Mitleid mit Worten. Am heutigen Welttag der Dichtung

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Mrz 212017
 

Mitleid mit manchen Worten

von Franz Werfel

Ihr armen Worte, abgeschabt und glatt,
Die Sprache und die Mode hat euch satt,
Von zuviel Ausgesprochensein verheert
Seid ihr schon schal und doch wie sehr bedauernswert.

So abgegriffen seid ihr und poliert,
Daß jeder Konsonant an Stoß verliert.
Und was euch einst beschwingtes Leben gab,
Begriff, Gefühl, sie gleiten von euch ab.

Klingt ihr wo auf, gleich kommt mir in den Sinn,
Wie oft! eine alte schlechtgeschminkte Schauspielerin,
Die auf der Bühne routinierte, doch arg verblühte Schritte macht,
Während im Parterre die erbarmungslose Roheit  zischt und lacht.

Oh, dann von Mitleid durchschüttert, schüf ich aus euerm mißachteten Klang
Am liebsten den hehrsten, heißesten Gesang!

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Selbsthaß

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Feb 092017
 

Selbsthaß ist auch das Grundgefühl, welches in diesen Jahren die deutsche Nation zu durchziehen scheint; mit unglaublicher Wonne zeigen sie der Welt immer wieder, wie schlimm sie gesündigt haben, wie unübertroffen sie die Meister des Bösen gewesen sind. „Von unserem Land aus [=Deutschland] sind alle europäischen Werte zerstört worden“, „an diesem einzigartigen Verbrechen, diesem schlimmsten Menschheitsverbrechen der gesamten Weltgeschichte trägt Deutschland Schuld und Verantwortung“, „wir Deutsche haben zwei Mal ganz Europa zerstört“, dergleichen superlativische Wendungen tauchen unzählige Male immer wieder in den Schuldbekenntnissen der Spitzen von Staat, Regierung und Parlament auf.

Eine durch und durch negative Sicht auf die deutsche Geschichte wird heute stärker denn je den Kindern schon in den deutschen Schulen beigebracht. So erzählte mir erst kürzlich ein Geschichtslehrer stolz, er wolle die Kinder nicht gleich mit dem von uns verübten Holocaust belasten, sondern sie erst einmal behutsam an das größte Menschheitsverbrechen heranführen, indem er sie erst einmal selbständig  The Kaiser’s Holocaust erarbeiten lasse, also den deutschen Völkermord an den Herero und Nama ab dem Jahr 1904. So könnten die Schülerinnen und Schüler  sich allmählich mit dem Gedanken des deutschen Völkermordes anfreunden. Der Holocaust sei dann als Krönung das große Thema im darauffolgenden Jahr, ein Völkermord wachse in der deutschen Geschichte organisch aus dem vorhergehenden Völkermord hervor. Deutschen Völkermord erkennen, deutschen Völkermord benennen, das sei ein wesentliches Lernziel des kompetenzorientierten Geschichtsunterrichts!

Ich war verblüfft. Ist es wirklich sinnvoll, den Gedanken des Völkermordes als Sinnkern der deutschen Nationalgeschichte darzustellen? Soll wirklich der Holocaust den innersten Kern der Gedächtniskultur ausmachen, wie dies etwa Claus Leggewie vorgeschlagen hat? Ich meine: Man kann dies tun, beginnend vom Tag von Verden an der Aller im Jahr 782.

Ich meine aber auch: Die heutigen Kinder werden überfordert mit diesen ewig lastenden Schuldvorwürfen an alle Deutschen, eine Zugehörigkeit zur deutschen Nation erscheint ihnen zunehmend als moralische Belastung, zumal ja die deutsche Geschichte vorwiegend als Geschichte deutscher Verbrechen dargestellt wird.  Warum sollten sie sich zu einem Land bekennen, das das Land der Täter ist, also im Grunde ein Verbrecherland ist?

Keinen Augenblick darf man die Niedertracht der Deutschen vergessen. Man geht kaum aus dem Haus, schon wird man wieder aufgefordert, sich all der unsäglichen Schrecken zu erinnern, die die Deutschen überall vollbracht haben.  „In mir ist nichts Gutes!“, so sagt derjenige, der sich selbst hasst. Das Böse in dir, Deutscher, das darfst du nie vergessen.

Und damit kommen wir auch schon zum Unterschied zwischen dem Augustinischen Selbsthaß und dem heutigen politisch korrekten deutschen Selbsthaß! Für Augustinus war der Selbsthaß ein notwendiger, schmerzhafter Übergang zu etwas Neuem, etwas Anderem, etwas Schönem. In der deutschen vulgären Geschichtsbetrachtung der Jetztzeit dagegen erscheint die deutsche Geschichte als eine Abfolge von Hassenswertem, also von häßlichen Verbrechen, die wie ein Fluch auf dem ganzen Land lasten.

 

Lesehinweise:
Claus Leggewie: Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Verlag C.H. Beck, München 2011, hier bsd. S. 14
David Olusoga und Casper W. Erichsen: The Kaiser’s Holocaust – Germany’s forgotten Genocide. Faber & Faber, London 2010
Frank Brendle: Der Holocaust ist einzigartig. taz online, 19.01.2012
Norman Davies: Categories of people killed in Soviet Russia and the Soviet Union 1917-1953 (excluding war losses, 1939-1945), in: Europe. A History. Pimlico, London, 1997,  S. 1328-1329

Graffito: „Bomber Harris, do it again.“ Aufnahme vom Juli 2016, Schöneberg, S-Bahn-Übergang

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„Der Maulwurf des Volkes hat die Kathedrale der Globalisierung untergraben“. Giulio Tremontis treffende Metapher

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Jan 172017
 

„La talpa del popolo ha minato la cattedrale della globalizzazione – „der Maulwurf des Volkes hat die Kathedrale der Globalisierung untergraben“, mit diesem sehr treffenden Vergleich hat Giulio Tremonti, der bekannte europäische Hochschulprofessor und Jurist  gestern Nachmittag etwa um 17 Uhr  in dem Fernsehsender RAI news 24 die aktuelle Weltlage in ein sehr aussagefähiges Bild gefasst (hier sinngemäß aus dem Gedächtnis wiedergegeben).

Ein sehr hörenswertes Interview! Die Globalisierung, so der gute Europäer Tremonti, sei seit dem Fall der Berliner Mauer eine Religion geworden. Auf dem Grundgedanken des weltweit einheitlichen Marktes habe man den einheitlichen Verbraucher erstehen lassen wollen. Man habe sich bemüht, eine Art Homo novus zu schaffen, unabhängig davon, ob die Menschen (also das Volk, il popolo) dies wolle oder nicht. Traditionen, gewachsene Bindungen, Herkünfte seien eingeebnet worden, um darauf die Kathedrale des einheitlichen Marktes zu errichten.

Bei dem Bemühen eine neue einheitliche Welt mit einem neuen einheitlichen homo consumator zu schaffen, sei zu viel in zu kurzer Zeit angepackt worden. Er selbst habe während seiner aktiven Zeit als italienischer Minister vergeblich versucht, längere Übergangsfristen zu bewirken, z.B. durch die Beibehaltung oder Einführung von Übergangszöllen, die den Schock der plötzlichen Einebnung beim Bau der Kathedrale hätten abmildern sollen.

Doch das Volk, dieser Maulwurf, habe sich nicht an die Wünsche der Herren und Meister der Globalisierung gebunden gefühlt. Mittlerweile habe das Volk die Kathedrale zu unterwühlen begonnen.

Spannend, finde ich! Man sollte darüber diskutieren. Tremonti merkt zu recht an, dass der Glaube an die Einheit des Marktes, der Glaube an den einheitlichen neuen Verbraucher, der Glaube an die Einigungskraft des Geldes eine echte politische Religion geworden ist, in deren Dienst sich viele Politiker gestellt haben. Alte Bindungen an Herkünfte, Sprachen, Orte, der Glaube an Gott und Götter, an Kunst und Sitten, an bestehende Rechtsordnungen werden ausgehebelt. Nichts darf dem Bau der einen einzigen überragenden Kathedrale entgegenstehen.

Nur das störende, störrische Volk sperrt sich gegen diesen Vorgang, denn – il popolo è populista, das Volk ist nun mal populistisch. Es ist ja sein Wesen.

