Im Treibhaus

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Jun 302017
 

Kurzes Aufatmen nach den sintflutartigen Regenfällen der letzten 30 Stunden! Wie in einem Treibhaus ist es heute Mittag. Langsam und schwer kriechen die Menschen aus ihren Quartieren hervor. Die Sonne steht nur als trüber Schein über der Stadt. Ein Erkundungsgang führt mich ins Schöneberger Habichtsquartier am alten Lokschuppen. Werde ich das lockende Gickern des Habichts hören, das ängstliche Anschlagen der Amseln?

Hochgewölbte Blätterkronen spannen sich wie Baldachine über üppig wucherndem Rankenwerk. Schweigend neigen sich die Zweige, kein menschlicher Tritt ist zu vernehmen. Wie einsam ist’s hier! Schwere Tropfen rinnen die Blätter herab. Da hinter mir, das Aufrauschen des Windes, ein sanftes Rascheln!

Ich wende mich: Ein schwerer Vogel nimmt den Ansitz wohl drei Klafter über mir. In seinen Krallen hält er blutiges Gekröse. Ein prachtvolles Tier! Die braungebänderte Brust zeigt ihn eindeutig als Habicht an, die stattliche Größe – wohl ein halber Arm eines Kriegers – weist den Vogel als Weibchen aus. Deutlich über 1 Kilo wird es schon wiegen!
Herrisch wendet das Tier den Kopf hin und her. Wer wagt es? Nein, dich stört hier niemand, und auch ich bin dein Feind nicht!

Schließlich aus innen heraus – der Entschluss zum Abflug. Du stürzt dich hinab in die grünen Tunnel, weit breitest du die Schwingen aus und fliegst berührungslos hindurch durch das Rankengemenge, über den Mulch hin, als wäre es Deine Bahn, Deine Spur, Dein Revier!

Foto: Habichtweibchen, aufgenommen heute um 13.25 Uhr im Natur-Park Schöneberger Südgelände

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Über die Entstehung des Neides aus der Bewunderung

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Jun 262017
 

„Is this what my consulship is going to consist of, Tiro? A year spent running back and forth between the patricians and the populists, trying to stop them tearing one another to pieces?“

„Soll denn etwa mein Konsulat in so etwas bestehen, Tiro? Soll ich ein Jahr damit verbringen, zwischen dem Establishment und den Populisten hin und her zu laufen? Soll ich versuchen sie daran zu hindern, einander in Stücke zu reißen?“

Die ungeheure Überlegenheit Ciceros über seine Zeitgenossen hat zweifellos kaum einer so gut erkannt wie sein Schreiber Marcus Tullius Tiro, dem wir einen großen Teil der Überlieferung der Ciceronianischen Schriften verdanken. Ja, ich gehe weiter: ein Mann, dem Cicero so viel anvertraut hat, konnte gar nicht verhindern, dass seine eigene Persönlichkeit in die Diktate Ciceros mit einfloss! Kongenialität! Tiro war, so dürfen wir vermuten, eine Art schattenhaftes Gewissen Ciceros.

Und kongenial nähert sich der britische Schriftsteller Robert Harris diesem Schriftsteller-Duo an. Harris ist derjenige, den du unter den derzeitigen Historien-Schriftsellern am meisten bewunderst. Du bewunderst Harris wegen seines umfassenden, bildlichen Verstehens hochkomplexer Lagen so sehr, dass du ihn schon beneidest, ja – dass du dir in Zeiten moralischer Schwäche fast vorstellen könntest, ihn zu hassen.

Ich frage: „Neid, der aus Bewunderung erwächst? Haß, der aus Neid erwächst?“

So ist es wohl… Es denkt in dir: „Warum er und nicht ich? Warum versteht er Cicero und Tiro besser als ich ihn bis dahin verstanden habe?“ Woher kommt ihm diese Einfühlungsgabe, sich in die Psyche eines Politikers (in Lustrum), eines Finanzjongleurs (in Fear Index), eines Massenmörders (in Fatherland) hineinzuversetzen?

Ja, so entsteht Neid, so kann auch Hass entstehen. „Warum er und nicht ich?“ Das ist die Wurzel des Neides.

Doch ist dies nur eine dunkle, kaum eingestandene Regung.

