Was hat Kain eigentlich gemeint? Was wollte er eigentlich sagen? Zu Gen 4,13

 31. Oktober 1517, Kain, Selbsthaß  Kommentare deaktiviert für Was hat Kain eigentlich gemeint? Was wollte er eigentlich sagen? Zu Gen 4,13
Apr 302014
 

2013-06-15 11.19.35

13וַיֹּ֥אמֶר קַ֖יִן אֶל־יְהוָ֑ה גָּדֹ֥ול עֲוֹנִ֖י מִנְּשֹֽׂא

Das 1. Buch Mose, hebräisch meist Bereschit, christlich meist Genesis genannt, wird heute allgemein auf Hebräisch in der hier angegebenen Verschriftung vorgelesen und vorgetragen, etwa unter dem Namen Biblia hebraica. Die fünf Bücher Mose sind ein unerschöpflicher Brunnen für die Juden, die Christen und die Muslime. Diese drei Religionen stehen mit ihren Füßen in der mosaischen Überlieferung.

Nachdem Kain seinen Bruder Abel ermordet hat, bekennt er in diesem Satz seine Schuld. Was hat Kain gesagt?

Ein antastender Übersetzungsversuchversuch des hier schreibenden Bloggers lautet: 

Dsprchknzjhwhgrßmnsnd’fzhbn

Kommentar:

Mein deutscher Übersetzungsversuch verzichtet – wie in der gesamten Antike üblich – auf spätere Zutaten wie Satzzeichen, Trennung der Wörter und auf Vokalzeichen. Das hebräische alef, der vokalische „Knacklaut“, wird hier behelfsweise als   ‚ wiedergegeben. Hier kann man erkennen, wie sich das anfühlt, wenn man einen antiken hebräischen Text vor Augen hat.

Fast unverständlich ist diese Zusammenballung von Konsonanten! Was haben verschiedene Übersetzer aus dieser so fundamental wichtigen Kernstelle, aus dieser jahrtausendelang weitererzählten Frühgeschichte des Menschlichen, die sich in Judentum, Christentum und Islam findet, werden lassen? Vieles! Die Vielfalt lässt staunen!

Hier eine kleine Auswahl:

1) KAin aber sprach zu dem HERRN / Meine Sünde ist grösser / denn das sie mir vergeben werden müge.
Martin Luther, Wittenberg 1545

2) Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.
Die heute verwendete Lutherbibel, also der Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984, derzeit von der Evangelischen Kirche in Deutschland zum kirchlichen Gebrauch empfohlen

3) Kain antwortete dem Herrn: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte.
Heute verwendete Einheitsübersetzung der deutschen katholischen Bistümer, Katholische Bibelanstalt Freiburg 1980

4) Cain said to the LORD: „My punishment is greater than I can bear.“
Revised Standard Version 1952

5) Kain rzekł do Pana: Zbyt wielka jest kara moja, abym mógł ją znieść.
Katholische „Jahrtausendbibel“, derzeit meistverbreitete polnische Fassung

6) Disse Caino al Signore:  „Troppo grande è la mia colpa per ottenere perdono!“
Offizielle Übersetzung der italienischen Bischofskonferenz, 1974, derzeit im kirchlichen Gebrauch, Roma 1996

7) Da sagte Kain zu Adonaj: „Meine Schuld ist zu groß, sie kann nicht aufgehoben werden.“
Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006

Befund: 7 sehr unterschiedliche Übersetzungen!

Die 7 Übersetzungen lassen sich lose in drei Gruppen oder drei Sinn-Familien zusammenstellen.

Die alte Übersetzung Martin Luthers (1) und die aktuelle Übersetzung der italienischen katholischen Bischofskonferenz (6) sind dem Sinne nach recht nah beieinander. Sie können ineinander übersetzt werden.  Gleiches gilt für die Übersetzungen (2), (4) und (5), die als sinngemäß mehr oder minder übereinstimmende Übersetzungen zu gelten haben.  Die deutsche katholische Einheitsübersetzung (3) und der neuartige Übersetzungsversuch der evangelischen Autorengemeinschaft (7) hingegen stehen in dieser Siebenergruppe recht solitär da.

Wer hat nun recht, Martin Luther oder die Lutherbibel der Evangelischen Kirche? Die polnischen Katholiken oder die deutschen Katholiken? Die Italiener oder die Engländer?

Was hat Kain gemeint? Was hat Kain gesagt? Welche Übersetzung der Bibel ist die einzig richtige oder doch zumindest die beste? Von der Antwort auf diese Frage hängt vieles, sehr vieles ab.

Horche! Überlege selbst! Entscheide selbst!

Bild: In Wittenberg. Der unerschöpflich sprudelnde Brunnen mit den drei Säulen. Innenhof der Leucorea der Universität Halle-Wittenberg. Winzig klein im Hintergrund: das kleine geparkte Fahrzeug des Kreuzbergers mit der bezeichnenden roten Packtasche. Aufnahme vom 15. Juni 2013.

 

 Posted by at 20:22
Apr 292014
 

Itsche 2014-04-29 12.44.14

 

 

 

 

 

 

 

Heute habe ich mit meiner greisen Mutter und einer anderen Frau ihres Alters das alte Märchen „Die drei Federn“ aus den Märchen der Gebrüder Grimm gelesen.

Es heißt da:

Die Türe tat sich auf, und er sah eine große dicke Itsche sitzen und rings um sie eine Menge kleiner Itschen. Die dicke Itsche fragte was sein Begehren wäre. Er antwortete „ich hätte gern den schönsten und feinsten Teppich.“

Dann sang ich mit den beiden Greisinnen  das uralte Volkslied „Wahre Freundschaft soll nicht wanken“ in allen drei Strophen.

1. Wahre Freundschaft soll nicht wanken,
Wenn sie gleich entfernet ist;
Lebet fort noch in Gedanken
Und der Treue nicht vergißt.

2. Keine Ader soll mir schlagen,
Wo ich nicht an dich gedacht,
Ich will für dich Sorge tragen
Bis zur späten Mitternacht.

3. Wenn der Mühlstein träget Reben
Und daraus fließt kühler Wein,
Wenn der Tod mir nimmt das Leben,
Hör ich auf getreu zu sein.


Kinder, ich sage euch: Die alten Frauen freuen sich über jeden, der mit ihnen singt, spricht, betet!

Bis zur späten Mitternacht will ich für euch Sorge tragen!

Und wißt ihr auch, was eine Itsche ist, die in dem Märchen vorkommt?

Das wisst ihr nicht – dann schaut auf das topaktuelle Bild aus der brandneuen Zeitschrift „Gala“ vom 24.04.2014, auf Seite 3. Supi! Da seht ihr ein staunendes Kind – und eine große dicke Itsche. Die Zeitschrift mit dem Bild von der Itsche las ich heute begierig durch, während ich bei meinem Lieblings-Vietnamesen in Kreuzberg auf mein Tellerchen mit Sushi wartete.

Ich las die Zeitschrift Gala in einem Zug durch. Was ich alles nicht wusste! Boris Becker hat Sorgen mit seiner Finca auf Mallorca und  muss sie verkaufen. Schlimm! ABER:  Toni Garrn turtelt ungescheut mit ihrem Leonardo di Caprio auf Bora Bora. Ist das der Verlobungskuss? Wie cool ist das denn!

Dann aß ich artig und brav mein Tellerchen mit Sushi. Supi!

Quellenverzeichnis:

http://www.gala.de/service/gala-inhaltsverzeichnis_3168.html
hier: S. 3

„63. Die drei Federn“. In: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen. Herausgegeben von Heinz Rölleke. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2009, S. 328-330, hier S. 328

 Posted by at 17:29
Apr 282014
 

Noch heute höre ich in Kreuzberg immer wieder den uralten, den ewig neuen Friedensgruß, der zugleich auch ein Alltagsgruß geworden ist: Мир вам, wie der Ukrainer sagt, oder auch Мир вам, wie der Russe sagt, oder auch  Salam aleikum, wie die Moslems im Späti am Kotti um die Ecke sagen, oder auch Scholem aleichem wie die Juden sagen, oder auch der Friede sei mit Euch, wie Jesus nach seiner Auferstehung nach dem Zeugnis des Johannes dreifach zu den Jüngern sagte.

