„Der Nebelstreif!“ Von der begnadeten Kunst Jessye Normans

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Jul 262016
 

„Manchmal vermisse ich meine Mutter.“ So schreibt mir ein Freund aus Tel Aviv. So wird es später einmal der Sohn von Antoine Leiris sagen müssen.

Auch ich vermisse meine Mutter immer wieder. Sie hat uns folgendes Lied gesungen. Und wir hatten Angst:

https://www.youtube.com/watch?v=8noeFpdfWcQ

Und manchmal vermisse ich die deutsche Sprache. Nicht irgend ein Gequassel oder Geplärre, wie es aus den Subwoofern der Multiplex-Kinosäle oder aus den High-Voltage-Jammern der üppigst hochgerüsteten deutschen Theaterbühnen ertönt.

Sondern…? Sondern was?

Eine deutsche Aussprache, die ohne Mikrophon und ohne Verstärkung Säle und Kirchen durchdringt. Eine Lautung, bei der du innehältst. Bei der du sagst: Ja … hier spricht noch jemand gutes Deutsch. Endlich singt jemand noch gutes Deutsch.

Wohlgeformte, deutlich hörbare Konsonanten, Vokale, die eine Stimmung, einen Schauder, ein Entzücken entstehen lassen.

Ein fast unerreichtes Vorbild für die heutigen deutschen Sänger in dieser Kunst dürfte Jessye Norman sein. Obwohl oder vielleicht weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, stellt die oben verlinkte Interpretation des Erlkönigs von Schubert mindestens in meinen Ohren ein Besser-geht-es nicht-mehr dar. Wort und Klang, Laut und Sinn sind hier so verschmolzen, dass ich nicht anders kann als mich beglückt zu empfinden.

Gäbe es doch noch einen Schauspieler, der beispielsweise den Eingangsmonolog aus dem Faust II ähnlich gut darzustellen vermöchte! Klaus Maria Brandauer war so einer!

Diese unvergleichliche Kunst, das berühmte Kunstlied eines Schubert, eines Schumann, eines Brahms hatte früher in Deutschland seine Heimstatt. Aber sie verschwindet. Sie droht bei unserer Jugend ganz verlorenzugehen, zusammen mit dem Singen überhaupt.

Was bleibt, ist Geplärre, Gedudel, Genuschel.

 

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„Vous n’aurez pas ma haine. […] Il rit.“

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Jul 252016
 

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„Meinen Haß bekommt ihr nicht. […] Er lacht.“

Großes, bewegendes Buch, schmal, es umfasst nur 139 Seiten! Und doch presst der Verfasser Antoine Leiris eine ganze Welt zwischen die Pappendeckel. Herzdeckel!  Schwaches, bebendes Herz eines Kindes, sterbendes Herz einer Mutter, klagendes Herz eines Vaters!

Hier noch ein weiteres Zitat:

„Maison, déjeuner, change, pyjama, sieste, ordinateur. Les mots continuent d’arriver. Ils viennent d’eux-mêmes, pensés, pesés mais sans que j’aie à les convoquer. Ils s’imposent à moi, je n’ai plus qu’à les prendre.“

Alltagsgliederung, das Erledigen der Tuns und Treibens, das feste Gefüge der Lebenswelt, Krippe, Stundenpläne — das alles hilft nach Einschlägen, nach Anschlägen, nach Verwüstungen. Und das Reden, die ordnende, bannende Macht des Erzählens. Heilkraft des Erzählens!

Wozu soll ich Französisch lernen, der Zug ist abgefahren, fragte mich einmal ein 14-Jähriger, der so gern Ego-Shooter spielt – wie all die anderen Jungs auch.Warum ein französisches Buch lesen statt Counterstrike zu spielen?

Spaß am Töten, wenn auch virtuell eingeübt … diese Egoshooter-Spiele senken die Hemmschwelle, sie führen zu einer Gewöhnung an das Töten, sie belohnen  das Töten, wenn auch nur virtuell.

Darum, o Junge – lerne Französisch! Damit du dieses Buch vom Töten und Sterben, Leben und Weiterleben lesen kannst! Es ist ein großer Lobgesang auf das Leben.

Das Buch von Antoine Leiris ist in klarem, redlichem, einfach zu verstehendem Französisch geschrieben. Ich empfehle es zum Französisch-Unterricht an deutschen Gymnasien. Ich griff zu, fand es bei meinem letzten Aufenthalt in Paris und las es atemberaubt beim Rückflug von Paris nach Berlin durch.

