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“Wie habt ihr das damals erlebt?”

Freitag, März 22nd, 2013

2012-07-01 18.17.59

“Wie war das damals? Wie habt ihr das erlebt?” Ich habe immer wieder, zuletzt in diesem Sommer in Berchtesgaden (Ort beim berüchtigten Obersalzberg) bei Zeitzeugen nachgefragt.

Mein Ergebnis fasse ich so zusammen:  Die Güter am Obersalzberg wurden von der Nazibande durch Aufkäufe und Enteignungen zusammengerafft, widerspenstige Besitzer – so etwa der “Türkenwirt” – wurden eingeschüchtert, verhaftet, bestraft  und zwangsenteignet. Unter den Jüngeren (etwa Geburtsjahrgang 1915-1940) waren viele, aber bei weitem nicht alle, gern und auch mit Begeisterung bei der neuen Bewegung und dem neuen Regime dabei. Warum?

Das Grundgefühl mochte sein: Endlich mal weg von der katholischen Kirche, raus ins Freie, weg mit dem wertkonservativen Krempel, weg mit dem Gott der Juden und Christen, weg mit der altmodischen Mitleidsethik, endlich gender-neutrale Erziehung für Maiden und Buben, Befreiung des Körpers, Wandern, Lagerfeuer, Auslandsreisen, hurrah! “Mit uns zieht die neue Zeit”, das war ein unübertrefflich schönes Motto, wie es Hermann Claudius, erst ein leidenschaftlicher Sozialdemokrat und später geschworener Anhänger Hitlers, so schön reimte. Der Pfarrer Schüller predigte in der Stiftskirche und in den katholischen Jugendgruppen gegen den Geist der neuen Zeit, der eigentlich ein Ungeist war, und versuchte die Jungmannen und Jungmaiden vor schlimmsten Verirrungen zu bewahren, was ihm teilweise gelang.

Mein konservativer Großvater (Jg. 1892) hingegen weigerte sich, die Hakenkreuzflagge bei Führerbesuchen am Marktplatz rauszuhängen – und wurde sofort als Bürgermeister abgesetzt und zum abgrundtiefen Entsetzen seiner ganzen Familie ein paar Tage in “Schutzhaft” genommen. Nach der Entlassung muckte er (Vater von 5 Kindern) selbstverständlich nicht mehr auf. Er hatte also den (katholisch und wertkonservativ motivierten) Widerstand gegen die neue Zeit versucht und wurde gnadenlos zurechtgestutzt. Trotzdem fiel er 1941 in den ersten Wochen des Russlandfeldzuges (R.I.P. 02.09.1941).

Meine Großmutter, eine Witwe mit 5 Kindern, protestierte  – ebenfalls 1941 – brieflich bei den Behörden gegen die befürchtete bzw. berichtete Ermordung Behinderter  (“Euthanasie”). Die Ermordung der Behinderten ging weiter, einer meiner Verwandten wurde ebenfalls ermordet, den diesbezüglichen Briefwechsel habe ich noch.

Ein streng katholischer, heute würde man sagen ein “erzkonservativer” Volkskundler aus dem Ort, Rudolf Kriß, wurde wegen regimekritischer Äußerungen denunziert und zum Tode verurteilt – allerdings nach einigen Monaten Haft doch nicht hingerichtet.

Tja, liebe Freundinnen und Freunde im glorreichen Heute! Zeitgenossinnen und Zeitgenossen im Ikea-Lehnsessel! So lief das, zu scherzen war mit den Herrschaften nicht.

Bis heute sind diejenigen namentlich bekannt, die damals denunzierten und teilweise ja noch leben. Der Riss ging quer durch die Familien, spaltete Generationen und Geschwisterscharen, wobei zweifellos die Begeisterung für Hitler und sein Regime unter der jüngeren, aufmüpfigen Generation größer war als bei den Älteren.

In jedem Fall war es nach 1945 meines Erachtens angebracht, ja lebensnotwendig, zunächst einmal den Mantel des Schweigens über das Ganze zu werfen. Eine Aufarbeitung des Geschehenen hätte Risse vertieft. Der völkische Staat hatte schon genug Familien zerstört.

Übrigens: Es gibt auch heute – etwa in Afrika und Asien  – ähnlich schlimme Diktaturen, wie es Deutschland in den 30er und 40er Jahren Jahren war. Wer von uns würde sich “anständig” verhalten? Ich – mit großer Wahrscheinlichkeit – nicht. Ich würde wohl das eigene Überleben und das Überleben der eigenen Familie obenan stellen.  Meine Hochachtung gilt jenen, die sich widersetzten, meine Trauer gilt allen Opfern, auch jenen, die den Widerstand am eigenen Leib bezahlen mussten.

Kinderleben heute – ein Leben von der Eltern Gnaden

Montag, Dezember 17th, 2012

Eine Fülle an Daten, einen wahren Goldschatz an Daten bietet das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, nicht nur in dem heute vorgelegten Bericht (Keine) Lust auf Kinder?

Die Studie ist gar nicht hoch genug zu loben. Denn sie räumt mit der irrigen Vorstellung auf, das Kinderbekommen, die Fertilitätsrate, sei direkt oder indirekt von ökonomischen Verhältnissen abhängig. Zu recht stellt die Studie den Faktor der Einstellung ganz in den Vordergrund. Ob die Menschen Eltern werden, hängt zum allergrößten Teil davon ab, ob sie es wollen oder nicht, ob sie das Kind in ihre Lebensplanung einbauen können oder nicht. Der ökomische Status der Menschen in Deutschland hat sich im Durchschnitt seit 1991  verbessert. Von der wirtschaftlichen Unsicherheit früherer Jahrhunderte sind wir Lichtjahre entfernt.  Es liegt nicht am Geld oder am ökonomischen Unsicherheitsgefühl, wenn keine Kinder kommen.