Es ist erstaunlich, dass im Evangelium des Johannes Jesus nur an dieser Stelle die Jünger ausdrücklich mit diesem so alltäglichen, drei Mal wiederholten Friedensgruß anredet. Der Evangelist verknappt die Begrüßung Jesu an seine Jünger ins Dichteste, Alltäglichste. So wie er den Judas mit „Freund“ anredete, so redet er jetzt die Jünger mit „Der Friede sei mit euch“ an.

Im griechischen Neuen Testament lautet das bei Johannes so:

ἦλθεν ὁ Ἰησοῦς καὶ ἔστη εἰς τὸ μέσον, καὶ λέγει αὐτοῖς· Εἰρήνη ὑμῖν.

Auf Ukrainisch lautet das so:

увіходить Ісус, став посередині та й каже їм: «Мир вам!»

Auf Russisch lautet das in der eigenwilligen russisch-jüdischen Übersetzung des Neuen Testaments, die David Stern vorgelegt hat, so:

пришёл Йешуа, встал посередине и сказал: „Шалом алейхем!“

Dies zu begreifen ist gar nicht so schwer. Kann man Russisch, wird man das Neue Testament auch auf Ukrainisch lesen können. Kann man Ukrainisch, wird man das Neue Testament mit seiner Friedensbotschaft auch auf Russisch lesen und verstehen können.

 

http://kifa.kz/bible/stern/stern_yohanan_20.php

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Apr 222014
 

2014-04-16 07.53.26This has been yet another godsend that happened to this poor blogger! Imagine this: Just a few minutes ago, a man crossed my way in the Park at the Triangular Junction and asked me:

What do you think when you hear these two words

Alone together

It’s the title of my newest song.

I reflected for 30 seconds. The man presented himself as David. I presented myself as John. Then I gave David my answer: „Alone together? These two words perfectly encapsulate what makes us up as human beings. We are alone the moment we are born. Alone, longing for togetherness … together, longing for loneliness until we die. Togetherness and loneliness go hand in hand.“

And I went on and on for endless 90 seconds. I could have gone on for 90 minutes or 90 days. I ended up saying: „Alone together — I congratulate you on this title.“
http://www.davidblairsongs.com/

The picture shows a view of the Park at the Triangular Junction close to the new bridge across Yorck street.

 Posted by at 14:15
Apr 222014
 

2014-03-30 13.55.50Die Ostertage fanden mich häufig den Zug wechselnd, häufig das Gefährt und die Gefährten wechselnd, wandernd, reisend, redend, singend, feiernd. Hier mit einigen Tagen Verspätung nachgereicht ein Gespräch, das ich am vergangenen Samstag im ICE 1525 irgendwo zwischen Jena und Nürnberg aufzeichnete:

Karsamstag ist es heute, der Tag der Grabesruhe, der Tag des stillen Nachdenkens. Ein unbezwingliches Verlangen trieb mich am Gründonnerstag in die Berliner Philharmonie. Enoch zu Guttenberg würde dort um 20 Uhr die Matthäuspassion Johann Sebastian Bachs dirigieren. Ich wollte erfahren, ob verschiedene Vermutungen, die ich am Nachmittag fiedelnd und summend zur Gestalt des Petrus und zur fundamentalen Bedeutung der Ungläubigen für die Gläubigen angestellt hatte, eine Art Widerhall oder eine Art Widerspruch finden würden.

Guttenberg fasst die Matthäuspassion als rauhe See mit gelegentlicher Windstille, als durch und durch aufgewühlte, von Rubati, von Affekten, gestoßenen Rufen und gezogenen Klagen durchzogene Klangrede. Gelebte Rede, wirkendes Wort! Das Wort trägt und gestaltet alles. Die Musik ist nichts anderes als eine ins Unermessliche verstärkte Rede. Es geht nicht um „Kunstgenuss“ des Bildungsbürgertums, das immer noch weiß oder zu wissen glaubt, was „der Deutsche an seiner Matthäuspassion hat“, um Norbert Elias verkürzt wiederzugeben. Nein, die Aufführung strebt den sinnlichen, leibhaftigen theatralischen Nachvollzug eines Geschehens an, das den ganzen Menschen verhandelt, behandelt, durchwalkt, aufstört, annagelt, zerlegt und heilend wieder zusammensetzt.

Das getragen Schreitende, das gravitätisch Gemessene, das mir noch aus den eigenen Aufführungen in den Ohren hängt, ist fast völlig verschwunden. Die tiefe Frömmigkeit, welche üblicherweise in die Choräle, die „schimmernden Barockjuwelen“, hineingelegt wurde, ist restlos geschwunden. Ein Beispiel vom Beginn (Choral Nr.3):

Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen,
Daß man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?

Selbst innerhalb von 8 Takten stößt, bedrängt, zieht Guttenberg den Chor und setzt dabei jedes einzelne Wort, jeden einzelnen Satz in ein neues Licht. Der Chor „kriegt sich nicht ein“ – er ist nach dem klar erkennbaren Willen des Dirigenten vollkommen aus dem Häuschen. Es fehlt dem Chor – das Selbstverständliche, es fehlt das Schwelgerische, es fehlt der bunte gewebte Klangteppich der dekorativen Bach-Aufführungen, die auch heute noch immer wieder schimmernd erklingen. Alles wird neu errungen, alles wird neu aus der Taufe gehoben.

Rasche, häufige Tempi-Wechsel, klares Herausarbeiten der Zentralität des Wortes, das sich des Klanges bedient. So hörten wir das am Gründonnerstag.

Daneben gab es aber doch einige herausgehobene Ruhe- und Haltepunkte. Deren erster war die Szene der wechselseitigen Erkenntnis zwischen Judas und Jesus im Rezitativ Nr. 11.

Bin ich’s Rabbi?
Er sprach zu ihm:
Du sagest’s.

Unterlegt wird der kleine Dialog des Einverständnisses durch einige eher triviale Harmonien in g-Moll, ausgeführt durch das Continuo mit Streichern. Hier staunte ich: Das Tempo der Achtelakkorde wurde durch den herrischen Stab des Dirigenten ins Zeitlupenhafte, ins fast Elysische gedehnt. Ich meinte eine Verlangsamung sondergleichen zu hören. Eine der langsamsten Stellen des ganzen Abends! Es war die vollkommene Harmonie, hinsinkend aus dem verminderten Akkord auf der Dominante hinab ins ruhige, smaragdgrün leuchtende g-Moll. Grundstufe g-Moll! Tiefes, tiefes G im Kontrabass. Ein tiefes tiefes Geh! Geh! Geh! war da herauszuhören. Eine klare Ausdeutung, die Guttenberg hier liefert: Zwischen Judas und Jesus bestand laut dieser Aufführung ein tiefes, inniges, zum Frieden führendes Einverständnis: Geh! Geh! Geh!  Judas ist gewissermaßen ein verlässlicher Mitspieler in diesem Drama. Er tut, was ihm gesagt wird, er sucht seine Rolle und führt sie dann „untadelig“ aus. Ein Verräter, der die Wahrheit des Verrats vorher offen verkündet. Meeresstille – , ein letztes Atemholen, eine untrügliche Ruhe vor dem Sturm!

Judas erscheint hier überhaupt in einem neuen Licht. Während Petrus, die Jünger, Pilatus und das Volk mehr oder minder ratlos und haltlos getrieben, vom Dirigenten gepeitscht und oft auch unberechenbar agieren, ziehen Judas und Jesus ihre Handlungslinien als einzige ohne Schwanken und ohne Zweifel durch. Jesus und Judas sind die beiden Zuverlässigen unter all den Unzuverlässigen. Verlässlichkeit – wie man sie von einem Freund erwartet. Nicht zufällig ist Judas im gesamten Neuen Testament der einzige Jünger, den Jesus mit dem Ehrentitel Freund anredet (Rezitativ Nr. 26):

„Mein Freund, warum bist du kommen?“
Eine andere Lesart sagt:
„Mein Freund, darum bist du gekommen?“

Und noch eine zweite glatte, friedliche See zeichnete diese Aufführung. Es ist der Chor des römischen Hauptmannes und seines Volks (Nr. 63b):

Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.

Die tiefe Seelenruhe, der erlösende Friede im Glauben an den Menschensohn, der Gottes Sohn gewesen ist, trat mit überwältigender Kraft in den wenigen Tönen der ungläubigen, der außenstehenden Zeugen zutage. Diese Stelle war die zentrale Stelle dieser Aufführung. Sie war der entscheidende Schlusspunkt.

