„Kom signade jul“. Die uralte neue, ewig erneuerte Sehnsucht: frid und glans

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Nov 292015
 

„In des Herzens heilig stille Räume
Mußt du fliehen aus des Lebens Drang
Und das Schöne blüht nur im Gesang“

– so schrieb es Friedrich Schiller 1802 zu „Antritt des neuen Jahrhunderts“. Gesagt getan! Ich floh gestern. Durch Schnee und Sturm kämpfte ich mich in den Süden der Stadt. Dort schloss ich mich dem Chor der Eltern der Beethovenschule an, die für ihre Kinder und alle Menschen den Frieden durch Singen herbeisingen wollten. Angesagt war gestern auch das eine oder andere fremdsprachige Lied. Ich brummte und grummelte die verschiedenen Lieder mit, so gut ich eben konnte. Das „kom“ wird übrigens in der fremden Sprache, die mich irgendwie ans Althochdeutsche erinnerte, wie das altdeutsche „kum“ ausgesprochen.

„Chume chume geselle min
ich enbite harte din“

Diese alten Verse aus dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts kamen mir in den Sinn, als wir das Lied „Jul, jul, strålande jul“ sangen, das seinerseits dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entsprang.

Cum chum geselle min…
Kom, kom, signade jul! Sänk dina vita vingar
över stridernas blod och larm,
över all suckan ur människobarm,
över de släkten som gå till ro,
över de ungas dagande bo!
Kom, kom, signade jul, sänk dina vita vingar!

Für welches Jahrhundert passten nun diese Verse? Für das erste Drittel des 13. Jahrhunderts, das erste Drittel des 20. Jahrhunderts, oder das erste Drittel des 21. Jahrhunderts? Oder drückt sich in diesem Lied ein überzeitlicher Wunsch aus? Was bedeuteten überhaupt diese Worte: Frid? Glans? Jul? In welcher Sprache waren sie eigentlich verfasst?

Es war mir nicht klar. Aber es gefiel mir, es sprach mich an! Und so sang ich dies Lied spät abends gleich noch einmal in beiden Strophen beim Geburtstag eines Freundes, sang es für ihn und für sein neugeborenes Kind Elisabeth.

Hier ist die erste Strophe des Liedes:

Jul, jul, strålande jul, glans över vita skogar,
himmelens kronor med gnistrande ljus,
glimmande bågar i alla Guds hus,
psalm som är sjungen från tid till tid,
eviga längtan till ljus och frid!
Jul, jul, strålande jul, glans över vita skogar!

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Die neue, die alte, ach die allzu alte Kriegswut

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Nov 282015
 

Aus aktuellem Anlass fügen wir heute ein Gedicht eines in Deutschland vergeßnen Dichters bei. Sein Name tut nichts zur Sache. Nennen wir ihn, diesen unbekannten deutschen Dichter, einfach Fritz Marbacher. An wen richtete sich sein Gedicht? Niemand weiß es. Vielleicht an uns.

Der Marbacher hat damals sehr genau erfasst und verfolgt, was auf der weltpolitischen Bühne geschah: Napoleon erobert mehr als den halben Kontinent Europa, sein Ziel ist die Schaffung eines einzigen großen europäischen Reiches unter französischer Vorherrschaft. Pläne für eine europäische Einheitswährung waren entworfen, doch wollte Napoleon zunächst die politisch-militärische Einheit, erst danach dann die europäische Einheitswährung durchsetzen. 3 Millionen Kriegstote kostete Europa der französische Griff zur Weltmacht innerhalb von weniger als 2 Jahrzehnten. Die europäische Landkarte wurde umgepflügt.

Das ägyptische Abenteuer der Franzosen (1798/99) wurde zum Startschuß für den Wettlauf der beiden führenden Kolonialmächte des 19. Jahrhunderts um neue Herrschaftsgebiete – Großbritannien und Frankreich. In Afrika, im Nahen Osten und überall. Beider Ziel war die Vorherrschaft rings um den gesamten Globus. Frankreich und Großbritannien richteten so die Determinanten der gesamten Nahostpolitik ein; bis zum heutigen Tage prägt die damalige Eroberungs- und Kriegspolitik der Briten und der Franzosen das weltpolitische Geschehen im Nahen und Mittleren Osten.

