15 Minuten Überzeugungsarbeit für jede Kandidatin und jeden Kandidaten … auch in Deutschland möglich?

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Mai 012017
 

Eine großartige Sendung war in meinen Ohren die zweite lange, abschließende, am 20. April ausgestrahlte Fernsehdebatte von France 2 für die 2 Kandidatinnen und die 9 Kandidaten „15 minutes pour convaincre – 15 Minuten Überzeugungsarbeit.“ Noch heute bequem nachzuhören auf Youtube! Zwar dürfte vor der ersten Runde der französischen Präsidentenwahlen  festgestanden haben, dass nur 4 Kandidaten (Fillon, Le Pen, Macron, Mélenchon) echte Aussichten auf den Einzug in die Stichwahl  hatten, doch wurde auch den anderen 7 zugelassenen Kandidaten dieselbe Zeit eingeräumt, in der sie möglichst viele Menschen für sich und ihre Sache gewinnen konnten. Vorbildlich!

Was fiel einem hier als deutschem Zuhörer auf? Nun, zunächst einmal die gute Leistung der beiden fragenstellenden Journalisten, Léa Salamé und David Pujadas! Es wurde einem nicht klar, welchen der 11 Kandidaten die Journalisten persönlich bevorzugten. Und so muss das ja auch sein.  Die Zuhörer sollen entscheiden, nicht die Journalisten! Bei jedem der 11 Kandidaten ließen die beiden die wählbare Saite erklingen. Keine der Kandidatinnen hauten sie von vornherein in die Pfanne, jede Kandidatin konnte sich von der besten Seite her zeigen. Die kritischen Rückfragen der Moderatoren setzten behutsam nach, ohne je der Gefahr des Draufhauens oder des Aushebelns zu erliegen. So sollte das eigentlich immer sein.  Vorbildlich!

So kamen die entscheidenden Fragen des Wahlkampfes zur Sprache – Fragen der Identität Frankreichs vor allem. Alle 11 französischen Kandidaten von ganz links bis ganz rechts stellten sich ausdrücklich den folgenden Fragen nach der Identität Frankreichs, die derzeit zentral für die französische Politik sind:

Wie sehen wir Franzosen uns? Wie wollen wir sein? Was ist unsere Leitkultur? Was macht uns als französische Nation aus? Was ist es doch, das unsere französische Welt im Innersten zusammenhält? Wie verteidigen wir das französische Erbe angesichts der Globalisierung durch Coca Cola, Facebook, Microsoft und Hollywood? Wie führen wir uns als stolze Franzosen, die wir alle sind und bleiben wollen,  in das 21. Jahrhundert? Welche Form soll der französische Nationalstolz annehmen? Wie geht es eigentlich mit der Europäischen Union weiter? Wo drückt da der Schuh? Wie schaffen wir es, die unleugbaren Mißstände in unserem Vaterland Frankreich zusammen mit den europäischen Partnern zu beheben? Wie vermitteln wir das reiche französische und danach auch das europäische kulturelle Erbe unseren Kindern weiter? Brauchen wir in Frankreich mehr zentrale Steuerung durch Paris – oder mehr Rückgabe der Verantwortung an die unteren Ebenen? Mehr Zentralismus oder mehr Subsidiarität? Mehr Durchgriffsrechte von oben – also von Brüssel und von Paris?  Oder mehr Zusammenhalt von unten und von innen heraus (also aus Aix, aus Donzy, aus Bourges, aus Marseille)?

Unbedingt sehenswert, diese Sendung!  Wäre so etwas auch in anderen Ländern möglich?

Denn ähnliche Fragen – Was ist unsere Leitkultur, welches Leitbild schwebt uns vor, wer sind unsere Vorbilder? – stellen die Menschen auch in den anderen Ländern Europas, also z.B. in Österreich, in der Schweiz, in Russland, in der Ukraine, in Dänemark, in Griechenland und in Großbritannien!

 

 

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