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Okt 242017
 

ὣς δὲ Σκύθαι λέγουσι, νεώτατον πάντων ἐθνέων εἶναι τὸ σφέτερον, τοῦτο δὲ γενέσθαι ὧδε. ἄνδρα γενέσθαι πρῶτον ἐν τῇ γῆ ταύτῃ ἐούσῃ ἐρήμῳ τῳ οὔνομα εἶναι Ταργιτάον· τοῦ δὲ Ταργιτάου τούτου τοὺς τοκέας λέγουσι εἶναι, ἐμοὶ μὲν οὐ πιστὰ λέγοντες, λέγουσι δ᾽ ὦν, Δία τε καὶ Βορυσθένεος τοῦ ποταμοῦ θυγατέρα.

Wie ein prachtvoller Hymnus auf einen der bedeutendsten europäischen Prosaschriftsteller aller Zeiten, also auf Herodot von Halikarnass, liest sich die Besprechung der neuen Skythen-Ausstellung des Britischen Museums, die heute in der SZ erscheint. Diese uralte, nur durch reiche archäologische Funde und das umfassende Zeugnis Herodots bezeugte Völkerschaft gibt uns heute noch viele Rätsel auf.

In Alexander Mendens  Sicht erweist sich Herodot als insgesamt erstaunlich glaubwürdiger Zeuge. Zahlreiche Angaben zu Lebensweise, Ernährung und Totenkult haben sich durch neuere russische Grabungen in der Pasyryk-Stufe im Altai-Gebirge erhärten lassen. So haben skythische Brandgefäße tatsächlich eine Mischung aus Opium und Cannabis enthalten. Die Skythen inhalierten sie in eigens errichteten Hütten, „die kein griechisches Schwitzbad übertreffen konnte.“

Allerdings übernimmt Herodot nicht alles, was ihm seine Gewährsleute zutragen; dass die Skythen – nach ihrer Einschätzung mit nur 1000 Jahren das jüngste aller Völker –  über ihren Stammvater Targitaos von Zeus und einer Tochter  des Flusses Borysthenes abstammen wollen, überzeugt ihn nicht. Er meldet deutliche Zweifel an: ἐμοὶ μὲν οὐ πιστὰ λέγοντες, λέγουσι δ᾽ ὦν, Δία τε καὶ Βορυσθένεος τοῦ ποταμοῦ θυγατέρα (Buch 4, Kap. 5).  Herodot glaubte also nicht alles, was ihm zugetragen wurde, er prüfte durchaus die Sagen und Legenden auf Überzeugungskraft.

Aber er bestritt nicht grundsätzlich, dass die Götter, dass göttliche Erscheinungen vielfach ins Menschenleben hineinwirken. Er glaubte an Zeus, er glaubte an die Existenz von Göttern – bezeugt durch Geschichten und Geschichte. Nur glaubte er nicht an die Wahrheit all dieser Geschichten, sondern nur an die Wahrheit einiger Geschichten. Für Herodot war die Welt Schauplatz eines gewaltigen göttlich-menschlichen Ringens um Macht, um die Wahrheit der Geschichten, deren fortzeugende Kraft sich durch ihre Herkunft aus einem nicht bloß innerweltlichen Ursprung aufhellen ließ. Walter F. Otto schreibt sehr schön in einem heute wieder höchst lesenswerten Aufsatz über Herodot: „der unerschütterliche Glaube an die Herkunft allen Seins und Geschehens aus dem Göttlichen durfte das Gedächtnis der vorangegangenen Geschlechter nicht gering achten.“

Und genau darin verwarf ihn Thukydides! Das Göttliche, die Einflussnahme eines Numinosen, nicht zu Enträtselnden, war ihm keine brauchbare Kategorie historischer Erkenntnis! Der Sinn der Geschichte konnte nur aus ihr selbst entschlüsselt werden! Die Welt war keine Bühne der ewigen Auseinandersetzung der Götter mehr.

Beide Historiker wählten sich als Gegenstand ihrer Forschungen  eine geschichtliche Ereigniskette, die sie als präzedenzlos, als zunächst unbegreiflich, ja als von „einmaliger Größe und Bedeutung“ erachteten. Bei Herodot ist es die Auseinandersetzung zwischen der Welt der östlichen, persisch dominierten Großreiche und der zersplitterten Welt der griechischen Poleis, für Thukydides ist es der Vernichtungskrieg der griechischen Stadtstaaten gegeneinander.

Der fortwirkende Gegensatz zwischen Herodot und Thukydides ist auch heute noch deutlich spürbar. Das lässt sich in der schier uferlosen Literatur zum 1. und 2. Weltkrieg wieder und wieder nachweisen: für die einen ist der Europäische Bürgerkrieg 1914-1945 ein schicksalhaftes Ringen zwischen den Guten (also den Westmächten und der Sowjetunion) und den Bösen (oder gar der Inkarnation des Bösen, also Deutschland, dem Hort aller Übel), für die anderen dagegen eine vielfach gebrochene, vielfach gestaffelte, von wechselnden Assoziationen und Verwerfungen geprägte Ereigniskette ohne klare onto-theologische Rollenzuweisung.

