Ein Herbsttag im Himmelreich, wie wir ihn schon einmal sahen

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Okt 072016
 

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Aufmerksame Augen haben den Ursprung des letzten poetischen Versuchs, aufgequollen am Rande des Grienericksees, sofort erkannt. Sie weisen darauf hin, daß Friedrich Hebbel den Grundton angab, nachdem wir einige Verse nachgeformt. So sei es dem Leser überlassen zu entscheiden, ob Urbild oder Nachbild hier größeren Eigenwert beanspruchen dürfen.

Unser Bild zeigt eine bei einer Fahrradtour aus dem Waldgebiet Himmelreich zwischen Zootzensee und Großem Wummsee mitgebrachte Aufnahme vom vergangenen Montag, dem Tag der Deutschen Einheit.

Wir versäumen nicht, Hebbels schöne Verse nach einer verlässlichen Neuausgabe zu zitieren:

Herbstbild

Dieß ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als athmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah‘,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dieß ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute lös’t sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Zitiert nach:
Deutsche Gedichte. Herausgegeben von Hans-Joachim Simm, Insel Verlag, 3. Aufl. 2013, S. 719

 

 

 

 

 

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Dal tuo stellato soglio. Ein Abendlied

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Sep 082016
 

Ein Lied des Johann Baptist Semaforo, gesungen in der süditalienischen Grecía

Abend ist es. Nun reden lauter alle Quellen. Seefeuer flackern noch auf, hinten am Horizont versinken die letzten Streifen körnigen, streifigen Lichts. Eisiges Weltall verschlingt die letzten Funken der Seefeuer. Zischende Leuchtfeuer verglimmen, salzige Gischt spritzt auf.

Abend ist. Nacht wird. Nun schimmert das Licht herab, nun reden lauter alle singenden Quellen. Und von oben träufelt herab das singende Licht.

Abend ist es. Dunkelheit lastet auf uns. Nun kommt ein Bus heran, nun kommen die Menschen näher an unsere Herzen. Und auch dieser Abend ist ein pochendes Herz. Nun kommen die Menschen heran, nun kommt das Volk heran. Das Volk, welches Volk? Dein Volk, dein Volk kommt heran.

Nun öffnen sich Türen, nun kommen sie hervor aus dem Bus, der den Namen Misericordie trägt. Bleiche Taumler, stinkend von Benzin, vom Werg der Taue umschlungen. Fetzen hängen herab statt Kleidern. Knochen, Gerippe, Knöchelchen, sind das noch Menschen?

Nun öffnest du deine Hände, nun reichst du ihnen das Brot. Du nimmst ihnen den Puls ab, die fertigst die ersten Röntgenbilder.

Von deinem sternenbesäten Thron, Herr, tritt herab! Nun tritt der Gequälte hervor, nun breitet er die Arme aus, nun bittet er, nun dankt er. Niederkniet er, dem die Arme so oft ermatteten. Er kniet nieder, Ihm, dem da, dem großen Unsichtbaren  auf dem sternenbesäten Thron zu danken. Nun haben sie es geschafft.

Abend ist. Nun komm herab, du gute, warme, lauschende Nacht. Sterne, träufelt herab euer Licht. Und du, auf deinem sternenbesäten Thron, beug dich herab, noch ein bisschen mehr. Zeig uns, dass du da bist. Jetzt, ja, jetzt darf es Nacht werden.

Nacht ist es geworden. Nun tönen lauter alle Quellen des Lichts, der Sternengesang schwillt an. Nun öffnen sich alle pochenden Herzen. Und auch die Erde, sie ist ein pochendes Herz.

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Ein Dreiklang aus Recht, Einigkeit und Freiheit

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Aug 292016
 

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Nehmen wir drei Begriffe, drei Grundgestimmtheiten: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Welche ist die größte unter den dreien? Paulus von Tarsus antwortet darauf in seinem ersten Brief an die Korinther: die Liebe. Die letzte der drei Grundgestimmtheiten ist also die größte. Sie ist der Grund-Tonus.

Oder nehmen wir Einigkeit, Recht, Freiheit.