Freilich haben mittlerweile die USA und Russland – die neuen führenden Kolonialmächte – Frankreich und Großbritannien überflügelt; China und Indien versuchen aufzuschließen. So haben wir ein überraschend stabiles weltgeschichtliches Tableau vor uns: USA, Russland (1917-1991 Sowjetunion), Frankreich und Großbritannien führen seit damals immer wieder „Koalitionskriege“ mit wechselnden Bündnissen – deren erster fand 1792-1797 statt. Die 4 großen Kolonialmächte, THE BIG FOUR der letzten beiden Jahrhunderte, sind wieder da auf der weltpolitischen Bühne! Sie setzen die kriegerischen Akzente, sie erklären den Kriegszustand, sie beginnen und beenden Kriege. Seit 1792 werden an dieser Stelle in unterschiedlichen Koalitionen Kämpfe um die regionale und globale Vorherrschaft geführt. Der Nahe Osten ist seit 2 Jahrhunderten Schauplatz erbitterter Stellvertreterkriege. Die Völker kommen nicht zur Ruhe.

Und wir? Deutschland lässt sich fast blindlings herumtappend hineinziehen: „Der Krieg im Nahen Osten hat endgültig auch Deutschland erreicht.“ So schreibt es die Süddeutsche Zeitung heute auf S. 1. Man betrauert die 130 Todesopfer von Paris. Zu recht. Aber wer betrauert die 180 zivilen Todesopfer allein im Monat Oktober des Bezirks Aleppo?

Ach, läse man doch hierzulande noch Fritz Marbacher. Ach, könnten doch mehr Menschen in Deutschland die schöne französische Sprache verstehen und lesen! Dann würde es den deutschen Politikern wie Schuppen von den Augen fallen. Dann wäre schon viel gewonnen.

Dann müsste das Austrocknen oder besser Aushungern all der Stellvertreterkriege folgen: Stopp der Waffenlieferungen von außen. Stopp der Finanzflüsse, die diese Kriege seit mehr als 2 Jahrhunderten nähren und füttern. Wiedereinführung des Völkerrechts unter Führung der UN. Wiederherstellung souveräner Staaten. Einhaltung und Durchsetzung des Interventionsverbotes gemäß dem Völkerrecht. Wiederherstellung des grundgesetzlich garantierten Rechtsstaatsprinzips in der Bundesrepublik Deutschland durch Stärkung des Bundestages.

Und hier das Gedicht Fritz Marbachers in der Urfassung von 1802:

An ***

Edler Freund! Wo öfnet sich dem Frieden,
Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort?
Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden,
Und das neue öfnet sich mit Mord.

Und die Grenzen aller Länder wanken,
Und die alten Formen stürzen ein,
Nicht das Weltmeer sezt der Kriegswut Schranken,
Nicht der Nilgott und der alte Rhein.

Zwo gewalt’ge Nationen ringen
Um der Welt alleinigen Besitz;
Aller Länder Freiheit zu verschlingen,
Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.

Gold muß ihnen jede Landschaft wägen,
Und wie Brennus in der rohen Zeit,
Legt der Franke seinen ehrnen Degen
In die Waage der Gerechtigkeit.

Seine Handelsflotten streckt der Britte
Gierig wie Polypenarme aus,
Und das Reich der freien Amphitrite
Will er schließen, wie sein eignes Haus.

In des Südpols nie erblickten Sternen
Dringt sein rastlos ungehemmter Lauf,
Alle Inseln spürt er, alle fernen
Küsten – nur das Paradies nicht auf.

Ach, umsonst auf allen Ländercharten
Spähst du nach dem seligen Gebiet,
Wo der Freiheit ewig grüner Garten,
Wo der Menschheit schöne Jugend blüht.

Endlos liegt die Welt vor deinen Blicken,
Und die Schiffahrt selbst ermißt sie kaum;
Doch auf ihrem unermeßnen Rücken
Ist für zehen Glückliche nicht Raum.

In des Herzens heilig stille Räume
Mußt du fliehen aus des Lebens Drang,
Freiheit ist nur in dem Reich der Träume,
Und das Schöne blüht nur im Gesang.

Quelle:
Gedichte 1800-1830. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Jost Schillemeit [=Epochen der deutschen Lyrik. Herausgegeben von Walther Killy, Band 7], Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Aufl., München 1978, S. 67-68

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„Faut-il frapper du glaive?“ – „Sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?“

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Nov 272015
 

„Tous ceux qui prennent le glaive, périront par le glaive.“ – „Alle, die das Schwert nehmen, werden durch das Schwert umkommen.“

Eine klare Absage an die Gewalt! Ausgesprochen an einem bedeutenden Wendepunkt der Geschichte, ausgesprochen vor etwa 2000 Jahren, nur wenige Suchoi-Bomber-Flugsekunden vom syrischen Azaz im Nordwesten Aleppos entfernt.

Ganz unabhängig davon, ob man nun Jesu Aufruf zum Verzicht auf Gewalt folgt oder nicht folgt, gilt es doch – so meine ich – bei jedem Einsatz militärischer Gewalt Sinn und Zweck der Maßnahme zu befragen. Auch die unbeabsichtigten Nebenwirkungen und die große Frage nach dem politischen Danach gilt es zu bedenken.