Der Besuch der Londoner Schau dürfte nicht weniger spannend sein als die erneute Befassung mit Walter F. Ottos Herodot-Deutung!

Bild:
Blick auf das heute türkische Bodrum. Hier befand sich einst das griechische Halikarnassos, aus dem Herodot stammte. Aufnahme vom 23.07.2013, 19.47 Uhr

Belege:

Alexander Menden: Kiffer und Kämpfer. Kaum ein Volk ist so sagenumwoben wie die Skythen. Eine grandiose Ausstellung im British Museum in London gewährt überraschende Einblicke in ihr Leben – und in ihr Sterben. Süddeutsche Zeitung, 24.10.2017, S. 13

Walter F. Otto: Herodot und die Frühzeit der Geschichtsschreibung, in: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H.W. Haussig. Mit einer Einleitung von W. F. Otto, Vierte Auflage. Stuttgart: Kröner 1971, S. XI-XXXI, hier bsd. S. XXVII

Herodot griechisch zitiert nach folgender Quelle:

http://www.sacred-texts.com/cla/hh/hh4000.htm

Website der Ausstellung:

http://www.britishmuseum.org/whats_on/exhibitions/scythians.aspx

 

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Ist der Populismus eine Massenvergiftung der Nation?

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Okt 202017
 

HASS SCHADET DER SEELE. HATE HARMS THE SOUL. RECHTSPOPULISMUS SCHADET DER SEELE.

Dies sind Aussagen, die ich in den letzten Tagen, in den Tagen nach der Bundestagswahl, als moralisch-politische Tiefenanalyse an den Fassaden monumentaler evangelischer Kirchen lesen konnte. Das Foto zeigt beispielhaft zwei dieser Merk- und Denk-Sprüche am Eingang des Berliner Doms in einer Aufnahme vom 10.10.2017. Hier, in dieser Kirche, wirkte bekanntlich der Hofprediger Adolf Stoecker (1835-1909), ein Theologe, der unermüdlich vor den Gefahren des Großkapitalismus und des Judentums warnte und die Trennung von Staat und Kirche ablehnte. Stoecker, ein Spitzenvertreter des durch und durch politisierten deutschnationalen Christentums, darf als einer der Begründer der antisemitischen Bewegung im deutschen Sprachraum gelten. Sein besonderer Hass richtete sich bekanntlich gegen das Judentum, dem er in Schriften, Pamphleten und zahllosen Eingaben beredten Ausdruck verlieh; die von ihm unterzeichnete Antisemitenpetition  von 1880/81 verdient auch heute noch besonderes Interesse. Stoecker verlangte unter anderem die Entfernung der Juden aus dem Staatsdienst. Er muss als unmittelbarer Anreger und Vorbereiter der nationalsozialistischen Ideologie gelten.

Hate harms the soul, wer wollte dem widersprechen? Der Hass auf die Juden, der Hass auf die politischen Gegner hat der Seele der Christen geschadet, das ist sicher auch richtig. Aber zu dieser Aussage vermag sich die Kirche nicht durchzuringen. Schade.

In ihrer Plakatkampagne spricht sich die ev. Kirche unverbindlich gegen den Hass im allgemeinen und sehr verbindlich gegen den Rechtspopulismus im besonderen aus. Rechtspopulismus und Hass sind austauschbar, wenn man die Plakate hintereinander liest. Mehr noch: In der Darstellung der ev. Kirche  IST der Rechtspopulismus der hervorgehobene Träger des Hasses, den es zu bekämpfen gilt. Der Rechtspopulismus gefährde das Seelenheil, er schade der Seele, er sei eine Art psychische Krankheit, die im Hass wurzele, so die Botschaft der deutschen, in diesem Sinne allzu Deutschen Kirche.

Ganz ähnlich wie die ev. Kirche äußert sich heute auf S. 4 in der Berliner Zeitung der an der FU lehrende Historiker Paul Nolte. Auch er verwendet ganz offen die Metaphern der Krankheit, auch er sieht den Rechtspopulismus als eine Art Seuche an, vor der es den gesunden demokratischen Volkskörper zu schützen gelte. Die AfD bezeichnet er ganz offen als Seuchenträger dieser gefährlichen Krankheit. Er bekennt sich zustimmend zu dem bisher geltenden „Dogma, dass es rechts der Union keine demokratisch legitimierte Partei geben darf“. Er untermauert diese dogmatische Lehre mit der Begründung, „weil die AfD eine Partei ist, die auch rechtsextrem und bis in den Bereich der Mandatsträger nationalsozialistisch verseucht ist.“

Ein paar Sätze weiter vergleicht er die populistische Bewegung in den USA mit Schmarotzern, sie habe sich wie ein Parasit auf ein Wirtstier gesetzt. „Dort ist ja zu beobachten, dass sich eine populistische Bewegung wie ein Parasit auf ein Wirtstier, in diesem Fall eine existierende Partei, die Republikaner, gesetzt hat.“ 

