Was wird hier an diesem Brunnen erzählt? Was ist die Wahrheit dieses Brunnens?

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Mrz 292013
 

2013-03-24 10.54.58

„Was wird hier an diesem Brunnen erzählt?“ Mit einer russisch-deutschen Fußwandergruppe, deren Teilnehmer hauptsächlich aus Moskau, Berlin und Samara stammten, besuchte ich letzten Sonntag den berühmten Spandauer Eiskeller, den kältesten Punkt ganz Berlins. An jenem Sonntag war es in Spandau aber auch kälter als in Sibirien. Ich verkündete stolz die Werte für Samara, für Moskau, für Wladiwostok, die ich in der U-Bahn noch abgelesen hatte. Wir lagen drunter! Wir Deutschen waren Weltmeister der Kälte!

Beim ev. Johannesstift rätselten wir über die Botschaft des Brunnens. Man sieht wenig an diesem Brunnen: Ein Mann ist von seinem Pferd abgestiegen. Er scheint einem anderen Mann aufzuhelfen. Ein anderer Mann geht vorbei. Wir sind irgendwo zwischen Felsen. Leider war die erklärende Plakette des Brunnens wegen Eisbefalls  nicht zu lesen. Es herrschte ja in ganz Europa in jenen  Tagen eine große Vereisung und Verpanzerung. Deshalb fehlten an dem Brunnen der Vergangenheit die Erklärschilder. Es fehlte der Erzähler, der die alten Brunnengeschichten erzählen könnte. Die Botschaft des Brunnens war verstummt. Es herrschte Frost und Vereisung.

Einer fasste sich da ein Herz und fing an zu erzählen:

„Ich glaube …“

„Was glaubst du …?“, unterbrachen ihn die Kinder.

„Ich glaube, dass hier erzählt wird, wie ein Mann unter die Straßenräuber fiel. Die Räuber schlugen den Mann zusammen, raubten ihn  aus und ließen ihn halbtot liegen. Da kam ein stolzer Moskowiter vorbei, der sagte: „Ach da liegt ja so ein Provinzler. Sicher ein Alkoholiker. Typisch, selber schuld.“ Der Moskowiter ging weiter. Da kam ein Berliner vorbei. Der sagte: „O, ein Kälteopfer. Ach was, es gibt ja die Kältehilfe. Die wird sich um den kümmern.“ Und ging weiter. Zuletzt kam ein Mann aus Samara vorbei. Ihr wisst ja, liebe Kinder, Samara, früher Kuybischew, die Autostadt hart am Ural,  die außer Wäldern, Feldern und Langlaufloipen gerade und auch im Bereich Kultur  im Vergleich zu Moskau und Berlin nichts zu bieten hat! Der Mann aus Samara blieb stehen und sagte: „Dir muss ich helfen.“ Er verband dem Mann die Wunden, flößte ihm Tee ein und brachte ihn ins nächste Hotel. Dort gab er dem Wirt 200 Euro (in Russland ein inoffiziell anerkanntes Zahlungsmittel). „Kümmer dich um den Mann. Ich komme in ein paar Tagen wieder vorbei. Wenn das Geld nicht reicht, kriegst du noch was von mir.“ –

„Nun frage ich euch, liebe Kinder: Was wurde hier erzählt?“

Wir schwiegen zunächst. Dann sagte einer: „Es wurde die Geschichte von dem Gebot der Ersten Hilfe erzählt. Der Mann aus Samara leistet erste Hilfe, die anderen nicht. Er ist also ein Vorbild. Du hast soeben die Entstehung der Samariterhilfe erzählt – und warum sie so heißt!“

Wir schauten genauer hin. Wie realistisch war die Erzählung? Gab es denn damals, als der Brunnen gebaut wurde, schon den Euro? Glaubte der Erzähler eigentlich selbst das, was er da aufgetischt hatte? Was ist die Wahrheit? Was ist Wahrheit?

Da entdeckten wir die Bestätigung dessen, dass die Samariter-Erzählung des mutigen Erzählers wahr war. Denn das Eis, der Schnee auf der Szene hatte zu tauen begonnen. Die Sonne hatte ein Erbarmen, sie unterstrich die Wahrheit dieser Geschichte von der Barmherzigkeit. Ein Wunder! In ganz Berlin war dies die einzige Stelle, an der die Sonne stark genug war, das Eis zum Schmelzen bringen!

War dies so? Was ist die Wahrheit dieser Erzählung? Hat sich dies so zugetragen? Es könnte sein, es könnte nicht sein. Dass etwa der Arbeiter-Samariter-Bund auf die russische Stadt Samara an der Wolga zurückgeht – wer will das behaupten oder bestreiten?

Vielleicht hat der Erzähler das eine oder andere ergänzt oder umgedreht. Die Botschaft aber dürfte so zutreffen. Die Wahrheit ist: Man darf an die Botschaft glauben und ihr folgen.

Die Sonne brachte den Beweis von der Wahrhaftigkeit der Erzählung vom barmherzigen Samariter.

 

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Mrz 282013
 

2013-03-24 10.54.58

Der weltweit allgemein anerkannte, relative Armutsbegriff und auch der Armutsgefährdungsbegriff ist blühender Unsinn, wie schon ein Blick auf das Bild im heutigen Online-Tagesspiegel zeigt: Man sieht offenbar Obdachlose. Schluchz, Barm, Seufz! Die üblichen Reflexe!

