Europäisches Gegenglück: der Geist, das Wort, die Schönheit und Wahrheit

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Feb 252015
 

Wo alles sich durch Macht beweist
Und tauscht das Geld und tauscht die Ringe
Im Weingeruch, im Rausch der Dinge -:
Dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

Mon Dieu, c’est tellement beau! Kein anderes Buch hat mir in den letzten Wochen so viel Glück gegeben wie das Buch „Le principe“ von Jerôme Ferrari. Diese behutsame Annäherung, diese erfundene Zwiesprache eines offensichtlich gescheiterten, heute lebenden französischen Physikstudenten an den verstorbenen deutschen Physiker Werner Heisenberg ist der perfekte Gegenentwurf zu dem, was die verehrte Zentralmacht des Geldes nicht leistet, nicht leisten kann: das Verstehen-Wollen, das Anfragen, das An-die-Tür-Klopfen. Das Schreiben, das Hören, das Miteinander-Reden.

Was hat das mit Europa zu tun? Sehr viel! Denn Heisenberg versuchte nichts anderes, als was die Philosophen und Physiker Europas vor ihm seit Jahrtausenden, beginnend von den Zeiten eines Heraklit, Thales oder Platon wieder und wieder versucht hatten: ein einigendes Prinzip, eine leitende Idee, eine erklärende Formel all dessen zu finden, was sich in bunter Vielfalt darbietet.

Im philosophischen Bereich konkurrieren in Europa seit Jahrtausenden eher idealistische mit eher empiristischen Ansätzen.

„Das Wahre ist eins. Und das absolut Eine ist Geist. Die Materie ist für den Geist letztlich erkennbar. Der Geist kommt zu den Dingen selbst. Er trifft wahre Aussagen über Seiendes.“ So der Platon der Politeia, so der Hegel der Enzyklopädie.

„Nein! Das Wahre ist vieles. Und eine absolute Erkennntnis ohne Erkenntnis der mannigfaltigen Bedingtheiten des Erkennens ist unmöglich. Das Wahre ist eine Vielfalt von Einzelerkenntnissen. Das Ding an sich bleibt prinzipiell unerkennbar.“ Mindestens hierin kommen Aristoteles und Kant überein.

Heisenberg wiederum gelangte in Abhebung von Einsteins Relativitätstheorie zur Überzeugung, dass die Materie im subatomaren Bereich, also bei den sogenannten Quanten, dass Ort und Impuls eines Teilchens nicht mehr eindeutig, nicht mehr unabhängig vom Standpunkt des Messenden zu bestimmen seien. Im letzten, im kleinsten Bereich herrsche also ein „Unbestimmtheitsprinzip“, eine „Unschärferelation“, die nicht mehr hintergehbar seien. Das letzte gründende Prinzip der Physik wäre also nicht das Eine – sondern eine Relation zwischen dem Zweierlei aus Impuls und Masse, wobei weder Impuls noch Masse außerhalb dieser Relation existierten.

Etwas Übergreifendes, etwa Zusammenführendes vermochte Heisenberg noch im Erlebnis des Schönen, in der Musik etwa, im Erklingen etwa der Bachschen d-moll-Chaconne für Violine solo, im Anblick des Walchensees zu erkennen. Das Ding an sich, die unverhüllte Wahrheit bliebe unabschließbar, bliebe in der gegebenen langen oder kurzen Zeit unerfindlich.

Man könnte sagen: Lang oder kurz ist die Zeit, es ereignet sich allenfalls das Wahre.

Zu „erkennen“? Nein, das Letzte, den tiefsten Grund – so schildert es mehrfach Ferrari – den konnte er nicht mehr erkennen. Den kann er nur „heraushören“, oder „hineinhören“.

Ich höre jetzt den ungeduldigen Zwischenruf:
„Schluss damit! Einheit oder Vielfalt? Platon oder Aristoteles? Kant oder Hegel? Albert Einstein oder Werner Heisenberg? Wer hat denn nun letztlich recht? Es können doch nicht beide recht haben!“

Wenn man nur lange genug forsche, dann müsse doch auch einmal die wissenschaftliche Wahrheit ein für alle Mal hervortreten, sagt unser Gegenüber. So dachte auch ich als Kind, so denken heute noch viele. Und doch deutet bis heute nichts darauf hin. Im Gegenteil, alles deutet darauf hin, dass mit jeder neuen Erkenntnis die Unabschließbarkeit des Erkennens sich deutlicher offenbart.