Hier eine Gesamtbilanz der (in diesem Fall russischen) Luftangriffe im Regierungsbezirk Aleppo im Monat Oktober, wie sie das „Institut syrien pour la Justice“, eine aus Aleppo stammende, nach Gaziantep exilierte Vereinigung bietet, die von der Zeitung Le Monde heute als verlässlich eingeschätzt wird:

128 Luftangriffe gegen militärische Ziele
110 Luftangriffe gegen Wohngebiete
Unter den Zielen der Luftschläge waren nach Angaben der Monde (heute S. 4) auch:
16 Fabriken, 6 Krankenhäuser, 3 Schulen, 3 Moscheen
Todesopfer der Luftschläge im Monat Oktober im Bezirk Aleppo: 180 Zivilisten und 20 bewaffnete Kämpfer

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Nov 252015
 

Auf diese Frage antwortete gestern in der Süddeutschen der Magdeburger Theologe David Begrich: „Der preußische Ikarus. Immer noch.“ Ein klarer Hinweis auf die trutzig aufbegehrende Ballade unsere Nationalbarden Wolf Biermann! Du kennst sie doch!

[…]
dann steht da der preussische Ikarus
mit grauen Flügeln aus Eisenguss
dem tun seine Arme so weh
er fliegt nicht weg – er stürzt nicht ab
macht keinen Wind – und macht nicht schlapp
am Geländer über der Spree

„Was ist für Sie deutsch?“

Darauf antworte ich mit einem vierfachen Glockenschlag:

Eins!
Der Magdeburger Dom mit seinem afrochristlichen Stadtpatron Mauritius, mit der ersten plastischen Darstellung eines Schwarzafrikaners im Norden der Alpen.

Vergiss es nicht ganz, o Magdeburg!

Zwei!
Die Magdeburger Stadtpatronin, Katharina von Alexandria, eine ägyptische Vorkämpferin der Frauenbildung und der Frauenemanzipation im Nahen Osten, die eine zahlenmäßig vielfach überlegene Schar an akademischen männlichen High-Potential-Philosophen in Grund und Boden disputierte.

Sei dir dessen bewusst und sei dankbar dafür, o Magdeburg!

Drei!
Das Magdeburger Stadtrecht, das modellhaft weithin strahlend in vielen Städten Europas Anwendung fand, darunter Königsberg, Kaunas, Vilnius, Warschau, Posen, Kiew und Minsk. Das Magdeburger Recht samt seinen Tochterrechten ermöglichte die Herausbildung städtischen Selbstbewusstseins, städtischen Eigenrechts in weiten Gegenden Europas. Städte – nicht die Territorialherrschaften waren die Keimzelle der Demokratie.

Gedenke dessen und vergiss es nicht, o Magdeburg!

Vier!
Otto I., römisch-deutscher Kaiser ab 962. Etwa ab dem Jahr 962 vollzog sich die Herausbildung eines mehr oder minder deutlich ausgeprägten Eigenbewusstseins der Deutschen. Erst seit etwas mehr als 1000 Jahren gibt es so etwas wie „deutsche Geschichte“ – oder besser „Geschichte der deutschen Lande“.

Schieb es nicht ganz weg, o Magdeburg!

Ein paar Zeilen seien rasch noch hingeworfen:

Magdeburger Mauritius an Preußens Ikarus

Du lass dich nicht verhärten
Von Eisen, Schuld und Stolz,
Von Riegeln und von Gerten,
Du bist aus weichem Holz.

Entfalt doch deine Flügel,
Steig raus aus deiner Gruft,
Tu ab den spröden Zügel,
Erheb dich in die Luft!

Zerspreng den Bann des Bösen,
Du kannst mehr als du denkst,
Lass dich vom Windhauch lösen,
Du fliegst so wie du lenkst.

Lass irre Tölpel keifen,
Flieg wie dein Herz dich trägt,
Lass deine Bahnen schweifen,
Zur Stelle die dich hegt.

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Das Wort in Fleisch und Blut hören. Vom Geheimnis Bachs

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Nov 252015
 

Vielleicht kann man sagen, daß Beethoven, Schumann und die anderen Romantiker alle ihr eigen Fleisch und Blut zum Ausdruck gebracht haben. Bach steht auf einer anderen Ebene und wird in dieser Weite zum Sinnbild gleich seinem Gott.
Wir wenden uns zu Bach wie zu einer größeren Kirche, wie zu einem Heiland der Musik. Obgleich der Klang der Musik unantastbar ist, so daß man annehmen könnte, er sei nicht zu verderben, ist Bachs Musik doch gegen Mißdeutungen nicht gefeit, so wenig wie Christi Wort. Spätere Geschlechter haben nicht immer gehandelt, wie das WORT es gebietet.