Ähnlich, wenn auch nicht so brillant zugespitzt  formuliert wie bei dem live gesendeten Interview von RAI News äußerte sich Tremonti auch im Corriere della sera (Fettdruck durch dieses Blog):

Professore, non le pare eccessivo evocare l’estinzione della globalizzazione?
«Qualche giorno dopo le elezioni americane, Obama disse a Berlino che la vittoria di Trump non sarebbe stata la fine del mondo. Non è stata la fine del mondo ma sarà la fine di “un” mondo. La giovane talpa populista ha via via scavato il terreno su cui la globalizzazione aveva costruito nell’ultimo ventennio la sua cattedrale».

http://www.corriere.it/esteri/17_gennaio_16/donald-trump-fa-storia-finita-utopia-globalizzazione-giulio-tremonti-intervista-ff95f7c8-db5e-11e6-8da6-59efe3faefec.shtml?refresh_ce-cp

 

Bild: Eine Kathedrale der Zukunft wird in Mailand gebaut

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Ich habe genug

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Jan 122017
 

 

 

 

 

 

Am Sonntag, dem letzten Tag der Weihnachtszeit, hörte ich vormittags eine Radiosendung mit Musik im rbb Kulturradio:
So 08.01.2017 | 09:04 | Gott und die Welt. Drehtür Glauben. Wenn Menschen zur Kirche zurückfinden. Von Matthias Bertsch

Der Autor hat das Thema Kirchenaustritt und Wiederannäherung auf gewundenen Pfaden, so meine ich, in vier ausgewählten Stimmen in den wesentlichen Aspekten glaubwürdig eingefangen. Die Musik Johann Sebastian Bachs aus der Kantate „Ich habe genug“ entfaltete dazwischen  ihre überwältigende Kraft geradezu „gnadenlos“ – wieder einmal! So ist er halt, unser Bach. Unwiderstehlich. Er ist einer der Brückenbauer für verirrte Schafe, für Wege zurück.

Die leuchtende schöne Weihnachtszeit klang  mit einem abendlichen Konzert und Chören und einem kleinen Orchester und strahlenden Kinderaugen in der Kirche St. Bonifatius aus. Ich selbst fiedelte am Pult der Bratsche, das Instrument unters Kinn geklemmt, das Bach mit Vorliebe im Orchester spielte.

Die Chöre der Gemeinde haben mich nachhaltig inspiriert, und ich wünsche ihnen weiterhin diesen Eifer und diese von oben herabströmende Begeisterung. Ihnen steht die Gewalt der Hl. Cäcilie zu Gebote, die die wilden Tiere an den Streicherpulten mühelos bändigt!

Ich habe genug!
Ein Dankeschön den Chören

Bin nur ein armer Spielmann, kaum beacht,
meist mild belächelt, oft verlacht,
die Zahl der Noten, die ich spiel,
ist recht gering, drum hör ich viel,
denn ich hab Ohren groß und weit,
zum Zuhören sind sie bereit,
was andre spielen, andre singen,
das bringt in mir das Herz zum Klingen,
drum dank ich euch, Ihr Sängerinnen,
Ihr Sänger, die ihr singt im Geistesbraus,
die Töne in mir weiterschwingen,
sie leuchten, stärken, machen klug,
Ich packe ein und geh nachhaus.

Ich habe genug.

Bild: ein Schneemann, gestern Abend am Gasometer in Schöneberg

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Im Zeichen der Zuversicht – das Beispiel Großbritannien

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Jan 102017
 

Zuversichtlich dürfen wir das neue Jahr 2017 anpacken! Ein gutes Beispiel dafür liefert die britische Volkswirtschaft des soeben abgelaufenen Jahres. Hatte das Wirtschaftswachstum dort ohnehin jahrelang schon deutlich über dem der Eurozone gelegen, so setzte es sich nun noch deutlicher von Kerneuropa, also vom wahren Europa, dem Europa des Euro ab. Deutlich mehr als 2% Wachstum des britischen BIP in 2016 – eine Ohrfeige für die „Experten“, Chefvolkswirte, Zentralbankvorstände, die mit dem Risiko einer unmittelbaren Rezession im Gefolge des Brexit-Referendums gedroht hatten. Das Gegenteil ist eingetreten. Die britische Volkswirtschaft blüht und gedeiht mehr als vor dem Brexit-Votum, während die Wirtschaft der Eurozone weiterhin hinter Großbritannien und der Weltwirtschaft dreinhumpelt und lahmt. Woran liegt das? Die Experten sind uneins oder gar ratlos.

Aber lest selbst, wie Andrew Haldane, der Chefvolkswirt der britischen Zentralbank, der Bank of England, das Vorhersage-Desaster der brillanten hochbestallten Kaffeesatzleser unumwunden eingesteht (Hervorhebung durch uns):

The BoE’s chief economist noted the apparent „disconnect“ between the historically high levels of political uncertainty and the „remarkably placid“ response evident in the financial markets at present.

Before the referendum took place in June 2016, BoE Governor Mark Carney warned that the likelihood of a „technical recession“ would be superior if the majority of citizens voted to leave the EU. Instead, the U.K.’s economy outperformed all other advanced economies in 2016.

More recently, Britain’s benchmark stock index, the FTSE 100, extended its record breaking streak on Thursday as the index closed higher for the sixth consecutive day for the first time in two decades.

http://www.cnbc.com/2017/01/06/economic-forecasting-in-crisis-bank-of-england-chief-economist.html

Was lernen wir daraus? Das oft zu hörende Argument, ein Votum für den Brexit würde unweigerlich zum Niedergang der britischen Volkswirtschaft führen, scheint nicht zu stimmen. Die Sonne geht weiterhin über Albion auf.

Die britischen Bürger lassen sich durch Vorhersagen des Niedergangs oder des Weltuntergangs nicht mehr ins Bockshorn jagen. Sie stimmten für das, was sie wollten und woran sie glaubten. Und sie vertrauen den Experten und Sachverständigen weniger und weniger, zumal die führenden Chefs und Köpfe in den Zentralbanken mehr als einmal grob daneben gegriffen haben mit ihren im Brustton der Leidenschaft verkündeten Prophezeiungen.

Dabei gehen die Bürger durchaus das Risiko wirtschaftlicher Nachteile sehenden Auges ein.

Es war ein grober Fehler anzunehmen, die Stimmung in Großbritannien  hätte sich durch das Ausmalen von konjunkturellen Niedergangsszenarien beeinflussen lassen.

Fazit: Der vorhergesehene Niedergang des Vereinigten Königreiches ist vertagt, vielleicht ad kalendas graecas.

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Die unversiegliche Kraft des alten Neuen. Zum Antritt des Neuen Jahres

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Jan 022017
 

Groß und stark und zuversichtlich kam das Neue Jahr herauf. Wir begrüßten es im Harz. Zwei Tage vor Silvester bestiegen wir in völliger Dunkelheit den Brocken; dort erschien nach dem ersten farbenprächtigen Präludium des Anstiegs zuerst ein glutroter Fleck in weiter Ferne, ein dunkelrotes Etwas, das sich wie eine glühende Esse zischend und gischtend ausbreitete. Dann erst hob sich der Feuerball vor unseren Augen über den Horizont, bezwingend und unbezwinglich trieb es ihn höher und höher.

Das Neue Jahr beginnt zuversichtlich, stark, mutig, staunend, lächelnd. Der Mut, die Zuversicht, die Stärke, das Staunen, das Lächeln, sind sie alle noch da, die alten Tugenden, die unerschöpflichen, sonnenähnlichen Kraftquellen? Ja, sie sind’s! Wir haben sie auf dem Brocken unversieglich gespürt.

Die Ihr dies lest und seht, möget auch Ihr sie verspüren!

Bild: Sonnenaufgang am Morgen des 30. Dezember 2016, Brocken/Harz

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Präludien des Sonnenaufgangs im Harz

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Dez 302016
 

Die unbegreiflich großen Werke sind herrlich wie am ersten Tag! Nachts in sternklarer Frostkälte von Schierke hoch zum Brocken. Erst alles dunkel und alles kalt. Vor Sonnenaufgang spielte das Licht irisierend sein Farbspiel. Schon eine Stunde eh die Sonne den Horizont durchbrach, sandte sie diese prachtvollen Präludien voraus.

