du konntest nicht damit rechnen, dass ein Radfahrer sich ans Rotlicht hält.“ Wir besprachen das Unfallgeschehen im Geiste des „Hallo Partner, danke schön!“

Gutes Gespräch, wa? Gelassen läuft’s!

Ich überleg, ob ich in Zukunft warnend ausrufen soll: „Achtung, ich halte bei roter Ampel an! Hinterdreinfahrer, entschuldigt bitte, dass ich mich an die Verkehrsregeln halte! Ist nicht gegen euch gerichtet!“

Keine Empörung, keine Vorwürfe!

Kritik von Ramsauer: Radler-Lobby empört über „Kampf-Radler“-Schelte – Aktuelle Nachrichten – Politik – Berliner Morgenpost – Berlin

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Apr 072012
 

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Am Abend da es kühle war, ward Adams Fallen offenbar. So das Rezitativ Nr. 74 in der Matthäuspassion. Am Abend drücket ihn der Heiland nieder. Spielte Choräle aus Bachs Matthäuspassion auf der Geige. Ergreifend: Alt und Sopran als Doppelgriffe, klappt meist sehr gut. Bin ich gleich von dir gewichen, stell ich mich doch wieder ein. Besuchte meine Mutter, der ich die geschwollenen Füße massierte. Gemeinsam erprobten wir eine behutsame Fußgymnastik, um des Problems Herr zu werden. Der Verteidigungsminister heute in der Süddeutschen: Es gibt keinen gerechten Krieg. Anschließend zu MediaMarkt und Saturn, um einen neuen Laptop zu suchen: Favorit ein 15-Zoller von Samsung, 444 Euro. Super Angebot. Deckel in gebürstetem Metall-Look. Sieht sehr hochwertig aus. Cool! Allerdings: Software kommt noch hinzu. Microsoft Office Home&Professional, ja. Aber: auf DVD oder als ProductKey? Verzichte auf den Kauf. Ja nicht auf das Fest!

Las erstmals seit über 25 Jahren wieder Uwe Timms Kerbels Flucht in einem Zug durch. Ein in sich verkrümmtes Ich, unfähig, den anderen als anderen ernstzunehmen! Sünde, das ist eine incurvatio ad se ipsum, so etwa Luther.  Von daher die ständige Suche nach dem schnellen Kick, die Unfähigkeit etwas sorgfältig anzulegen und abzuschließen über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Ausrasten wegen Eifersucht, Selbstzweifel, weil die Freundin einen verlässt. Na so was!

Statt dessen die dauernde Sucht und Suche dieser ganzen – meiner – Generation, Schuld und nochmal Schuld bei den eigenen Vätern zu suchen. Zitat Uwe Timm:

Der Vorhang reißt, der Fels zerfällt,
Die Erde bebt, die Gräber spalten,
Weil sie den Schöpfer sehn erkalten,
Was willst du deines Ortes tun?

Klappentext: „Eingesperrt in Selbstzweifel und Resination, verliert Kerbel immer mehr den Boden unter den Füßen. In seinen Aufzeichnungen, die literarische Protokolle des Verlusts an Identität und zugleich Versuche sind, das Leid erträglicher zu machen, wird Kerbels tiefe Krise offenbar.“

Es fällt mir sehr schwer, diese Kerbelsche Suchbewegung nicht als eine Art Suche nach dem verlorenen Sinn zu deuten. Mir geht folgende Parodie durch den Sinn:

Am Abend da es kühle war,
Ward Kerbels Fallen offenbar.

Quellenangaben:
Uwe Timm: Kerbels Flucht. Roman. Verlag AutorenEdition, München 1980, Klappentext sowie S. 13

Johann Sebastian Bach: Matthäus-Passion. Nach den Quellen herausgegeben von Siegfried Ochs. Klavierauszug von Kurt Soldan. C.F. Peters,  Frankfurt . M. o.J., S. 151

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Die Für-mich-Gesellschaft

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Apr 062012
 

Heute besuchte ich eine Trauerfeier. Es ging um einen vor Gericht abgeurteilten Menschen, der nicht viel hermachte. Deshalb gibt’s auch keine Fotos. Er, um den es ging, hatte keine schöne und edle Gestalt. Hatte er Freunde? Er hatte zwar einige Freunde, aber als es hart auf hart kam, als es darum gegangen wäre, sich für ihn einzusetzen, ging jeder seiner Wege.