Parasiten“ und „Wirtstiere„, „kranker Populismus“ und gesunde „demokratische Parteien“, – diese Bezeichnung des politischen Gegners als Ungeziefer, als Gefahr, als Schädling ist etwas, was sich auf Schritt und Tritt auch im nationalsozialistischen Schrifttum findet. Ein Blick in den Artikel „Juden“ in Knaurs Lexikon von 1938, aber auch in das Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler beweist dies schlagend. Die Angst vor „Verseuchung“, „Zersetzung“ und „Massenvergiftung der Nation“ durchzieht teils versteckt, teils völlig offen das gesamte Buch.  Dort heißt es beispielsweise: „So wie man zur Heilung einer Krankheit nur zu kommen vermag, wenn der Erreger derselben bekannt ist, so gilt das gleiche auch vom Heilen politischer Schäden.“

Der geradezu hasserfüllte Feldzug der evangelischen Kirche und teilweise auch der Kath. Kirche gegen den Rechtspopulismus, die ebenfalls nahezu hasserfüllte Bezeichnung der AfD als  „verseucht“ durch den Historiker Nolte sind Hinweise darauf, wie stark der Kampf gegen den Rechtspopulismus in der ungebrochenen, unseligen Metaphern-Tradition des Kampfes gegen die Juden, gegen die „inneren Feinde“ steht. Beide Male wird ein echter oder vermeintlicher Gegner zum inneren Feind erklärt, der zersetzend und unterwühlend im „eigentlich gesunden“ Volk wirke. Wie anders sollte es sonst zu erklären sein, dass ein anerkannter Neuzeithistoriker sich völlig ungehemmt in der Lingua Tertii Imperii (LTI), im Wörterbuch des Unmenschen bedient?

Nachweise:

Knaurs Lexikon A-Z. Berlin Verlag von Th. Knaur Nachf., Berlin 1938, vor allem Artikel „Juden“ (dort der Ausdruck „Wirtsvolk“), „Seuchen“, „Adolf Stöcker“, „Sozialismus“, „Nationalsozialismus“
„Weder ausgrenzen noch ignorieren“. Der Historiker Paul Nolte über den richtigen Umgang mit Populisten und die Erosion der Volksparteien. Berliner Zeitung, 20. Oktober 2017, S. 4
Adolf Hitler: „Die Massenvergiftung der Nation“, in: Mein Kampf : eine kritische Edition / Hitler ; herausgegeben von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel unter Mitarbeit von Edith Raim, Pascal Trees, Angelika Reizle, Martina Seewald-Mooser ; im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin; vierte, durchgesehene Auflage, 2016, hier Band I, S. 643 [S. 256]; Zitat:  S. 605 [S. 238]
Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. 2. Aufl., München 1965, darin besonders: Weltkampf um „Gesundung“, S. 502-505

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Von Kant zum Kind. Ein Auflachen

 Immanuel Kant, Kinder, Philosophie, Schöneberg  Kommentare deaktiviert für Von Kant zum Kind. Ein Auflachen
Okt 182017
 

Eine ungelöste Frage bleibt die Einhaltung der Verkehrsregeln durch Erwachsene bei der Begegnung mit den schwächsten Menschen, den Kindern. Wird es mir je gelingen, auch nur einen Erwachsenen zum Absteigen im Schulhof der Schöneberger Teltow-Grundschule zu bewegen? Wie, wenn ich die Erwachsenen auf Immanuel Kant verwiese, ihnen einschärfte, dass wir allezeit gemäß diesem wohl bedeutendsten Philosophen deutscher Sprache so handeln sollten, als könnte die Maxime unseres Handelns zugleich Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein? Wer kräht denn danach? Wer liest oder kennt heute unter den Deutschen noch Kant? Wer ließe sich durch allgemeine philosophische Überlegungen zu einer Verhaltensänderung bewegen?

Solches Sinnieren befällt mich unwillkürlich manches Mal, doch wische ich diese trüben Gedanken über den kulturell so dürftigen, so armseligen Zustand des deutschen Vaterlandes gern beiseite, wenn mir etwas Schönes begegnet.

So auch heute! Ich schob mein Fahrrad gedankenverloren über den Schulhof der Grundschule, da sprang mir ein Mädchen entgegen, das sich aus einer Gruppe von spielenden Kindern gelöst hatte!

Welche Botschaft brachte es mir? Es reichte mir lächelnd ein handgeschriebenes Zettelchen entgegen und lief sofort ängstlich weg. Was stand auf dem Zettelchen?  „Danke fürs Absteigen!“ las ich. Ich las es und da lachte mir das Herz! O ihr Kinder, ihr bezwingt noch den melancholischsten Philosophen! Selbst ein Immanuel Kant hätte kurz von seinem kategorischen Imperativ oder seinen transzendentalen Bedingungen einer jeglichen Erkenntnis abgesehen, die irgend Anspruch auf den festen Gang einer Wissenschaft würde Anspruch erheben können. Er hätte sich rühren lassen.

So wie ihr mich angerührt habt. Ihr habt mein Herz erobert. Kant hin, Goethe her. Das ist Musik in meinem Herzen, wie sie ein J.S. Bach nicht schöner komponieren könnte.

