Jan 092019
 
Steinerner Tisch bei den Markgrafensteinen, am ehemaligen Aussichtspunkt in den Rauener Bergen. Alter des Gesteins: ca. 1,2 Mrd. Jahre. Aufnahme vom 30.12.2018
Absprung vom steinernen Tisch am ehemaligen Aussichtspunkt bei den Markgrafensteinen in den Rauener Bergen bei Bad Saarow. Die Tischplatte besteht aus 1,2 Mrd. Jahre altem Karlshamn-Granit. Herkunft: Schweden

So beschrieb Fontane genau diese Stelle „Schöne Aussicht“ in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg:

[…] ein sonderbares Granitmobiliar, das mich, auf den ersten Blick wenigstens, an Stonehenge erinnerte, jenen alten Druidenplatz in der Nähe von Salisbury, den man in Kunstatlassen und illustrierten Architekturgeschichten abgebildet findet. Im Quadrat standen vier Steinbänke, dazwischen präsentierte sich ein großer, runder Steintisch, alles aus dem Granitstück gefertigt, das man von dem Stein unten abgesprengt hatte.

Der Wagenplatz, auf dem ich saß, war höher als das Steinmobiliar und gönnte mir einen freieren Umblick. Alles in der Welt aber hat sein Gesetz, und wer auf der »Schönen Aussicht« ist, hat nun mal die Pflicht, sich auf den Steintisch zu stellen, um von ihm aus, und nur von ihm aus, die Landschaft zu mustern. Und so tat ich denn, wie mir geboten, und genoß auch von diesem niedrigeren Standpunkt aus eines immer noch entzückenden Rundblicks, ein weitgespanntes Panorama. Die Dürftigkeiten verschwanden, alles Hübsche drängte sich zusammen, und nach Westen hin traten die Türme Berlins aus einem Nebelschleier hervor.

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Jan 082019
 
Gedenktafel und Graffito an der Hauptstraße 155 in Schöneberg, aufgenommen heute

Boah, ist das heute ein unablässig prasselnder, galaktisch sprühender Nebelregen! Nach einem Friseurbesuch pilgere ich passend zu diesem nebelfeuchten spacigen Dunstschwadenwetter einen kurzen Abstecher zur Hauptstraße 155, zu dem Haus, in dem von 1976-78 David Bowie wohnte. Er wurde ja an einem 8. Januar geboren!

Die Immenstädter Autorin Barbara Frey führte mich kürzlich an diese Stelle, als sie auf Forschungsreise in Schöneberg vorbeikam und mich in das Leben und Schaffen Klaus Nomis einführte. Der außerhalb seiner Geburtsstadt sehr bekannte Countertenor Klaus Nomi, der in Immenstadt/Allgäu geboren wurde, in Berlin eine Gesangsausbildung durchlief und oft im Schöneberger Kleist-Casino auftrat, unter anderem mit der berühmten Arie der Dalila aus „Samson et Dalila“, war während seiner New Yorker Jahre (ab 1973) eine wesentliche Anregungsquelle für den 3 Jahre jüngeren David Bowie, der wesentliche Elemente von Nomis Bühnenerscheinung übernahm und produktiv weiterentwickelte. Insbesondere die Bühnenkostüme Nomis dürften maßgeblich die späteren Outfits von Bowie beeinflusst haben, wovon das oben zu sehende Graffito Zeugnis ablegt. Am 24. Februar 2019 veranstaltet das Literaturhaus Allgäu in Immenstadt mit Barbara Frey eine Soirée auf den Spuren Klaus Nomis.

David Bowie – 8.1.1947 London – 10.1.2016 New York City
Klaus Nomi – 24.1.1944 Immenstadt – 6.8.1983 New York

www.literaturhausallgaeu.de/Veranstaltung/literarische-soiree-out-of-immenstadt-klaus-nomi-24-jan-1944-6-aug-1983-2/?instance_id=94

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Jan 052019
 
Wassily Kandinsky: Schweres Schweben. 1924. Gesehen gestern in der Ausstellung Bestandsaufnahme Gurlitt. Gropius Bau Berlin

Lieber Sohn, draußen dunkelt es schon. Der vorübergehende Schneefall war nur ein Zwischenspiel. Nun herrschen wieder 5 bis 6 Grad, wodurch das Gefühl einer merkwürdigen Jahreszeitenlosigkeit entsteht. Weder herrscht Winter noch leben wir im Herbst, denn keine Blätter fallen mehr von den Bäumen. Der Sommer ist nur eine Erinnerung, und bis zum Frühling dauert es noch eine unermesslich lange Weile. Also ist das Wetter eine einzige Langeweile. 

Gestern hatte ich einen freien Tag und besuchte gleich zwei Ausstellungen, die beide sehr fesselnd waren: „Bestandsaufnahme Gurlitt“, eine Übersicht über wertvolle Kunstwerke, die während der Nazizeit ihren Besitzern entwendet wurden und die jetzt ihren rechtmäßigen Eigentümer suchen, und die „Bewegten Zeiten“ – eine üppige Tiefenbohrung über die Früh- und Vorgeschichte des Landes, das wir heute Deutschland nennen.

