Und meine Stimme spannte weit ihre Flügel aus

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Aug 292017
 

Von der Notwendigkeit des behutsamen Einsingens. Seit einigen Wochen versuche ich, eine geeignete Einstimmung für das tägliche Singen zu finden. Wie schnell zeigt sich die Stimme verschnupft, wie leicht ermattet sie, wenn sie zu schnell in die Höhe getrieben oder in die Tiefe gestoßen wird, wie leicht fängt man sich ein leichtes Brennen, eine kleine Verkrampfung ein, wenn man zu früh, zu hastig, zu steif lossingt!

Die verschiedenen Chorleiter, unter denen ich im Lauf der letzten Jahre singen durfte, haben mich jedoch nach und nach von derartigen Gewaltsamkeiten auf den richtigen Weg geführt.

Das Wichtigste scheint mir das allmähliche Herantasten, das Auflockern, das Vorwärmen des Körpers und der Stimme zu sein. Der ganze Leib soll sich allmählich aus seiner starren Alltagstauglichkeit lösen und sich zentrieren und hinfließen auf das Geschehen in der Stimme. Die Stimme stimmt buchstäblich den Körper ein, der Körper stimmt die Stimme ein!  Ausdrücke des Staunens, der Freude, der Erwartung durchziehen den Körper und den Geist. Sie finden eine lautliche Gestalt im Ausruf, im Seufzen, im Lächeln, im Gähnen, im Lachen. Einzelne Silben werden geformt mit wulstigen Lippen, der Bauchraum lockert sich, die Atmung wandert hinein in den Leib. Man kann sich vorstellen, die Luft flösse durch die Kehle in alle Blutgefäße des Körpers hinein. Nach und nach wird dieses Gefühl zum Klang. Der Klang ergreift Besitz vom Körper, der Körper formt sich seinen Klang.

Schließlich wird die Stimme nicht mehr „hochgetrieben“ und nicht „in den Keller verbannt“. Nein, sie beginnt umherzuspazieren, sie schaut sich um, sie möchte buchstäblich hoch hinaus, sie steigt in die Tiefen hinab, schaut sich um. Sie geht auf Entdeckungsreise!

Aus einem solcherart eingestimmten  Leib-Stimme-Verbund entsteht zwanglos das gezielte, methodisch geschulte Üben des Gesanges – ein Einüben und Hinführen der Stimme auf ein Geschehen, das schließlich das rein Physikalische überschreitet und den Sänger zum Hörer macht, wie umgekehrt auch der Hörer zum Sänger wird.

Und dann spannt die Seele im Gesang ihre Flügel aus!

Als Empfehlung verweise ich gern auf folgendes Heft, das mich seit einigen Sommerwochen kundig und treu begleitet:

Matthias Drievko: Die Seele in Klang verwandeln. Anregungen, Hilfestellungen und Übungen für die technischen Erfordernisse des Singens. Systematisches Trainingsprogramm für Sänger, Gesangslehrer und -schüler zum praktischen Gebrauch. Doblinger Musikverlag, Wien 2012, hier insbesondere Abschnitt II: Konzentrierte Vorbereitung: Atemtraining, Körperbewusstsein, Haltung, Lösen diverser Verspannungen etc., S. 14-17

Der krönende Abschluss einer derart vorbereiteten Übungsstunde kann folgendes Lied sein:

Robert Schumann: Mondnacht. Joseph von Eichendorff. Zart, heimlich. In: Das Lied im Unterricht. 61 Lieder für hohe Singstimme mit Klavierbegleitung.  Herausgegeben von Paul Lohmann. Verlag Schott, Mainz o.J., S. 63-65

 

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Goethe unplugged. Zum 28. August 2017

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Aug 282017
 

Ansprache am Rheinhessischen Weinbrunnen auf dem Rüdesheimer Platz. An Goethes Geburtstag

Goethes Geburtstag ist heute! Wir ehren heute das Andenken dieses größten Wandrers, dieses besten Begleiters und Reisegefährten, den die deutsche Literatur je erlebt hat, und wir brechen damit ein Bröckchen von dieser Ehre für uns selbst ab.