Alles andere, was noch danach kam, war schon Nachgesang, war Rückführung ins Hier und Jetzt, war tänzerischer Kehraus, bis hin zum beschwingten Menuett des Schlusschors (Nr. 68): „Wir setzen uns mit Tränen nieder.“

Nun, diese Tränen flossen reichlich herab, sie hatten eine befreiende, reinigende Wirkung. Sie waren schon sehr schön – sehr schön inszeniert. Sie standen im Herabfließen schon nicht mehr auf der Höhe des „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.“

Die Chorgemeinschaft Neubeuern, der Tölzer Knabenchor, das Orchester der KlangVerwaltung, die Solisten Carolina Ullrich (Sopran), Olivia Vermeulen (Alt), Daniel Johannsen (Evangelist), Manuel König (Tenor), Falko Hönisch (Christus) hoben unter der Stabführung Enoch zu Guttenbergs die Matthäus-Passion – ein Werk, das ich zu kennen glaubte, zumal ich es seit Kindheitstagen mehrmals selbst mitgesungen und mitgespielt hatte – völlig neu aus der Taufe.

Fulgebat crucis mysterium – das unerschöpfliche Geheimnis des Kreuzes trat völlig neuartig hervor in der Berliner „Philharmonie“ – wörtlich übersetzt: Harmonie der beiden Freunde.  Zentralität des Wortes, Zentralität der Jesus-Judas-Beziehung sind in meinen Ohren die tragenden Einsichten dieser erschütternden Darbietung gewesen. Und dafür danke ich am heutigen Tag der Grabesruhe allen, die dabei geholfen haben.  

Bild: Ein Blick auf den Altar und in die Apsis der Klosterkirche zu Zinna (am Teltower Fläming-Skate-Rundkurs). Das Altarbild dürfte etwa auf 1703 zu datieren sein, also in etwa auf die Entstehungszeit der Matthäus-Passion. Die Ausmalung der Apsis geht etwa auf 1900 zurück. Die Kirche selbst gilt als eine der besterhaltenen Zisterzienserkirchen im nördlichen Deutschand. Aufnahme vom 30.03.2014

 Posted by at 09:57
Apr 182014
 

2014-04-17 15.32.10

Gestern um 15.30 Uhr begrüßten und eröffneten wir den neuen Steg über die Yorckbrücken für Fußgänger und Radfahrer. Die Versäumnisse der Planer werden ganz rasch glatt gebügelt. Endlich wachsen die beiden Parkteile zusammen! Danke an Anwohner Christian Gäbler (SPD, Staatssekretär), danke liebe Deutsche Bahn (Eigentümer)! Auch Anwohner Jan Stöß (Landesvorsitzender SPD) freute sich bei der Eröffnung wie ein Schneekönig. Der Druck dieser und anderer radfahrender Anwohner hat etwas bewirkt! Das ist gelebte Bürgerbeteiligung! Ich wünsche mir eine weite Öffnung der Bezirksgrenzen – alle sollen hier von Schöneberg einradeln – Jan Stöß, Christian Gäbler,  – wir brauchen die Vernetzung mit anderen Bezirken. Wir Kreuzberger können z.B. von Hellersdorf lernen, wir brauchen Zuwanderung durch Anwohner aus anderen Bezirken. Alleine schaffen wir es nicht. Danke Senatsverwaltung Berlin, danke Deutsche Bahn, danke SPD! Vergesst uns in Friedrichshain-Kreuzberg nicht! Wir sind nicht so störrisch, kauzig und widerborstig, wie ihr denkt.

 Posted by at 23:27
Apr 172014
 

Ich habe soeben in meiner Kreuzberger Hinterhofkammer die Arie „Erbarme Dich“ aus Bachs Matthäuspassion recht erbärmlich gespielt und gesungen (Nr. 47). Ich habe gespielt auf meiner krummen Fiedel und gesungen auf meinem ungebildeten Brummbaß. Erbärmlich gefiedelt, erbärmlich gebrummt, wie gesagt.

Sei es drum! Niemand hörte ja zu. Folgende Gedanken kommen mir im Nachhören und Nachsummen von Bachs Arie:

Es heißt bei Matthäus, Kapitel 26, Vers 75: „Und er ging hinaus und weinte bitterlich.“ Genau danach kommt diese  Arie „Erbarme Dich“.

Christliche Kirche heißt nichts anderes als Gemeinschaft mit Jesus Christus. Wer mit Jesus nichts zu tun haben will, wer ihn, den Menschen Jesus, bewusst verleugnet – „Ich kenne des Menschen nicht!“ – der kündigt, wie der Apostel Petrus, diese Gemeinschaft auf. Er erklärt wie Petrus, der berühmte Felsen der Kirche,  öffentlich seinen Austritt aus der Kirche. Er stellt sich wissentlich und willentlich drei Mal außerhalb der Mahlgemeinschaft, zu der er sich noch wenige Stunden vorher inbrünstig bekannt hat: Und wenn alle sich von dir abwenden – ich doch nie und nimmer (Mt 26,33).

Einen nicht nur dreifachen, sondern einen vierfachen Kirchenaustritt des felsenhaften Petrus schildert Matthäus in seinem Passionsbericht.  Denn wenn Petrus so bitterlich bereut hätte, wie er dies ja offensichtlich gemäß seinen reichlich fließenden Zähren getan hat, dann wäre er doch wohl am nächsten Tag wieder als Beistand Jesu in der Verhandlung erschienen. Er hätte ihm beim Tragen des Kreuzes geholfen. Er tat es nicht. Alle Jünger, alle Freunde haben ihn offensichtlich vor Pilatus alleine gelassen. Matthäus ist hier glasklar und beinhart: Keiner der männlichen Jünger war offenkundig bei der Verhandlung oder auf dem Weg zur Kreuzigung auch nur in der Ferne anwesend. Nur „viele Frauen“ waren Zeuginnen – freilich nur aus der Ferne. Darin kommen Matthäus, Markus und Lukas überein. Sie halten fest, dass einige Frauen „von fern“ der Kreuzigung beiwohnten. Alle anderen, alle Späteren, auch wir, sind auf das Zeugnis der Nichtchristen, auf das Zeugnis der „Heiden“ angewiesen.

Der erste der Nichtchristen, der erste der Heiden, der zum Träger der Botschaft von der Kreuzigung wurde, war der römische Hauptmann mit seinem trockenen, beinharten und glasklaren  „Das ist ein Mensch/das ist der Mensch – Ecce homo“. Er wusste sicher nicht, wen er da hatte kreuzigen lassen; auch das Vergehen konnte ihm sich nicht erschließen. Für die Römer war Jesus vermutlich einer unter vielen anderen Unruhestiftern und Verbrechern. Aber der römische Soldat sagt eben das genaue Gegenteil des Petrus. Petrus, der Felsen, auf dem die Kirche erbaut ward,  sagte: „Ich kenne doch den Menschen überhaupt nicht. Nerv mich nicht!“ –  Der heidnische Römer sagte: Ich kenne den Menschen in Jesus. Ich erkenne den Menschen in diesem Gekreuzigten.

Wir gehen einen Schritt weiter auf diesem Kreuzweg: Christentum ist ohne das Zeugnis der Nichtchristen von Jesus und ohne das Zeugnis der Frauen von Jesus nicht denkbar. Ohne das weitertragende Zeugnis der Nichtjünger Jesu und der Frauen wüssten wir nichts Genaues von der Kreuzigung. Es gäbe kein Christentum ohne das Zeugnis der Nichtchristen und ohne das Zeugnis der Frauen. Es gäbe keine Nachfolge Jesu ohne des Zeugnis derer, die ihm eigentlich nicht nachgefolgt sind und ihm weiterhin nicht nachfolgen wollen.

 Posted by at 18:47
Apr 172014
 

So soll es sein: Bürgerinnen und Bürger helfen in Hellersdorf, bieten Sachhilfe und gemeinsame Aktivitäten – etwa Musical-Aufführungen –  mit Asylbewerbern an.

Das Motto „Miteinander – füreinander“ ist goldrichtig. Hellersdorf hilft – und kann vorbildlich für andere Bezirke sein, unter anderem auch für Friedrichshain-Kreuzberg.