Antoine Leiris: Vous n’aurez pas ma haine. Récit. Librairie Arthème Fayard. Paris 2016. Zitate hier von Seite 59 und Seite 139

PS:

Il rit. Er lacht.

Bild: Straßenszene in Paris. Juli 2016, Sonntag Tag des Endspiels der Fußball-Europameisterschaft

 

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„Ist’s Lieb? Ist’s Haß? die glühend uns umwinden?“

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Jul 122016
 

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Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen
Ein Flammen-Übermaß, wir stehn betroffen;
Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,
Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!
Ist’s Lieb? Ist’s Haß? die glühend uns umwinden?
Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer,

[…]

 

Soweit seien einige morgendliche Gedanken aus der Feder eines bei den Deutschen heute im großen und ganzen vergessenen Dichters zitiert. Beachtlich an diesen aus dem kollektiven Gedächtnis radierten Versen: Beim Blick in die Sonne weiß der Sprechende – nennen wir ihn einfach auf italienisch Pugno – nicht, ob LIEBE oder HASS ihn umschlingt. Seine Sehkraft reicht nicht aus, diesem Glutkern ins Auge zu schauen.

Liebe und Haß sind also „umschlingende“ Leidenschaften aus „ewigen Gründen“, Gefühle, die stärker sind als wir selbst, die uns gewissermaßen über unsere Kräfte hinausführen.

Und deswegen ist der Hass so interessant, aber auch so unfassbar! Im innersten Glutkern scheinen Haß und Liebe mitunter ununterscheidbar zu sein. Sigmund Freud hat viel darüber nachgedacht. Er spricht vom Gegensinn der Urworte. Wir dürfen hier vom Gegensinn der Urgefühle sprechen. Weniges ist dabei klar, vielleicht dieses: Die Liebe ist zweifellos das große Ja zum Du. Der Hass ist zweifellos das große Nein zum Du.

Dies ist Stadium 1 des Hasses: eine unerklärliche, bannende, das Ich übersteigende Macht, die noch unentschieden ist.

„Man wußte nicht, was man mehr bestaunen sollte: ihre Zungenfertigkeit oder ihre Kunst der Lüge. Ich begann sie allmählich zu hassen.“

Erneut – der Umschlag von guten, positiven Gefühlen der Bewunderung, des Bestaunens in das Gegenteil: das böse, negative Gefühl des Hasses. „Ich begann sie allmählich zu hassen.“ Ein klug sezierender Einblick in die Genese des Hasses – lesenswert. Alice Miller und Thomas Mann haben das Wagnis unternommen, den Autor dieses Buches als ihresgleichen zu verstehen. Thomas Mann nannte ihn „Bruder“, er meinte, in dem Verfasser der zitierten Zeilen nichts wesentlich anderes zu erkennen als in jedem anderen Menschen und in sich auch.

Dies ist Stadium 2 des Hasses: an einem bestimmten Objekt, das zunächst bewundert oder auch geliebt wird, entzündet sich nach und nach das Gefühl der Unterlegenheit, das Gefühl der Benachteiligung, das Gefühl des Neides. Wir sagen: der Neid „flammt auf“, und Neid (althochdeutsch nit oder nid) ist semantisch mit Hass verwandt. Von Bewunderung über Neid zum Haß!

Den vollkommen ausgebildeten Haß, das Stadium 3 des Hasses, das auch therapeutischer Durcharbeitung nur noch schwer zugänglich sein dürfte, legt die populistische BZ, nach eigenem Bekunden Berlins größte Zeitung, heute offen. Sie druckt in voller Länge ein Dokument von 210 Zeilen ab, das zweifellos einen exemplarischen Inbegriff des Hasses darstellt. Hier, bei den Friedrichshain-Kreuzberger Linksextremisten, bricht sich ungeschminkt, unbeschönigt der „blanke Haß“ Bahn. Gegenstand dieses rassistischen Hasses der Linksextremisten ist hier eine bestimmte Gruppe von Menschen, eine Gruppe, die als „Schweine“ bezeichnet wird, die als eine entmenschte Horde verspottet werden, denen man alles Böse an den Hals wünscht.  Sie sind gewissermaßen die „Macker, die es überall gibt“, die man plattmachen, also vernichten möchte.

