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Okt 142017
 

Ausgezeichnetes, kluges Interview der amtierenden französischen Verteidigungsministerin Florence Parly in der heutigen Monde! Während in Deutschland im Dienste der Klimarettung oder der Weltenerlösung über unerfüllbare Elektro-Quoten hier und mehrfach nicht eingehaltene CO2-Quoten da gezankt und gezauselt wird, hat Frankreich gestern eine sehr griffig und bündig ausgearbeitete Miltärdoktrin veröffentlicht, die – offiziell bestätigt durch Präsident Macron – verbindliche Leitlinie des militärpolitischen Regierungshandelns sein wird: die „Revue stratégique de défense et de sécurité nationale„, also die strategische Militärdoktrin der von Präsident Macron eingesetzten Regierung.

In dem heutigen Monde-Interview fasst die Ministerin die Kernaussagen dieser Doktrin zusammen. Für die Europapolitik, die Verteidigungspolitik und die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland liegt hier ein Dokument vor, das meines Erachtens unbedingt vertiefte Aufmerksamkeit verlangt.

http://www.lemonde.fr/international/article/2017/10/13/florence-parly-la-france-veut-conserver-une-autonomie-strategique_5200442_3210.html

Unter drei Leitworten sei diese Zusammenfassung hier zusammengefasst:

Unbedingt einsatzbereit über alle Waffengattungen. Die französischen Streitkräfte werden auch weiterhin sowohl in der konventionellen als auch der nuklearen Bewaffnung alle Fähigkeiten aufrechterhalten und stärken und ihre jederzeitige Einsetzbarkeit in allen für Frankreich sicherheitsrelevanten Ländern nach dem alleinigen Ermessen Frankreichs sicherstellen. Die französischen Streitkräfte werden das gesamte Spektrum der modernsten Miltärtechnik in allen Waffengattungen eigenständig vorhalten und weiterentwickeln. Hierzu sind die Verteidigungsausgaben im Staatshaushalt planmäßig auf 2% des BIP zu erhöhen. Eine Verminderung der Militäreinsätze Frankreichs in den verschiedenen Ländern Afrikas und Asiens ist nicht vorgesehen.

Völlig selbständig. Frankreich wird zunächst alle seine Kampfeinsätze ohne vorherige Rücksprache mit anderen und in völliger Selbstständigkeit („autonomie totale“) planen und durchführen. Diese „autonomie stratégique, technologique et opérationelle“, welche die Ministerin ausdrücklich nennt, betrifft strategische Planung, Einsatzführung und taktische Maßnahmen im Kampfgebiet.

Jedoch werden die Kampfeinsätze nicht notwendigerweise stets allein ausgeführt, sondern es gilt der Grundsatz:

Bei Bedarf auch mit Verbündeten. Je nach strategischer Lage und taktischer Zielsetzung wird Frankreich sich mit unterschiedlichen Verbündeten absprechen und Zusatzleistungen anderer Staaten mit einbeziehen. Das können, wenn auch in vermindert zu erwartender Verlässlichkeit,  die USA sein; insbesondere aber kommen hier Deutschland und Großbritannien als hilfeleistende Verbündete und  Truppensteller in Betracht. „Les Allemands ont la capacité de nous soutenir„, sagt die Ministerin wörtlich, zu deutsch: „Die Deutschen haben die Fähigkeit uns zu unterstützen. “

Wie in anderen Politikbereichen auch gilt der Grundsatz: Frankreich zuerst. Frankreich beansprucht also in Sachen Krieg und Frieden die erste Geige zu spielen. Dann kommen die anderen, darunter die USA, Großbritannien und Deutschland.

Was fällt auf? Weder NATO noch EU spielen in den Betrachtungen der Ministerin eine Rolle. Was zählt, das sind zuerst und zuletzt die Staaten, wie natürlich Frankreich zuerst, dann Frankreich noch einmal und dann die anderen mehr oder minder großen Staaten dieser Welt. Von einer gemeinsamen Militärdoktrin oder Grenzsicherungsdoktrin der EU kann weiterhin nicht im entferntesten die Rede sein. Darüber, so meine ich, sollte man sich nicht mehr so vielen trügerischen Illusionen hingeben, wie dies hierzulande bei aller löblichen Frankreich- und EU-Begeisterung (die der hier Schreibende teilt) noch der Fall ist.