Du betrachtetest gestern lange die stille Horizontlinie des Wannsees. Der Sand lag zu unseren Füßen, wir waren eine Stunde lang die einzigen Badegäste an diesem Ort, der bei großer Hitze bis zu 5000 Menschen zugleich aufnimmt.

Es war einsam um uns dort. Himmel und See blieben bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, der von drüben, dort wo die weiße Villa am Wannsee ruhte, allerlei trübe und schwer lastende Gedanken herüberwehte.

Der langsame Aufstieg auf den in roten Ziegeln gemauerten Turm im Grunewald brachte die Befreiung von der Ahnung des Neides. Die Bewunderung trat wieder hervor. Und zuletzt setzte ein heftiger, fröhlicher Regen ein. Ich danke dir für alles, was du geschrieben hast, Robert.

Zitatnachweis:
Robert Harris: LUSTRUM. Hutchinson, London 2009, hier Seite 20

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Drei Frauen beantworten die Frage: Was ist deutsch?

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Jun 242017
 

Nach Neil MacGregor, Dieter Borchmeyer, Thomas de Maizière, deren Thesen und Bücher wir eifrig gelesen haben, kommen nun Angela Merkel, Toni Garrn und Anne-Sophie Mutter in der BILD zu Wort. Grandioser Bilderbogen zu dieser Frage, die eine typisch deutsche Frage ist!

Hier drei erste Beobachtungen:
Das Gestern soll keinen Bann über das Heute ausüben. Es herrscht in dieser BILD – im Gegensatz zu den drei genannten Männern – ein Blick auf das vor, was die Deutschen heute und morgen sind, heute und morgen sein wollen – nicht auf das, was sie früher waren!

Das Hier und Jetzt zählt. Was wollen wir sein, was wollen wir für unsere Kinder? Gut gemacht von den Frauen!

Goethe und Schiller, Kant und Hegel, Thomas Mann, Kafka und Albert Einstein spielen dabei keinerlei Rolle. Das Deutschland der männlichen, allzu männlichen Dichter und Denker ist endlich vorbei.

LIES DAS:

BILD Deutschland. Unabhängig. Überparteilich.  22. Juni 2017, passim, darin besonders:

„Was ist deutsch?“. Bundeskanzlerin Angela Merkel buchstabiert unser Land. Seite 2

„Adiletten können so sexy sein.“ BILD trifft Top-Model Toni Garrn. Seite 4

Anne-Sophie Mutter. „HIMMLISCH! Meine Top 10 der deutschen Klassik.“ Seite 8-9

 

Diese BILD-Ausgabe wurde überall kostenlos in die Briefkästen geworfen. Neben den Büchern und Thesen von Dieter Borchmeyer, Neil MacGregor und Thomas de Maizière unbedingt lesenswert. BILD lesen lohnt. Lösungswort des Preisrätsels übrigens: Das bringt nur BILD.

Bild: ein märkisches Kornfeld mit Blumen. Schorfheide. Hier. Jetzt.

 

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Was war früher anders?

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Jun 182017
 

Die lange Kohl-Nacht„, eine sechsstündige, sehenswerte Dokumentation aus Anlass des Todes von Helmut Kohl.

http://programm.ard.de/TV/Programm/Jetzt-im-TV/?sendung=28111137269121

Wir verneigen uns respektvoll vor dieser großen Persönlichkeit Helmut Kohl.

Das hindert uns aber nicht daran, dieses authentische, in alle Ausführlichkeit ausgebreitete Material mit wachem Sinn anzusehen. Und dies fällt auf, dies sind ersten Eindrücke, die täuschen mögen, die aber doch haften bleiben:

  1. Es wurde damals noch herzhaft vor laufenden Kameras geraucht, teils Pfeife wie von den Herren um Helmut Kohl, teils Zigarette wie von Günter Gaus und Helmut Schmidt.

2. Es wurden noch vor laufender Kamera ausführliche Fragen gestellt, so insbesondere durch den unvergessenen Günter Gaus. Die Menschen hatten mehr Zeit für langes, beharrliches Fragen und Antworten, Werken und Schaffen, langes beharrliches Arbeiten und Feiern, Singen und Tanzen, Spielen und Lernen. Es gab weniger Ablenkungen.