Genau dieses Hin und Her zwischen Alternativen, diese unabgeschlossene Bewegtheit und Beweglichkeit ist es, die so etwas wie Freiheit eröffnet. Wenn es so ist, dass am Grund der Materie keine letzte Bestimmtheit herrscht, dann ist genau diese Unbestimmtheit auch eine notwendige Voraussetzung dafür, dass Freiheit gedacht werden kann.

Und der bewusste Träger dieser Freiheit ist – was? Oder wer? Die Antwort lautet: Im einen Fall ist es Werner Heisenberg, im anderen Fall ist es Jérôme Ferrari. Oder der Leser Heisenbergs, der Leser Ferraris.

Inbild und Inhaber dieser Freiheit kann sein oder ist überhaupt und jederzeit, so er dies will – der Mensch: das Du, das Ich, das Wir. Alle. Il maggior dono di Dio all’uomo è la libertà.

Ich erlebte das öffentliche Gespräch über Ferraris „Principe“, zu dem die Französische Botschaft in Berlin eingeladen hatte, als rundweg gelungenes europäisches Miteinander über Sprachengrenzen hinweg, als Gegenglück, als lustvolles Eintauchen in den Kern des europäischen Freiheitsdenkens.

Und die Reaktion darauf waren – Tränen. Was ist ist inopportun oder schlimm an solchen Tränen?

Der Dichter sagte doch: Lasst mich weinen. Das ist keine Schande. Weinende Männer sind gut.

Zitat:
Jérôme Ferrari, Le principe. Roman. Actes Sud, Paris, mars 2015, hier bsd. S. 75 sowie S. 3 (handschriftliche Widmung des Autors)

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Dietrofront degli europei, ora sono scettici nei confronti dell’UE

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Feb 252015
 

Kehrtwende der Europäer, jetzt sind die europäischen Bürger mehrheitlich EU-Skeptiker. Innerhalb weniger Jahre ist der Glaube an die heilbringende, die friedensstiftende Kraft der EU und namentlich der Einheitswährung Euro, welche die führenden Politiker der EU beseelt, pulverisiert worden. Dies erstaunt, denn nachweislich haben die führenden Massenmedien in allen Ländern der EU stets das Hohelied der EU und des Euro gesungen.

Der Euro ist doch das absolut gesetzte Symbol, das Unterpfand, das quasi-religiös verehrte Sinnbild von Einheit, Größe, Macht, Frieden und Glück, dem insbesondere Europas Christdemokraten (die EVP), Europas Sozialdemokraten und Europas Grüne mit großer Leidenschaft anhängen.
„Ich bin stolz auf den Euro“, „scheitert der Euro, dann scheitert Europa“, „ich freue mich, dass Europa wenigstens noch den Euro als einigende Klammer hat“, all die Litaneien vermochten die Bevölkerung bisher nicht zu überzeugen, oder vermögen sie nicht mehr zu überzeugen.

In Deutschland allein liegt der Prozentsatz der Bürger, die Vertrauen in die EU haben, noch oberhalb von 50% (53%), während in allen anderen befragten Bevölkerungen das Misstrauen gegenüber der EU größer ist als das Vertrauen in die EU.

So lässt sich das Ergebnis einer repräsentativen Meinungsumfrage des italienischen Instituts Demos e pragma zusammenfassen.

Noch schlechter als die EU insgesamt schneidet der Euro ab. In allen Ländern der Eurozone – übrigens auch in Deutschland – hält nur noch eine Minderheit der befragten Bürger den Euro für sinnvoll oder vorteilhaft. Außerhalb der Eurozone wünscht die befragte Bevölkerung in keinem Land die Einführung des Euro.