Ich empfehle das messerscharf geschliffene Interview der brillanten französischen Verteidigungsministerin, in dem Christophe Ayad, Nathalie Guibert und Marc Semo die Fragen stellten, nachdrücklich der Aufmerksamkeit in den anderen Staaten der EU.

 

 

 

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Okt 102017
 

Auf dreierlei konnten wir gemeinen Bürger uns in dem hinter uns liegenden Bundestagswahlkampf verlassen: zum einen auf eine entschlossene Vermeidungshaltung der sich selbst als solche bezeichnenden „demokratischen“ Parteien gegenüber den wirklich drängenden Themen Europas und der Europäischen Union, zum anderen auf eine angewiderte, angeekelte, fast schon hasserfüllte Haltung der sich selbst als solche bezeichnenden „demokratischen“ Parteien gegenüber dem von den „demokratischen Parteien“ als solchem bezeichneten „Rechtspopulismus“ und den Wählern der „Rechtspopulisten“; die demokratischen Parteien standen in dieser Frage zumindest in geschlossen abwehrbereiter Front zusammen; zum dritten schließlich  auf eine nicht minder angewiderte, ja fast schon gleichgültige Haltung gegenüber allen kulturellen Themen, die häufig in einer geradezu allergischen Reaktion der gelehrten und akademisch angehauchten Öffentlichkeit gegenüber Wort und Begriff der europäischen bzw. deutschen „Leitkultur“ gipfelte.

Die Kultur, geschweige denn die mindestens in meinen Augen ganz entscheidende Frage der kulturellen Leitwerke der 47 europäischen Staaten, die im Europarat vereinigt sind, sowie auch Fragen der kulturellen Selbstverständigung der Bundesrepublik Deutschland spielten im Bundestagswahlkampf keine Rolle.

Uns droht die Kultur!“, so seufzen die  Beamten in Brüssel laut dem Zeugnis des gestern ausgezeichneten Schriftstellers Robert Menasse, wenn es um die Verteilung der Zuständigkeiten geht. „Österreich soll mit Kultur abgespeist werden!“  „Die Bildung wurde unterschlagen.“ Das lässt schmunzeln. Auch in der EU lässt sich also mit Kultur kein Staat machen! In Deutschland haben die sich selbst so bezeichnenden „demokratischen“ Parteien um die Kultur einen Bogen gemacht genauso wie um die wichtigen, zukunftsentscheidenden Fragen der Europäischen Union. Indifferenz gegenüber der Zukunft der Europäischen Union, Einheitsfront gegenüber dem erbittert zu bekämpfenden Rechtspopulismus, Missachtung der Kultur – diese drei Merkmale scheinen Grundzüge unserer bundesdeutschen bornierten Häuslichkeit  zu sein.

Zitat:
Robert Menasse: Die Hauptstadt. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2. Aufl. 2017, S. 45-46

 

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Okt 082017
 

Schöneberg, d 7 Oktbr 2017. Geselliges, gutes Musizieren im kleinen Kreis guter Menschen! Ich wage mich, auf ausdrückliches Bitten, am Klavier meiner Mutter selig sitzend, gelegentlich aufspringend, erstmals an den Vortrag von Schuberts An Schwager Kronos, freilich nicht im originalen d-moll, sondern in c-moll, wobei ich die Klavierbegleitung eher andeute als getreulich ausführe. Was für ein hochmodernes Gedicht hat Goethe hier geschrieben, hart gefügt, sprunghaft, kraftvoll rasselnd, zwischendrin zärtlich-behutsam innehaltend! Und Schubert drängt das noch einmal deutlich über Goethe hinauslangend ins Tiefste und Höchste hinein. Größte Erschütterung. Glück und Dankbarkeit am Abend.

 

Nachstehend der Text der ältesten überlieferten Fassung aus dem Jahr 1778 in Goethes Handschrift. Schubert hat allerdings den deutlich geglätteten Text der späteren Ausgaben verwendet.