Die Hilfe von „Hellersdorf hilft“ geschieht in völligem Einklang mit Recht und Ordnung.

Alle wissen es: Selbstverständlich sind Heime, sind feste Gebäude, sind Gemeinschaftsunterkünfte nicht menschenunwürdig für Menschen, die alles zurückgelassen haben. Auch das monatelange Warten auf das Ende eines Asylbewerberverfahrens, das zähe Festkleben an einem zugewiesenen Wohnbezirk, die erzwungene Untätigkeit sind als solche nicht menschenunwürdig.

Im Gegenteil. Ein festes Dach, Schutz vor Krieg, Hunger und Vertreibung, dazu helfende Händer der Anwohner – das ist viel besser als das, was die traumatisierten, entrechteten Menschen  in ihren alten Heimatländern erlebt haben.

Die notleidenden Menschen verdienen unsere Hilfe. Hilfe braucht den verlässlichen Rahmen des Rechtsstaates. Was ich den Berliner staatlichen Organen im Zusammenhang mit dem Flüchtlingscamp am Oranienplatz und der besetzten ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule vorwerfe, ist die Missachtung geltenden Rechts sowie das Unterstützen völlig falscher, völlig unrealistischer  Erwartungen, etwa der, man könne gegen das geltende EU-Recht, gegen das deutsche Recht allen Flüchtlingen ausnahmslos sofortige Aufnahme und sofortige Arbeitserlaubnisse beschaffen, oder der Staat könne sich mit Rechtsbrechern auf einen „Deal“ oder gar auf Verhandlungen darüber  einlassen, ob er sein eigenes Recht durchsetzen dürfe.

Missachtung des Rechtsstaates – Ausnutzen der Notlage der Flüchtlinge, also mit einem derben alten Wort „Spiegelfechterei“, das ist den im Bezirksamt bzw. im Senat amtierenden Politiker*innen von Grünen, SPD und CDU  vorzuwerfen.   Der Ansehensverlust der Berliner Politiker*innen  ist gewaltig. Dieses Lavieren hat Berlin geschadet, es hat den Flüchtlingen enorm geschadet.

Ein Danke an die Bürger*innen von „Hellersdorf hilft“ ist mehr als angezeigt.

Hellersdorf hilft….

 Posted by at 11:00
Apr 162014
 

Immer wieder nutze ich meine zahlreichen Begegnungen mit Afrikanern und Europäern, die in Afrika leben, um mich aus erster Hand über die Lage in den 55 afrikanischen Ländern zu informieren.

Die Vorgänge am Kreuzberger Oranineplatz und in der besetzten Kreuzberger Schule lösen in mir seit langem nur noch Entsetzen und Staunen über so viel Leichtgläubigkeit und so viel Dilettantismus der Berliner Landespolitik aus. „Wie kann man sich so ins Bockshorn jagen lassen und zugleich die Rechtsstaatlichkeit preisgeben?“

Danke Dilek Kolat!?  Danke Monika Hermann?!  Danke Frank Henkel?! Danke Klaus Wowereit?! – Das alles klingt in meinen Ohren nur noch wie Hohn, zumal das lächerliche Stück noch nicht abgeschlossen ist. Es gibt sicherlich einen Nachschlag zu der ganzen Komödie, die wir Steuerzahler finanzieren müssen!

Ergebnis meiner tour d’Horizon unter Afrikanern: Afrika ist ein unermesslich reicher Kontinent, der riesige Entwicklungschancen hat. Vor allem sind reichlich Bodenschätze vorhanden, der Kontinent kann sich dank vieler landwirtschaftlicher Nutzflächen selbst ernähren, er kann eigene Produkte ausführen, und die Bevölkerungsstruktur ist günstig, da sehr viele junge Menschen aufwachsen.

Die Probleme liegen in den Kriegen einiger Länder um Ressourcen, im Mangel der Rechtsstaatlichkeit, in Diktaturen und in betrügerischen Kleptokratien.

Afrika hat etwa 1,2 – 1,3 Mrd. Einwohner. Zur Zeit sind etwa 12-14 Millionen Afrikaner auf dem Kontinent durch Vertreibungen und Kriege zur Wanderschaft gezwungen. Bei guter Bewirtschaftung, bei guter Regierungsführung hingegen braucht kein Afrikaner zu fliehen! Die Massenflucht, die Masseneinwanderung in andere Kontinente ist für die Afrikaner keine echte Perspektive.   Nur durch Befriedung der Staaten und durch den Aufbau funktionierender Strukturen kann ihnen  eine Perspektive geboten werden. Hierfür liegt die Hauptverantwortung bei den Mächtigen der afrikanischen Staaten.

Ich bin überzeugt: Die afrikanischen Länder müssen es selber schaffen. Sie können alle Voraussetzungen für einen Aufschwung des Kontinentes selber schaffen.

Größte Hochachtung hege ich beispielsweise für den Verein Center of Hope for Dakawa, der in Berlin-Kreuzberg seinen Sitz hat.  Dakawa liegt im Bezirk Morogoro im südlichen Hochland von Tansania. Für Tansania wird eine Schule, ein Waisenhaus, ein Altenheim, eine selbsttragende Landwirtschaft gepant.

http://www.centerofhopefordakawa.com/index.php/de

Der Verein beschreibt sein Vorhaben so:

Ziel des ‚Center of Hope for Dakawa e.V.‘ ist die Gründung und der Aufbau eines Bildungs- und Sozialzentrums zunächst als Internat und Waisenhaus. Dort sollen Waisen und behinderte Kinder als interne Schüler leben und Kinder aus der Umgebung als externe Schüler am Unterricht teilnehmen. Gleichzeitig soll Wohnraum für alte Menschen geschaffen werden, perspektivisch auch ein Ausbildungszentrum für erwachsene. Weitere Ziele des Projektes sind der Aufbau und die begleitende Unterstützung von Strukturen der Selbsthilfe und Selbstversorgung in den Bereichen Landwirtschaft und Viehzucht, Gesundheitswesen, sowie Aus- und Weiterbildungen.Landwirtschaft und Viehzucht sollen der direkten Versorgung des Zentrums dienen und dieses dadurch wirtschaftlich unterstützen.

via PROJEKT.

Was noch fehlt, ist Geld. Während am Oranienplatz in Kreuzberg laut Morgenpost vom 14.04.2014 6 Millionen Euro allein  für die Aufräumarbeiten eines schlecht inszenierten medialen Spektakels – genannt Flüchtlingscamp – bereitstehen, würden 200.000 Euro ausreichen, um in Tansania Land zu kaufen, Gebäude zu errichten und eine blühende Gemeinschaft in aufzubauen.

6-9 Milliarden kostet der neue Berliner Flughafen, 6 Millionen kostet das Beseitigen der Umweltschäden durch das Camp am Oranienplatz! Und für 200.000 Euro könnte man ein Vorzeigeprojekt in Tansania finanzieren, aufbauen und in eine selbsttragende Existenz entlassen.

6-9 Milliarden für einen Flughafen, der irgendwann vielleicht in Betrieb gehen wird  – 6 Millionen für die Schadensbeseitigung am Oranienplatz. Das sind die Dimensionen.

Mit derartiger unfassbarer Fahrlässigkeit gibt die Berliner Politik sinnlos Geld aus, das anderweitig viel besser verwendet würde.

Und 200.000 Euro für eine Schule und eine Landwirtschaft in Dakawa. Damit könnte man einen Keim der Hoffnung säen, der vielfache Frucht tragen wird.

 Posted by at 21:57
Apr 162014
 

Zu den aufwühlendsten, aber auch schmerzhaftesten  Erlebnissen meiner Jugendzeit gehörte mein erster Besuch in einem ehemaligen deutschen Konzentrationslager, in diesem Fall  Maidanek bei Lublin. Ich war 15 damals im Jahr 1974, der polnische „Stadtleiter“, wie er sich nannte, ein ehemaliger Häftling, war 70 Jahre alt.

Die Qualen und Erniedrigungen des Lagerlebens schilderte unser Stadtleiter sehr anschaulich. An den deutschen, ukrainischen, lettischen und polnischen „Hitleristen“, wie er die Nazis nannte, ließ er  kein gutes Blatt. Und als typischer gebildeter Pole, der reichlich Erfahrung mit verschiedenen Diktaturen gesammelt hatte,  ließ er dann im vertrauten Gespräch bei sich zuhause an den russischen, polnischen, ukrainischen und deutschen Kommunisten ebenfalls kein gutes Blatt.

