Das angeborne Recht ist nur ein einziges: FREIHEIT

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Jan 292017
 

Gute Unterrichtsstunde am letzten Donnerstag,  verbracht mit Oberstufenschülern des Beethoven-Gymnasiums bei einem Berufskundetag. Gemeinsam lesen und übersetzen wir den Anfang der Rede des US-amerikanischen Präsidenten vom 19. Juni 2013, gehalten am Brandenburger Tor. Die große lehrreiche Stunde lebt wieder auf; wir versuchen gemeinsam den Hintergrund der wichtigen Rede  auszuleuchten.

As your Chancellor mentioned, five years ago I had the privilege to address this city as senator.  Today, I’m proud to return as President of the United States.  And I bring with me the enduring friendship of the American people, as well as my wife, Michelle, and Malia and Sasha.  You may notice that they’re not here.  The last thing they want to do is to listen to another speech from me.  So they’re out experiencing the beauty and the history of Berlin.  And this history speaks to us today.

Here, for thousands of years, the people of this land have journeyed from tribe to principality to nation-state; through Reformation and Enlightenment, renowned as a “land of poets and thinkers,” among them Immanuel Kant, who taught us that freedom is the “unoriginated birthright of man, and it belongs to him by force of his humanity.”

 

Dass ein US-amerikanischer Verfassungsrechtler, wie es Barack Obama seinem eigenen Beruf nach, seiner akademischen Ausbildung nach ist, ausgerechnet Immanuel Kant mit einer Aussage zur Freiheit als dem Geburtsrecht jedes Menschen wörtlich zitiert, erfüllte mich damals mit Freude, es macht mich heute noch froh. Denn wann hätte je ein führender deutscher Politiker mit derartiger Überzeugung, mit derartigem Glauben wie es der Kantianer Barack Obama tat Immanuel Kant zitiert? Der Jurist, Philosoph, Schriftsteller und Politiker Obama trug Kant nach Berlin, ins Herz der Hauptstadt der Nation! Das war auch notwendig.

Gar nicht so leicht war es, die deutsche Originalquelle zu ermitteln, den Schülern zu vermitteln, was „by force of his humanity“ – „kraft seiner Menschheit“ bedeutet.

Und doch gelang es. Es lohnte sich.
Hier kommt der Beleg in Immanuel Kants eigenen Worten:

Das angeborne Recht ist nur einziges. Freiheit (Unabhängigkeit von eines anderen nötigender Willkür), sofern sie mit jedes anderen Freiheit nach einem allgemeinem Gesetz zusammen bestehen kann, ist dieses einzige, ursprüngliche, jedem Menschen kraft seiner Menschheit, zustehende Recht.

Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten (1797). Erster Teil: Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre, Werkausgabe Band VIII, herausgegeben von Wilhelm Weischedel,  17. Auflage, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2014,  S. 345 [Fettdruck in den beiden Zitaten durch dieses Blog]

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Was oder wer ist Sómogyi?

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Jan 272017
 

26 gennaio. […] Parte del nostro essere ha sede nelle anime di chi ci accosta: ecco perché è non-umana l’esperienza di chi ha vissuto giorni in cui l’uomo è stato una cosa agli occhi dell’uomo. Noi tre ne fummo in gran parte immuni, e ce ne dobbiamo mutua gratitudine; perciò la mia amicizia con Charles resterà a lungo.

[…]

27 gennaio. L’alba. Sul pavimento, l’infame tumulto di membra stecchite, la cosa Sómogyi.
Ci sono lavori più urgenti: non ci si può lavare, non possiamo toccarlo che dopo di aver cucinato e mangiato. E inoltre, <<…rien de si dégoûtant que les débordements>>, dice giustamente Charles; bisogna vuotare la latrina.  I vivi sono più esigenti; i morti possono attendere. Ci mettemmo al lavoro come ogni giorno.

I russi arrivarono mentre Charles ed io portavamo Sómogyi poco lontano. Era molto leggero. Rovesciammo la barella sulla neve grigia.

Charles si tolse il berretto. A me dispiacque di non avere berretto.

Primo Levi: Se questo è un uomo. La tregua. Einaudi tascabili, Turin 1989, Seite 153

Kurzes einsames Innehalten am heutigen Tag vor dem Denkmal der Erinnerung am Kaiser-Wilhelm-Platz: Flossenbürg, Trostenez, Monowitz und all die anderen Orte. Ich gehe nie daran vorbei, ohne nicht mindestens einen der genannten Orte auf der inneren Landkarte zu verankern und kurz an Menschen wie etwa Primo, Charles und Sómogyi zu denken. Und manchmal stelle ich mein Fahrrad hier am Kaiser-Wilhelm-Platz ab und nehme den Helm ab.  So auch am heutigen Tag. Ich glaube: Sómogyi war auch ein Mensch wie wir anderen es heute sind und morgen sein werden. Die Tagebuchaufzeichnungen Primo Levis vom 26. und 27. Januar 1945 aus dem Buch „Ob das ein Mensch ist“  sind der Beweis.

 

 

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Im dunklen Spiegel des Grabens, oder: Wie wir uns selbst und einander erkennen, oder: Was uns zusammenhält

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Jan 252017
 

Mein Vater sah in den Graben hinab und erkannte zwischen treibenden Schilfblättern und schwappender Entengrütze sich selbst, und dort gewahrte ihn auch der Maler, als er einen Schritt zur Seite machte und dabei in das stehende, nur von schwachen Schauern geriffelte Wasser hinabsah. Sie bemerkten und erkannten sich im dunklen Spiegel des Grabens, und wer weiß: vielleicht rief dies Erkennen eine blitzschnelle Erinnerung wach, die sie beide verband und die nicht aufhören würde, sie zu verbinden…

 

Die deutsche Sprache unterscheidet meist zwischen dem Sich-selbst und dem Sich-Einander, jedoch nicht immer. So ist beispielsweise  in dem Satz „Sie bemerkten und erkannten sich im dunklen Spiegel des Grabens“ im Wortlaut offengelassen, ob sie, die beiden, einander erkannten, ob also der eine den anderen erkannte, oder ob jeder sich selbst erkannte.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild. Irgendwie könnte man auch sagen: Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse. Was hält uns dieweil zusammen? Wie erkennen wir uns? Wie erkennen wir einander dieweil? Was bindet dieweil uns zusammen? Wir wissen es zumeist nicht, wir ahnen es zumeist nur. Es ist wie bereits gesagt worden ist ein Blick in einen undeutlichen Spiegel, ein rätselhaftes Aufblitzen, es ist ein Sich-Selbst-Erkennen in einem Einander-Erkennen.

Jetzt erkennen wir es nur einem undeutlichen Spiegel, gleichsam in einem geriffelten Wasser, damals erkannten wir es deutlich, und dann werden wir es wieder deutlich erkennen.

Lesen wir den Wortlaut nun  laut vor und lesen wir weiter:

Mein Vater sah in den Graben hinab und erkannte zwischen treibenden Schilfblättern und schwappender Entengrütze sich selbst, und dort gewahrte ihn auch der Maler, als er einen Schritt zur Seite machte und dabei in das stehende, nur von schwachen Schauern geriffelte Wasser hinabsah. Sie bemerkten und erkannten sich im dunklen Spiegel des Grabens, und wer weiß: vielleicht rief dies Erkennen eine blitzschnelle Erinnerung wach, die sie beide verband und die nicht aufhören würde, sie zu verbinden, eine Erinnerung, die sie in den kleinen schäbigen Hafen von Glüserup verschlug, wo sie im Schutz der Steinmole angelten oder auf dem Fluttor herumturnten oder sich auf dem gebleichten Deck eines Krabbenkutters sonnten. Aber nicht dies wird es wohl gewesen sein, woran sie beide unwillkürlich dachten, als sie einander im Spiegel des Grabens erkannten, vielmehr wird in ihrer Erinnerung nur der trübe Hafen gewesen sein, der Samstag, an dem mein Vater, als er neun war oder zehn, von dem glitschigen Tor stürzte, mit dem die Flut reguliert wurde, und der Maler wird noch einmal nach ihm getaucht und getaucht haben, so wie damals, bis er ihn endlich am Hemd erwischte, ihn hochzerrte und ihm einen Finger brechen mußte, um sich aus der Klammerung zu befreien.