Goethe unplugged, so möchte ich meine erlesenen Abenteuer mit dem unbekannten, dem weniger gerühmten Goethe einführen; und dabei denke ich insbesondere an die Aufzeichnungen des Kanzlers Friedrich von Müller, der häufig vertrauliche Unterredungen mit Goethe pflegte und gleich anschließend ungefiltert Protokolle darüber führte, ohne sie doch, wie dies etwa Eckermann getan, noch erneut zur Gegenprobe vorzulegen. Goethe erscheint hier bereits mitten in dem großen, furchtbaren  Zerwürfnis mit der deutschen Gesellschaft, das sich bis heute fortgesetzt hat. Er benennt die Missachtung, ja den Haß, den ihm viele Frauen und Männer in Deutschland aus Unkenntnis, Bequemlichkeit oder Missgunst entgegenbringen.

Eine weitere, weniger bekannte Seite Goethes ist seine Ablehnung des nationalen Überschwangs, des romantischen Taumels, die im Zuge der antinapoleonischen Kriege die deutsche akademische Jugend erfasst hatte. Auch den entstehenden Sozialismus der Saint-Simonisten lehnte er ab.  Und schließlich widerstrebte ihm jeder gewaltsame utopische Zugriff auf die bestehenden Verhältnisse, jedes selbstgewisse Schwärmertum, das etwa unsere 68er Bewegung  prägte, die eine offenbar unersättliche Gier nach Diktaturen und Gewaltherrschern mitschlepppte.  In seinen Venezianischen Eprigrammen geißelt er die Selbstgerechtigkeit der selbsternannten Revolutionäre:

Jeglichen Schwärmer schlagt mir an’s Kreuz im dreißigsten Jahre;
Kennt er nur einmal die Welt, wird der Betrogne der Schelm.

Die Gespräche mit Eckermann wiederum – eins der besten Bücher, die Goethe uns vermacht hat – beweisen, dass Goethe die politische Landschaft der europäischen Staaten mit wachem, nie nachlassendem Interesse verfolgte. Es unterliegt keinem Zweifel und muss wohl nicht eigens erwähnt werden, dass Goethe die Verbindung aus Nationalismus, Sozialismus und Rassismus, die im deutschen Nationalsozialismus und im sowjetischen Bolschewismus so furchtbar gewütet hat, aufs schärfste abgelehnt hätte. Die Deutschen sind Goethes Grundeinsichten in all jenen Jahren mehrheitlich nicht gefolgt. Zu ihrem, zu unserem  Schaden und zum Schaden der ganzen Welt!

Und gerade bei der vielbeschworenen Integration, bei der in Europa so qualvoll unfruchtbaren Migrationsdiskussion hätte Goethe, der Wanderer zwischen allen Welten, zwischen Antike und Moderne, zwischen Ost und West, zwischen Islam und Christentum, ein kräftiges Wörtlein mitzureden, wenn man ihn denn nur ließe. Wenn man ihm denn in Deutschland nur ein Ohr liehe! Wenn man doch wenigstens die Kinder und die Jugendlichen Schritt für Schritt heranführte an diesen reichen Schatz an Bildern, Geschichten und Versen, die Goethe uns und allen Menschen auf diesem Globus ausbreitet.  Man brauchte sich um mangelnde kulturelle Integration keine Sorgen zu machen!

Ich komme zum Lobgesang auf die prachtvollste, strahlendste, überwältigendste Sprachmusik, die je ein sterblich Ohr in deutscher Sprache vernommen hat: die metrisch gebundene Sprache Goethes, seine Gedichte, seine Epen, seine in rhythmischer Bindung verfassten Dramen.

Ich darf nur eines sagen: Der Tag, an dem ich erstmals die Gedichte Goethes in einer schönen Gesamtausgabe des Birkhäuser-Verlags in die Hand nahm und sie dann Seite um Seite wendete, da mein Durst, immer mehr von diesem Mann zu lesen, immer unstillbarer wurde, dieser Tag hat mich verwandelt; und seither suche ich wieder und wieder diese Quelle auf. Ich dürste nach Goethes Versen, wenn der getrocknete Staub des Kulturgeredes sich über die Feuilletons ausbreitet, ich verlange nach Goethe, wenn unsere heutigen deutschen Schriftsteller, denen es an nichts Materiellem gebricht, endlose Klagen über sich selbst und über den beklagenswerten Zustand der Welt und ihres eigenen Ichs führen; wenn sie im Dauerlazarett ihrer Neurosen nach dem Psychiater schreien und doch jede Möglichkeit der Heilung ausschlagen; ich sehne mich nach Goethe, wenn jeder Sinn für Schönheit, jedes Gefühl für Klang, Rhythmus, Metrum in der erbarmungslosen Darre des Aktualitätengewitters ausgedroschen wird und erstirbt.