Mein Eindruck von den Schilderungen des polnischen KZ-Überlebenden war, dass Polen seit etwa 1772 bis in die damalige Jetztzeit (also 1974) stets von den drei  Seiten – von a) Russland bzw. der Sowjetunion,b)  Österreich, c) Preußen und von Deutschland her – das Schlimmste abbekommen hatte: Überfälle, Zerstückelungen, Unterdrückung, Ausplünderung.  Eine historische Erkenntnis, die vor 1990 öffentlich zu äußern sehr gefährlich war, die aber heute sicherlich von der Mehrheit der Polen und von der aufgeklärten Minderheit der Russen und der Deutschen so geteilt wird.

Ein gemeinsames Abendessen in der Wohnung des polnischen Stadtleiters beendete den Besuch. Nach reichlichem Essen und Trinken brachte jemand den Gedanken auf, wir sollten singen. Und so sangen wir. Die Polen sangen einige polnische Volkslieder, wir Deutsche sangen einige deutsche Volkslieder.

Die erste Wahl unserer Gruppe fiel auf das alte fränkische Studentenlied: „Wahre Freundschaft soll nicht wanken.“

Ein deutsches Volkslied, gesungen von Deutschen ausgerechnet in der Wohnung eines polnischen KZ-Überlebenden? Irgendwie passte mir das nicht. Der deutschenfeindliche Virus hatte mich selbstverständlich damals bereits wie die meisten Deutschen in meiner Generation erfasst. Ich konnte das deutsche Volkslied nicht ernstnehmen. Ich scherte aus. Ich jaulte das deutsche Volklied laut und falsch und übertrieben mit.

Ich – der jüngste Deutsche in der Runde – zerstörte mit dieser Äfferei den Zauber der Stunde, wie einige ältere deutsche Teilnehmer mir sofort und auf der Stelle zu verstehen gaben.

Ich bekam einen scharfen Verweis in Gestalt eines Rufes: „Johannes! Was machst du da! Du machst diesen Moment kaputt!“

Noch heute empfinde ich Scham, dass ich damals das von Deutschen und Polen gemeinsam gesungene Lied auf die „Wahre Freundschaft“ mutwillig störte und zerstörte.

„Wahre Freundschaft soll nicht wanken.“ Was ist schlimm an diesem deutschen Volkslied?

Das Lied „Wahre Freundschaft“ besingt nichts anderes als Liebe, Vertrauen, Freundschaft und Treue zwischen einem nicht näher genannten Ich und einem nicht näher genannten Du. Diese Werte gelten heute, sie galten damals, sie sind überzeitlich, sie wurden unter politisch-totalitärem Einfluss in den Jahren 1914 bis 1956 von den „Hitleristen“ und den „Stalinisten“ aller europäischen Nationen millionenfach geschändet.

Das deutsche Volkslied hat selbstverständlich wie das Ideal der Freundschaft alle Schändungen und Zerstörungen (einschließlich der des hier Schreibenden) überlebt.

Und gestern stimmte ich eigenmächtig mit lauter Stimme, deutlich, klar, gewissermaßen bußfertig und stolz ohne zu fragen bei einem gemeinsamen Volksliedersingen in einem Altenheim gegenüber der Kreuzberger Hölderlin-Apotheke genau dieses Lied an. Wir sangen es, durch mich intoniert,  in allen drei Strophen.

„Wenn der Tod mir nimmt das Leben…“ Diese Strophe mit dem Tod blieb gestern nicht ausgespart.

Ich will für dich Sorge tragen„, allein diese eine Zeile schon sollte diesem Lied, sollte ähnlichen polnischen, russischen, ukrainischen und deutschen Volksliedern einen Platz im Gedächtnis aller Nationen sichern, der Deutschen wie der Polen, der Russen und der Ukrainer  gleichermaßen.

1. Wahre Freundschaft soll nicht wanken,
Wenn sie gleich entfernet ist;
Lebet fort noch in Gedanken
Und der Treue nicht vergißt.

2. Keine Ader soll mir schlagen,
Wo ich nicht an dich gedacht,
Ich will für dich Sorge tragen
Bis zur späten Mitternacht.

3. Wenn der Mühlstein träget Reben
Und daraus fließt kühler Wein,
Wenn der Tod mir nimmt das Leben,
Hör ich auf getreu zu sein.

 

 Posted by at 15:39
Apr 152014
 

2014-04-02 15.26.07

Während im Osten unseres gemeinsamen europäischen Hauses Ost und West und Süd zersplittern, Scheiben in Slawjansk bersten, Menschen in Kramatorsk zittern, geschieht still und nahezu unerkannt kleiner, erbetener, willkommener Fortschritt in unserem kleinen Kreuzberger Park!

Am Donnerstag, dem 17. April 2014 wird um 15.30 Uhr die Brücke 10 über die Yorckstraße am Fernradweg Leipzig-Berlin durch den Staatssekretär für Verkehr und Umwelt, Herrn Christan Gaebler eröffnet. Niemand wird dann weiterhin Rollstühle durch den tosenden Verkehr der Yorckstraße schieben müssen.

Und wenige Tage nach einem entsprechenden mahnenden Eintrag in diesem Blog konnten wir die orangfarbenen Warn-Markierungen an den Pollern der Fahrradstraße im Park am Gleisdreieck bemerken.

Der Beweis ist hiermit erbracht: Nicht alles wird schlechter. Im Gegenteil: Die Öffentlichkeit lernt, die Verwaltung tut ihre Pflicht.

Es wird nicht alles gut, aber vieles wird besser.

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Apr 152014
 

Loch im schwerbelastungskörper 2014-04-13 14.01.23Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. „Wenn ihr Kinder unter 8 Jahren wäret, würde ich euch ein Märchen zu diesem Loch erzählen!“, rief ich aus, als wir am  vergangenen Samstag dieses Loch im Schwerbelastungskörper in der General-Pape-Straße nahe der Roten Insel Schöneberg anstarrten. „Welches Märchen?“

Ringsum seht ihr noch die Schuhe der staunenden Betrachter. Wie tief mochte es wohl in dieses Loch hineingehen? Wer konnte dies wissen? Was bedeutete dieser Schwerbelastungskörper? Tief ist der Brunnen der Vergangenheit! Schwer ist die Last der Vergangenheit!

Heute rief uns in der Wilhelmstraße eine Freundin der Familie aus uralten Kindheitszeiten an. „So war das! – Ja, so war das!“  Wir tauschten alte, halbverwehte Erinnerungen aus.

„Und immer wenn ich kam, wolltest du gleich ein Märchen hören!“  „Welches Märchen?“ „Das Märchen von den drei Federn!“,  erwiderte die Freundin aus uralten Tagen. „Wirklich? Ich erinnere mich gar nicht an das Märchen!“, staunte ich. „Ja, weißt du denn nicht?“

„Es ist das Märchen vom König, der drei Söhne hatte. Davon waren zwei klug und gescheidt, aber der dritte sprach nicht viel, war einfältig und hieß nur der Dummling.“

Und der König kam zu sterben und wollte sein Reich vererben. Aber an welchen der drei Söhne? Und da führte er sie vor das Schloß, blies drei Federn in die Luft und sprach: „Wie die fliegen, so sollt ihr ziehen. Wer mir den feinsten Teppich bringt, der soll der König sein nach meinem Tod.“

Die erste Feder flog nach Osten, die zweite flog nach Westen. Die dritte Feder flog gar nicht, sondern taumelte zur Erde. Und der Dummling setzte sich nieder, während der eine Bruder nach Osten, der andere nach Westen ging. Aber des Dummlings Feder war nur kurz geflogen und fiel gleich zur Erde.

Der Dummling war traurig und setzte sich nieder, da bemerkte er eine Falltüre, hob sie hoch, fand eine Leiter und stieg hinab. „Eine Leiter – grade so wie in diesem Schwerbelastungskörper!“ „Ja, genau so eine Leiter!“ Da kam er vor eine eiserne Türe, klopfte an und hörte wie es inwendig rief:

Jungfer grün und klein,
Hutzelbein,
Hutzelbeins Hündchen,
hutzel hin und her,
laß geschwind sehen, wer draußen wär.