 

AN SCHWAGER KRONOS

In der Postchaise d 10 Oktbr 1774

Spude dich Kronos
Fort den rasselnden Trott!
Bergab gleitet der Weg
Ekles Schwindeln zögert
Mir vor die Stirne dein Haudern
Frisch, den holpernden
Stock, Wurzeln, Steine den Trott
Rasch in’s Leben hinein!

Nun, schon wieder?
Den eratmenden Schritt
Mühsam Berg hinauf.
Auf denn! nicht träge denn!
Strebend und hoffend an.

Weit hoch herrlich der Blick
Rings ins Leben hinein
Vom Gebürg zum Gebürg
Über der ewige Geist
Ewigen Lebens ahndevoll.

Seitwärts des Überdachs Schatten
Zieht dich an
Und der Frischung verheißende Blick
Auf der Schwelle des Mädgens da.
Labe dich – mir auch Mädgen
Diesen schäumenden Trunk
Und den freundlichen Gesundheits Blick.

Ab dann frischer hinab
Sieh die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich faßt
Greisen im Moore Nebelduft,
Entzahnte Kiefer schnattern
Und das schlockernde Gebein.

Trunknen vom letzten Strahl
Reiß mich, ein Feuermeer
Mir im schäumenden Aug,
Mich Geblendeten, Taumelnden,
In der Hölle nächtliches Tor

Töne Schwager dein Horn
Raßle den schallenden Trab
Daß der Orkus vernehme: ein Fürst kommt,
Drunten von ihren Sitzen
Sich die Gewaltigen lüften.

Die Wiedergabe des Gedichtes erfolgt hier buchstaben-, zeilen- und zeichengetreu in der Fassung der „Ersten Weimarer Gedichtsammlung“, welche Goethe eigenhändig im Jahr 1778 schrieb (Handschrift H2).

Zitiert nach:
Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203

Bild: Goethes Arbeitszimmer, Weimar. Im Spiegel Goethes: der hier Schreibende

 

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Okt 072017
 

Als unübersehbare Posterwand der Nachwahlanalyse dient derzeit die Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg. Phantastisch. Aufschlussreich.

Rechtspopulismus schadet der Seele.“ Das ist die befreiende Botschaft der Heilig-Kreuz-Kirche in der Zossener Straße vom heutigen Tage, mehrere Meter hoch in Schwarz und Weiß ausgespannt.

Verschwindend darüber im Gischt des Regens: das Kreuz Jesu, unbedeutend, kaum mehr sichtbar. Das Heilige Kreuz? Kann wegfallen.

Was fällt dir auf?

1. Schwarz-Weiß-Sicht der Schrift an der Kirchenwand, Schwarz-Weiß-Sicht der Welt! Rechtspopulismus wird durch die Kirche als etwas Schädliches hingestellt, vergleichbar einer psychischen Erkrankung. Oder ist er, der Rechtspopulismus, des Teufels? Sollte man den Rechtspopulismus oder die Rechtspopulisten ächten – oder lieber gleich ans Kreuz schlagen?

2. Extreme Vereinfachung. Staatstragender Lapidarstil. Es fehlt jede Erklärung, jeder Ausweg, jedes Hilfsangebot für die verachteten Rechtspopulisten.  Es klingt wie ein Verdammungsurteil.

3. Wie eigentlich immer seit den Zeiten eines Bismarck, eines Hofpredigers Adolf Stoecker schmiegt sich die deutsche Kirche ganz nah an die Staatsmacht an. Sie ist politikdurchflochten, politikaffin, machtverwoben. Konstantinismus wie er im Buche steht!

4. Konsequent durchideologisiert ist diese deutsche, allzu deutsche Kirche. Menschenabgewandt. Scharf im Urteil, schroff in der Verdammung des vermeintlich Bösen.

5. Ist es mutig, den Rechtspopulismus (aber was ist das eigentlich?) zu verteufeln und wie eine Art Pest oder einen Aussatz oder eine Brunnenvergiftung zu behandeln? Nein, die Heilig-Kreuz-Kirche steht hier wie ein Mann – gewissermaßen Gewehr bei Fuß – hinter der  Meinung des abgewählten Deutschen Bundestages! Mutig wäre es gewesen, wenn 1938 am Berliner Dom ein großes Poster gehangen hätte mit der Inschrift: „Hass auf Andersdenkende schadet der Seele.“ „Judenhass schadet der Seele.“ Das wäre mutig gewesen.