Einigkeit, Recht, Freiheit. Welcher Ton ist dann der Grundton? Was würde Heinrich Hoffmann von Fallersleben darauf geantwortet haben?

Die Frage ist müßig. Denn der Dichter des „Liedes der Deutschen“ hat in dem „Lied von der Freiheit“ seine Antwort darauf selbst gegeben:

[…]

Die Welt mit ihren Freuden
Ist ohne Freiheit nichts.
Die Freiheit ist die Quelle
Der Tugend und des Lichts.

Es kann, was lebt und webet,
In Freiheit nur gedeihn.
Das Ebenbild des Schöpfers
Kann nur der Freie sein.

[…]

Alles spricht und klingt in meinen Ohren dafür, dass im Lied der Deutschen die Freiheit der Grundton ist, dass sie der höchste Wert ist, ohne den die beiden anderen keinen Bestand haben.

Staatliche Einheit konnte für Hoffmann nur Ausdruck eines gemeinsamen Wollens sein; sie war ihm nicht Selbstzweck, keine „immer engere Union aller Deutschen“ als Endstufe schwebt ihm vor. Er wollte nichts anderes als eine staatliche Ordnung, die jedem einzelnen Menschen wirkliche Freiheit ermöglichen sollte.

Recht ohne Freiheit ist ihm nicht lebenswert; Einheit ohne Freiheit der Zustimmung und Ablehnung, d.h. ohne Einigkeit, ist ihm ein großes Übel!

So mag das heute unter veränderten Vorzeichen auch für die EU gelten: Die immer engere Einheit, „the ever closer Union“, wie es im Lissaboner Vertrag heißt, darf und soll kein Selbstzweck sein. Europäische Einheit ohne Freiheit der Europäer zum Ja und zum Nein, europäische Union ohne europäische Einigkeit zerstört sich selbst. Dies hat Margret Thatcher bereits am 20. September 1988 in Brügge unvergleichlich klar erkannt, als sie mit Bezug auf die damalige Europäische Gemeinschaft sagte:

Britain does not dream of some cosy, isolated existence on the fringes of the European Community. Our destiny is in Europe, as part of the Community. That is not to say that our future lies only in Europe, but nor does that of France or Spain or, indeed, of any other member. The Community is not an end in itself. Nor is it an institutional device to be constantly modified according to the dictates of some abstract intellectual concept.

Geniale, prophetische Sätze von 1988, die man heute beherzigen sollte!

Zurück zu Hoffmann von Fallersleben, dessen erste Handschrift des Liedes der Deutschen vom 26. August 1841 wir am vergangenen Freitag in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße bestaunen konnten! Seine Forderungen nach Freiheit, Recht und Einigkeit gingen der preußischen Obrigkeit zu weit. Im Januar 1843 wurde er als ordentlicher Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Breslau ohne Anspruch auf Ruhestandsbezüge entlassen. Ein Schlag ins Kontor! Seine wertvolle Privatbibliothek verkauft 1850 Hoffmann aus finanzieller Not heraus an die Königliche Bibliothek in Berlin, wo sie heute zu den Juwelen des „Preußischen Kulturbesitzes“ gehört und stolz dargeboten wird.

Hoffmann rechnete da mit dieser Möglichkeit, Freiheit in einem rechtlich gesicherten Rahmen zu erleben, freilich nicht mehr. Am 9. Oktober 1849 schrieb er sein „Auswanderungslied“, eine schonungslose, zutiefst resignierte Abrechnung mit den deutschen Zuständen.

[…]

Deutsche Freiheit lebet nur im Liede,
Deutsches Recht es ist ein Märchen nur.
Deutschlands Wohlfahrt ist ein langer Friede –
Voll von lauter Willkür und Zensur.

Darum ziehn wir aus dem Vaterlande,
Kehren nun und nimmermehr zurück,
suchen Freiheit uns am fremden Strande –
Freiheit ist nur Leben, ist nur Glück.

