Schöneberger Blog

15. November 2018

Ein Bettler in guter Sache


Als Bettler in guter Sache poste ich nachfolgend einen Hinweis auf ein Benefizkonzert zugunsten eines Waisenhauses in Tansania.

Ich lade Euch zu einem Konzert ein, in dem sehr viel Italienisch gesungen wird. Musik aus der Zeit, als das Italienische die unbestrittene Leitsprache in Europas Musik, Theater, Philosophie und Poesie war. Von dem Sonett Petrarcas „I‘ vidi in terra angelici costumi“ in der Vertonung durch Franz Liszt bis zu den Arien Pergolesis, Caldaras und Donizettis werden die italienischen Stammzell-Linien hörbar, die sich dann feingliedrig ins Französische, Tschechische, Englische, Deutsche und Portugiesische verästeln.
Ich würde mich freuen, Euch dort begrüßen zu können. Ihr dürft diese Einladung gerne weiterleiten.

Nachstehend die offizielle Ankündigung der Hochmeistergemeinde:

Benefizkonzert 18.11.2018, 17.00 Uhr, Hochmeistersaal, Paulsborner Str. 86, 10709 Berlin

Konzert mit Liebesliedern, Arien und Gesängen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Tschechien, England und Brasilien

Sängerinnen und Sänger der Gesangsklasse von Kathrin Freyburg präsentieren eine abwechslungsreiche Mischung aus Sologesängen und Duetten, abgewechselt mit stimmungsvollen Klängen eines Vokalensembles. Zusätzlich zur Musik erwarten Sie ein kleiner Imbiss und nette Gespräche in der Pause.
Violinen: Nadia Boldakowa und Johannes R. Hampel
Violoncello: Anne Habermann
Klavier: Mari Watanabe, Elisabeth Lindner, Niek van Oosterum
Gesangsklasse von Kathrin Freyburg

https://www.cw-evangelisch.de/event/4774191

5. November 2018

Jóhann und Ammiel, zwei fahrende Gesellen, verzaubern den Pierre-Boulez-Saal

Filed under: Freude,Heimat,Männlichkeit,Singen,Versöhnung — admin @ 23:14


Jóhann Kristinsson, Bariton
Ammiel Bushakevitz, Klavier

verzauberten gestern den Berliner Pierre-Boulez-Saal mit allen Zuhörern, den hier schreibenden eingeschlossen. Kristinsson, ein junger, gewinnender, lebensfroher Mann schlug mich gleich mit den ersten Tönen in Bann:

„Aus der Heimat hinter den Blitzen rot,
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
es kennt mich dort keiner mehr.“

Jedes dieser Lieder aus Robert Schumanns op. 39 erlebten Kristinsson und Bushakevitz gemeinsam. Es war jedes Mal ein neues Bild, aufgeschlagen, erlebt, überflogen, hin und weg! Dieser Sänger machte mir eine große, überbordende Freude. Jeder Laut war geformt, klar verständlich, jeder Ton trug den Sänger, und der Sänger trug uns dahin.

Die Gesangstechnik Kristinssons ist makellos, seine Aneignung aller Lieder ist tief verankert, er hat sich jedes Lied zu eigen gemacht, trug alle Lieder von Schumann, Mahler und Wolf auswendig vor. So soll es sein, so muss es sein! Er eroberte die Herzen aller. Er unterstützt mit sparsamen Gesten den Gehalt der Verse, vertraut aber ansonsten dem stärksten Mittel, das die Sänger haben: der Person selbst, der Stimme, dem Atem, dem Wort, Klang, Körper!

Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ waren nicht in abgrundtiefe Verzweiflung getaucht, sondern in eine fast schon erlösende Gewissheit: „Solange wir noch singen, solange wir noch zuhören können, ist nicht alles verloren. Im Gegenteil, alles ist gewonnen!“

Bushakevitz war ein äußerst getreuer und verlässlicher Begleiter, Wandergefährte, Stütze und Stab für den Sänger.

Äußerst reizvoll fand ich die abschließende Auswahl der Hugo-Wolf-Lieder nach Gedichten von Joseph von Eichendorff, denn Wolf taucht all das, was bei Schumann so düster, weh, zerrissen daherkommt, in das fast schon italienisch zu nennende, tänzerische Spiel. Freiheit, Lachen, Sonne waren angesagt. Das Programm, das als Weltenklage des Heimatlosen begonnen hatte, endete als lustiger Kehraus mit dem Blick ins Freie. Ein deutliches Aufbäumen, ein Ermannen war darin spürbar, so sehr, dass man Mühe hatte zu glauben, dass die ersten und die letzten Lieder nach Gedichten desselben Dichters komponiert waren, eben Josephs von Eichendorff. Hier die dritte Strophe aus dem letzten Lied, Seemanns Abschied:

Streckt nur auf eurer Bärenhaut
Daheim die faulen Glieder,
Gott Vater aus dem Fenster schaut,
Schickt seine Sündflut wieder,
Feldwebel, Reiter, Musketier,
Sie müssen all ersaufen,
Derweil mit frischem Winde wir
Im Paradies einlaufen.

Ein versöhnlicher, wunderbarer Ausklang des Sonntags war dieser gemeinsame Auftritt der beiden fahrenden Gesellen, der mir noch jetzt ein Lächeln in die Seele zaubert, während ich dies schreibe. Danke Jóhann, danke Ammiel!

2. November 2018

Der Schatten des Körpers des Bloggers

Filed under: Anbiederung — admin @ 22:30

Wie der Zeiger einer Sonnenuhr fiel der Schatten des Körpers des Bloggers auf die Fläche der Plane. Die auf Widerruf gestundete Zeit wurde sichtbar am Horizont. Noch mochte er sich täuschen über das Dahinrinnen der Stunden, Tage, Jahre. Doch sank die Sonne schneller als früher. Vater und Mutter waren lange tot, es kannt‘ ihn hier keiner mehr. Die großen Geschichten, mit denen er seine guten, erhebenden Stunden füllte, galten als veraltet. Hagar, oder Haddschar, wie man auf Arabisch sagte, dieser Name war außerhalb der Fachkreise unbekannt. Auf den Kulturplakaten fiel ihn die platteste Anbiederung an die Kita-Sprache an. Sprachverlotterung. Nicht einmal die indirekte Rede beherrschten die Meinungsmacher in Funk und Fernsehen mehr. So etwas! It sucks!
Die Altersgruppe, in die er sich einzurücken anschickte, war unwiderruflich Gegenstand des Volksbelustigungs-Vorabendprogramms in den öffentlichen Anstalten geworden. Ihn verdross dies. Es stimmte ihn traurig. Er ging weiter, grummelnd, summend. Die Sonne sank.

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