3. Es gab bei den Deutschen noch ein lebendiges Gefühl, ein Volk zu sein. Man litt öffentlich und privat an der Teilung Deutschlands durch Stacheldraht und Mauer, man betrauerte in Deutschland öffentlich auch die eigenen Opfer, die eigenen Toten, nicht nur die Opfer und die Toten der früheren Kriegsgegner. Man, oder besser gesagt Politiker wie Adenauer, Schumacher, Brandt, Genscher, Kohl und viele andere arbeiteten tatkräftig vor allem am Aufbau der Demokratie in Freiheit und Würde, an der Aussöhnung und der Freundschaft mit den früheren Feinden zweier Weltkriege.

4. Weniger Wert als heute wurde auf die unermüdliche Pflege, systematische Vertiefung, wissenschaftliche Untermauerung, Bekanntmachung und symbolische Weitergabe der Gefühle von deutscher Schuld, deutscher Schande und deutschen Verbrechen gelegt, mit denen unsere Schulkinder heute in Deutschland heranwachsen. Man lebte damals noch im Gefühl, es sei nicht alles schlecht in der deutschen Geschichte vor 1933 gewesen; man versuchte damals, die Jahre 1933 bis 1945 als zwölf verbrecherische Jahre, als großen Sündenfall und große Ausnahme und absoluten Tiefpunkt darzustellen und zu überwinden und setzte sie noch nicht wie heute als überzeitlich bannende, mythische, absolute Größe, in deren nächtlichem Schatten die Deutschen als Kainsvolk und als Tätervolk ewige Zeiten leben müssten.

5. In den 50er, 60er und 70er Jahren wurde noch vor laufenden Kameras die korrekte indirekte Rede verwendet! Diese sehe, so erklärten es uns damals unsere Deutschlehrer, grundsätzlich den früher Konjunktiv Präsens genannten, heute meist als Konjunktiv I der indirekten Rede bezeichneten Konjunktiv vor; dieser Konjunktiv Präsens, so erklärten sie uns damals, sei nur im Falle der Gleichheit von Konjunktiv I und Indikativ Präsens durch den Konjunktiv II, der früher meist als Konjunktiv Imperfekt bezeichnet worden sei, zu ersetzen.

6. Auch früher, in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland, wurde geschimpft, auch früher wurde hart an der Grenze zur Beleidigung gestritten, aber alles geschah noch mit einer gewissen Mäßigung. Kritiker der herrschenden politischen Mehrheitsmeinung wurden nur ausnahmsweise als Feinde oder Verräter beschimpft und als Nazis verunglimpft.

7. Die gesprochenen Sätze waren damals, in den 50er und 60er Jahren länger, die damalige deutsche Sprache wirkt von heute aus gehört gepflegter. Der Historiker Dr. Helmut Kohl, der offenkundig noch richtig gutes Latein gelernt hatte, bildete in seinen frühen Interviews in den 60er Jahren aus dem Stegreif heraus lange, an den klassischen Vorbildern Demosthenes, Isokrates, Caesar und Cicero geschulte Perioden. Sie sind heute noch hörenswert!

Bild: Auch Kohls Leistung und Kohls Verdienst: Die Flagge des Europarates, d.h. die Flagge aller 47 europäischen Staaten flattert froh auf dem Deutschen Bundestag in Berlin, gleichberechtigt, auf derselben Höhe wie die Flaggen der Bundesrepublik Deutschland. Aufnahme vom 16. Juni 2017, nachmittags, am Todestag Helmut Kohls

 

 

 

 

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Wu de Hosen Husn haaßn… oder: Wo sind wir zuhaus?

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Jun 132017
 

Hanne spricht:

Wo de Hosen Husn haaßn
un de Hasen Hosn haaßn
do sei mer drham.

Wo sind die daheim, die so etwas von sich geben? Ein lustiges Rätsel, gar manchem Deutschen unlösbar, und doch ist dies Rätsel ein Kinderspiel im Vergleich zu den Schwierigkeiten, denen sich einer jener Hunderttausenden syrischer, ägyptischer oder eritreischer Migranten gegenübersieht, wenn er im Erwachsenenalter ohne jegliche Vorkenntnisse in einer europäischen Sprache mit dem Lernen des Deutschen als Fremdsprache (DaF)  beginnt!