Zweifellos bringen auch alle Versuche der Politik nichts, mithilfe von Geld oder sonstigen Statuszusicherungen die “Lust auf Kinder” zu erhöhen.

Ob Kinder kommen oder nicht kommen, hängt vielmehr ganz vom Willen der Eltern ab. Es hängt davon ab, ob die Menschen Lust auf Kinder oder keine Lust auf Kinder haben, wie bereits aus dem Titel der empirischen Studie hervorgeht.

Der Elternwille entscheidet. Es liegt ganz im Willen der Eltern, ob Kinder kommen oder nicht kommen. Ihr, der Eltern Wille geschehe! Die Sicherung im Alter wird vertrauensvoll in die Hände der Sozialkassen gelegt, eigene Kinder sind als soziale Absicherung im Alter somit überflüssig geworden.

Kinder sind ein kontingentes Ereignis geworden, das bei Bedarf der Eltern geschehen oder auch auch entfallen kann. Ein Blick auf die Abtreibungsstatistik belegt dies schlagend. Seit 1996 weist das Institut eine leicht schwankende Kurve an Schwangerschaftsabbrüchen nach – sie liegt stets bei über 10% der Geburtenzahlen, oder auch in ganz Deutschland bei meist über 100.000 Abbrüchen pro Jahr.   In zehn Jahren werden also mehr als 1 Million Abbbrüche vorgenommen. Schwangerschaftsabbrüche sind Teil der Normalität des Kinderlebens in Deutschland, sie sind keine absolute Ausnahme, sondern eine Begleiterscheinung.

http://www.bib-demografie.de/DE/DatenundBefunde/07/Abbildungen/a_07_01_schwangerschaftsabbrueche_d_w_o_1996_2010.html?nn=3073206

In amtlicher Darstellung des Instituts der Bundesregierung wird das Kinderzeugen und Kindergebären als Frage der vorhandenen oder nichtvorhandenen Lust auf Kinder dargestellt:

(Keine) Lust auf Kinder?

Die große Kampagne “Wir haben abgetrieben” des Jahres 1971, getragen von erfolgreichen Frauen, die glanzvoll im Scheinwerferlicht stehen,  gilt unumstritten als Meilenstein auf dem Weg zum Elternwahlrecht über das Leben des Kindes.

Angesichts dieses regierungsamtlichen Befundes – “Ob Kinder kommen, hängt ganz von Einstellung und Lust der Eltern ab” – und angesichts der Abtreibungsquoten von konstant über 10% der Lebendgeborenen dürfen wir feststellen:

Wir alle leben und alle Kinder wachsen in Deutschland heute in dem Bewusstsein auf, dass sie ihr Dasein, ihr Leben der Lust oder Unlust der Eltern verdanken: Es besteht auch eine 10-15%-Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht hätten geboren werden können. “Ob ich geboren wurde oder nicht, hing von der Lust und der Entscheidung meiner Eltern ab. Sie hätten mich auch ablehnen können. Dann gäbe es mich eben nicht. Schön für mich, Gott sei Dank, da habe ich aber großes Glück gehabt.”

Dem Kindwerden und dem Vater- oder Mutterwerden, dem jungen, entstehenden menschlichen Leben und somit überhaupt dem menschlichen Leben wird in unserer Gesellschaft kein überragender, kein lebens- und überlebensnotwendiger Rang mehr zugesprochen. Kinder sind heute eine gesellschaftliche und private Option unter vielen, keineswegs eine Erfüllung und eine in sich ruhende Sinnsetzung des Lebens der Erwachsenen. Kinder sind heute kein Goldschatz für das Leben, sondern eine teils erfreuliche, teils hinderliche Begleiterscheinung, auf die man Lust oder nicht Lust hat.

Keine namhafte gesellschaftliche Kraft – keine Partei, keine große Zeitung, keine in die Öffentlichkeit kraftvoll hineinsprechende oder hineinschreiende Gemeinschaft, kein Sozialwissenschaftler, kein Politiker, der gewählt werden will   – diskutiert oder  beklagt diesen Zustand.

Kafkas Mäuse, oder: Sollte man die Angst und den Hass einfach verbieten? (2)

Montag, Dezember 10th, 2012

Das, was ich gegenüber Mäusen habe, ist platte Angst. Auszuforschen, woher sie kommt ist Sache der Psychoanalytiker, ich bin es nicht.”  So schrieb es Franz Kafka am 4.12.1917 an Max Brod, wie die Süddeutsche Zeitung heute auf S. 11 berichtet: Marbach erwirbt “Kafkas Mäuse”.

“In den alten Zeiten unseres Volkes gab es Gesang: Sagen erzählen davon und sogar Lieder sind erhalten, die freilich niemand mehr singen kann.” Zweifellos eine groteske Übertreibung, was der Prager Autor hier schreibt! Dennoch schlägt der Verfasser mit seiner Erzählung Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse eine Saite an, die auch heute im Leser widerklingt. Welches Kind in Deutschland kennt und singt beispielsweise heute noch das Lied “Der Mond ist aufgegangen” von Matthias Claudius? Das Lied ist noch erhalten, aber es wird  kaum mehr gesungen.

Kafka beschreibt in seiner Erzählung über Josefine, die Sängerin möglicherweise seine Trauer über den Verlust des volkstümlichen Liedsanges.

