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Archiv der Kategorie Blogroll

Abstumpfung oder Bereicherung? Die Effekte des Internets

16022010010.jpg Zwei unterschiedliche Befunde zur Internetnutzung bringt die Zeitschrift Psychologie heute im Februar-Heft:

Heft 2/10: Die positiven Effekte des Internets - Themen und Trends Psychologie Heute
Droht uns die ethische Abstumpfung?
Wenn unser Gehirn durch digitale Informationen überlastet wird, besteht die Gefahr, dass Mitgefühl und Toleranz verlorengehen

Walter Braun meint auf S. 16, unsere tieferen Gefühle wie etwa Mitleid und Einfühlung bräuchten mehr Zeit als das Internet erlaube. Im hastigen Durchklicken stumpfe der Nutzer ab - schlecht für grundlegende soziale Fähigkeiten!

Auf S. 10 hingegen verweist Annette Schäfer auf einige Studien, die positive Auswirkungen des Internets belegen: Gerade den Jungen falle es leichter, über das Internet mit anderen Kontakt zu halten. Sie könnten leichter Gefühle wie Angst oder Unsicherheit zugeben und bewältigen lernen. Dies gelte vor allem für soziale Netzwerke.

Ich stimme beiden Befunden in Teilen zu. Beide Erfahrungen habe ich schon gemacht! Ich kenne sowohl die Abstumpfung durch zu intensive Nutzung des Internets wie auch die Sensibilisierung durch bewussten, weisen Gebrauch im Dienste sozialer Verknüpfung.

Ich fasse meine Beobachtungen so zusammen:

Internet. Tolle Sache! Es kommt drauf an, was du draus machst, Junge!

Auf dem Foto: Fläche am Anhalter Bahnhof.  Links zwei Gebäude Post: ehemaliges Paketpostgebäude,  dahinter Potsbank-Verwaltung. Rechts ein Teil der Fanny-Hensel-Schule.

Wir brauchen blühende Gemeinden! Für das Miteinander!

Große Betroffenheit herrscht über das Schweizer Wählervotum, wonach keine neuen Minarette mehr gebaut werden sollen. Ich hätte gegen das Minarettbauverbot gestimmt. Da ich selbst zu einer winzigen religiösen Minderheit in Kreuzberg gehöre, nämlich den römisch-katholischen Christen, weiß ich, dass derartige Signale weh tun. Aber man sollte den Volksentscheid nicht überbewerten. Es gibt keine Verfolgung, keine Stigmatisierung der Muslime in der Schweiz, wie sie etwa die Christen in mehreren muslimischen Ländern wie Irak zu gewärtigen haben. Von den 1,2 Millionen Christen, die beim Sturz Saddam Husseins in Irak lebten, hat etwa die Hälfte entmutigt und eingeschüchtert das Land verlassen. Bombenanschläge auf Kirchen sind häufig, Christen werden immer wieder verfolgt und terrorisiert. Viele christliche Gemeinden kämpfen um das nackte Überleben.

Schlimm war aber auch die Verfolgung und Hetzjagd auf Muslime in Europa - in Bosnien hatte sich innerhalb von etwa 10 Jahren eine gefährliche Treibjagdstimmung gegen die Muslime entzündet, und die EU hat es nicht vermocht, den Massakern an den Muslimen in Srebrenica Einhalt zu gebieten. Sascha Stanisic legt beredtes Zeugnis davon ab in seinem großartigen Roman “Wie der Soldat das Grammofon repariert”.

Es kommt jetzt darauf an, für ein gutes Zusammenleben der Gemeinden zu werben! In der Türkei gibt es noch letzte Reste religöser Minderheiten. Von etwa 35% Christen, die zur Staatsgründung Atatürks in der Türkei lebten und eine bedeutende Minderheit bildeten, sind weniger als 1% noch da. Die anderen wurden verjagt, vertrieben, viele Christen wurden im Zuge der Vertreibungen der 20-er Jahre ermordet.

Die christlichen Gemeinden in der Türkei führen ein bedrängtes Leben, ihnen wird keine Rechtspersönlichkeit zuerkannt. Die Morde an christlichen Missionaren und Priestern und die Kirchenbauverbote lasten schwer auf den christlichen Gemeinden in der Türkei.