Hannes erzählt:

Wir recht du hast, Hanne! Gar manche, ja viele Geflüchtete in meinem Bekanntenkreis besuchen seit 10 oder noch mehr Wochen den deutschen Sprachkurs und können immer noch nicht die so wichtigen Konsonanten p/t/k bzw. b/d/g oder die Vokale o (kurz-lang) und u bzw. e und ä unterscheiden oder nachbilden! Sie kennen und können sie nicht. Sie werden stattdessen offenkundig im Sprachunterricht bombardiert und vollgestopft mit geschriebenen Texten und Formeln, mit abstraktem Regelwissen, mit zu vielen Einzelwörtern, aber sie können und kennen die Laute nicht. Ein Unding!

Hanne erwidert:

Ganz meine Rede, das erfahre ich ebenso in meinen Kursen! Da sind wir auf einer Wellenlänge: Es ist wirklich wichtig ein ö vom u und vom i zu unterscheiden! Nimm können, kennen, Kissen, küssen… Die isolierten Laute und die einfachen zweisilbigen Wörter wie etwa Mama, Papa, Hase, Hose, zuhause, daheim, spielen, schlafen, essen, küssen, kennen sind das geeignete Ausgangsmaterial. Sie treten zusammen zu einfachsten Ausrufen und Sätzen, zu einfachsten Reimen und Liedern, die nach und nach den Mutterboden bilden, in den sich behutsam zarte Würzlein des grammatischen Regelwissens einsenken können.

Hannes bekräftigt:

Ich stimme dir zu!  Die Schulung von Ohr und Stimme ist das A und O beim Anfängerunterricht für Migranten im Erwachsenenalter; sie ist das unerschütterliche Fundament, ohne das jeder Sprachunterricht auf Sand gebaut ist. Ich habe das damals in meiner Zeit als DaF-Dozent wie auch heute immer wieder bemerkt, zum Beispiel auch bei den erwachsenen Zuwanderern hier.

Hanne:

Besonders wichtig für die muttersprachliche Lehrerin ist es, sich ein deutliches Bild von den Lauten der deutschen Sprache zu machen. Ich als Lehrerin muss vorbildlich klar, eindeutig und wahrnehmbar artikulieren, damit sich die einzelnen Laute dem Ohr der Lernenden einprägen.

Hannes fragt:

Was rätst du uns nun? Wie kann sich der künftige Lehrer für Deutsch als Fremdsprache in die Klippen und Fallstricke  der deutschen Lautgebung einarbeiten?

Hanne antwortet:

Vor allem muss sich die Deutsch-Lehrkraft selber der leiblichen und organischen Vorgänge beim Sprechen durchaus bewusst werden. Ohne bewusstes, vorbildliches  Sprechen findet kein sinnvoller Unterricht für Lernende im Erwachsenenalter statt! Mir hat es damals bei der Selbstausbildung meiner Sprechwerkzeuge und bei der Vorbereitung für den DaF-Unterricht geholfen, die folgenden Bücher zu Rate zu ziehen:

Klaus Heizmann: So spreche ich richtig aus. Eine Hilfe für Redner, Chorleiter und Sänger. Verlag Schott, Mainz
Egon Aderhold / Edith Wolf: Sprecherzieherisches Übungsbuch. Henschel Verlag, Berlin
Der kleine Hey. Die Kunst des Sprechens. Nach dem Urtext von Julius Hey. Neu bearbeitet und ergänzt von Fritz Reusch. Verlag Schott, Mainz

Hannes drängt ungeduldig:

Komm doch nun endlich zur Lösung des Rätsels, das dem Buch „So spreche ich richtig aus“ entnommen ist:

Wo de Hosen Husn haaßn
un de Hasen Hosn haaßn
do sei mer drham.

Woher stammen diese Menschen?

Hanne nennt die Lösung:
Aus dem Erzgebirge.

Beleg:
Klaus Heizmann: So spreche ich richtig aus. Eine Hilfe für Redner, Chorleiter und Sänger. Verlag Schott, Mainz, 2. Auflage 2011, S. 21

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Schritte von der Verdachtskultur zur Kultur des Vertrauens