Nun muss aber in Deutschland niemand obdachlos sein. Alle haben hier in Deutschland ein Dach über dem Kopf, gesicherte medizinische Versorgung, Essen und Trinken, kostenlose Schulbildung, eine kulturelle Grundteilhabe über Funk und Fernsehen. Es gibt in Deutschland keine echte Armut, von wenigen Einzelfällen wie etwa Obdachlosen (weniger als 0,1% der Bevölkerung)  abgesehen.  Es gibt kein politisches Armutsproblem in Deutschland, sehr wohl aber für ca. 1 Mrd. Menschen außerhalb Deutschlands.

Der relative Armutsbegriff  vernebelt den Blick auf die echten sozialen Risikolagen in Deutschland: Kindesvernachlässigung, Frauenunterdrückung, Faulheit, anerzogene Süchte, Hartherzigkeit der Menschen, Kriminalität, anerzogene und von linken und rechtsextremen politischen Kräften eingeflüsterte und bis zum Überdruss heraufbeschworene Perspektivlosigkeit. Wirkliche Armut gibt es in Deutschland in einem signifikanten Sinn nicht. Ich lebe hier in Kreuzberg in einem der statistisch ärmsten Wohnbezirke Berlins, spreche täglich mit Menschen, die offiziell „armutsgefährdet“ sind, kenne deren Realität. Die offiziell „Armutsgefährdeten“ lachen derartige Erklärungen wie die der öffentlich bestallten und bezahlten „Armutsforscher“ nur noch aus. Also weg mit diesem Unsinnsbegriff der relativen Armut und der „Armutsgefährdung!“

Kümmern wir uns um echte Not, um echtes Elend! In Deutschland ist die echte Not rein seelischer Art: Eispanzer um die Herzen, Kindesvernachlässigung, Anbetung des Geldes als alleinigen Maßstabs der Politik, Staatsgläubigkeit, Vernachlässigung der Alten und Behinderten.

Die echte Not ist zweifellos ein politisches Problem. Außerhalb Deutschlands, namentlich in Staaten Afrikas und sogar in einigen wenigen Staaten Europas liegt echte Not in Krieg, Hunger, Armut, Obdachlosigkeit, Umweltzerstörung, Frauenunterdrückung, Rechtlosigkeit, Vertreibungen, Naturkatastrophen, Jugendarbeitslosigkeit.

 

EU-Armutsrisiko: „Weniger eine Finanz- als eine Verteilungskrise“ – Politik – Tagesspiegel.

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Unsere Laster: die gastwirtlichen Feinde

 Das Böse, Europäisches Lesebuch  Kommentare deaktiviert für Unsere Laster: die gastwirtlichen Feinde
Mrz 272013
 

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On peut dire que les vices nous attendent dans le cours de la vie comme des hôtes chez qui il faut successivement loger ; et je doute que l’expérience nous les fît éviter s’il nous était permis de faire deux fois le même chemin.

So schreibt François de la Rochefoucauld, einer unserer Vorväter, ein trefflicher Psychoanalytiker, ein früher, vorbildlicher Blogger avant la lettre.

Wir übersetzen ins alltägliche Deutsch unserer Tage: „Die Laster erwarten uns im Laufe des Lebens wie Wirte, bei denen es nach und nach einzukehren gilt; ich bezweifle, dass die Erfahrung uns von der Einkehr abhielte, wenn wir zwei Mal denselben Weg zurücklegen dürften.“

Das klingt vernünftig, aber dieser unserer behelfsmäßigen Übersetzung fehlt die Patina. Wie übersetzte ein Zeitgenosse des großen französischen Moralisten? Einer 1699 in Leipzig beim Verleger Gleditsch erschienenen Übersetzung entnehme ich folgendes:

Man kann sagen / daß die Laster bey den Lauff unseres Lebens auff  uns als wie die Feinde lauren / bey welchen man nach und nach das Quartier nehmen muß. Und ich zweiffele / daß die Erfahrung uns selbige würde vermeiden lehren / wann es uns gleich vergönnet wär / eben denselben Weg noch einmahl zu nehmen.

Gemüths-Spiegel/ durch die köstlichen moralischen Betrachtungen Lehrsprüche und Maximen die Erkäntniß seiner selbst und anderer Leute zeigend

/ La Rochefoucauld, François de. – Leipzig : Gleditsch, 1699

Auffallend, dass der alte deutsche Übersetzer Talander hier „Feinde“ statt „Wirte“ setzte! Hier klingt das alte lateinische hostis durch, das ja zugleich Feind, Wirt und Gast bedeutete und von dem das französische hôte sich herleitet.

Was ist damit bedeutet? Dass unsere Laster unsere Feinde sind, bei denen wir mehr oder minder notgedrungen einkehren sollen, ja einkehren müssen? S’ist unerfindlich!

Unergründlich, dass der Psychoanalytiker uns empfiehlt, bei dem Laster, diesem feindlichen Wirt oder wirtlichen Feind mindestens einmal vorbeizuschauen oder doch einzukehren. Vermeiden lässt es sich ohnehin nicht. Die Laster scheinen feindliche Wirte oder auch wirtliche Feinde zu sein.

Bild oben: Kreuzberger Titelbild: Eine der zahllosen neuen Spielhöllen, an denen Friedrichshain-Kreuzberg ebenso wie Neukölln zusehends reicher wird.

Bild unten: Titelbild der Originalausgabe:

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Geflochten auf das Rad der Wiederholungen: Beschneidungsdebatten, Ehrenmorde, kulturelle Assimilation, Aufruf zum Gewaltverzicht … und wieder … und wieder

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Mrz 252013
 

2013-03-24 10.54.58

„Seht, ich lehre euch die ewige Wiederkehr.“ So Nietzsches Zarathustra. Was dem Zarathustra Nietzsches zweifellos immer wieder aufleuchtete, war das plötzliche Gewahrwerden des „Das hatten wir ja schon einmal!“ –

„Das hatten wir ja schon einmal!“

„Schon einmal?“ –

„Nein, viele Male!“

Dies ist der Quellpunkt im Brunnen des mythischen Bewusstseins, das uns alte, uns uralten Europäer eint: Überall entdecken wir Gewesenes, im Vorschein des Künftigen sehen wir den Widerschein des Vergangenen.

