Schöneberger Blog

25. November 2017

Von Judas lernen (1)

Filed under: Das Böse,Jesus Christus,Judas,Selbsthaß — admin @ 19:25

Auf einem Kapitell der Basilika Maria Magdalena im burgundischen Vézelay ist in der einen Leibung der nackte Judas zu sehen, der sich soeben erhängt hat. Aus dem weit aufgesperrten Mund ragt seine übergroße Zunge löffelartig heraus. Der linke Arm ist wie im Krampf nach vorne verrenkt. Der rechte Arm wirkt unnatürlich verlängert. Alles zieht ihn herab. Dem Judas hängt sein Leben buchstäblich zum Hals heraus. Leer starren die weit aufgerissenen Augen uns an. Er hat sich selbst verworfen. Fußlos wachsen die Beine in das Gesims. Sie sind steinhart erstarrt. Da geht nichts mehr! Es ist aus.

Ist es wirklich aus? Wir lassen den Blick über einige Akanthusblätter hinüberschweifen nach rechts. Übereck sehen wir die Gestalt des Guten Hirten, der den Erhängten abgenommen hat. Leicht fällt ihm dies nicht. Der Erhängte ruht schlaff herabhängend über beiden Schultern. Er hat endlich die Augen geschlossen. Er hat Frieden gefunden. Die Leichenstarre scheint von ihm gewichen. Er wirkt weich und ergeben. Er hat die Erstarrung der Schande und der Scham hinter sich gelassen. Jesus muss sich schon anstrengen, fast sieht es aus, als würden seine Füße abgleiten in den Abgrund. Jesus scheint zu zweifeln, er verzieht fast verzagt das Gesicht. Aber er packt es! Er trägt den Leib des Selbstmörders in eine neue Existenz hinein. Da geht noch was!

Ho imparato da Giuda che la vergogna è una grazia„, ich habe von Judas gelernt, dass die Scham eine Gnade ist. So schreibt es Franziskus in seinem neuen Buch, das den Titel Padre nostro trägt.

Scham, Selbstverwerfung, Selbsthass, Selbstvernichtung bis zum Äußersten. Diesen Durchgang stellt der Steinmetz von Vézelay dar. Franziskus spricht mit seiner Deutung der Scham als eines unverdienten Geschenks etwas Tiefbewegendes aus: Die Selbstverwerfung muss kein Letztes sein. Scham und Schande (und das Wort für Scham und für Schande lautet im Englischen wie im Italienischen gleich) sind Durchgänge, sind Übergänge!

Um diese Steinmetzarbeit rankt sich die Legende, dass Christus beim Jüngsten Gericht sich zuerst um Judas kümmern wird. Er wird ihn aufnehmen, ihm verzeihen und ihn weitertragen. Nicht um Petrus wird er sich zuerst kümmern, nicht um Johannes, sondern um Judas! Das Bildwerk in der burgundischen Basilika verleiht dieser Legende von der Erlösung des Judas eine besonders strahlende Wahrheit.

Zitat: La preghiera di Francesco. Le riflessioni del Papa sul Padre nostro. Corriere della sera, Giovedì, 23 Novembre 2017, Seite 28

23. November 2017

Denkmal der Ehre? Denkmal der Schande?

Versonnene Herbsttage am Landwehrkanal… drüben liegt ein fest vertäutes Schiff vor dem Urbankrankenhaus. Die Sonne gießt ein verklärendes Licht über dem ehemaligen Hafen aus. Langsam schlendere ich an der Promenade im Hans-Böckler-Park entlang. Mein Blick fällt auf eine Skulptur.

Wer mag hier dargestellt sein? Ein Verbrecher, ein Vorbild? Sicher ein Deutscher! Jemand hat den unverkennbaren, weltweit bekannten schwarzen Oberlippenbart angebracht, wirre Schmierereien, darunter Hammer und Sichel, weisen den Dargestellten als Geächteten aus. Der Deutsche trägt das Kainsmal! Ein typischer Ausgestoßener, einer, mit dem man besser nichts zu tun haben will. Ja, dies muss ein Deutscher sein! So sieht ein typischer Deutscher aus! Unverkennbar sind ihm die Züge des Verbrechers aufgetragen. Kreuzberg bleibt sich selbst treu.

Eine Plakette belehrt mich: Ja, es handelt sich in der Tat um einen Deutschen. Aber meine Annahme, dieser Deutsche mit dem typischen schwarzen Oberlippenbart sei ein Nazi und ein Verbrecher, entpuppt sich als fehlgeleitetes Vorurteil. Ich muss gestehen: Man sieht als zufälliger Passant, gestäupt und gepudert durch einige Jahrzehnte deutscher Gedächtniskultur, unwillkürlich in allen Deutschen der Vergangenheit zunächst einmal Nazis oder Verbrecher.