Bild:

Die originale Handschrift des „Liedes der Deutschen“, photographiert am vergangenen Freitag in der Staatsbibliothek zu Berlin

Hierzu:
Das Lied der Deutschen. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Berliner Faksimile 11. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz 2016 (Beiheft zur Ausstellung am 26./27.08.2016)

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben:
Das Lied der Deutschen. Helgoland, 26. August 1841
Das Lied von der Freiheit
Auswanderungslied. 9. Oktober 1846

in: Deutsche Gedichte, hg. von H.-J. Simm, 3. Aufl., Frankfurt 2013, S. 723-725

Die Rede Margaret Thatchers vom 20. September 1988:

http://www.margaretthatcher.org/document/107332

 

 

 

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„Und redete in der Wüste“, oder: Kann denn ein Buch mit „Und“ anfangen?

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Jun 232016
 

Grauwacke 20160623_112934

„Fangen Sie nie einen selbständigen Hauptsatz  mit „und“ an! Auch ein Cicero, ein Caesar haben niemals einen Hauptsatz mit Et oder ac oder atque angefangen!“

Dies war die Ermahnung unseres hochverdienten Dr. Weinold, der uns am Gymnasium St. Stephan in lateinischer und deutscher Stilkunde unterwies.

Und – eine aneinanderreihende Konjunktion. Im guten deutschen Stil begann man keinen Hauptsatz nach einem Punkt mit „Und“.

Und um so weniger beginnt man ein ganzes Buch mit „und“, nicht wahr? Das wäre schlechter Stil, nicht wahr?

Und doch – drei der wichtigsten Bücher des Judentums beginnen mit der aneinanderreihenden Konjunktion ו (gesprochen ve), also  „und“: das zweite, das dritte und das vierte Buch Mose beginnen mit einem „und“ –

וְאֵ֗לֶּה שְׁמֹות֙ „Und das sind die Namen“
וַיִּקְרָ֖א „Und er rief“
וַיְדַבֵּ֨ר יְהוָ֧ה „Und redete in der Wüste“

Keine der geläufigen Übersetzungen, so genau sie auch sein mögen, lassen die drei mittleren der 5 Bücher Mosis mit einem Und beginnen, weder die Septuaginta noch die heutigen Bibeln des Christentums in englischer, italienischer oder irgendeiner anderen modernen Sprache.

Warum ist das so? Was fehlt? Mit welcher Berechtigung wird aus dem kanonischen Text ein „Und“ herausgenommen?

Ich befragte einmal hierzu einen Rabbiner in meinem Bekanntenkreis. Wir kamen erstaunt überein: „Jawohl, das Und bleibt unübersetzt.“ Aber warum? Wir fanden keine Antwort.

Eigentlich heißt es ja beim Umgang mit kanonischen Texten „nichts wegnehmen / nichts hinzufügen“, etwa im 5. Buch Mosis 4,2 oder 13,1. „Kein Jota soll davon weggenommen werden“, so sagt es auch Jesus (Matthäus 5,18) mit Bezug auf Moses.

Ganz ähnlich im allerletzten Kapitel im allerletzten Buch der christlichen Bibel, der Apokalypse (Offb 22,19).

Vermutlich drückt sich im aneinanderreihenden „und“ eine gänzlich andere Weltsicht aus als die, wie sie etwa das klassische Stilideal eines Cicero oder eines Caesar oder eines bayerischen Gymnasialprofessors vertreten mag.

Bild: und in der Wüste wachsen die Blüten … die Grauwacke im Park am Gleisdreieck am heutigen Tage.

 

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Jun 222016
 

Waldhörner 20160618_161840

 

Mancher Wortklauber hat schon die harte Nuss zu knacken versucht, wie man das neue deutsche Modewort Empowerment älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit älteren deutschen Worten erklären könne, die schon vor dem Jahr 2000 in Gebrauch waren.

Stets geht es bei Empowerment darum, Menschen, die in einer gewissen Lage sich nicht selbst zu helfen wissen oder nicht mehr weiter wissen, zu befähigen, selbständiger zu werden und mehr für sich in eigener Verantwortung zu bewirken.

Empowerment, das bedeutet die Stärkung der Eigenverantwortung, das heißt Stärken stärken, Selbstbewusstsein verleihen, Eigenkräfte fördern, Perspektiven öffnen, schlummernde Kräfte wecken, Selbstlähmung aufsprengen durch das lösende, befreiende, ermunternde Wort. Selbstfesselungen heilen!