   Sie traten aufeinander zu, oben und unten, im Graben und auf der Brücke, gaben sich im Wasser und vor der Staffelei die Hand, begrüßten sich wie immer, indem sie, leicht zur Frage angehoben, den Vornamen des andern nannten: Jens? Max?

Quelle: Siegfried Lenz, Deutschstunde. Roman. Ungekürzte Ausgabe. 26. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, September 1993, S. 28-29

Bild: ein Blick in das Horst-Dohm-Eisstadion, Berlin-Wilmersdorf, darin: undeutlich erkennbare Menschen, 15.01.2017

 

 

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Jan 242017
 

I know of no other country in the world that at the heart of its national capital erects monuments to its own shame„, so schrieb es 2014 Neil MacGregor, der damalige Direktor des Britischen Museums in London, heute einer der drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums zu Berlin. Wir übersetzen ins Deutsche: „Ich weiß von keinem anderen Land auf der Welt, das im Herzen der Hauptstadt der Nation Denkmäler seiner eigenen Schande errichtet“, und er fährt fort: „Wie das Siegestor in München stehen sie nicht nur zur Erinnerung an die Vergangenheit da, sondern – und das ist wohl sogar noch wichtiger – um sicherzustellen, dass die Zukunft anders sein möge“, im englischen Original: „Like the Siegestor in Munich, they are there not only to remember the past, but – and perhaps even more importantly – to ensure that the future be different.“

Das sind zwei glänzende, wegweisende Sätze, in denen die Janusköpfigkeit unserer typisch deutschen Gedächtniskultur, die Doppelgesichtigkeit der einzigartigen deutschen Vergangenheitsbewältigung – jeder Vergangenheitsbewältigung, so meine ich –  in geradezu klassischer Vollkommenheit ausgedrückt wird. Zugleich stehen sie am Beginn des Buches „Germany. Memories of a Nation“. Und dieses Buch ist nicht anders zu bewerten denn als glänzender, ja genialer Wurf, nicht nur im gesamten Grundansatz, sondern auch bis in kleinste und feinste Details hinein. Kein Deutscher schafft so etwas derzeit! MacGregor bringt sorgfältig ausgewählte Bilder und Gegenstände zum Sprechen, freilich so, dass sie nicht bloß als tote Gegenstände der Vergangenheit ausgestellt, sondern als mahnende und ermunternde Zeugen freigelegt werden. Sie sollen uns ermöglichen die eigene Zukunft zu gestalten, ohne die letzten 10 Jahrhunderte der deutschen und die letzten 35 Jahrhunderte der europäischen Geschichte mit all ihren vielen guten und auch den schlechten Seiten zu vergessen.

Szenenwechsel! Wir sind jetzt in Weimar und schreiben das Jahr 1788.

„Die Götter rächen
Der Väter Missetat nicht an dem Sohn;
Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt
Sich seinen Lohn mit seiner Tat hinweg.
Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.“

So – in der Wiedergabe Goethes – die Mahnung des Pylades an Orest. Orest ist gewissermaßen völlig verstrickt in seine dunkle, mit Schandtaten aller Art beladene Vergangenheit, „obsessed with his ancestors‘  past„. Er ist im zweiten Aufzug von Goethes Iphigenie der Inbegriff des schicksalhaft in die Verbrechen seiner Herkunftsfamilie, seiner Sippe und seines Volkes verfangenen Melancholikers; er leidet am kollektiven Schuldgefühl der Atriden, ausgelöst durch die mehrfach begangenen Kapitalverbrechen der Vorfahren. Ihm gegenüber vertritt Pylades den personalistischen Begriff der Schuld, wie ihn in der Bibel beispielsweise der Prophet Ezechiel im 6. Jahrhundert vor Chr. herausgearbeitet hat. Es gibt keine Kollektivschuld und keine kollektive Haftung bei Ezechiel. Auch von der Augustinischen Lehre der Erbsünde oder gar der neopaganen Lehre vom „Tätervolk“ sind wir Lichtjahre entfernt. Nicht die Sippe, nicht das Volk tragen alle Schuld, sondern jeder einzelne Mensch wird von den Göttern – an deren Existenz Ezechiel ebenso wenig wie Goethe zweifelte – nach individuellem Handeln beurteilt.  Goethes Pylades führt hier gewissermaßen diesen prophetisch-christlichen, befreienden Schuldbegriff in die antikisierende Tragödie ein – die eben dadurch aufhört, eine echte Tragödie zu sein.

Zusammen mit der vorzüglichen, von Dieter Borchmeyer besorgten Neuausgabe von Goethes Klassischen Dramen und der monumentalen Arbeit von Peter Watson über den Deutschen Genius fängt MacGregor, so empfinde ich, das ständige Hin und Her, die fortwährenden, sich wiederholenden 180-Grad-Wendungen ein, die jeder gelingenden Gedächtniskultur by necessity nicht nur in Deutschland innewohnen müssen; man kann, man muss gewissermaßen das Schwabinger Siegestor immer wieder von Nord nach Süd und von Süd nach Nord durchqueren, Schande und sittliche Größe in der eigenen Herkunftsgeschichte gleichermaßen ins Auge fassen.

Blickt man hingegen auf den Streit zurück, den deutsche Geistesgrößen damals fast ausschließlich um völlig abstrakte Begriffe wie etwa „Einzigartigkeit“ oder „Unerklärlichkeit“ führten, ohne dass sie je der konkreten deutschen geschweige denn der europäischen Vergangenheit, diesem Medusen- und Juno-Haupt ins Antlitz geblickt hätten, so kann man ermessen, welch riesigen Schritt voran die vier genannten Bücher von MacGregor, Goethe, Ezechiel und Peter Watson darstellen. Watson, Goethe, MacGregor und der Prophet Hesekiel, diese vier sollte man unbedingt zur Kenntnis nehmen, ehe man auf typisch deutsche Art einen bouc émissaire oder whipping boy erwählt.

Gestern legte ich in einem kurzen Augenblick des Innehaltens diese drei frisch erworbenen Bücher, diese guten, verlässlichen Reiseführer und Wandergefährten in der zerklüfteten Landschaft der deutschen Gedächtniskultur zu Füßen der 3500 Jahre alten, hart an der Friedrichstraße mahnenden und wachenden Sphinx ab, ehe ich sie in meine Fahrradtasche packte. Ad multos annos, o Sphinx!

