Der weltweit allgemein anerkannte, relative Armutsbegriff und auch der Armutsgefährdungsbegriff ist blühender Unsinn, wie schon ein Blick auf das Bild im heutigen Online-Tagesspiegel zeigt: Man sieht offenbar Obdachlose. Schluchz, Barm, Seufz! Die üblichen Reflexe!
Nun muss aber in Deutschland niemand obdachlos sein. Alle haben hier in Deutschland ein Dach über dem Kopf, gesicherte medizinische Versorgung, Essen und Trinken, kostenlose Schulbildung, eine kulturelle Grundteilhabe über Funk und Fernsehen. Es gibt in Deutschland keine echte Armut, von wenigen Einzelfällen wie etwa Obdachlosen (weniger als 0,1% der Bevölkerung)abgesehen.Es gibt kein politisches Armutsproblem in Deutschland, sehr wohl aber für ca. 1 Mrd. Menschen außerhalb Deutschlands.
Der relative Armutsbegriffvernebelt den Blick auf die echten sozialen Risikolagen in Deutschland: Kindesvernachlässigung, Frauenunterdrückung, Faulheit, anerzogene Süchte, Hartherzigkeit der Menschen, Kriminalität, anerzogene und von linken und rechtsextremen politischen Kräften eingeflüsterte und bis zum Überdruss heraufbeschworene Perspektivlosigkeit. Wirkliche Armut gibt es in Deutschland in einem signifikanten Sinn nicht. Ich lebe hier in Kreuzberg in einem der statistisch ärmsten Wohnbezirke Berlins, spreche täglich mit Menschen, die offiziell “armutsgefährdet” sind, kenne deren Realität. Die offiziell “Armutsgefährdeten” lachen derartige Erklärungen wie die der öffentlich bestallten und bezahlten “Armutsforscher” nur noch aus. Also weg mit diesem Unsinnsbegriff der relativen Armut und der “Armutsgefährdung!”
Kümmern wir uns um echte Not, um echtes Elend! In Deutschland ist die echte Not rein seelischer Art: Eispanzer um die Herzen, Kindesvernachlässigung, Anbetung des Geldes als alleinigen Maßstabs der Politik, Staatsgläubigkeit, Vernachlässigung der Alten und Behinderten.
Die echte Not ist zweifellos ein politisches Problem. Außerhalb Deutschlands, namentlich in Staaten Afrikas und sogar in einigen wenigen Staaten Europas liegt echte Not in Krieg, Hunger, Armut, Obdachlosigkeit, Umweltzerstörung, Frauenunterdrückung, Rechtlosigkeit, Vertreibungen, Naturkatastrophen, Jugendarbeitslosigkeit.
Der eine oder andere mag sich noch erinnern, wie um das Jahr 1968 herum die Studenten an westlichen Universitäten begannen, das Unheilsgefüge der spätkapitalistischen Gesellschaften als falsches Ganzes, als täuschenden Verblendungszusammenhang zu demaskieren. Der Kapitalismus – so jene Lehre – war im europäischen Faschismus, in Vietnam, in Südamerika, in den USA zur äußersten unmenschlichen Fratze gelangt. Was ab 1918 in der Sowjetunion und ihren annektierten oder unterworfenen Randgebieten geschah, davor verschlossen die revolutionären Linken des Westens von Brecht über Sartre bis zu Marcuse und Adorno die Augen. Der gesamte Osten Europas, also alles, was nach dem großen abendländischen Schisma von 1054 nicht mehr zum Abendland gehörte, lag völlig außerhalb ihres Sichtkreises – was kaum verändert bis zum heutigen Tage für die Linke der westlichen Länder gilt.
