Präludien des Sonnenaufgangs im Harz

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Dez 302016
 

Die unbegreiflich großen Werke sind herrlich wie am ersten Tag! Nachts in sternklarer Frostkälte von Schierke hoch zum Brocken. Erst alles dunkel und alles kalt. Vor Sonnenaufgang spielte das Licht irisierend sein Farbspiel. Schon eine Stunde eh die Sonne den Horizont durchbrach, sandte sie diese prachtvollen Präludien voraus.

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„Erst verachtet, nun ein Verächter, Balsam zu Gift“ – ist dies der Ursprung der Gewalt?

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Dez 272016
 

„Wir dürfen angesichts all dessen jetzt nicht auf den Nationalstaat setzen, letztlich sind wir doch alle Europäer“, dergleichen hört man immer wieder, gerade in diesen Tagen. Hach, wie sind wir doch hilfreich, edel und gut!

Sollen wir alle (Russen, Franzosen, Schweizer, Ukrainer, Deutsche, Portugiesen) uns vorrangig als Europäer fühlen? Bernd Irlenborn beschreibt dieses Ziel heute unter dem Titel „Europäischer Friede, christlicher Glaube“ in der FAZ auf S. 7: “ „Es gibt nicht mehr vorrangig Deutsche und Franzosen, West- und Osteuropäer, nicht mehr zuerst Basken und Bayern; denn alle sind eins als Europäer.“ Vorbehaltloser Friede soll das Ergebnis der europäischen Einigung werden.

Ehrlich gesagt: Mir geht das alles ein bisschen zu schnell. Ich will da erst noch einmal hineinblicken in die Abgründe, das Dunkle, Gewalttätige. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass Ukrainer, Schweizer und Schweden, Russen und Esten, Slowaken, Albaner und Griechen, Deutsche, Briten, Rumänen und Bosnier sich in naher Zukunft auch nur ansatzweise alle „eins als Europäer“ fühlen werden oder fühlen wollen. Dabei sind sie, da sie alle in Staaten Europas leben, definitorisch zweifellos alle im vollen Sinne Europäer!

Auch wird der entscheidende Rahmen der Daseinsvorsorge, der politische Rahmen der Rechtssetzung für die europäischen Bürger doch vorerst der jeweilige Verfassungsstaat bleiben, nicht ein organisatorischer Zusammenschluss einiger – nicht aller! – europäischen Staaten, wie ihn die Organisation EU darstellt. Der demokratische Verfassungsstaat ist und bleibt vorerst die Grundtatsache der politischen Existenz in Europa. Wer den demokratischen Verfassungsstaat als entscheidende politische Instanz abschaffen oder überformen will, der möge dies laut und kraftvoll sagen und nicht paulinisch von teleologischen Endzuständen säuseln.

Ich finde gegenüber einem solchen Friede-Freude-Europakuchen das Menschenbild Goethes, das Menschenbild der Bibel, das Menschenbild der großen europäischen Literaturen wahrhaftiger, besser, überzeugender.  Da steht viel vom Haß und wie er entsteht, es wird Gewalt gezeigt und wohin sie führt. Es wird erzählt, wie Haß vielleicht überwunden werden kann, wie auf Gewalt verzichtet werden kann.

Der echten Vorbilder sind wenige zu finden. Über Unterschiede wird nicht hinwegpalavert, was die Menschen nicht wollen, das werden sie auch nicht glauben. Von umfassendem Europäertum ist da wenig zu spüren.

Goethes Iphigenie sagt nicht: „Der Mensch ist edel, hilfreich und gut.“ Sie sagt: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Sie leugnet nicht Gewalt, Haß und Abgrund.

Das Bild zeigt realistisch den Weihnachtsmann im Park am Gleisdreieck in Kreuzberg.

Erstaunlich sind beispielweise auch folgende Zeilen aus Goethes „Harzreise im Winter“:

 

Ach, wer heilet die Schmerzen
Deß, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhaß
Aus der Fülle der Liebe trank?
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ungnügender Selbstsucht.

 

Menschenhaß aus der Fülle der Liebe?

Goethes Gedicht ist gar nicht so einfach zu verstehen. Ich habe es mir heute laut vorgesprochen, um es besser zu verstehen:

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Das Kind zu mir die Äuglein wandt, oder: Gemeinsames Staunen!