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Unbedingt einsatzbereit, völlig selbständig, bei Bedarf auch mit Verbündeten: Frankreichs neue Militärdoktrin

 Krieg und Frieden  Kommentare deaktiviert für Unbedingt einsatzbereit, völlig selbständig, bei Bedarf auch mit Verbündeten: Frankreichs neue Militärdoktrin
Okt 142017
 

Ausgezeichnetes, kluges Interview der amtierenden französischen Verteidigungsministerin Florence Parly in der heutigen Monde! Während in Deutschland im Dienste der Klimarettung oder der Weltenerlösung über unerfüllbare Elektro-Quoten hier und mehrfach nicht eingehaltene CO2-Quoten da gezankt und gezauselt wird, hat Frankreich gestern eine sehr griffig und bündig ausgearbeitete Miltärdoktrin veröffentlicht, die – offiziell bestätigt durch Präsident Macron – verbindliche Leitlinie des militärpolitischen Regierungshandelns sein wird: die „Revue stratégique de défense et de sécurité nationale„, also die strategische Militärdoktrin der von Präsident Macron eingesetzten Regierung.

In dem heutigen Monde-Interview fasst die Ministerin die Kernaussagen dieser Doktrin zusammen. Für die Europapolitik, die Verteidigungspolitik und die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland liegt hier ein Dokument vor, das meines Erachtens unbedingt vertiefte Aufmerksamkeit verlangt.

http://www.lemonde.fr/international/article/2017/10/13/florence-parly-la-france-veut-conserver-une-autonomie-strategique_5200442_3210.html

Unter drei Leitworten sei diese Zusammenfassung hier zusammengefasst:

Unbedingt einsatzbereit über alle Waffengattungen. Die französischen Streitkräfte werden auch weiterhin sowohl in der konventionellen als auch der nuklearen Bewaffnung alle Fähigkeiten aufrechterhalten und stärken und ihre jederzeitige Einsetzbarkeit in allen für Frankreich sicherheitsrelevanten Ländern nach dem alleinigen Ermessen Frankreichs sicherstellen. Die französischen Streitkräfte werden das gesamte Spektrum der modernsten Miltärtechnik in allen Waffengattungen eigenständig vorhalten und weiterentwickeln. Hierzu sind die Verteidigungsausgaben im Staatshaushalt planmäßig auf 2% des BIP zu erhöhen. Eine Verminderung der Militäreinsätze Frankreichs in den verschiedenen Ländern Afrikas und Asiens ist nicht vorgesehen.

Völlig selbständig. Frankreich wird zunächst alle seine Kampfeinsätze ohne vorherige Rücksprache mit anderen und in völliger Selbstständigkeit („autonomie totale“) planen und durchführen. Diese „autonomie stratégique, technologique et opérationelle“, welche die Ministerin ausdrücklich nennt, betrifft strategische Planung, Einsatzführung und taktische Maßnahmen im Kampfgebiet.

Jedoch werden die Kampfeinsätze nicht notwendigerweise stets allein ausgeführt, sondern es gilt der Grundsatz:

Bei Bedarf auch mit Verbündeten. Je nach strategischer Lage und taktischer Zielsetzung wird Frankreich sich mit unterschiedlichen Verbündeten absprechen und Zusatzleistungen anderer Staaten mit einbeziehen. Das können, wenn auch in vermindert zu erwartender Verlässlichkeit,  die USA sein; insbesondere aber kommen hier Deutschland und Großbritannien als hilfeleistende Verbündete und  Truppensteller in Betracht. „Les Allemands ont la capacité de nous soutenir„, sagt die Ministerin wörtlich, zu deutsch: „Die Deutschen haben die Fähigkeit uns zu unterstützen. “

Wie in anderen Politikbereichen auch gilt der Grundsatz: Frankreich zuerst. Frankreich beansprucht also in Sachen Krieg und Frieden die erste Geige zu spielen. Dann kommen die anderen, darunter die USA, Großbritannien und Deutschland.

Was fällt auf? Weder NATO noch EU spielen in den Betrachtungen der Ministerin eine Rolle. Was zählt, das sind zuerst und zuletzt die Staaten, wie natürlich Frankreich zuerst, dann Frankreich noch einmal und dann die anderen mehr oder minder großen Staaten dieser Welt. Von einer gemeinsamen Militärdoktrin oder Grenzsicherungsdoktrin der EU kann weiterhin nicht im entferntesten die Rede sein. Darüber, so meine ich, sollte man sich nicht mehr so vielen trügerischen Illusionen hingeben, wie dies hierzulande bei aller löblichen Frankreich- und EU-Begeisterung (die der hier Schreibende teilt) noch der Fall ist.

Ich empfehle das messerscharf geschliffene Interview der brillanten französischen Verteidigungsministerin, in dem Christophe Ayad, Nathalie Guibert und Marc Semo die Fragen stellten, nachdrücklich der Aufmerksamkeit in den anderen Staaten der EU.