Und als der Dummling eintrat, da saß da eine große dicke Itsche, und rings um sie eine Menge kleiner Itschen…“

Ja, so begann das Märchen! Und wie es weiterging, das wird die Zukunft lehren!

Was werden die Itschen dem Dummling sagen?

Was glaubt ihr denn? Wird die große dicke Itsche dem Dummling helfen?

Eines ist klar: Die Feder des Dummlings flog nicht weit. Sie spürte die Lasten der Vergangenheit.  Sie führte ihn zu einer tiefen Wahrheit, die die hochfliegenden Federn ihm nie und nimmer hätten weisen können!

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Apr 092014
 

2014-04-03 17.56.08„… eine rechte Last von zierlich-weißen runden Ballen …“

Beim Rückblick auf den kurzen Hamburger Aufenthalt von vergangener Woche erinnere ich mich noch des schimmernden, blühenden Kirschbaumes, den ich zu später Stunde vom Hotelzimmer aus im Garten erblickte. Woran erinnerte er mich? Am nächsten Morgen fiel’s mir wieder ein: Es war ein Gedicht des Hamburger Dichters Barthold Heinrich Brockes (gesprochen Brooks), das mir aus meinen Augsburger Jugendtagen noch gut im Gedächtnis haftet, von damals her, wenn ich spät abends von Lechhausen mit dem Bus Nr. 29 zuhause eintraf.

Im schimmernden Licht der fliegenumschwirrten Straßenlampen traten die Farben der Kirschbäume oft mit Falschfarben hervor. Der Farbton des Gedichtes von Brockes wollte sich nicht völlig einstellen. Das reine Weiß dieser Kirschenblüte stellte sich nur in der Einbildung her. Guter Brockes, dein Name hat einen guten Klang! Neben der nachdenklichen, metallischen Härte Hannelies Taschaus und dem kecken Aufbegehren Wolf Biermanns ist Brockes der dritte in Hamburg geborene Dichter, dem wir in diesem Kranz an Gedanken und Besinnungen, diesem bescheidenen Blog eine kleine Reverenz erweisen wollen, indem wir sein Gedicht über den nächtlichen blühenden Kirschbaum ganz wiedergeben.

Unser Bild zeigt einen Blick auf die Außenalster, vom Schwanenwik aus gesehen, am 03. April 2014, 17.58 Uhr.

Kirſch-Bluͤhte bey der Nacht.

Jch ſahe mit betrachtendem Gemuͤte
Juͤngſt einen Kirſch-Baum, welcher bluͤh’te,
Jn kuͤler Nacht beym Monden-Schein;
Jch glaubt’, es koͤnne nichts von groͤſſ’rer Weiſſe ſeyn.
Es ſchien, ob waͤr’ ein Schnee gefallen.
Ein jeder, auch der klein’ſte, Aſt
Trug gleichſam eine rechte Laſt
Von zierlich-weiſſen runden Ballen.
Es iſt kein Schwan ſo weiß, da nemlich jedes Blat,
Jndem daſelbſt des Mondes ſanftes Licht
Selbſt durch die zarten Blaͤtter bricht,
So gar den Schatten weiß und ſonder Schwaͤrze hat.
Unmoͤglich, dacht’ ich, kann auf Erden
Was weiſſers ausgefunden werden.
Jndem ich nun bald hin bald her
Jm Schatten dieſes Baumes gehe:
Sah’ ich von ungefehr
Durch alle Bluhmen in die Hoͤhe
Und ward noch einen weiſſern Schein,
Der tauſend mal ſo weiß, der tauſend mal ſo klar,
Faſt halb darob erſtaunt, gewahr.
Der Bluͤhte Schnee ſchien ſchwarz zu ſeyn
Bey dieſem weiſſen Glanz. Es fiel mir ins Geſicht
Von einem hellen Stern ein weiſſes Licht,
Das mir recht in die Sele ſtral’te.
Wie ſehr ich mich an GOtt im Jrdiſchen ergetze,
Dacht’ ich, hat Er dennoch weit groͤſ’re Schaͤtze.
Die groͤſte Schoͤnheit dieſer Erden
Kann mit der himmliſchen doch nicht verglichen werden.

via Deutsches Textarchiv – Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott. Bd. 2. Hamburg, 1727..

 

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Apr 082014
 

2014-04-06 14.17.03

Immer wieder spreche ich mit den noch verbleibenden Kreuzberger Handwerker*innen, die bis zum heutigen Tag noch ihren kleinen Laden, ihr Geschäft betreiben oder betrieben haben: Schneider*innen, Schuster*, Keramiker*innen. Ja – die gibt es noch! Noch. „Ich werde noch einige Jahre weitermachen, doch meine Söhne werden das Geschäft nicht fortführen. Sie sind nur am schnellen Geld interessiert … !“ Das beharrliche Ackern und Werkeln, das Stein-auf-Stein-Schichten kommt bei der jungen Generation gar nicht gut an. Seit einigen Jahren fehlen Bewerber für Lehrstellen in Handwerksberufen. Man puscht seitens der Politik das Abitur, man redet seitens der Politik das sauere Handwerk schlecht. Der wahrhaft gebildete Mensch beginnt in der heutigen Politik, in Lissabon-Zeiten, erst an der Universität.

Das familiengeführte Bäckergeschäft bei mir um die Ecke ist ein Beispiel. Ich kaufte bei ihnen, kannte die Inhaberfamilie, mehrere Generationen arbeiteten an dieser Stelle. Dann gaben sie die Bäckerei auf. Danach wurde das Geschäft mehrere Monate lang aufwendig saniert, grundlegend rennoviert, nach mehreren Monaten Leerstand ist jetzt das Bürgerbüro zweier Abgeordneter eingezogen. Man sieht: Die Politik hat goldenen Boden! Wo früher Handwerker werkelten, ziehen hier in Kreuzberg nach der Aufwertung durch die Bauwirtschaft und die Immobilienmakler oft Spielhallen, schicke Kneipen für Touristen, aber gern auch öffentlich finanzierte Beratungsstellen für Benachteiligte, etwa für Spielsüchtige oder für Pflegebedürftige ein. Beispiele dafür  kann ich gerne bei einer Kiezführung zeigen!

Die beiden Abgeordneten der Grünen haben jetzt nach mehreren Monaten das aufwändig sanierte, das aufgewertete Geschäft des Bäckermeisters übernommen. Die Politik, der Staat und seine staatlich angefütterten Parteien sind Motoren der Gentrifizierung, die Berliner Politik, der Berliner Landeshaushalt  kann offenbar die steigenden Gewerbemieten im Gentrifizierungsgebiet locker stemmen. Das Handwerk wird verdrängt. Das Geld fließt an die Parteien und deren Klüngel oder es wird im Märkischen Sand versenkt. Siehe Flughafendesaster BER.

Und 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges zeigen die Grünen unverdrossen Flagge, sie bekämpfen heldenmütig die Nationalsozialisten – sogar mitten in Kreuzberg! „Berlin wehrt sich – kein Platz für Nazis!“ ist der Slogan, mit dem die beiden Abgeordneten sich dem bass erstaunten Kreuzberger Wahlvolk in ihrem gentrifizierten Kreuzberger Laden andienen.

Sie kommen aus einem anderen Planeten, unsere grünen Gentrifizierer! Aber merke: Antifa geht immer. Antifa hat in Berlin goldenen Boden.

Wo die Grünen mitten in Kreuzberg, das doch fest in der Hand der „Nie-wieder-Deutschland“-Sippschaft ist, ihre unbedingt benötigten oder auch heißersehnten Nazis herzaubern, bleibt ihr Rätsel. Man sollte die Abgeordneten mal in der Bürger*innen-Sprechstunde fragen.

Herzlich willkommen im Hier und Jetzt, Berliner Politiker*innen auf goldenem Kreuzberger Boden! Das Heer der Benachteiligten heißt Euch willkommen.

Bitte aufwachen!

Liebe antifaschistischen, kampfbereiten, gewaltige Grüne! Euer überall gesuchter Hitler ist in Kreuzberg mausetot. Wir wär’s mal mit einem Radstreifen am Halleschen Ufer und in der Skalitzer Straße? Wie wär’s mal mit der Beseitigung der unerträglichen Kreuzberger Buckelpisten – fälschlich Radwege genannt?