Im sonnigen Kalifornien lehrte, erforschte und ersann Herbert Marcuse seinen Ruf zur “Großen Weigerung”. “Es gibt kein richtiges Leben im Falschen”, nur die vollständige Verweigerung der Subjekte gegenüber allen kapitalistischen Verwertungszusammenhängen, die Aufkündigung des feigen Einverständnisses mit dem repressiven Ausbeutungszusammenhang des Kapitalismus könne das Individuum – wie immer vorläufig – aus dem zwanghaften Verblendungszusammenhang reißen und im revolutionären Akt einen Vorschein der Erlösung gewähren. Diese Erlösung aber müsse als gewalttätige sozialistische Revolution kommen. Der Großen Verweigerung eines Herbert Marcuse korrespondierten auf der Seite der selbsternannten proletarischen Internationale die vielen verschiedenen Formen des Ereignisses, vom Sit-in über das Teach-in bis hin zu tätiger Unterstützung der Spaßguerilla eines Dieter Kunzelmann. Ins Extrem gesteigert erschien die große Weigerung als klammheimliches Einverständnis mit den mörderischen Aktionen der weit in die Mitte der Gesellschaft hinein verzweigten revolutionären Zellen, etwa der Bewegung 2. Juni und der RAF.
So – in grober, aber nicht falscher Vereinfachung – meine Erinnerung an jene Jahre, deren ferner Nachhall nirgendwo deutlicher zutage tritt als in den streng realitätsresistent fortgeführten Aktionen der aktionistischen Linken, wie sie gerade hier in Kreuzberg noch immer oder immer wieder ihr Haupt erhebt.
Herbert Marcuse, der berühmte gottlose Theologe, griff mit seiner magischen Formel der “Großen Weigerung” ein uraltes Denkbild des religiös grundierten Denkens auf, das ich nicht zufällig am heutigen Tage bei Dante Alighieri wiederfand. Zweifellos besteht zwischen Dantes Gran rifiuto und Marcuses Großer Weigerung ein nicht nur semantischer Zusammenhang.
Poscia ch’io v’ebbi alcun riconosciuto
vidi e conobbi l’ombra di colui
che fece per viltà il gran rifiuto.
Ich übersetze:
Nachdem ich dort nun einige erkannt,
sah und erschaute ich den Schatten jenes Manns
der feige sich die Große Weigerung erfand.
So begegnet Dante im 3. Gesang der Hölle seiner Göttlichen Komödie seinem Trugbild eines Mächtigen, der sich als zum Regieren, also zum tätigen Umgestalten der gesellschaftlichen und politischen Realitäten als zu schwach erwies. Dante verlangte den starken Fürsten, der den Stürmen der Zeit die Stirn bot.
Auf unsere Zeit bezogen, könnte man sagen: Dante stellte immer wieder die Machtfrage, der Verzicht auf Macht und Einfluss war für ihn keine gangbare Option.
Dass ein Mensch das Leben in Wahrheit dem ständigen Streben nach Macht und Einfluss vorzog, dass er der Ehre und Würde in den Augen der Welt entsagte, war für ihn nicht nachvollziehbar.
Dieses Abdanken ist ein Danken, dieses Zurücktreten ist ein Nach-Vorne-Treten. Diese vermeintliche große Weigerung im Verblendungszusammenhang des Ungeschicks ist eine Bejahung der eigenen Endlichkeit im Geschickten des Schicksals. Für ihn gilt, was Fredi Chiappelli über Dante selbst sagt: “Compie più un atto di integrazione che di rinunzia – er vollbringt eher einen Akt der Ergänzung als des Verzichts.”
Stefan Zweig hat diese Grundhaltung des Entsagens um der vollständigen Wahrheit willen, diesen Akt der Befreiung in seinem Lied des Einsiedels eingefangen:
Wie seltsam hat sich dies gewendet,
Daß aller Wege wirrer Sinn
Vor dieser schmalen Tür geendet
Und ich dabei so selig bin.
Der stummen Sterne reine Nähe
Weht mich mit ihrem Zauber an
Und hat der Erde Lust und Wehe
Von meinen Stunden abgetan.
Der süße Atem meiner Geige
Füllt nun mit Gnade mein Gemach,
Und so ich mich dem Abend neige,
Wird Gottes Stimme in mir wach.