6. Hätte oder hat Jesus mit Menschen gesprochen, die gänzlich anderer politischer oder religiöser Meinung waren als er? Hat er sie geliebt oder zu lieben versucht? O ja, fast ausschließlich! Von Anfang bis Ende, am Ende sogar mehr als am Anfang.

7. Was hätte er zu diesem Spruchband an der Heilig-Kreuz-Kirche gesagt? Vielleicht dies:

ἀπὸ σεαυτοῦ σὺ τοῦτο λέγεις ἢ ἄλλοι εἶπόν σοι περὶ ἐμοῦ; (Joh 18,34)

Oder dies:

Μὴ κρίνετε, ἵνα μὴ κριθῆτε· 2ἐν ᾧ γὰρ κρίματι κρίνετε κριθήσεσθε, καὶ ἐν ᾧ μέτρῳ μετρεῖτε μετρηθήσεται ὑμῖν. (Mt 7,1)

Foto: Aufnahme der Fassade der Heilig-Kreuz-Kirche, Berlin-Kreuzberg, Zossener Straße, heute nachmittag

 

 

 

 Posted by at 22:53
Okt 032017
 

„Vom Schwung des Vormärzes oder von späteren Erfolgen der Emanzipation etwa spürt man eigentlich gar nichts; in dieser deutschen Geschichte ist außerdem kein Dürer, kein Melanchthon weit und breit, keine Weimarer Klassik (nur „ein besonders lebendiges intellektuelles Klima“ im 18. Jahrhundert), kein Kant, kein Hegel, kein Marx oder Heine, kein Nietzsche, kein Thomas Mann. „

Ein guter Einwand, den Johan Schloemann heute in der Süddeutschen Zeitung sehr gezielt  gegen die bei den Deutschen herrschende Sicht auf die deutsche Geschichte erhebt! Denn was er da über Andreas Fahrmeirs neues, auf 120 Seiten gerafftes Destillat der deutschen Geschichte sagt, das gilt mit endlosen, ermüdenden Variationen auch für die Grundhaltung, welche die Reden zum 3. Oktober prägt. Das Gute, das Schöne und das Wahre kommt in der deutschen Geschichtserzählung nicht mehr vor, die Guten, die da gewesen sind, werden nicht mehr gepflegt, sie kommen einfach nicht mehr vor. Es wird fast alles überschattet von dem berühmten Dodicennio, den berühmten alles überstrahlenden 12 Jahren. Darin hat Höcke recht. Leider.

Teurer europäischer Freund! Du fragst nach den Feierlichkeiten, ich antworte Dir:  Da ist keine Freude an der Geschichte bei den Deutschen, keine produktive Aneignung mehr zu spüren; ein raunendes graues Gespinst aus Scham, Schuld und immerwährender Verantwortung ist mittlerweile in deutscher Sicht Synonym für die deutsche Geschichte überhaupt geworden. Alles, wirklich alles andere darf wegfallen, aber die immerwährende Verantwortung dafür muss jede und jeder höchstpersönlich einfach übernehmen. Drunter geht es absolut nicht.

Eine zweite Stimme sei gerade heute zitiert:

Warum vermag Deutschland heute keinerlei machtvollen, zukunftsträchtigen Impulse zur Gestaltung Europas, geschweige denn zur Bewältigung der schwierigen geostrategischen und miltärischen  Herausforderungen beizusteuern?, fragt der US-amerikanische Schriftsteller Paul Berman im Gespräch mit der italienischen Journalistin Viviana Mazza. Dahinter schwingt die stumme Frage mit: Warum ist Deutschland so zukunftsabgewandt, so verstrickt in sein vergangenes Dodicennio? Seine Antwort lautet:  „È un grande Paese con la qualità di un vulcano spento.“ Deutschland, so sagt es Paul Berman, ist „ein großes Land mit der Qualität eines erloschenen Vulkans“.