Ich spreche Verse Goethes laut aus, wenn ich den Gipfelschnee auf den Dreitausendern der Dolomiten in der Ferne erahne, ja ich habe mich erst vor wenigen Tagen wieder einmal mit leicht abgewandelten Goetheschen Versen in ein Südtiroler Gipfelbuch eingetragen:

Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß,
Betret‘ ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum,
Entlassend meiner Wolke Tragewerk, die mich sanft
An klaren Tagen über Land und Meer geführt.
Sie löst sich langsam, nicht zerstiebend, von mir ab.
Nach Osten strebt die Masse mit geballtem Zug,
Ihr strebt das Auge staunend in Bewundrung nach.
Sie teilt sich wandelnd, wogenhaft, veränderlich.

Wandelnd! Wogenhaft! Veränderlich! Ja, so mag er uns weitergeleiten. Goethe, er wird auch die gegenwärtige Geringschätzung, Gleichgültigkeit, ja Feindseligkeit, die ihm an deutschen Schulen und Hochschulen, in den Medien und Kultureinrichtungen Deutschlands widerfährt, gekräftigt überdauern und schöner als vorher zu uns zurückkehren.

Er ist der beste, der größte Schriftsteller, den wir im deutschen Sprachraum haben, er ist der unerreichte Meister der deutschen Sprache, jeder nach ihm kommende Schriftsteller bezieht sich, ob er will oder nicht, bewusst oder unbewusst auf ihn.

Ich schließe mit einem Seitenblick auf Shakespeare, der für den jungen Goethe ein nachtvolles Erweckungserlebnis bedeutete. In seiner Rede „Zum Shäkespeare Tag“ tritt er 1771 ins Zwiegespräch mit dem großen Engländer ein – er spricht ihn an und spricht zugleich auch über sich selbst:

Das was edle Philosophen von der Welt gesagt haben, gilt auch von Shaekspearen [also von Goethen], das was wir bös nennen, ist nur die andre Seite vom Guten, die so nothwendig zu seiner Existenz, und in das Ganze gehört, als Zona torrida brennen, und Lapland einfrieren muss, dass es einen gemäsigten Himmelsstrich gebe. Er führt uns durch die ganze Welt, aber wir verzärtelte unerfahrne Menschen schreien bey ieder fremden Heuschrecke die uns begegnet: Herr, er will uns fressen.

Auf, Zecherinnen und Zecher! Goethe wird uns nicht fressen! Goethe, du Pate, Unterstützer, Ermuntrer! Wie es auch sei, das Leben, es ist gut! Wir rufen dir zu mit Versen aus deinem Lied an Schwager Kronos, das Franz Schubert so großartig-brüderlich vertont hat:

Weit hoch herrlich der Blick
Rings ins Leben hinein
Vom Gebürg zum Gebürg
Über der ewige Geist
Ewigen Lebens ahndevoll

Labe dich und uns auch mit diesem schäumenden Trunk
Und dem freundlichen Gesundheits Blick.

 

Erheben wir das Glas auf die berauschende Schönheit der Goetheschen Sprache, auf die leuchtende Vernünftigkeit seiner Prosa, auf den Gesundheitsblick Goethes und auf seine Wiederkehr! Bleibe bei uns!

Und jetzt Musik! Es singt für uns Goethes Lied „An Schwager Kronos“ der Sänger Heinrich Schlusnus.

Verzeichnis trinkbarer sowie gedruckter Quellen:

Rheingauer Weinbrunnen am Rüdesheimer Platz, Wilmersdorf. Täglich 15.00-21.30 Uhr. Nur noch bis 04. September!

Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203

Weingut Ferdinand Abel, Oestrich

Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedrich von Müller. Herausgegeben von C. A. H. Burkhardt. Verlag der J.G. Cotta’schen Buchhandlung, Stuttgart 1870

Weingut Adam Basting, Winkel

An Schwager Kronos. Goethe. Nicht zu schnell. Orig. D moll. In: Schubert-Album. Sammlung der Lieder für eine Singstimme mit Pianofortebegleitung von Franz Schubert kritisch revidirt von Max Friedländer. Ausgabe für tiefe Stimme. Band II, Edition Peters 7610, Verlag C.F. Peters, Leipzig o.J., S. 44-46

Weingut Wilhelm Nikolai, Erbach

Johann Wolfgang Goethe: Epigramme. Venedig 1790. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 208-236, hier S. 220 [Nr. 52]

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„Große Männer“, was bedeutet das?

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Aug 272017
 

„Ich hoffe, daß in Deutschland bald gesunde Verhältnisse eintreten werden und daß dort in Zukunft die großen Männer wie Kant und Goethe nicht nur von Zeit zu Zeit gefeiert werden, sondern daß sich auch die von ihnen gelehrten Grundsätze im öffentlichen Leben und im allgemeinen Bewußtsein durchsetzen.“

Vorfreude auf den bevorstehenden 28. August erfasst mich! Wird es uns morgen gelingen, einen der in Deutschland heute fast nicht mehr gelesenen, fast nicht mehr gelebten, in deutschen Schulen und Hochschulen fast nicht mehr gelehrten, fast nicht mehr rezitierten, fast nicht mehr gesungenen, nicht mehr auswendig vorgetragenen Physiker, Juristen, Politiker, Biologen, Geologen, Botaniker, Zeichner, Schriftsteller, scharfsinnigen Historiker, Kunstsammler, Staatstheoretiker angemessen zu würdigen, dessen Geburtstag sich dann zum 268. Male jährt?

Ich hege Zweifel. Denn Kant, Einstein und Goethe – galten  die denn einst nicht als Vorbilder? Könnte es sein, dass sie als Leitbilder taugen, ja schlimmer noch – dass sie aufgrund unserer eigenen freien Wahl – , globale, europäische und – in diesem Falle auch – deutschsprachige Leitkultur bilden und abbilden? Hat er (Goethe) doch selber – ebenso wie später auch Einstein – völlig zutreffend erkannt: „Die Deutschen wollen mich loswerden“ – und sie sind ihn (wie später Einstein auch) losgeworden.

Doch hege ich auch Hoffnungen! Denn außerhalb Deutschlands wurde und wird Goethe in seiner Bedeutung durchaus erkannt und geschätzt. So hat etwa der am 14. März 1879 im württembergischen Ulm an der Donau geborene Albert Einstein im März 1933 – damals bereits in den USA sich aufhaltend – den Wunsch geäußert, die von Immanuel Kant und Johann Wolfgang Goethe gelehrten Grundsätze möchten sich in Deutschland „im öffentlichen Leben und im allgemeinen Bewusstsein durchsetzen“. Deutschland hat ihm diesen Wunsch damals nicht erfüllt.

Ich werde den Wunsch Albert Einsteins, die Deutschen möchten ihre großen Männer – also zum Beispiel Tilman Riemenschneider, Albrecht Dürer, Albert Einstein, Johann Sebastian Bach, Immanuel Kant, Goethe – stärker zu Herzen nehmen, im Original lesen, diskutieren, rezitieren, singen und weitersagen – gerne morgen und weiterhin weitertragen!

Diese großen Männer – Kant, Einstein, Bach, Goethe zum Beispiel – sind ja nicht schon deswegen böse Menschen oder verwerfliche Menschen, weil die Deutschen sie loswerden wollten, sich keinen Deut um sie kümmern und sie loswerden wollen. Sie sind, so meine ich, ganz im Gegenteil großartige Vorbilder für uns alle, da wir dank unserer gemeinsamen Mutter- und Arbeitssprache Deutsch einen sehr viel leichteren Zugang zu ihnen haben könnten als andere auf aller Welt, die sich erst mühsam Kenntnisse des Deutschen erarbeiten müssen, ehe sie diese großen Männer im Original lesen und genießen können.