Neil MacGregor: „Monuments and memories“. in: Neil MacGregor: Germany. Memories of a Nation. Published in Penguin Books 2016 (first published  by Allen Lane in Great Britain 2014), S. IX-XXIII, hier S. XXIII

Johann Wolfgang Goethe: Klassische Dramen. Iphigenie auf Tauris. Egmont. Torquato Tasso. Herausgegeben von Dieter Borchmeyer unter Mitarbeit von Peter Huber. Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 30, Frankfurt am Main 2008, hier v.a. S. 575 (Iphigenie auf Tauris, Vers 713-717)

Peter Watson: The German Genius. Europe’s Third Renaissance, the Second Scientific Revolution, and the Twentieth Century. Simon&Schuster, London 2010

Das Buch Hesekiel/Ezechiel,  Kap. 18, in: Die Bibel

 

 

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Die drei Hänflinge. Ein Traum Johann Peter Eckermanns

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Jan 222017
 

Eine unerschöpfliche Quelle von Betrachtungen, Einsichten und unterhaltsamen, oft erheiternden Geschichten sind mir seit einigen Wochen Eckermanns „Gespräche mit Goethe“. Gerade beim geselligen Vorlesen entfalten diese über fast ein Jahrzehnt sich erstreckenden Unterhaltungen einen unbeschreiblichen Reiz. Sie zeigen aber auch zwei scharfsichtige Beobachter, und es wird klar, dass Goethe in seinen politischen Analysen weit ins 19. Jahrhundert, ja teilweise bis ins 20. Jahrhundert vorausblickte und so manche unliebsamen Entwicklungen, die nach seinem Tode eintraten, vorhersah. Er las und lobte beispielsweise noch Stendal, er befasste sich mit dem Grundgedanken des Sozialismus eines Saint-Simon und durchschaute ihn besser als die meisten Nachgeborenen, er durchschaute auch die zeitgenössische bigotte Debatte um die Abschaffung oder Beibehaltung des interkontinentalen Sklavenhandels in all ihrer Heuchelei.

Die Fühlfäden von Goethes Seele reichten also weit in die Zukunft hinein, und auch lange nach uns werden die Menschen diese Einsicht wieder und wieder bestätigt finden. Eckermanns „Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens“, das ist eins der besten, anmutigsten, tiefsten, heitersten, tröstlichsten deutschen Bücher überhaupt, so meine ich, das die Lektüre zahlloser mehr oder minder gelehrter Abhandlungen mit einem Schlag überflüssig machen kann oder diese doch mindestens in den Schatten stellt.

Heute erfreute uns besonders das Gespräch der beiden Männer über einen Traum Eckermanns, berichtet unter dem Datum vom 7. Oktober 1827.

Das Bild zeigt ein mit wolligem Gespinst bedecktes Gesträuch im Schöneberger Südgelände am heutigen Tag.

Eine Vorbemerkung sei gestattet: Der in dieser Geschichte vorkommende Hänfling, heute meist genauer als Bluthänfling bezeichnet, gehört zur Familie der Finken und zur Gattung der Zeisige. Er ist ein geselliger, in ganz Europa häufig vorkommender Singvogel, der zu Goethes und Eckermanns Zeiten gern als munterer Hausgenosse gehalten und als fleißiger Sänger geschätzt wurde, ehe dann exotische Arten wie etwa der Wellensittich ihn von diesem Platz verdrängten.

Zu einer abendlichen ruhigen Stunde mag diese Geschichte von den drei Hänflingen beim lauten Vorlesen eine wohltuende Wirkung entfalten. Sie beginnt mit den folgenden Sätzen:

Es war indes Licht gebracht, wir nahmen ein kleines Abendessen und saßen nachher noch eine Weile in allerlei Erinnerungen und Gesprächen.

Ich erzählte Goethen einen merkwürdigen Traum aus meinen Knabenjahren, der am andern Morgen buchstäblich in Erfüllung ging.

»Ich hatte«, sagte ich, »mir drei junge Hänflinge erzogen, woran ich mit ganzer Seele hing und die ich über alles liebte. Sie flogen frei in meiner Kammer umher und flogen mir entgegen und auf meine Hand, sowie ich in die Tür hereintrat. Ich hatte eines Mittags das Unglück, daß bei meinem Hereintreten in die Kammer einer dieser Vögel über mich hinweg und zum Hause hinausflog, ich wußte nicht wohin. Ich suchte ihn den ganzen Nachmittag auf allen Dächern und war untröstlich, als es Abend ward und ich von ihm keine Spur gefunden hatte. Mit betrübten herzlichen Gedanken an ihn schlief ich ein und hatte gegen Morgen folgenden Traum. Ich sah mich nämlich, wie ich an unsern Nachbarshäusern umherging und meinen verlorenen Vogel suchte. Auf einmal höre ich den Ton seiner Stimme und sehe ihn hinter dem Gärtchen unserer Hütte auf dem Dache eines Nachbarhauses sitzen; ich sehe, wie ich ihn locke und wie er näher zu mir herabkommt, wie er futterbegierig die Flügel gegen mich bewegt, aber doch sich nicht entschließen kann, auf meine Hand herabzufliegen. Ich sehe darauf, wie ich schnell durch unser Gärtchen in meine Kammer laufe und die Tasse mit gequollenem Rübsamen herbeihole; ich sehe, wie ich ihm sein beliebtes Futter entgegenreiche, wie er herab auf meine Hand kommt und ich ihn voller Freude zu den beiden andern zurück in meine Kammer trage.

Mit diesem Traum wache ich auf. Und da es bereits vollkommen Tag war, so werfe ich mich schnell in meine Kleider und habe nichts Eiligeres zu tun, als durch unser Gärtchen zu laufen nach dem Hause hin, wo ich den Vogel gesehen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als […]

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Mit erläuterndem Register besorgt von Hans Jürgen Meinerts. Im Bertelsmann Lesering 1960,  S. 462-463 (=Eintrag vom 7. Oktober 1827)

 

 

 

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„Der Maulwurf des Volkes hat die Kathedrale der Globalisierung untergraben“. Giulio Tremontis treffende Metapher

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Jan 172017
 

„La talpa del popolo ha minato la cattedrale della globalizzazione – „der Maulwurf des Volkes hat die Kathedrale der Globalisierung untergraben“, mit diesem sehr treffenden Vergleich hat Giulio Tremonti, der bekannte europäische Hochschulprofessor und Jurist  gestern Nachmittag etwa um 17 Uhr  in dem Fernsehsender RAI news 24 die aktuelle Weltlage in ein sehr aussagefähiges Bild gefasst (hier sinngemäß aus dem Gedächtnis wiedergegeben).

Ein sehr hörenswertes Interview! Die Globalisierung, so der gute Europäer Tremonti, sei seit dem Fall der Berliner Mauer eine Religion geworden. Auf dem Grundgedanken des weltweit einheitlichen Marktes habe man den einheitlichen Verbraucher erstehen lassen wollen. Man habe sich bemüht, eine Art Homo novus zu schaffen, unabhängig davon, ob die Menschen (also das Volk, il popolo) dies wolle oder nicht. Traditionen, gewachsene Bindungen, Herkünfte seien eingeebnet worden, um darauf die Kathedrale des einheitlichen Marktes zu errichten.

Bei dem Bemühen eine neue einheitliche Welt mit einem neuen einheitlichen homo consumator zu schaffen, sei zu viel in zu kurzer Zeit angepackt worden. Er selbst habe während seiner aktiven Zeit als italienischer Minister vergeblich versucht, längere Übergangsfristen zu bewirken, z.B. durch die Beibehaltung oder Einführung von Übergangszöllen, die den Schock der plötzlichen Einebnung beim Bau der Kathedrale hätten abmildern sollen.

Doch das Volk, dieser Maulwurf, habe sich nicht an die Wünsche der Herren und Meister der Globalisierung gebunden gefühlt. Mittlerweile habe das Volk die Kathedrale zu unterwühlen begonnen.