So schrieb es Yehudi Menuhin im Jahr 1962, und aus diesen Worten spricht etwas, was mich ebenfalls bereits als 14-jährigen Knaben unerklärlich berührte und berückte, als ich erstmals die Sonaten und Partiten Bachs in einer Aufnahme mit Henryk Szeryng hörte und sie später selbst zu spielen versuchte. Was geschah in diesen Tönen der d-moll-Partita? Insbesondere bei dem unfassbaren Übergang, in der Ciaccona, zu D-Dur, von Takt 132 zu Takt 133? Es war etwas Unnennbares, das mich fast zu Tränen rührte und mich buchstäblich dazu antrieb, durch Wald und Felsen zu wandern. Es war ein unbegreiflich holdes Sehnen! Aber was, was war das?

Erst vor wenigen Wochen, beim Lesen des Geleitwortes von Yehudi Menuhin zu einer Wiedergabe der Handschrift, fand ich eine mögliche Antwort auf diese Frage. Menuhin gibt eine, gibt SEINE Antwort, die für mich nunmehr ebenfalls sprudelnde Quelle einer tröstlichen Gewißheit geworden ist.

Quellen:
„Geleitwort“ von Yehudi Menuhin, in: Johann Sebastian Bach: SONATEN UND PARTITEN FÜR VIOLINE ALLEIN. Wiedergabe der Handschrift. Mit einem Nachwort herausgegeben von Günter Haußwald. Geleitwort von Yehudi Menuhin. Insel-Verlag, Leipzig 1962 [=Insel-Bücherei Nr. 655] S. 5-8, hier S. 8

J.S. Bach: Drei Sonaten und drei Partiten für Violine solo. Hrsgg. von Günter Haußwald. Revidierte Ausgabe von Peter Wollny. Urtext der Neuen Bach-Ausgabe. Bärenreiter Kassel, Basel, London, New York, Praha [=BA 5116] 2012, S. 36

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Nov 252015
 

„Sind denn alle Juden nach Yehudi Menuhin benannt?“ Diese Frage stellte sich mir gebieterisch in der ersten Stunde meines Hebräischunterrichtes, den ich vor etlichen Jahren in Schöneberg nahe der Julius-Leber-Brücke nahm. Mit der Eselsbrücke Yehudi Menuhin glaubte ich mir das hebräische Wort für Jude einzuprägen, eben יהודי -„Yehudi“. Denn dem Geiger Yehudi Menuhin wurde im April 1916 von seiner Mutter ganz bewusst dieser Vornamen beigelegt – wohl aus Trotz gegenüber jahrhundertelangen Erfahrungen der Anfeindungen in verschiedenen Ländern diesseits und jenseits des Atlantiks.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ganz stimmt die Eselsbrücke ja so nicht. Vielmehr stimmt die Richtung nicht. Der Esel geht umgekehrt über die Eselsbrücke. Nicht die Juden sind alle nach dem Geiger Menuhin benannt, sondern der Geiger Menuhin wurde nach allen Juden benannt.

 Posted by at 12:09

„Gibt die Bundesrepublik Deutschland ihren Bürgern eine Garantie auf Wohlergehen?“

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Nov 242015
 

Der Magdeburger Theologe und Sozialwissenschaftler David Begrich sagt heute in der Süddeutschen Zeitung auf S. 11:

Die Flüchtlinge werden zur Projektionsfläche des Krisenbewusstseins. Dessen Kern liegt darin, dass der Kapitalismus nach der Wende das Versprechen gab: Wenn du fleißig tüchtig bist, kannst du es schaffen. Die Wahrheit ist: Es gibt auch im Falle von Fleiß und Tugendhaftigkeit keine Garantie mehr auf Wohlergehen.

Damit setzt der Magdeburger meiner Meinung einen Kristallisationspunkt der Debatte! Denn aus der Sicht der Flüchtlinge ist die Wahrheit genau das Gegenteil dessen, was laut Begrich viele ehemalige DDR-Bürger empfinden. Die Flüchtlinge denken eher: „Die Bundesrepublik Deutschland gibt dir, sobald du einmal einen ordentlichen dauerhaften Aufenthaltstitel in Deutschland hast, in jedem Fall eine Garantie auf lebenslanges Wohlergehen. Du brauchst nicht einmal fleißig und tüchtig zu sein.“ In der Tat ist es aus der Sicht der Neubürger genau so: Dank des unzerreißbaren Netzes an Sozialhilfe, Beihilfen, Zuschüssen, staatlichen Benachteiligtenkompensationsmechanismen, Wohngeld, Heizkostenzuschuss usw. usw. gelingt es allen Zuwanderern mit einem legalen Aufenthaltstitel, eine lebenslange Garantie auf Wohlergehen für sich und für ihre nachziehenden Angehörigen und Nachkommen zu erlangen. Das ist nun einmal so. Anders sieht es in echten Einwanderungsländern wie etwa den USA aus.