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Das Kind zu mir die Äuglein wandt, oder: Gemeinsames Staunen!

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Dez 252016
 
Vor wenigen Tagen saß ich doch mit zwei Freunden und einem 1-jährigen Baby beim Mittagessen im Schöneberger Ratskeller. Schweres Eichengestühl umrahmte uns. Hunderte bis auf den letzten Tropfen geleerte Flaschen Moët & Chandon  empfangen den Eintretenden im Ratskeller, aufgereiht als Zeugnisse einer bedeutenden Trink- und Festkultur. Ein geschäftiges Kommen und Gehen herrschte. Hier, auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses, hielt Kennedy seine berühmte Rede mit dem Satz: „Ich bin ein Berliner!“ Und wir? Wir waren keine Ratsherren, aber wir saßen im Ratskeller als unbedeutende Fußnoten der Weltgeschichte.
Und da griff die Kleine in ihrem Kinderwagen nach einer herabhängenden Kordel, lachte und sprühte uns mit ihrem Blick an: „Schaut her, was ich kann, ich kann schon eine Schnur anfassen!“
Staunen ergriff uns. Wie gut Elisabeth das machte! Das machte mich glücklich. Unser Staunen-Können erfreute mich. Es war mir, als sähen wir das zum ersten Mal. Staunen scheint mit diesem Gefühl des Als-ob des Zum-ersten-Mal-Sehens zu tun zu haben.
Nun könnte man sagen: Was liegt am Staunen! Hier, auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses, hielt Kennedy am 26.06.1963 seine berühmte Rede. Was liegt demgegenüber am Lachen eines Kindes! Hier ertönt die Freiheitsglocke, die größte und wuchtigste profane Glocke Berlins. Und du redest vom Lächeln eines Kindes!
Kann das jetzige Lächeln eines Kindes bedeutender sein als die vergangene Weltgeschichte, als die Rede eines Kennedy von 1963, als hundert leere Flaschen Sekt? Ja, das kann so sein. Das ist so!  Davon reden wir, davon singen wir, davon sangen wir soeben, zweihundert Meter von der Schöneberger Freiheitsglocke entfernt. Ein kindhaft einfaches Lied ertönte soeben:
Das Kind zu mir die Äuglein wandt /
mein Herz gab ich in seine Hand.
So dichtete ein unbekannter Lieddichter in einem Lied, das zuerst 1621 in Köln unter dem Titel „Als ich bei meinen Schafen wacht“ bezeugt ist. Ich sang es soeben in der Christmette in St. Norbert mit, einen Steinwurf vom Schöneberger Rathaus entfernt.
Ich gehöre zu jenen, die das Staunen, das Sich-Wundern stärken wollen. Ich bin gegen die rabiate Entzauberung als Selbstzweck, gegen das hemmungslose Lüften des Schleiers der Maya. Die Welt ist staunenswert, das Du ist staunenswert, das Lächeln ist staunenswert. Staunen über das Geheimnisvolle zu teilen, stiftet Gemeinschaft.
Und somit wünsche ich Euch allen Frohe Weihnachten! Vor allem aber wünsche ich: Gemeinsames Staunen!
Bild: das Schöneberger Rathaus, heute nach dem Weihnachtssingen. Hier hielt Kennedy am 23.06.1963 seine berühmte Rede.
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Danke, Europa-Besinnungs-Adventskalender!

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Dez 232016
 

Aus meiner winzig kleinen fränkisch-schwäbischen Wandergruppe erreichte als Geschenk mich am ersten Dezember ein guter treuer Gefährte für diesen Monat: der Europa-Besinnungs-Adventskalender. Er steht im Bunde mit europäischen Heiligen und Verbrechern, mit europäischen Künstlern, mit Europas Städten und Europas Ländern, er schweift von Nord nach Süd  alles ab, er spürt den feinsten Verästelungen des Lebens nach, er bietet Schokolade und Poesie, Reiseführer für Polen, er kennt Kyrill und Method, Rätselkrimis und Johannes vom Kreuze. Jeden Tag erfreute er mich mit einem in Knittelversen gereimten Merk- und Denkspruch und einem kleinen, aufmerksam gewählten Geschenk.

Ein Beispiel? Das brachte uns der Adventskalender am 9. Dezember:

Denkspruch am 9. Dezember:

Der 9. Dezember ist der Gedenktag des Abel.
Als Kain den Erfolg Abels nicht mehr ertragen,
hat er seinen Bruder erschlagen –
oder ihn gar mit einem Pfeil niedergestreckt?
Das wird ein Rätsel bleiben für uns –
nur Gott hat die Wahrheit entdeckt.

Geschenk am 9. Dezember:
Andreas Venzke: Ötzi. Die Verfolgungsjagd in der Steinzeit. Ein Rätselkrimi. Bilder von Alexander von Knorre. Arena Verlag Würzburg, 3. Auflage 2015

Morgen wird der gute Kalender sein letztes Geschenk hergeben. Zeit, kurz Rückschau auf all das Geschenkte und Gelehrt zu halten!

Versuchen wir es ebenfalls in Knittelversen!

O Kalender, dreiundzwanzig Tage lang
Hast Du mir jeden Morgen eine Freude gemacht,
Und wenn ich traurig war, hast du mich angelacht.
Nie war dir bang,
Du gabst mir alles, was du hast,
Du lagst auf Lauer ohne Hast.
Wenn ich in trüber Morgensupp zum Tag hinüberschwamm,
Erzähltest du Geschichten, die du aufgesogen wie ein Schwamm,
Und vergaukeltest mir manchen Tag,
Wenn ich dankbar dir zu Füßen lag.

Europas Heilige verehrst du wie kein zweiter,
Sie sind Sprossen dir auf deiner Himmelsleiter,
Nicht Geld und Zinsen, Bank und Konvergenzen,
Sind Kerneuropa, überschreiten Grenzen –

Nein, die Wandrer sind’s, die Lehrer, die Gestalter,
Unsichtbarer Schätze Mehrer und Verwalter,
An sie hast du uns stets herangeführt,
Behutsam horchend ihnen nachgespürt;

Mit kluger Hand gewiesen und gelehrt;
Die Herzen auf den rechten Weg gekehrt,
Durst, Kälte, Hitze, Hunger abgewehrt,
Und dann zum Schluss noch meinen Klagen zugehört.

Europa-Besinnungs-Adventskalender
morgen, am 24. Dezember, endet unser gemeinsamer Weg:

Ich danke Dir!   

 

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geschrey solchs großen Jauchzens, gewaltiges Jauchzen, Jubelschall? Was stimmt denn nun? Zu 1 Sam 4,6

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Dez 172016
 

1) „Was ist das für ein großer Jubelschall im Lager der Hebräer?“

2) „Was ist das für ein gewaltiges Jauchzen im Lager der Hebräer?“

3) „Was ist das geschrey solchs großen jauchzens in der Ebreer lager?“

Drei Mal derselbe Satz, aus dem Hebräischen übersetzt! Welche Übersetzung gibt das Gemeinte am besten wieder? Welche Sprachfassung lässt den Boden erzittern? Bedenke: Wir stehen vor einem Kampf, einer Schlacht, einem Krieg mehrerer tausend Männer! Zwei Heerhaufen treten gegeneinander an. Wie ging es da zu? Wie mochte sich das anhören? 30000 Kriegsopfer werden nach einer einzigen Schlacht zu beklagen sein, das wertvollste Kultgut und Kulturgut wird geraubt sein! Eine niederschmetternde Bilanz wird das sein.

Bedenke:  Die Männer laufen sich gewissermaßen warm, sie stimmen sich ein auf das, was da kommen mag an Gewirr, Geplänkel, Gefecht und Gemetzel.

So. Lies die drei Übersetzungen laut vor! Dann entscheide selbst, welche Übersetzung dich am meisten packt, welche Übersetzung durch Mark und Bein geht! Die neue Lutherübersetzung von 2017, die Münchner gantze Schrifft von 1974, die neue Stuttgarter Einheitsübersetzung von 2016? Oder die Stuttgarter Biblia hebraica von 1997? Stuttgart mit drei Büchern oder München mit einem Buch? Welche Stadt gewinnt diese Schlacht?