Spannend, finde ich! Man sollte darüber diskutieren. Tremonti merkt zu recht an, dass der Glaube an die Einheit des Marktes, der Glaube an den einheitlichen neuen Verbraucher, der Glaube an die Einigungskraft des Geldes eine echte politische Religion geworden ist, in deren Dienst sich viele Politiker gestellt haben. Alte Bindungen an Herkünfte, Sprachen, Orte, der Glaube an Gott und Götter, an Kunst und Sitten, an bestehende Rechtsordnungen werden ausgehebelt. Nichts darf dem Bau der einen einzigen überragenden Kathedrale entgegenstehen.

Nur das störende, störrische Volk sperrt sich gegen diesen Vorgang, denn – il popolo è populista, das Volk ist nun mal populistisch. Es ist ja sein Wesen.

Ähnlich, wenn auch nicht so brillant zugespitzt  formuliert wie bei dem live gesendeten Interview von RAI News äußerte sich Tremonti auch im Corriere della sera (Fettdruck durch dieses Blog):

Professore, non le pare eccessivo evocare l’estinzione della globalizzazione?
«Qualche giorno dopo le elezioni americane, Obama disse a Berlino che la vittoria di Trump non sarebbe stata la fine del mondo. Non è stata la fine del mondo ma sarà la fine di “un” mondo. La giovane talpa populista ha via via scavato il terreno su cui la globalizzazione aveva costruito nell’ultimo ventennio la sua cattedrale».

http://www.corriere.it/esteri/17_gennaio_16/donald-trump-fa-storia-finita-utopia-globalizzazione-giulio-tremonti-intervista-ff95f7c8-db5e-11e6-8da6-59efe3faefec.shtml?refresh_ce-cp

 

Bild: Eine Kathedrale der Zukunft wird in Mailand gebaut

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„Niemand verstand meine Sprache.“ Goethes berechtigte Klage über das gestaltlose Deutschland

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Jan 142017
 

„Mein Leiden, meine Klagen über das Verlorene schien sie zu beleidigen, ich vermißte jede Teilnahme, niemand verstand meine Sprache„, mit diesen Worten schildert Goethe sein Grundgefühl, das ihn 1788  bei der Rückkehr aus Italien nach Deutschland niederwarf.

Niemand versteht mehr Goethes deutsche Sprache, nicht einmal mehr die deutschen Theaterleute, nicht einmal mehr die deutschen Schauspieler, nicht einmal mehr die Deutschen im deutschen Theater. Ich vermisse jede Lebendigkeit im Wort, es fehlt an allem, was Goethes klingende, ja oft singende Sprache ausmacht, es wird nichts mehr erzählt auf dem deutschen Theater.“ Dies ist mein Grundgefühl, das ich aus der Inszenierung von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ am vergangenen Donnerstag aus dem Haus an der Schumannstraße nachhause nahm. Ein niederschmetterndes Gefühl, das mir über viele Stunden hinweg und bis zu  diesem Tage die Stimmung eintrübt.

Ich habe nichts verstanden. Aber es war  cool.“ So der vierzehnjährige Junge Ivan, der neben mir saß und mit dem ich einen zweiten Versuch unternahm, ihn am Deutschen Theater behutsam an Goethe heranzuführen, den Dichter, für den mein Herz seit Jahrzehnten schlägt wie sonst nur für wenige andere europäische Autoren.

Es fehlte im Deutschen Theater beim gesprochenen Wort an allem. Es fehlte jede Musikalität in der Sprache, jedes Gefühl für Klang und Rhythmus scheint den Schauspielern von einer unbarmherzigen Regie ausgetrieben worden zu sein. Sinnwidrig werden Sätze zerrissen, zueinandergehörige Wörte werden durch Zäsuren entkoppelt. Sie kennen offenbar die metrisch gebundene Sprache nicht mehr, die Regie weiß nichts anzufangen mit dem musikalisch klingenden, unfassbar reichen, farbenprächtigen Gewand, in das Goethe seine Iphigenie gekleidet hat. Dieser Goethe klingt wie ein schlecht einstudierter, schlecht aufgeführter Samuel Beckett. Sie, die Schauspieler, verschlucken und vernuscheln unbetonte Endsilben ohne die geringste Hemmung, viele Wörter sind akustisch unverständlich. Da lebt nichts. Alles wird erstickt in einem pastos aufgetragenen, kreidigen Grau in Grau. Jede Farbe fehlt in dieser gipsernen, zubandagierten  Sprache. Nur wenn sie laut werden, wenn sie schreien, dann sind sie gut, da bricht endlich ein echter Affekt durch. Gut, bitte mehr davon!

Bei dieser Inszenierung von Goethes Iphigenie musste ich unwillkürlich an ein Streichquintett denken, das sich vorgenommen hat, ein Werk von Mozart aufzuführen, zum Beispiel das c-moll-Quintett KV 406, das ungefähr zur selben Zeit wie die Versfassung  der Iphigenie entstand (1788). Die Musiker studierten die Stimmen ein. Nun kam der Regisseur und befahl: „Du Bratscher da, du machst nach jedem fünften Ton eine Pause. Lass die anderen weiterspielen! Und du da, Geiger, du unterdrückst jede schwache Zählzeit und spielst bei punktierten Notenwerten nur die erste Note. Und du, zweiter Geiger, du setzt dich mit dem Rücken zu deinen Kollegen und fiedelst auf dem Boden hockend. Und du Cellist, du streichst immer wieder deinen Bogen mit Kolophonium ein, so dass der ganze Zuhörerraum mit Staub eingenebelt wird!“ Es war klar, dass man unter solchen Bedingungen keine zumutbare Aufführung von Mozarts c-moll-Quintett zustande bringen konnte! Der Notentext war so schlechterdings nicht angemessen darzustellen. Wie sollten die Musiker darauf reagieren? Hinwerfen? Das ging nicht, denn sie wurden dafür bezahlt alles zu erdulden, alles zu erleiden, was der Regisseur ihnen befahl.

Dem Theater ist jedoch zugute zu halten, dass man sich immerhin anhand der mitlaufenden englischen Übertitel – und trotz der allzu umfangreichen Streichungen im Text – einen ungefähren Eindruck davon verschaffen konnte, was gerade auf der Bühne verhandelt ward. Aber ist dies eine sinnvolle Übung auf einer deutschen Bühne, den Text Goethes vor einem deutschsprachigen Publikum so gnadenlos zu entstellen, dass er ohne mitlaufende englische Übersetzung unverständlich bleibt?

Auch – und dies bringt mich zum nächsten Lob auf diese Inszenierung – wurde die friedhofsartig schwarz ausgezimmerte Bühne durch reichliches Auftragen eines kreidigen Pulvers in eine fahle, totenstarre Schreckenslandschaft ohne jede Farbigkeit verwandelt, was die herrlichen Harz-, Dom-, Nacht- und Kirchhofsbilder von C. D. Friedrich ins Gedächtnis rief, und so ward denn denn die beabsichtigte Mortifizierung des lebendigen Goetheschen Wortes trefflich ausgedrückt.

Goethe hat selbst im Jahr 1803 einige „Regeln für Schauspieler“ zu Papier gebracht. Nächstes Lob, denn diese Regeln haben sich die Darsteller am Deutschen Theater sehr zu Herzen genommen, begingen sie doch systematisch jeden einzelnen Fehler, den Goethe in seinen Empfehlungen bei den Schaupielern anzukreiden Anlass fand. Folgendes würde Goethe den Schaupielern erneut ankreiden:  Verschlucken von unbetonten Silben („Willkomm“ statt „Willkommen“), Vernuscheln und Verhuschen von Eigennamen, sinnwidrige Zäsuren, mangelnde Empfindung für das Gemeinte und Gesagte, Fehlen der Musikalität beim Vortrag der liedhaften Stellen, Mangel an Rhythmus beim Vortrag der metrisch gebundenen Sprache usw. usw.