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Jun 102017
 

Die Berliner Landes- und Bezirkspolitik erzeugt parteiübergreifend allzu oft eine Kultur des Verdachts, zum Beispiel indem sie Angst vor Veränderungen schürt, indem sie den Wandel aussperrt, indem sie starr am Vorhandenen festhält. Man gewinnt oft den Eindruck, die paternalistische Politik Berlins wollte das freie Handeln freier Menschen verhindern und traue ihnen nichts zu. Die Verhängung einer Erhaltungsverordnung – gekoppelt mit der Aufforderung an die Bürger, „verdächtige Baumaßnahmen“ zu melden – ist ein bezeichnendes Beispiel dafür. Allein schon das Wort „Verdachtsgebiet“ spricht Bände! So viel Verzagtheit, so viel Missmut, so viel Angst prägt ein solches Vorgehen, wie man es wieder und wieder im Bundesland Berlin sehen kann! Dabei hat nachweislich eine derartige typisch Berliner Verhinderungspolitik – zu der auch das Verbot privater Ferienwohnungen gehört – das unleugbare Steigen der Mieten weder verhindern noch verlangsamen können; und auch private Investoren ziehen sich zunehmend aus dem Wohnungsbau zurück. Wen wundert’s?

Um so wichtiger war es mir heute, dagegen kräftige Zeichen des Vertrauens aufzunehmen, sobald sie sich bieten würden! Und so geschah es! Angesagt war heute das Ordnen meines reichen Notenbestandes.  Dazu kauften wir ein Regal zum Selberbauen. Ein Möbeltaxi brachte es nachhause. Ich knüpfte ein Gespräch mit dem Fahrer an. Sein Name war Ismael. Sofort stellte sich eine Vertrauensbasis her. Denn Ismael, das ist ja der erstgeborene Sohn Abrahams, gezeugt mit der Magd Hadschar oder auch Hagar, wie sie bei uns meist genannt wird. Wie die meisten anderen biblischen Gestalten auch, so erscheint der Urvater Abraham oft eher schwach, ja zwielichtig. Die Art, wie er Hadschar und den gemeinsamen Sohn Ismael in der Wüste aussetzt, wird schonungslos sowohl in jüdischen wie auch in muslimischen Quellen geschildert: er gibt den Einflüsterungen seiner Erstfrau nach und verstößt Mutter und Sohn in die wasserlose Wüste. Clemens Brentano hat dieses Schicksal sehr ergreifend und voller Mitgefühl besungen:

O Wüste, Traum der Liebe, die verachtet
Vom Haus verstoßen mit der Hagar irrt,
Wo schläft der Quell? da Ismael verschmachtet,
Bis deine Brust ihm eine Amme wird.

Das Fehlverhalten Abrahams wird weder in der Bibel noch im Koran beschönigt. Und doch wird dieser verstoßene Erstling Abrahams zum Stammvater der Muslime weltweit werden, auf den sie sich heute alle noch beziehen! In der wunderbaren Errettung Ismaels aus der wasserlosen Wüste erblicken viele Muslime einen besonderen Gnadenbeweis – „und Gott findet dich…“, wird Brentano in seinem grandiosen Gedicht „Der Traum der Wüste“ dichten.

Nicht überrascht war ich, als auch mein heutiger Ismael berichtete, dass er aus einer mehr oder minder aus dem Land getriebenen Minderheit stamme, nämlich der türkischen Volksgruppe, die bis vor kurzem noch in Bulgarien wohnte. Wir plauderten freundschaftlich über dies und das, und schon bald hatten wir das Ziel erreicht, und ich konnte endlich meinen gesammelten Notenbeständen (Bach, Beethoven und den anderen Gefährten) eine neue, sichere Heimat namens Billy gewähren.

Mein Gespräch und die Taxifahrt mit Ismael bedeutete den Übergang vom Verdachtsgebiet der Berliner Politik  in das Vertrauensgebiet der Berliner Menschen.- Weitere Schritte in das Vertrauensgebiet brachte dann eine kurze Rast in der herrlichen Labungsstätte des Namens Rüyam – „mein Traum“ heißt das auf Türkisch. Und der Wüstentraum manifestierte sich hier als rein pflanzlicher Kebap; eine echte Delikatesse Schönebergs! Die Menschen dort im Rüyam zeigen alle viel Herz – und wer hätte das gedacht? Als hätten sie geahnt, dass wir sehr durstig waren, schenkten sie uns noch zwei Becher Ayran dazu. Einfach so, es gab keinen echten Anlass; es war eine Geste der Menschenfreundschaft.

Und damit ist auch das merkwürdige Erlebnis, durch die Politik plötzlich das eigene Wohngebiet zum „Verdachtsgebiet“ erklärt zu wissen, abgehakt und überwunden! O nein, ihr Politiker, wir leben hier ganz und gar nicht im Verdachtsgebiet, sondern offenkundig in einem Vertrauensgebiet, einem Gebiet der Mitmenschlichkeit und der Menschenfreundschaft.