„Wer nicht arbeiten will, braucht auch nicht zu arbeiten.“ So hat es einmal ein Mitarbeiter eines Berliner Jobcenters anonym in einer Berliner Zeitung ausgedrückt. Und so ist es auch bei uns in Deutschland.

Wer hat nun recht – die Flüchtlinge mit ihrem Ruf „Auf nach Deutschland!“ – oder der Magdeburger Mitarbeiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus – Miteinander e.V. in Magedeburg? Ich denke, wenn man Wohlergehen als lebenslange Garantie auf Unterkunft, Essen, medizinische Versorgung, finanzielle Grundversorgung und Zugang zu kostenloser Schulbildung definiert, dann haben die Einwanderer – nicht David Begrich – recht. Es kann für Migranten deshalb derzeit weltweit nur die Devise geben: „Auf nach Deutschland! Dort haben wir alles: Unterkunft, Essen, medizinische Versorgung, reichlich Taschengeld, kostenlose Schulbildung – und keinen Zwang zu arbeiten und keine echten Verpflichtungen.“ Aus der Sicht von Menschen in den meisten anderen Ländern ist Deutschland in der Tat eine Art Garten Eden. Das Geld liegt auf der Straße. Voraussetzung ist eine amtliche Registrierung in Deutschland und die Zuerkennung eines vorläufigen oder auch dauerhaften Aufenthaltstitels.

Definiert man hingegen Wohlergehen als Berufserfolg, überdurchschnittliches Einkommen, Eigenheim, Frauengleichberechtigung, eigenes Auto, lebenslange Arbeitsplatzgarantie, dann kann „der Kapitalismus“ bzw. die Bundesrepublik Deutschland dies natürlich nicht garantieren.

Dann hat also David Begrich vollkommen recht.

Und die Wahrheit ist … ? Was ist überhaupt Wahrheit? Gibt es nur eine Wahrheit?

Was meinst du, lieber Leser?

Unbedingt lesenswert ist dieses Gespräch!

Beleg:
„Der geteilte Himmel“. Interview mit David Begrich. Süddeutsche Zeitung, 24.11.2015, S. 11

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Nov 212015
 

Starkes Wiederauftauchen des Generals de Gaulle und des Gaullismus in genau diesen Tagen! Was für eine Gestalt! Der Sozialist Hollande greift in seiner kriegerischen Rhetorik klar auf ihn zurück! Und der Flugzeugträger, der de Gaulles Namen trägt, ist unterwegs ins östliche Mittelmeer.

Oskar Lafontaine bekennt sich heute im Magazin der Süddeutschen Zeitung „in einem Punkt als überzeugter Gaullist„: er setzt wie de Gaulle die sicherheitspolitischen Interessen Europas an die erste Stelle; und die lassen seiner Meinung nach einen Interventionskrieg nicht zu.

Lafontaine ist wehrrechtlich ein waschechter Nationalkonservativer. Er beschränkt das Recht zur Kriegführung wie das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland auf den Verteidigungskrieg. So steht es ja auch wirklich im Grundgesetz! Man sollte es nicht glauben, aber es ist so. Und auch die Völkerrechtler verneinen weltweit überwiegend das Recht auf den Interventionskrieg, während jedem Staat unstrittig das Recht zur bewaffneten Selbstverteidigung zugesprochen wird. Lafontaine sagt: „Für mich ist die Bundeswehr eine Verteidigungsarmee und keine Interventionsarmee.“

Mehr zufällig entdeckte ich dann beim Blättern in einem Buch über die Entstehung der Sowjetunion ein verschwommenes Schwarz-Weiß-Bild de Gaulles aus seinen frühen, den russischen Tagen als Kämpfer der Weißen Armee im Bürgerkrieg, dem sowjetisch-polnischen Krieg zwischen den Roten, den Bolschewiki einerseits, den Polen, Sozialdemokraten, Konservativen und Alliierten verschiedener europäischer Länder andererseits! Dem überragenden militärischen Geschick Trotzkijs, seiner Strategie des Terrors gegen die Zivilbevölkerung, der konsequenten Liquidierung der Gegner, der massenhaften Ermordung der innenpolitischen Feinde, der flächendeckenden Errichtung von Konzentrationslagern, der unerbittlichen Härte der von Trotzkij geschmiedeten Roten Armee hatten die Weißen keine annähernd gleichwertige Kampfkraft entgegenzusetzen. Auch fehlte ihnen eine konsequente Strategie.