Dargestellt ist jedoch hier Hans Böckler, geb. am 26. Februar 1875, gestorben am 16. Februar 1951 in Köln. Von Beruf Metallarbeiter; ein führendes Mitglied der deutschen Gewerkschaftsbewegung, SPD-Abgeordneter im Deutschen Reichstag. Zu Lebzeiten zweifellos ein Vorbild, heute dem Vergessen und der Verachtung preisgegeben. Oder wissen die Kreuzberger Schüler etwas von Hans Böckler? Nein, sie wissen sicher nichts von ihm, an dessen Büste sie vorbeigehen.

Die Schmierereien auf dieser Büste sind der augenfällige Beweis der Art, wie die deutsche Öffentlichkeit mit Vorbildern umgeht. Es darf keine deutschen Vorbilder geben! So werden unsere Kinder und Jugendlichen heute erzogen!

Hitler und Konsorten rauf und runter, deutsche Verbrechen, deutsche Völkermorde ohne Ende, das wird den Kindern in den Schulen eingebläut, dieses tiefdüstere Bild der deutschen Geschichte prägt die Feuilletonspalten in den meinungsprägenden Zeitungen.

Ich meine hingegen: Hans Böckler ist ein Vorbild, von dem unsere heutige Jugend etwas erfahren sollte, aber in der Tat nichts erfährt.

So wie diese Büste behandelt Berlins Jugend und überhaupt Berlin, so behandelt Deutschland die mutigen Aufrechten, die Ungebeugten der deutschen Vergangenheit. Merke: Nichts Gutes darf aus der deutschen Vergangenheit erinnert werden! Ein Deutscher kann nicht Vorbild sein!

Die Misshandlung der Hans-Böckler-Büste im Hans-Böckler-Park, ihr jetziger Zustand ist ein Denkmal der Schande.

Foto aufgenommen am 20.11.2017

18. November 2017

Боговоплощение – una parola da salvare

Parole da salvare – rettungsbedürftige Wörter, so hebt mein neuestes großes Zingarelli-Wörterbuch 2017 diejenigen Wörter hervor, die nach und nach verschwinden, nicht mehr gebraucht und endlich nicht mehr verstanden werden.

Боговоплощение (griechisch ενανθρώπηση, lateinisch incarnatio), zweifellos ein Wort, das im Herannahen des Weihnachtsfestes eine Betrachtung und wohl Rettung verdient! Ich entnehme es dem folgenden schmalen Bändchen:

Internationale Weihnachtslieder. Texte und Melodien. Herausgegeben von Sigrun Jantzen. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2011, S. 80-81

Das feine gelbe Büchlein enthält Weihnachtslieder in rund 20 europäischen Sprachen, darunter auch eines in der meistgesprochenen europäischen Muttersprache, nämlich dem Russischen:

Эта ночь святая, эта ночь спасенья
Возвестила всему миру
Тайну Боговоплощенья.

Es wird ja immer wieder gefragt, welche Erzählung Europa zusammenhalten könnte, was also die europäische Leitkultur, wie dies Bassam Tibi nannte, ausmachen könnte. Der Euro, das Gold, die EZB, die Macht der Großreiche, der Krieg, also das Schwert, haben es ja wieder und wieder auseinandergetrieben. Ein gemeinsames europäisches Geschichtsbild, eine europäische gemeinsame Geschichtserzählung existiert nicht; sie wird wohl auch nie existieren, nicht einmal in den derzeit genau darüber so zerstrittenen Staaten der EU.

So möge es das Wort sein, das gesprochene, das gesungene Wort, welches die 47 Staaten Europas zusammenführt!  In allen europäischen Ländern wurde und wird Weihnachten gefeiert, in allen Ländern liegt dieser Weihnachtserzählung im wesentlichen dieselbe Geschichte zugrunde. Entnommen ist sie dem Lukusevangelium.   Die mehr als 40 europäischen Weihnachtslieder des Reclam-Bändchens in mehr als 20 europäischen  Sprachen lassen sich mühelos ineinander übersetzen. Sie weichen inhaltlich nicht voneinander ab.

Von der überwältigenden Schönheit des orthodoxen liturgischen Gesanges konnte ich immer wieder einen Eindruck bei meinen Reisen nach Russland gewinnen. Die altkirchliche Liturgie kennt nur den unbegleiteten Gesang ohne alle Instrumente. Denn nur in der menschlichen singenden Stimme meinte die Alte Kirche in das Klingen des Göttlichen hinaufzulangen.