Achte auf den Rhythmus, den Klang der Sätze, koste die Wirkung der drei unterschiedlichen Fassungen desselben Satzes aus! Dann begründe deine Entscheidung. Wenn du willst, schlage auch den hebräischen Ausgangstext auf!

Quellen:
1) Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe. 1. Auflage. Katholische Bibelanstalt, Stuttgart 2016, S. 292 [1 Sam 4,6]
2) Die Bibel. Lutherübersetzung. Nach Martin Luthers Übersetzung. Lutherbibel. Revidiert 2017. Jubiläumsausgabe. 500 Jahre Reformation. Mit Sonderseiten zu Martin Luthers Wirken als Reformator und Bibelübersetzer. Deutsche Bibelgesellschaft,  Stuttgart 2016, S. 279 [1. Sam 4,6]
3) D. Martin Luther: Biblia. Das ist die gantze Heilige Schrifft. Deudsch auffs new zugericht. Wittenberg 1545. Herausgegeben von Hans Volz unter Mitarbeit von Heinz Blanke. Textredaktion Friedrich Kur. Band  I, München 1974, S. 512 [I. Buch Samuel, c. IIII, 6]
4) Biblia hebraica stuttgartensia. Editio Quinta emendata opera A. Schenker, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1997,  S. 450 [SAMUEL I, 4,6]

 

 

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Ziemlich beste Freunde

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Dez 132016
 

Ein bemerkenswertes Zwiegespräch entfaltete sich vergangenen Sonnabend zwischen den zwei wohl berühmtesten Schriftstellern unserer Zeit. Lassen wir sie doch am Frauenplan im Hause des Geheimen Rathes zusammentreffen. Als Gesprächspartner wählen wir den Kanzler Müller; Berichterstatter sei in diesem kleinen Phantasiestück Johann Peter Eckermann.

Und so lesen wir gleich hinein in die nachträglich angefertigten Notizen des getreuen Eckermann, wobei wir noch vorausschicken, dass der soeben behandelte Gegenstand nichts anderes als die Ode auf den 5. Mai von Alessandro Manzoni gewesen war.

[…] »Euer Exzellenz«, sagte ich, »sprechen große Dinge aus, und ich bin glücklich, Ihnen zuzuhören.« – »Manzoni«, sagte Goethe, »hilft uns zu guten Gedanken.« Er wollte in Äußerung seiner Betrachtungen fortfahren, als der Kanzler an der Pforte von Goethes Hausgarten uns entgegentrat und so das Gespräch unterbrochen wurde. Er gesellte sich als ein Willkommener zu uns, der freilich nicht allein kam, sondern zwei Schriftsteller mitbrachte, die soeben aus dem herzoglichen Theater nachhause kehrten und sich ganz offenkundig in einem angeregten Gespräch über die soeben gesehene Vorstellung befunden hatten.

„Seien Sie uns willkommen in unserer bescheidenen Oberbühne“, grüßte Goethe, der selbst weniger und weniger ins Theater ging. Die drei Männer kamen über das Büstenzimmer in den länglichen Saal, wo die Rouleaus niedergelassen waren und auf dem Tische am Fenster zwei Lichter brannten. Der Kanzler stellte beide in knappen Worten vor: der erste war der aus St. Peter-Ording stammende Autor Michael Hohlbeck, eine angenehme, fast jugendliche Erscheinung von wohl 58 oder 60 Jahren, gepflegt locker mit offenem Hemdkragen erscheinend, aber nicht abgerissen gekleidet, wie es in den Berliner Salons seit Jahren üblich geworden; der andre, Bodo Cimetière, soeben erst aus Reggio Calabria zurückgekehrt, wo er einige Nachforschungen zu seinem jüngsten Roman angestellt, trug noch einen Panama Jenkins, der ihm leider doch etwas Stutzerhaftes verlieh; auf unglückliche Weise verstärkt wurde dieser Eindruck dadurch, dass die Herstellermarke STETSON deutlich an einer geckenhaft flatternden Banderole abzulesen war.

Wir setzten uns um den Tisch, der Hausherr schenkte in die bereitstehenden Gläser reichlich aus der bereits geöffneten Flasche „Würzburger Stein“ ein und fragte Hohlbeck: „Sie kommen aus dem Theater? Wurde da heute nicht Ihre „Unterwerfung“ gegeben? Ich habe Ihren Roman mit Gewinn gelesen, und möchte wohl wissen, wie unser Schauspieldirektor Ihre vielfach verwinkelte, tolldreiste Geschichte in ein Theaterstück umgemodelt hat?“

„Nun, ich war selbst äußerst gespannt, habe den Theatermachern aber völlig freie Hand gelassen“, wich Hohlbeck aus, indem er sich eine Zigarette ansteckte und an seinem Weinglas nippte. Einen kurzen Moment herrschte Schweigen. Goethe zeigte eine Regung von Ungeduld und forderte uns auf, mehr zu erzählen.

„Die ganze Handlung des Romans wird in ein Lazarett verlegt“, schaltete sich unvermittelt der Kanzler ein, „ein genialer Schachzug, wie er eigentlich nur einem so bedeutenden Theatermann wie unserem guten ***** einfallen konnte. Der Held des Romans erlebt die gesamte Handlung wie in einem Fieberwahn. Ihn plagt eine hartnäckige Fußpilzerkrankung, und während um ihn herum in ganz Frankreich ein islamischer Präsident das Leben grundhaft umgestaltet, erfährt unser Held im Krankensaal jede nur erdenkliche Zuwendung durch seine Pflegerin und einen Kollegen von der Académie!“

Goethe setzte, als hätte ihn ein bislang versteckter Groll ergriffen, sein Glas ruckhaft heftig auf und begann also mit sich allmählich steigerndem Unmut: „Die heutigen Schriftsteller schreiben alle, als wären sie krank und die ganze Welt ein Lazarett. Alle sprechen sie von dem Leiden und dem Jammer der Erde und von den Freuden der Zukunft, und unzufrieden, wie schon alle sind, hetzt einer den andern in noch größere Unzufriedenheit hinein. Das ist ein wahrer Mißbrauch der dramatischen Kunst, die uns doch eigentlich dazu gegeben ist, um die kleinen Verhältnisse des Lebens kraftvoll zu steigern und den Menschen mit der Welt bekannter zu machen, ja ihn letztlich zu ermutigen, die Welt, wie sie nun einmal ist, kräftig wirkend und strebend zu verändern.  Aber die jetzige Generation fürchtet sich vor aller echten Kraft, und nur bei der Schwäche ist es ihr gemütlich und poetisch zu Sinne; echte Dramen, wie sie uns Schiller mit seinem Wallenstein geschenkt, werden schon lange nicht mehr geschrieben.“

Hohlbeck, Cimetière, der Kanzler und ich wussten darauf vorderhand nichts darauf zu erwidern. Wir saßen stumm da und sagten nichts.  »Euer Exzellenz«, sagte ich endlich, um das betretene Schweigen zu brechen, »sprechen etwas Wahres aus, und wir sind glücklich, Ihnen zuzuhören.«

»Ich habe ein gutes Wort gefunden,« fuhr Goethe fort, »um diese Herren zu ärgern. Ich will ihre Schauspiele die ›Lazarett-Dramatik‹ nennen; dagegen die echt ›tyrtäische‹ diejenige, die nicht bloß Schlachtlieder auf offener Bühne singt, sondern auch den Menschen mit Mut ausrüstet, die Kämpfe des Lebens zu bestehen.«

Goethes Worte erhielten meine ganze Zustimmung. Cimetière, der Kanzler und Hohlbeck hingegen erkannten wohl, dass mit dem Alten heute Abend kein einvernehmlicher Diskurs mehr zu führen war.

Wir tranken, nachdem wir uns mit stummen Blicken ausgetauscht, unseren Würzburger Stein aus, wussten das Gespräch auf unbedeutende Zeitung zu lenken, etwa das Verbot der Pferdedroschken, das die neue Berliner Stadtregierung am Pariser Platz einzuführen gedachte, sowie auch den Literaturpreis, den Cimetière von der Leipziger Buchmesse soeben erhalten hatte. So konnte nicht der Eindruck entstehen, der Abend habe mit einem Mißklang geendet.