Wie seltsam hat sich dies gewendet,
Daß aller Wege wirrer Sinn
Vor dieser schmalen Tür geendet
Und ich dabei so selig bin.
Und von der Welt nur dies begehre,
Die weißen Wolken anzusehn,
Die, lächelnd über Schmerz und Schwere,
Von Gott hin zu den Menschen gehn.
Quellen: Dante Alighieri: La Divina Commedia. A cura di Fredi Chiappelli. Grande universale Mursia, 4a edizione, Milano 1976, p. 6, p. 38 (Inferno, canto III, vv. 58-60)
Stefan Zweig: Lied des Einsiedels. In: Deutscher Dichterwald. Lyrische Anthologie. Begründet von Georg Scherer. Bearbeitet von Artur Kutscher. 24. Auflage, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Leipzig 1911, S. 369
Jan Engelmann: Der Traum von der großen Verweigerung. taz, 19.07.2003
Schöner Clip vom Weihnachtsmarkt: Ein erfolgreiches kinderloses Paar auf dem Weihnachtsmarkt, beide Akademiker, sie Anfang 30, er Ende 30, plaudert offen über das, was wichtig ist im Leben: Die Prios sind Planungssicherheit, Zweitstudium, wirtschaftliche Selbständigkeit, wie es dann auch eine bekannte erfolgreiche Sozialministerin unterstreicht.
“Wir würden uns gern für Kinder entscheiden”, aber es fehlt die letzte Sicherheit, die der Staat bisher nicht bietet – trotz der etwa 180 Mrd. Euro an direkter Familienförderung.
Vergessen wir nicht:
Viele Familien mit mehreren Kindern sind von Arbeitslosigkeit betroffen! Was dann? Eine Familie ohne Erwerbseinkommen mit vier Kindern erhält zwar eine ausreichend große Wohnung vom Staat gestellt und bezahlt, die Kinder gehen kostenlos zur Schule, die Gesundheitsversorgung steht der Familie weiterhin in vollem Umfang zu. Sie muss aber laut Hartz IV mit mageren nur etwa 2.700 Euro pro Monat auskommen. Wie soll man davon menschenwürdig leben? Wo ist da die Planungssicherheit?
DER STAAT MUSS MEHR TUN! Er MUSS PLANUNGSSICHERHEIT herstellen, damit endlich Erwachsene sich nicht gegen Kinder entscheiden müssen. So die einhellige Forderung der erfolgreichen kinderlosen Paare und der erfolgreichen Sozialministerin.
Damit auch in 100 Jahren noch Kinder unter dem Weihnachtsbaum hüpfen können. TU DOCH WAS STAAT!
Immer wieder treffe ich unter meinen zahlreichen fremdländischen und fremdsprachigen Bekannten, Freunden, Verwandten und der sonstigen Meschpoche auf überraschte und erstaunte Gesichter: “Ist das wirklich wahr, dass …?” “Ja, hast du damit ein Problem?”, erwidere ich dann stets beflissen. “Ja, das ist doch köstlich! Dass so etwas möglich ist in Deutschland! HABEN SIE EUCH DENN WAS INS ESSEN GEMISCHT?” Verlegen stottere ich dann herum: “Ja, weißt du, das ist eine längere Geschichte …”
Doch. Es ist wahr. Die offizielle Armutsquote ist in Deutschland höher als in Ungarn, obwohl jeder Sozialhilfeempfänger bei etwa doppelt so hohem Kostenniveau hier in der Bundesrepublik mehr Geld zur Verfügung hat als ein akademisch gebildeter Berufsanfänger in Ungarn. Ja, es ist wahr, dass jeder alleinstehende Mensch unabhängig von eigenen Einkünften hier Anspruch auf eine staatlich finanzierte eigene Wohnung hat mit Abmessungen, von denen viele Arbeitnehmer in Nachbarländern Deutschlands nur träumen können.