Nachweise:

Johann Schloeman: Erbe kaputt. Deutsche Geschichte – was heißt das genau jetzt und heute? Andreas Fahrmeir hat auf knappstem Raum eine Gesamtdarstellung gewagt. Pathosfrei vergegenwärtigt er eine Entwicklung ohne Ziel, ohne Telos. Süddeutsche Zeitung 2./3. Oktober 2017, S,. 11. [=Rezension von: Andreas Fahrmeir, Deutsche Geschichte. C. H. Beck, München 2017]

http://www.sueddeutsche.de/kultur/debatte-erbe-kaputt-1.3690697

Zitat Paul Berman im Gespräch mit Viviana Mazza: La Repubblica, venerdì 7 Luglio 2017, Seite 4

Foto: Statue der Hl. Katharina von Alexandrien, Dom zu Magdeburg, 13. Jahrhundert

 Posted by at 19:43
Sep 302017
 

https://www.welt.de/politik/article169192391/CDU-Vize-wirft-Gruenen-planwirtschaftliches-Denken-vor.html

Ein gutes Auge für das Vorherrschen planwirtschaftlichen Denkens sowohl bei den letzten drei Bundesregierungen einschließlich der noch amtierenden wie auch bei der Partei der  Grünen beweist der aus dem Rheinländischen stammende Politiker Armin Laschet. In einem neuen Interview mit der Welt diktiert er heute in die Blöcke der Journalisten, er beobachte, dass gewisse Politiker „… nur in Ausstiegsszenarien denken: Ausstieg aus dem Diesel, Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor, Ausstieg aus der Braunkohle und der Steinkohle, eigentlich aus allen fossilen Energien.“

Das Wort „Ausstieg aus…“ könnte man Armin Laschet folgend als Markenzeichen der Wirtschafts- und Energiepolitik dieser vergangenen 12 Jahre bezeichnen. Die vielbeschworene Energiewende ist das beste Beispiel dafür. Alle diese Ausstiegsszenarien hat die jeweils amtierende Bundesregierung in den letzten Legislaturperioden auf den Weg gebracht.

Ausstieg aus der Atomkraft bis …
Aussetzung  der Wehrpflicht ab …
Ausstieg aus der Kohleenergie bis …
Kompletter Abschied vom Verbrennungsmotor bis…
Dekarbonisierung der gesamten Volkswirtschaft um … %  bis zum Jahr …

Allen diesen geplanten Ausstiegen ist gemein, dass sie zentral von oben herab weit in die Zukunft hinein verfügt werden, ohne ausreichend Raum für Diskussionen oder gar nachträgliche Änderungen durch bessere Technologien zu lassen.

Planzahlen sind seit langem schon aufgelegt.  Ein beliebiges Beispiel für derartige staatlich verordnete Planwirtschaft (es ist nur eines, weitere fallen einem sofort ein):

„Ziel der Bundesregierung ist es, bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen. Bis 2030 sechs Millionen. Diese Ziele schreibt das Regierungsprogramm Elektromobilität von 2011 fest. Denn Elektrofahrzeuge verringern nicht nur die Abhängigkeit vom Öl. Lädt man die Batterien mit Strom aus erneuerbaren Energien, fahren Elektrofahrzeuge praktisch ohne Schadstoffausstoß.“

https://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Themen/Energiewende/Mobilitaet/mobilitaet_zukunft/_node.html

Armin Laschet ist zu danken, dass er unsere Aufmerksamkeit auf die deutliche Vorherrschaft des planwirtschaftlichen Denkens sowohl bei der heute noch regierenden Koalition wie auch bei der derzeit ins Auge gefassten neuen Koalition gerichtet hat.

Auch die CDU steht offenkundig in einem Ausstiegsszenario. Sie verlässt nämlich die Düsseldorfer Leitsätze zur Wirtschaftspolitik  von 1949 und hat in den letzten 12 Jahren zu ihren ersten programmatischen Ansätzen aus dem Jahr 1946, zu dem sogenannten Ahlener Programm zurückgefunden. Dafür liefert die Politik der letzten drei Legislaturen eine Fülle an Belegen. Und der jeweilige Bundestag hat dies alles mit großen Mehrheiten abgesegnet. Brav!

Die Zeichen für Schwarz-Grün stehen auf hellstem Grün im Lichte des Planwirtschaftsgedankens!