Wir verabschiedeten uns artig mit einigen französischen Wendungen, verließen den länglichen Saal, gingen die Stiege hinab und nahmen die am Frauenplan bereitstehende Pferdedroschke, um jedes möglichst rasch nachhause zu gelangen, während Goethe oben noch seinem Würzburger Stein beim Schein der beiden am Fenster herabbrennenden Kerzen zusprechen mochte.

Hinweis:
Das vorstehende frei erfundene  „Phantasiestück“ verwendet freizügig unterschiedlichste Stoffe aus folgenden Quellen:

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Mit erläuterndem Register besorgt von Hans Jürgen Meinerts. Im Bertelsmann Lesering 1960,  S. 190-192 (=Einträge vom 23. Juli 1827 / 24. September 1827)

Unterwerfung. Nach dem Roman von Michel Houellebecq. Regie: Stephan Kimmig. Deutsches Theater, Berlin, Aufführung gesehen im Dezember 2016

Michel Houellebecq:  Soumission, Flammarion, Paris 2015

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Eine Novelle, Frankfurt 2016, hier insbesondere S. 174

Foto:

Ein Blick aus dem Saal im Wohnhaus Goethes auf den Garten, Weimar, Radtour vom 19.07.2015

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Erzählen oder Begreifen? Zweierlei Welten

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Dez 082016
 
  1. „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“
  2. „Die Welt, das war das leise Räuspern auf der anderen Seite der Tür.“

Zweierlei Aussagen über die Welt! Welche stimmt? Die eine ist von einem Philosophen, die andere von einem Erzähler. Die erste Aussage steht im Präsens; sie versucht etwas zu sagen, was immer und jederzeit gültig war, gültig ist und gültig sein wird.

Die zweite Aussage  steht im Imperfekt, sie versucht etwas zu sagen, was nur damals gültig war, jetzt aber – im Akt des Erzählens, wieder gültig wird und auch später, etwa in der dritten oder vierten Auflage des Buches, beim dritten oder vierten Lesen des Buches, gültig sein wird.

Der Erzähler, dieser raunende Beschwörer des Imperfekts, blickt auf die Welt als etwas Gewordenes, das auch anders hätte sein können.  Er will nicht erklären, sondern erzählen, also ergreifen, was ihn ergriffen hat. Die vorrangige Zeitstufe des Erzählens ist die Vergangenheit.

Von daher die außerordentliche Bedeutung, die dem Erzählen als solchen zukommt. Erzählerische Fragen sind: Was war am Anfang? Wie war es da? Und was geschah dann? Und dann? Wie ergibt das Ganze einen Sinn?

Eine Urform des Erzählens lautet:

Am Anfang war n. Und n war x und y. Und dann machte der und der das. Und so geschah x+1 und y+1. Und so war es also n+1. Und dann machte der und der das und das. Und dann war es also n+2.  Und dann … und dann …

Der Philosoph dagegen, dieser staunende Verehrer des Perfekten, blickt auf die Welt als etwas Geordnetes, das so ist, wie es ist. Er will nicht Gewordenes erzählen, sondern begreifen, was ihn einbegreift. Und das Einbegreifende ist die Welt. Die vorrangige Zeitstufe des Philosophierens ist das Präsens.

Grundsätzlich formulieren Philosophen ihre Fragen so, dass sie jederzeit und an allen Orten erneut gestellt werden können.

Einige Urformen des Philosophierens lauten also:

Was ist das eigentlich? Warum ist das so? Was bedeutet das? Was bedeutet diese Frage? Warum ist das überhaupt? Könnte dieses auch nicht der Fall sein? Und wenn es nicht der Fall wäre, bliebe dann alles andere gleich? Was ist der Sinn des Ganzen?

Quellen:
Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 15. Auflage 1980, S. 11

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Eine Novelle. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2. Auflage 2016, S. 8

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Reithers beunruhigende Frage

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Dez 072016
 

Ein Winterabend ist hereingebrochen, letzte Schritte verhallen,
Schemenhaft geistern die Lichter der Straße von drüben hinter den Gleisen
Durch kahle Bäume herein in dieses winzige Zimmer in drangvoller Enge,
Wo zahllose Bücher und sechs Streichinstrumente drängende Fragen stellen.

Welche Fragen? Wir stellen in dieser Einsamkeit sechs Fragen:

  1. Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?
  2. Könnte es die Welt auch nicht geben?
  3. Warum ist überhaupt die Welt und nicht vielmehr keine Welt?
  4. Könnte es auch eine andere Welt geben?
  5. Warum bin ich überhaupt und warum bin ich nicht vielmehr nicht?
  6. Könnte es mich auch nicht geben?

Welche möglichen Antworten gibt es auf diese Fragen?

Lesen wir dazu einen kleinen Abschnitt aus einem ausgezeichneten Buch:

Er ließ die Kupplung kommen und fuhr einfach weiter die Häuserzeile entlang, nun schon im Abenddunkel, er rief noch einmal den Namen, an den er sich gerade gewöhnt hatte, auf die Straße hinaus, aber nicht mehr, um Antwort zu bekommen, wie auch, dafür die absurde Gewissheit, allein zu sein, weder zu dritt noch zu zweit, sondern allein im Auto, in seiner Hand einen sinnlosen Schmerz, wie als Beweis, dass es auch keinen Sinn ergab, ob man mit oder ohne Schmerz auf der Welt war und ein Leben lang aus halbfertigen Büchern ganze Bücher gemacht hat oder aus schlechten weniger schlechte; dass er mit all seinem Tun so entbehrlich war wie der Mensch überhaupt, kosmologisch gesehen – ein Notgedanke gegen die Auflösung: Ja, es gab ihn noch, ihn, Reither, der sich all das durch den Kopf gehen ließ im Fahren.

Reither, der zurückgezogen lebende, nun in Italien gestrandete Verleger, von dem uns Bodo Kirchhoff erzählt, gibt auf die zuletzt gestellte Frage  – nach dem Zeugnis des Autors, das wir hier nicht in Zweifel ziehen  – folgende Antwort: „Ja, mit all meinem Tun bin ich entbehrlich; es könnte mich auch nicht geben; und dann gäbe es trotzdem die Welt. Die Welt kommt auch ohne mich aus.“

Der Schmerz Reithers, zweifellos ein Beweis dessen, dass es etwas gibt, das Schmerz empfindet, dass es also ein Reither-Ich gibt, ergibt zwar keinen Sinn – es gibt aber ein Gefühl des Schmerzes, über das ich mir klar werden kann, indem ich es „mir durch den Kopf gehen lasse“.

Ebenso deutet der Schmerz auf etwas hin, was wir Auf-der-Welt-sein nennen dürfen. Denn Reither stellt – mindestens dem vorderhand nicht zu bezweifelnden Zeugnis des Autors nach – nicht in Frage, dass „man auf der Welt“ ist. Dieses Auf-der-Welt-sein mag sinnlos oder sinnvoll sein, aber es – ist. Das Auf-der-Welt-sein ist hier ein vorgängiger Horizont, vor dem die Frage, ob dieses Auf-der-Welt-Sein des Ich-Reither einen Sinn ergibt, gestellt werden kann, wobei offen bleiben muss, ob diese Frage ihrerseits einen Sinn ergibt. Doch die Frage wird gestellt, wenngleich die Antwort offen bleibt.

Reither stellt also unter den sechs oben aufgezählten Fragen die sechste Frage:

Könnte es mich auch nicht geben?

Er zieht den Schluss: „Ja! Es könnte mich auch nicht geben. Aber daraus folgt nichts. Es würde an Sinn oder Sinnlosigkeit nichts ändern. Selbst der Gedanke, dass es mich auf der Welt nicht geben könnte, könnte sinnvoll oder auch sinnlos sein.“

Dieses Grundverhältnis des Ich zu sich selbst befindet sich hier im Bewusstsein der Kontingenz; denn Kontingenz ist nichts anderes als die Aussage, dass etwas zwar ist, aber ebenso auch nicht so sein, oder auch überhaupt nicht sein könnte.

Quelle:
Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Eine Novelle. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2. Auflage 2016, S. 197-198

 

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Haben wir 335000 Obdachlose in Deutschland, die auf der Straße leben?