„Hey Alter, nimm dein Bett, steh auf und geh!“ Wer mag, der kann dabei, bei diesem Empowerment, an die Heilung des Gelähmten am Sabbat in Jerusalem denken.

Johannes, dessen höchst eigenwilliges, ja eigenmächtiges Evangelium, das sogenannte „Vierte Evangelium“ wahrscheinlich das wichtigste Meister-Narrativ überhaupt, mutmaßlich die wichtigste Großerzählung, den bedeutendsten Grand récit  der gesamten europäischen Literaturgeschichte darstellt, erzählt die Geschichte in seinem Buch in Kap. 5, 1-18.  Der Evangelist Markus wiederum, der Mann mit dem Löwen, der Meister der Kleinerzählung, erzählt die Geschichte so ähnlich in seinem alltagsnäheren Jesus-Narrativ, dem sogenannten Markusevangelium, in deutlich bescheidenerer Form, nicht so gespannt, nicht so hochfliegend wie dies Johannes, der Mann mit dem Adler, später tun wird.

Markus 2,1-12 und Johannes 5,1-18 sind herrlich tönende Weckrufe. Sie erinnern – bildlich gesprochen – an Weckrufe von edlen Waldhörnern in der Halle der schlafenden Lokomotiven: „Auf auf, ihr schlafenden Lokomotiven, bewegt euch! Ihr habt noch was vor!“  Die Erzählungen von Markus und Johannes sind eine gute Erläuterung dessen, was das neue deutsche Wort Empowerment meint. Und diese Geschichte von der Heilung eines Gelähmten wurde schon vor 2000 Jahren erzählt, und sie wird auch noch in 2000 Jahren erzählt werden, wie ich zuversichtlich hoffe und fest glaube.

Bild: Vier Musiker der Staatskapelle Berlin, vier Waldhörner spielen mit fröhlichem Schall in der „Halle der schlafenden Lokomotiven“. Lokhalle, Natur-Park Südgelände, Schöneberg. Festliche Eröffnung des Langen Tages der Stadtnatur. Berlin, Samstag, 18. Juni 2016, 16 Uhr

 

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Perdonare e dimenticare Debre Libanos? Dürfen wir Debre Libanos vergeben und vergessen?

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Mai 262016
 

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Als eine stille Kammer
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

So weit schallen ein paar Verse aus einem neuen Buch nach, das ich mir gestern zulegte. Der Dichter? Nennen wir ihn einfach – Matthias.

„Wie bitte? Sollen wir des Tages Jammer verschlafen und vergessen? Dürfen wir das überhaupt? Können wir das? Gibt es nicht Ereignisse und Orte des Jammers, die wir nie vergessen dürfen? Wird es uns nicht jeden Tag am Schöneberger Kaiser-Wilhelm-Platz aufs Brötchen geschmiert, dass es 12 Orte – genau 12! – des Schreckens gibt, die wir nie vergessen dürfen, an die wir buchstäblich Tag um Tag, Nacht um Nacht, bei jedem Frühstück und bei jedem Abendessen von Kindesbeinen an und bis ins Sterbebett denken müssen? Dürfen wir uns über dieses Gebot „Wir dürfen nie vergessen“ hinwegsetzen?“

Du stellst eine große Frage, o Freund! Zu groß für mich!  Erlaube, dass ich dir von Abuna Matthias I., dem Patriarchen der äthiopisch-orthodoxen Kirche erzähle!  Im Mai 1937 richteten dort im Kloster von Debre Libanos europäische Truppen unter Führung des  Europäers Rodolfo Graziani, des Vizekönigs von Äthiopien, unter den äthiopischen Christen das schlimmste Klerikermassaker aller Zeiten auf afrikanischem Boden an. Die vielzitierten europäischen Werte wurden von den Europäern in Afrika mit Maschinengewehren und Giftgas vertreten, diese Maschinengewehre erlebten die Afrikaner damals als europäische Werte! Ian Campbell, der derzeit wohl bestausgewiesene Historiker in dieser Sache, schätzt die Zahl der durch die Europäer ermordeten Christen dieses einzigen Tages auf 1.800 bis 2.200, darunter etwa die Hälfte Priester und Ordensleute, die andere Hälfte Wallfahrer. Dieses und andere Massaker, insbesondere auch der gesamte Krieg, den die Europäer – in diesem Fall italienischer Herkunft – gegen die Äthioper führten, zielten nach Darstellung der Äthioper selbst damals auf Auslöschung der gesamten christlich-äthiopischen Kultur und die Vernichtung von deren Existenz. Das sind die vielzitierten europäischen Werte!