Sie, die Darsteller am Deutschen Theater, vertrauten offenkundig dem deutschen Wort nicht. Sie, die Schauspieler oder wohl eher der Regisseur, glaubten Goethe offenbar kein einziges Wort.

Gut, so sei es! Sie drücken damit das fundamentale, das abgründige Misstrauen der heutigen Deutschen gegenüber den besten Teilen der Überlieferung in deutscher Sprache aus. Goethe, Kant, Schiller, Lessing, Hegel, Sigmund Freud, Albert Einstein, Thomas Mann, die Gebrüder Grimm, Johann Peter Hebel, Annette von Droste-Hülshoff, um nur einige wenige zu nennen, sie alle – diese deutschen Autoren der grauen Vorzeit  – werden heute zunehmend missachtet, verspottet, mit Füßen getreten.  Sie werden an den deutschen Schulen, den Hochschulen, Universitäten, Schauspielschulen, Kunsthochschulen kaum oder gar nicht mehr gelesen, und sie werden auch nicht mehr verstanden. Es drängt sich der Eindruck eines echten Sprach- und Kulturverlustes auf, um nicht zu sagen: „eine unglaubliche Verrohung“, wie dies Norbert Lammert heute in der Berliner Morgenpost nennt. „Gestaltloses Deutschland“, so nannte dies Goethe 1817, und er setzte ihm verzweifelt sein „formreiches Italien“ entgegen.

Insofern ist die Inszenierung von gewissermaßen erfrischender Ehrlichkeit. Sie ist zu rühmen und zu preisen. Sie sei hiermit allen Goethefreunden wärmstens ans Herz gelegt.

Danke, deutsches Theater, dass es dich noch gibt. Danke, Goethe, dass du noch gespielt wirst. Danke, deutsche Sprache, dass es dich noch gibt.

Besprochener Theaterabend: Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang Goethe. Deutsches Theater, Berlin, Aufführung vom 12. Januar 2017

Zitatnachweise:

Johann Wolfgang Goethe: „Verfolg“ [Zur Morphologie, Band I Heft 1, 1817]. Zitiert nach: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Band 17: Naturwissenschaftliche Schriften. Zweiter Teil, S. 84-101, hier S. 84. Artemis Verlag Zürich, Deutscher Taschenbuch Verlag München 1977 [=Artemis-Gedenkausgabe 1952, unveränderter Nachdruck 1977]

„Eine unglaubliche Verrohung.“ Interview mit Bundestagspräsident Norbert Lammert. Berliner Morgenpost, 14. Januar 2017, S. 3
Bild oben: Typisch deutsch! Grauer Nebel auf der Kolonnenbrücke, Berlin, Aufnahme des Verfassers am Abend des Theaterbesuches, 12. Januar 2017

 

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Ich habe genug

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Jan 122017
 

 

 

 

 

 

Am Sonntag, dem letzten Tag der Weihnachtszeit, hörte ich vormittags eine Radiosendung mit Musik im rbb Kulturradio:
So 08.01.2017 | 09:04 | Gott und die Welt. Drehtür Glauben. Wenn Menschen zur Kirche zurückfinden. Von Matthias Bertsch

Der Autor hat das Thema Kirchenaustritt und Wiederannäherung auf gewundenen Pfaden, so meine ich, in vier ausgewählten Stimmen in den wesentlichen Aspekten glaubwürdig eingefangen. Die Musik Johann Sebastian Bachs aus der Kantate „Ich habe genug“ entfaltete dazwischen  ihre überwältigende Kraft geradezu „gnadenlos“ – wieder einmal! So ist er halt, unser Bach. Unwiderstehlich. Er ist einer der Brückenbauer für verirrte Schafe, für Wege zurück.

Die leuchtende schöne Weihnachtszeit klang  mit einem abendlichen Konzert und Chören und einem kleinen Orchester und strahlenden Kinderaugen in der Kirche St. Bonifatius aus. Ich selbst fiedelte am Pult der Bratsche, das Instrument unters Kinn geklemmt, das Bach mit Vorliebe im Orchester spielte.

Die Chöre der Gemeinde haben mich nachhaltig inspiriert, und ich wünsche ihnen weiterhin diesen Eifer und diese von oben herabströmende Begeisterung. Ihnen steht die Gewalt der Hl. Cäcilie zu Gebote, die die wilden Tiere an den Streicherpulten mühelos bändigt!

Ich habe genug!
Ein Dankeschön den Chören

Bin nur ein armer Spielmann, kaum beacht,
meist mild belächelt, oft verlacht,
die Zahl der Noten, die ich spiel,
ist recht gering, drum hör ich viel,
denn ich hab Ohren groß und weit,
zum Zuhören sind sie bereit,
was andre spielen, andre singen,
das bringt in mir das Herz zum Klingen,
drum dank ich euch, Ihr Sängerinnen,
Ihr Sänger, die ihr singt im Geistesbraus,
die Töne in mir weiterschwingen,
sie leuchten, stärken, machen klug,
Ich packe ein und geh nachhaus.

Ich habe genug.

Bild: ein Schneemann, gestern Abend am Gasometer in Schöneberg

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„Feldspat, Quarz und Glimmer, die drei vergess ich nimmer“

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Jan 122017
 

Aus drei Bestandteilen – Feldspat, Quarz, Glimmer – setzt sich das Mischgestein Granit im Grundsatz zusammen. Diese ältere Einsicht gilt auch heute noch im wesentlichen.

Goethe selbst hielt den Granit bis in die 20er Jahre des 19. Jahrhunderts für das Urgestein der Erde, das unerschütterlich bis in den Erdkern hineinreiche. Allerdings wurde er nach und nach von Fachkollegen der Geologie eines besseren belehrt. Der Granit – so wissen wir heute – ist mitnichten das Urgestein der Erde, sondern selbst das Ergebnis älterer metamorpher Vorgänge in den Tiefenschichten der Erde.

Ein Blick auf „Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ von 1830 bietet einen späten Nachhall jener spekulativen Anstrengung, die bemüht ist, die Gesamtheit aller Erscheinungen das Alls, von der unbelebten geologischen Natur bis hin zum Geist zu durchmessen, zu durchschreiten, zu „schauen“.  Auch Hegel lässt noch die „Geologische Natur“ mit dem Granit beginnen, genauer, mit dem „granitischen Prinzip“.   Er schreibt in § 340:

Die physikalische Organisierung beginnt als unmittelbar nicht mit der einfachen, eingehüllten Form des Keimes, sondern mit einem Ausgang, der in einen gedoppelten zerfallen ist, in das konkrete granitische Prinzip, den die Dreiheit der Momente in sich schon entwickelt darstellenden Gebirgskern, und in das Kalkige, den zur Neutralität reduzierten Unterschied. Die Herausbildung der Momente des ersteren Prinzips zu Gestaltungen hat einen Stufengang, in welchem die weiteren Gebilde teils Übergänge sind, in denen das granitische Prinzip die Grundlage, nur als in sich ungleiche und unförmliche, bleibt; teils ein Auseinandertreten seiner Momente in bestimmtere Differenz und in abstraktere mineralische Momente, die Metalle und die oryktognostischen Gegenstände überhaupt, bis die Entwicklung sich in mechanischen Lagerungen und immanenter Gestaltung entbehrenden Aufschwemmungen verliert. Hiermit geht die Fortbildung des anderen, des neutralen Prinzips teils als schwächere Umbildung zur Seite, teils greifen dann beide Prinzipien in konkreszierenden Bildungen bis zur äußeren Vermischung ineinander ein.