Bis in die Wortwahl hinein spiegeln beispielsweise die erregten innenpolitischen Debatten der Bundesrepublik um die Integration oder Assimilation der Zuwanderer, um Einzigartigkeit und Singularität deutscher Schuld und deutscher Scham, deutscher Schande und deutscher Strafe jene jahrtausendealten Begebenheiten und Einzigartigkeitsdebatten wider, von denen uns die alten Schriften des Buches der Bücher erzählen.

Ein paar dieser jahrtausendealten Fragen lauten: Ab wann gehören die Menschen des anderen Volkes zu uns? Wie vermischen, wie vereinigen sie sich mit uns?

Antwort im Buch Genesis: Sie gehören zu uns, sobald sie unsere Religion, also unsere Kultur durch das sichtbare Zeichen der Beschneidung annehmen. Ohne die vollständige rituelle Assimilation, ohne das sichtbare Zeichen der Beschneidung gehören sie nicht zu uns und wir nicht zu ihnen. Und genau so wird dies von namhaften Religionsgemeinschaften bis zum heutigen Tage vertreten.

Sind wir Deutschen auf alle Zeiten das Trägervolk des Bösen, da wir den Holocaust verursacht haben, der doch etwas Einzigartiges war, wie uns Deutschen wieder und wieder auf Treu und Glauben von den Deutschen und anderen Völkern versichert wird? Oder waren die mehreren Shoas des 20. Jahrhunderts, die Katastrophen, in die Völker hineingeschickt wurden,  eine vielfache Wiederkehr, eine Gischt-Brechung der Gemetzel früherer Zeiten, früherer Völker, früherer Gewalt? Fragen, Fragen!

Fromme gelehrte Juden lehnen bekanntlich den Ausdruck Holocaust wegen seiner rituellen Überhöhung ab und sprechen lieber von der jüdischen Shoah des 20. Jahrhunderts, vergleichbar etwa der jüdischen Shoah des Jahres 70 n. Chr.  Mit Blick auf die von Belgiern gemetzelten Kongo-Völker, die von Turkvölkern gemetzelten Armenier, die von Russen gemetzelten Kulaken, die von Russen und Deutschen gemetzelten Polen und Ukrainer, die von Deutschen gemetzelten Russen, die von europäischen Völkern unter Führung der Deutschen gemetzelten Juden und die vielen anderen, von anderen Völkern  gemetzelten Völker wird man von mehreren Shoas mehrerer Völker im 20. Jahrhundert sprechen können und sprechen müssen. Statt Shoah empfiehlt es sich auch, den Ausdruck Katastrophe zu verwenden. Genau diesen Ausdruck „Kata-strophe“ für Kultur-bruch, deutlichst hervorgehoben durch Zeilen-bruch und Seiten-bruch, verwendet Thomas Mann in seiner Nacherzählung des Holocausts des uralten kanaanitischen Volkes der Hiwiter. Die gezielte vollständige Vernichtung und Ausplünderung, die Shoah der Hiwiter wird von Stammvater Jakob als absoluter, als nicht zu unterbietender Tiefpunkt des Volkes Israel gedeutet, als absoluter Zivilationsbruch. Das blutrünstige Gemetzel, die Shoah der Hiwiter, die Katastrophe der Hiwiter ist also zugleich die völlige sittliche Katastrophe der Söhne Jakobs.  Sie führt zur rituellen Lossagung des Vaters von den Söhnen:

„Simon und Levi, die Brüder, Werkzeuge der Gewalt sind ihre Messer. Zu ihrem Kreis mag ich nicht gehören, mit ihrer Rotte vereinige sich nicht mein Herz. Denn in ihrem Zorn brachten sie Männer um, mutwillig lähmten sie Stiere.“

Zerstörte Vielfalt! Lesen wir etwa im Buch Bereschit/Genesis, dem 1. Buch Mose das Kapitel 34, so werden wir sogleich erkennen: Nein, die völlige Auslöschung und Ausplünderung eines benachbarten Volkes, die Forderung nach bedingungsloser Assimilation ist keineswegs neu. Keineswegs neu und keineswegs einmalig ist die Lust am Gemetzel, das Waten im Blut, das Ausplündern der zuvor Assimilierten, der Unterjochten, die Auslöschung ganzer Völker.  Frauenraub, Zwangsheiraten, Frevel, Rechtsbruch, Verrat und Hinterlist scheinen zum menschlichen Gewese aller Zeiten zu gehören. Die Möglichkeit zur Lust am Gemetzel, zur Ausplünderung und Vernichtung ganzer Städte, ganzer Völker, wie sie gerade das europäische 20. Jahrhundert in den Jahren 1914-1989 an mehreren Völkern, an mehreren Kulturen so überreich ausgeführt erlebte, gehören seit unvordenklichen Zeiten, seit den Zeiten eines Kain und Abel, eines Simeon und Levi, eines Ödipus, Eteokles, Polyneikes, einer Antigone und eines Kreon zum Kernbestand menschlicher Kultur. Zum Kern der Kultur gehört der Kulturbruch in Gewalt. Zum Kernbestand menschlicher Zivilisation, zur Menschen-Natur gehört der absolute Zivilisationsbruch.