Doch. Es ist wahr. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken erklärt im traulichen Bündnis mit der Bundesspitze der Grünen den “Kampf gegen die Armut, insbesondere gegen die Kinderarmut” in Deutschland zu einer dringlichen Aufgabe der Gesellschaft, obwohl doch wieder und wieder nachgewiesen worden ist, dass die Kinder – alle Kinder! – heute in Deutschland mehr Platz, mehr Geld, mehr Spielzeug, mehr Essen bekommen als vor dreißig Jahren, dass sie kleinere Klassen, mehr Kita-Plätze und mehr Betreuungsmöglichkeiten erhalten als noch vor 10 Jahren, ganz zu schweigen von den Zeiten vorher.
Was echte Kinder-Armut und mangelnde Bildungschancen für Kinder heute bedeuten, das erzählen mir türkische Eltern und auch die UNESCO sehr eindrücklich: In der Türkei besuchten laut UNESCO im Jahr 2007 550 000 Mädchen keinerlei Schule, viele Kinder werden dringend bei der Feldarbeit und als Handlanger für die Eltern gebraucht. Von den märchenhaften Reichtümern der in Deutschland lebenden Kinder können die Kinder im Osten der Türkei nur träumen.
Andererseits umfassen die Klassen in der Türkei gern auch schon mal 50 Kinder – in Tansania dagegen bis zu 110 Kinder. Dennoch lernen die eingeschulten Kinder an türkischen (auch an russischen oder syrischen) Grundschulen schneller und besser Lesen und Schreiben als in Deutschland. Obwohl es den Kindern in Deutschland materiell viel besser geht und die Klassen in Deutschland kleiner sind! WARUM?
Wenn man all diese Fakten und Geschichten zusammenträgt, muss man in der Tat den Fragenstellungen rechtgeben, die da auf mich niederprasseln: “HABEN SIE EUCH DEUTSCHEN WAS INS ESSEN GEMISCHT, dass hier in Deutschland ständig von Kinderarmut und mangelnden Bildungschancen geredet wird? Was ist bloß mit euch Deutschen los? Habt ihr denn keine Ahnung davon, wie die Welt außerhalb Eurer Wohlstandsinsel aussieht?”
Vera Lengsfeld hat erst vor wenigen Tagen die Armutsrepublik Deutschland sehr treffend – erfreulicherweise in der gebotenen sozialen Kälte (wieder so ein Wort!) - analysiert. Neben den Erzählungen türkischer, russischer, arabischer Zuwanderer zur Grundschule verschiedener Herkunftsländer im Vergleich mit den deutschen Schulen empfehle ich ihren Kommentar der Aufmerksamkeit aller deutschen Grünen und aller deutschen Katholiken:
Munter fördern sie ihre Schritte durch den Wald, die Grünen, suchen im Geiste Antonio Gramscis Verbündete auf ihrem Weg zur kulturellen Hegemonie, legen Schneisen ins bisher nicht Begangene. Neueste Frucht des Bemühens: ein Treffen mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken samt gemeinsamer Abschlusserklärung, die es in sich hat! Lest selbst:
Zum heutigen Treffen zwischen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und dem Zentralkomitee der deutschen
Katholiken erklären Claudia Roth, Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, und Alois
Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken:
“BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und das ZdK sind sich einig, dass Politik und Gesellschaft mehr
Anstrengungen unternehmen müssen, um für mehr soziale Gerechtigkeit in Deutschland zu sorgen
und Armut, insbesondere Kinderarmut, zu bekämpfen. Bildung ist dabei maßgebliche Voraussetzung für Aufstiegschancen. [...]