Die Objekte des Hasses sind austauschbar: „Macker gibt’s in jeder Stadt“, das heißt auch: Jeder kann Macker sein, jeden kann es treffen, als Macker angegriffen zu werden.

Man kann das gut auch bei Adolf Hitler zeigen: In seinem autobiographischen Buch bekundet er an der einen Stelle Bewunderung für den englischen Parlamentarismus, und an anderer Stelle bezeugt er seinen Haß auf den Parlamentarismus in Österreich.

Der Haß entzündet sich also an einem zufälligen Du, an einer Projektionsfläche. So wird man wohl auch annehmen dürfen, dass der blanke, der krankhaft, ja wahnhaft verfestigte  Haß auf „Macker“ oder „Schweine“, wie er sich in den Unterstützerkreisen der Rigaer Straße bekundet, gleichsam als überwältigende Kraft, als Urkraft aus dem Glutkern der Psyche herausbricht.

Das klingt schlimm, aber es ist menschlich, allzu menschlich!

Diesen derart verfestigten Haß (in diesem Fall den grundlosen Haß auf die Polizisten) in Gesprächen aufzulösen, ist ein schwieriges Geschäft. Zunächst einmal ist es wichtig, den Haß anzuerkennen. Ja, da steckt viel Haß in diesen Menschen. Sie erleben den Haß, sie sind gefangen im Haß. Aber, so meine ich:  der Haß muss und darf kein Letztes sein.

Alice Miller sagt sinngemäß: Der Haß wird erlebt; Haßgefühle zu erleben, ist zunächst einmal etwas Normales. Was wir wollen, ist, dass Hassgefühle nicht ausgelebt werden. Haßgefühle, die schrankenlos ausgelebt werden, führen zu Verletzungen, Zerstörungen, zur Vernichtung des Menschlichen im Hassenden wie im Gehassten.

Hier ist zunächst einmal die Herstellung eines gesetzlichen Zustandes zu erwarten. Der Staat kann mit Gewalttätern nicht darüber verhandeln, ob die Gesetze einzuhalten sind oder nicht.

Eine echte Schlichtung kann – so hoffe ich – in Gesprächen als zweiter Schritt erfolgen.

Quellenangaben:

Goethe, Faust II, Verse 4707-4712, ed. Albrecht Schöne, Frankfurt 1999

Thomas Mann: Der Bruder

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8c/Thomas_Mann_Der_Bruder_Foto_%C2%A9_H.-P.Haack.JPG

Alice Miller:

DIE KINDHEIT ADOLF HITLERS

„Wer meint, man könne mit den Linksextremisten verhandeln, sollte diese 210 Zeilen lesen.“ BZ, Berlins größte Zeitung, 12. Juli 2016, S. 4-5

Mein Kampf : eine kritische Edition / Hitler ; herausgegeben von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel unter Mitarbeit von Edith Raim, Pascal Trees, Angelika Reizle, Martina Seewald-Mooser ; im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin, vierte, durchgesehene Auflage, 2016, hier Band I, bsd. S. 225 [S. 63] und S. 261 [S. 77]

Bild:
„Macker gibt’s in jeder Stadt, bildet Banden, macht sie platt.“ Hauswand in der Rigaer Straße, Aufnahme vom 23.06.2016

 

 

 

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Halkyonische Tage: una semana de oro (2)

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Jul 072016
 

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Halkyonische Tage! Sanfte Wollust des Daseins!
Betrachte die weitgeöffneten Blüten,
Höre hinein in den Hörnerschall,
vertraue dich an dem Bach der Bilder!

Glutkern des Sommers, grüne Symphonie,
Genieße das Reiben der Zikadenflügel,
Koste aus die Reibungen der Dissonanzen
In Mozarts köchelndem Andante.

Schmatze die Lasagne in dich hinein,
Sauge am Sellerie, koste die Karotte,
Schenk nach den roten Wein,
Pack Backblech in Klappkorb,

Tritt in die Pedale, fahr hin und her,
Zwischen Kreuzberg und Schöneberg,
Nimm das Kreuz an vor jeder Note,
So schön es ist! Und so gut, so wahr uns…

 

 

 

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„Ich spreche viele Sprachen, aber Deutsch ist meine Lieblingssprache“. Auf die Frage: Was ist deutsch?