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Dez 062016
 

335.000 Menschen sind obdachlos! Das wäre eine Großstadt von der Größe Bielefelds! Aufrüttelnde Zahlen, die die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) soeben vorgelegt hat.

http://www.bild.de/politik/inland/obdachlos/hoehepunkt-noch-nicht-erreicht_ag_dpa-49083712.bild.html

335.000 Bundesbürger sind wohnungslos!” Das ZDF-heute-Journal berichtete soeben, alle führenden Medien berichten darüber, die Bundesregierung hat sich dazu geäußert, alle Parteien haben daraus Kapital geschlagen.  Alle Medien, vom heute-Journal über den Spiegel, die Frankfurter Rundschau bis hin zur BILD bringen zu ihren jeweiligen Berichten Bilder von einsam auf Bänken schlafenden Obdachlosen, Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben und auf Pappkartons frierend ihre Nächte verbringen. Erschütternd!

Müssen also fast 335.000 Bundesbürger auf Parkbänken und auf Plastikplanen schlafen?

STOP! Der schrille Weckruf der BAGW hinterlässt in mir einen üblen Nachgeschmack. Denn wohnungslos ist nicht obdachlos.

Jeder Berliner Student oder Azubi, der seinen Kreuzberger Haushalt aufgibt und aus Kostengründen wieder zu Muttern nach Dahlem zieht, zählt amtlich als “wohnungslos!” Denn er kann sich keine eigene Wohnung mehr leisten, sondern muss erst einmal eigenes Geld verdienen, ehe er sich eine Wohnung leisten kann. Jugendlichen alleinstehenden Arbeitssuchenden wird vom Jobcenter keine eigene Wohnung mehr gestellt, sondern sie müssen “zur Not” bei Mutti, bei Vati, bei  Verwandten oder Freunden unterkommen. Auch sie sind nach BAGW-Kriterien wohnungslos.

Doch muss die Frage erlaubt sein: Wieso sollte der Staat jungen alleinstehenden Arbeitslosen eine eigene Wohnung spendieren, solange sie anderswo unterkommen können?

Wohnungslos ist nicht gleich obdachlos. Obdachlos muss in Deutschland niemand sein. Die Zahl der Obdachlosen in Deutschland, also der Menschen, die auf der Straße leben, liegt bei etwa 40.000, also einem guten Zehntel der Wohnungslosen (Quelle: Die Zeit 05.10.2015).

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-10/deutschland-studie-obdachlosigkeit

Die vorübergehende oder dauernde Obdachlosigkeit  entspringt in aller Regel keiner ökonomischen Notlage, sondern einem bewussten Entschluss, die Brücken mit der bisherigen Existenz abzubrechen. Aber es gibt in Deutschland eine Armada an Hilfsorganisationen, Kirchen, karitativen Einrichtungen, gütigen Menschen, die die Obdachlosen beherbergen.

Jeder, der sich in Deutschland dauerhaft aufhält, hat Anspruch auf Wohnung, Nahrung und Kleidung. Er hat zwar keinen Anspruch auf eine eigene Wohnung, aber er hat Anspruch auf Herberge, auf ein Dach über dem Kopf, auf medizinische Grundversorgung.

Obdachlos muss niemand in Deutschland sein.

Es ist schlicht falsch, dass es 335.000 Obdachlose in Deutschland gebe, wie es heute verschiedene Massenmedien  (von BILD bis ZDF) darstellen.

Hier wird wieder einmal ein geradezu wahnhaft verzerrtes Bild der sozialen Wirklichkeit in Deutschland erzeugt.

Obdachlose sind im Gegensatz zu Wohnungslosen laut Gesetz „Personen, die ohne gesicherte wirtschaftliche Lebensgrundlage umherziehen, alleinstehende Personen ohne Wohnung und regelmäßige, sozialversicherungspflichtige Arbeit, ohne abgesicherte Existenzverhältnisse und häufig ohne existenziell tragende Beziehungen zu Familie oder anderen Lebensgemeinschaften“.

Ein Riesenunterschied, denn Obdachlosigkeit hat andere Gründe als Wohnungslosigkeit.

Richtig ist, dass es etwa 335000 Wohnungslose in Deutschland gibt, also Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen keine eigene Wohnung leisten können, etwa Studenten, Auszubildende oder Erwerbslose, die ihre Wohnungen aufgeben und bei Verwandten unterkommen. Das mag ein Problem für den Einzelnen sein, es ist aber kein öffentliches Übel. Dass jemand sich keine eigene Wohnung mehr leisten kann, mag enttäuschend für die Betroffenen sein, es zehrt am Selbstbewusstsein, aber es ist kein echtes gesellschaftliches Problem. Es war immer so und wird auch immer so bleiben, dass viele Menschen sich keine eigene Wohnung leisten können.

Die heutigen Berichte in den führenden elektronischen und gedruckten Medien Deutschlands sind zusammen mit den hochgradig zur Empörung aufputschenden Bildern ein gutes Beispiel für bewusste oder unbewusste Irreführung der Öffentlichkeit, für den gefährlichen manipulativen Einsatz von Bildern.  Es wird ein völlig verzerrtes Bild der sozialen Wirklichkeit erzeugt.

Nebenbei: Vor einigen Jahren, am 02.08.2013, hatten wir Anlass, einen ähnlichen Artikel wie den heutigen zu schreiben. Die groben handwerklichen Fehler in der Darstellung der Medien sind geblieben. Der Fehler liegt in der Verwechslung von Wohnungslosen und Obdachlosen.

“Eine Großstadt muss auf Parkbänken schlafen!”, oder: Wird Deutschland allmählich zu einer Komikernation?

 

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Unterwegs zu einem Bild von der Reformation

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Dez 052016
 

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Die Leihfrist läuft in wen’gen Stunden ab! Ein sehr lehrreiches Buch, dessen Verfassern ich hiermit von Herzen danke, werde ich in 2 Stunden bei der Alma Mater Stabi  zurückgeben: eine 2015 in Oxford verlegte „Illustrierte Geschichte der Reformation“, mit der ich manch gute Stunde verbracht habe. Nachstehend einige lose zusammengefügte Thesen, die mir beim abschließenden Durchblättern des Buches in den Sinn kommen:

  1. That reform was older than the Reformation.“ Die Reformation des 16. Jahrhunderts, die man heute gern mit dem Thesenanschlag vom 31.10.1517 beginnen lässt, war ein chorisches Geschehen, das sich dem Schwerpunkt nach – jedoch nicht ausschließlich – in den Gebieten des damaligen Sacrum Imperium Romanum und hier wiederum vorwiegend in lateinischer und in deutscher Sprache entfaltete, also namentlich in Kursachsen, in der Schweiz, und in Oberschwaben.

2. Die stärksten Kämpfe und Rivalitäten entfalteten sich in den deutschen Territorien zwischen den verschiedenen Zweigen der Kirche, die „die Reformation durchgeführt hatten“, etwa zwischen den Calvinisten und den Lutheranern, mitnichten jedoch nur zwischen der Katholischen Kirche und den Lutherischen Gemeinden.

3. Keineswegs war Martin Luther der einzige Reformator, keineswegs war er der erste, keineswegs war er der theologisch bedeutendste. Er war einer der mutigsten, er war wohl der lauteste von allen. Das wollte er zunächst eigentlich gar nicht. Er wurde da von der Revolution, die sich ihn ihm anstiftete, in etwas hineingetrieben, was er so nicht beabsichtigte. „Once underway, revolutions follow their own logic.“

4. Er sah sich selber nicht als den Reformator oder gar den Begründer einer „neuen Religion“, also der „Lutherischen Religion“. Eher schon sah er sich als Hinweisgeber, Zeichenträger, als „Dolmetscher“ des Wortes Gottes. Von daher auch die überragende Bedeutung einer neuen Bibelübersetzung, die mit den neuen technischen Mitteln des Buchdrucks und des Kupferstiches eine flächendeckende Macht entfaltete.

5. Unter den prägenden Gestalten der Religion der Väter scheint den großen Reformator Luther neben Jesus Christus am stärksten Johannes der Täufer beeinflusst zu haben. Er war der lauteste Rufer, wir müssen sagen der „Schreier in der Wüste“. Auf ihn bezieht Luther sich in herausgehobener Weise. Er verschmilzt ihn mitunter auf eine nicht bloß triviale Weise mit dem Evangelisten Johannes, der als sein zweitwichtigstes, ja überragendes theologisches Vorbild zu nennen ist.