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Dez 252016
 
Vor wenigen Tagen saß ich doch mit zwei Freunden und einem 1-jährigen Baby beim Mittagessen im Schöneberger Ratskeller. Schweres Eichengestühl umrahmte uns. Hunderte bis auf den letzten Tropfen geleerte Flaschen Moët & Chandon  empfangen den Eintretenden im Ratskeller, aufgereiht als Zeugnisse einer bedeutenden Trink- und Festkultur. Ein geschäftiges Kommen und Gehen herrschte. Hier, auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses, hielt Kennedy seine berühmte Rede mit dem Satz: „Ich bin ein Berliner!“ Und wir? Wir waren keine Ratsherren, aber wir saßen im Ratskeller als unbedeutende Fußnoten der Weltgeschichte.
Und da griff die Kleine in ihrem Kinderwagen nach einer herabhängenden Kordel, lachte und sprühte uns mit ihrem Blick an: „Schaut her, was ich kann, ich kann schon eine Schnur anfassen!“
Staunen ergriff uns. Wie gut Elisabeth das machte! Das machte mich glücklich. Unser Staunen-Können erfreute mich. Es war mir, als sähen wir das zum ersten Mal. Staunen scheint mit diesem Gefühl des Als-ob des Zum-ersten-Mal-Sehens zu tun zu haben.
Nun könnte man sagen: Was liegt am Staunen! Hier, auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses, hielt Kennedy am 26.06.1963 seine berühmte Rede. Was liegt demgegenüber am Lachen eines Kindes! Hier ertönt die Freiheitsglocke, die größte und wuchtigste profane Glocke Berlins. Und du redest vom Lächeln eines Kindes!
Kann das jetzige Lächeln eines Kindes bedeutender sein als die vergangene Weltgeschichte, als die Rede eines Kennedy von 1963, als hundert leere Flaschen Sekt? Ja, das kann so sein. Das ist so!  Davon reden wir, davon singen wir, davon sangen wir soeben, zweihundert Meter von der Schöneberger Freiheitsglocke entfernt. Ein kindhaft einfaches Lied ertönte soeben:
Das Kind zu mir die Äuglein wandt /
mein Herz gab ich in seine Hand.
So dichtete ein unbekannter Lieddichter in einem Lied, das zuerst 1621 in Köln unter dem Titel „Als ich bei meinen Schafen wacht“ bezeugt ist. Ich sang es soeben in der Christmette in St. Norbert mit, einen Steinwurf vom Schöneberger Rathaus entfernt.
Ich gehöre zu jenen, die das Staunen, das Sich-Wundern stärken wollen. Ich bin gegen die rabiate Entzauberung als Selbstzweck, gegen das hemmungslose Lüften des Schleiers der Maya. Die Welt ist staunenswert, das Du ist staunenswert, das Lächeln ist staunenswert. Staunen über das Geheimnisvolle zu teilen, stiftet Gemeinschaft.
Und somit wünsche ich Euch allen Frohe Weihnachten! Vor allem aber wünsche ich: Gemeinsames Staunen!
Bild: das Schöneberger Rathaus, heute nach dem Weihnachtssingen. Hier hielt Kennedy am 23.06.1963 seine berühmte Rede.
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Danke, Europa-Besinnungs-Adventskalender!

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Dez 232016
 

Aus meiner winzig kleinen fränkisch-schwäbischen Wandergruppe erreichte als Geschenk mich am ersten Dezember ein guter treuer Gefährte für diesen Monat: der Europa-Besinnungs-Adventskalender. Er steht im Bunde mit europäischen Heiligen und Verbrechern, mit europäischen Künstlern, mit Europas Städten und Europas Ländern, er schweift von Nord nach Süd  alles ab, er spürt den feinsten Verästelungen des Lebens nach, er bietet Schokolade und Poesie, Reiseführer für Polen, er kennt Kyrill und Method, Rätselkrimis und Johannes vom Kreuze. Jeden Tag erfreute er mich mit einem in Knittelversen gereimten Merk- und Denkspruch und einem kleinen, aufmerksam gewählten Geschenk.

Ein Beispiel? Das brachte uns der Adventskalender am 9. Dezember:

Denkspruch am 9. Dezember:

Der 9. Dezember ist der Gedenktag des Abel.
Als Kain den Erfolg Abels nicht mehr ertragen,
hat er seinen Bruder erschlagen –
oder ihn gar mit einem Pfeil niedergestreckt?
Das wird ein Rätsel bleiben für uns –
nur Gott hat die Wahrheit entdeckt.

Geschenk am 9. Dezember:
Andreas Venzke: Ötzi. Die Verfolgungsjagd in der Steinzeit. Ein Rätselkrimi. Bilder von Alexander von Knorre. Arena Verlag Würzburg, 3. Auflage 2015

Morgen wird der gute Kalender sein letztes Geschenk hergeben. Zeit, kurz Rückschau auf all das Geschenkte und Gelehrt zu halten!

Versuchen wir es ebenfalls in Knittelversen!

O Kalender, dreiundzwanzig Tage lang
Hast Du mir jeden Morgen eine Freude gemacht,
Und wenn ich traurig war, hast du mich angelacht.
Nie war dir bang,
Du gabst mir alles, was du hast,
Du lagst auf Lauer ohne Hast.
Wenn ich in trüber Morgensupp zum Tag hinüberschwamm,
Erzähltest du Geschichten, die du aufgesogen wie ein Schwamm,
Und vergaukeltest mir manchen Tag,
Wenn ich dankbar dir zu Füßen lag.

Europas Heilige verehrst du wie kein zweiter,
Sie sind Sprossen dir auf deiner Himmelsleiter,
Nicht Geld und Zinsen, Bank und Konvergenzen,
Sind Kerneuropa, überschreiten Grenzen –

Nein, die Wandrer sind’s, die Lehrer, die Gestalter,
Unsichtbarer Schätze Mehrer und Verwalter,
An sie hast du uns stets herangeführt,
Behutsam horchend ihnen nachgespürt;

Mit kluger Hand gewiesen und gelehrt;
Die Herzen auf den rechten Weg gekehrt,
Durst, Kälte, Hitze, Hunger abgewehrt,
Und dann zum Schluss noch meinen Klagen zugehört.

Europa-Besinnungs-Adventskalender
morgen, am 24. Dezember, endet unser gemeinsamer Weg:

Ich danke Dir!   

 

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geschrey solchs großen Jauchzens, gewaltiges Jauchzen, Jubelschall? Was stimmt denn nun? Zu 1 Sam 4,6

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Dez 172016
 

1) „Was ist das für ein großer Jubelschall im Lager der Hebräer?“

2) „Was ist das für ein gewaltiges Jauchzen im Lager der Hebräer?“

3) „Was ist das geschrey solchs großen jauchzens in der Ebreer lager?“

Drei Mal derselbe Satz, aus dem Hebräischen übersetzt! Welche Übersetzung gibt das Gemeinte am besten wieder? Welche Sprachfassung lässt den Boden erzittern? Bedenke: Wir stehen vor einem Kampf, einer Schlacht, einem Krieg mehrerer tausend Männer! Zwei Heerhaufen treten gegeneinander an. Wie ging es da zu? Wie mochte sich das anhören? 30000 Kriegsopfer werden nach einer einzigen Schlacht zu beklagen sein, das wertvollste Kultgut und Kulturgut wird geraubt sein! Eine niederschmetternde Bilanz wird das sein.