Hier bleibt weiterhin sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten, damit die Bevölkerung endlich auch einmal das glaubt, was die Regierungen, die führenden Intellektuellen und die allermeisten Medien eins ums andere Mal vorbeten.
Aber – bildet euch selbst eine Meinung. Lest selbst die Ergebnisse, wie sie die italienische Zeitung La Repubblica bietet:

L’euro: solo una minoranza ristretta dei cittadini dei Paesi dove è stato introdotto lo ritiene una scelta vantaggiosa. Circa il 10% in Italia. Poco più in Germania. Il 20% in Spagna e in Francia. Mentre per la maggioranza della popolazione (45-50%) è un "male necessario". Teme che abbandonarlo sarebbe peggio. Tuttavia, circa un terzo dei cittadini in Italia, se potesse, lascerebbe l’euro. E in Germania, la "guardiana" (e la padrona) dell’euro, quasi il 37% ha nostalgia del marco. L’euro, peraltro, non suscita alcun desiderio nei Paesi dove non c’è. In Polonia e in GB poco più del 10% della popolazione (intervistata) sarebbe favorevole a introdurlo

via Dietrofront degli italiani, ora sono i più euroscettici – Repubblica.it.

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zu Ferrari, le principe, page 7 und Plutarch, De Pythiae oraculis, stephpage 404e

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Feb 212015
 

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„Le maître dont l’oracle est à Delphes ne dit rien, ne cache rien – mais il fait signe.“
So zitiert es der 1968 n. Chr. in Paris geborene Schriftsteller Jérôme Ferrari im Anfang seines Buches „Le principe“, das im März 2015 in Paris erscheinen wird. Wir übersetzen aus dem Französischen ins Deutsche: „Der Herr, dem das Orakel in Delphi gehört, sagt nichts, verbirgt nichts – sondern er gibt ein Zeichen.“
Gestern hörten wir der Vorstellung des Buches in der Französischen Botschaft am Pariser Platz zu Berlin zu.
Was ist damit gemeint? Was bedeutet das?
Offenbar zitiert Ferrari hier eine Übersetzung einer Äußerung des etwa 525 v. Chr. geborenen Schriftstellers Heraklit von Ephesos, wie sie in der griechisch verfassten Schrift „De Pythiae oraculis“ des wahrscheinlich 45 n. Chr. in Chaironeia geborenen Schriftstellers Plutarch zitiert wird.

Wir schlagen heute den entsprechenden Abschnitt in Plutarchs Schrift auf, um dem rätselhaften Spruch Heraklits über das delphische Orakel auf die Spur zu kommen, und zitieren aus der im Internet bequem einsehbaren Ausgabe von Bernardakis, die 1891 bei Teubner in Leipzig erschien (Steph. p. 404e):

οἶμαι δὲ σὲ γιγνώσκειν τὸ παρ᾽ Ἡρακλείτῳ 2 λεγόμενον ὡς ‘ὁ ἄναξ, οὗ τὸ μαντεῖόν ἐστι τὸ ἐν Δελφοῖς, οὔτε λέγει οὔτε κρύπτει ἀλλὰ σημαίνει.’ πρόσλαβε δὲ τούτοις εὖ λεγομένοις καὶ νόησον τὸν ἐνταῦθα θεὸν χρώμενον τῇ Πυθίᾳ πρὸς ἀκοήν, καθὼς ἥλιος χρῆται σελήνῃ πρὸς ὄψιν.

Wir übersetzen aus dem Griechischen ins Deutsche! Plutarch schreibt hier in etwa:
Ich glaube, du kennst den bei Heraklit zitierten Ausspruch, dass „der Herrscher, dem das Orakel in Delphi gehört, weder sagt noch verbirgt, sondern bedeutet„. Nimm nun zu diesen treffenden Aussagen hinzu und bedenke, dass der hiesige Gott über die Pythia in Orakeln zum Gehörsinn spricht ebenso wie die Sonne über den Mond zum Sehsinn in Orakeln spricht.

Bild: Tief aus der Erde wächst ein hoch aufragender winterlicher Baum! Darunter ein kleines gelbes Haus. Schöneberg, Aufnahme vom 22.02.2015

Quellenangaben:
Jérôme Ferrari, Le principe. Roman. Actes Sud, Paris, mars 2015, Seite 7
Plutarch, De Pythiae oraculis 404e:
via Plutarch, De Pythiae oraculis, stephpage 404e.

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Fordern die „heiligen Texte“ der „drei monotheistischen Religionen“ in besonderer Weise zur Gewalt auf?

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Feb 162015
 

 

Gewalt im Namen Gottes – dieses Thema brennt buchstäblich auf den Nägeln Europas.

„Nun, Kreuzberger, hast du denn deine Wittenberger Thesen an die Schlosskirchentür oder an den Durchgang zur Leukorea geheftet?“ So fragte mich eine Zuhausegebliebene in Berlin, kaum dass ich dem Regionalexpress  von Wittenberg nach Berlin-Südkreuz entstiegen war. Es war der Reformationstag des Jahres 2014.