Brentano, dessen Herz auch für Ismael schlug, klingt hier erneut nach:

Dann wehet Friede,
klingender Lieder
glänzender Lauf,
ringelt sich nieder,
wallet hinauf.

 

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Vogelgrippe, Faulbrut, Ebola, Botulin-Neurotoxine: Leben im Verdachtsgebiet

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Jun 102017
 

Achtung, Achtung! Wir leben in einem VERDACHTSGEBIET! Eine wichtige Warnung erreichte uns gestern von seiten des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg: Unser Wohnbezirk ist zu einem Verdachtsgebiet erklärt worden.

Die Frage drängt sich auf: Was ist ein Verdachtsgebiet?

Antwort: Verdachtsgebiete werden überall dort erklärt, wo erste Anzeichen auf das Vorhandensein einer Seuche hinweisen: das kann die Vogelgrippe sein, das kann die Maul- und Klauenseuche sein, das kann der  chronische viszerale Botulismus als Tierseuche sein, das kann Ebola sein. Das war noch zu Hegels Zeiten die Cholera in Berlin, zu Boccaccios Zeiten war es die Pest in Florenz. Die Behörden verhängen dann im Verdachtsgebiet Maßnahmen wie etwa Sperrbezirke, Zugangskontrollen, Freilaufverbote, Stallpflicht, Desinfektionsmaßnahmen und ähnliches.

Als derartige Seuchensymptome werden ganz offenkundig in Berlins Bezirken auch Wohnungssanierungen, Modernisierungen, Einbau von Wannenbädern und übermannshoch gefliesten Badezimmern, Einbau von behindertengerechten Aufzügen, ja überhaupt Baumaßnahmen in bestehenden Wohnungen und ähnliches betrachtet.  Treten gehäuft derartige Symptome auf, dann kann die Verwaltung eine Erhaltungsverordnung nach § 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BauGB erlassen, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern.

Folgerichtig werden immer mehr Wohngebiete zu Verdachtsgebieten erklärt. Jetzt hat es auch uns erwischt! Wir Bürger wurden gestern durch ein Anschreiben des Bezirksamtes aufgerufen, verdächtige Symptome auf einem vierseitigen Fragebogen an das Büro TOPOS Stadtforschung zu melden. Wir kommen dieser Aufforderung selbstverständlich nach. Schließlich lebt niemand gern dauerhaft in einem Verdachtsgebiet. Man möchte ja schließlich Gewissheit haben, dass die Seuche der Sanierungs-, Modernisierungs-, Erhaltungs- und Baumaßnahmen in Wohngebieten sich nicht weiter ausbreitet. Man möchte wieder ruhig schlafen können, wie man es tat, als man noch nicht wusste, in einem Verdachtsgebiet zu leben. Die Bezirkspolitik und die Behörden werden uns schon vor der Seuche schützen, das ist immerhin ein Trost.

Gleichwohl fällt nunmehr ein Schatten auf das Wohnen im Verdachtsgebiet. Der seuchenkundige Bürger wird verunsichert und aufgeschreckt, mehr noch: es entsteht ein allgemeines Misstrauen gegenüber dem Wandel, eine allgemeine Kultur des Verdachts durch derartige behördliche Maßnahmen.

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Lerne zu zweifeln!

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Jun 072017
 

ZWEIFEL, dieses Leitwort des europäischen Künstlers Lars Ø. Ramberg soll nach dem Willen der drei europäischen Gründungsintendanten des neuen Humboldt-Forums Bredekamp, MacGregor und Parzinger auf die Ostseite des Daches des Humboldt-Forums übertragen werden. Ein witziger Vorschlag, der erheblichen Charme aufweist; das ganze Unterfangen des restaurierten Schlosses würde gewissermaßen mit einem ironischen Knick versehen, so als sollten wir alle das nicht glauben, was da vor unseren Augen aus Ruinen wieder auferstanden ist. Eine Denkerfurche, tief eingegraben in die Stirn des Schlosses! Daran, dass wir am Stadtschloss zweifeln, ist somit kein Zweifel mehr möglich. Die eingegrabene Denkerfurche Rambergs beweist dies unwiderleglich.