Bedenke:  Die Männer laufen sich gewissermaßen warm, sie stimmen sich ein auf das, was da kommen mag an Gewirr, Geplänkel, Gefecht und Gemetzel.

So. Lies die drei Übersetzungen laut vor! Dann entscheide selbst, welche Übersetzung dich am meisten packt, welche Übersetzung durch Mark und Bein geht! Die neue Lutherübersetzung von 2017, die Münchner gantze Schrifft von 1974, die neue Stuttgarter Einheitsübersetzung von 2016? Oder die Stuttgarter Biblia hebraica von 1997? Stuttgart mit drei Büchern oder München mit einem Buch? Welche Stadt gewinnt diese Schlacht?

Achte auf den Rhythmus, den Klang der Sätze, koste die Wirkung der drei unterschiedlichen Fassungen desselben Satzes aus! Dann begründe deine Entscheidung. Wenn du willst, schlage auch den hebräischen Ausgangstext auf!

Quellen:
1) Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe. 1. Auflage. Katholische Bibelanstalt, Stuttgart 2016, S. 292 [1 Sam 4,6]
2) Die Bibel. Lutherübersetzung. Nach Martin Luthers Übersetzung. Lutherbibel. Revidiert 2017. Jubiläumsausgabe. 500 Jahre Reformation. Mit Sonderseiten zu Martin Luthers Wirken als Reformator und Bibelübersetzer. Deutsche Bibelgesellschaft,  Stuttgart 2016, S. 279 [1. Sam 4,6]
3) D. Martin Luther: Biblia. Das ist die gantze Heilige Schrifft. Deudsch auffs new zugericht. Wittenberg 1545. Herausgegeben von Hans Volz unter Mitarbeit von Heinz Blanke. Textredaktion Friedrich Kur. Band  I, München 1974, S. 512 [I. Buch Samuel, c. IIII, 6]
4) Biblia hebraica stuttgartensia. Editio Quinta emendata opera A. Schenker, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1997,  S. 450 [SAMUEL I, 4,6]

 

 

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Ziemlich beste Freunde

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Dez 132016
 

Ein bemerkenswertes Zwiegespräch entfaltete sich vergangenen Sonnabend zwischen den zwei wohl berühmtesten Schriftstellern unserer Zeit. Lassen wir sie doch am Frauenplan im Hause des Geheimen Rathes zusammentreffen. Als Gesprächspartner wählen wir den Kanzler Müller; Berichterstatter sei in diesem kleinen Phantasiestück Johann Peter Eckermann.

Und so lesen wir gleich hinein in die nachträglich angefertigten Notizen des getreuen Eckermann, wobei wir noch vorausschicken, dass der soeben behandelte Gegenstand nichts anderes als die Ode auf den 5. Mai von Alessandro Manzoni gewesen war.

[…] »Euer Exzellenz«, sagte ich, »sprechen große Dinge aus, und ich bin glücklich, Ihnen zuzuhören.« – »Manzoni«, sagte Goethe, »hilft uns zu guten Gedanken.« Er wollte in Äußerung seiner Betrachtungen fortfahren, als der Kanzler an der Pforte von Goethes Hausgarten uns entgegentrat und so das Gespräch unterbrochen wurde. Er gesellte sich als ein Willkommener zu uns, der freilich nicht allein kam, sondern zwei Schriftsteller mitbrachte, die soeben aus dem herzoglichen Theater nachhause kehrten und sich ganz offenkundig in einem angeregten Gespräch über die soeben gesehene Vorstellung befunden hatten.

„Seien Sie uns willkommen in unserer bescheidenen Oberbühne“, grüßte Goethe, der selbst weniger und weniger ins Theater ging. Die drei Männer kamen über das Büstenzimmer in den länglichen Saal, wo die Rouleaus niedergelassen waren und auf dem Tische am Fenster zwei Lichter brannten. Der Kanzler stellte beide in knappen Worten vor: der erste war der aus St. Peter-Ording stammende Autor Michael Hohlbeck, eine angenehme, fast jugendliche Erscheinung von wohl 58 oder 60 Jahren, gepflegt locker mit offenem Hemdkragen erscheinend, aber nicht abgerissen gekleidet, wie es in den Berliner Salons seit Jahren üblich geworden; der andre, Bodo Cimetière, soeben erst aus Reggio Calabria zurückgekehrt, wo er einige Nachforschungen zu seinem jüngsten Roman angestellt, trug noch einen Panama Jenkins, der ihm leider doch etwas Stutzerhaftes verlieh; auf unglückliche Weise verstärkt wurde dieser Eindruck dadurch, dass die Herstellermarke STETSON deutlich an einer geckenhaft flatternden Banderole abzulesen war.

Wir setzten uns um den Tisch, der Hausherr schenkte in die bereitstehenden Gläser reichlich aus der bereits geöffneten Flasche „Würzburger Stein“ ein und fragte Hohlbeck: „Sie kommen aus dem Theater? Wurde da heute nicht Ihre „Unterwerfung“ gegeben? Ich habe Ihren Roman mit Gewinn gelesen, und möchte wohl wissen, wie unser Schauspieldirektor Ihre vielfach verwinkelte, tolldreiste Geschichte in ein Theaterstück umgemodelt hat?“

„Nun, ich war selbst äußerst gespannt, habe den Theatermachern aber völlig freie Hand gelassen“, wich Hohlbeck aus, indem er sich eine Zigarette ansteckte und an seinem Weinglas nippte. Einen kurzen Moment herrschte Schweigen. Goethe zeigte eine Regung von Ungeduld und forderte uns auf, mehr zu erzählen.