Der Granit bzw. das granitische Prinzip steht in spekulativer Schau sowohl bei Goethe wie Hegel für eine Form der Bildung vor allem Leben, vor allem organischen Werden. Sie erblicken in ihm eine Art Urmuster des Werdens vor und über allem Lebendigen.

Nicht anders als bei den antiken Naturphilosophen, nicht anders als beim Evangelisten Johannes ist es ihr oberstes Ziel, eine das gesamte All, die gesamte Geschichte durchherrschende prinzipielle Einheit herauszuarbeiten, eine Theorie von allem, – eine Art Weltformel. Und genau daran arbeiten auch heute noch einige Astrophysiker wie etwa Stephen Hawking, aber auch einige Atomphysiker.

Und heute? Was wissen wir heute über den innersten Kern der Erde? Was ist noch dran an jenen naturphilosophischen Grundannahmen über den Granit?

Heute geht die Geophysik davon aus, dass der Erdkern zu etwa 85% aus Eisen (Fe) und zu etwa 10% aus Nickel (Ni) bestehe. Die verbleibenden 5% gelten als nicht endgültig geklärt. Doch hat sich eine japanische Forschergruppe in diesen Tagen mit der Hypothese an die Öffentlichkeit gewandt, es müsse sich dabei um Silicium (Si) handeln; Silicium wiederum ist im Granit reichlich vertreten! Quarz etwa ist reines Siliciumdioxid, mit Metallen bildet Silicium zahlreiche Gesteine aus; so sind auch Glimmer und Feldspat, die beiden anderen Hauptbestandteile des Granits, silicathaltige Gesteine!

Die Naturwissenschaftler zu Goethes und Hegels Zeiten lagen also nicht völlig falsch, wenn sie annahmen, dass der Granit bis in den Erdkern hineinreiche. Silicium, das zweithäufigste Element in der Erdkruste, scheint tatsächlich eine Art Bildungsgeschichte der Erde zu speichern, es kann wie der Granit auch in seinen mannigfaltigen Verbindungen mit Fug und Recht als eine Art „Archiv“ der Erdentstehung gelesen werden.

http://www.sciencealert.com/scientists-may-have-uncovered-the-missing-element-inside-earth-s-core

Bild:

Granitblöcke am Einstieg zu den Schnarcherklippen, von Goethe beim Aufstieg in die Walpurgisnacht seines „Fausts“ verewigt (es könnte genau hier gewesen sein!):
In die Traum- und Zaubersphäre
Sind wir, scheint es, eingegangen.
Führ uns gut und mach dir Ehre
Daß wir vorwärts bald gelangen
In den weiten, öden Räumen!
Seh‘ die Bäume hinter Bäumen,
Wie sie schnell vorüberrücken,
Und die Klippen, die sich bücken,
Und die langen Felsennasen,
Wie sie schnarchen, wie sie blasen!

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Im Zeichen der Zuversicht – das Beispiel Großbritannien

 Europäische Union  Kommentare deaktiviert für Im Zeichen der Zuversicht – das Beispiel Großbritannien
Jan 102017
 

Zuversichtlich dürfen wir das neue Jahr 2017 anpacken! Ein gutes Beispiel dafür liefert die britische Volkswirtschaft des soeben abgelaufenen Jahres. Hatte das Wirtschaftswachstum dort ohnehin jahrelang schon deutlich über dem der Eurozone gelegen, so setzte es sich nun noch deutlicher von Kerneuropa, also vom wahren Europa, dem Europa des Euro ab. Deutlich mehr als 2% Wachstum des britischen BIP in 2016 – eine Ohrfeige für die „Experten“, Chefvolkswirte, Zentralbankvorstände, die mit dem Risiko einer unmittelbaren Rezession im Gefolge des Brexit-Referendums gedroht hatten. Das Gegenteil ist eingetreten. Die britische Volkswirtschaft blüht und gedeiht mehr als vor dem Brexit-Votum, während die Wirtschaft der Eurozone weiterhin hinter Großbritannien und der Weltwirtschaft dreinhumpelt und lahmt. Woran liegt das? Die Experten sind uneins oder gar ratlos.

Aber lest selbst, wie Andrew Haldane, der Chefvolkswirt der britischen Zentralbank, der Bank of England, das Vorhersage-Desaster der brillanten hochbestallten Kaffeesatzleser unumwunden eingesteht (Hervorhebung durch uns):

The BoE’s chief economist noted the apparent „disconnect“ between the historically high levels of political uncertainty and the „remarkably placid“ response evident in the financial markets at present.

Before the referendum took place in June 2016, BoE Governor Mark Carney warned that the likelihood of a „technical recession“ would be superior if the majority of citizens voted to leave the EU. Instead, the U.K.’s economy outperformed all other advanced economies in 2016.

More recently, Britain’s benchmark stock index, the FTSE 100, extended its record breaking streak on Thursday as the index closed higher for the sixth consecutive day for the first time in two decades.

http://www.cnbc.com/2017/01/06/economic-forecasting-in-crisis-bank-of-england-chief-economist.html

Was lernen wir daraus? Das oft zu hörende Argument, ein Votum für den Brexit würde unweigerlich zum Niedergang der britischen Volkswirtschaft führen, scheint nicht zu stimmen. Die Sonne geht weiterhin über Albion auf.

Die britischen Bürger lassen sich durch Vorhersagen des Niedergangs oder des Weltuntergangs nicht mehr ins Bockshorn jagen. Sie stimmten für das, was sie wollten und woran sie glaubten. Und sie vertrauen den Experten und Sachverständigen weniger und weniger, zumal die führenden Chefs und Köpfe in den Zentralbanken mehr als einmal grob daneben gegriffen haben mit ihren im Brustton der Leidenschaft verkündeten Prophezeiungen.

Dabei gehen die Bürger durchaus das Risiko wirtschaftlicher Nachteile sehenden Auges ein.

Es war ein grober Fehler anzunehmen, die Stimmung in Großbritannien  hätte sich durch das Ausmalen von konjunkturellen Niedergangsszenarien beeinflussen lassen.

Fazit: Der vorhergesehene Niedergang des Vereinigten Königreiches ist vertagt, vielleicht ad kalendas graecas.

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„Vor allem Leben und über alles Leben“ – Goethes Opferhymnus auf den Granit

 Harzreise im Winter  Kommentare deaktiviert für „Vor allem Leben und über alles Leben“ – Goethes Opferhymnus auf den Granit
Jan 072017
 

Zu den merkwürdigsten Funden auf unsrer jüngsten Harzreise gehörten zweifellos die Felsklippen in der Gegend um Schierke: mächtig emporragende Türme, verwittert, klumpenartig aufeinandergeworfne Steinbrocken. „Wer hier nicht an das Werk von Riesen glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen!“, so erscholl in unserer Wandergruppe der Ausruf des kindlichsten Staunens.

Und doch – diese Felsformationen sind nicht die Tat von Riesen! Sie sind das Werk der Erdgeschichte, der „Natur“, wie wir heute wohl sagen würden. Was wir hier sehen, ist eine der „Feuersteinklippen“. Vor etwa 50 Millionen Jahren dürfte sich diese Granit-Formation gebildet haben. Bei etwa 600 bis 800° C bildeten sich im Laufe von etwa 1 Million Jahren teilweise durch Schmelze, teilweise durch hohen Druck aus verschiedenen Gesteinsarten, wie etwa Feldspat, Quarz und Glimmer, die Granite aus: sie sind magmatische Mischgesteine mit unterschiedlicher Körnigkeit und unterschiedlicher Farbgebung.