Aber siehe, selbst diese Furche ist nur ein Schein, ein Lichtschein nämlich. Ihr entspricht kein echtes Sein im Stein!

Und damit sind wir mittendrin in dem nicht endenden und nicht beendbaren Gespräch, dieser Auseinander-Setzung, diesem Befragen, Bezweifeln und Überprüfen, das seit Sokrates ein unterscheidendes Merkmal der europäischen Geisteshaltung ist. In außereuropäischen Kulturen kommt dieser ständige Zweifel als Grundmerkmal – soweit ich es beurteilen kann – nicht vor.

Lerne zu zweifeln! Lehre uns zweifeln, o Sokrates! Damit wird in der Tat die Grundhaltung des Zweifelns, die am Anfang des im engeren Sinne europäischen Geistes steht, in monumentalen Leuchtbuchstaben vor Augen geführt. Lerne zu zweifeln, lerne alles und alle sowie nicht zuletzt auch dich selbst in Frage zu stellen. Glaubst du denn wirklich, was du siehst? Ist echte Tapferkeit wirklich das, was du dir darunter vorstellst? Diese und zahllose andere Fragen stellte zuerst und am nachhaltigsten der Steinmetz Sokrates von Athen.

Lerne zu zweifeln! Der Vorschlag der drei Intendanten verdient, so meine ich, ausführliche Bezweiflung.

Lesehinweis:
Im Zweifel für das Kreuz. Von Horst Bredekamp, Neil MacGregor und Hermann Parzinger. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juni 2017, Seite 11

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Aug in Aug mit dem Luchs

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Jun 052017
 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen und brachte uns wieder
Parkrind und Wolf, das wollige Schaf, die trächtigen Sauen auf schorfiger Heide!
Aug in Aug verharrte ich da beim geschmeidigen Luchs, der
dehnte und reckte sich, schnappte den Brocken des blutigen Fleisches,
welches ihm hinwarf die eilige Schaffnerin, die uns erklärte,
Leben und Beute des Luchses, wie er sich schlägt und mehrt.
[…]

Gute, endlose Zwiesprache zu Pfingsten mit den Tieren und Menschen im Wildpark Schorfheide! Besonders angetan hat es mir heute der Luchs, den ich noch nie so lange ungestört beobachten konnte. Anschließend wanderten wir zu Fuß zurück zum Bahnhof Groß Schönebeck, besahen die Kirche und das Jagdschloss. Alles schön, alles gut, ein zauberhafter Tag im Sonnenschein und voll üppigem Grün!

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Das Kreuz ist das überragende Denkmal der Schande

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Jun 052017
 

Keine schändlichere Todesart kannte das Römische Reich als die Kreuzigung. Nomen ipsum crucis absit non modo a corpore civium Romanorum, sed etiam a cogitatione, oculis, auribus, schreibt Cicero in seiner noch heute sehr lesenswerten Gerichtsrede Pro C. Rabirio. Die Kreuzigung galt – so geht aus dieser Rede hervor –  im römischen Strafrecht als besonders schmachvoll und entehrend. Keinem römischen Bürger – fordert Cicero – solle sie auch nur ansatzweise zugedacht werden, sie beraube ihn jeder Freiheit.

Für Sklaven, Aufrührer, Kapitalverbrecher und unterlegene Feinde galt zur Zeit Jesu die Kreuzigung als die Strafe der Wahl. Das Kreuz war zu Zeiten Ciceros und Caesars das Denkmal der Schande.

Als Denkmäler ihrer eigenen Schande (monuments to their own shame) bezeichnete zu recht Neil MacGregor, einer der drei Gründungsintendanten des Berliner Humboldt-Forums, die zahlreichen Mahnmale, mit denen die Deutschen der im deutschen Namen ermordeten Menschen gedenken; das bedeutendste unter ihnen ist zweifellos das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das sich nur einen Büchsenschuss vom neuen Humboldt-Forum entfernt befindet.

Was Neil MacGregor völlig zutreffend als Denkmäler der Schande bezeichnet hat, die kennzeichnend für den Umgang Deutschlands mit eigener Schuld seien, das ergänzt nun ein anderer Gründungsintendant des Humboldt-Forums, Horst Bredekamp, um ebenso zutreffende Betrachtungen zur kulturgeschichtlichen Bedeutung des Kreuzes. Auch das Kreuz ist ja ein Mahnmal der Schuld, ein Denkmal der Schmach, ein Symbol der Scham. Das Kreuz ist das überragende Denkmal der Schande des Menschen. Im Kreuz Jesu Christi erblickt der Mensch seine tiefste Erniedrigung. Das Kreuz ist für die Menschen ein Mahnmal ihrer eigenen Scham – a monument to their own shame.