„Die ganze Handlung des Romans wird in ein Lazarett verlegt“, schaltete sich unvermittelt der Kanzler ein, „ein genialer Schachzug, wie er eigentlich nur einem so bedeutenden Theatermann wie unserem guten ***** einfallen konnte. Der Held des Romans erlebt die gesamte Handlung wie in einem Fieberwahn. Ihn plagt eine hartnäckige Fußpilzerkrankung, und während um ihn herum in ganz Frankreich ein islamischer Präsident das Leben grundhaft umgestaltet, erfährt unser Held im Krankensaal jede nur erdenkliche Zuwendung durch seine Pflegerin und einen Kollegen von der Académie!“

Goethe setzte, als hätte ihn ein bislang versteckter Groll ergriffen, sein Glas ruckhaft heftig auf und begann also mit sich allmählich steigerndem Unmut: „Die heutigen Schriftsteller schreiben alle, als wären sie krank und die ganze Welt ein Lazarett. Alle sprechen sie von dem Leiden und dem Jammer der Erde und von den Freuden der Zukunft, und unzufrieden, wie schon alle sind, hetzt einer den andern in noch größere Unzufriedenheit hinein. Das ist ein wahrer Mißbrauch der dramatischen Kunst, die uns doch eigentlich dazu gegeben ist, um die kleinen Verhältnisse des Lebens kraftvoll zu steigern und den Menschen mit der Welt bekannter zu machen, ja ihn letztlich zu ermutigen, die Welt, wie sie nun einmal ist, kräftig wirkend und strebend zu verändern.  Aber die jetzige Generation fürchtet sich vor aller echten Kraft, und nur bei der Schwäche ist es ihr gemütlich und poetisch zu Sinne; echte Dramen, wie sie uns Schiller mit seinem Wallenstein geschenkt, werden schon lange nicht mehr geschrieben.“

Hohlbeck, Cimetière, der Kanzler und ich wussten darauf vorderhand nichts darauf zu erwidern. Wir saßen stumm da und sagten nichts.  »Euer Exzellenz«, sagte ich endlich, um das betretene Schweigen zu brechen, »sprechen etwas Wahres aus, und wir sind glücklich, Ihnen zuzuhören.«

»Ich habe ein gutes Wort gefunden,« fuhr Goethe fort, »um diese Herren zu ärgern. Ich will ihre Schauspiele die ›Lazarett-Dramatik‹ nennen; dagegen die echt ›tyrtäische‹ diejenige, die nicht bloß Schlachtlieder auf offener Bühne singt, sondern auch den Menschen mit Mut ausrüstet, die Kämpfe des Lebens zu bestehen.«

Goethes Worte erhielten meine ganze Zustimmung. Cimetière, der Kanzler und Hohlbeck hingegen erkannten wohl, dass mit dem Alten heute Abend kein einvernehmlicher Diskurs mehr zu führen war.

Wir tranken, nachdem wir uns mit stummen Blicken ausgetauscht, unseren Würzburger Stein aus, wussten das Gespräch auf unbedeutende Zeitung zu lenken, etwa das Verbot der Pferdedroschken, das die neue Berliner Stadtregierung am Pariser Platz einzuführen gedachte, sowie auch den Literaturpreis, den Cimetière von der Leipziger Buchmesse soeben erhalten hatte. So konnte nicht der Eindruck entstehen, der Abend habe mit einem Mißklang geendet.

Wir verabschiedeten uns artig mit einigen französischen Wendungen, verließen den länglichen Saal, gingen die Stiege hinab und nahmen die am Frauenplan bereitstehende Pferdedroschke, um jedes möglichst rasch nachhause zu gelangen, während Goethe oben noch seinem Würzburger Stein beim Schein der beiden am Fenster herabbrennenden Kerzen zusprechen mochte.

Hinweis:
Das vorstehende frei erfundene  „Phantasiestück“ verwendet freizügig unterschiedlichste Stoffe aus folgenden Quellen:

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Mit erläuterndem Register besorgt von Hans Jürgen Meinerts. Im Bertelsmann Lesering 1960,  S. 190-192 (=Einträge vom 23. Juli 1827 / 24. September 1827)

Unterwerfung. Nach dem Roman von Michel Houellebecq. Regie: Stephan Kimmig. Deutsches Theater, Berlin, Aufführung gesehen im Dezember 2016

Michel Houellebecq:  Soumission, Flammarion, Paris 2015

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Eine Novelle, Frankfurt 2016, hier insbesondere S. 174

Foto:

Ein Blick aus dem Saal im Wohnhaus Goethes auf den Garten, Weimar, Radtour vom 19.07.2015

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Erzählen oder Begreifen? Zweierlei Welten

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Dez 082016
 
  1. „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“
  2. „Die Welt, das war das leise Räuspern auf der anderen Seite der Tür.“

Zweierlei Aussagen über die Welt! Welche stimmt? Die eine ist von einem Philosophen, die andere von einem Erzähler. Die erste Aussage steht im Präsens; sie versucht etwas zu sagen, was immer und jederzeit gültig war, gültig ist und gültig sein wird.

Die zweite Aussage  steht im Imperfekt, sie versucht etwas zu sagen, was nur damals gültig war, jetzt aber – im Akt des Erzählens, wieder gültig wird und auch später, etwa in der dritten oder vierten Auflage des Buches, beim dritten oder vierten Lesen des Buches, gültig sein wird.

Der Erzähler, dieser raunende Beschwörer des Imperfekts, blickt auf die Welt als etwas Gewordenes, das auch anders hätte sein können.  Er will nicht erklären, sondern erzählen, also ergreifen, was ihn ergriffen hat. Die vorrangige Zeitstufe des Erzählens ist die Vergangenheit.

Von daher die außerordentliche Bedeutung, die dem Erzählen als solchen zukommt. Erzählerische Fragen sind: Was war am Anfang? Wie war es da? Und was geschah dann? Und dann? Wie ergibt das Ganze einen Sinn?