Die Roten verjagten schließlich die Interventionsarmee der Weißen und setzten alsbald zu den Angriffskriegen auf das vorübergehend unabhängige Georgien, auf die vorübergehend unabhängige Ukraine, auf die vorübergehend unabhängigen baltischen Länder, auf das wiedererstandene Polen und auf Finnland an. Lenin, Trotzkij, Berija, Dzierzinski, Stalin, Sinowjew, Swerdlow schossen sich 1920/21 in einem gnadenlos geführten Bürgerkrieg ihren welthistorischen, mit Strömen von Feindesblut getränkten Weg frei und betrieben von da an, von den frühen 20er Jahren an konsequent eine militärisch aggressive Expansionspolitik selbst noch über die Grenzen des ehemaligen Russischen Reiches hinaus – mit dem vorläufigen Endpunkt der Besetzung Ostpolens in den Jahren 1939-41.

Die Rote Armee war ursprünglich zusammengeschmiedet als Bürgerkriegsarmee. Nach dem Sieg im Bürgerkrieg wurde sie umgeschmiedet zur Angriffsarmee, in deren Schatten die Tscheka, die GPU, der NKWD ihren Terror gegen die Volksmassen entfalten konnten.

Und De Gaulle? Er hatte seinen frühen militärischen Kampf gegen die Bolschewiki verloren. Hätte es sich aber der Rechtskonservative de Gaulle je träumen lassen, dass er in den 40er Jahren den Schulterschluß mit den früher erbittert bekämpften Bolschewiki, dass er das Bündnis mit der UDSSR suchen würde, um den gemeinsamen Feind, das Deutsche Reich und dessen Verbündete Italien, Finnland, Ungarn, Rumänien niederzuringen?

Im Zug nach Hamburg las ich als Dreingabe einen glänzend formulierten, höchst lesenswerten Aufsatz des Althistorikers Egon Flaig über den Historikerstreit, der eigentlich eher ein erinnerungspolitischer „Bürgerkrieg“ war, in dem es kaum um Fakten, sondern mehr um Meinungen über höchst selektiv erinnerte Fakten ging. Auch heute werden die über die letzten 25 Jahre gesammelten Erkenntnisse der Fachhistoriker zu den Ländern des ehemaligen Sojewtblocks im bundesdeutschen Feuilleton nur spärlich zur Kenntnis genommen. Die Sowjetunion bleibt die große Unbekannte im deutschen Erinnerungsdiskurs. So kann kein „Haus Europa“ gebaut werden.

Lesehinweise:
„Nur tote Fische schwimmen immer mit dem Strom.“ Interview mit Peter Gauweiler und Oskar Lafontaine. Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 47, 20.11.2015

Hugo Portisch: Hört die Signale. Aufstieg und Fall des Sowjetkommunismus. Mit einem Nachwort zur Taschenbuchausgabe. Mit zahlreichen Schwarzweißfotos. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1993, Foto des Majors Charles de Gaulle: Seite 127

Egon Flaig: Die ‚Habermas-Methode“ und die geistige Situation ein Vierteljahrhundert danach. Skizze einer Schadensaufnahme. In: Mathias Brodkorb (Hrsg.): Singuläres Auschwitz? Ernst Nolte, Jürgen Habermas und 25 Jahre „Historikerstreit“. Adebor Verlag, Banzkow 2011

 Posted by at 02:31
Nov 182015
 

„Wir beugen unser Haupt vor den Toten, niemals aber beugen wir uns dem Terror.“ So Bundespräsident Gauck am vergangenen Sonntag. Hier wollen wir uns einmal nicht mit den Reden, sondern mit dem Reden des Bundespräsidenten befassen, also mit seiner Art des Vortragens, Sprechens, mit seiner Wortfindung und Gedankenführung. Völlig zu recht wird ja immer wieder seine besondere rednerische Gabe, sein Geschick und seine Überzeugungskraft gerühmt. Worin gründet die besondere Rednergabe Joachim Gaucks? Was macht Joachim Gauck zu einem herausragenden Redner, was macht einen guten Redner aus?

1) Der gute Redner verfügt über eine gute Ausbildung der Stimme, der Sprechwerkzeuge. Er hegt und pflegt das Wort. Er vertraut dem Wort, und das Wort scheint ihm zu vertrauen. Sein Motto scheint zu lauten:

Lebendgem Worte bin ich gut,
das kommt heran so wohlgemut.

Wenn er redet, fällt das Verstehen leicht. Jeder einzelne Laut wird geformt, jedes Wort wird geformt, jeder Satz wird geformt und gewissermaßen in den Raum auf die Zuhörer hin gesprochen. Insbesondere bringt der gute Redner auch die Konsonanten zum Klingen. Das kann so weit gehen, dass auch die Konsonanten wie „gesungen“ wirken.