Das Singen lässt sich nicht befehlen. Die Angst lässt sich nicht verbieten. Eher schon kann man versuchen, Herr über die Angst zu werden, indem man sich in sie hineinversetzt! “Wie wäre es denn, wenn du selbst zu denen gehörtest, vor denen Angst hast?”

Verbring einen  Tag im Leben der Mäuse, und du wirst von deiner Mäuse-Angst, deiner Mysophobie geheilt!

Möglicherweise war diese vermutlich 1924 niedergeschriebene Erzählung ein Versuch Kafkas,  sich von seiner Mäuseangst zu befreien. Ich sage: möglicherweise. Denn vielleicht war es auch ein Versuch, mit der in diesem Jahr diagnostizierten Kehlkopferkrankung Freundschaft zu schließen und den drohenden Verlust der Stimme und letzlich das Sterben vorwegzunehmen.

Welche Deutung ist die richtige: Trauer über den Verlust des volkstümlichen Singens, Versuch der Bewältigung der Mäuse-Angst,  Versuch der Freundschaft mit der Kehlkopferkrankung, Vorwegnahme des eigenen Sterbens?

Die Schrift der Vergangenheit ist unveränderlich. Jede Deutung ist nur ein Versuch, ihr aus dem Hier und Jetzt heraus Sinn einzuhauchen. Sie kann auch Ausdruck der Verzweiflung angesichts der Unabänderlichkeit der Vergangenheit sein.

Quelle:

Franz Kafka: Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse. Prager Presse, 4. Jg., Nr. 110 (20. April 1924, Morgenausgabe, Beilage Dichtung und Welt, S. IV-VII). Hier zitiert nach: Franz Kafka: Die Erzählungen und andere ausgewählte Prosa. Herausgegeben von Roger Hermes. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 518-538, hier bsd. S. 519

Sollte man die Angst und den Hass einfach verbieten?

Montag, Dezember 10th, 2012

Ein merkwürdiger Zusammenklang des Widersprüchlichen ergibt sich im griechischen Phobos. Das Wort bezeichnet Angst, Flucht und Scheu gleichermaßen. Angst hier verstanden als übertriebener, nicht beherrschbarer Fluchtreflex.

Erst im heutigen Englischen ergibt sich der Einklang von Phobie und Furcht. Islamophobie oder engl. islamophobia etwa ist die Angst vor dem Islam. Der Sieg der Seldschuken bei Manzikert im Jahr 1071, die Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 dürften  Gründungsereignisse  für diese  Angst der Europäer vor der Überwältigung durch islamische Eroberer sein.

Der heftige Abscheu gegenüber dem Rassismus, gegenüber allen Rassisten, gegenüber der “braunen Pest” usw. ist – so vermute ich -  getränkt von einer tiefsitzenden Angst davor, auch in sich selbst Keime des Rassismus, Keime der Fremdenangst, Keime der Angst vor Eroberung zu entdecken.

Gegen diese Angst vor dem verschwiegenen Eigenen wird ein heftiger Verbotsreflex in Marsch gesetzt: “Es darf nicht sein, dass auch in mir der Keim des Bösen liegt!” Und deshalb wird nicht das Böse verboten – denn wer könnte den Hass und die Angst verbieten? -, sondern die Bösen werden verboten.

Wer die Bösen sind? Das wechselt! In den 70er Jahren waren es die Linksradikalen, etwa die KPD oder die DKP, denen man mit Verboten zu Leibe rückte. Heute sind es “die Rechten”.

Beim vorgeschlagenen NPD-Verbot sollte man sich besinnen und sich belehren lassen durch die mannigfachen Verzweigungen und Affiliationen, die der mörderische Terrorismus der RAF seit damals bis in den SDS, ja auch in eine heute zum allergrößten Teil grundgesetzkonforme, “systemtragende” Bundestagspartei hinein hatte und hat. Mannigfaltige Verbindungen ergeben sich auch zwischen dem Links- und dem Rechtsextremismus, exemplarisch verkörpert in Horst Mahler, dem langjährigen Sozius und Kumpel eines heute im Bundestag sitzenden Abgeordneten der Grünen. Hätte man denn damals gleich die Grünen als Partei verbieten sollen, nur weil Horst Mahler und andere RAF-Terroristen in engeren Arbeits- und Unterstützerbeziehungen zu prominenten Vertretern der Grünen standen, die bis zum heutigen Tag im Geiste einer unerschütterlichen  Omertà nichts Böses über die Genossinnen und Genossen von damals aussagen?

NPD-Verbotsantrag? Man sollte es besser lassen. Ich schließe mich den Bedenken eines Teils der Grünen und des Bundestagspräsidenten Lammert an.

Spannender wäre es, der NPD inhaltlich das Wasser abzugraben. Arbeit, Familie, Nation – diese Themenfelder gilt es zu beackern! Am ehesten traue ich das übrigens den Grünen zu.

Wer sagt etwas Substantielles zur deutschen Nation? Wer traut sich da ran?

Man könnte ja auch so anfangen: “Alle deutschsprachigen Schwaben, Sachsen, Tscherkessen, Türken, Schlesier, Niedersachsen usw. usw. gehören zur deutschen Nation, sofern sie sich zu ihr bekennen”? – “Auch die Kurden gehören zur Nation!” “Auch die in Deutschland lebenden, deutschsprachigen  Kurden gehören zur deutschen Nation, sofern sie dies wünschen und sich der deutschen Nation anschließen!” “Man kann sehr wohl guter Kurde, guter Tscherkesse und zugleich guter Deutscher sein!” Was ist davon zu halten?