6. „The actual content of ideas mattered.“  Die Glaubenskämpfer der damaligen Zeit glaubten ganz offenkundig das, was sie sagten. Es ging ihnen tatsächlich um die Substanz, es ging gewissermaßen ans „Eingemachte“; keinesfalls darf man die Glaubenskämpfe vor allem als Kämpfe um Macht und Geld ansehen.

7. Diese zunehmend aggressiv geführten Auseinandersetzungen um den Sinn von Worten, um Glaubensinhalte scheinen mir ab etwa 1500 ein prägendes Merkmal gerade der deutschsprachigen Landschaften geworden zu sein. Bis in die sechziger, siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, so erinnere ich mich noch, wurde in den deutschsprachigen Gebieten um Religionen, Ideologien, theoretische Grundannahmen, mit einem Wort: um den rechten Glauben erbitterter, tiefschürfender, kompromissloser, ja gewalttätiger gerungen als in den anderen Sprachräumen Europas, vielleicht mit der Ausnahme Russlands.

Dieses erfrischende englische Buch sei als eine Art Kopfschmerztablette allen Landsleuten empfohlen, denen die Feierlichkeiten zum 2017 erwarteten Reformationsjubiläum in Deutschland einiges Kopfzerbrechen bereiten und die ein bisschen Abstand von deutschen, allzu deutschen Befindlichkeiten suchen:

The Oxford Illustrated History of the Reformation. Edited by Peter Marshall. Oxford University Press, Oxford 2015, hierin insbesondere: Editor’s Foreword, Seite V-X. Zitate wörtlich entnommen hier: Seite Vi, Vii

Und damit schließen wir mit einem kleinen Anklang an John Donnes Valediction:
Fare thee well, book, —
The breath goes now, and some say, „No“. 

 

 

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Zwingt die Saiten in Cythara

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Dez 022016
 

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Zwingt die Saiten in Cythara
Und lasst die süße Musica
Ganz freudenreich erschallen

Wer dächte nicht an diese schönen Verse aus Bachs Kantate „Schwingt freudig euch empor“, wenn er eine so nette Einladung wie die folgende erhält? Ich jedenfalls zögere nicht, die mir zugesandte Einladung zu veröffentlichen!

Die Sänger, Musiker, Schauspieler  laden euch herzlich zu ihrem Adventskonzert am Samstag, den 10. Dezember 2016 um 19:30 Uhr in der Kirche St. Bonifatius, Yorckstr. 88/89, 10965 Berlin, ein.

Zusammen mit dem Konzertorganisten Stefano Barberino am Piano, der Sopranistin Sandra Barenthin, der Altistin Irina Potapenko, dem Tenor Claudio Stirpe, dem Schauspieler Sebastian Zett, mit Ivan Hampel (Violine) u.a. wollen sie euch mit (vor-)weihnachtlichen Melodien auf die (Vor-)Weihnachtszeit einstimmen.

Der Eintritt ist frei, Spenden sind herzlich willkommen.

Kommet zuhauf, denn:

Auch mit gedämpften, schwachen Stimmen
Wird Gottes Majestät verehrt.
Denn schallet nur der Geist darbei,
So ist ihm solches ein Geschrei,
Das er im Himmel selber hört.

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Schwingt freudig euch empor – erfrischende Botschaft Japans ans uralte Europa

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Nov 272016
 

„Schwingt freudig euch empor“, so tönt es aus dem fernen Japan zu uns herüber. Bayern 4 Klassik brachte es soeben in mein digitales dümpelndes Kombüsenradio, fast unhörbar leise gestellt, weil ja der Schiffsjunge an Bord noch schlief.

Name der Botschaft, vorgetragen in nahezu akzentfreiem Deutsch:  Kantate am ersten Advent, BWV 36

Träger der Sendung:
Hana Blaziková, Sopran
Robin Blaze, Countertenor
Satoshi Mizukoshi, Tenor
Peter Kooij, Bass
Bach Collegium Japan: Masaaki Suzuki

Erfrischende Erkenntnis, dass zumindest in Japan die überragende Schönheit der Bachkantaten und auch die Klangfülle und Ausdruckskraft der deutschen Sprache noch erkannt und gepflegt wird! Ja, ich lüge nicht, stellt euch vor, dort in Japan, aber auch in England, in den USA, in Tschechien lernen sie – sehr im Gegensatz zu Deutschlands Kindern – noch richtig schönes, klingendes, klangvolles Deutsch, und sei es auch, um eine Bachkantate aufführen zu können.

Motto der Japaner ist: Schwingt freudig euch empor.

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Verstehen wir Europäer die Position der Briten heute besser als damals?

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Nov 252016
 

It seems to me that you, like many others in Europe, do not understand England’s position clearly enough„, so sprach am 11. Oktober 1938 der englische Außenminister Halifax  zum Botschafter eines europäischen Staates in London: dem klugen, weltläufigen, vielsprachigen, literarisch gewitzten und höchst geselligen, also im besten Sinne europäischen Botschafter Ivan Maisky. Der Brite sieht also eine Kluft des Missverstehens zwischen einerseits den Europäern – wie  etwa Maisky selbst einer war – und den Engländern andererseits.

Maisky, der weltkluge Europäer, zitiert den britischen Politiker weiter mit folgenden Worten: „We think that nowadays the world is witnessing the struggle of two ideological fronts – fascism and communism. We, the English, support neither one nor the other. Moreover, we dislike both. We have our own notions and institutions, developed over centuries. We do not want to change them for anything else. In the struggle between the two fronts, we occupy a neutral, or, if you please, a middle position. It is precisely for this reason that we are misunderstood so often on the Continent and attacked so frequently from both sides.“

Nun, offenkundig wollte sich damals, im Oktober 1938, also kurz nach Abschluss des Münchner Abkommens, Großbritannien weder auf die Seite der Kommunisten noch auch der Nationalsozialisten schlagen. Es wollte den Großkonflikt zwischen den beiden totalitären Ideologien nicht befeuern, und es wollte keine Partei ergreifen. Die Briten trauten damals offenkundig weder den Nazis noch den Bolschewisten über den Weg. Sicher: Beide Bewegungen waren in allen kontinentaleuropäischen Ländern stark vertreten, in allen Ländern gab es kampfbereite Faschisten, in allen Ländern Europas gab es  gewaltbereite Kommunisten.  Die Hoffnungen der europäischen Faschisten in den verschiedenen Ländern ruhten nach 1919 auf Führern wie dem Italiener Mussolini, dem Österreicher Kurt Schuschnigg, dem Deutschen österreichischer Herkunft Hitler; die Hoffnungen der europäischen Kommunisten richteten sich hingegen auf den ersten sozialistischen Staat, die UDSSR, und insbesondere auf die sowjetischen Führer wie etwa Lenin, Trotzkij, Stalin.

Das kontinentale Europa befand sich also im Zangengriff zweier totalitärer, auf Terror und Gewalt gestützter Staatsformen. Wir dürfen nicht vergessen: Im Jahre 1938 hatten die sowjetischen Staatsorgane bereits unvorstellbare, bis dahin unerhörte Massenmorde begangen. Allein in den ersten sechs Jahren nach der Oktoberrevolution, also zu Lebzeiten Lenins, hatte die Geheimpolizei der Sowjetunion, die sogenannte Tscheka, – so beziffert  es der britische Historiker Archie Brown – etwa 200.000 Bürger liquidiert, also ohne Gerichtsverfahren getötet, vorzugsweise durch Massenerschießungen. 1938 war auch die Erinnerung an den Holodomor, die kollektive Ausmerzung der „Kulaken als Klasse“ in der Ukraine, durchaus noch lebendig. Es gab damals keinen anderen Staat in Europa, der so viele Massenmorde, Gewalttaten, so umfassenden Terror praktizierte wie die Sowjetunion.