Die umgebenden weicheren Gesteine – meist Schiefer, Grauwacke, Kalkstein – wurden durch die Verwitterung im Laufe der Jahrmillionen abgetragen. Was an Granit übrigblieb, wird weiterhin von den Einflüssen der Witterung abgeschliffen, abgerundet und abgeschmirgelt. Die Geologen sprechen treffend von „Wollsackverwitterung“, – als hätten Riesen mit Wolle gefüllte Säcke übereinandergestapelt.

„Der Granit war in den ältesten Zeiten …“ Goethes zu Lebzeiten nie gedrucktes handschriftliches Fragment, in dem er nach Besteigung des Brockens und nach Besichtigung einiger Felsklippen einige Gedanken zu Papier warf, entstand nach Begehung und geologischer Erforschung der Schnarcher- und der Feuersteinklippen bei Schierke.  Gedanken, geologische Erörterungen, theoretische Erwägungen? Ja, aber nicht nur das! Darüber hinaus quillt das Stück über von Gefühlen, tastender Selbstvergewisserung, abrupten Erschütterungen des Selbstbewusstseins, von Staunen, Freude, Dankbarkeit über das, was ist – alles mengt sich hinein in dieses eruptive Glanzstück deutscher Prosa, das selbst einem Opfergang auf dem granitenen Altar der Vernunft gleichkommt. In der überragenden Bedeutung für die Erkenntnis des Goetheschen Denkweges (und darüber hinaus Hölderlins und Hegels) kaum zu überschätzen! Ein Schlüssel zum Verständnis auch seines Gedichtes „Harzreise im Winter“!

Der Prosahymnus „Der Granit war in den ältesten Zeiten“ von 1784 ist ebenbürtig an die Seite der Ode „Harzreise im Winter“ zu stellen. Beide Stücke – der genannte Prosahymnus und die 1777 in freien Versen verfasste Ode  – ergänzen einander wie Nord- und Südklippe.

Warum aber veröffentlichte Goethe das Stück zu Lebzeiten nicht? Ich vermute: es war ihm selbst zu kühn. Der Verfasser legte bekanntlich größten Wert darauf, in der Gemeinde der Naturforscher als ebenbürtig anerkannt zu werden, und er musste wohl befürchten, es hätte seinen Ruf als Geologe und Naturwissenschaftler beschädigen können, vermengt es doch lyrische Herzensergießungen mit harten wissenschaftlichen Befunden, präzise Beobachtungen mit spekulativem, schweifendem Bekenntnis: kein naturwissenschaftlicher Text ist es also.

Nachstehend ist der Hymnus auf den Granit zu hören. Genieße! Hörst du, wie der brausende Wind zwischen den klippenartig gefugten Sätzen hindurchweht?

Johann Wolfgang Goethe: „Der Granit war in den ältesten Zeiten“ [=Über den Granit], [Handschriftliches Fragment 1784] zitiert nach: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Band 17: Naturwissenschaftliche Schriften. Zweiter Teil, S. 478-483. Artemis Verlag Zürich, Deutscher Taschenbuch Verlag München 1977 [=Artemis-Gedenkausgabe 1952, unveränderter Nachdruck 1977]

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„Ich stand auf dem Bug eines Schiffes“

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Jan 062017
 

Ein Wanderer erzählt: „Es war früh am Tag. Ich stand einsam, vorne an die Reling gelehnt, auf dem Bug eines Schiffes. Unter dem Vordersteven wogten in gleichmäßigem Takt die grünschimmernden Wellen wie die Wipfel eines Waldes, über mir spannte sich ein wolkenloser Winterhimmel. Mein Blick flog dem Geier gleich schwebend über die Gischt dahin auf die Morgenwolken zu. Der aus der unergründlichen Tiefe heraufragende Tang streifte mit leichter, fast zärtlicher Berührung den Bauch des Schiffes. Wir hielten unerschütterlich Kurs, gleichmäßig tuckerten die Motoren. Uns umgab eine unermessliche Weite, grün wie ein Fichtenwald schimmerte das Meerwasser. Vor uns lagen fruchtbare Gegenden, Täler mit satten Weiden, von denen die Sagen berichtet hatten. Im Bauch des Schiffes schlief die Besatzung. Ab und zu erklang krächzend ein Lied aus dem Lautsprecher. Die Mannschaft wünschte sich immer wieder Paolo Conte. Jeden Tag besuchte uns gegen Mittag ein Seeadler, den die Seeleute durch kleine, aus der Kombüse gereichte Fleischstückchen angefüttert hatten.“

„Wohin führte die Fahrt euch?“, fragte ein Zuhörer.

„Wir wussten es nicht“, erwiderte der Erzähler. „Die Sagen der alten Seefahrer boten nur gleichnishafte Andeutungen. Und es war meist nicht klar, ob diese Andeutungen wirkliche Gleichnisse für etwas Unsichtbares waren oder doch die Wirklichkeit nur gleichnishaft beschrieben. Hieß es zum Beispiel: Diese Klippe stand schroffer, zackiger, höher in die Wolken, da dieser Gipfel noch als eine meerumfloßne Insel in den alten Wassern dastand; um sie sauste der Geist, der über den Wogen brütete, so erfahren wir nicht, ob es diese Klippe hier war, auf der wir damals in ferner Vergangenheit standen: diese Schnarcherklippe, die wir am 29.12.2016 bei herrlichstem Wetter erklettert hatten. Wir erfahren nicht, woher die Kunde von alten Wassern zu uns kam, und wie und wo der Geist – aber welcher Geist? – brütete, bleibt unfaßbar.“

„Aber daß das Unfaßbare unfaßbar ist, das haben wir gewußt“, wendete unmutig ein Zuhörer ein.

„Ferner“, fuhr der Wanderer fort,  „könnte es sich bei der Klippe in der Sage auch um den Bug eines Schiffes handeln, der mit einer Art Granit-Plateau ausgestattet ist, um dem Betrachter den Eindruck des Unerschütterlichen zu vermitteln.“

„Dann wäre also dieser Schiffsbug eine Täuschung, der granitartig fest gehaltene Kurs eine Art Zaubertrick, um die Mannschaft bei guter Stimmung zu halten und eine Meuterei zu verhindern?“

„Deine Frage ist unentscheidbar“, erwiderte der Erzähler. „Die Sagen versuchen das Unentscheidbare zu entscheiden, aber sie enden in offenen Fragen. Und diese Fragen treiben dich dazu an, selber hinauszusteuern auf den weiten Ozean, der grün unter deinen Füßen wogt wie die Wipfel eines Fichtenwaldes in deiner Heimat.“

 

 

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Wie groß war Goethes Wortschatz?

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Jan 052017
 

„Was glauben Sie, wie groß ist Goethes Wortschatz?“ Diese Frage tauchte bei einem Vortrag zu „Goethes Harz-Reisen“ im Rathaus Schierke vor wenigen Tagen auf.

Es herrschte keine Einigkeit! Manche tippten auf 20.000 Wörter, ein anderer auf 8.000, doch den Vogel schoss ein Wandersmann aus dem fernen Berlin ab! Sein Finger schnellte in die Höhe, und als er endlich drangenommen worden war, behauptete er: „Goethe verfügte nachweisbar über einen ungeheuer großen aktiven Wortschatz: Etwa 90.000 Wörter! Das ist ausgezählt worden!“

Wie konnte der Berliner Wanderer das wissen?  Wir fragten ihn gleich anschließend, er stellte sich als ein gewisser Johann Baptist Semaforo, Germanist aus Bari/Apulien, vor – wobei Zweifel angemeldet seien, ob dies sein echter Name war – und er verwies uns auf das Goethe-Wörterbuch, das – so erklärte er uns –  tatsächlich versuche, den gesamten Goetheschen Wortschatz zu erfassen, und siehe da, eine heutige Nachprüfung ergibt: Semaforo hatte recht. Die Herausgeber des Goethe-Wörterbuches legen sich in der Tat nach Auszählung der etwa 3 Millionen Wörter, die aus Goethes Feder nachgewiesen sind, wie folgt fest, und wir zitieren:

 

Beschränkt man sich überdies bei den Namen auf die literarisch und kulturhistorisch bedeutsamen, so ist damit die Vorgehensweise des Goethe-Wörterbuchs umschrieben, das mit rund 90.000 Wörtern (Lemmata) rechnet.