„Nein“, erwiderte ich. „Die Schlosskirche in Wittenberg ist weiterhin durch einen Bauzaun eingerüstet, und am Durchgang zur Leukorea hatten zahllose Besucherinnen aus aller Welt bereits ihre Thesen angepinnt. Es war kein Platz für weitere schriftliche Thesen mehr vorhanden. So beschränkte ich mich darauf, einige mutige Antithesen zu Jan Assmanns 5 gewagten Thesen über den Zusammenhang von Religion und Gewalt in der mündlichen Aussprache vorzutragen.“

Sind die drei „monotheistischen Religionen“ besonders zur Gewaltausübung geneigt? Man könnte es meinen! Dazu lesen wir heute schwarz auf weiß in der FAZ gedruckt in einem Text aus der Feder von drei Mitgliedern des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster:

„Die heiligen Texte aller drei monotheistischen Religionen enthalten Passagen, die wörtlich genommen die unnachgiebige Vernichtung von Gottesfeinden, Gottesfrevlern, und -lästerern fordern, dies als Befehl Gottes an seine Auserwählten deklarieren und verheißen, dass diesbezüglicher Eifer durch Gott reich belohnt werde.“ 

Was ist über diese und ähnliche Behauptungen zu sagen?

Was haben wir aus Kreuzberger Sicht gegenüber diesen und ähnlichen Behauptungen der Wittenberger Disputanten gesagt?

Prima antithesis Kreuzbergensis contra professores
Der Begriff des „heiligen Textes“ ist mindestens für das Christentum in hohem Maße irreführend.

In der Nachfolge Jesu Christi gibt es strenggenommen keinen unantastbaren, unveränderlichen, heiligen Text und kein heiliges Buch. Zwar gibt es – oder gibt er, nämlich Jesus Christus – das gesprochene oder gesungene Wort Gottes. Es gibt in der Gemeinde Jesu Christi kanonische Schriften – namentlich die Bücher des Alten und des Neuen Testaments. Aber es gibt – oder Jesus gibt – keinen heiligen, unveränderlichen, maßgeblichen Text. Kein einziges Wort, kein Eigengut Jesu Christi ist im aramäischen Original erhalten.

Es gibt – oder Jesus Christus gibt – nur noch fundamental auslegungsbedürftige, grundsätzlich übersetzungsbedürftige, zu verdolmetschende, wandelbare und verwandelnde Worte. Die Bibel der Christen, der Gott Jesu ist kein feste Burg!

In einem lateinisch verfassten Brief schreibt der Bibelübersetzer Martin Luther an den Bibelübersetzer Johannes Lange aus der Burg Eisenach nach Erfurt am 18. Dezember 1521: Möge doch ein jede Burgfeste ihren eigen Dolmetscher haben, damit dies Buch in Sprach, Hand, Aug und Ohr jedes Menschen wandle und ihn verwandle.

Belege:

Gerd Althoff, Thomas Bauer, Perry Schmidt-Leukel: Wie auch Christen und Buddhisten metzeln. Das Gewaltpotenzial von Religionen steht nach den Anschlägen in Paris und Kopenhagen im Zentrum der Aufmerksamkeit und prägt die Wahrnehmung des Islams. Aber die anderen Weltreligionen stehen nicht zurück. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Februar 2015, S. 12

Jan Assmann: Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus. Carl Hanser Verlag, München 2003.

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Entschlafen. Über dem Tode. Hinübergehen

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Feb 112015
 

 

Schlaf ist ein kurzer Tod, Tod ist ein langer Schlaf. Am vergangenen Sonntag um 10.00 Uhr  ist unsere Mutter, Großmutter, Verwandte, Freundin, Weggefährtin Gerda nach langer Krankheit in völliger Ruhe und Gelassenheit im Schlaf hinübergegangen, hinübergeglitten in seine Hände.