Wer hat die Hauptverantwortung? Ich meine: In jedem Fall muss die Mehrheit die Minderheit schützen! Die Muslime in der Türkei müssen sich schützend vor die Christen stellen, die Deutschen und die Schweizer müssen sich schützend vor alle jene Ausländer oder Zuwanderer stellen, die aus religiösen oder kulturellen Gründen bedrängt und verfolgt werden.

Von Bedrängnis und Verfolgung der Muslime kann in der Schweiz gottlob keine Rede sein! Es war die Mauer des Missverständnisses entstanden. Diese gilt es jetzt abzutragen. Hier sind beide Seiten gefordert. “Faschismus”-Rufe sind fehl am Platz.

Warum immer BRD-DDR-Vergleiche? Langweilig!

 Spannend ist der Vergleich des türkischen Morgengelöbnisses mit der Jugendweihe der DDR!

Gemeinsamkeiten Türkei-DDR: In beiden Gelöbnissen gilt es, sich einem höheren, vorgegebenen Ziel zu unterwerfen! Der Einzelne trägt keine Verantwortung bei der Bestimmung der Ziele, sondern rückt ein in ein größeres Ganzes, dessen Ziele er mittragen muss. Den Rest des Eintrags lesen »

Die gelbe Macht, oder: Die radelnde Demokratie

Gut sichtbar, fröhlich und nur ein klein wenig zerzaust radelten wir gestern bei der Parlamentarischen Tour des Deutschen Bundestages durch die Berliner Bezirke Mitte und Charlottenburg. Los ging’s bei leicht dräuenden Wolken zur Straße des 17. Juni.

Der Deutsche Bundestag berichtet heute darüber:

“Ich bitte um Aufmerksamkeit für diesen blauen Himmel”, sagt die Abgeordnete Heidi Wright (SPD) und zeigt nach oben. Gerade rechtzeitig zum Start der parlamentarischen “Berlin by bike” Tour am Mittwoch, 6. Mai 2009, hört es auf zu regnen. “Wir radeln sowieso bei jedem Wetter”, redet sie den Skeptikern unter den Radfahrern ins Gewissen. Zusammen mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) haben die beiden Parlamentarier Gero Storjohann (CDU/CSU) und Heidi Wright zur Radtour durch Berlins Mitte bis nach Charlottenburg aufgerufen. Rund 60 Parlamentarier und Verwaltungsmitarbeiter haben sich angemeldet. Außerdem hat sich eine Schulklasse aus Wrights fränkischem Wahlkreis Main-Spessart auf bereitgestellte Mietfahrräder gesetzt und radelt mit.

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Immer wieder legten wir Stops ein, um Engstellen nach und nach zu durchqueren. Dabei ergaben sich Gelegenheiten zum Plaudern. Hier Mitarbeiter des  Büros von Gero Storjohann, von links nach rechts: Herr Scholz, Frau Liesegang, dann der hier bloggende Radfahrer, Julian von Kleist.

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An herausgehobenen Stellen erzählte ADFC-Landesvorstandsmitglied Boris Schäfer-Bung aus der Geschichte der Stadt - jedoch stets mit Blick auf die Radfahr-Geschichte! Zum Beispiel wurden lange Auseinadersetzungen geführt, ehe ausgewählte Wege des Charlottenburger Schlossparks mit dem Rad befahren werden durften. Hier wird jedes seiner Worte aufgenommen und gewürdigt von Heidi Wright MdB, der stellvertretenden ADFC-Bundesvorsitzenden, und Eva-Maria Scheel, der stellvertretenden Sprecherin der ADFC-Stadtteilgruppe City-West.

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Den Bundestagsabgeordneten Gero Storjohann, ADFC-Mitglied,  befragte ich über seine Erfahrungen mit dem neuartigen Elektro-Fahrrad.