Aber auch das erschütterte Klagen, das Zürnen und das Fluchen und Segnen der wenigen Aufrechten, die sich dem Frevel der Söhne entgegenstellen, gehören dazu! Der berühmte Jakobs-Segen des ersten Buchs Moses bietet ebenso strahlend und fast unüberbietbar die Möglichkeit, dem Bösen, das auf alle Zeiten in uns wohnt, zu widersagen. Er bietet die Handhabe zum Neubeginn nach dem absoluten Zivilisationsbruch. Es geht ja doch wieder weiter – auch nach dem völligen, dem singulären  Zivilisationsbruch! Der Segen und der Fluch des Vaters übertrifft an Wirkkraft das rein Natürliche der Menschen-Natur. Im Widersagen an das Böse befestigt sich das Wissen und die Einsicht in das, was gut für den Menschen ist. Die griechische Septuaginta, eine Frucht des Bemühens zahlreicher jüdischer Gelehrter um Übersetzung des hebräischen Urtextes der Weisung in die neue Weltsprache Griechisch, gibt die zehn Gebote völlig zutreffend im Futur wider. Auf Griechisch heißt es also nicht: „Du darfst/sollst nicht töten!“, Sondern: „Du wirst nicht töten!“

Knapp einfach und in die Zukunft hineingreifend wird dies manchmal so genannt:

Du wirst nicht töten!
Du wirst Vater und Mutter ehren!
Du wirst nicht lügen!
Du wirst nicht ehebrechen!

Wurzelquellen:
Hebräische/griechische Bibel (Torah/Septuaginta): Buch Genesis/Bereschit insgesamt, darin besonders: Kapitel 34 passim; Kapitel 49, 1-28
Thomas Mann: Joseph und seine Brüder. Erster Band: Die Geschichten Jaakobs. Drittes Hauptstück: Die Geschichte Dinas. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar, 1972. Darin  besonders:  S. 148, letzte Zeile bis S. 149 erste Zeile; „Das Gemetzel“, S. 176-180
Aischylos: Sieben gegen Theben
Sophokles: Oidipus Tyrannos, Antigone

Bild: Ein rätselhafter Brunnen der Vergangenheit im Johannesstift Spandau, aufgenommen im harten Winter gestern. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?

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Zerstörung der Familie: Wer sind wahrer Vater und wahre Mutter des völkischen Menschen?

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Mrz 232013
 

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Das Faszinosum des Nationalsozialismus und zugleich seine mythische Grundkonstruktion strahlen sehr deutlich im Roman Der Erlkönig von Michel Tournier durch. Abel Tiffauges, der Ich-Erzähler, den es als französischen Gefangenen nach Kaltenborn in Ostpreußen verschlägt,  bezeichnet sich selbst als zeitenthobenes Ungeheuer, das keines leiblichen Vaters und keiner leiblichen Mutter bedarf. Da Abel Tiffauges  nichts von Vater und Mutter weiß, verwirft er auch Vaterschaft und Mutterschaft und vergleicht sich zu recht mit einem Maultier oder Maulesel, der heranschwebt um, unfruchtbar selbst, Unfruchtbarkeit zu spenden:

„Le mulet et le bardot naissent stériles, comme si la nature voulait couper court à une expérience qu’elle juge déraisonnable.“

Das Ausland – also namentlich die Franzosen und die Briten – ist schon viel weiter mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung als wir Deutschen.

Vor allem wird in Deutschland sehr oft verkannt, dass der Nationalsozialismus  grundsätzlich von den Jungen, von der nachwachsenden Generation der Vaterlosen und von den Aufmüpfigen (wie Adolf Hitler selbst einer war) getragen wurde – nicht von den Alten, den Angepassten und den Konservativen. Er verkörperte die „Neue Zeit“, von der die bündische Jugend sang.

Der Nationalsozialismus war erklärtermaßen eine zugleich sozialistische und nationalistische, ja in Teilen auch antikapitalistische und auch bereits naturschützerisch-ökologische Sammlungsbewegung, eine Art außerparlamentarische Alternative, die rechten und linken Rebellen, Sozialisten ebenso wie Nationalisten die Scheunentore weit öffnete. Der Nationalsozialismus erhob ausdrücklich den Anspruch, der einzig wahre Sozialismus zu sein, und zwar u.a. mit folgenden Programmpunkten:

Brechung der Zinsknechtschaft, also Ausstieg aus dem „Finanzkapitalismus, durch den die Reichen reicher und die Armen ärmer werden“
„Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, also rücksichtslose Enteignung des internationalen Großkapitals und des „raffenden Eigentums“
Großzügiger Aufbau der Alterversorgung
Gleichberechtigung Deutschlands gegenüber anderen Nationen

In Hitlers „Mein Kampf“ finden sich viele, überraschend viele Elemente, die später auch in der linken oder linksextremen westdeutschen 68er-Bewegung wiederkehren, so insbesondere:
– Verachtung, Hohn und Spott für die Polizisten, mit denen sich die SA in München so manche Saalschlacht lieferte („Bullen“)
– die Ablehnung des parlamentarischen „Systems“
– die Ablehnung der Rechtsstaatlichkeit
– die Ausrufung des permanenten Ausnahmezustands, welcher laut Carl Schmitt den Rechtsbruch rechtfertigt
– die Missachtung der „feigen“ Generation der eigenen Väter und Mütter, über die der Stab gebrochen wird: „Warum habt ihr das Verbrechen zugelassen?“
– die Verehrung der großen Führer der Bewegung (Mao, Trotzkij, Stalin, Hitler, Lenin, Castro vgl. „Ho-Ho-Ho-Tschi-Min“-Rufe)
– die Bejahung der revolutionären Gewalt als Mittel zur Erreichung innenpolitischer und außenpolitischer Ziele (Dutschke, Baader usw.)
-die Ablehnung des angloamerikanischen Kapitalismus

Was bei der westdeutschen 68er Bewegung hingegen fast völlig fehlte, war der offene Rassismus und der Nationalismus der Nationalsozialisten.