 Posted by at 18:27
Sep 302017
 

Höre! Hannah Arendt, die 1906 im niedersächsischen Linden geborene große deutsche Philosophin sagt:

Im Deutschen gerade liegt das Volkslied aller Dichtung zugrunde, wenn auch in der eigentlich großen Dichtung so transformiert, daß es kaum noch kenntlich ist. So klingt die Stimme der Dienstbotengesänge durch viele der schönsten deutschen Gedichte.“

Höre! Unwillkürlich kommen dir diese Worte dieser großen jüdischen Philosophin in den Sinn! Denn soeben erreicht dich eine Einladung zu einem verheißungsvollen Konzert, das die 1975 in New York verstorbene große US-amerikanische Philosophin Arendt sicherlich besucht hätte, wenn sie denn noch lebte und zufällig gerade in Berlin weilte:

 

Samstag,  30. September 2017 – 19 Uhr
Gemeindesaal der Jesus-Christus-Kirche Berlin-Dahlem, Thielallee 1-3
Freier Eintritt

Deutsche Volkslieder in Melodie und Geschichte

Projekt-Chor Roland Bader
Mitglieder des früheren Chors der St. Hedwigs-Kathedrale, des Karl-Forster-Chores und Gäste
Leitung und Moderation: Roland Bader
Am Flügel Michael Cohen-Weißert

Die Texte der Lieder liegen offen vor mir. Ich nippe kurz an den Worten wie an einem schäumenden Kelche:

Brüder reicht die Hand zum Bunde Ännchen von Tharau ist’s die mir gefällt rede Mädchen allzu liebes das mir in die Brust die kühle hat geschleudert mit dem Blicke diese wilden Glutgefühle wie sanft sich die Quelle durch die Wiese windet nicht wandle mein Licht dort außen im Flurbereich ich wollt meine Lieb ergösse sich all in ein einzig Wort abends wenn ich schlafen geh in einem kühlen Grunde da steht ein Mühlenrad

Das ist ja jene bunte, abendlich strahlende, wilde und betörende Klanglandschaft, welche einst in deutscher Sprache erklang und erscholl, welche einst Hannah Arendt, Heinrich Heine, der Sänger und Schubert-Herausgeber Max Friedlaender, der Zeichner und Komponist Felix Mendelssohn, der Philosoph Walter Benjamin so beredt priesen und rühmten.  Kehrt doch wieder alle alle! Ihr sollt auferstehen und leben!

Wer kennt die Namen dieser Dichterinnen und Dichter heute noch? Kennst du sie wohl? Adelheid Wette, Wilhelm Ganzhorn, Heinrich Heine, Georg Friedrich Daumer, Adalbert von Chamisso, Fanny Hensel, Johann Gottfried Hientzsch, Joseph von Eichendorff?

Nun, nach dem einen ist immerhin noch (noch!) eine Universität in Düsseldorf benannt, nach einem anderen immerhin noch (noch!) eine Gasse am voll durchkommerzialisierten Potsdamer Platz in Berlin, noch nach einer anderen eine Grundschule in Kreuzberg, und nach einem anderen ein voll im Gentrifizierungswahn lebender Kiez in Kreuzberg.

Aber wer kennt diese Lieder noch? Wer singt sie noch? Seid ihr alle verweht, vergessen, verschollen? Nein! Kehrt doch wieder!

 

Bild: Romantisches Abendlicht im Natur-Park Schöneberger Südgelände, 29.09.2017, 18.30 Uhr

Zitat Hannah Arendts hier wiedergegeben nach:
Beatrix Brockman: Scherben im Bachsand. Der Nachlass der Lyrikerin Eva Strittmatter kommt in die Akademie der Künste nach Berlin. In: Ars pro toto. Das Magazin der Kulturstiftung der Länder, 3-2015, S. 25-29, hier S. 26

 

 

 Posted by at 10:17
Sep 282017
 

Kaum beachtet, meist verwechselt, schwer zu benennen, schwer zu erkennen: die Echte Mehlbeere. Wer achtet ihrer? Wer kann sie von einer Holz-Birne oder einer Echten Mispel sicher unterscheiden? Du, der Du dies liest? Ihr dort draußen? Ich nicht!