Eine Urform des Erzählens lautet:

Am Anfang war n. Und n war x und y. Und dann machte der und der das. Und so geschah x+1 und y+1. Und so war es also n+1. Und dann machte der und der das und das. Und dann war es also n+2.  Und dann … und dann …

Der Philosoph dagegen, dieser staunende Verehrer des Perfekten, blickt auf die Welt als etwas Geordnetes, das so ist, wie es ist. Er will nicht Gewordenes erzählen, sondern begreifen, was ihn einbegreift. Und das Einbegreifende ist die Welt. Die vorrangige Zeitstufe des Philosophierens ist das Präsens.

Grundsätzlich formulieren Philosophen ihre Fragen so, dass sie jederzeit und an allen Orten erneut gestellt werden können.

Einige Urformen des Philosophierens lauten also:

Was ist das eigentlich? Warum ist das so? Was bedeutet das? Was bedeutet diese Frage? Warum ist das überhaupt? Könnte dieses auch nicht der Fall sein? Und wenn es nicht der Fall wäre, bliebe dann alles andere gleich? Was ist der Sinn des Ganzen?

Quellen:
Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 15. Auflage 1980, S. 11

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Eine Novelle. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2. Auflage 2016, S. 8

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Reithers beunruhigende Frage

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Dez 072016
 

Ein Winterabend ist hereingebrochen, letzte Schritte verhallen,
Schemenhaft geistern die Lichter der Straße von drüben hinter den Gleisen
Durch kahle Bäume herein in dieses winzige Zimmer in drangvoller Enge,
Wo zahllose Bücher und sechs Streichinstrumente drängende Fragen stellen.

Welche Fragen? Wir stellen in dieser Einsamkeit sechs Fragen:

  1. Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?
  2. Könnte es die Welt auch nicht geben?
  3. Warum ist überhaupt die Welt und nicht vielmehr keine Welt?
  4. Könnte es auch eine andere Welt geben?
  5. Warum bin ich überhaupt und warum bin ich nicht vielmehr nicht?
  6. Könnte es mich auch nicht geben?

Welche möglichen Antworten gibt es auf diese Fragen?

Lesen wir dazu einen kleinen Abschnitt aus einem ausgezeichneten Buch:

Er ließ die Kupplung kommen und fuhr einfach weiter die Häuserzeile entlang, nun schon im Abenddunkel, er rief noch einmal den Namen, an den er sich gerade gewöhnt hatte, auf die Straße hinaus, aber nicht mehr, um Antwort zu bekommen, wie auch, dafür die absurde Gewissheit, allein zu sein, weder zu dritt noch zu zweit, sondern allein im Auto, in seiner Hand einen sinnlosen Schmerz, wie als Beweis, dass es auch keinen Sinn ergab, ob man mit oder ohne Schmerz auf der Welt war und ein Leben lang aus halbfertigen Büchern ganze Bücher gemacht hat oder aus schlechten weniger schlechte; dass er mit all seinem Tun so entbehrlich war wie der Mensch überhaupt, kosmologisch gesehen – ein Notgedanke gegen die Auflösung: Ja, es gab ihn noch, ihn, Reither, der sich all das durch den Kopf gehen ließ im Fahren.

Reither, der zurückgezogen lebende, nun in Italien gestrandete Verleger, von dem uns Bodo Kirchhoff erzählt, gibt auf die zuletzt gestellte Frage  – nach dem Zeugnis des Autors, das wir hier nicht in Zweifel ziehen  – folgende Antwort: „Ja, mit all meinem Tun bin ich entbehrlich; es könnte mich auch nicht geben; und dann gäbe es trotzdem die Welt. Die Welt kommt auch ohne mich aus.“

Der Schmerz Reithers, zweifellos ein Beweis dessen, dass es etwas gibt, das Schmerz empfindet, dass es also ein Reither-Ich gibt, ergibt zwar keinen Sinn – es gibt aber ein Gefühl des Schmerzes, über das ich mir klar werden kann, indem ich es „mir durch den Kopf gehen lasse“.

Ebenso deutet der Schmerz auf etwas hin, was wir Auf-der-Welt-sein nennen dürfen. Denn Reither stellt – mindestens dem vorderhand nicht zu bezweifelnden Zeugnis des Autors nach – nicht in Frage, dass „man auf der Welt“ ist. Dieses Auf-der-Welt-sein mag sinnlos oder sinnvoll sein, aber es – ist. Das Auf-der-Welt-sein ist hier ein vorgängiger Horizont, vor dem die Frage, ob dieses Auf-der-Welt-Sein des Ich-Reither einen Sinn ergibt, gestellt werden kann, wobei offen bleiben muss, ob diese Frage ihrerseits einen Sinn ergibt. Doch die Frage wird gestellt, wenngleich die Antwort offen bleibt.

Reither stellt also unter den sechs oben aufgezählten Fragen die sechste Frage:

Könnte es mich auch nicht geben?

Er zieht den Schluss: „Ja! Es könnte mich auch nicht geben. Aber daraus folgt nichts. Es würde an Sinn oder Sinnlosigkeit nichts ändern. Selbst der Gedanke, dass es mich auf der Welt nicht geben könnte, könnte sinnvoll oder auch sinnlos sein.“

Dieses Grundverhältnis des Ich zu sich selbst befindet sich hier im Bewusstsein der Kontingenz; denn Kontingenz ist nichts anderes als die Aussage, dass etwas zwar ist, aber ebenso auch nicht so sein, oder auch überhaupt nicht sein könnte.

Quelle:
Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Eine Novelle. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2. Auflage 2016, S. 197-198

 

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Nikolaus, du hilfst uns zu guten Gedanken!

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Dez 062016
 

Kinder denkt euch nur! Als ich heute früh erwachte, herrschte draußen noch Finsternis. Ich sprang auf, knipste das Licht an und streckte die Beine in der ausgekühlten Wohnung aus. Doch was spürte ich da? Ein Päckchen lag zu Füßen meines Bettes! Blau eingepackt, mit einem goldenen Stern darauf! Wer mochte das geheimnisvolle Päckchen dort hingelegt haben? War das etwa der… ? Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Das war sicher der gute Nikolaus gewesen, der bei  mir vorbeigeschaut hatte, als ich schon schlief! Ich kniete gleich nieder, im Nu hatte ich das Päckchen ausgewickelt. Was war das? Ein Buch, in lindgrünem Umschlag, mit einem sauberen Rücken aus dunkelgrünem Leinen! Gleich öffnete ich es, da fiel schon ein Kärtchen heraus, mit sauberer Schönschrift bedeckt.