Nachweis des Zitats von Albert Einstein:

Monika Stoermer: Albert Einstein und die Bayerische Akademie der Wissenschaften. In: Akademie aktuell 1/2005, S.4-7

https://web.archive.org/web/20071211111139/http://www.badw.de/aktuell/akademie_aktuell/2005/heft1/01_stoermer.pdf

Zum deutschen Haß auf Goethe vgl. beispielhaft bereits des Dichters eigene Wahrnehmung:
Johannes Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt. Ein nachgelassenes Werk von Johannes Falk. Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig 1832, hierin besonders das V. Kapitel: „Goethe’s Humor“.

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Ein Europäer von echtem Schrot und Korn

 Sprachenvielfalt, Südtirol  Kommentare deaktiviert für Ein Europäer von echtem Schrot und Korn
Aug 252017
 

„franczoisch, morisch, katlonisch vnd kastilian,
teutsch, latein, windisch, lampertisch, Rewsisch vnd roman –

dy zehen sprach hab ich gepraucht, wann mir zeran;
auch kond ich fidlen, trummen, pauken, pheyffen.
Jch hab umbfaren Jnsel und aren, manig land
auff scheffen gros, der ich genos von sturmes bant“

 

Also hast gesprochn vnd gsunga, du guter fidler und gesell,
sänger, landfahrer, kämpfer, komödiant
mir ham di erscht neili bsucht an deiner alten stell,
burg hauenstein ist sie genannt,
von dort hobm mir geschaut ins ganze land,
nunter auf di alm nach Seis, auffi zu die kofelspitzen,
mit schrofengelände und felsenritzen,
fiari nach sankt Valentin zur rechten hand,
und nachert hamma do no gsessn,
und ham die kaminwurzn alle gessen.

des ohngeacht
hamma vui glacht
oba freili, neili,
gschumpfn host a no wiara teifi.

 

Zitat: Oswald von Wolkenstein: „ES fugt sich, do ich waz von zehn Jarn alt“. In: Gedichte 1300-1500. Nach Handschriften und Frühdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Eva und Hansjürgen Kiepe [=Epochen der deutschen Lyrik, hg. von Walther Killy, Band 2] dtv, Wissenschaftliche Reihe, München 1972, S. 193-197, hier S. 194

Bild: Blick von der Burgruine Hauenstein, zu einem Drittel im Besitz Oswald von Wolkensteins, auf das Dorf Seis, Aufnahme vom 16.08.2017

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24. August 1939 – Beginn der zunächst einvernehmlichen Zerstörung Europas

 Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Gedächtniskultur, Vergangenheitsunterschlagung  Kommentare deaktiviert für 24. August 1939 – Beginn der zunächst einvernehmlichen Zerstörung Europas
Aug 232017
 

Ein Tag der gesamteuropäischen Schande, ein Tag, der die Pforten zur Hölle auf Erden öffnete: so muss man wohl in der Rückschau den 24. August 1939 bezeichnen, den Tag, an dem der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet wurde. Während sich vor diesem Tag die fünf großen, hochgerüsteten europäischen Militärmächte Italien, Frankreich, Sowjetunion, Großbritannien, Deutsches Reich gegenseitig belauerten und ein wirres Geflecht zahlloser wechselseitiger Beistandserklärungen mit kleineren Mächten vereinbart hatten, schafften die Sowjetunion und das Deutsche Reich jetzt die Weltsensation: ein sehr konkret ausverhandeltes Bündel an militärischen, wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen, mit denen sie den gesamten Kontinent untereinander aufzuteilen gedachten.

Damit wurden die mörderischen Pflöcke eingerammt, die in den folgenden Jahren unseren Kontinent mit seinen Menschen so unsäglich quälten und zerstörten. Es begann mit der Zerstörung Polens und der baltischen Staaten durch die beiden Hegemonialmächte Deutsches Reich und Sowjetunion.

Der gut dokumentierte Handschlag, das bei der gemeinsamen Parade der sowjetischen Armee und der Wehrmacht in Brest-Litowsk gezeigte lächelnde Einvernehmen der Generäle Mauritz von Wiktorin (eines Österreichers), Heinz Guderian (eines Deutschen)  und Semjon Moissejewitsch Kriwoschein (eines sowjetischen Juden) lässt einem in der Rückschau das Blut in den Adern gefrieren.