Wie dem auch sei – es gibt bei uns in der Schöneberger Heimat nicht nur die Robinie, die Weide, die Esche, die Kastanie, die Buche, sondern eben auch sie: die Echte Mehlbeere. Wie tüchtig ist sie doch! Wie klug schützt sie sich vor dem Klimawandel! Denn ihr Haarfilz auf den Blättern setzt die Verdunstung herab und ermöglicht es dem Baum, auch in sandiger Ödnis zu wachsen. Das ist wichtig, ja vorbildlich in Zeiten der Erderwärmung!

Mein gutes, kenntnisreiches Biologen-Ehepaar schreibt: „Die mehlig-weichen, fad schmeckenden Früchte, sind zwar essbar, eignen sich aber nur als Notnahrung. Getrocknet und vermahlen mischte man sie früher unter das Mehl, um Brot zu backen. Auch für die Gewinnung von Essig lassen sie sich verwenden.“

Mir kam ein Wandersang in den Sinn:

O ihr essigsauren Früchte, ich schätze euch sehr! Mir sollt ihr in Zeiten der Not willkommen sein! Wieviele hungrigen Mägen sättigtet ihr schon? Wie oft stilltet ihr das Geschrei der unmündigen Kindlein? Dein unten silberweiß behaartes Blatt, Aria, nötigt mir Ehrfurcht und Scheu ab wie das spärliche aschene Haar meiner Urgroßmutter Shulamith.  Sei mir gepriesen, Sorbus aria, sei mir gelobt und sei mir gesegnet, du echte, trutzige, nährende Beere! Andere starben, du lebst und wirst leben!

 

Bild: Echte Mehlbeere, Sorbus aria im Schöneberger Natur-Park Südgelände. 28.09.2017
Zitat:
Echte Mehlbeere. Sorbus aria (Rosengewächse), in: Margot und Roland Spohn: Welcher Baum ist das? Kosmos Naturführer, Stuttgart 2014, S. 111

 Posted by at 21:55
Sep 272017
 

There are a number of words I will try to avoid because of the serious misconceptions they might lead to. The terms ‚Holocaust‘ and ‚Shoah‘ are not useful since neither has any analytical value.

So schreibt es der in der Schweiz lehrende Historiker Christian Gerlach in seinem 2016 erschienenen Buch über die „Ermordung der europäischen Juden“. Er schreibt also den beiden Begriffen Holocaust und Shoah keinerlei Erkenntniskraft, jedoch sehr wohl einen hohen Grad an Irreführung zu – eine Einsicht, die sich mir immer wieder geradezu mit Macht aufdrängt, wenn ich originale Quellen, originale Dokumente und Zeugenberichte aus jenen Jahren 1933-1945 zur Kenntnis nehme, etwa bei einem Besuch im Haus der Wannseekonferenz.

Wir übersetzen die zitierte Aussage ins Deutsche: „Die Ausdrücke ‚Holocaust‘ und ‚Shoah‘ sind nicht nützlich, da keiner von beiden irgendeinen analytischen Wert hat.“

Ist dem Historiker hierin zuzustimmen? Sind diese Begriffe in der Tat inhaltsleer, nicht zielführend, missverständlich, unnütz? Diese Frage ist ihrerseits nicht unnütz.

Welche anderen Begriffe sucht der Historiker  zu vermeiden, da sie in seinen Augen keinerlei Erkenntnisgewinn versprechen?
Hier kommen sie: „Auschwitz“ als Metapher, final solution („Endlösung“), anti-Semitic, anti-Semite („Antisemitisch“, „Antisemit“), „Kollaboration“, „Kollaborateur“, „puppet state“ („Marionettenstaat“),  perpetrator („Täter“).

Gerlach kann – wie ich finde – überzeugend nachweisen, dass diese Begriffe der echten historischen Erkenntnis nicht dienlich sind. Denn der Historiker befasst sich durchweg mit kontingentem Geschehen, mit dem Geschehenen eben, der Geschichte und ihren Geschichten, nicht mit dem Geschickten oder dem Schicksal.