 

 

 

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„Uns droht die Kultur!“ Der verzweifelte Seufzer der europäischen Beamten

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Okt 102017
 

Auf dreierlei konnten wir gemeinen Bürger uns in dem hinter uns liegenden Bundestagswahlkampf verlassen: zum einen auf eine entschlossene Vermeidungshaltung der sich selbst als solche bezeichnenden „demokratischen“ Parteien gegenüber den wirklich drängenden Themen Europas und der Europäischen Union, zum anderen auf eine angewiderte, angeekelte, fast schon hasserfüllte Haltung der sich selbst als solche bezeichnenden „demokratischen“ Parteien gegenüber dem von den „demokratischen Parteien“ als solchem bezeichneten „Rechtspopulismus“ und den Wählern der „Rechtspopulisten“; die demokratischen Parteien standen in dieser Frage zumindest in geschlossen abwehrbereiter Front zusammen; zum dritten schließlich  auf eine nicht minder angewiderte, ja fast schon gleichgültige Haltung gegenüber allen kulturellen Themen, die häufig in einer geradezu allergischen Reaktion der gelehrten und akademisch angehauchten Öffentlichkeit gegenüber Wort und Begriff der europäischen bzw. deutschen „Leitkultur“ gipfelte.

Die Kultur, geschweige denn die mindestens in meinen Augen ganz entscheidende Frage der kulturellen Leitwerke der 47 europäischen Staaten, die im Europarat vereinigt sind, sowie auch Fragen der kulturellen Selbstverständigung der Bundesrepublik Deutschland spielten im Bundestagswahlkampf keine Rolle.

Uns droht die Kultur!“, so seufzen die  Beamten in Brüssel laut dem Zeugnis des gestern ausgezeichneten Schriftstellers Robert Menasse, wenn es um die Verteilung der Zuständigkeiten geht. „Österreich soll mit Kultur abgespeist werden!“  „Die Bildung wurde unterschlagen.“ Das lässt schmunzeln. Auch in der EU lässt sich also mit Kultur kein Staat machen! In Deutschland haben die sich selbst so bezeichnenden „demokratischen“ Parteien um die Kultur einen Bogen gemacht genauso wie um die wichtigen, zukunftsentscheidenden Fragen der Europäischen Union. Indifferenz gegenüber der Zukunft der Europäischen Union, Einheitsfront gegenüber dem erbittert zu bekämpfenden Rechtspopulismus, Missachtung der Kultur – diese drei Merkmale scheinen Grundzüge unserer bundesdeutschen bornierten Häuslichkeit  zu sein.

Zitat:
Robert Menasse: Die Hauptstadt. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2. Aufl. 2017, S. 45-46

 

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An Schwager Kronos: Freude, Goethe, Musik, Singen

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Okt 082017
 

Schöneberg, d 7 Oktbr 2017. Geselliges, gutes Musizieren im kleinen Kreis guter Menschen! Ich wage mich, auf ausdrückliches Bitten, am Klavier meiner Mutter selig sitzend, gelegentlich aufspringend, erstmals an den Vortrag von Schuberts An Schwager Kronos, freilich nicht im originalen d-moll, sondern in c-moll, wobei ich die Klavierbegleitung eher andeute als getreulich ausführe. Was für ein hochmodernes Gedicht hat Goethe hier geschrieben, hart gefügt, sprunghaft, kraftvoll rasselnd, zwischendrin zärtlich-behutsam innehaltend! Und Schubert drängt das noch einmal deutlich über Goethe hinauslangend ins Tiefste und Höchste hinein. Größte Erschütterung. Glück und Dankbarkeit am Abend.

 

Nachstehend der Text der ältesten überlieferten Fassung aus dem Jahr 1778 in Goethes Handschrift. Schubert hat allerdings den deutlich geglätteten Text der späteren Ausgaben verwendet.

 

AN SCHWAGER KRONOS

In der Postchaise d 10 Oktbr 1774

Spude dich Kronos
Fort den rasselnden Trott!
Bergab gleitet der Weg
Ekles Schwindeln zögert
Mir vor die Stirne dein Haudern
Frisch, den holpernden
Stock, Wurzeln, Steine den Trott
Rasch in’s Leben hinein!

Nun, schon wieder?
Den eratmenden Schritt
Mühsam Berg hinauf.
Auf denn! nicht träge denn!
Strebend und hoffend an.

Weit hoch herrlich der Blick
Rings ins Leben hinein
Vom Gebürg zum Gebürg
Über der ewige Geist
Ewigen Lebens ahndevoll.

Seitwärts des Überdachs Schatten
Zieht dich an
Und der Frischung verheißende Blick
Auf der Schwelle des Mädgens da.
Labe dich – mir auch Mädgen
Diesen schäumenden Trunk
Und den freundlichen Gesundheits Blick.

Ab dann frischer hinab
Sieh die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich faßt
Greisen im Moore Nebelduft,
Entzahnte Kiefer schnattern
Und das schlockernde Gebein.

Trunknen vom letzten Strahl
Reiß mich, ein Feuermeer
Mir im schäumenden Aug,
Mich Geblendeten, Taumelnden,
In der Hölle nächtliches Tor

Töne Schwager dein Horn
Raßle den schallenden Trab
Daß der Orkus vernehme: ein Fürst kommt,
Drunten von ihren Sitzen
Sich die Gewaltigen lüften.