Auffallend: Die Botschaft richtet sich an Politik und Gesellschaft. Nicht der einzelne Mensch ist gefordert, etwas für Gerechtigkeit zu tun. Vielmehr wird ein Mangel an “sozialer Gerechtigkeit” konstatiert. Woher sie diese Festellung haben, darüber schweigen sich die Verfasser aus. Ein klares Bekenntnis zur Kollektiv-Ethik! Allein schon der Begriff soziale Gerechtigkeit zeugt von einem kollektivistischen, deterministischen Gerechtigkeitsverständnis. Die Verhältnisse in Deutschland sind offenbar nach Meinung der Grünen und des ZdK so ungerecht, dass die Verhältnisse verändert werden müssen, ehe es wieder gerecht zugehen kann im Leben des Menschen. ERST einmal möge die Politik die Voraussetzungen für Gerechtigkeit schaffen, DANN werden die Menschen sich auch gerecht verhalten. Na, ungefähr so hat es das kommunistische Manifest auch gesagt.
Christliche Ethik war hingegen im Wesentlichen eine Individualethik. Es kam auf den einzelnen Menschen an: Menschliches Handeln galt als gerecht oder ungerecht. “Die Verhältnisse”, der Staat, die Gesellschaft waren zunächst einmal weder gerecht noch ungerecht.
Punktsieg für die Grünen mit ihrer kollektivistischen Moral!
Als wichtigstes Problem wird erneut die “Armut, insbesondere Kinderarmut” genannt. Wo? Doch nicht etwa in Deutschland? Ja, wo leben die denn? Ein grandioser Punktsieg der linken Anklägermoral! Denn – wie ich mich immer wieder überzeugen konnte – “die Armut, insbesondere die Kinderarmut” – ist ein Phantom. Es gibt in Deutschland keine Kinderarmut. Es gibt vielmehr eine materielle Überversorgung und eine emotionale Vernachlässigung sehr vieler Kinder. Vernachlässigung, emotionale und spirituelle Verödung, das ist das Hauptproblem der Kindheit in Deutschland. Und dafür sind Eltern, Lehrer, Erzieher und noch einmal die Eltern verantwortlich, aber nicht die Gesellschaft, nicht die Politik.
Aber dazu schweigt das ZdK. Das wollen sie nicht wahrhaben. Von der Verantwortung, von der Freiheit eines Christenmenschen ist keine Rede mehr.
Und so geht es immer weiter. Die gemeinsame Erklärung ist eine einzige Serie von unbewiesenen Behauptungen, wohlfeilen Absichtserklärungen und völlig kritiklos nachgeplapperten grünen Worthülsen. Die Grünen setzen die Agenda, das ZdK betet nach, hat keine Kraft, etwas Eigenes zu setzen.
Das ZdK hat sich hier aber von den Grünen ganz schön ködern lassen.
Wohlfahrtsverband: Berlin besonders von Armut betroffen – Berlin – Tagesspiegel
Buntes, lustiges Foto im Tagesspiegel: eine der wenigen Tausend Obdachlosen unserer Stadt, mit Einkaufswagen und allen Habseligkeiten. Aber das sind ja nicht nicht die definitorisch-statistischen Armen und Armutsgefährdeten, von denen es etwa 600.000 in unserer Stadt gibt. Echte, wirkliche Arme gibt es in Berlin höchstens einige Tausend. Alles andere ist gut gepolsterte Staatsabhängigkeit. Den Menschen, die als arm geführt werden, geht es materiell gut, sie führen ein materiell weitgehend sorgenfreies Leben, haben Wohnung, Essen, Kleidung, elektronische Unterhaltung, Heizung, die Kinder haben kostenlose Schulbildung, und alle haben medizinische Versorgung. Viele Arbeitslose haben darüber hinaus noch Arbeit. Noch einmal: “MIR FEHLT NICHTS!”, das höre ich straßauf, straßab bei uns im “Armutsviertel” Kreuzberg.
Bilanz: Alles löchrig, was die wohlbestallten Armutsvormünder so verbraten. Die staatlich besoldeten Armutsvormünder und Armutsforscher leben gut von ihren Jeremiaden, und zwar üppig und reich.
Foto: Ein frisch gesprühtes Graffito im bunten Kreuzberg-West, Obentrautstraße. Mit Hammer und Sichel gegen die Massenverarmung und das Massenelend!