Am meisten beeindruckt hat mich die Zeichnung „Schweres Schweben“ von Wassily Kandinsky, die er 1924 angefertigt hat. War dankbar, dass man in dieser Ausstellung alles fotografieren darf!

Schwebende Schwere! Morgen, Sonntag, werde ich ab 18.45 Uhr als Geiger an einem Webinar mitwirken. Ich bin gespannt, was daraus wird.

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Jan 042019
 
Charles-Joseph Natoire: Die Ruinen des römischen Kaiserpalastes auf dem Palatin, 6. Mai 1760. Kupferstichkabinett Berlin. Gesehen in der Ausstellung: Rendezvous. Die französischen Meisterzeichnungen des Kupferstichkabinetts. Ausstellung von 07.12.2018 bis 03.03.2019


ἰδοὺ ἀφίεται ὑμῖν ὁ οἶκος ὑμῶν. So das Wort Jesu laut Lukas 13,35. Also geht euch verloren euer Haus, dürfen wir grobschlächtig übersetzen. Eine Klage über den Verlust des Hauses, in dem sie zu leben glaubten, eine Voraussage über die Zerstörung des Tempels, über das „Ende der Welt, wie sie sie kannten.“ Jesus lebte in der Naherwartung, er glaubte, das Ende der Welt, wie er sie kannte, stehe unmittelbar bevor. Das Ende seines Lebens wurde später von den Überlebenden, die sich zu ihm bekannten, als Vorwegnahme des Endes der Pracht und Herrlichkeit des alten Israel gedeutet, wie es dann als große Katastrophe im Jahr 70 eintrat.

Die Perikope aus dem Lukasevangelium kommt mir immer wieder in den Sinn, sobald ich an den Ruinen der großen Welt vorbeikomme. Nacherleben der verlorenen großen Welt!

Ob es nun der unter Kaiser Titus zerstörte Jerusalemer Tempel oder die Ruinen des Palatinspalastes sind: Die neue Ausstellung des Kupferstichkabinetts Berlin bietet reichlich Gelegenheit, dieses Vorher und Nachher zu bestaunen, nachzuerzählen, nachzuerleben.

Große Kunst – wie sie hier an den französischen Meisterzeichnungen zu erfahren ist – geht häufig aus der Erfahrung der Zerstörung des Großen hervor, aus der Erfahrung des Nachher. Sie ist Nachhall eines unersetzlichen Verlustes.

Aber sie, diese Zeichnung, verbürgt auch den Neuanfang. Sie legt Zeugnis davon ab, dass es auch ein Leben nach dem Zeitenbruch gibt. Friedlich weidende Kühe, die melkende Hirtin, nicht zuletzt aber die an einen Flußgott erinnernde, vorne lagernde Gestalt bekunden die Erwartung des Neuanfanges. Es ist, als raunte es uns aus der Zeichnung zu: „Das Leben geht ja weiter.“ Das Göttliche, der Gott ist vielleicht doch nicht ganz tot.

Nur das Haus des Großen, der Tempel des Göttlichen ist verloren, ist verworfen. Unser Haus ist zur Wüste geworden. Wir sind – die Unbehausten. Aber die Erinnerung daran lebt fort. Sie, Mnemosyne, spendet Kraft und schließt uns unter freiem Himmel zur Gedächtnisgemeinschaft zusammen.

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Jan 022019
 

Was siehst du auf diesem Foto? Was glaubst Du? Das da hier wurde geschossen am 31.12.2018 tief im Wald… in Saarow Strand.

Ähnlich wie um den symbolischen Ort „Golgatha“, also um die Kreuzigung Christi, also das zentrale, das traumatische, ja das einzigartige Opfer-Ereignis der christlichen Gedächtniskultur, sprießen und ranken sich auch um den symbolischen Ort „Auschwitz“, also um den Holocaust, das z. Zt. zentrale, das traumatische, ja das z. Zt. einzigartige Opfer-Ereignis der z. Zt. herrschenden westeuropäischen verfestigten Gedächtniskultur, soweit diese nicht vom sowjetischen Machbereich erfasst war – liegt doch der ehemals kommunistische Machtbereich gänzlich außerhalb der verfestigten westeuropäischen Gedächtniskultur – zahlreiche Bilder, Sagen, Mythen, Debatten, Diskurse, Metaphern, Tabus und die Tabus verfestigenden Tabubrüche. Zeitzeugenberichte von Erlebenden und Überlebenden werden überwuchert von formierten Meinungen, Fiktionen kriechen eppichartig über die Grabplatten, Romane treten an die Stelle von historischer Forschung. Romanhafte Phantasien greifen umgekehrt in den Bereich der Reportage, der Gedenkzeremonien über. Der Fall Relotius sei nur beispielhaft hierfür genannt.