Die Wiedergabe des Gedichtes erfolgt hier buchstaben-, zeilen- und zeichengetreu in der Fassung der „Ersten Weimarer Gedichtsammlung“, welche Goethe eigenhändig im Jahr 1778 schrieb (Handschrift H2).

Zitiert nach:
Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203

Bild: Goethes Arbeitszimmer, Weimar. Im Spiegel Goethes: der hier Schreibende

 

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Was schadet der Seele? Eine profunde Nachwahlanalyse der christl. Kirche

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Okt 072017
 

Als unübersehbare Posterwand der Nachwahlanalyse dient derzeit die Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg. Phantastisch. Aufschlussreich.

Rechtspopulismus schadet der Seele.“ Das ist die befreiende Botschaft der Heilig-Kreuz-Kirche in der Zossener Straße vom heutigen Tage, mehrere Meter hoch in Schwarz und Weiß ausgespannt.

Verschwindend darüber im Gischt des Regens: das Kreuz Jesu, unbedeutend, kaum mehr sichtbar. Das Heilige Kreuz? Kann wegfallen.

Was fällt dir auf?

1. Schwarz-Weiß-Sicht der Schrift an der Kirchenwand, Schwarz-Weiß-Sicht der Welt! Rechtspopulismus wird durch die Kirche als etwas Schädliches hingestellt, vergleichbar einer psychischen Erkrankung. Oder ist er, der Rechtspopulismus, des Teufels? Sollte man den Rechtspopulismus oder die Rechtspopulisten ächten – oder lieber gleich ans Kreuz schlagen?

2. Extreme Vereinfachung. Staatstragender Lapidarstil. Es fehlt jede Erklärung, jeder Ausweg, jedes Hilfsangebot für die verachteten Rechtspopulisten.  Es klingt wie ein Verdammungsurteil.

3. Wie eigentlich immer seit den Zeiten eines Bismarck, eines Hofpredigers Adolf Stoecker schmiegt sich die deutsche Kirche ganz nah an die Staatsmacht an. Sie ist politikdurchflochten, politikaffin, machtverwoben. Konstantinismus wie er im Buche steht!

4. Konsequent durchideologisiert ist diese deutsche, allzu deutsche Kirche. Menschenabgewandt. Scharf im Urteil, schroff in der Verdammung des vermeintlich Bösen.

5. Ist es mutig, den Rechtspopulismus (aber was ist das eigentlich?) zu verteufeln und wie eine Art Pest oder einen Aussatz oder eine Brunnenvergiftung zu behandeln? Nein, die Heilig-Kreuz-Kirche steht hier wie ein Mann – gewissermaßen Gewehr bei Fuß – hinter der  Meinung des abgewählten Deutschen Bundestages! Mutig wäre es gewesen, wenn 1938 am Berliner Dom ein großes Poster gehangen hätte mit der Inschrift: „Hass auf Andersdenkende schadet der Seele.“ „Judenhass schadet der Seele.“ Das wäre mutig gewesen.

6. Hätte oder hat Jesus mit Menschen gesprochen, die gänzlich anderer politischer oder religiöser Meinung waren als er? Hat er sie geliebt oder zu lieben versucht? O ja, fast ausschließlich! Von Anfang bis Ende, am Ende sogar mehr als am Anfang.

7. Was hätte er zu diesem Spruchband an der Heilig-Kreuz-Kirche gesagt? Vielleicht dies:

ἀπὸ σεαυτοῦ σὺ τοῦτο λέγεις ἢ ἄλλοι εἶπόν σοι περὶ ἐμοῦ; (Joh 18,34)

Oder dies:

Μὴ κρίνετε, ἵνα μὴ κριθῆτε· 2ἐν ᾧ γὰρ κρίματι κρίνετε κριθήσεσθε, καὶ ἐν ᾧ μέτρῳ μετρεῖτε μετρηθήσεται ὑμῖν. (Mt 7,1)

Foto: Aufnahme der Fassade der Heilig-Kreuz-Kirche, Berlin-Kreuzberg, Zossener Straße, heute nachmittag

 

 

 

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Erbe kaputt im erloschenen Vulkankegel?

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Okt 032017
 

„Vom Schwung des Vormärzes oder von späteren Erfolgen der Emanzipation etwa spürt man eigentlich gar nichts; in dieser deutschen Geschichte ist außerdem kein Dürer, kein Melanchthon weit und breit, keine Weimarer Klassik (nur „ein besonders lebendiges intellektuelles Klima“ im 18. Jahrhundert), kein Kant, kein Hegel, kein Marx oder Heine, kein Nietzsche, kein Thomas Mann. „

Ein guter Einwand, den Johan Schloemann heute in der Süddeutschen Zeitung sehr gezielt  gegen die bei den Deutschen herrschende Sicht auf die deutsche Geschichte erhebt! Denn was er da über Andreas Fahrmeirs neues, auf 120 Seiten gerafftes Destillat der deutschen Geschichte sagt, das gilt mit endlosen, ermüdenden Variationen auch für die Grundhaltung, welche die Reden zum 3. Oktober prägt. Das Gute, das Schöne und das Wahre kommt in der deutschen Geschichtserzählung nicht mehr vor, die Guten, die da gewesen sind, werden nicht mehr gepflegt, sie kommen einfach nicht mehr vor. Es wird fast alles überschattet von dem berühmten Dodicennio, den berühmten alles überstrahlenden 12 Jahren. Darin hat Höcke recht. Leider.