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Jul 052016
 

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welche neue Welt bewegest du in mir?
Was ist’s, daß ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Diese deutschen Verse des aus dem schwäbischen Urach stammenden Eduard Mörike sind schön, sie klingen heiter sangbar, sie haben die Leichtigkeit des Andante cantabile in F-Dur aus Mozarts Streichquartett in C-dur, KV 465, datiert Wien, 14. Januar 1785. Sie sind im besten Sinne typisch und unverwechselbar deutsch. Ich murmele und summe sie manchmal vor mich hin, wie ich auch gerne die eine oder andere Stelle aus Mozarts C-Dur-Streichquartett KV 465 für mich hinsumme und mit anderen zusammen hinfiedele (so etwa gestern abend).

„Aber was ist denn typisch deutsch?“ Antwort: „Deutsch“, das sollte – so meine ich – in heutigen Zusammenhängen im Wesentlichen das sein, was es der Grundbedeutung nach von Anfang an war: eine Sprachbezeichnung. Theodisk, tiudisk, todisk und wie auch immer … das ist seit den Zeiten des Althochdeutschen bis heute jemand, der als Haus- und Heimatsprache jene Sprache verwendet, die in eben dieser Sprache als „theodisk, tiudisk, tütsch, dytsch, daitsch“  usw. bezeichnet wird, also das, woraus sich das heutige Deutsche in all seinen Spielarten entwickelt hat. „Deutsch“ ist seit etwa dem Symboljahr 842, also der Zeit der Straßburger Eide, im Kern kein politischer Begriff, sondern zunächst einmal ein rein sprachlicher.

Dass Sprachzugehörigkeit unverbrüchlich auch politische Zugehörigkeit bedeuten solle, kam später.  Es ist eine Idee von „1789“ bzw. „1813“. Erst durch die Französische Revolution von 1789 und die europäischen Nationalbewegungen (vgl. etwa die preussisch-russische Koalition von 1813, den Startschuss der Befreiungskriege im Norden Europas) wurde die Deckungsgleichheit von Volk, Staat, Sprache und Boden verkündet. „Ein Volk, eine Sprache, ein Land“ – das ist die typische Gleichung dafür, wie sie übrigens bis zum heutigen Tage nicht nur in vielen europäischen Staaten, sondern auch im Nationalstaat Türkei von allen Bergeshängen, auf Plätzen und in Hymnen, in Gedichten und Zeitungsartikeln und Verlautbarungen des Landesvaters verkündet wird.

Wir vertrauen heute dieser damals revolutionären, neuartigen, ab den Symboljahren 1789 und 1813 gut belegten, historisch gewachsenen Gleichsetzung von Boden, Volk, Staat, „Blut und Gut“, Politik und Gesellschaft mit gutem Grund nicht mehr.

Und deshalb treffen Adornos und Bassam Tibis Liebeserklärungen an die deutsche Sprache gerade heute im besten Sinne den Kern der Sache!

Linkspopulisten, Rechtspopulisten, Mittepopulisten oder überhaupt irgendwelche Isten oder Ister – wie etwa die  trotzistischen Brexiteristen – sind Tibi und Adorno dabei sicher nicht! Die heute bei den Deutschen, insbesondere bei den deutschen akademischen Jungspunden in Deutschland so weit verbreitete Missachtung und Geringschätzung der deutschen Sprache ist Tibis und Adornos Sache nicht! Bei vielen Akademikern und auch Kulturschaffenden gehört es – wie wir alle wissen – zum guten Ton, in Deutschland lieber Grotten-Englisch (Globalesisch, wie dies Jürgen Trabant nannte) zu schreiben und zu sprechen als einigermaßen verständliches Deutsch.

Der aus Frankfurt am Main in Hessen stammende Theodor W. Adorno hatte bekanntlich nach dem 2. Weltkrieg erklärt, die deutsche Sprache sei ein Hauptgrund für seine Rückkehr nach Deutschland gewesen. Der aus Damaskus in Syrien stammende Bassam Tibi wiederum erklärt soeben in einem sehr lesenswerten Interview Deutsch nach reiflicher Überlegung zu seiner Lieblingssprache. Und der hier Schreibende nutzt verschiedene Spielarten des Deutschen ebenfalls als einige seiner Lieblingssprachen. Das Bairische und das Alemannische (etwa jenes des aus dem schwäbischen Urach stammenden Cem Özdemir oder jenes eines Eduard Mörike) mit all ihren Spielarten sind unter allen Spielarten des Deutschen wiederum die eigentlichen Heimat-, Herkunfts- und Haussprachen des hier Schreibenden. Ich darf dankbar sagen: Das Bairische und das Alemannische und zunehmend auch das Fränkische gehören unter den mannigfachen Spielarten des Deutschen zu meinen Lieblingssprachen.