“Du musst Deutsch können!” Wer hat diesen national – wo nicht nationalistisch – getönten Spruch als erste im Bundestagswahlkampf 2009 losgelassen? Renate Künast von den Grünen!

Die deutschen Grünen, diese urwüchsig deutscheste aller Parteien, gestehen es mittlerweile offen ein, dass ihre Wurzeln in der deutschen Romantik liegen – Boris Palmer hat es kürzlich wieder einmal hervorgehoben. Einige Programmpunkte der NPD sind denn auch durchaus anschlussfähig ans Programm der Grünen, etwa die Kapitel “Gesunde Heimat – gesunde Natur” oder auch “Raumorientierte Volkswirtschaft”.

Die deutsche Romantik ist der Ursprung des Nationalismus, Ursprung der Naturschutzbewegung, Ursprung des Gedankens vom “Volkskörper”, der organisch-biologisch im Naturganzen eingebettet ist, Ursprung der bündischen Jugend, Ursprung der biologisch-dynamischen Erzeugergemeinschaften. Man lese doch bitte einmal Fichtes “Reden an die deutsche Nation!” Auch diese Gedanken sind dann mit dem antimodernen, antikapitalistischen Affekt im Nationalsozialismus zusammengeflossen.

Also, was folgt daraus für den NPD-Verbotsantrag? “Erscht denga, dann schwätza und schreiba!” Das KPD-Verbot von 1956 halte ich für verfehlt. Der Radikalen-Erlass war verfehlt. Ein Grünen-Verbot wäre falsch gewesen. Verbote bringen wenig. Wenn man jetzt alles nationalistisch-übersteigerte Denken und die einzige, eher kümmerlich dastehende nationalistische Partei Deutschlands verbieten will, dann muss man auch Heinrich von Kleist, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Hölderlin verbieten und aus den öffentlichen Bibliotheken entfernen. Dann muss man auch das Lied “Wann wir schreiten Seit an Seit” verbieten, das die SPD zum Abschluss ihrer Parteitage singt. Denn ein bekennender Nationalsozialist, das überzeugte NSDAP-Mitglied  Hermann Claudius hat es geschrieben.

Vor allem aber gilt es, Angst und Abneigung als Teil des eigenen Selbst anzuerkennen. Das Perhorreszieren des Fremden, des Abartigen und des Andersartigen führt zum Hass und zur Feindseligkeit auf beiden Seiten.

Besonnene Argumente, die sachliche Auseinandersetzung, der sokratische Dialog, das Werben um Zustimmung für die Ideale der Demokratie, der Humanität und der Rechtsstaatlichhkeit sind bessere Mittel im Kleinhalten der rechtsextremen Parteien und im Bekämpfen der nationalistischen Bewegungen, als Verbote und Verteufelungen dies je sein könnten.

Pro Fasten – pro Genuss

Sonntag, August 19th, 2012

Es ist schon immer wieder erstaunlich, wie leicht jedes Gespräch, das ich mit gläubigen Berliner Muslimen führen darf, Gemeinsamkeiten zutage fördert. Heute Abend endete ja der Ramadan. Für die Muslime kehrt also wieder Normalität ein.

Die Besinnung in den Gesprächen während des Ramadans kreist also um den Sinn des Fastens – und folglich auch des Fastenbrechens.

Ein Gespräch zwischen Berliner Muslimen und mir verläuft ungefähr so:

“Also … ich finde es gut, wenn die Familien zu festgelegten Zeiten in gewissen Grenzen der Zumutbarkeit fasten.”

“Ja, finde ich auch. Die Kinder sollen ruhig lernen, was es heißt, wenn man sich nicht den Bauch nach Belieben vollschlagen kann.”

“Zustimmung! Das gemeinsame Fasten führt vor Augen, dass Essen und Trinken nichts Selbstverständliches sind.”

“Du hast recht. Es öffnet also auch die Augen für die Lage der vielen Millionen Menschen, die das täglich Brot nicht bekommen.”

“Es stiftet Dankbarkeit dafür, dass wir in der EU und in Deutschland eigentlich immer genug zu essen haben.”

” Und ich ergänze: Dass es uns in Deutschland und der EU an nichts Materiellem gebricht.”

“Noch etwas kann ich dem Fasten abgewinnen: Das Fasten kann auch zur Barmherzigkeit führen.”

“So ist es. Denn nur wer selbst auch einmal gehungert hat, kann sich richtig in den Hungernden hineinversetzen. Er öffnet sein Herz für den Hungernden.”

“Das freiwillige Fasten ist auch eine Einübung in die eigene Begrenztheit – eine Einübung der geistlichen Armut.”

“Aber vergessen wir nicht:  Das Ende des Fastens führt zu größererer Genussfähigkeit, zu Föhlichkeit und Lebensfreude.”

“Ja, so ist es.”

“Ja, so sei es!”

Habt ihr gemerkt, wo hier der “Christ” und wo der “Moslem” spricht? Nein? Ja, so sind sie eben, diese kostbaren Gespräche. Die Rollenverteilung ist nicht klar. Die Religionen überlagern sich in konzentrischen Kreisen.

Schließen wir doch diese Betrachtung zum Ramadan-Ende mit einer Strophe des großen Liederdichters Paul Gerhardt.

Der sorbische Tonsetzer Johann Crüger aus Guben in der Niederlausitz, dem Stammgebiet der Sorben, hat es unsterblich in Töne gesetzt.  Ich meine: Jeder Moslem kann dieses Lied mitsingen. Es ist kein exklusives Eigentum der Christen.

Er gebe uns ein fröhlich Herz
erfrische Geist und Sinn
und werf all Angst, Furcht, Sorg und Schmerz
in Meerestiefen hin.