Die Ablehnung des „Väterlichen“ und des „Mütterlichen“, ja des „Bürgerlich-Familiären“ ist bei den Nazis mit Händen greifbar. An Vaters Statt, an Mutters Statt übernehmen das Volk und die Rasse, der Staat und der Führer den „neuen Menschen“. Statt durch die Familie lässt sich der völkische neue Mensch von Rasse und Volk buchstäblich adoptieren. Er braucht keinen echten Vater und keine leibliche Mutter mehr.

Belege:
Knaurs Lexikon A-Z. Berlin Verlag von TH. Knaur Nachf. , Berlin 1938, vor allem Artikel „Sozialismus“, „Nationalsozialismus“
Adolf Hitler: Mein Kampf. Verlag Franz Eher Nachfolger, München 1933
Michel Tournier: Le Roi des Aulnes, Gallimard, Paris 1970, bsd. S. 14

 

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Wurzelgeflechte: Das Verlangen, über seine Herkunft Sicherheit zu erlangen

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Mrz 232013
 

2013-03-06 07.51.40

„Das Verlangen, über seine Herkunft Sicherheit zu erlangen, lag ihm tief auf der Seele“, derart beschreibt der Herausgeber Karl Kappus den Antrieb zum großen griechischen Enthüllungsdrama, dem Oedipus rex von Sophokles.

Verlust oder gewaltsame Trennung von der leiblichen Mutter, Abwesenheit des Vaters haben sich seit Jahrtausenden als schwerste Belastung für ungezählte Menschen erwiesen. Erst vor zwei Tagen entschuldigte sich Australiens Premierministerin für tausendfaches Unrecht, das der Staat noch vor wenigen Jahrzehnten an Müttern und Kindern verübt hat, indem er den Müttern die Kinder entriss. Julia Gillard bereute öffentlich im Namen des Staates mit folgenden Worten:

„Today this parliament, on behalf of the Australian people, takes responsibility and apologises for the policies and practices that forced the separation of mothers from their babies, which created a lifelong legacy of pain and suffering.“

„We acknowledge the profound effects of these policies and practices on fathers and we recognise the hurt these actions caused to brothers and sisters, grandparents, partners and extended family members.“

„We deplore the shameful practices that denied you, the mothers, your fundamental rights and responsibilities to love and care for your children.“

Julia Gillard hat völlig recht: Die Mutter-Kind-Bindung ist das stärkste Band, das Herrscher oder Staaten zu zerreißen vermögen. Wer ist meine Mutter? Wer ist mein Vater? Diese Fragen halte ich für naturgegeben, die Abhängigkeit des Säuglings von der Mutter (oder einer Ersatzmutter) halte ich  für einen natürlichen, da biologisch bedingten Grundbestand des Menschlichen.

Deutschland schickt sich in diesem Jahr an, jedem Kleinstkind unter drei Jahren eine staatliche Betreuung zu sichern.  Jedes in Deutschland geborene Kind wird schon bald einen staatlich verbürgten Anspruch auf staatliche Betreuung haben, damit Mutter rasch wieder in Vollzeit arbeiten kann.

Ich kenne Menschen aus den früheren sozialistischen Staaten, die aus der staatlichen Krippen-Betreuungswelt hervorgegangen sind. Manche haben keine echte Beziehung zu ihren Eltern aufgebaut und werden aus diesem Grunde auch selbst nicht Eltern. Die Generationen-Kette wird unterbrochen. Das Mutter-Kind-Band konnte sich nicht entfalten, die Frage – Wer ist meine Mutter? – findet im Herzen des Kindes lebenslang keine Antwort.

Omar Sy pries gestern in der Süddeutschen Zeitung seine Mutter, seinen Vater als lebenslang gültige Vorbilder. Dank dieser Vorbilder konnte er alle Widrigkeiten der Vorstadt, der berüchtigten Banlieue meistern. Sein Glück besteht heute darin, selber als Vater und Ehemann zum Glück seiner Familie beizutragen. Er ist „mit sich und der Welt im Reinen“. Denn ein guter Vater, eine gute Mutter sind das Wichtigste im Leben jedes Kindes – das gilt in Trappes ebenso wie in Neukölln, Zehlendorf oder Pankow. Schwierigkeiten, Entwicklungsstörungen, Schulabbruch, jugendliche Kriminalität entstehen regelmäßig nur dort und ausschließlich dort, wo das kleine Kind nicht beides hat: eine gute Mutter und einen guten Vater.

Deutschland müsste seine Familienpolitik darauf ausrichten, dass jedes Kind eine gute Mutter und einen guten Vater hat, statt jeder Mutter und jedem Vater zu ermöglichen, zu beliebigen Zeitpunkten die volle Berufstätigkeit aufzunehmen. Ich meine: Der Anspruch des Kindes auf eine gute Mutter und einen guten Vater ist politisch weit höher einzustufen als der Anspruch der Eltern, jederzeit in vollem Umfang berufstätig zu sein.