„Kreuzige ihn“, dieser Ruf, in den wir alle einstimmen, wenn wir etwa die Matthäuspassion J. S. Bachs oder die Johannespassion von Thomas Mancinus singen, dieser Ruf führte mir erst vor wenigen Wochen im Karfreitagsgottesdienst wieder einmal in der Schöneberger Kirche St. Norbert vor Ohren, was damit gemeint ist: Wir alle haben diese Möglichkeit des Rufes nach Kreuzigung in uns. Wir alle haben das Zeug in uns, einen Menschen zu kreuzigen. Deshalb ist es richtig und sollte auch von allen Dirigenten so empfohlen werden, dass der Chor dieses „Kreuzige ihn“ mit Macht, mit teuflischer Lust an der Grausamkeit zu singen hat.  Gerade das Knirschen der beiden Konsonanten K und R ist aufs schärfste herauszuarbeiten! Es muss gleichsam in der Seele des Sängers knirschen und krachen. Es muss weh tun. Nietzsches Gott ist tot: ich, ihr, wir haben ihn getötet, Bachs Ich bin’s, ich sollte büßen, an Händen und an Füßen, diese nur scheinbar wahnsinnigen Schuldbekenntnisse drücken nichts anderes aus als den rituellen, symbolischen Nachvollzug der Gottestötung.

Der christliche Glaube ermöglicht im Zeichen des Kreuzes jedem Menschen, die schlimmsten aller Verbrechen, deren Anlagen in uns schlummern, ritualisiert nachzuvollziehen oder vielmehr vorwegzunehmen und sich dadurch vom Bann des Verbrechens zu befreien. „In der Tat, dies waren grausame Verbrechen. Und das schlimmste ist: Ich hätte sie ebenfalls tun können! Ich bin mir nicht sicher, auf welcher Seite ich gestanden hätte.“

Einen Augenblick lang – so meine ich – muss sich jeder Chorsänger in den Turba-Chor hineinversetzen. Er muss nachfühlen können, weshalb die Menge den Tod Jesu verlangt hat. Stärker noch: Er muss selbst den Tod Jesu am Kreuz verlangen. Und diese Einsicht führt zu einem dauernden, verstörenden Selbstzweifel.

Dieses Gefühl des äußersten Selbstzweifels, des in einem aufgerichteten Kreuzes, ist ein Grundzug der europäischen Leitkultur nach Golgatha. Diese eigene Schuldhaftigkeit zu erkennen, sich durch sie hindurchzuarbeiten, entfaltet eine verwandelnde Wirkung. Denn diese Erfahrung ist kein letztes. Es geht ja weiter!

Man mag diesen Selbstzweifel verwerfen, man mag diese radikale Selbstbefragung durch Entfernung aller Kreuze baulich ausmerzen. Man mag sagen: „Hurra, wir haben ja den Euro, wir kämpfen unermüdlich für die Geschlechtergerechtigkeit, wir haben den Klimavertrag, wir retten unaufhaltsam die Mutter Erde durch den Vertrag von Paris. Wir sind die Guten! Hurra, danke, dass wir nicht so sind wie diese da, all die pöbelhaften Plebejer!“

Dann hat man aber auch mit dem Kreuz einen Kern der europäischen Kultur baulich und symbolisch ausgemerzt. Man bewirkt das, was ich nicht umhin komme als Repaganisierung oder besser Entkernung der Leitkultur zu bezeichnen.

Belege:

Neil MacGregor: „Monuments and memories“. in: Neil MacGregor: Germany. Memories of a Nation. Published in Penguin Books 2016 (first published  by Allen Lane in Great Britain 2014), S. IX-XXIII, hier S. XXIII

Horst Bredekamp: „Das Kreuz ist der aufgerichtete Zweifel an sich selbst“. Die Welt, 04.06.2017
https://www.welt.de/kultur/article165221092/Das-Kreuz-ist-der-aufgerichtete-Zweifel-an-sich-selbst.html

 Posted by at 20:12