Teurer europäischer Freund! Du fragst nach den Feierlichkeiten, ich antworte Dir:  Da ist keine Freude an der Geschichte bei den Deutschen, keine produktive Aneignung mehr zu spüren; ein raunendes graues Gespinst aus Scham, Schuld und immerwährender Verantwortung ist mittlerweile in deutscher Sicht Synonym für die deutsche Geschichte überhaupt geworden. Alles, wirklich alles andere darf wegfallen, aber die immerwährende Verantwortung dafür muss jede und jeder höchstpersönlich einfach übernehmen. Drunter geht es absolut nicht.

Eine zweite Stimme sei gerade heute zitiert:

Warum vermag Deutschland heute keinerlei machtvollen, zukunftsträchtigen Impulse zur Gestaltung Europas, geschweige denn zur Bewältigung der schwierigen geostrategischen und militärischen  Herausforderungen beizusteuern?, fragt der US-amerikanische Schriftsteller Paul Berman im Gespräch mit der italienischen Journalistin Viviana Mazza. Dahinter schwingt die stumme Frage mit: Warum ist Deutschland so zukunftsabgewandt, so verstrickt in sein vergangenes Dodicennio? Seine Antwort lautet:  „È un grande Paese con la qualità di un vulcano spento.“ Deutschland, so sagt es Paul Berman, ist „ein großes Land mit der Qualität eines erloschenen Vulkans“.

Nachweise:

Johann Schloeman: Erbe kaputt. Deutsche Geschichte – was heißt das genau jetzt und heute? Andreas Fahrmeir hat auf knappstem Raum eine Gesamtdarstellung gewagt. Pathosfrei vergegenwärtigt er eine Entwicklung ohne Ziel, ohne Telos. Süddeutsche Zeitung 2./3. Oktober 2017, S,. 11. [=Rezension von: Andreas Fahrmeir, Deutsche Geschichte. C. H. Beck, München 2017]

http://www.sueddeutsche.de/kultur/debatte-erbe-kaputt-1.3690697

Zitat Paul Berman im Gespräch mit Viviana Mazza: La Repubblica, venerdì 7 Luglio 2017, Seite 4

Foto: Statue der Hl. Katharina von Alexandrien, Dom zu Magdeburg, 13. Jahrhundert

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„Ausstiegsszenarien“, oder: Von der Hochblüte planwirtschaftlichen Denkens bei den jetzt amtierenden Politikern

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Sep 302017
 

https://www.welt.de/politik/article169192391/CDU-Vize-wirft-Gruenen-planwirtschaftliches-Denken-vor.html

Ein gutes Auge für das Vorherrschen planwirtschaftlichen Denkens sowohl bei den letzten drei Bundesregierungen einschließlich der noch amtierenden wie auch bei der Partei der  Grünen beweist der aus dem Rheinländischen stammende Politiker Armin Laschet. In einem neuen Interview mit der Welt diktiert er heute in die Blöcke der Journalisten, er beobachte, dass gewisse Politiker „… nur in Ausstiegsszenarien denken: Ausstieg aus dem Diesel, Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor, Ausstieg aus der Braunkohle und der Steinkohle, eigentlich aus allen fossilen Energien.“

Das Wort „Ausstieg aus…“ könnte man Armin Laschet folgend als Markenzeichen der Wirtschafts- und Energiepolitik dieser vergangenen 12 Jahre bezeichnen. Die vielbeschworene Energiewende ist das beste Beispiel dafür. Alle diese Ausstiegsszenarien hat die jeweils amtierende Bundesregierung in den letzten Legislaturperioden auf den Weg gebracht.

Ausstieg aus der Atomkraft bis …
Aussetzung  der Wehrpflicht ab …
Ausstieg aus der Kohleenergie bis …
Kompletter Abschied vom Verbrennungsmotor bis…
Dekarbonisierung der gesamten Volkswirtschaft um … %  bis zum Jahr …

Allen diesen geplanten Ausstiegen ist gemein, dass sie zentral von oben herab weit in die Zukunft hinein verfügt werden, ohne ausreichend Raum für Diskussionen oder gar nachträgliche Änderungen durch bessere Technologien zu lassen.