Omar Sy ist mit sich und seinen Eltern im Reinen. Ödipus hingegen ist mit sich und der Welt nicht im Reinen. Psychologisch gesehen hat er das schlimmste denkbare Trauma erlitten, das einem Kind widerfahren kann: die Ablehnung durch die eigenen Eltern, die Verstoßung durch die leibliche Mutter. Er ist das unerwünschte Kind, das Kind zur falschen Zeit am falschen Ort. Entgegen den Planungen hat er überlebt. Wie bis zum Jahre 319 n.Chr. überall in Europa zulässig, wurde er gleich nach der Geburt im Gebirge ausgesetzt. Er hätte auch vom Vater getötet werden dürfen, denn ein individuelles Lebensrecht jedes geborenen Säuglings kannte die griechisch-römische Antike nicht. Kindstötung und Kindesaussetzung, die Unterscheidung nach „erwünscht und lebenstauglich“ und „unerwünscht und lebensuntauglich“  waren dem Vater erlaubt und wurden routinemäßig praktiziert, zumal die Medizintechnik der Abtreibung noch nicht den hohen Stand der heutigen Klinik erreicht hatte und allzuoft das Leben der Mutter, das als vorrangig galt, gefährdete.

Der Sagenkranz von Theben, insbesondere die Geschichte des Ödipus gehört zum zentralen Wurzelgeflecht Europas.  Nur zum eigenen Schaden vergisst Europa gerade in diesen Jahren wieder einmal die fundamentalen Einsichten in das, was des Menschen Glück und Unglück ausmacht.

Hierzu wird übrigens morgen im Deutschen Theater zu Berlin eine Veranstaltung stattfinden:

Saal
18.00 – Eintritt frei
Die Verflechtung der Wurzelwerke: Griechische Antike/Altes Testament
Podiumsdiskussion mit Jean-Pierre Wils und John von Düffel. Moderation: Martin Knechtges
In Zusammenarbeit mit der Katholischen Akademie Berlin e.V.

 

Zitate:
Sophokles: Oedipus. Griechisch und deutsch. Übertragen von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf. Neue Ausgabe besorgt von Karl Kappus. Weidmannsche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1939, S. 4

http://www.guardian.co.uk/world/2013/mar/21/julia-gillard-apologises-forced-adoptions

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„Wie habt ihr das damals erlebt?“

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Mrz 222013
 

2012-07-01 18.17.59

„Wie war das damals? Wie habt ihr das erlebt?“ Ich habe immer wieder, zuletzt in diesem Sommer in Berchtesgaden (Ort beim berüchtigten Obersalzberg) bei Zeitzeugen nachgefragt.

Mein Ergebnis fasse ich so zusammen:  Die Güter am Obersalzberg wurden von der Nazibande durch Aufkäufe und Enteignungen zusammengerafft, widerspenstige Besitzer – so etwa der „Türkenwirt“ – wurden eingeschüchtert, verhaftet, bestraft  und zwangsenteignet. Unter den Jüngeren (etwa Geburtsjahrgang 1915-1940) waren viele, aber bei weitem nicht alle, gern und auch mit Begeisterung bei der neuen Bewegung und dem neuen Regime dabei. Warum?

Das Grundgefühl mochte sein: Endlich mal weg von der katholischen Kirche, raus ins Freie, weg mit dem wertkonservativen Krempel, weg mit dem Gott der Juden und Christen, weg mit der altmodischen Mitleidsethik, endlich gender-neutrale Erziehung für Maiden und Buben, Befreiung des Körpers, Wandern, Lagerfeuer, Auslandsreisen, hurrah! „Mit uns zieht die neue Zeit“, das war ein unübertrefflich schönes Motto, wie es Hermann Claudius, erst ein leidenschaftlicher Sozialdemokrat und später geschworener Anhänger Hitlers, so schön reimte. Der Pfarrer Schüller predigte in der Stiftskirche und in den katholischen Jugendgruppen gegen den Geist der neuen Zeit, der eigentlich ein Ungeist war, und versuchte die Jungmannen und Jungmaiden vor schlimmsten Verirrungen zu bewahren, was ihm teilweise gelang.

Mein konservativer Großvater (Jg. 1892) hingegen weigerte sich, die Hakenkreuzflagge bei Führerbesuchen am Marktplatz rauszuhängen – und wurde sofort als Bürgermeister abgesetzt und zum abgrundtiefen Entsetzen seiner ganzen Familie ein paar Tage in „Schutzhaft“ genommen. Nach der Entlassung muckte er (Vater von 5 Kindern) selbstverständlich nicht mehr auf. Er hatte also den (katholisch und wertkonservativ motivierten) Widerstand gegen die neue Zeit versucht und wurde gnadenlos zurechtgestutzt. Trotzdem fiel er 1941 in den ersten Wochen des Russlandfeldzuges (R.I.P. 02.09.1941).

Meine Großmutter, eine Witwe mit 5 Kindern, protestierte  – ebenfalls 1941 – brieflich bei den Behörden gegen die befürchtete bzw. berichtete Ermordung Behinderter  („Euthanasie“). Die Ermordung der Behinderten ging weiter, einer meiner Verwandten wurde ebenfalls ermordet, den diesbezüglichen Briefwechsel habe ich noch.

Ein streng katholischer, heute würde man sagen ein „erzkonservativer“ Volkskundler aus dem Ort, Rudolf Kriß, wurde wegen regimekritischer Äußerungen denunziert und zum Tode verurteilt – allerdings nach einigen Monaten Haft doch nicht hingerichtet.

Tja, liebe Freundinnen und Freunde im glorreichen Heute! Zeitgenossinnen und Zeitgenossen im Ikea-Lehnsessel! So lief das, zu scherzen war mit den Herrschaften nicht.