 

 

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Apr 042014
 

2014-04-04 08.53.08

Spät bei meiner Rückkehr ins Hotel Wedina in Hamburg wartete gestern dort schon – verkörpert durch sein neuestes Buch – ein Mit-Schwabe auf mich, weder ein sparsamer Neckarschwabe noch ein fleißiger Lechschwabe allerdings, sondern ein tüchtiger Banater Schwabe: Richard Wagner, geboren 1952. Wir Schwaben sind oft eines Sinnes, zum Schwaben Wagner würde ich mich sofort an den Frühstückstisch setzen, selbst wenn er der einzige Hotelgast wäre. Sein schmerzhaft schürfendes Buch „Habsburg“ schlage ich an einer beliebigen Stelle auf, hier S. 158: „Heute ist der Hitler-Stalin-Pakt-Vergleich in Ostmitteleuropa fast so beliebt wie in Deutschland der Hitler-Vergleich.“ Na, das passt ja zur Seite 1 unten in der heutigen Süddeutschen!

Eine wichtige Vergleichsgröße für russische Politiker sollte in unseren Augen jederzeit  der Innenminister und zeitweilige Premierminister Pjotr A. Stolypin (1862-1911) bilden. Über ihn schrieben wir am 5. Januar  2009 in diesem Blog: „Stolypin war einer jener Politiker, die in der zaristischen Spätzeit vernommen hatten, was die Uhr geschlagen hatte. Er versuchte durch einschneidende Reformen die schlimme Lage der Bauern zu verbessern, indem er ihnen neue Anrechte auf Grund und auf billiges Kapital verschaffte. Er kämpfte für eine effizientere Verwaltung, versuchte einen vernünftig geregelten Markt für die aufstrebende Industrie zu schaffen. Stolypin setzte auf grundlegende Reformen, ohne jedoch die Zarenherrschaft insgesamt in Frage zu stellen. Das Mittel der Revolution lehnte er ab, seine Agenda verlangte dem herrschenden Zaren und dem Adel weitreichende Zugeständnisse ab, ohne den Antimonarchisten Vorschub zu leisten.“

Der Totalitarismus ist tot. Russland hat sich dauerhaft und glaubwürdig – wie ich immer wieder erfahre – vom Zwangssystem der kommunistischen Diktatur losgesagt. Es sucht nun mögliche historische Vorbilder. Die Eröffnungsveranstaltung der Olympischen Spiele in Sotschi war sicherlich ein verlässlicher Hinweis auf die intensive Suche des heutigen Russland nach positiven Anknüpfungspunkten. Das Grauen der Geschichte kann niemals ausreichen, um einen Weg in die Zukunft zu bahnen. Völlig zu Recht wurden aus der Feier die üblichen heroischen Beschwörungen der sowjetischen Geschichtsklitterung verbannt.

Ein reizvolles Vorbild oder Gegenbild, an dem sich das Ausland bei mehr oder minder passenden (meist äußerst unpassenden) Vergleichen lebender russischer Politiker mit historischen Gestalten abarbeiten kann, ist neben der deutschen Zarin Katharina II. sicherlich Pjotr A. Stolypin. Wer Katharina II. und Stolypin versteht, wird auch das heutige Russland in seiner Sinnsuche, seiner Suche nach Kontinuität besser verstehen!  Vergessen wir nicht, dass Stolypin 2009 im staatlichen Fernsehen zum wichtigsten russischen Politiker der Geschichte gekürt wurde – ein Ereignis, dem ich damals staunend und mit offenem Mund in Moskau beiwohnte:

http://johanneshampel.online.de/2009/01/05/ein-land-das-dringende-reformen-versaumt-wird-bestraft/

Zitat: Richard Wagner: Habsburg. Bibliothek einer vergangenen Welt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2014, S. 158

Bild: Blick aus dem Fenster des Hotels Wedina, Hamburg, im Hintergrund: blühender Kirschbaum, im Vordergrund: das Buch „Habsburg“ von Richard Wagner, erschienen zu Hamburg bei Hoffmann und Campe im Jahr 2014

 

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Apr 032014
 

2014-03-02 13.02.56

Zu den verblüffenden Einsichten aus der gegenwärtigen Ukraine-Russland-Krise wird es einmal gehören, dass fast die gesamte geistige und publizistische Meinungsführerschaft im alten Westen Europas staunend gewahr werden muss, dass sie fast den gesamten Osten Europas – also alle Länder, die früher einmal zum Warschauer Pakt gehört hatten, nahezu komplett aus dem politischen Kalkül herausgehalten hatte: Ukraine, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Litauen, Russland, Polen, Estland … die Liste der Länder ist lange!

Mit einer nur noch ideologisch, wo nicht gar verbohrt zu nennenden Besessenheit reitet der ehemalige europäische  „Westen“ auf der Zentralität, auf der Haupt- oder gar Alleinschuld Deutschlands an allem Bösen der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert herum, ergötzt sich wieder und wieder an deutscher Schuld und deutscher Schande. Die tragende Hauptthese dieser germanozentrischen Besessenheit ist: Deutschland trage die Alleinschuld oder doch die Hauptschuld daran, dass Europa zwei Mal im 20. Jahrhundert in den beiden Weltkriegen zerstört worden sei.

Hierfür stellvertretend für tausende und abertausende  andere Beispiele nur zwei sprechende, mehr oder minder zufällig ausgewählte Belege:

Beleg 1: „Im 20. Jahrhundert hat Deutschland zweimal mit Krieg bis hin zu Verbrechen und Völkermord sich selbst und die europäische Ordnung zerstört, um den Kontinent zu unterjochen. Es wäre eine Tragödie und Ironie zugleich, wenn jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, das wiedervereinigte Deutschland, diesmal friedlich und mit den besten Absichten, die europäische Ordnung ein drittes Mal zugrunde richten würde.“ So der deutsche stellvertretende Bundeskanzler Joschka Fischer im Juni 2012 in der Süddeutschen Zeitung. Eine typisch deutsche Aussage eines typisch deutschen Politikers! Historisch fragwürdig, vielleicht sogar grundfalsch ist diese These, dass Deutschland und nur Deutschland zwei Mal – zuerst im ersten Weltkrieg und dann im zweiten Weltkrieg – den gesamten Kontinent und sich selbst zerstört habe. Es handelt sich um einen reinen Glaubenssatz neben anderen denkbaren Glaubenssätzen.

Beleg 2: „… tocca ai tedeschi assumersi la responsabilità storica di salvare l’Europa, dopo averla affondata due volte in passato„, zu deutsch: „Den Deutschen kommt es zu, die historische Verantwortung für die Rettung Europas zu übernehmen, nachdem sie es in der Vergangenheit zwei Mal zugrunde gerichtet haben.“ Anonymer Klappentext ohne Quellenangabe zu dem ansonsten überaus scharfsinnigen, ja genialen Buch: „Cuore tedesco“, erschienen bei Donzelli editore im Jahr 2013.

Überall wird pathetisch beschworen die Zentralität Deutschlands für Wohl und Wehe des Kontinents, ja wohl noch gar Wohl und Wehe der Weltwirtschaft! Keine Rede mehr ist vom Zusammenprall und Zusammenspiel der europäischen Großmächte oder besser Großreiche Frankreich, Großbritannien, Spanien, Portugal, Russland, Deutschland, Italien, Osmanisches Reich .. kopfschüttel, wie es wohl in einer Graphic Novel heißen würde   …  Leute, Freunde! Man ist versucht, den Freunden in den Arm zu fallen und auszurufen: „Zuviel der Ehre bzw. der Unehre für Deutschland!“ Deutschland ist nicht der Urquell alles Bösen und Guten in der Weltgeschichte und Weltwirtschaft.