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Manche überraschende Einblicke und Ausblicke eröffneten sich, so etwa hier im Charlottenburger Schlosspark:

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Meine Bilanz: Das Wetter hielt nicht, was es eine Stunde zuvor noch versprochen hatte, denn es regnete nicht. Um so angenehmer war die Radelei. Die Gedanken kommen besser in Schwung, die Gespräche laufen flüssiger, wenn man gemeinsam seine Pfade sucht. Die Tour verband touristische Glanzlichter mit den Fährnissen des Berliner Radleralltags. Das Fahrrad stiftet Aufmerksamkeit für die Umwelt, soziale Nähe, und es beugt wirksam der Politikverdrossenheit vor - ein Allheilmittel also. Es verbindet das Angenehme mit dem Nützlichen, wie es Adam von Opel so trefflich in Worte kleidete.

Beim abschließenden Biergartenbesuch konnte ich leider nicht mehr teilnehmen, aber ich hörte heute auf dem Nationalen Radverkehrskongress von anderen ADFC-lern, dass es noch sehr angenehm zu Ende gegangen sei.

Anschwellende Glockentöne

30042009002.jpg Laue, herrliche Frühlingsabende bezaubern Berlin!

Gestern besuchten wir das Konzert des Russisch-belarussichen Jugend-Symphonieorchesters in der Heilig-Kreuz-Kirche. Jugendliche im Alter von 14 bis 19 Jahren spielen auf. Sie beginnen mit Mozarts Ouvertüre zur Hochzeit des Figaro. Hohes technisches Können, Hingabe, Ernst. Die Kirche ist gut gefüllt, es herrscht jene gesammelte Erwartung, wie sie sich nur dann einstellt, wenn Besucher und Musiker sich schon vorher verbunden fühlen.

In den Polowetzer Tänzen von Borodin werden Geschichten erzählt, vor meinem Auge ziehen Bilder auf. Überhaupt zeichnet das Spiele der jungen Musiker aus, dass sie eine Geschichte haben, es wird nicht nur ein Text heruntergespielt, nein, man spürt, wie sie etwas von sich zeigen, wie sie mitgehen. Wie mag das Leben der jungen Leute aussehen? Wahrscheinlich konzentrieren sie sich auf die Musik, sie haben Ziele. Wenn ich dagegen deutsche Jugendorchester oder Orchester von Musikhochschulen höre, drängt sich mir oft der Gedanke auf: Fein - aber die Musiker spielen so, als hätten sie noch was anderes vor. Nicht so gestern abend! Die jungen Russen und Weißrussen spielten mit Leidenschaft, mit Notwendigkeit spann sich ein Ton an den nächsten. Besonders stark bei Pjotr Tschaikowskijs “Festlicher Ouvertüre 1812″: Hier wird die Auseinadersetzung zwischen Russland und Frankreich geschildert. Kanondonner und Märsche ertönen, man hört die Marseillaise. Doch gegen Ende setzt sich sieghaft Russland durch, wir hören die Melodie von “Gott schütze den Zaren”.

Hier spielte das Orchester so, dass eindeutig erkennbar wurde: Mit dieser Musik meldet sich Russland als geistige Macht auf der europäischen Bühne zurück. “Wir sind wieder da - wir sind stärker als der Westen.” Ich hörte dies heraus aus der musikalischen Interpretation. Es war wie ein Sog. In den letzten Takten erklingen hartnäckig, ohrenbetäubend anschwellend die Glocken einer orthodoxen Kirche. Sie schlagen dir etwas ins Gehör hinein. Eine überwältigende Erfahrung der inneren Gewißheit, der wir im Westen nichts entgegenzusetzen haben.

Mich bewegten Gedanken, weshalb unsere westliche Jugend im Gegensatz zu diesen Russen und Weißrussen oft so planlos, so unbeschäftigt, so satt auf mich wirkt. Wahrscheinlich haben sie zu viele Dinge, zu viel Zeit. Sie habe zu wenige Widrigkeiten zu überwinden. Deshalb bleiben viele Talente ungenutzt. Die Musik Tschaikowskijs oder Schtschedrins vermittelt schockartig ein Gefühl für die Kostbarkeit der Zeit: Denn all diese Momente, sie kommen nicht zurück. Auch jetzt, während du dies liest, erlebst du einen Augenblick, der nicht wiederkehren wird.

Stoff zum gemeinsamen Lernen mit allen Betroffenen!