Wollt ihr wissen, was auf dem Kärtchen stand?

Ich las:

„Der 6. Dezember ist der Gedenktag des Hl. Nikolaus. Die Gebeine des Heiligen ruhen in Bari.

Ein Gespräch ist ein Geschenk,
dessen sind wir hiermit eingedenk,
In der Stadt des Heiligen, der heut wird verehrt,
hast Du diese Kunst einst gelernt und gelehrt.“

O der gute Nikolaus! Wie hatte er diese Wahrheiten denn gelernt? Es stimmte! Wer hatte sie ihm hinterbracht? Doch nicht sein Knecht Ruprecht? Wer, welcher tüchtige Franke hatte diese altfränkischen Knittelverse gedichtet, die so recht an den alten Hans Sachs und die Nürnberger Meistersinger erinnerten? Oder war es der treffliche Johann Peter Uz oder eine Schwester von ihm aus dem mittelfränkischen Ansbach, der noch einmal seine alte Reim- und Deute-Kunst uns zu Gehör brachte?

Ich sprang vor Freude auf und jubelte! Hatte das wirklich alles der Nikolaus selbst im Verbund mit Hans Sachs und Johann Peter Uz vorbereitet, bedacht, ersonnen? Was glaubt ihr, Kinder?

Ihr lächelt, ihr zweifelt, ihr schmunzelt? Glaubt mir doch, Kinder, nichts von all diesem ist erfunden! Glaubt mir nur, es stimmt.

Und das geschenkte Buch? So lautet es – es hat einen recht anspruchsvollen Titel:

Italienische Konversations-Grammatik für den Schul- und Privatunterricht. Von Pio Gironi. Copyright 1942 by Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung (Professor G. Langenscheidt) K.G., Berlin-Schöneberg, Bahnstraße 28-30

Aber wie kann das sein…? Das ist doch nur einen Steinwurf von unserer Wohnung entfernt! Die Bahnstraße, da war doch wirklich einmal der Langenscheidt Verlag ansässig. Und später, liebe Kinder, da wurde diese Bahnstraße in Crellestraße umbenannt, und so heißt sie heute noch. Der Langenscheidt Verlag mit seinen vielen gelben Büchern ist zwar mittlerweile umgezogen, aber die gelben Bände, die habe ich immer zu Dutzenden noch in meinem Bücherschrank. Aber damals, vor über 70 Jahren, damals waren die Bücher noch grün.

Und in diesem Buch finde ich schöne italienisch-deutsche Geschichten, von Dante etwa oder von Goethe, der Manzonis Ode „Il cinque Maggio“ selbst übersetzte und auf eigene Faust drucken ließ, während Manzoni selbst das Gedicht in Mailand nicht herausbringen durfte. Die hartherzigen Österreicher, die damals über die Stadt herrschten, verboten es! Einfach so!

Aber Goethe – wir zitieren aus dem von Nikolaus geschenkten Buch – „trovò tanto bella l’ode del fratello minore italiano che la tradusse in tedesco e pubblicò originale e traduzione in Germania“.

Eine schöne Geschichte, der sich heute abend bei uns zuhaus noch ein Gespräch anschließt. Denn was sagte Goethe über Manzoni in seinem Gespräch mit Eckermann am 23. Juli 1827? Hört es selbst:

„Manzoni ist ein geborener Poet, so wie Schiller einer war. Doch unsere Zeit ist so schlecht, daß dem Dichter im umgebenden menschlichen Leben keine brauchbare Natur mehr begegnet. Um sich nun aufzuerbauen, griff Schiller zu zwei großen Dingen: zu Philosophie und Geschichte; Manzoni zur Geschichte allein. Schillers ›Wallenstein‹ ist so groß, daß in seiner Art zum zweiten Mal nicht etwas Ähnliches vorhanden ist; aber Sie werden finden, daß eben diese beiden gewaltigen Hülfen, die Geschichte und Philosophie, dem Werke an verschiedenen Teilen im Wege sind und seinen reinen poetischen Sukzeß hindern. So leidet Manzoni durch ein Übergewicht der Geschichte.«

»Euer Exzellenz«, sagte ich, »sprechen große Dinge aus, und ich bin glücklich, Ihnen zuzuhören.« – »Manzoni«, sagte Goethe, »hilft uns zu guten Gedanken.« Er wollte in Äußerung seiner Betrachtungen fortfahren, als der Kanzler an der Pforte von Goethes Hausgarten uns entgegentrat und so das Gespräch unterbrochen wurde. Er gesellte sich als ein Willkommener zu uns, und wir begleiteten Goethe die kleine Treppe hinauf durch das Büstenzimmer in den länglichen Saal, wo die Rouleaus niedergelassen waren und auf dem Tische am Fenster zwei Lichter brannten. Wir setzten uns um den Tisch, wo dann zwischen Goethe und dem Kanzler Gegenstände anderer Art verhandelt wurden.

Was Goethe damals über Manzoni sagte, das sag ich heute abend über dich, guter Nikolaus von Bari! Du hast mir heute zu guten Gedanken geholfen. Und dafür danke ich dir und deinen fränkischen Gehilfen von Herzen!

 

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Haben wir 335000 Obdachlose in Deutschland, die auf der Straße leben?

