Jul 202019
 

Wegwarte und Rispen-Flockenblume auf der Wiese, am 15.07.2019, Hans-Baluschek-Park

Andrea Camilleri war soeben im italienischen Fernsehen zu hören, bei einem seiner letzten Interviews. Ich zitiere:

«Io sono stato felice per pochi attimi e per cose inspiegabili. Una volta quando in campagna mi entrò la citronella nelle narici, nei polmoni e mi venne voglia di cantare ad alta voce e sentii il mio essere in armonia con l’universo, non con il mondo, ma con il grandissimo nulla dentro cui fui felice di perdermi».

[Ich bin wenige Momente glücklich gewesen, und wegen unerklärlicher Dinge. Einmal, als in Feld und Wiese Zitronengras in meine Nasenlöcher und Lungen drang, und ich Lust bekam, mit lauter Stimme zu singen, und ich fühlte, dass ich in Harmonie mit dem Universum war, nicht mit der Welt, sondern mit dem riesengroßen Nichts, in dem ich glücklich war verloren zu gehen.]

… also im Augenblick von diesem höchsten Glück verspürtest du Lust, mit lauter Stimme zu singen? Darauf rufe ich dir als Überlebender deines Todes zu: Bereits das Singen mit lauter Stimme kann uns Lebenden, uns noch Lebenden im rechten Moment, in nicht wenigen Momenten Glück bedeuten. Du erinnerst dich?

ed era il cielo a l’armonia sì ’ntento
che non se vedea ’n ramo mover foglia!

C’è tanta dolcezza che ti aprirà le narici, Andrea, che farà entrare l’odore della citronella nei tuoi polmoni …

In memoriam Andrea Camilleri (Porto Empedocle, 6 settembre 1925 – Roma, 17 luglio 2019)

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Der Welt verliehen

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Jul 132019
 
Vorüberfahrendes Rad im Hans-Baluschek-Park, Schöneberg, 28.06.2019

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen,
Nach dem Gesetz wonach du angetreten.

Blühendes Gedeihen ringsumher begrüßte mich am Morgen des 28. Juni, Wegwarte, Schafgarbe, Goldrute und Wiesenschaumkraut dufteten und leuchteten mir entgegen. Ein gelingender Tag, den ich im Zeichen und mit dem Beistand Goethes begann!

„Du bist der Welt verliehen von einem Tag.“ Merkwürdiger orphischer Gedanke, dass du der Welt verliehen seiest, dass du ihr nicht fest angehörest; gelockertes Band an das Irdische, gefestigte Bindung an das Dämonische! Nichts, was dir begegnet am Wegrand, kann dich endgültig festhalten. Und nichts von dem, was du behandelst, womit du handelst, gehört dir ewig an. Es ist dir alles nur verliehen, so wie du dem All nur verliehen bist.

Du bist immer unterwegs, nie ganz zuhause. Du schwebst dahin, da bist ein rollendes Rad durch blühende Landschaften. Du bist – ein Vorübergehender, nicht bestimmt zum Bleiben.

Quellennachweis
Johann Wolfgang Goethe: ΔΑΙΜΩΝ, Dämon. In: Urworte. Orphisch. Zitiert nach: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Herausgegeben von Karl Eibl. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 1998, S. 501


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Im Setzkasten der Ewigkeit

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Jul 052019
 
Auf der Pfaueninsel, Berlin-Wannsee. Blick von der Meierei auf den Luisentempel. Aufnahme des hier Schreibenden vom 3. Juli 2019

„In der heutigen Zeit, in der alles speicherbar und abrufbar ist, ist das Theater, die Oper, ein Konzert eine Form, wo etwas passiert, das danach nur in der Erinnerung der Akteure und des Publikums noch da ist. Es passiert jetzt, und ich bin jetzt da – und dann ist es vorbei. Das ist cool.“

So äußert sich heute in der Süddeutschen Zeitung die aus dem Oberfränkischen stammende Tatortkommissarin Eli Wasserscheid. Oder – sie äußerte sich gegenüber den Nürnberger Nachrichten in der Vergangenheit so, und hat es heute vielleicht schon vergessen. Oder es wird ihr morgen wieder einfallen, wenn sie dies liest.

„Wir sagen: Die Zeit vergeht. Dabei sind wir es, die verschwinden. Und sie? Ist vielleicht nur so etwas wie eine Temperatur der Dinge, eine Färbung, die alles durchdringt, ein Schleier, der alles bedeckt, alles von dem man sagt, daß es einmal war. Und in Wirklichkeit ist alles noch da, und auch wir sind alle noch da, nur nicht im Jetzt, sondern zugedeckt von ihr, der Zeit im Setzkasten der Ewigkeit. Denn zwar stirbt alles, doch es bleibt etwas dort, wo etwas war. Zunächst sind es die Orte, die länger bleiben als wir. Was tut die Zeit mit ihnen?“

Dies schreibt, oder schrieb, hat geschrieben, oder wird schreiben der vom Rand des Vogelsbergs stammende Thomas Hettche. Uns fallen dabei jene mutmaßlich unsterblichen, hoffentlich ewigen Verse ein, welche der aus dem Hessischen gebürtige Johann Wolfgang Goethe im Jahr 1885 hätte lesen können, wenn er es denn damals noch hätte versuchen dürfen:

Und von allem Dem schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz,
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet,
Uns doch nicht verändern mag!

Preis dem Vergangenen, das da war, da ist und da sein wird!

Zitatnachweise:

„Leute“, in: Panorama. Süddeutsche Zeitung, Freitag, 5. Juli 2019, Seite 10

Thomas Hettche: Pfaueninsel. Roman. Genehmigte Taschenbuchausgabe. 3. Auflage, btb Verlag München, März 2016, S. 32

Goethes Sämmtliche Werke. Vollständige Ausgabe in zehn Bänden. Mit Einleitungen von Karl Goedeke. Erster Band, Verlag der J.G. Cotta’schen Buchhandlung, Stuttgart 1885, S. 878

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