Zitat aus der Berichterstattung: „Ich kenn doch den Menschen gar nicht!“ Ein merkwürdiger Prozess – zu urteilen nach der Berichterstattung – vor einem eigentlich gar nicht zuständigen Gericht entspann sich, geprägt von Missverständnissen und endlosem Aneinander-Vorbeireden. Der Richter zeigte sich heillos überfordert, im Gerichtssaal tobte der aufgehetzte Mob. „Ja, was soll ich denn jetzt noch für wahr halten?“ Selbstaufgabe des Richters!

Ein paar erbauliche Reden wurden gehalten. Beeindruckend fand ich die folgenden Sätze:

Jeder ging für sich seinen Weg.“ Diagnose: Die Menschen kümmerten sich nicht umeinander. Jeder lebte nach dem Motto: Für mich. Die perfekte Jeder-ging-für-sich-seinen-Weg-Gesellschaft! War das die Ursache der endlosen Missverständnisse?

Wer war gemeint? Wir doch nicht etwa? Ich doch nicht etwa?


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Apr 052012
 

„Es kommt darauf an, dass einer es wagt, ganz er selbst zu sein, ein einzelner Mensch, dieser bestimmte einzelne Mensch zu sein; allein vor Gott, allein in dieser ungeheuren Anstrengung und mit dieser ungeheuren Verantwortung.“

Diese Worte eines ringenden, wachenden Menschen zitiert Uwe Timm in seinem Buch „Am Beispiel meines Bruders“.  Timm scheint diesen Worten  zuzustimmen. Am heutigen Donnerstag mag eine Betrachtung über Einsamkeit erlaubt sein.

Dieser ringende, wache Mensch ist zweifellos ein sehr einsamer Mensch, zumal er nichts Übermenschliches von seinen Mitmenschen verlangt hat: „Du schläfst? Konntest du nicht einmal eine Stunde wach bleiben?“

Man kann die Worte des ringenden Menschen nämlich auch von hinten her lesen: von der Verantwortung her. Verantwortung heißt heute und hier: die angenommene Verantwortung des einzelnen Menschen, nicht die abgeschobene  Verantwortung des Kollektivs, der Zeit, der Gruppe, der Umstände. Verantwortung heißt, dass ich eine Antwort geben kann auf das was ich getan und gefühlt habe – sofern mich jemand danach fragt.

Ver-ant-wort-ung beruht auf der Fähigkeit, das Wort, vor allem das Wort Ich in Freiheit zu verwenden. „Ich habe das getan. Ja, ich habe das unterlassen. Ich bin es gewesen. Ich habe so gehandelt, aber ich hätte auch anders handeln können.“

Verantwortung in diesem individualethischen Sinn entspringt aus dem Einzel-Ich, nicht aus dem Gruppen-Wir. Nur wer zu diesem einzelnen bestimmten Ich Ja sagt und sich selbst annimmt, wird andere annehmen und Verantwortung für andere übernehmen können.

Zitat:
Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders. Vom Autor neu durchgesehene Ausgabe 2010. 6. Auflage 2011. Deutscher Taschenbuch Verlag 2011, Seite 147

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Dobri ljudi u vremenu zla

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Apr 052012
 

 „Dobri ljudi u vremeni zla“ – das, liebe Kinder, ist Serbisch, und das ist zu Deutsch: „Gute Menschen in der Zeit des Bösen„. Ein schöner Buchtitel von Svetlana Broz. Ist doch besser als jenes abgelatschte „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, mit dem sich jede kollektive Schurkerei und jede höchtpersönliche Eselei rechtfertigen lässt. Letzteren Satz bekam ich von den Alt-68ern  so oft um die Ohren geknallt! Damit wurde alles und nichts begründet, jeder und keiner beschuldigt.

GARIWO – Početna

 Posted by at 12:07