Im Jahr 1938 – darauf hat der australische Historiker Timothy Snyder wiederholt hingewiesen – waren zwar etwa 20.000 Menschen der verbrecherischen, mörderischen Gewaltpolitik des deutschen Nationalsozialismus zum Opfer gefallen. Aber in den Augen der Weltöffentlichkeit wogen die Millionen Todesopfer des sowjetisch gesteuerten Holodomor, die Hunderttausenden Todesopfer der sowjetischen Tscheka unter Lenin und später auch unter Stalin schwerer! Man hielt in den USA, in Frankreich, in England ganz offensichtlich Lenin, Trotzkij und Stalin für eine größere Gefahr als Mussolini, Schuschnigg und Hitler.

Hätte England ein Bündnis mit einem massenmörderischen Regime, wie es die Sowjetunion war, eingehen sollen, um den europäischen Faschismus, damals angeführt durch das Deutsche Reich, einzudämmen?  Aus der Rückschau sind heute viele geneigt, dies zu bejahen! Manche neigen im Lichte der nach 1939 folgenden Ereignisse dazu, die Appeasement-Politik Englands in Grund und Boden zu verdammen. Allerdings muss man daran erinnern, dass in England damals – 1938 – noch starke Sympathien für Hitler und Deutschland herrschten. Sogar die USA waren in den 20er und frühen 30er Jahren noch überwiegend pro-deutsch und antisowjetisch eingestellt, darauf hat der amerikanisch-jüdische Geiger Yehudi Menuhin in seinen Erinnerungen deutlich hingewiesen.

Ich meine: Die Briten haben damals – aus heutiger Sicht – die Gefährlichkeit Hitlers wohl unterschätzt; die Gefährlichkeit Stalins haben sie hingegen nicht unterschätzt; sie wollten aus gutem Grund mit der Sowjetunion vor 1941 kein Zweckbündnis eingehen. Die durch Halifax beanspruchte Sonderrolle Englands in der welthistorischen Auseinandersetzung von europäischem Faschismus bzw. Nationalsozialismus und europäischem Kommunismus ist jedoch auch aus heutiger Sicht durchaus begründet, ja gerechtfertigt.

Ich meine, die damalige Analyse des britischen Außenministers  Halifax verdient eine ernsthafte Prüfung. Und vieles an seinen Worten erklärt wohl auch heute das häufig missverstandene Verhalten der Briten gegenüber der EU.

Diese Zusammenhänge durchschaute Ivan Maisky, der geniale, großartige sowjetische Diplomat selbstverständlich, und er versuchte die Weltgeschichte zu beeinflussen, indem er an seinem Dienstsitz London zielgerichtet auf ein Bündnis der Briten mit Stalin hinarbeitete, – ein Bündnis, das freilich viel später kam, als Maisky gehofft hatte.

Quellen:

The Maisky Diaries. Red Ambassador to the Court of St James’s. 1932-1943. Edited by Gabriel Gorodetsky. Translated by Tatiana Sorokina and Oliver Ready. Yale University Press, New Haven and London, 2015, hier bsd. Seite 146 (=Tagebucheintrag vom 11.10.1938)
Archie Brown: Aufstieg und Fall des Kommunismus. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Norbert Juraschitz, Hainer Kober und Thomas Pfeiffer. Propyläen, Berlin 2009, hier bsd. Seite 84
Голодомор в Україні (1932—1933) (ukrainischer Wikipedia-Artikel über den Holodomor)

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Das Geströme der Spree

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Nov 232016
 

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Und du fährst über den Fluß, müde vom Tagwerk, wo du die Pflugschar des Gespräches, das wir sind, so oft hin und her wendetest, daß du nicht weißt, wo der Morgen des Ackerns begann und wo er endete. Schau da! Träge wälzt er, der Fluß, sich von einer Seite auf die andere. Er, das ist eine Sie, die Spree, ein Fluß voller Rätsel, der so oft unentschieden scheint, in welche Richtung die Strömung verläuft. Wie das? Eine Strömung, die sich ganz der Strömung anvertraut – das wäre ein Widerspruch, es wäre eine unfassbare, letztlich geradezu quantenmechanische Unschärferelation!

Und doch, schau einmal ganz ungenau hin! Wenn du nur ungenau genug hinschaust, dann ist es so. Dann musst du es glauben, dass die Spree manches Mal auch rückwärts fließt. Ja, sie weiß es nicht immer, wohin die Strömung sie treibt. Und so lässt sie sich in der Strömung treiben. Weit, weit hinaus ins Land, hinunter zum Horizont, ins havelländische Luch oder ins märkische Oderbruch. Sie möchte schlafen. Sie wartet auf den Winter. Sie wälzt sich hin und her am schilfigen Rohrdamm und sie weiß nicht, wann sie zur Ruhe kommt, wie ein Schlafender, der sich geschäftig umwälzt um fünf Uhr morgens, weil er nicht weiß, ob es sich schon aufzustehen lohnt. Und dann steht er auf, wenn die güldene Sonne den Sims des gegenüberliegenden Hauses bestreift und rötlich färbt für einige wenige kostbare Minuten. Rötlich? Nein, gülden! Dafür gibt es ja extra dieses Wort gülden, wißt ihr, um Leben und Wonne auszudrücken, gülden, das ist mehr als golden, seltener, weniger sichtbar!

Aber sie, die Spree, sie wartet auf das Eis. Sie wünscht sich den Frost.

Bild: Die Spreebrücke am Rohrdamm. Aufnahme von heute

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Gonyosoma oxycephala. Was die Schlange uns gestern brachte

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Nov 202016
 

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Verführerisch nahe Begegnung mit der Spitzkopfnatter im Aquarium des Berliner Zoos! Drei Exemplare dieser Art – gonyosoma oxycephala – boten uns gestern einen Tanz der Bewegungen, ein so wiegendes Züngeln, ein so geschmeidiges Schlängeln und Schlingen, ein Schwanken und Sich-Ranken, dass ich den Blick nicht abwenden konnte. Nur die Glasscheibe trennte uns. Aber die Beziehung schien da zu sein. So mochte es den alten Vätern ergangen sein! Sie erkannten, dass Schlangen den Bewegungen des Menschen zu folgen scheinen, – oder dass die Augen des Menschen den Bewegungen der Schlangenleiber folgen.

Die hellgrüne Färbung der Spitzkopfnatter schützt sie vor dem allzu neugierigen Blick der Unvorbereiteten; bis in 1 m Höhe spannte sich dieses Exemplar gestern auf, um zu zeigen, was sie konnte! Hätte sie sich bedroht gefühlt, sie wäre blitzschnell zum Angriff übergegangen, daran hegte ich nicht den geringsten Zweifel. Auch ihr übelriechendes Analsekret hätte sie bedenkenlos eingesetzt.

Doch wollen wir der Natter nicht unrecht antun. Sie ist ungiftig.

Vielmehr zollen wir ihr hier Anerkennung und Bewunderung – nicht anders als es die Siebzig Dolmetscher in ihrer Übersetzung der heiligen Schriften getan. Die 70 bezeichneten die Schlange („den Schlang“, wie wir sagen dürfen, denn diese Art ist im Griechischen der 70 ein Maskulinum) als den klügsten aller Tiere. Sie schreiben über die Schlange in Gen 3,1:

῾Ο δὲ ὄφις ἦν φρονιμώτατος πάντων τῶν θηρίων τῶν ἐπὶ τῆς γῆς, ὧν ἐποίησεν κύριος ὁ θεός· καὶ εἶπεν ὁ ὄφις τῇ γυναικί Τί ὅτι εἶπεν ὁ θεός;

„Und der Schlang war der verständigste aller Tiere auf der Erde, die Herr der Gott gemacht hatte; und der Schlang sagte zu der Frau: Was hat der Gott eigentlich gesagt?“

Der Schlang hat also der Frau  zuerst die Frage nach Gott gestellt. Er – der Schlang – brachte damit über die Frau das jahrtausendealte Fragen nach dem Wort Gottes in Gang. Er verwickelte und verstrickte nach Schlangenart  den Menschen in das Gespräch über Gottes Wort. Er lehrte den Menschen das Fragen nach Gott. Das ist der Anfang der Theologie.

Nicht böse sei dein Sinn der Schlange,
Dass sie deinen Blick dir fange,
Solch ein herrliches Gewimmel
Bringt auf Erden uns den Himmel.

 Posted by at 22:45