Боговоплощение – das bedeutet die Einkörperung Gottes im Menschen, die Vermenschlichung Gottes. Gott greift Platz im Menschen. площадь heißt ja Platz! Gott nimmt Platz im Menschen, wird sterblich, wird schwach und hilfsbedürftig. Nicht die Macht, sondern die Ohnmacht ist es, in der Gott erscheint. Ein packender, zugleich niederschmetternder  Gedanke, höchst ungewohnt für antike Ohren, höchst ungewohnt für moderne Ohren.

Wo kann man dieses russische Lied hören?

Es genügt folgende drei Wörter in eine Internet-Suchmaschine einzugeben

Эта ночь святая

und man erhält als Video eine reiche Auswahl an Fassungen, aus der man die am meisten gefallende auswählen möge!

Hinweis:

Nicola Zingarelli
lo Zingarelli 2017
Vocabolario della lingua italiana
A cura di Mario Cannella, Beata Lazzarini
2016
Isbn: 9788808601476
Collana: I grandi dizionari
Note: 145 000 voci, oltre 380 000 significati, 115 definizioni d’autore

 

 

13. November 2017

Im Schatten deiner Flügel

Filed under: Singen — admin @ 16:58

Jeder Einsatz in ein Lied ist wie ein Abspringen in die Lüfte, die dich tragen werden. Gutes Eintauchen in das freundliche Asyl des Gesanges am vergangenen Samstag!  In der Klassenstunde der Schüler von Kathrin Freyburg-Scharnick (la maestra modello) darf ich die Arie Dolente immagine di Fille mia von Vincenzo Bellini und das Lied Komm süßer Tod, komme selge Ruh von J. S. Bach vortragen.

Am 11.11. um 11 Uhr wölbt Joh 1,1 sich in der Laibung des Saales der Hochmeistergemeinde fittichartig über mir, ich stehe geborgen in der Kehlung des Flügels und singe, möchte nur singen und wieder singen. Das Wort erklingt und wird getragen! Da fällt alle Beschwernis ab. Beim Singen ist es in der Welt besser, das Ich wird besser im Gespräch mit den Toten, das Wir wird größer im Gespräch mit dem Tod, weiter, umfassender. Das Ich wird getragen im  Schatten seiner Flügel.

7. November 2017

Germania omnis origo mali, oder: Gibt es ein Schweigekartell unter Historikern?

Bei meinen eigenen Reisen durch Italien, Russland, Großbritannien und Frankreich fällt mir immer wieder auf, wie unterschiedlich diese Länder Deutschland und die deutsche Geschichte im Vergleich zu uns Deutschen selbst wahrnehmen. Meine vielen Gespräche mit Russen, Italienern, Briten und Franzosen, aber auch das Lesen historischer Studien aus diesen Ländern lassen in meinen Augen nur einen Schluss zu:

Nirgendwo in Europa herrscht derzeit ein so negatives Deutschlandbild vor wie in der deutschen akademischen Historikerzunft. Während Italien, Frankreich, England und Russland sich sowohl ganz allgemein in der Gesellschaft wie auch bei den an den Universitäten lehrenden Neuzeithistorikern von einem hypermoralischen, rein negativen Deutschlandbild verabschiedet haben und die früher üblichen Schwarz-Weiß-Darstellungen rein deutscher, teuflischer Bestialität hinter sich gelassen haben, herrscht in der Zunft der deutschen Fachhistoriker ein stärker denn je düster gefärbtes Deutschlandbild vor. Deutsche Verbrechen, deutsche Schuld, deutsches Verhängnis, deutsche Vernichtungsfeldzüge  geben nunmehr in den in Deutschland verfassten, meistverbreiteten Darstellungen der europäischen Geschichte den Grundton an. Das gilt heute – so meine ich –  für die meisten deutschen Historiker, die meisten deutschen Germanisten, die meisten deutschen Soziologen. Es gilt ferner auch mehrheitlich für den Deutschen Bundestag und die meisten deutschen Spitzenpolitiker, für die deutsche Klimapolitik, die in all ihrer Irrationalität kaum anders zu erklären ist denn als Ausblühung des hier beschriebenen düsteren schuldbedrückten Selbstverhältnisses.  Es gilt nicht zuletzt für die deutsche Gedächtniskultur allgemein, die sich bekanntlich vor allem als Erinnerung an deutsche Verbrechen sieht.

Jeder Gang durch die Hauptstadt Berlin oder durch eine gut bestückte europäische Bibliothek kann diese Analyse bestätigen. Man muss nur die Augen offen halten.