2) Der gute Redner lässt jede Silbe, insbesondere auch jede unbetonte Silbe gedeihen. Er verschluckt nichts. Der gute Redner sagt also „beugen“, nicht „beugn“, „aufgegangen“ statt „a’fggangn“, „haben“ statt „habm“, „wir loben dich“, nicht „wir lobm dich“. Ein sehr häufiger Fehler der schlecht ausgebildeten deutschen Schauspieler ist seit jeher – von Goethe in seinen „Regeln für Schauspieler“ bereits getadelt – das Verhuschen und Verschlucken der unbetonten Silben.

Als Hörbeispiel diene ein kurzer Wortwechsel aus Goethes Clavigo (1. Akt, 1. Szene):

Clavigo. Zwar ist mir’s weiter nicht bange; sein Einfluß bleibt – Grimaldi und er sind Freunde, und wir können schwatzen und uns bücken –
Carlos. Und denken und thun, was wir wollen.

Man höre sich diese oder ähnliche Sätze in einer beliebigen Aufführung auf einer heutigen deutschen Bühne an – man wird rasch erkennen: Die Schauspieler machen oft mit dem Wortlaut, was sie wollen; sie sind oft nicht imstande, dem Wort zu dienen, sondern sie denken und tun, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Die Lautung wirkt zufällig, die Konsonanten werden gekappt, die Vokale sind undeutlich, die gesamte Sprechweise wirkt kurzatmig und flachbrüstig.

Und dann versuche man einmal, eben diese Sätze zuhause für sich, oder mit einer Partnerin gemeinsam, einzuüben. Nach und nach wird das Ineinandergreifen, dieses florettartige „botta e risposta“, dieses Schlag auf Schlag eines gut vorgetragenen Dialoges hervortreten. Dann erwächst auch allmählich die Freude am Sprechen wieder.

3) Der gute Redner liest nicht nur ab, er hört die Sprache auch, er hat die Sprache gehört, er vernimmt das Singen im Hintergrund, er hat mindestens eine gewisse Zeit mit der Poesie verbracht, er trägt all die Kinderreime aus Küche und Keller, die Märchenverse, die Rätsel und Lautmalereien mit sich herum. Im guten Redner klingt immer etwas von der Dichtung nach, in ihm klingen die Lieder nach, die er gesungen hat. Seine Stimme wurde durch Poesie gekräftigt.

4) Die 1906 im niedersächsischen Linden geborene deutsche Philosophin Hannah Arendt sagt: „Im Deutschen gerade liegt das Volkslied aller Dichtung zugrunde, wenn auch in der eigentlich großen Dichtung so transformiert, daß es kaum noch kenntlich ist. So klingt die Stimme der Dienstbotengesänge durch viele der schönsten deutschen Gedichte.“

5) Atmen – Singen – Reden! Eine unersetzliche Übung für jede zukünftige Rednerin, einen unerschöpflichen Schatz zum Erwerb einer guten deutschen Aussprache – gerade auch im Unterricht mit Kindern und Lernenden nichtdeutscher Muttersprache – stellen die 100 oder 300 wichtigsten deutschen Volkslieder der letzten 300 Jahre dar, etwa das unsterbliche „Der Mond ist aufgegangen“. Wer mag und die Religion seiner Vorfahren nicht fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, der kann und soll ruhig auch die 100 oder 300 wichtigsten geistlichen Lieder der letzten 700 Jahre hören und singen.

Empfehlung für alle Redner, Schauspieler, Sprachlehrer und Menschen, die in der Öffentlichkeit reden müssen:
Der Mond ist aufgegangen, In: 100 deutsche Kinderlieder. Für Klavier mit Liedertexten. Bearbeitet von István Máriássy. Illustriert von Claudia Faber. K 148. Könemann Music Budapest 2000. € 5,95, S. 40-41

Zitat Hannah Arendts hier nach:
Beatrix Brockman: Scherben im Bachsand. Der Nachlass der Lyrikerin Eva Strittmatter kommt in die Akademie der Künste nach Berlin. In: Ars pro toto. Das Magazin der Kulturstiftung der Länder, 3-2015, S. 25-29, hier S. 26

Scherben im Bachsand

Empfohlen sei auch:
Egon Aderhold/Edith Wolf: Sprecherzieherisches Übungsbuch. Henschel Verlag Berlin 2013

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Nov 172015
 

Fast wie im Träumen wars mir doch, dass der Direktor mich, den Zuschauer, nach der Aufführung beiseite nahm: „Ihr wart unzufrieden. Ihr habt gelästert und das Stück verrissen. Ich sah’s: Ihr rührtet die Hände nicht! Auf ein Wort! Folgt mir hinter die Kulissen!“ Ich tat’s, willig-widerwillig. Kabel lagen herum, zwei Bühnenarbeiter mühten sich, ein Stahlrippengerüst abzubauen, es roch nach Terpentin, Kunstharzlacken und ranzigem Werg. Flackernde Windows-10-Bildschirme wurden gerade heruntergefahren.