O leuchtende Kraft des freien Wortes!

Montag, April 2nd, 2012

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O leuchtende Kraft des freien, fröhlichen Wortes! Diese strahlende Macht des freien Wortes offenbart sich darin, dass man es jäh aufblitzend der Angst zum Trotz laut, kräftig und vernehmbar erschallen lässt.

So, mit derart steigernd-steigender, nicht wortlautgetreuer Begeisterung übersetze ich mir und Euch allen einen Spruch aus dem 67. Kapitel des ersten Teils des Romans Leben und Schicksal von Wassili Grossman, den ich in diesen Tagen immer wieder mit großer Dankbarkeit zur Hand nehme.

Diesen Spruch mache ich mir vollkommen zu eigen. Ich kaue ihn wie der Häftling seinen Brotkanten kaut, der im Kauen süß wird. Dieser Kanten Brot, dieses kantige Wort hilft mir über Widrigkeiten und Gefährdungen hinweg. Er stellt in der Tat eine Art Glaubensbekenntnis für mich dar.

Ich glaube in der Tat an die überragende, befreiende Macht des in Freiheit gesprochenen Wortes.

Europa wird nicht durch das Schwert zusammenkommen, wie es Wassili Grossman am eigenen Leib erleben musste. Europa wird auch nicht durch das Geld zusammenkommen, wie törichte Menschen es jetzt wieder landauf landab verkünden. Die Unterwerfung der nachfolgenden Generationen unter die zentralen Steuerungsmechanismen der Währung ähnelt einer Selbstaufgabe der Freiheit.

Die Unterjochung unter die herrischen Imperative des Geldes ist ein gefährlicher Irrweg, vor dem es Europa zu bewahren gilt. Übermäßige Staatsverschuldung, mangelnde Strukturreformen, vor allem aber ein Mangel des freien Wortes sind zusammen mit dem Glauben an die absolute Macht des mit gleichsam religiöser Inbrunst angebeteten Geldes die Ursachen für den drohenden Verlust der Handlungsfreiheit.

Die öffentliche Diskussion über den ESM ist dieser Tage in meinen Augen ein niederschmetterndes Dokument des mangelnden Zutrauens in die Freiheit des Menschen.

Das Schwert hat zu Wassili Grossmans Zeiten die europäischen Völker nicht geeint. Das Geld, die Unterwerfung der Politik unter das Geld, die Absolutsetzung der Währung droht heute Europa zu spalten.

Ich sage: Nur im freien, befreienden Wort werden die europäischen Völker zusammenfinden. Am freien Wort fehlt es in Europa, fehlt es in Deutschland. Dies werde ich gar nicht oft genug wiederholen können.

Hier könnt ihr die Fundstelle meines Goldschatzes im Wortlaut nachlesen:

Василий Гроссман. Жизнь и судьба
О, ясная сила свободного, веселого слова! Она в том и проявляется, что вопреки страху его вдруг произносят.

Bild: Hammer und Sichel kommen wieder. Ein aktuelles Wand- und Warnbild, aufgenommen gestern in Berlin-Kreuzberg, Obentrautstraße

Ein Jahr nach “Fukushima” – hä? –

Sonntag, März 11th, 2012

Für die Deutschen war das Tsunami-Unglück eine willkommene Bestätigung ihrer tiefverwurzelten Ängste. Die Deutschen sind seit Jahrzehnten das große Volk der großen Ängste!

Früher, in den 30er und 40er Jahren, war es die Angst vor einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung, heute ist es die Angst vor dem angeblich sicheren Atomtod durch die deutschen AKW.

“Seht her! – wir haben es immer gesagt: Atomkraft tötet! 15.000 Tote! Deshalb müssen jetzt aber die deutschen AKW sofort abgeschaltet werden! Alle!”

Und jetzt – 1 Jahr nach “Fukushima” – gedenkt Japan der über 15.000 Todesopfer. Springers Morgenpost titelt:

Schweigeminute – Ein Jahr Fukushima – Japan steht eine Minute still – Ausland – Berliner Morgenpost – Berlin

Wie sagt der Japaner dazu? Hören wir den Japaner:

Jo mai lia be leit do san aba mal wia da in Deutschland die Sicherungen des Menschenverstandes durchgeknallt. Nicht 1 Jahr nach “Fukushima”, sondern 1 Jahr nach dem verheerenden Meerbeben wird eine Gedenkminute eingelegt. Japan gedenkt der über 15000 Opfer, die die verheerende Flutwelle gefordert hat. Vor dem Wassermassen, den einstürzenden Bauten gab es für Tausende kein Entrinnen.

Der verstärkte Schutz vor derartigen Naturereignissen, wie es seit Menschengedenken die Tsunamis sind, wird bei aller Trauer das Handeln der Japaner weiterhin bestimmen!

In die Trauer der Japaner sollten wir einstimmen, statt unsere typisch deutschen Ängste vor dem Tod durch die AKWs zu hegen und zu pflegen.

“Immer zählen für euch Deutschen die eigenen Ängste mehr als das reale Leiden der anderen Völker!” HARTE WORTE, die ich einmal von einer Japanerin zu hören bekam!

Seid froh dieweil!

Samstag, Dezember 24th, 2011

καὶ εἶπεν αὐτοῖς ὁ ἄγγελος· Μὴ φοβεῖσθε· – Und der Bote sagte ihnen: Habt keine Angst (Lukas 2,10).