Sage nicht, was ist, sondern erzähle die Wahrheit des vermeintlich Erinnerten so, dass du sie erträgst, und dass deine Leser ihr zustimmen!“ Dies scheint der Grundimpuls von Journalisten und Redakteuren wie Relotius zu sein.

Ein gutes Beispiel für diese wechselseitige Befruchtung von Phantasien und Fakten ist auch Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“. So treffend, so passgenau schmiegt sich der Romanschriftsteller in die Grundmuster der westeuropäischen Gedächtniskultur ein, dass man ihm „jedes Wort abnimmt“, so auch die vom Dichter erfundene Behauptung, Walter Hallstein habe seine Antrittsrede auf dem Boden des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz gehalten – eine Behauptung, die mir schon beim ersten Lesen nur als glaubwürdige Phantasie erschien. Se non è vero, è ben trovato, sagt der Italiener: Es könnte stimmen, und wenn es nicht stimmt, so ist es gut gefunden oder auch erfunden.

Auch der Dichter selbst, also der reale Mensch Robert Menasse scheint an seine Erfindungen zu glauben, wie Patrick Bahners heute in der FAZ auf S. 9 unter dem Titel „Menasses Bluff“ nachweist.

Gegenüber diesem metaphern- und tabubewehrten Geflecht vermag nur ernsthafte historische Erkenntnis, das sorgfältige Prüfen und Sichten unterschiedlichster Quellen, unterschiedlichster Wahrnehmungen, unterschiedlichster Zeugen einen Ausweg zu bieten.

Im Falle „Golgatha“ leistet diesen Ausweg in echte Erkenntnis seit fast 300 Jahren die historisch-kritische neutestamentliche Wissenschaft, früher „Leben-Jesu-Forschung“ genannt, also die nicht dogmengebundene, auf allen verfügbaren Quellen gestützte philologische Erforschung aller Berichte über jüdische Messiasse, über Todesarten jüdischer Propheten, über die schändliche Hinrichtung am Kreuz aus jüdischen, christlichen und paganen Quellen, wie sie beispielsweise der Tübinger Gelehrte Michael Theobald vertritt, dessen großartiger Überblicksdarstellung wir am 15. Dezember in Berlin beiwohnten.

Im Falle des symbolartig überhöhten Ortes „Auschwitz“ oder sagen wir besser beim Thema „Genozidale Dynamiken im 20. Jahrhundert“ leistet diesen Dienst die seriöse, weltweit betriebene historische Forschung, die vergleichende Genozidforschung.

Wir sollten Relotius und Menasse dankbar sein, dass sie das Publikum so überzeugend auf den Zusammenhang von Sagen und Geschichten, von geglaubten Geschichten und formierten Geschichtsbildern hingewiesen haben. Beide haben damit der Enttabuisierung von herrschenden Meinungen einen unschätzbaren Dienst erwiesen.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/robert-menasse-hat-auschwitzer-hallstein-rede-erfunden-15967837.html

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Jan 012019
 

Borkeninseln einer älteren Plattenkiefer am Scharmützelsee bei Wendisch Rietz, 31.12.2018

Die märkische Plattenkiefer, ein hier im Wald rings um den Scharmützelsee heimischer Baum, eine Varietät der Waldkiefer (pinus sylvestris), erfreute mich gestern sehr! Diese Varietät kann bis zu 400 Jahre alt werden und ist ausgezeichnet an Klima und Boden dieses Standortes angepasst. Dicht an dicht gefügt sind die passgenau zueinander wachsenden Borkeninseln. Die Krone wirkt ausladender und unregelmäßiger, zugleich auch üppiger als die der Gewöhnlichen Waldkiefer.

Ich sah an Silvester mehrere Buntspechte eifrig an der Borke von Plattenkiefern auf Nahrungssuche hacken und emsig auf und ab klettern. Meine Hand glitt gestern über diese vom Borkenbild der Gemeinen Wald-Kiefer so deutlich abweichende, fast wie genäht anmutende, glatte Borkenoberfläche, wie man sie in märkischen Wäldern ganz selten zu fassen bekommt. Was für ein Unterschied zu der rissig abblätternden, schuppenartig abplatzenden Rinde unserer gewöhnlichen Waldkiefer!

Aber handelt es sich bei der Plattenkiefer wirklich um eine Varietät der Art Pinus sylvestris, oder liegt eine eigene Art vor? Wuchsform, Kronenbild, vor allem aber die Borke weichen so grundsätzlich von der Gewöhnlichen Wald-Kiefer ab, dass ich geneigt bin, die Plattenkiefer für eine eigene biologische Art zu halten. Hierzu scheint der folgende, mir nicht vorliegende Aufsatz Stellung zu nehmen:

Kohlstock, Norbert / Hertel, Heike: Ist die Plattenkiefer eine Besonderheit unter den Kiefern?

Erschienen in: Brandenburgische Forstnachrichten
Vol. 5, H. 52-53 (1996), S. 20-21

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