In lateinischer Sprache lässt sich mein Befund über das Deutschlandbild der meisten heutigen deutschen Historiker, Soziologen, Politologen und Germanisten so zusammenfassen: Germania omnis est indivisa unica origo mali. Deutschland insgesamt ist der Urquell des Bösen. Und wir fügen auf gut Deutsch hinzu:

So ist denn alles, was ihr Sünde, Böses nennt,
der Deutschen eigentlichstes Element.
Drum besser wär’s, es hätte Deutschland nie gegeben.

Aber trifft dieses in Deutschland vorherrschende Bild der deutschen Geschichte die Wirklichkeit? Oder entsteht es aus einer systematischen Verzerrung dessen, was geschehen ist?

Schwere Vorwürfe in genau diesem Sinne werden gegen die Zunft der Historiker im aktuellen SPIEGEL am Beispiel der im Ersten Weltkrieg begangenen deutschen Kriegsverbrechen  erhoben.

Der Kunsthistoriker Prof. Ulrich Keller spricht von der „Unterschlagung von Quellen“ in „verstörend häufigen Fällen“ sowie „systematischer Missachtung grundlegender akademischer Verfahrensregeln„. Gerd Krumeich, einer der anerkannten Spezialisten zur Erforschung des Ersten Weltkrieges, nehme diese Vorwürfe ernst, heißt es.

Denn man muss bedenken: Jeder Zweifel an der alleinigen deutschen Schuld an allen in Belgien begangenen Verbrechen wäre äußerst unbequem gewesen, weil dann eine Isolation „in der internationalen Scientific Community“ (sic!) gedroht hätte.

Spiegel-Autor Dr. Klaus Wiegrefe, seinerseits ein promovierter Zeithistoriker, schreibt: „Das klingt nach einem Schweigekartell unter Historikern„, und er äußert einen bohrenden Verdacht: „Es geht auch um die Glaubwürdigkeit der Branche, die zu lange scheinbare Gewissheiten nicht in Frage stellte.“

Ich hege die Vermutung: Dieses Schweigekartell gibt es wirklich; es herrscht tatsächlich in der deutschen Scientific Community vor, aber eben nur in der deutschen Scientific Community. Nur hier in Deutschland, nicht aber in den anderen europäischen Ländern, nicht einmal in Österreich oder in der Schweiz, gibt es derartig hartnäckig durchgehaltene Forschungs- und Erinnerungstabus, wie sie immer wieder in der öffentlich finanzierten deutschen Historikerbranche durchscheinen – oder buchstäblich handgranatenartig durchschlagen.

Mein Eindruck ist: In der deutschen Zeithistorikerindustrie lesen sie mehrheitlich nicht einmal mehr Herodot oder Thukydides, von Tacitus oder Friedrich Schiller ganz zu schweigen. Sie sind in einem hypermoralischen Sinn voreingenommen. Sie fällen heutigentags in ihrer Mehrheit ein gnadenloses Urteil über ihre Väter und ihre Großväter, ja über die gesamte Geschichte Deutschlands. Sie fallen damit hinter das Methodenbewusstsein eines Herodot, eines Thukydides, eines Friedrich Schiller zurück, die sich stets bemüht haben, bei den großen geschichtlichen Katastrophen beiden Seiten, oder eigentlich den vielen Seiten gerecht zu werden.

Unsere deutschen, allzu deutschen offiziösen Zeithistoriker  drücken ihren Forschungen stets den Stempel der moralischen, ja fast schon onto-theologischen Eindeutigkeit auf. Es fehlt mir bei den deutschen Zeithistorikern, Soziologen, Politologen und Germanisten – von Ausnahmen abgesehen – an den Zwischentönen, ich vermisse bei der Formierten Gesellschaft der deutschen Zeithistoriker, Politologen, Germanisten und deutschen Sozialwissenschaftler jedes Bewusstsein für das Changieren der Akteure zwischen Gut und Böse.  Ich vermisse ein Bewusstsein dafür, dass Gut und Böse nicht die einzigen Kategorien historischer Erkenntnis sein können.

Die anderen Länder, also insbesondere Italien, Frankreich, Russland und Großbritannien sind schon deutlich weiter. Sie haben das Schweigekartell gebrochen. Sie begnügen sich nicht damit, Deutschland stets und immer und vorrangig als Inkarnation des Bösen darzustellen. Dort, in den anderen Ländern, wird wirklich ernsthaft geforscht, sine ira et studio.