Planzahlen sind seit langem schon aufgelegt.  Ein beliebiges Beispiel für derartige staatlich verordnete Planwirtschaft (es ist nur eines, weitere fallen einem sofort ein):

„Ziel der Bundesregierung ist es, bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen. Bis 2030 sechs Millionen. Diese Ziele schreibt das Regierungsprogramm Elektromobilität von 2011 fest. Denn Elektrofahrzeuge verringern nicht nur die Abhängigkeit vom Öl. Lädt man die Batterien mit Strom aus erneuerbaren Energien, fahren Elektrofahrzeuge praktisch ohne Schadstoffausstoß.“

https://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Themen/Energiewende/Mobilitaet/mobilitaet_zukunft/_node.html

Armin Laschet ist zu danken, dass er unsere Aufmerksamkeit auf die deutliche Vorherrschaft des planwirtschaftlichen Denkens sowohl bei der heute noch regierenden Koalition wie auch bei der derzeit ins Auge gefassten neuen Koalition gerichtet hat.

Auch die CDU steht offenkundig in einem Ausstiegsszenario. Sie verlässt nämlich die Düsseldorfer Leitsätze zur Wirtschaftspolitik  von 1949 und hat in den letzten 12 Jahren zu ihren ersten programmatischen Ansätzen aus dem Jahr 1946, zu dem sogenannten Ahlener Programm zurückgefunden. Dafür liefert die Politik der letzten drei Legislaturen eine Fülle an Belegen. Und der jeweilige Bundestag hat dies alles mit großen Mehrheiten abgesegnet. Brav!

Die Zeichen für Schwarz-Grün stehen auf hellstem Grün im Lichte des Planwirtschaftsgedankens!

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Leuchtet, ihr strahlenden Nachtkerzen des Gesanges!

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Sep 302017
 

Höre! Hannah Arendt, die 1906 im niedersächsischen Linden geborene große deutsche Philosophin sagt:

Im Deutschen gerade liegt das Volkslied aller Dichtung zugrunde, wenn auch in der eigentlich großen Dichtung so transformiert, daß es kaum noch kenntlich ist. So klingt die Stimme der Dienstbotengesänge durch viele der schönsten deutschen Gedichte.“

Höre! Unwillkürlich kommen dir diese Worte dieser großen jüdischen Philosophin in den Sinn! Denn soeben erreicht dich eine Einladung zu einem verheißungsvollen Konzert, das die 1975 in New York verstorbene große US-amerikanische Philosophin Arendt sicherlich besucht hätte, wenn sie denn noch lebte und zufällig gerade in Berlin weilte:

 

Samstag,  30. September 2017 – 19 Uhr
Gemeindesaal der Jesus-Christus-Kirche Berlin-Dahlem, Thielallee 1-3
Freier Eintritt

Deutsche Volkslieder in Melodie und Geschichte

Projekt-Chor Roland Bader
Mitglieder des früheren Chors der St. Hedwigs-Kathedrale, des Karl-Forster-Chores und Gäste
Leitung und Moderation: Roland Bader
Am Flügel Michael Cohen-Weißert

Die Texte der Lieder liegen offen vor mir. Ich nippe kurz an den Worten wie an einem schäumenden Kelche:

Brüder reicht die Hand zum Bunde Ännchen von Tharau ist’s die mir gefällt rede Mädchen allzu liebes das mir in die Brust die kühle hat geschleudert mit dem Blicke diese wilden Glutgefühle wie sanft sich die Quelle durch die Wiese windet nicht wandle mein Licht dort außen im Flurbereich ich wollt meine Lieb ergösse sich all in ein einzig Wort abends wenn ich schlafen geh in einem kühlen Grunde da steht ein Mühlenrad

Das ist ja jene bunte, abendlich strahlende, wilde und betörende Klanglandschaft, welche einst in deutscher Sprache erklang und erscholl, welche einst Hannah Arendt, Heinrich Heine, der Sänger und Schubert-Herausgeber Max Friedlaender, der Zeichner und Komponist Felix Mendelssohn, der Philosoph Walter Benjamin so beredt priesen und rühmten.  Kehrt doch wieder alle alle! Ihr sollt auferstehen und leben!

Wer kennt die Namen dieser Dichterinnen und Dichter heute noch? Kennst du sie wohl? Adelheid Wette, Wilhelm Ganzhorn, Heinrich Heine, Georg Friedrich Daumer, Adalbert von Chamisso, Fanny Hensel, Johann Gottfried Hientzsch, Joseph von Eichendorff?

Nun, nach dem einen ist immerhin noch (noch!) eine Universität in Düsseldorf benannt, nach einem anderen immerhin noch (noch!) eine Gasse am voll durchkommerzialisierten Potsdamer Platz in Berlin, noch nach einer anderen eine Grundschule in Kreuzberg, und nach einem anderen ein voll im Gentrifizierungswahn lebender Kiez in Kreuzberg.

Aber wer kennt diese Lieder noch? Wer singt sie noch? Seid ihr alle verweht, vergessen, verschollen? Nein! Kehrt doch wieder!

 

Bild: Romantisches Abendlicht im Natur-Park Schöneberger Südgelände, 29.09.2017, 18.30 Uhr

Zitat Hannah Arendts hier wiedergegeben nach:
Beatrix Brockman: Scherben im Bachsand. Der Nachlass der Lyrikerin Eva Strittmatter kommt in die Akademie der Künste nach Berlin. In: Ars pro toto. Das Magazin der Kulturstiftung der Länder, 3-2015, S. 25-29, hier S. 26

 

 

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