Wir berichteten im vorigen Eintrag über die Doppelmoral bei den hiesigen Debatten über die Bildungspolitik. Wie sieht es im Bereich Gesundheitspolitik und im Bereich Basisdemokratie aus? Was man alles so im Lokalblättchen Tagesspiegel liest - lässt einen doch den Kopf schütteln. Denn -

Der Konflikt um die Drogenszene am Kottbusser Tor spitzt sich politisch zu: Die Bewohner eines Hauses in der Kottbusser Straße sind empört, weil sie über einen Bericht im Tagesspiegel erfahren haben, dass Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) einen Drogenkonsumraum in ihrem Haus einrichten will. Im unteren Stockwerk des ehemals besetzten Hauses werden demnächst die Betreiber eines kurdischen Cafés ausziehen – laut Schulz „der ideale Raum“ als Anlaufstelle für Drogenabhängige in Aussteigerprogrammen.

Wenn das so wäre, dass unser Bürgermeister über die Köpfe von allen Betroffenen hinweg einfach mal so einen Raum als Fixerstübli requiriert, dann wären unsere guten Grünen in Kreuzberg ja schlimmer als die bösen Schwarzen in Bayern! Dann wäre ihnen die satte Mehrheit, die sie eingefahren haben, nicht gut bekommen. Dann bräche eine Welt zusammen!

Wertvoll scheint mir der Hinweis auf den Görlitzer Park. Das Heimatblatt berichtet:

„Im Görlitzer Park und am Gleisdreieck stehen ehemalige Bahnhofsgelände leer, warum kann denn da nicht eine Lösung mit medizinischer Versorgung gefunden werden?“, fragt er. Doch Togrulca weiß, dass am „Görli“ der Bürgermeister höchstpersönlich wohnt.

Dort konnte ich in der Tat ein reges Treiben und Handeln mit gesuchten Stoffen immer wieder beobachten. Wäre es nicht im Sinne einer ökologisch verantwortlichen  “Politik der kurzen Wege”, wenn Dealer und Verbraucher eng zusammenrückten und auch das wohlwollende Auge des nahebei wohnenden Bürgermeisters jederzeit auf ihnen ruhte? Die so gewonnenen Erfahrungen ließen sich dann sofort wieder zurückspeisen in einen fruchtbaren Lernzyklus Verwaltung - Bürger - internationale Investoren.

Zweite Frage: Hat jemand mit den Kranken gesprochen? Denn Drogensüchtige sind Kranke. Man sollte ihnen nicht einfach  eine Lösung vor die Nase setzen, sondern erst einmal mit ihnen reden und alles besprechen. Dann sollte man mit den Anwohnern, den Vätern, Müttern und Kindern, alles bereden und besprechen. Dann auch mit den Handeltreibenden, die den wertvollen Stoff unermüdlich heranschaffen: Ist die Stelle mit öffentlichen Verkehrsmitteln Tag und Nacht gut erreichbar? Ist der Weg zum nächsten Polizierevier auch weit genug entfernt, damit eventuelle Meinungsverschiedenheiten basisdemokratisch und selbstverwaltet beigelegt werden können und keine Ruhestörungen durch die geballte Macht des Staates drohen?

Grün gegen Grün: Ärger für Kreuzbergs Bürgermeister
Einer der Eigentümer im GbR-Haus ist aktiv bei der „Bürgerinitiative Kottbusser Tor“ – für den Bürgermeister ein Argument, um die Hausbewohner in die Enge zu treiben: „Wenn diese Leute den fehlenden Fixerraum beklagen, dann müssen sie auch prüfen, ob ihre eigenen Gewerberäume infrage kommen“, sagt Schulz. Der Angesprochene ist Hasan Togrulca, ein Kreuzberger Vater mit zwei Kindern, der sich seit einigen Wochen der Bürgerinitiative angeschlossen hat. „Unser Hauptanliegen ist doch nicht eine neue Fixerstube“, sagt Togrulca, „das ist keine Lösung.“ Er bietet Bürgermeister Schulz eine Führung am Kotti an, um ihm zu zeigen, wie die bittere Realität aussieht. „Spritzen und Urin, überall.“ Togrulca ist enttäuscht vom Bürgermeister, der offenbar nicht bereit ist, hier eine Lösung zu finden und stattdessen eine Fixerstube in einem Mehrfamilienhaus einrichten will.