Feurio, Feurio, unser Wohlstand steht auf dem Spiel!
Zerstochen von den Fliegen des Finanzmarktes, suche ich Zuflucht in den Quellen des europäischen Denkens, das nirgend uns so würdig brennt als in den griechischen Schriften des Altertums! Es gibt ja heute mehr als einen Grund, wieder Griechisch zu lernen. Ja, ach möge doch in Europa wieder mehr Griechisch gelernt werden! Es war jahrhundertelang eine lingua franca des gesamten Mittelmeerraumes. In griechischer Sprache entstand das, was den Geist Europas bis heute prägt.
Kinderarmut, Altersarmut, Bildungsarmut … der Übel größtes scheint heute die Armut zu sein.
Doch ich widerspreche: Es ist mehr die Angst vor der Armut, die uns in der Europäischen Union lähmt. Eine gewisse Armut gibt es innerhalb der EU nur noch in wenigen Gegenden Bulgariens und Rumäniens. Aber auch diese wird schon bald der Vergangenheit angehören.
Ich behaupte: der größten Übel eines ist nicht die Armut, sondern die Angst vor Armut.
Umgekehrt gilt vielfach staatliche Mehrung und staatliche Umverteilung des stattlichen Wohlstandes, Sicherung des Geldwertes auf Kosten der nachfolgenden Generationen als die entscheidende Triebkraft der staatlich gesteuerten, von oben herab lenkenden Politik, ja als der Sinn von politischer Lenkung überhaupt.
Ganz anders klingt die reiche orientalische und europäische Tradition der gesuchten und gepriesenen Armut: „Sælic sind die armen des geistes, wan daz himelrîche ist ir.“ So fand ich es übersetzt in einem vor drei Jahren erschienenen brandaktuellen Buch.
“Ein ûzwendigiu armuot, und diu ist guot und ist sêre ze prîsenne an dem menschen, der ez mit willen tuot.”
Meister Eckart ist einer der größten europäischen Sprachpfleger: schöpfend aus der Antike, übersetzend, predigend, anverwandelnd. Vor allem hat er seine deutsche Muttersprache als gleichwertig mit den heiligen Sprachen des Altertums zu beleben gesucht.
Sollte die europäische Politik sich offen wie der von mir so hoch geschätzte Meister Eckart zum erzieherischen Wert der Wohlstandminderung bekennen, statt wie bisher ihren vornehmsten Sinn in der Hebung und Sicherung des Wohlstandes dank defizitfinanzierter Geldgeschenke zu sehen?
Freiwillige Wohlstandsminderung? Treppensteigen statt Aufzug? Fahrrad statt Auto? Müssen wir uns nicht etwas ärmer, etwas ehrlicher, etwas redlicher machen als wir eigentlich sind? Was sagen die Gelehrten, Doktoren und Professoren dazu?
“Nutzen Sie jede Gelegenheit zur Bewegung, das heißt Treppe statt Aufzug, Fahrrad statt Auto.”
Genau dieses Beispiel der freiwilligen Armut verlangt heute von uns Prof. Dr. med. Dr. med. habil . H. Michael Mayer, Orthopäde, Mitglied des Medizinischen Beirates der Versicherungskammer Bayern, Wirbelsäulenzentrum Orthopädische Klinik München-Harlaching
Zitatnachweise:
Meister Eckart. Predigt über Beati pauperes spiritu (P 52), in: Meister Eckart. Werke I. Texte und Übersetzungen von Josef Quint. Herausgegeben und kommentiert von Niklaus Largier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 2008, S. 550
H. Michael Meyer: Fahrrad und Füße statt Auto, in: gesundheit aktuell. Der Gesundheitsratgeber der Versicherungskammer Bayern. Ausgabe 4/2011, S. 15
Prima: Berlin gibt im Vergleich zu anderen Bundesländern besonders viel Geld pro Schüler aus!