„Aber das ist ja … das habe ich nicht gewusst. Das ist furchtbar, schrecklich, was wir Europäer damals in Afrika angerichtet haben! Das dürfen wir Europäer nie vergessen. Wir Europäer tragen alle auf ewige Zeiten Schuld und Verantwortung dafür, was wir Europäer alles den Afrikanern angetan haben. Das ist unverzeihlich!“

Freund, sei dessen eingedenk, was damals geschah! Wie bewertet aber nun der heutige äthiopisch-orthodoxe Patriarch Matthias diese 1937 verübten Verbrechen der Europäer an den afrikanischen Christen? Die Antwort hat es in sich, sie sei hier in deutscher Übersetzung zitiert: „Non si è trattato di una cosa buona“, sagt Matthias, „es handelte sich um keine gute Sache, wir haben sehr viele Menschen verloren, darunter die Mönche, den Bischof Abuna Petros. Jetzt ist zu recht fast alles vergessen und vergeben. Ich darf sagen: es ist gut so. Was kann man jetzt noch machen?“

Matthias von Wandsbek und Matthias von Äthiopien, diese beiden Matthiasse weisen auf die Bedeutung des Vergebens und Vergessens hin. In der Tat scheint es so zu sein, dass man irgendwann nicht mehr anders kann als so zu tun, als wäre etwas nicht gewesen. Nach vorne richtet sich der Blick. Man schläft und vergisst. Man verschläft es alles weg, weil man nicht immer daran denken möchte.

Quellen:

Andrea Tornielli: Sterminate quei monaci. Firmato: il viceré Graziani. Un docufilm solleva il velo sulla più grande strage di religiosi cristiani mai compiuta in Africa. Nel 1937 i soldati al comando del generale italiano uccisero per rappresaglia duemila persone: mille erano membri del clero. In: La Stampa, mercoledì, 18 maggio 2016, pagina 22

Matthias Claudius: Abendlied. In: Deutsche Gedichte. Herausgegeben von Hans-Joachim Sinn. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 3. Aufl. 2013, S. 385

http://www.lastampa.it/2016/05/18/vaticaninsider/ita/inchieste-e-interviste/sterminate-quei-monaci-firmato-il-vicer-graziani-sXPpXXTZmE5TaN8nJZo79L/pagina.html

Bild: Der Mond ist aufgegangen über Neuranft in Oderaue im Oderbruch am vergangenen Samstag, als wüsste er von nichts. Als wäre kein Jammer je gewesen!

 

 

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Thou dost show…

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Mai 172016
 

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Thou dost show me the path of life /

In thy right hand I find joy without end.

So ungefähr ein Mikhtam von David. Die Verse drängen sich mir auf beim Hinaufschauen auf die Karspitze des Monte Azzaredo. Das plötzliche Hervorbrechen des Lichts im Hochgebirg, wenn die Sonne schon die volle Kraft aufbringt und die Strahlen endlich auch herab hier ins Schattental von Mezzoldo fließen! Schatten der Nacht, verschwinde! Ein Tag des Lichts beginnt. Und dazu gehört auch das knatternde Motorino auf der Straße! Knattere, kleines Motorino, Felsentore, brechet prasselnd auf!

Bild: Blick von Mezzoldo nach Norden auf den Monte Azzaredo (2112 m)

Zitatnachweise: The Bible, The Psalms, Ps 16,11; Ariels Gesang, in: Goethe, Faust II, Erster Akt, Anmutige Gegend, Vers 4669

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Ist das die globalesische Stadt der Zukunft?