Wer mahnt besser - die Überlebenden oder die Toten?

Der Ausdruck Holocaust gefällt mir nicht. Ich kenne ihn aus der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der Tora,  als Bezeichnung für das Opfer, bei dem das Tier ganz verbrannt wird - das “Ganzopfer”. Nein, ich ziehe den Ausdruck Schoah bei weitem vor - wie in Israel üblich.

Mein erstes KZ besuchte ich im Alter von 16 Jahren - es war Majdanek bei Lublin. Ich reiste zusammen mit einer Gruppe des BDKJ - des Bundes Deutscher Katholischer Jugend.  Wir wurden durch das Lager geführt - durch einen polnischen Überlebenden. Er zeigte uns die Baracken, die Reste der Öfen, er deutete in bestem Deutsch einiges an von den Schrecken, die er erlebt hatte. Anschließend lud er uns zu sich nachhause ein, wir wurden bewirtet, wir sangen gemeinsam einige Lieder und spielten auch auf dem Klavier, das da stand.

Warum ich das erzähle? Ich meine: Es ist ein Privileg, mit Überlebenden sprechen zu dürfen. Es ist noch ein größeres Glück, von ihnen bewirtet zu werden. Und am schönsten ist es, mit ihnen zu singen. Und ich meine: An jeden KZ-Besuch, an jede Gedenkveranstaltung sollte sich eine “Rückführung ins Jetzt” anschließen. Irgendetwas, eine Geste, eine gemeinsame, fast rituelle Handlung, die zeigt: Wir erkennen die Vergangenheit an - aber das Jetzt ist stärker. Das kann ein Lied sein - oder sogar ein Witz.

Immer wieder bin ich danach in meinem Leben Überlebenden begegnet - verschiedenen KZ-Überlebenden, aber ich begegnete auch im Kreis meiner russischen Verwandten Menschen, die die Belagerung Leningrads überlebt hatten. Und ich habe Menschen kennengelernt, deren Angehörige durch den sowjetischen Terror in Russland vernichtet worden sind.

Bei all diesen Begegnungen war es für mich entscheidend zu erfahren: Wir sind im Jetzt, - die Schrecken der Vergangenheit sind hinter uns und diese Überlebenden sind Menschen aus Fleisch und Blut wie ich auch. Was mir immer wieder auffiel: Sie wirkten in der Erinnerung viel befreiter und … sogar humorvoller als wir Nachgeborene. Nur ganz wenige habe ich kennengelernt, deren ganzes nachfolgendes Leben zerstört war.

Zurück zur Frage: Wer mahnt besser? Ich meine: Die Toten mahnen uns nicht wirklich - nur die Lebenden können uns etwas sagen. Wir, die Lebenden, die Nachher-Lebenden müssen uns selbst mahnen.

Eklat um Holocaust-Gedenken - ”Überlebende wie Zaungäste” - Politik - sueddeutsche.de
Bundespräsident Horst Köhler hat dazu aufgerufen, die Erinnerung an das Verbrechen des Holocaust zu bewahren. “Wer sich der eigenen Vergangenheit nicht stellt, dem fehlt das Fundament für die Zukunft. Wer die eigene Geschichte nicht wahrhaben will, nimmt Schaden an seiner Seele”, sagte Köhler zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Die Verantwortung aus dem Völkermord an den Juden sei Teil der deutschen Identität. “Die Trauer über die Opfer, die Scham über die furchtbaren Taten und der Wille zur Aussöhnung mit dem jüdischen Volk und den Kriegsgegnern von einst sie führen uns zu den Wurzeln unserer Republik”, sagte Köhler in der Gedenkstunde des Bundestages.

“Müssen wir die polnisch-deutsche Geschichte neu schreiben?”

Diese Frage bejaht der polnische Dziennik in seiner neuesten Ausgabe: Er beklagt, dass die nationale Geschichtsschreibung auf deutscher wie auf polnischer Seite durch Einseitigkeit geprägt sei: “Alle Kriege, die WIR begonnen haben, sind recht und billig. Alle Kriege, die UNS erklärt worden sind, sind ein hinterhältiger Angriff.” Die Geschichtsbücher auf beiden Seiten bedürften dringend der Überarbeitung:

Dziennik - Wydarzenia - Polacy i Niemcy napiszą historię na nowo
Najpoważniejszym zarzutem stawianym “narodowym podręcznikom do nauczania historii” jest ich jednostronność. Wszystkie wojny, które MY rozpoczęliśmy, są sprawiedliwe. Wszystkie wojny, które NAM wypowiedziano, są zdradzieckim atakiem. Czy polsko-niemiecki podręcznik będzie wolny od takich błędów? Już wkrótce poznamy zespół, który go napisze.