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Dieses gestern aufgenommene Bild zeigt ein paar elektrische Lichter in der Dunkelheit, einen Hinweis auf einen Storchenparkplatz und einen Pfeil, der den Weg zur Brandmeldezentrale weist. Wir sehen: Für Geburten gibt es heute Krankenhäuser mit gut ausgeschilderten Storchenparkplätzen, das Risiko der Feuersbrünste ist gemindert durch Warnmelder, echte Dunkelheit gibt es nicht, da Strom und Licht überall vorhanden sind. Wir dürfen sogar das allgegenwärtige Handy einmal abschalten. Wir könnten uns zu Weihnachten alle entspannen und locker chillen.

Wie haben wir es doch so herrlich weit gebracht in den letzten Jahrzehnten!

Mein aus Ägypten stammender Freund, der die Ereignisse des letzten Jahres am Tahrir-Platz miterlebt hat,  sagt es mir schroff und klar ins Gesicht: “Zu diesem Weihnachten bleiben zwei Zimmer dunkel: meins und das von Jesus.” Ein großartiges, ein geradezu herzbezwingendes Wort: es führt die Nähe zu Jesus vor Augen. Denn wie sonst könnte Hamed etwas über Jesu dunkles Zimmer sagen?  Und zugleich zeigt diese Aussage die absolute Ferne von Jesus, die schlichte Wahrheit: “Ich kann nichts mit eurem Weihnachtsfest und eurem Jesus-Gebimmel anfangen. Bleibt mir damit vom Leibe!“ Ich muss sagen, ich mag all diese Menschen, die den Weihnachtsrummel in voller Überzeugung oder gar angewidert ablehnen.

Doch meine ich, dass man durchaus hinter die Glitzer- und Rummelfassade hineinleuchten kann. Nicht alles ist schon ein abgekartetes Spiel, nicht alles ist schön aufgeräumt und glühweinselig. Es gibt Zweifel und Unsicherheiten auch im bestausgeschilderten Parkplatz.

Liest man etwa die Beschlüsse des Europäischen Rates vom 09.12.2011 genauer durch, so wird man erkennen, dass sie von mannigfachen Ängsten getrieben sind: Angst vor dem Auseinanderbrechen der Währung, Angst vor dem Staatsbankrott, Angst vor dem Bedeutungsverlust und der Verarmung Europas. Die Staats- und Regierungschefs haben offenkundig den Überblick über das komplizierte Gefüge der Staatsfinanzen verloren. Sie weisen in ihrem Abschlussdokument ausdrücklich die zentral regulierte Währungs- und Wirtschaftspolitik als das entscheidende Fundament der europäischen Integration aus. Gedeih und Verderb der Europäischen Union hingen also am Geld. Politik bestünde also  darin, Geldwerte zu sichern, bestünde darin, den höchsten Wert für sich und seine Schäflein herauszuholen.

Nicht zufällig erschüttern immer wieder und gerade auch  in den letzten Wochen Geschichten über den falschen oder leichtfertigen Umgang mit dem Geld die Glaubwürdigkeit einzelner Politiker und auch der Politik insgesamt. Politik wird am Umgang mit Geld gemessen, das Geld und die Geld-Gerüchte liefern das Maß für den Wert der Politik.  Mit starrem Blick aufs Geld steigen und fallen die Kurse der Politiker.

Ist Geld alles?

„Fürchtet euch nicht!“ Die Geburt Jesu ereignete sich nach der ausmalenden Schilderung des Lukas  in notdürftigsten Umständen als erlebte Freude unter den Armen und Angstgeplagten des Altertums, den Hirten, die des Nachts ihre Herden hüteten. Für Jesus stand kein Storchenparkplatz bereit. Er wurde vorerst in einen Futtertrog abgelegt, und der Raum, in dem er geboren wurde, war wohl eine Ein-Raum-Wohnung, in der mehrere Menschen und allerlei Vieh den Platz teilen mussten.

Eine Brandmelde-Zentrale gab es nicht: die Hirten, die von einer Licht- und Feuererscheinung in Panik versetzt wurden, konnten keine Notruftaste drücken. Ihnen blieb nichts anderes als dem Wort des Boten zu vertrauen: „Jetzt geratet nicht in Panik. Fürchtet euch nicht.“ Und diese Botschaft wirkte. Das gesprochene Wort war für die Hirten stärker als die begreifliche Angst vor dem Unerwarteten.  

In einem Kinderlied heißt es: “Die redlichen Hirten knien betend davor …“? Wieso redliche Hirten? Redlichkeit, das kommt von Rede, dem Reden vertrauen, sein Reden vertrauenswürdig machen. Redlichkeit ist das, was wir von den Hirten lernen können.

Sollen wir vertrauen? Heißt es nicht zu recht: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? Ich erwidere: Vertrauen in das redliche Wort ist nicht alles. Aber ohne Vertrauen in die redliche Kraft des Wortes ist alles nichts. Wenn wir dem grundsätzlich nicht mehr vertrauen können, was andere uns sagen, können wir uns alle Staaten und alle Staatenbündnisse oder Bundesstaaten und alle Europäischen und sonstigen Unionen gleich abschminken. Dann nützen auch Rettungsschirme und automatische Kontrollen nichts mehr.

Hat uns materiell unvergleichlich reicheren Europäern des 21. Jahrhunderts die Angst- und Armutsgeschichte des Lukas mit den redlichen Hirten heute noch etwas zu sagen?