Klaus Wiegrefe: Furchtbare Reaktionen. Verschwiegen Historiker alliierte Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg? Eine Studie wirft einen neuen Blick auf die deutschen Massaker in Belgien 1914. DER SPIEGEL 45/2017, 04.11.2017, S. 44-46
Ulrich Keller: Schuldfragen. Belgischer Untergrundkrieg und deutsche Vergeltung im August 1914. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2017

Bild:

Alltagsszene in Schöneberg 2017, jetzt und immerdar: „Orte des Schreckens, die wir nie vergessen dürfen“

 

1. November 2017

Der karge Staat – Voraussetzung des auf Freiheit gegründeten Gemeinwesens

Filed under: Freiheit,Friedrich Schiller,Sezession,Staatlichkeit,Tugend — admin @ 17:53

Es ist höchst bedauerlich, dass in den heutigen Koalitionsverhandlungen der Grundgedanke der Freiheit eine so verschwindende Rolle spielt! Stattdessen sehen wir allenthalben – vielleicht mit Ausnahme der wenigen freiheitlich gesonnenen Politiker, die in Deutschland noch verblieben sind – eine überbordende Anspruchsphantasie,  die der Staat bei seinen Bürgern entfacht.

Jede Partei schreibt den Wunschzettel für ihre Zöglinge aus und versucht dann, ein Maximum vom Kuchen herauszuholen. Die inhaltliche Auseinandersetzung wird von den Parteien verweigert. Der fette, der üppige Staat teilt Geld in Hülle und Fülle für seine Zwecke aus, was immer er geben kann. Der Staat verwöhnt seine Kinder, er sorgt für alle, er weiß es besser! Bis weit in die Zukunft hinein schafft der Staat Bindungen und Verbindlichkeiten für die künftigen Generationen. Das Mittel dazu: die Planwirtschaft, mit der etwa die Volkswirtschaft oder mindestens doch die Energiewirtschaft umgekrempelt wird; unausgegorene Großprojekte wie etwa die bedingungslose Öffnung der Grenzen und die Aufnahme der jungen, männlichen, voll mobilen Mittelschichten aus anderen Staaten in unser Sozialsystem ersetzen die saure Arbeit am Detail, verdrängen die echte Hilfe für die Bedürftigsten dieser Welt. Kühne Gesellschaftsverbesserungswünsche, hochfliegende Klima- und Weltrettungswünsche treten an die Stelle rationaler Erwägungen. Das alles wird der Gesellschaft von den Politikern, diesen „Wesen höherer Art“, ins Pflichtenheft hineingeschrieben.

Um wieviel anders dachte doch ein Friedrich Schiller! Der Marquis Posa entwirft im Don Carlos gegenüber dem dynastischen, dem zentralistischen Unterwerfungsstaat das Ideal der bürgerlichen, der selbstregierten Gesellschaft, in der die Bürger, nicht die staatliche Politik  das Schicksal in eigene Hände nehmen. Unter unterem unterstützt der Marquis Posa aus genau diesem Grund das Sezessionsrecht der Regionen – in diesem Falls das Recht auf den „Abfall der Niederlande“, also die Sezession der spanisch-habsburgischen Niederlande von der Krone. Geburt des modernen Verfassungsstaates, Vorbild des europäischen Subsidiaritätsdenkens!

Gegenüber dem bevormundenden, ideologiebewaffneten Fürstenstaat eines Königs Philip II. vertritt der Marquis im 10. Aufzug des dritten Aktes die Meinung,

Daß Menschen nur – nicht Wesen höhrer Art –
Die Weltgeschichte schreiben! – Sanftere
Jahrhunderte verdrängen Philipps Zeiten;
Die bringen mildre Weisheit; Bürgerglück
Wird dann versöhnt mit Fürstengröße wandeln,
Der karge Staat mit seinen Kindern geizen,
Und die Nothwendigkeit wird menschlich sein.

Der karge, der geizige Staat – das kann doch nur heißen, dass der Staat sich nicht besinnungslos in unbedachte Transformationsabenteuer stürzt, dass er schonend mit seinen Ressourcen umgeht. Der karge Staat kennt seine Grenzen und überlässt die wesentliche Arbeit der Existenzsicherung seinen Bürgern.

Nur so kann Freiheit gedeihen, nur so gelingt der Zusammenhalt einer wahrhaft freien Gesellschaft. Die Niederlande haben es im 16. Jahrhundert vorgemacht. Es gibt sie heute noch. Das Habsburgerreich dagegen ist untergegangen.

Leseempfehlung:

Friedrich Schiller: Don Carlos. Infant von Spanien. Dritter Akt, zehnter Auftritt. In: Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Auf Grund der Originaldrucke herausgegeben von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert. Zweiter Band. Dramen II [=Lizenzausgabe des Hanser Verlags], Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1981, S. 118-131, hier besonders S. 124

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