Bis heute sind diejenigen namentlich bekannt, die damals denunzierten und teilweise ja noch leben. Der Riss ging quer durch die Familien, spaltete Generationen und Geschwisterscharen, wobei zweifellos die Begeisterung für Hitler und sein Regime unter der jüngeren, aufmüpfigen Generation größer war als bei den Älteren.

In jedem Fall war es nach 1945 meines Erachtens angebracht, ja lebensnotwendig, zunächst einmal den Mantel des Schweigens über das Ganze zu werfen. Eine Aufarbeitung des Geschehenen hätte Risse vertieft. Der völkische Staat hatte schon genug Familien zerstört.

Übrigens: Es gibt auch heute – etwa in Afrika und Asien  – ähnlich schlimme Diktaturen, wie es Deutschland in den 30er und 40er Jahren Jahren war. Wer von uns würde sich „anständig“ verhalten? Ich – mit großer Wahrscheinlichkeit – nicht. Ich würde wohl das eigene Überleben und das Überleben der eigenen Familie obenan stellen.  Meine Hochachtung gilt jenen, die sich widersetzten, meine Trauer gilt allen Opfern, auch jenen, die den Widerstand am eigenen Leib bezahlen mussten.

 Posted by at 20:28

Es ist leicht den Stab zu brechen

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Mrz 222013
 

Ach wie herrlich ist es doch, über Väter und Mütter den Stab zu brechen! Was für eine Häme bei all denjenigen, die nie auch nur im geringsten derart erprobt worden sind. Wie gut man sich dabei fühlt. Allerdings kenne ich persönlich und höre auch von ziemlich vielen Menschen, ordinary Germans, die eben nicht mitgemacht haben, die nachweislich und beweisbar Widerstand in Wort und Tat geleistet haben, darunter erstaunlich viele Katholiken und katholische Pfarrer.  Die meisten haben bitter büßen müssen – Ämterverlust, Inhaftierung, KZ, Todesurteil, Ermordung. In der Gewaltherrschaft werden immer die meisten mitmachen oder mitmachen müssen, schon allein um sich oder die Familie zu schützen. Das galt für die Sowjetunion (1917-1989) ebenso wie für das Deutsche Reich während der NS-Zeit (1933-1945). Beide Diktaturen waren in gleicher Weise mörderisch, haben verbrecherische Angriffskriege geführt und Millionen von Menschen außerhalb von Kriegshandlungen nur aufgrund von Gruppenzugehörigkeiten ermordet. Und in beiden Ländern hat die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung mitgemacht. Was hätten sie auch machen sollen?

 Posted by at 16:53

„Ich möchte vor allem ein guter Vater und Ehemann sein!“ – „Nein, der Staat muss das regeln!“

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Mrz 222013
 

2013-03-22 09.05.462013-03-22 09.05.46

Zwei herrliche, gegensätzliche Gespräche mit zwei klugen Männern bietet die gedruckte Süddeutsche Zeitung heute an. Beide in höchstem Maße lesenswert! Zwei offene, lachende, fröhliche Gesichter, sympathische, gewinnende Persönlichkeiten! Die Unterhaltungen könnten unterschiedlicher nicht ausfallen, und deshalb ziehe ich sie bei, um den Unterschied zwischen einer personalistischen und einer kollektivistischen Ethik zu erläutern.

Omar Sy aus dem französischen Trappes, unser erster Zeuge, vertritt auf Seite 10 eine personalistische Ethik. Seine Grundaussage – und damit die Grundaussage jeder personalistischen Ethik – ist: „Wir sind doch alles freie Menschen.“ Aus dieser Freiheit des Menschen leitet sich die Forderung ab, dass jede und jeder für das eigene Handeln Verantwortung übernehmen muss. Die Anforderungen einer solchen Ethik richten sich in Ich-Form an das eigene Selbst, an das eigene Gewissen. Die Grundaussage ist:

„Ich will und soll … das und das tun.“ Ein Beispielsatz Omars lautet: „Ich möchte vor allem ein guter Vater und Ehemann sein.“ Dieser Satz zeigt auch sofort den ursprünglichen Geltungsbereich dieser Ethik: es ist das Verhältnis zu den nächsten Menschen, also zunächst einmal die eigene Familie. Ein Mensch, der allein auf dieser Erde lebt – ein Robinson Crusoe unserer Single-Gesellschaft – hat selbstverständlich keine Pflichten gegenüber anderen Menschen. Da wir aber im Regelfalle nicht allein leben, führt der Geltungsbereich der in der Freiheit begründeten personalistischen Ethik zunächst zur Familie: zu Vater, Mutter, Geschwistern, Ehepartner, Kindern. Die Familie – Kinder, Ehefrau, Ehemann, eigene Eltern – sind diejenigen, an denen sich dieser Anspruch ethischen Handelns zuerst bewähren muss. Später tritt die Gesellschaft oder der Staat hinzu.  Die Familie ist der wichtigste, unverzichtbare Bezugsrahmen, die Kinderstube der Ethik.

Weitere Beispiele für derartige personalistische  Ansätze in der Ethik sind: die Tugendlehre und der kategorische Imperativ von Immanuel Kant, all die muslimischen und die alevitischen Pflichtenlehren, all die christlichen Pflichtenlehren und all die jüdischen Pflichtenlehren, aber auch die Öko-Ethik eines Franziskus von Assisi.

Motto: Wenn jeder sein eigenes Leben bessert, wird auch die Welt insgesamt besser.