Russland, die Sowjetunion, die Oktoberrevolution von 1917, die Angst der Völker vor der Unterjochung des gesamten europäischen Ostens unter der russisch-sowjetischen Knute, diese Angst, die ab 1917 überall in der Publizistik greifbar ist,  also eigentlich die Osthälfte Europas,  kommt schlechterdings im Bewusstsein der Mehrzahl der gebildeten Westeuropäer nicht mehr vor, sofern diese Länder denn je Interesse und Aufmerksamkeit gefunden hätten.  Gerade die westeuropäische und insbesondere die deutsche, die italienische, die spanische und griechische  Linke vergisst völlig, dass sie einmal für Marx und für den Diktator Mao, für den Diktator Lenin und den permanenten Revolutionär Trotzkij – wenn auch nicht mehr so sehr für den großen Führer Stalin – schwärmte. Aber auch die europäischen faschistischen Regimes, der Pater Tiso der Slowaken, ein Horthy der Ungarn, der Finne Mannerheim, der Ukrainer Bandera sind in den westlichen Ländern Europas aus dem historischen Gedächtnis nahezu verschwunden. Die verschwindend winzige Schar der antifaschistischen Kämpfer in den westlichen Ländern muss dazu dienen, die Terrorherrschaft sowohl der zahlreichen linken Terror-Regimes wie der zahlreichen rechten Terror-Regimes in den europäischen Staaten nach dem 1. Weltkrieg bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein zu verschleiern.

Wenn man aber nicht mit Franzosen, Italienern, Briten, Belgiern, Deutschen, Niederländern, Spaniern, sondern mit Finnen, Esten, Russen, Polen, Ungarn, Letten, Litauern, Ukrainern, Slowaken, Türken, Griechen, Kroaten … spricht, ergibt sich ein völlig anderes Bild von Deutschlands Rolle im 20. Jahrhundert. Die Völker, die im Schatten Russlands bzw. der Sowjetunion lebten, die sich häufig zwischen den zwei großen gewalttätigen Diktaturen Deutschland und Russland bedroht oder zerrieben fühlten, würden niemals, nie im Traum Deutschland und nur Deutschland die Alleinverantwortung für Wohl und Wehe Europas, für Vergangenheit und Zukunft Europas zuschreiben. Sie würden neben dem in allen Ländern der Welt rituell wieder und wieder beschworenen und verfluchten Deutschland des Nationalsozialismus niemals die prägende, gestaltende, die tiefsitzende Angst einbrennende Rolle der russisch bestimmten Sowjetunion Lenins, Berijas, Stalins, Jeschows und Chruschtschows mit ihren Millionen und Abermillionen Terroropfern unterschlagen. Sie werden neben dem „Deutschen“ und „was er ihnen angetan hat“ niemals „den Russen“ vergessen und „was er ihnen angetan hat“. Vielmehr werden sie gerade in der übermäßigen Konzentration auf deutsche Schuld und deutsche Schande, im Starren nur auf deutsches Geld – „Deutschland muss den Euro und damit Europa retten!“ –  und im Starren auf deutsche Verantwortung ein Haupthindernis für echte Kooperation und echte Gemeinschaft der gleichberechtigten europäischen Völker erkennen.

Diese erstaunliche Blindheit des ehemaligen „europäischen Westens“ für die im ehemaligen „europäischen Osten“ ab den Jahren 1917/18 ablaufenden Geschehnisse wird nun aus Anlass der Russland-Ukraine-Krise erneut überdeutlich klar. Wer es immer noch nicht wahrhaben will, dass große Teile der europäischen Vergangenheit schlechterdings nicht aufgearbeitet sind, der ist der Blindheit zu zeihen. Die Nebel beginnen sich zu lichten. Möge die Russland-Ukraine-Krise ein Ansporn sein, endlich mutige, wahrhaftige Schritte zu einem gesamteuropäischen historischen Bewusstsein zu unternehmen und dabei auch dem ehemaligen Großreich Russland, dem großen russischen Volk einen würdigen, einen ebenbürtigen, von Achtung und gegenseitigem Respekt geprägten Platz – keine russische Sonderrolle, keinen russischen Sonderweg, kein russisches Großreich, aber auch keinen russischen Platz am Katzentisch! – im Konzert der vielen europäischen Völker einzuräumen.

Quellennachweise:

Zitat des ehem. Vizekanzlers der Bundesrepublik Deutschland Joschka Fischer hier wiedergegeben nach: George Soros im Gespräch mit Gregor Peter Schmitz: Wetten auf Europa. Warum Deutschland den Euro retten muss, um sich selbst zu retten. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014, S. 10

Anonymer Klappentext von „Cuore tedesco“ wiedergegeben nach: Angelo Bolaffi: Cuore tedesco. Il modello tedesco, l’Italia e la crisi europea. Donzelli editore, Roma 2013 (hintere Umschlagseite)

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Apr 012014
 

2014-03-09 11.59.58

„Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“  Nicht durch Waffen, nicht durch waffenartig hin- und hergeschleuderte Drohungen, sondern nur durch die Öffnung im Herzen, durch die Besinnung auf das einende Wort, durch das Aussprechen des einenden, zusammenführenden Wortes gelingt es, das Aneinander-Vorbeireden der Mächtigen dieser Welt zu durchbrechen. Dies dürfte Kernbestand der Theologie des Johannes sein.

Gemeinschaft im Wort, diese tiefe Sehnsucht treibt mich vom satten behaglichen Gewese und Getriebe der Bundesrepublik Deutschland  immer wieder hinaus ins Ungewisse, dahin, wo Europa noch schmerzt und wehtut, in die Weiten der russischen Steppe, ins windgepeitschte Sibirien, in die harten und langen Winter Murmansks, ins zwischen Finnland und Russland geteilte, ins Russland und Finnland einende Karelien.

An dem blütenweißen japanischen Klavier in der Drei-Kreuze-Kirche in Vuoksenniska ließ ich mich nieder. Es war Sonntag, längst war der Gottesdienst vorüber. Es war still. Vollkommene Stille herrschte in dem blühenden, muschelartig gewölbten, mutterschoßartig bergenden hellen Raum. „Wenn sich der Deckel öffnen lässt, dann darfst du zu ihm spielen. Wenn sich der Deckel nicht öffnen lässt, dann darfst du zu ihm nicht spielen.“ Ich versuchte den Deckel des Klaviers anzuheben. Er gab sofort nach. Ich wollte und sollte spielen. Und ich spielte für ihn. Ich spielte das, was mir aus dem Inneren  einfiel: das Präludium in C-dur, aus dem 1. Teil des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach. Dann präludierte ich über die d-moll-Ciacona des Köthener Meisters aus dem Jahr 1720. Die Töne klangen wie von selbst unter meinen Fingern. Ich spielte, ich sang, ich fragte. Ich nahm ein finnisches Gesangbuch und spielte die Nummer 47 daraus. Zuerst einstimmig, dann zweistimmig, dann dreistimmig, dann vierstimmig. Auch hier klangen die Töne von selbst unter meinen Fingern hervor. Ich versuchte, die Worte des finnischen Gesangbuches zu verstehen, aber ich erkannte nur einige wenige Namen, darunter den Namen Jeesus Kristus. Was mag dieser Name wohl für mich, für uns, für Europa bedeuten?

„Mensch, Jeesus!“, fragte ich und dehnte den ersten Vokal länger als üblich.  „Hältst DU denn diesen vielfach geschundenen, diesen so oft geplagten Kontinent zusammen?“ Oft habe ich IHN das schon gefragt, den leidenden Menschen, der zerrissen und ausgespannt über uns hängt. Hier ein Blick auf die drei Kreuze in der von Alvar Aalto gestaltete Kirche  im karelischen Imatra-Vuoksenniska.

Wie durch Fügung, wie durch Zufall kreuzte den Weg des Kreuzbergers der ganz andere Weg des auf Russisch schreibenden Autors Changeant Trapier, der von der anderen Seite her, vom Osten her,  ein ähnliches Unterfangen verfolgt wie wir vom Westen her.

„Die Straßen Magdeburgs“, eine Folge von Geschichten und Märchen, die sich sowohl von vorne wie von hinten lesen lassen, ein Kaleidoskop von verblüffenden Begegnungen in einem real-fiktiven Magdeburg! Eine Auseinandersetzung eines jungen, im Heute und Hier lebenden Russen mit dem, was er sich unter Deutschland vorstellt, hinstellt oder auch bloß ausdenkt. Spannend zu lesen.

Es ist ein Roman über die Stadt und ihre Menschen. Ein zentrales Thema sind dabei Beziehungen zwischen Menschen,  ist dabei auch die Zuneigung und Liebe zwischen Mann und Frau, zwischen unterschiedlichsten Menschen. So ist das Leben, so bunt, so vielfältig, diesseits und jenseits der Grenzen!

Улицы М » Тряпьё Моё Шанжан Тряпье.

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