Die Stichwortmenge des Adelungschen Wörterbuchs wird auf 60.000 geschätzt; Campe nennt für sein Wörterbuch die Zahl 141.227. Auch im Vergleich zu bisher bilanzierten Wortschätzen anderer Autoren erscheint Goethes Wortschatz exzeptionell groß: Für Luthers deutsche Schriften sind rund 23.000 Wörter gezählt worden, für Storm (ohne die Briefe) 22.400, für Ibsen 27.000, für Shakespeare 29.000, für Milton 12.500, für Puschkin 21.200, für Cervantes 12.400.

Quelle: https://adw-goe.de/forschung/forschungsprojekte-akademienprogramm/goethe-woerterbuch/goethes-wortschatz/1-umfang-und-proportionen/#c1334

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Entspricht das griechische „πρὸς τὸν θεόν“ dem kroatischen „u Boga“ und dem deutschen „bei Gott“?

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Jan 042017
 

1.U početku bijaše Riječ i Riječ bijaše u Boga i Riječ bijaše Bog.
2. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
3. Im Anfang war das Wort  und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.
4. Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν, καὶ θεὸς ἦν ὁ λόγος.
5. Am Anfang war das Gespräch und das Gespräch war zu Gott und das Gespräch war Gott.

Fünf Mal dasselbe, nur mit etwas anderen Worten ausgesagt? Die erste Fassung ist kroatisch; sie hörte ich so beim Weihnachtsgottesdienst am 25. Dezember 2016 in einer Berliner katholischen Kirche. Die zweite Fassung ist der lutherischen Jubiläumsausgabe der Bibel aus dem Jahr 2017 entnommen. Die dritte Fassung wird in der neuen katholischen Einheitsübersetzung von 2016 angeboten. Die vierte Fassung ist der heute allgemein zugrundegelegte griechische Ausgangstext (Nestle-Aland, 28. Aufl.). Die fünfte Fassung ist der Vorschlag des hier Schreibenden.

Die kleinen Partikeln, die Präpositionen und die Konjunktionen, der bestimmte Artikel und der unbestimmte Artikel sind es häufig, an denen sich der Gesamtsinn eines Satzes entscheidet, in diesem Fall auch der Gesamtsinn eines Textes, also des vierten Evangeliums. Die griechische Präposition πρὸς mit Akkusativ bedeutet in der natürlichen griechischen Sprache der damaligen Zeit und auch bei Johannes eine Gerichtetheit oder eine Bewegung zu etwas hin, auf etwas zu; sie bedeutet keine gleichbleibende räumliche oder zeitliche Nähe. Dynamik, nicht Statik ist stets angesagt!

So heißt es über Nikodemus (Joh 3,2):

οὗτος ἦλθεν πρὸς αὐτὸν νυκτὸς – „er kam des Nachts zu ihm“, „der kam zu ihm bei Nacht“, „dieser suchte ihn nachts auf“ o.ä.

Joh 8,1:

Ἰησοῦς δὲ ἐπορεύθη εἰς τὸ ὄρος τῶν ἐλαιῶν – „Jesus ging zum Ölberg“ o.ä.

Dementsprechend sagt Jesus in seinem Schlussgebet laut dem Johannesevangelium (Joh 17,13):

νῦν δὲ πρὸς σὲ ἔρχομαι – „nun komme ich zu dir“ o.ä.

Der sprachliche Befund ist eindeutig; er lässt es meines Erachtens nicht zu, die Präposition πρὸς cum accusativo als bei oder kroatisch u zu übersetzen.

Der Logos, die gesprochene, zwanglose Rede, der sprachlich verfasste Sinn-Austausch, der „sermo“, wie Erasmus Logos ins Lateinische übersetzt, das „Gespräch“ suchte gleichsam Gott auf, es suchte Gott, es war in Bewegung auf Gott hin, es war zu Gott gerichtet – ohne doch schon je und je bei ihm zu sein. Es hatte Gott nicht, es war nicht bei Gott, es war vielmehr zu Gott hin.

Johannes scheint den Anfang als eine Art sprachliches Geschehen in der Trennung zu denken. Die Trennungserfahrung, nicht die Einheit scheint im vierten Evangelium am Beginn der Schöpfung zu stehen. Am Anfang stand keine Einheit, sondern eine Mehrheit. Gehen-zu, Suchen, Aufsuchen, das ist der Anfang.

Die Folgerungen aus dieser Auffassung, die sich in den bewussten Gegensatz zum jahrtausendealten Hauptstrom der theologischen, besser: der christologischen Übersetzungstradition des vierten Evangeliums stellt, sind vorerst nicht absehbar, sie sind jedenfalls beträchtlich.

Bild:
Dem Adler gleich,
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend
Nach Beute schaut,
Schwebe das Gespräch
Übers Gebirge hin.

Blick vom Nordturm der Schnarcherklippen auf die beiden Brockengipfel im Harz; 671 m ü. NN, bei Schierke, aufgesucht und bestiegen am 29.12.2016

 

Quellen:
1) Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe. 1. Auflage. Katholische Bibelanstalt, Stuttgart 2016, S. 1226 (Joh 1,1)
2) Die Bibel. Lutherübersetzung. Nach Martin Luthers Übersetzung. Lutherbibel. Revidiert 2017. Jubiläumsausgabe. 500 Jahre Reformation. Mit Sonderseiten zu Martin Luthers Wirken als Reformator und Bibelübersetzer. Deutsche Bibelgesellschaft,  Stuttgart 2016, S. 108 (Joh 1,1)
3) Nestle-Aland. Novum Testamentum graece. 28., revidierte Auflage, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2012, S. 292 (Joh 1,1)

 

 

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Die unversiegliche Kraft des alten Neuen. Zum Antritt des Neuen Jahres

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Jan 022017
 

Groß und stark und zuversichtlich kam das Neue Jahr herauf. Wir begrüßten es im Harz. Zwei Tage vor Silvester bestiegen wir in völliger Dunkelheit den Brocken; dort erschien nach dem ersten farbenprächtigen Präludium des Anstiegs zuerst ein glutroter Fleck in weiter Ferne, ein dunkelrotes Etwas, das sich wie eine glühende Esse zischend und gischtend ausbreitete. Dann erst hob sich der Feuerball vor unseren Augen über den Horizont, bezwingend und unbezwinglich trieb es ihn höher und höher.

Das Neue Jahr beginnt zuversichtlich, stark, mutig, staunend, lächelnd. Der Mut, die Zuversicht, die Stärke, das Staunen, das Lächeln, sind sie alle noch da, die alten Tugenden, die unerschöpflichen, sonnenähnlichen Kraftquellen? Ja, sie sind’s! Wir haben sie auf dem Brocken unversieglich gespürt.

Die Ihr dies lest und seht, möget auch Ihr sie verspüren!

Bild: Sonnenaufgang am Morgen des 30. Dezember 2016, Brocken/Harz

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