Was folgte, war ein Strom wechelseitiger Vorwürfe, wutschnaubender Erklärungen, wohlmeinender Manifestationen des Willens, die hier mehr oder minder wortgetreu wiedergegeben seien:

DIREKTOR
„Was fällt euch bei! Was erdreistet ihr euch! Ihr wisst doch, dass heut auf unsern deutschen Bühnen ein jeder probiert was er mag!“

ZUSCHAUER
„Und genau das ist falsch!“, fuhr ich auf. „Diese Beliebigkeit! Ich verlange auch auf deutschen Bühnen ein klares redliches Wort, ich verlange eine fortlaufende Handlung! Ich will keine Apparate-Hochrüstung! Ich will das apparate-arme Theater! Armes Theater! Ich will mehr Jerzy Grotowski! Ich will nicht durch so eine Masse an Eindrücken und Effekten gezwungen werden, irgendetwas zu denken oder gar nicht mehr zu denken!“

„Die MASSE KÖNNT IHR NUR MIT MASSE ZWINGEN!, erklärte mir der DIREKTOR mit sanftem, aber bestimmtem Ton. „Ich gab dem Regisseur Lizenz zum Geldausgeben. Ich sagte ihm: Im Namen des DIREKTORS! Schont mir in dieser Inszenierung Prospekte nicht und nicht Maschinen, nutzt Projektoren und Himmelslichter, facht das virtuelle Feuer an, bietet alles auf, was der digitale Maschinenraum euch gibt!“

ZUSCHAUER
Und die armen Schauspieler? Sie kamen mir wie ohnmächtige Bestandteile einer riesigen Apparatur vor! Wo bleibt der Mensch im Schaupieler?

DIREKTOR
Und selbst wenn es so wäre? Was verschlüge dies? Was wäre denn so schlimm daran, wenn ein Theater die Welt als riesiges Weltenapparatespiel darstellte, in dem der Mensch nur eine Fußnote bildete? Und überhaupt! Euer vielgerühmter Mensch, was ist er anderes als nur ein Heuschreck, der in jeden Quark seine Nase begräbt!

ZUSCHAUER
Verehrter Herr Direktor, ich war am Samstag im neuen James Bond im Odeon in Schöneberg. Spectre! Spektakulär! Spectre, der hat mir das geboten! Und das Wichtigste: Eine fortlaufende Handlung, eine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse.

DIREKTOR
Ein solcher Vorwurf läßt mich ungekränkt. Ich gratuliere Euch zu diesem sicheren Urteil! Doch was das Gut und Böse angeht – woher wollt ihr dies wissen, was gut und böse ist?

ZUSCHAUER
Das höchste Gut, das innere Licht! Mein Gewissen sagt mir: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Und ich erwarte, dass das Theater den Menschen bessert und ihn zu neuen Einsichten führt! Dieser Meinung waren auch unsere Klassiker, unser Goethe und unser Schiller! Habt ihr Goethe und Schiller ganz vergessen? Bei eurem Stücke-Ragout tritt man fassungslos, ungetröstet in den Platzregen hinaus, während der Fesselballon der Phantasie am Boden bleibt.

DIREKTOR
Woher nehmt ihr diese Gewissheit? Das Publikum, es ist nicht so, wie ihr dies gerne hättet. Kennt Ihr den Faust von Goethe? Nein? Seht ihr! DAS ist euer Problem! Das Publikum, es will stark Getränke schlürfen. SPECTRE beweist es doch erneut! Doch es ist spät geworden, das Schichtende naht wie die Nemesis, die Bühnenarbeitergewerkschaft sitzt mir im Nacken! Mein Freund, wir müssen’s diesmal unterbrechen. Gehabt euch wohl.

Die Bühnenarbeiter hatten sich mit einem knappen Tschüß verabschiedet, wir waren die letzten Menschen im Theater.

So endete denn auch der kleine Wortwechsel zwischen dem Direktor und dem Zuschauer. Der Zuschauer trat auf den Platz hinaus. Starker Regen, echter Regen, kein Theaterregen fiel in dichten, schleierartigen Strömen auf herbstnasses Laub herab. Es war kühler geworden. Kein Mond stand am Himmel. Es roch nach fauligen Blättern, nach feuchtem Teppichboden, über den soeben ein Hund gelaufen war, nach Benzinflecken und Terpentin.

 Posted by at 12:06