Pro Schüler werden laut Bildungsverwaltung derzeit 6600 Euro jährlich ausgegeben, im Jahr 2000 waren es nur 4900 Euro. In Berlin kommen auch weniger Schüler auf einen Lehrer als im Bundesvergleich – 13,7 gegenüber 15,1. „Berlin hat aber auch besondere Problemlagen und die ärmsten Kinder Deutschlands“, kontert die GEW-Vorsitzende Sigrid Baumgardt.
Die ärmsten Kinder! Der unausrottbare Unsinn von der Kinderarmut! Den Irrtum sollte man richtigstellen, und ich habe das auch getan, und zwar vorgestern bei der großen Aussprache im Rathaus Schönebrg zum Thema “Volksbegehren Grundschule.” “WIR HABEN SO VIELE KINDER AUS ARMUTSVERHÄLTNISSEN!”, jammerte mal wieder jemand rum.
Ich sagte: “An unseren Brennpunktschulen herrscht keine Armut. Es herrscht allenfalls Armut an Parkplätzen für die Elterntaxis.”
Es wird mir immer wieder von Lehrern anderer Bezirke berichtet und ich habe es auch selbst gesehen, dass gerade an den Schulen, die fast ausschließlich von Hartz-IV-Familien besucht werden, eine große Dichte an schweren Geländewagen (SUVs) vorherrscht, mit denen die Kinder zur Schule gebracht werden. Wie das: Geländewagen dank Hartz IV? Nun, mit Hartz IV allein wäre dies schwierig; leicht ist es aber mit den üblichen Arbeitsmöglichkeiten und diversen anderen Verdienstquellen.
Nota bene: Der deutsche Sozialstaat ist stets nur eine von mehreren Ressourcen in den sogenannten Armutsvierteln Berlins, nicht die wichtigste, aber eine nicht unwesentliche. Und eine besonders leicht ausbeutbare.
Nur für 2% der berechtigten Kinder wurde bisher das Bildungspaket beantragt.
Wundert das die Damen und Herren Politiker? Mich wundert es nicht.
Ich diskutiere immer wieder mit Eltern, Lehrern und Pädagogen die Probleme der heutigen Armutskinder. Es herrscht weitgehende Einigkeit: Das Hauptproblem heute liegt darin, dass die armen Kinder zu viel Kram, zu viel Geld, zu viel Ablenkendes bekommen. Sie erhalten zu wenig Zuwendung, zu wenig Zumutungen, zu wenig echte Liebe, zu wenig Strenge.
Die Kinder sind überschüttet. Nach einer mit Kindern gemeinsam vorbereiteten Zauberflötenaufführung in einer Grundschule in einem der bundesweit bekannten Armutsbezirke Berlins sahen wir einige Knaben draußen im Schulkorridor sitzen. Sie hatten ein Nokia N 97, das berühmte Slider-Handy und guckten seelenruhig Hardcore-Pornos, die sie kostenlos aus dem Internet herunterluden.
Ich frage euch: Werden diese armen Kinder mit ihrem Nokia N 97 in der “Hauptstadt der Kinderarmut” die Angebote kostenlosen Instrumentalunterrichtes annehmen? Pustekuchen!
In Mozarts Zauberflöte geht es für Pamina und Tamino um das Wartenkönnen, um das Bestehen von Prüfungen, für Papageno und Papagena um Kinder, “die der Eltern Segen sind”. Tamino und Pamina werden durch das Wartenmüsssen, durch das Bestehen von Prüfungen zu erwachsenen, beziehungsfähigen Menschen.
Wer überhaupt nicht mehr warten kann, wird auf Dauer beziehungsunfähig und gleitet in die Sucht ab.
Zu viel, zu früh, zu schnell! Daran leiden unsere Kinder.
Die armen Schüler von heute sehen sich einer maßlosen Fülle an Angeboten gegenüber. Sie haben eigentlich alles verfügbar: Essen, Handys, Sex, Satellitenfernsehen in beliebigen Sprachen rund um die Uhr, die berühmte Capri-Sonne (ein beliebtes Zuckergetränk), zur Not auch Alkohol und Zigaretten. Sie lernen es von früh an zu wenig sich zu konzentrieren, sie lernen es zu wenig, sich lange auf eine Aufgabe vorzubereiten.