Ich meine: ja! Der Evangelist Lukas rahmt die Geburtsgeschichte Jesu in einen staatspolitischen Rahmen höchster Stufe. Eine steuerliche Erfassung der Vermögenswerte aller Bürger war der Anlass der Wanderung von Maria und Josef. Der regierende Kaiser hatte offenkundig – wie die Regierenden in unserer Zeit – den nötigen Überblick über Soll und Haben verloren. In diese Ausnahmesituation fällt die Geburt Jesu. Spannend! Wie verhält sich der Erzähler Lukas zu den drängenden finanzpolitischen Fragen seiner Zeit? Welches Ergebnis brachte die Steuerschätzung? Wir erfahren es nicht.

Es ist enttäuschend: Die großen weltpolitischen Fragen werden ausgeblendet. Statt auf den Kaiser und seine großen Nöte richtet der Erzähler seinen Blick auf das Kleinste, Jämmerlichste, Ärmste und Unscheinbare.

Die Weihnachtsgeschichte spielt in einer Zeit größter Unsicherheit, größter finanzieller Risiken. Aber sie schlägt doch einen deutlich anderen Ton an als den Ton des großen und des kleinen Geldes, der heute unsere Medien und oft auch unser Denken beherrscht. Ich finde, die Weihnachtsgeschichte ist eine unterirdisch wühlende, wenn auch sanftmütige Kritik an der Anbetung des Geldes und der Macht.  Sie bereitet die Umwertung aller Werte vor, welche der Einbruch des Christentums für die damalige Welt und später für ganz Europa bedeutete.

Johannes, der vierte Evangelist, angeblich der Mann des Wortes, legt allergrößten Wert darauf, das Wirken Jesu in Jerusalem mit einer beispiellosen, ja gewaltsamen Tat beginnen zu lassen: mit dem Hinauswurf der Händler und Banker aus dem Tempel, der nicht nur religiöses Zentrum, sondern auch wirtschafts- und finanzpolitische Zentrale war. „Setzt euer Vertrauen nicht ins Geld, sondern in geistig-geistliche Werte!“  So deute ich diese Geschichte.

Die Geschichte von der Geburt Jesu  kann uns klarmachen, worin ein Sinn-Kern der Geschichte Europas besteht. Fürchtet euch nicht, habt keine Angst. Das sind wohltuende Worte in diesen wie wahnsinnig durcheinanderflatternden, viel zu aufgeregten Zeiten!

Wenn man sich heute, im Jahr 2011, in einen Zug setzt und von Moskau nach Lissabon fährt, wird man mehrere Zeitzonen durchmessen und Schlafwagenschaffner in 12 verschiedenen Sprachen Tee anbieten hören. Findet man Zeit auszusteigen und innezuhalten, wird man in allen Städten – ob nun in Moskau, Kiew, Warschau, Wien, Genf, Madrid oder Lissabon – chromstarrende Banken und Paläste finden, prachtvolle Schlösser und tuckernde Omnibusse. Aber man wird auch in allen diesen Städten Kirchen finden. Diese Gebäude sind gebaute Wahrzeichen,  die letztlich auf jene unscheinbare Geschichte in einer gedrängt vollen Einraumwohnung zurückgehen und auf jene Geschichten vom Vertrauen in das Wort verweisen: Fürchtet euch nicht. Diese Geschichte ist eine jener Geschichten, die Europa zusammenhalten könnten, wenn wir bereit wären, auf sie zu hören und einen Augenblick das Handy abzuschalten und innezuhalten.

Ich wünsche uns allen diese Fähigkeit, hinzuhören, Kraft zu schöpfen aus dem einigenden, dem redlichen Wort: Fürchtet euch nicht. Sicher: die weltpolitischen Fragen und Nöte sind nicht gelöst. Hunger, Tod und Krankheit, Krieg und Naturgewalten lauern.

Aber seien wir ehrlich: es geht uns in der Europäischen Union noch oder auf absehbare Zeit unvergleichlich gut. Kein neugeborenes Kind, so ersehnt wie sie alle sind, braucht heute in einem Futtertrog abgelegt zu werden. Der Storchenwagenparkplatz steht doch jederzeit bereit. Nahezu alle Menschen in der Europäischen Union sind dank Rechtsstaat, Demokratie und Marktwirtschaft von Not und Armut befreit. Wir könnten uns eigentlich freuen und versuchen, möglichst viele Menschen außerhalb unserer 27-Länder-Wohlstandsinsel zu ähnlichen demokratisch-rechtsstaatlichen Verhältnissen zu führen, wie wir sie genießen.

Warum haben wir nicht mehr Glauben, mehr Zuversicht? Ich vermute, es hat damit zu tun, dass wir der Angst noch zu viel Platz einräumen. Angst lähmt. Angst um des Geldes willen ist die lähmendste Angst. Für diese Angst besteht kein echter Grund. Denn Angst ängstet sich zuletzt um sich selbst.

Zu Weihnachten bietet sich uns nun die große Chance, diese Grundlosigkeit der Angst zu durchbrechen. Wir werden die Ängste nicht los, ebenso wenig wie wir unsere Not und unsere realen Schulden schnell loswerden. Aber wir dürfen erkennen, dass es etwas Größeres, etwa anderes als die Angst gibt: Vertrauen in das Wort, Vertrauen in den Nächsten, Hoffnung auf unsere Veränderbarkeit, Hoffnung, dass die Wanderung zu einem sinnvollen Ziel findet.

Wir setzen also der kalten Faust der Angst unser unerschütterliches Vertrauen in die Kraft des befreienden Wortes, in die Tüchtigkeit der europäischen Bürger, in den unverwüstlichen Friedenswunsch der Völker entgegen.