Diese dramatischen Tage im August und September 1939 und ihre bis heute ganz unterschiedliche Wertung in Russland, der Ukraine, Polen, Estland, Lettland, Litauen und in den westlichen EU-Staaten prägen bis heute die einander widerstrebenden Gedächtniskulturen der 47 europäischen Staaten, die unseren Kontinent Europa bilden.

Vielleicht ermöglicht es die Besinnung auf diesen deutsch-sowjetischen Pakt, die Gründe für das bis heute völlig zersplitterte Geschichtsbild der jetzt 47 europäischen Länder zu erhellen.

Erschütterndes Archivmaterial in russischer und englischer Sprache in Ton und Bild ist heute mühelos abrufbar. Zwei drastische Videos der an jenem Tag, dem 24. August 1939 besiegelten deutsch-sowjetischen Waffenbrüderschaft möchte ich heute hervorheben.

 

 

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Von der Freiheit des Absprungs

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Aug 182017
 

Auf dem Anstieg zum Speikboden, einem bekannten Berg im Ahrntal, bestaune ich in etwa 2200 Meter Höhe gebannt die Vorbereitungen der Gleitschirmflieger. Wie sie sorgfältig ihre wulstförmigen Schirme ausrollen, wieder und wieder die Leinen überprüfen und richtig legen. Wie sie regelmäßig hinüber schauen zum gleichmäßig im Wind flatternden Fähnchen. Eine junge Frau probt wieder und wieder den Anlauf und bricht dann mehrfach ab. Zur gleichen Zeit erheben sich mehrere Flieger geradezu mühelos in die Luft. Erheben? Nein, sie lassen sich fallen, sie gehen ein paar Schritte und lassen sich dann hineinfallen ins Meer der Luft wie ein Schwan sich ins Wasser eines Teiches gleiten lässt, um dann gelassen, sicher und gleichsam mit einem grüßenden Lächeln seine Kreise zu ziehen.

Acht Gleitschirmflieger schweben schon dahin. Nach wenigen Sekunden erreichen sie eine Thermikzone. Jetzt beginnen sie in immer erneut wiederholten Kreisen den Aufstieg. Höher und höher fliegen sie. Sie umrunden uns, sie schauen schon auf uns herab.

Nun hat auch die junge Frau den Absprung geschafft. Sie findet die Freiheit des Absprungs. Aus dem krächzenden Mikrophon ertönt die Stimme ihres Betreuers oder Lehrers. Und schon ruht sie sicher in der Luft, als hätte sie dieses Fliegen, dieses Gleiten, dieses königliche Schwimmen nie lernen müssen.

Ein grandioses Schauspiel, das die Fliegenden mit ihren bunten Schirmen uns bieten! Vergleichbar dem Mobile in einem Kinderzimmer, wo beim Einschlafen bunte Fische hin und her schwimmen.

Ahrntaler Flieger, ich danke Euch!

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Schaurige Schönheit, nicht ungefährlich

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Aug 172017
 

10. August

Mit der Gitsch-Gondelbahn fuhren wir bei strahlender Morgensonne hinauf zur Bergstation auf der Gaisraste, die in 2058 m Höhe liegt. Von hier bot sich ein herrlicher Rundblick über das Pustertal bis hin zu den Geislerspitzen.

 

 

 

 

 

 

Ein bequemer Weg brachte uns um den Rücken von Breiteleben herum an diesem plätschernden Brunnen vorbei. Etwa eine Stunde lang querten wir Wiesen und durchschritten einige Almweiden, auf denen das Vieh graste.

 

Dann wurde es ernst: Ein Hinweisschild kündigte den ungesicherten Schellebergsteig an, der an abschüssigem, felsdurchsetztem Schrofengelände quer durch die zerschrundene Westflanke des Fallmetzers (2568 m) führt.

Wir stiegen ein. Jetzt galt es, jeden Schritt sorgfältig zu setzen! Oftmals war die Trittspur ausgesetzt. sorgfältig sicherten wir uns mit den Händen ab.

Doch ließen wir auch den Blick hinab in das grüne Altfaßtal fallen, das sich in 300 m Tiefe unter unseren Füßen ausbreitete.