“In dieser Fülle welche Armut!“, möchte man hier ausrufen. Hier droht vor unseren Augen eine Generation an Kindern verlorenzugehen oder ist schon verlorengegangen.
Und jetzt kommt obendrein noch das Bildungspaket für Kinder in Kinderarmut! Die armen Kinder fragen: “Wozu denn das? Ich habe doch alles!”
Nein nein, mich wundert es nicht, dass das Bildungspaket so wenig abgerufen wird.
Ich schlage stattdessen vor, dass die armen Kinder in Kita und Schule frühzeitig an kleine Entbehrungen, an kleine Prüfungen herangeführt werden. Welche? Nun, z.B. 5 km am Wandertag zu Fuß zu gehen. Von der Schule weg. Auf Schusters Rappen. Ohne Einkehr, ohne Volksbespaßung, ohne Kino, ohne Geld.
Oder: die 5 Strophen eines alten Volksliedes zu singen, etwa folgendes Lied: “Die güldene Sonne” von Philipp von Zesen.
1. Die güldene Sonne
bringt Leben und Wonne,
die Finsternis weicht.
Der Morgen sich zeiget,
die Röte aufsteiget,
der Monde verbleicht.2. Nun sollen wir loben
den Höchsten dort oben,
daß er uns die Nacht
hat wollen behüten
vor Schrecken und Wüten
der höllischen Macht.
3. Kommt, lasset uns singen,
die Stimmen erschwingen
zu danken dem Herrn.
Ei, bittet und flehet,
daß er uns beistehet
und weiche nicht fern.
4. Es sei ihm ergeben
mein Leben und Streben,
mein Gehen und Stehn.
Er gebe mir Gaben
zu meinem Vorhaben,
laß richtig mich gehn.
5. In meinem Studieren
wird er mich wohl führen
und bleiben bei mir,
wird schärfen die Sinnen
zu meinem Beginnen
und öffnen die Tür.
Wird Berlin jetzt bald so teuer wie der Rest der Bundesrepublik? Die Gefahr besteht. Es besteht die reale Gefahr, dass Berlin den Status einer milieuschutzgehegten Nische verliert und sich in die Schar der anderen 15 Bundesländer einreihen muss. Das würde bedeuten, dass man sich als Mieter in Berlin für denselben Betrag Euro keine größere Wohnung leisten kann als in Städten wie etwa Bottrop-Rauxel, Augsburg oder Kiel.
Das könnte im Extremfall bedeuten, dass sich ein Mieter mit etwa der Hälfte des Raums begnügen müsste, den er heute hat. Etwa wie vor 30 Jahren in Deutschland, oder wie heute in Japan. “Wir brauchen die Kultur des Weniger”, wie es Katrin Göring-Eckardt(Grüne) so hübsch auf den Punkt bringt: 4 Personen statt 2 in einer 60 qm-Wohnung! Wie im Jahre 1970! Gut! Dem Klimaschutz wird es nützen!
Gegen steigende Mieten kann man – außer vielleicht einer wohlfeilen Bundesratsinitiative – kaum etwas machen. So immer wieder sinngemäß der Regierende Bürgermeister Wowereit (SPD/Linke-Koalition) und unser Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne). Recht haben sie, unsere linken Parteien. Zumal die Mieten der Berliner städtischen Wohnungsbaugesellschaften leicht über dem freien Markt liegen und folglich zusätzlich preistreibend wirken. Ich glaube in der Tat, dass Berlin nach und nach ebenso teuer sein wird wie etwa die anderen 15 Bundesländer auch. Die Sonderrolle unseres Hätschelkindes neigt sich dem Ende zu. Sollte man dann auch noch die landeseigenen Wohnungen verkaufen, würde sich endlich ein funktionierender Markt einstellen.