Genug des tiefschürfenden Nachdenkens! Beschließen wir diese morgendliche Besinnung mit ein paar wunderschönen, typisch deutschen, nur im laut schallenden,  klingenden Vortrag sich erschließenden  Versen von Eduard Mörike, dem Sohne des Horaz und einer feinen Schwäbin:

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

 

Quellenangaben:
Eduard Mörike: An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang. In: Deutsche Gedichte. Herausgegeben von Hans-Joachim Simm. Insel Verlag, Frankfurt am Main, 3. Auflage 2013, S. 699-700

Andrea Seibel: „Heute sieht Göttingen aus wie ein Flüchtlingslager“. Interview mit Bassam Tibi. Die Welt, 04.07.2016 (online-Ausgabe)
http://www.welt.de/debatte/article156781355/Heute-sieht-Goettingen-aus-wie-ein-Fluechtlingslager.html

Jürgen Trabant: Globalesisch oder was? Ein Plädoyer für Europas Sprachen. C.H. Beck Verlag, München 2014

W.A. Mozart: Quartett in C. KV 465. In: Die zehn berühmten Streichquartette. Herausgegeben von Ludwig Finscher. Urtext der Neuen Mozart-Ausgabe. Violino I. Bärenreiter Verlag Kassel, 15. Auflage 2013, S. 48-55, hier bsd. S. 48 und S. 51

 

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Col fuoco dell’amare: una semana de oro (1)

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Jul 032016
 

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Reiche, goldene Ernte brachte die vergangene Woche. In leichter Abwandlung des Namens „Fuocammare“ geben wir ihr heute, am ersten Tag der neuen Woche den Titel: Col fuoco dell’amare. Eingeläutet am Montag durch das Totenglöcklein für Carlo. Mein Sohn Ivan überbrachte mir die Nachricht am Vorabend des eigenen Geburtstages. Ich war nicht überrascht. Es war angekündigt von ihm selbst. Nun, … so hatte Carlo es geschafft, er hatte ein Kapitel abgeschlossen, und er betrat das nächste Kapitel, bei dem wir ihm nicht mehr zuschauen können. Was er darüber schreiben oder denken mag, werden wir nicht mehr in eine der ca. 6000 Menschensprachen übersetzen können. Nein, dort schreiben sie nicht, dort sprechen  sie von Angesicht zu Angesicht. Ora vediamo come in uno specchio, in maniera confusa, ma allora… Addio, stammi bene, Carlo! (Occhio alla lingua!) Seien wir dankbar dafür, dass wir ihn erleben durften!

Das Kunstwerk Fuocammare, das ja zu recht den Goldenen Bären, den Orso d’oro bekommen hat, sahen wir den Abend drauf. Einen kurzen tosenden Gewehrschuss entfernt vom Weltkriegsbunker, wo heute die DAV-Kletterer die unzerstörbaren Außenmauern hochklimmen, huschten tausende und abertausende Menschen vor unseren Pupillen. Im flackernden Licht der Scheinwerfer, mit klagender Stimme die letzte Position eines sinkenden Schiffes durchgebend: Hilferufe, hörende Herzen, abgehörte Zwillingsherzen, Ultraschallaufnahmen des vergehenden und des werdenden Lebens. „What is your position? Give us your position!“

„Aver aiutato queste persone ci rende felici“, die am Menschen geleistete Hilfe macht uns glücklich, so fasst es der Dr. Bartolo zusammen.  Werden alle Schiffbrüchigen von Lampedusa überleben? Nein, aber einige werden dank der Hilfe des Dottor Bartolo überleben, leben, besser leben. Und das ist mehr wert alles Geld und alles Gold. (Und doch: die Jungs werden weiter mit Gewehren spielen, der uralt-alte Wunsch zu herrschen über das Leben, zu töten und zu verletzen, wird nicht verschwinden.)

Mhhh…, by the way: What is your position?

Bild: Goldener Widerschein der Abendsonne. Bankgebäude in Friedrichshain-Kreuzberg, am Abend des 30. Juni 2016

 

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