Am Ufer des Großen Seefeldsees, der auf 2271 m liegt, hielten wir die wohlverdiente Mittagspause.

„Wie ein Fjord hockt das Gewässer in einem engen Graben – wenn Wolken ziehen, Licht und Schatten rasch wechseln, ein Bild von schaurig-wilder Schönheit“, schreibt Eugen E. Hüsler in seinem Wanderführer.

An den Hängen des Talkessels fielen uns große Flächen auf, die üppig mit einer betörend schönen Blume besetzt waren. Ein zweiter Blick belehrte uns: Die bezaubernde, von emsigen Hummeln besuchte Alpenschönheit war nichts anderes als der Blaue Eisenhut. Die giftigste Pflanze ganz Europas, deren Wurzel von alters her als todbringendes Gift bekannt ist und auch als Pfeilgift bei Jägern Verwendung findet! Wer weiß, vielleicht wurde es schon in der späten Kupferzeit verwendet? Vielleicht fiel der hinterrücks mit einem Pfeil erschossene Ötzi ihm zum Opfer?
Hier ist er jedenfalls, der Blaue Eisenhut in all seiner Pracht:

Bald mussten wir von der rauhen Schönheit des Talksessels Abschied nehmen, denn für den Nachmittag waren Gewitter angekündigt.

Wir stiegen hinab ins Tal des Altfaßbaches, der sich mäandernd durch den Talboden schlängelt. In der Wieserhütte stärkten wir uns mit einem Teller Suppe.
Gegen Ende der Wanderung führte uns eine bequeme Sandstraße zurück nach Meransen. Hochwillkommen war uns dabei eine Kneippstation. Dort konnten wir im eisig kalten Wasser des Altfaßbaches Erquickung und Erfrischung für die Füße schöpfen.

Das letzte Stück lief wie von selbst. Jetzt wurde die Landschaft weicher, das Felsige verschwand, eine üppige Pflanzendecke breitete sich über die sanfter geschwungenen Hügel. Der Blick weitet sich ins Ungeahnte hinüber zu den entfernten Bergen jenseits des Pustertales.

 

 

Wir waren zurückgekommen. Eben als wir die Gondelbahn bestiegen, die uns zurück nach Meransen bringen sollte, fielen die ersten Regentropfen.

 

Die für den Nachmittag angekündigten Gewitter setzten erst spät am Abend ein. Von unserem Quartier aus konnten wir Blitz und Donner verfolgen, und dann begann ein Hagelschlag ungeheuren Ausmaßes. Bis zur Größe eines Apfels hatten sich die Hagelgeschosse zusammengeballt, unseren Ohren bot sich ein betäubendes Trommelfeuer!
Am nächsten Tag wurde klar: es war in dieser Gegend am Eisack der schlimmste Hagelschlag seit vielen Jahren.

Beleg:
Eugen E. Hüsler: Tauferer Ahrntal mit Pfunderer Bergen. 50 ausgewählte Berg- und Talwanderungen. Rother Wanderführer. Bergverlag Rother GmbH, München 2016, darin: Route 47: Seefeldsee, 2271 m. Spannender Weg zu einem versteckten Alpenfjord, S. 142-143

 

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Am Abendhimmel blühen die Rosen uns auf

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Aug 072017
 

Schau! Dort hoch am Weinberg steigt eine Nebelfahne auf. Säuberlich getreppt steigen die Zeilen mit den enggepflanzten Rebstöcken empor.

 

 

 

Erfrischt atmen die Rosen auf. Sie schmiegen sich eng an die Spaliere. So endet der Abend des ersten Tages voller Zuversicht auf das, was uns morgen erwartet.

 

Das Kloster Neustift empfängt und begrüßt jeden, der nicht mehr weitergehen kann. Es liegt eingebettet zwischen Weinbergen, Wegen, Rosen und dem Himmel.

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Macht des Wassers

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Aug 062017
 

Der Eisack tobt mächtig durch sein enges Bett. Unaufhörlich strömt Welle auf Welle, einzelne Inseln werden abgetrennt, werden vom Wasser umschnürt. Wie lange werden sie halten?

 

 

 

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