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Dez 062016
 

335.000 Menschen sind obdachlos! Das wäre eine Großstadt von der Größe Bielefelds! Aufrüttelnde Zahlen, die die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) soeben vorgelegt hat.

http://www.bild.de/politik/inland/obdachlos/hoehepunkt-noch-nicht-erreicht_ag_dpa-49083712.bild.html

335.000 Bundesbürger sind wohnungslos!” Das ZDF-heute-Journal berichtete soeben, alle führenden Medien berichten darüber, die Bundesregierung hat sich dazu geäußert, alle Parteien haben daraus Kapital geschlagen.  Alle Medien, vom heute-Journal über den Spiegel, die Frankfurter Rundschau bis hin zur BILD bringen zu ihren jeweiligen Berichten Bilder von einsam auf Bänken schlafenden Obdachlosen, Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben und auf Pappkartons frierend ihre Nächte verbringen. Erschütternd!

Müssen also fast 335.000 Bundesbürger auf Parkbänken und auf Plastikplanen schlafen?

STOP! Der schrille Weckruf der BAGW hinterlässt in mir einen üblen Nachgeschmack. Denn wohnungslos ist nicht obdachlos.

Jeder Berliner Student oder Azubi, der seinen Kreuzberger Haushalt aufgibt und aus Kostengründen wieder zu Muttern nach Dahlem zieht, zählt amtlich als “wohnungslos!” Denn er kann sich keine eigene Wohnung mehr leisten, sondern muss erst einmal eigenes Geld verdienen, ehe er sich eine Wohnung leisten kann. Jugendlichen alleinstehenden Arbeitssuchenden wird vom Jobcenter keine eigene Wohnung mehr gestellt, sondern sie müssen “zur Not” bei Mutti, bei Vati, bei  Verwandten oder Freunden unterkommen. Auch sie sind nach BAGW-Kriterien wohnungslos.

Doch muss die Frage erlaubt sein: Wieso sollte der Staat jungen alleinstehenden Arbeitslosen eine eigene Wohnung spendieren, solange sie anderswo unterkommen können?

Wohnungslos ist nicht gleich obdachlos. Obdachlos muss in Deutschland niemand sein. Die Zahl der Obdachlosen in Deutschland, also der Menschen, die auf der Straße leben, liegt bei etwa 40.000, also einem guten Zehntel der Wohnungslosen (Quelle: Die Zeit 05.10.2015).

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-10/deutschland-studie-obdachlosigkeit

Die vorübergehende oder dauernde Obdachlosigkeit  entspringt in aller Regel keiner ökonomischen Notlage, sondern einem bewussten Entschluss, die Brücken mit der bisherigen Existenz abzubrechen. Aber es gibt in Deutschland eine Armada an Hilfsorganisationen, Kirchen, karitativen Einrichtungen, gütigen Menschen, die die Obdachlosen beherbergen.

Jeder, der sich in Deutschland dauerhaft aufhält, hat Anspruch auf Wohnung, Nahrung und Kleidung. Er hat zwar keinen Anspruch auf eine eigene Wohnung, aber er hat Anspruch auf Herberge, auf ein Dach über dem Kopf, auf medizinische Grundversorgung.

Obdachlos muss niemand in Deutschland sein.

Es ist schlicht falsch, dass es 335.000 Obdachlose in Deutschland gebe, wie es heute verschiedene Massenmedien  (von BILD bis ZDF) darstellen.

Hier wird wieder einmal ein geradezu wahnhaft verzerrtes Bild der sozialen Wirklichkeit in Deutschland erzeugt.

Obdachlose sind im Gegensatz zu Wohnungslosen laut Gesetz „Personen, die ohne gesicherte wirtschaftliche Lebensgrundlage umherziehen, alleinstehende Personen ohne Wohnung und regelmäßige, sozialversicherungspflichtige Arbeit, ohne abgesicherte Existenzverhältnisse und häufig ohne existenziell tragende Beziehungen zu Familie oder anderen Lebensgemeinschaften“.

Ein Riesenunterschied, denn Obdachlosigkeit hat andere Gründe als Wohnungslosigkeit.

Richtig ist, dass es etwa 335000 Wohnungslose in Deutschland gibt, also Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen keine eigene Wohnung leisten können, etwa Studenten, Auszubildende oder Erwerbslose, die ihre Wohnungen aufgeben und bei Verwandten unterkommen. Das mag ein Problem für den Einzelnen sein, es ist aber kein öffentliches Übel. Dass jemand sich keine eigene Wohnung mehr leisten kann, mag enttäuschend für die Betroffenen sein, es zehrt am Selbstbewusstsein, aber es ist kein echtes gesellschaftliches Problem. Es war immer so und wird auch immer so bleiben, dass viele Menschen sich keine eigene Wohnung leisten können.

Die heutigen Berichte in den führenden elektronischen und gedruckten Medien Deutschlands sind zusammen mit den hochgradig zur Empörung aufputschenden Bildern ein gutes Beispiel für bewusste oder unbewusste Irreführung der Öffentlichkeit, für den gefährlichen manipulativen Einsatz von Bildern.  Es wird ein völlig verzerrtes Bild der sozialen Wirklichkeit erzeugt.

Nebenbei: Vor einigen Jahren, am 02.08.2013, hatten wir Anlass, einen ähnlichen Artikel wie den heutigen zu schreiben. Die groben handwerklichen Fehler in der Darstellung der Medien sind geblieben. Der Fehler liegt in der Verwechslung von Wohnungslosen und Obdachlosen.

“Eine Großstadt muss auf Parkbänken schlafen!”, oder: Wird Deutschland allmählich zu einer Komikernation?