Ganz im Gegensatz dazu äußert sich auf Seite 24 Robert Pfaller aus dem österreichischen Wien. Er sagt: das private Laster ist der öffentliche Nutzen. „Private vice is public benefit. Damit die Welt allgemein gut wird, müssen wir individuell böse sein.“  Grundannahme unseres Zeugen ist: Die Welt ist zwar noch nicht gut. Sie wird aber schon irgendwie gut werden – allerdings nicht durch das individuelle Bemühen, sondern durch das kollektive Handeln. Der Einzelne hat keine Chance, die Welt besser zu machen. Der Konsument kann als einzelner auch nichts beeinflussen. Zum Beispiel beim Klimawandel:  „Und der Konsument soll das alles individuell beeinflussen? Nein, der Staat muss das regeln! Die Politik muss feste Klimaziele bestimmen und die Finanzmärkte regeln, nicht der Einzelne.“

Auch ein  Vertreter einer kollektivistischen Ethik wie Robert Pfaller will das Gute. Er will ja nicht, dass die Staaten übereinander herfallen oder dass wegen der globalen Erd-Abkühlung der Frühling im Nachbarland Deutschland ausfällt – worauf im Moment leider alles hindeutet. Bezeichnend für den kollektivistischen Ansatz ist aber, dass es keine individuelle Verantwortung gibt. Die große Verantwortung liegt stets bei den Strukturen, bei den Märkten, bei den Verhältnissen. Schuld an den Übeln dieser Welt sind stets die anderen: der Neoliberalismus, der Kapitalismus, die Gesellschaft usw. Hauptregulator des Wandels ist nicht das individuelle Gewissen, sondern die Politik und der Staat. Jeder soll im allgemeinen Bösen so leben, dass für ihn das eigene Glück maximiert wird. Dann wird es auch den anderen besser gehen. Irgendwie wird sich schon alles einrenken.  Der naturgegebene Rahmen für die Entfaltung dieser Glücksvorstellung ist erstens der Sinnengenuss im einvernehmlichen, lauten Sex und zweitens die Freundschaft zwischen gleichberechtigten Menschen auf Augenhöhe, also etwa das Gespräch zwischen Philosophen bei einem Gläschen Wein im Hain der Philosophie oder im Wiener Caféhaus bei einem Gläschen Whisky.

Beispiele für derartige kollektivistische Ansätze in der Ethik sind: Platons „Politeia“, vor allem sein 5. Buch, Epikurs Lehre von der Glückseligkeit, die marxistischen und sozialistischen Theorien, die Occupy-Bewegung, überhaupt alle Bewegungen, die das Gute und die Befreiung aller benachteiligten Menschen wollen – in Kreuzberg oder San Rafael del Sur/Nicaragua oder Wien/Österreich und überall auf der Welt sonst auch.

Motto: Es kommt auf das Ganze an. Die Gesellschaft und der Staat stehen in der Pflicht.

Ich denke, beide Haltungen treten heute in der Süddeutschen Zeitung in den beiden Männern Omar Sy und Robert Pfaller geradezu idealtypisch hervor. Dank an beide Männer, Dank an die Süddeutsche Zeitung, sie haben mir hier im hohen Kreuzberger Norden die Stube erwärmt!

Wer hat nun recht: der gute, altertümlich wirkende Vater und pflichtbewusste Familienmensch Omar Sy, der sich selbst öffentlich in die Verantwortung für Mensch und Gesellschaft nimmt – oder der heitere Lebenskünstler und menschenfreundliche Genießer, der Philosoph Robert Pfaller?

Wähle selbst!

Quellen:
Alexander Mühlauer: „Sex ist laut und sozial unverträglich.“ Gespräch mit Robert Pfaller. Süddeutsche Zeitung, 22.03.2013, S. 24
Martin Zips: „La Grande Intégration“. Süddeutsche Zeitung, 22.03.2013, S. 10

Photo: Global warming is coming! Die Erderwärmung schreitet voran!  Ein Schneemann im ersten verkehrsberuhigten Bereich Kreuzbergs, der Hornstraße. Beweis: diese Aufnahme vom 22. März 2013, dahinter: die ev. Christuskirche mit sinnenfrohen Graffiti

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Gibt es gute und schlechte Schultypen, gute und schlechte Menschen?

 Gute Grundschulen  Kommentare deaktiviert für Gibt es gute und schlechte Schultypen, gute und schlechte Menschen?
Mrz 202013
 

„Zum gegliederten Schulwesen gehört das Entstehen guter und schlechter, höherer und niedrigerer Schulen – das ist ja seine historische und gesellschaftliche Idee.“

So erneut in diesen Minuten Christian Füller in der FAZ. Was für ein moralisch hohes Ross, das der linke Bildungsforscher da wieder reitet! Er kann es nicht lassen, Schulen und Menschen in gut und schlecht, in höher und niedriger einzuteilen! Ich meine: Die Hauptschule alter Art ist von Haus aus keine „schlechte“ Schule, sie ist keine „anregungsarme“ Schule. Sie war oder ist – noch – eine andere Schule als die Oberschule bzw. das Gymnasium, eine stärker praktisch ausgerichtete Schule, führt oder führte zu nichtakademischen Berufen wie etwa Schlosser, Kraftfahrer, Feuerwehrmann, Polizist, Bäcker, Gärtner, Facharbeiter. Für viele Akademiker wie Christian Füller beginnt offenbar das wahre Menschenleben erst beim Abitur und beim Universitätsabschluss – was für eine maßlose, selbstgerechte Arroganz der akademischen Bildungsforscher!

http://www.faz.net/aktuell/wissen/faktencheck/faktencheck-die-auswertung-alternativen-zum-sitzenbleiben-12115807.html

http://www.faz.net/suche/?query=&BTyp=lesermeinungen&username=%22fueller%22

 

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