Das Glockengeläute, das man in Moskau, Kiew, Wien, Madrid oder Lissabon hören kann, ist nicht das lärmende Jesusgebimmel, vor dem mein ägyptischer Freund vom Tahrir-Platz sich zu recht scheut. Es ist ein Zeichen für das andere der Angst, ein Weck- und Merkzeichen der Freude. Das Glockengeläute sagt:  „Freut euch vorläufig, mindestens solange diese Glocke läutet. Lasst sie hineinläuten ins dunkle Zimmer.“

Mit einer Wendung, die ich einem ergreifenden Choral im Weihnachtsoratorium Johann Sebastian Bachs entnehme, rufe ich Euch und Ihnen  zu:

„Seid froh dieweil!“

Angst um das Geld als unerschütterliches Fundament Europas

Dienstag, Dezember 13th, 2011

Nisi dominus aedificaverit … so erscholl es kürzlich in einem kleinen Konzert mit geistlicher Musik. Woher mögen diese Sätze stammen? In dem Text ging es um einen verlässlichen Grundstein für ein Haus. Welches Haus?

Einen klaren Grundstein, ein eindeutig geregeltes “Fundament” für das Europäische Haus will das Abschlussdokument des Europäischen Rates vom 09.12.2011 legen:  Geld und wirtschaftspolitische Steuerung sind der Grundstein.

Die gesamte Architektur der Europäischen Union nimmt nunmehr Maß am Geld.

Man lese die einleitenden Abschnitte. Es sind mächtige, kyklopisch hingewuchtete Sätze! Von Fundament, von Säulen ist da die Rede. Von sozialem Zusammenhalt, der durch  finanz- und wirtschaftspolitische Steuerung gefördert werden müsse, ist die Rede.

 

  • Damit das Geld in Zukunft als Fundament der Europäischen Union funktionieren kann, muss die Politik, müssen wir alle der Stabilität des Geldes dienen.
  • Es sind angstgetriebene Sätze, die da zu lesen sind. Mannigfache Ängste und Misstrauen haben hier die Feder geführt:  Angst vor dem Auseinanderbrechen der Währung, Angst vor dem Staatsbankrott, Angst vor dem Bedeutungsverlust und der Verarmung Europas, Misstrauen gegenüber dem Handeln der einzelnen Regierungen der Mitgliedsländer.
  • Ich  vermisse in all den säuberlichst abgezirkelten Kontrollmechanismen ein sichtbares Zeichen des Vertrauens.
  • Man mag es begrüßen, dass endlich nicht mehr in Sonntagsreden von Freiheit, von Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit die Rede ist. Die Staats- und Regierungschefs weisen in ihrem Abschlussdokument ausdrücklich und in wünschenswerter Offenheit die stärker regulierte Währungs- und Wirtschaftspolitik als das entscheidende Fundament der weiterschreitenden europäischen Integration aus.[i]
  • Hängen also Gedeih und Verderb der Europäischen Union letztlich am Geld?  
  • Ich empfehle als Begleitlektüre des Schlussdokumentes die Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL, die ich für sehr gut recherchiert halte! Die Journalisten haben sich auf die Spuren des Romans ANGST von Robert Harris begeben und den Herren des Geldes einige Wochen über die Schulter gelugt.
  • Künstlerisch ist der Roman ANGST ihnen überlegen, sachlich stelle ich große Übereinstimmungen fest. Dieser Roman hat es zwei Wochen vor Weihnachten von Platz 11 auf Platz 2 der Bestsellerliste im nämlichen Magazin geschafft!
  • Die Angst steht hoch im Kurs!



 

[i] http://www.consilium.europa.eu/uedocs/cms_data/docs/pressdata/de/ec/126678.pdf, hier insbesondere S. 2 und passim

 

126678.pdf (application/pdf-Objekt)

“Fahrradmann! Fahrradmann! Schau mal, was ich kann!”

Donnerstag, Dezember 1st, 2011

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Meine gelbe Jacke löst überall Bewunderung aus. Der Händler von Radlust in der Skalitzer Straße sagte gestern: “Sie haben das Beste, was ein Radfahrer tragen kann – eine schön gelbe Warnjacke  mit Reflexstreifen. Die ist aber sehr teuer!” “Nicht für mich! Ich habe sie für 29.- Euro bei Niedrigpreis in der Yorckstraße gekauft!”, erwidere ich.

Zusammen mit  meiner Mutter und meiner Frau spazierte ich heute auf einem Spielplatz in der Wilhelmstraße entlang. Eine Kita-Gruppe spielt auf dem Spielplatz. Die Kinder wollen auf der herrlichen Drehwippe gedreht werden, das seh ich doch!

“Bist du ein Krankenwagenmann? Du hast so eine gelbe Jacke!”, fragt mich bewundernd eines der Kinder.

“Nein, die trage ich nur zum Fahrradfahren”, erwidere ich.

Dann drehe ich die Kinder unter dem belustigten Zuschauen von Oma, Frau und Erzieherinnen. “Habt ihr keine Angst?”, frage ich. “Nein, Fahrradmann, dreh schneller!” “Habt ihr immer noch keine Angst?” “Nein, dreh schneller!”

Anschließend Hüpfen und Springen für alle. Ich springe von einem 40 cm hohen Bord in den Sand, tue so, als hätte ich fürchterliche Angst. Die Kinder lachen laut.

Der Junge springt von einen 60 cm hohen Palisadenzaun in den Sand.

“Fahrradmann, Fahrradmann, schau mal, was ich kann!” Er springt ohne Angst. “Nächstes Jahr komm ich schon in die Schule.” Wir stellen uns namentlich vor. Alle freuen sich, alle haben Spaß an der kleinen Begegnung.

Ja, der ist schulreif!

Bild: Neue vorgezogene Radaufstellflächen in der Wilhelmstraße