Das letzte Geleit und Abschied:
Freitag, 13. Februar 2015, 09.00 Uhr
Requiem für Gerda Hampel, geb. Seiberl (28.07.1927 Berchtesgaden – 08.02.2015 Berlin-Kreuzberg)
Pfarrkirche Heilig Geist
Grüntenstr. 19
H
ochzoll-Nord
86163 Augsburg

 

Anschließend ab 10.20 Uhr:
Beerdigung auf dem Neuen Ostfriedhof
Zugspitzstr. 104
Hochzoll-Nord
86163 Augsburg

Nacht ruht in jeder Blume und schwarz ist geworden
der Mohn, kein Zittern, kein Lächeln mehr ist, und der Kuß
geendet: wie flügelt die Seele dann,
o wie schwebt sie, die unsre in eins gefaltete ruhelose,
über dem Tode.

Verse von Georg von der Vring

Quelle:
Erna Woll: Wo die Seele flügelbebend sich öffnet. Lieder für mittlere Singstimme und Tasteninstrument. Verlag P.J. Tonger, Rodenkirchen/Rhein 1971, S. 6-7

 

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„Bruch“, „Beugung“ oder „schleichende Umformung“ des bestehenden Rechts?

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Feb 042015
 

Einen schwer übersetzbaren Begriff möchten wir in die EU-Debatte einführen, den des „trasformismo“. Wie vieles andere Bedeutende stammt er aus Italien. Trasformismo meinte in der jungen italienischen  Monarchie, dem neuen Nationalstaat Italiens im 19. Jahrhundert das Abschleifen der Gegensätze zwischen Links und Rechts, zwischen Einerseits und Andererseits, zwischen Regierung und  Opposition.  Trasformismo bedeutet das nachholende Einverständnis der Bürger zu einem Konstrukt, das die Bürger „eigentlich“ nicht haben wollten. Der italienische Trasformismo ist im Grunde das Vorbild für die „Alternativlosigkeit“ der Großen Koalition in der Bundesrepublik Deutschland.

Nach und nach schleift sich alles ab, durch Geschenke, Versprechungen und durch Machtverheißung wird der anfängliche Widerstand gegen ein von oben herab verfügtes, in der Breite nicht bejahtes Rechtskonstrukt gebrochen. So festigten unterschiedliche Politiker wie Agostino de Pretis, Giovanni Giolitti und Benito Mussolini ihre Herrschaft, so gelang es ihnen, weit über eigene Parteigrenzen hinaus Zustimmung zu sichern. Die langjährige Herrschaft des Faschismus in Italien lässt sich ohne diesen habituellen Trasformismo nicht erklären! Dass selbst führende Politiker der späteren Kommunistischen Partei Italiens als junge Erwachsene während des Ventennio überzeugte Faschisten und aktive Mitglieder in faschistischen Organisationen waren, geht auf das Konto dieses schleichenden Wandlungsprozesses.

Eine winzige Facette zum augenfälligen Trasformismo der Europäischen Union steuert heute unter dem Titel „Bruch der Rechtstradition“  in der FAZ auf S. 16 Uwe H. Schneider bei, der Direktor des Instituts für Kreditrecht der Universität Mainz: „Am Kapitalmarkt sollen nur noch EU-Gesetze gelten“, und zwar werde nach dem Willen der EU-Kommission der Wortlaut der EU-Gesetze in allen Amtssprachen gleichermaßen gelten.

Es entsteht so eine „legislative Schnitzeljagd“, bei der die Richter ohne gute Kenntnisse der 24 Amtssprachen kaum Recht sprechen können, denn spezifisch deutsche Rechtsinstitute wie die berühmte „Gewährträgerhaftung der Gebietskörperschaften“, die „Tarifautonomie der Sozialpartner“, die „Weisungsungebundenheit der Zentralbank“ werden vor dem EU-Recht langfristig keinen Bestand haben können; irgendeine Fassung in einer der 24 Amtssprachen wird sich schon finden, um die Besonderheiten der nationalen Gesetzgebung auszuhebeln. Zug um Zug, Schritt um Schritt wird also die Rechtsordnung der Mitgliedsstaaten überformt bzw. „transformiert“, und zwar keineswegs nur in Randbereichen wie etwa dem Glühlampenrecht, sondern im Kernbestand der Marktordnung. Wer soll da noch den Überblick behalten?

Wer weiß, vielleicht einigt man sich entnervt irgendwann – dem Rat des Bundespräsidenten Gauck folgend – auf eine einzige Amtssprache (Englisch) und schafft die Besonderheiten der Rechtskulturen  der Mitgliedsstaaten komplett ab? Dies wäre nach der Gesellenprüfung der Einheitswährung das Meisterstück des Trasformismo europeo!

 

 Posted by at 13:16