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Mai 162016
 

20160514_130355Ist das die Stadt der Zukunft? Wir nahmen vom Domplatz aus in Mailand eine zufällig gewählte Straßenbahn. Als wir ausstiegen, ragten hoch über uns zwei Türme auf. Der eine, der berühmte Allianz-Tower, von berühmten Architekten geschaffen für mehr als 500 Millionen Euro. Daneben schraubt sich kühn, konstruktivistisch, himmelstürmend der nächste Turm hoch in die Lüfte. Wer ist höher, Allianz oder Generali? Der Wettbewerb ist eröffnet.

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Höher, größer, teurer, berühmter, himmelstürmender, globalesischer, das ist das Italien der Zukunft. Mögen die Geigenbauer in Cremona ächzen und stöhnen, mögen die Almbauern zuhauf ihre Betriebe aufgeben, mögen den Hotelbetreibern im Tal des Brembo graue Haare wachsen. Geld Geld Geld ist da in Hülle und Fülle für die Glitzerfassaden der Versicherungen und Banken. Cremona sta un po‘ morendo, la val Brembana sta morendo pure, die italienische Provinz, das Rückgrat der großen Kultur Italiens wird entvölkert, ausgesogen. Die kleinen und mittelständischen Betriebe, das Handwerk Italiens kämpfen um die nackte Existenz.  Die wenigen globalesischen  Wasserköpfe Italiens wachsen und wachsen. Milliarden Euro regnen auf diese Pilze des Kapitals herab! Das ist eine Welt!

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Die etwas andere Logik

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Mai 152016
 

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„Lo spirito divino c’è in ogni uomo.“ Auf einer Wanderung durch das Brembana-Tal schneiten wir in die Pfarrkirche von Olmo al Brembo hinein. Thema der Predigt zu Pfingsten, aus der dieser Satz stammt: Was ist das Größte, was hält uns zusammen? Das Geld, der Euro, die EZB, die Logik des Kapitals?

Es scheint etwas Größeres als die Logik des Kapitals zu geben. La logica dell’amore per l’uomo, die Logik der Liebe zum Menschen, so möchte ich glauben. Nicht das Geld verdient Hingabe, Verehrung, Achtgabe, sondern der Mensch. Dieser hier, der nächste, so möchte ich annehmen.

Bilder: oben ein Hinweis auf das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, Lukas 10,25-37. Gesehen an der Pfarrkirche St. Martin in Piazza Brembana. Unten ein Blick von der Pfarrkirche St. Anton in Olmo al Brembo in Richtung auf die Berge  Monte Saetta (1597 m) und Corna Rossa (1319 m)20160515_111528

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ἀγάπη. Achthabe. Eine deutende Verteutschung

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Mai 092016
 

Ἐὰν ταῖς γλώσσαις τῶν ἀνθρώπων λαλῶ καὶ τῶν ἀγγέλων, ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, γέγονα χαλκὸς ἠχῶν ἢ κύμβαλον ἀλαλάζον …

Achtgabe, Achthabe, so meinen wir das Wort ἀγάπη (Agape) im griechisch verfassten Hohenlied der Liebe (1. Kor 13) am lautähnlichsten und am sinnesähnlichsten aus dem Griechischen ins Deutsche verdolmetschen zu dürfen.

Es ist ja eine Habe, denn Paulus verknüpft Agape ausdrücklich und mehrfach mit dem griechischen Wort ἔχω (echo)  – also haben. Sie, die Agape, ist aber auch eine Gabe, denn Paulus spricht in diesem Zusammenhang – sowohl vor wie nach dem 13. Kapitel – von den Gaben, die es einzusetzen gelte. Gaben, die sich nicht erzwingen lassen. Sie, diese Habe, ist gewissermaßen ein Echo der Gabe, die man nicht aus sich selbst hat, sondern von dem Anderen empfängt. Sie ist wie eine stehende Acht, deren Kurven sich ineinander verschlingen. In der Mathematik wiederum ist die ruhende, die liegende Acht das Zeichen der Unendlichkeit.

Aus diesem Grunde sagt Paulus dieser Habe, also dieser Gabe die Unendlichkeit im zeitlichen Verlauf zu. Sie, die Achtgabe und die Achthabe überdauert alles. Sie ist größer als alles andere.

 Posted by at 11:16