Ich meine: Wir müssen nicht nur die deutsch-polnische, sondern überhaupt die europäische Geschichte in Teilen neu schreiben. Wer weiß genug über die Länder jenseits von Bug und Weichsel, von Drau und Save? Wissen wir überhaupt etwas? Fragen über Fragen. Meine polnische Urgroßmutter, die aus Oppeln stammte, kann ich nicht mehr fragen.

Aber wir alle können den polnischen Außenminister fragen! Am kommenden 5. Dezember kommt er nach Berlin. Unsere “Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa e.V.”, deren überzeugtes Mitglied ich bin, wird die spannende Reihe “doppelgedächtnis” fortsetzen. Das Hingehen wird sich wieder lohnen!

doppelgedächtnis: debatten für europa 6
am 5. Dezember 2008 um 15:00 Uhr
Radoslaw Sikorski
Außenminister der Republik Polen

Ort: Vertretung der Europäischen Kommission in Berlin, Unter den Linden 78

Mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Aufarbeitung

EINTRITT FREI

U.A.w.g. unter anmeldung@kultur-in-europa.de oder per Fax: 030 80 48 20 83

Wo stehen Europas Länder 20 Jahre nach Mauerfall? Was haben die Europäer aus der Erfahrung mit Kommunismus und Faschismus gelernt? Wie geht das vereinte Europa mit seinen getrennten Erinnerungen um? Was für Einsichten werden aus dem gespaltenen Gedenken im Osten und Westen Europas gewonnen und gegenseitig vermittelt? Was für gemeinsame Strategien entwickelt Europa, das auch gegenwärtig nach der Balance zwischen Freiheit und Gerechtigkeit auf der Suche ist, aufgrund ihrer unterschiedlichen Erfahrung mit Geschichte, Ideologien und Politik?

SCHAUEN SIE SICH DIE BISHERIGEN BEITRÄGE AUF YOUTUBE AN!
Links zu Videomitschnitten der ersten Veranstaltung finden sie hier.

Fisch und Fleisch

10102008.jpg Eine gute Fee aus einem Schweizer Verlagshaus sendet mir ein geheimnisvolles Paket zu. “Schicken Sie mir Bücher von fremden Ländern und Menschen, die zu mir passen!” So, oder so ähnlich hatte ich mir gewünscht, als meine Gönnerin mit sagte: “Sie haben einen Wunsch frei!”

Und so kam der schöne Stapel gestern an. Seit meiner Jugend erliege ich immer wieder dem Reiz neuer unbekannter Bücher. Welches greife ich zuerst? Eine Stimme sagt: Tolle lege! Das schmalste. Es heißt: “Die Faust im Mund”. Autor ist Georges-Arthur Goldschmidt. Ich schlage gleich das dritte Kapitel auf: “Offenbarungen”.

Ich lese mich gleich saugend fest, überfliege Zeilen und Zeilen, Seiten und Seiten. Danach wird mir bewusst: ich habe meine eigene Geschichte gelesen. Goldschmidt, geboren 1928, verbrachte seine Jugend in einem streng katholisch geprägten Umfeld. Bücher waren seine Leidenschaft. Ständige Selbstzweifel und Schuldgefühle quälten ihn. Die Bücher, die er las, und die ihm das Tor zu einer unbekannten Welt eröffneten, waren zu großen Teilen dieselben Werke, die auch ich während meiner Gymnasialzeit las: Also sprach Zarathustra, die Kritik der reinen Vernunft, die Werke Franz Kafkas. Verstand er damals alles, verstand ich alles? Sicher nicht - aber wer kann das von sich behaupten? Entscheidend ist: diese Bücher waren für uns eine Art Zauberteppich in eine andere Welt - und in die Welt des eigenen Ich. So wie für Goldschmidt die deutsche Literatur, so stellte für mich die französische Literatur, stellten Proust und Flaubert eine Begegnung mit dem “nächsten Fremden” dar.