 

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Unterwegs zu einem Bild von der Reformation

 31. Oktober 1517  Kommentare deaktiviert für Unterwegs zu einem Bild von der Reformation
Dez 052016
 

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Die Leihfrist läuft in wen’gen Stunden ab! Ein sehr lehrreiches Buch, dessen Verfassern ich hiermit von Herzen danke, werde ich in 2 Stunden bei der Alma Mater Stabi  zurückgeben: eine 2015 in Oxford verlegte „Illustrierte Geschichte der Reformation“, mit der ich manch gute Stunde verbracht habe. Nachstehend einige lose zusammengefügte Thesen, die mir beim abschließenden Durchblättern des Buches in den Sinn kommen:

  1. That reform was older than the Reformation.“ Die Reformation des 16. Jahrhunderts, die man heute gern mit dem Thesenanschlag vom 31.10.1517 beginnen lässt, war ein chorisches Geschehen, das sich dem Schwerpunkt nach – jedoch nicht ausschließlich – in den Gebieten des damaligen Sacrum Imperium Romanum und hier wiederum vorwiegend in lateinischer und in deutscher Sprache entfaltete, also namentlich in Kursachsen, in der Schweiz, und in Oberschwaben.

2. Die stärksten Kämpfe und Rivalitäten entfalteten sich in den deutschen Territorien zwischen den verschiedenen Zweigen der Kirche, die „die Reformation durchgeführt hatten“, etwa zwischen den Calvinisten und den Lutheranern, mitnichten jedoch nur zwischen der Katholischen Kirche und den Lutherischen Gemeinden.

3. Keineswegs war Martin Luther der einzige Reformator, keineswegs war er der erste, keineswegs war er der theologisch bedeutendste. Er war einer der mutigsten, er war wohl der lauteste von allen. Das wollte er zunächst eigentlich gar nicht. Er wurde da von der Revolution, die sich ihn ihm anstiftete, in etwas hineingetrieben, was er so nicht beabsichtigte. „Once underway, revolutions follow their own logic.“

4. Er sah sich selber nicht als den Reformator oder gar den Begründer einer „neuen Religion“, also der „Lutherischen Religion“. Eher schon sah er sich als Hinweisgeber, Zeichenträger, als „Dolmetscher“ des Wortes Gottes. Von daher auch die überragende Bedeutung einer neuen Bibelübersetzung, die mit den neuen technischen Mitteln des Buchdrucks und des Kupferstiches eine flächendeckende Macht entfaltete.

5. Unter den prägenden Gestalten der Religion der Väter scheint den großen Reformator Luther neben Jesus Christus am stärksten Johannes der Täufer beeinflusst zu haben. Er war der lauteste Rufer, wir müssen sagen der „Schreier in der Wüste“. Auf ihn bezieht Luther sich in herausgehobener Weise. Er verschmilzt ihn mitunter auf eine nicht bloß triviale Weise mit dem Evangelisten Johannes, der als sein zweitwichtigstes, ja überragendes theologisches Vorbild zu nennen ist.

6. „The actual content of ideas mattered.“  Die Glaubenskämpfer der damaligen Zeit glaubten ganz offenkundig das, was sie sagten. Es ging ihnen tatsächlich um die Substanz, es ging gewissermaßen ans „Eingemachte“; keinesfalls darf man die Glaubenskämpfe vor allem als Kämpfe um Macht und Geld ansehen.

7. Diese zunehmend aggressiv geführten Auseinandersetzungen um den Sinn von Worten, um Glaubensinhalte scheinen mir ab etwa 1500 ein prägendes Merkmal gerade der deutschsprachigen Landschaften geworden zu sein. Bis in die sechziger, siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, so erinnere ich mich noch, wurde in den deutschsprachigen Gebieten um Religionen, Ideologien, theoretische Grundannahmen, mit einem Wort: um den rechten Glauben erbitterter, tiefschürfender, kompromissloser, ja gewalttätiger gerungen als in den anderen Sprachräumen Europas, vielleicht mit der Ausnahme Russlands.

Dieses erfrischende englische Buch sei als eine Art Kopfschmerztablette allen Landsleuten empfohlen, denen die Feierlichkeiten zum 2017 erwarteten Reformationsjubiläum in Deutschland einiges Kopfzerbrechen bereiten und die ein bisschen Abstand von deutschen, allzu deutschen Befindlichkeiten suchen:

The Oxford Illustrated History of the Reformation. Edited by Peter Marshall. Oxford University Press, Oxford 2015, hierin insbesondere: Editor’s Foreword, Seite V-X. Zitate wörtlich entnommen hier: Seite Vi, Vii

Und damit schließen wir mit einem kleinen Anklang an John Donnes Valediction:
Fare thee well, book, —
The breath goes now, and some say, „No“. 

 

 

 Posted by at 12:32

Zwingt die Saiten in Cythara

 Blogroll  Kommentare deaktiviert für Zwingt die Saiten in Cythara
Dez 022016
 

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Zwingt die Saiten in Cythara
Und lasst die süße Musica
Ganz freudenreich erschallen

Wer dächte nicht an diese schönen Verse aus Bachs Kantate „Schwingt freudig euch empor“, wenn er eine so nette Einladung wie die folgende erhält? Ich jedenfalls zögere nicht, die mir zugesandte Einladung zu veröffentlichen!

Die Sänger, Musiker, Schauspieler  laden euch herzlich zu ihrem Adventskonzert am Samstag, den 10. Dezember 2016 um 19:30 Uhr in der Kirche St. Bonifatius, Yorckstr. 88/89, 10965 Berlin, ein.

Zusammen mit dem Konzertorganisten Stefano Barberino am Piano, der Sopranistin Sandra Barenthin, der Altistin Irina Potapenko, dem Tenor Claudio Stirpe, dem Schauspieler Sebastian Zett, mit Ivan Hampel (Violine) u.a. wollen sie euch mit (vor-)weihnachtlichen Melodien auf die (Vor-)Weihnachtszeit einstimmen.

Der Eintritt ist frei, Spenden sind herzlich willkommen.

Kommet zuhauf, denn:

Auch mit gedämpften, schwachen Stimmen
Wird Gottes Majestät verehrt.
Denn schallet nur der Geist darbei,
So ist ihm solches ein Geschrei,
Das er im Himmel selber hört.

 Posted by at 09:05