Seine, des Historikers Leitfrage lautet:
„Es ist geschehen, wie es geschehen ist. Aber es hätte zu jedem Zeitpunkt auch etwas anderes geschehen können. Warum also ist es so gekommen? Ich verstehe das nicht! Wie können wir das Geschehen verstehen, ohne auf einen jenseitigen Willen von außerhalb der geschichtlichen Welt (z.B. Götter, z.B. Gott, das Böse, die Deutschen, ewige Gesetze, Schicksal, Natur, Materie) zurückzugreifen?“

Der erste, der dies in aller Radikalität versucht hat – Geschichte beschreiben, ohne auf ein Jenseits der Geschichte zurückzugreifen –  war THUKYDIDES, der erste große, unerreichte Meister der Geschichtswissenschaft, einer der Väter Europas, dem ich hier noch einmal meine Hochachtung zolle.

Das Buch Gerlachs – mittlerweile auch auf Deutsch erschienen – halte ich für sehr beachtlich, ist es doch geeignet, die quälend unfruchtbaren, typisch deutschen Debatten über religiöse oder onto-theologische Attribute des deutschen Massenmordes an den europäischen Juden (Opfer, Einzigartigkeit, Tätervolk, Präzedenzlosigkeit, Unvergänglichkeit, ewige Schuld, Singularität) zu bewältigen und auf eine gewandelte Stufe der Erkenntnis zu heben.  Es ist unbedingt lesenswert! Gerade in seinem Skeptizismus gegenüber irreführenden, meist der Religion oder der Onto-Theologie entlehnten Bildern und Metaphern könnte dieses mutige, stocknüchterne, qualvoll genaue Übersichtswerk in Deutschland (dem Land der Täter) bahnbrechend und befreiend wirken. Mir liegt es nur auf Englisch vor, doch wird die deutsche Übersetzung sicherlich auch bei den Deutschen Aufmerksamkeit finden. Ich wünsche es ihr.

Christian Gerlach: The Extermination of the European Jews. Cambridge University Press, 2016, digitale Ausgabe, hier Pos. 485-509

 Posted by at 16:27
Sep 262017
 

Heute ist dieses Blogs 10. Jahrestag.

Es begann bescheiden am 26.09.2007 mit Berichten über eine lebhafte Podiumsdiskussion in der Volksbühne, einer musikalischen Danksagung an Simchas Torah von Ernest Bloch, mit fröhlichen lachenden glücklichen Menschen beim Berlin Marathon, streifte so manches nachdenkliche oder kummervolle Feld, hielt aber doch stets den Kopf aufrecht nach vorne gewandt in Zuversicht.

Über Stock und Stein frisch ins Leben hinein, so ging es immer weiter – über bisher 3652 Tage.

Dies ist ein Tag der Danksagung: Dank an Euch alle, die Ihr dies lest und gelesen habt, Dank für Kritik, Rat und Widerspruch!  Dies ist ein Tag, den ich der Freude am Leben widme, und ein Tag, an dem ich mir weiterhin viele fröhliche, lachende, glückliche Menschen aus allen Ländern der Welt wünsche. Traurige, weinende, unglückliche Menschen sind mir ebenfalls willkommen.

Zu den Zahlen:

In diesen 10 Jahren habe ich mehr als 3200 Beiträge veröffentlicht. Online sind davon weiterhin 3112. Im Durchschnitt erschien also pro Tag ungefähr ein Beitrag.  In jedem einzelnen Monat erschienen mehrere Beiträge. Niedrigster Wert: 3 (Monat April 2017). Höchster Wert: 81 (Monat November 2010)

Aktuelle Statistik für die letzten 30 Tage: 

Besucherzahl in den letzten 30 Tagen insgesamt: 7509
Durchschnittliche Besucherzahl pro Tag: 250
Seitenaufrufe in den letzten 30 Tagen: 36717

Die drei in den letzten 30 Tagen am meisten besuchten Beiträge aus all diesen zehn Jahren insgesamt sind übrigens:

http://johanneshampel.online.de/2008/07/25/mitgliederschwund-parteien-sind-weiterhin-ratlos/

„Wie unterscheidet man eigentlich Türken von Arabern?“

Ist „das Christliche“ zugleich „das Konservative?“

 Posted by at 16:06