Obwohl Goldschmidt der Generation meiner Eltern angehört, las er einen Kanon, der im wesentlichen auch der meine war. Sicher, ich las auch Böll, las Grass und Christa Wolf. Aber die Bücher, die mich besonders stark berührten, waren andere. Goldschmidt nennt sie.

Und dann lese ich mich fest an einer Stelle, die fast wie ein Seziermesser ein Grundgefühl offenlegt, das mich in der Jugend und auch später noch - ebenso wie Georges-Arthur Goldschmidt - immer wieder begleitet hat:

Ich war dabei und gehörte doch nicht dazu, ich war Fisch und Fleisch, ich war beides und gleichzeitig keines von beiden, und obwohl ich ein Bürger der französischen Republik war, konnte ich mich mit nichts identifizieren, was irgendwie anerkannt war (S. 65).

Wie vielen Tausenden und Hundertausenden junger Menschen mag es auch heute noch so ergehen? Sie fühlen sich weder Fisch noch Fleisch. Und doch enthält bereits diese Stelle den Keim der Heilung von diesem quälenden Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit. Es heißt nämlich nicht: “… ich war weder Fisch ncoh Fleisch …”, sondern: “… ich war Fisch und Fleisch.”

Fisch und Fleisch: in diese Formel kann man zusammenfassen, was die Chance solchen Dazwischenlebens ist: beides zu sein, sich nicht festlegen, keinem einzigen Lager zugehörig zu fühlen, sondern hin und her zu gehen. Oder in beiden Lagern gleichzeitig zu sein. Weder nur Christ, noch nur Jude; weder nur Deutscher, noch nur Franzose. Weder nur links-alternativ, noch nur bürgerlich. Weder nur Fisch noch nur Fleisch. Sondern beides.

Danke für Fisch und für Fleisch, Zürcher Fee!

Unser Bild zeigt einen Blick auf die Russische Botschaft Unter den Linden, heute aufgenommen.

Quelle: Georges-Arthur Goldschmidt: Die Faust im Mund. Eine Annäherung. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Amman Verlag, Zürich 2008. 158 Seiten.

1 Jahr Johannes Hampels Blog

Im vergangenen Jahr entwickelte sich dieses Blog zu einem hartnäckigen, oft unbequemen, aber immer aufschlussreichen Werkzeug der Welterkundung - mindestens für mich, den Verfasser. Hoffentlich auch für den einen oder anderen von euch. Vor allem ihr Leser und Kommentatoren habt ein entscheidendes Stück zu diesem Erfolg beigetragen. Die Statistik belegt: In den ersten 365 Tagen besuchten 71409 Besucher dieses Blog, wobei die innerhalb 30 Minuten wiederkehrenden Besucher nicht gezählt werden. Die Zahl der Seitenaufrufe betrug 149093. Ihr habt 163 Leserkommentare zu meinen 279 Beiträgen geschrieben. Dafür danke ich euch herzlich! Bitte weitermachen! Keinen einzigen Leserkommentar brauchte ich zu löschen oder abzuweisen, da sie alle von dem gleichen kritisch-konstruktiven Geist geprägt waren, den ich mir für dieses Blog insgesamt wünsche.

Gelöscht habe ich jedoch insgesamt 3 eigene Beiträge, bei denen auch Leserkommentare enthalten waren. Warum löschte ich sie? Ich wollte Beiträge, die ich im Zorn niedergeschrieben habe, nicht in alle Ewigkeit stehen lassen. Dafür bitte ich euch um Verständnis. Denn wie heißt es doch so schön in der Bibel: Lass deinen Zorn den Sonnenuntergang nicht erleben.

In diesem Sinn schlagen wir heute das zweite Jahr auf. Zorn, Hader, Verdruss, Kleinmut, Trübsal und Wehmut mögen hinter uns liegen. Sie werden sicherlich für den einen oder anderen Tag wieder das Haupt erheben. Aber die Wochen, Monate und Jahre vor uns sollen Zuversicht, Freude, Hoffnung, Schaffen und Erfolg bringen.