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Liebe zur Menschheit oder Liebe zum Einzelnen?

Sonntag, April 14th, 2013

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Das zutiefst Ungerechte der Liebe zum Einzelnen war den Philosophen oftmals ein Dorn im Auge. Montesquieu, so sahen wir vor wenigen Tagen, erwartet von der wahrhaft philosophischen Tugend eine gleichmäßig abstrahlende Hinwendung und Hilfeleistung. Tugendhafte Nächstenliebe, die Auswahl und  Bevorzugung im Erbarmen liefert, ist laut Montesquieu nicht vollkommen tugendhaft zu nennen!

Der große Dichter dieser allgemeinen, der menschheitsumfassenden Liebe ist Friedrich Schiller. Seine Hymne An die Freude – von Beethoven im Schlusschor der 9. Symphonie vertont – ist eine unüberbietbar pathetische Anrufung des universalen Bandes der Sympathie, das alle Wesen zusammenschlingt.

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!

Einen deutlich begrenzteren, einen anderen Ton schlug Goethe in seinen Urworten. orphisch an.Er scheint hier direkt auf Schiller zu antworten:

Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen,
Doch widmet sich das edelste dem Einen.

Das ungesteuert Planlose, das letztlich Unverhoffte und Unverdiente der Liebe fasst Goethe sehr treffend. Liebe ist nicht etwas, was wir verdienen, wie das Ich Freuds es verlangt, sondern etwas, was uns entgegenkommt, etwas, was sich auf uns stürzt. Wenn sie gelingt, gar erwidert wird, sprechen wir von Gnade, wenn sie unerwidert bleibt, von Entbehrung und Leiden.

Sehr schön auch, wie Goethe hier das Androgyne, die Geschlechter Überspringende der Liebe fasst – SIE, denn wir sagen DIE Liebe. Und doch ER, denn es heißt DER Eros. In dieser Doppeltheit herrscht ein höheres Vorwaltendes, das die tiefe Vereinzelung des Menschen zu überwinden verheißt.

Ερως, Liebe

Die bleibt nicht aus! – Er stürzt vom Himmel nieder,
Wohin er sich aus alter Öde schwang,
Um Stirn und Brust den Frühlingstag entlang,
Scheint jetzt zu fliehn, vom Fliehen kehrt er wieder,
Da wird ein Wohl im Weh, so süß und bang.
Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen,
Doch widmet sich das edelste dem Einen.

via Goethe, Johann Wolfgang, Theoretische Schriften, »Urworte. Orphisch« – Zeno.org.

Il gran rifiuto – die Große Weigerung

Donnerstag, Februar 28th, 2013

Der eine oder andere mag sich noch erinnern, wie um das Jahr 1968 herum die Studenten an westlichen Universitäten begannen, das Unheilsgefüge der spätkapitalistischen Gesellschaften als falsches Ganzes, als täuschenden Verblendungszusammenhang zu demaskieren. Der Kapitalismus – so jene Lehre – war im europäischen Faschismus, in Vietnam, in Südamerika, in den USA zur äußersten unmenschlichen Fratze gelangt. Was ab 1918 in der Sowjetunion und ihren annektierten oder unterworfenen Randgebieten geschah, davor verschlossen die revolutionären Linken des Westens von Brecht über Sartre bis zu Marcuse und Adorno die Augen. Der gesamte Osten Europas, also alles, was nach dem großen abendländischen Schisma von 1054 nicht mehr zum Abendland gehörte, lag völlig außerhalb ihres Sichtkreises – was kaum verändert bis zum heutigen Tage für die Linke der westlichen Länder gilt.

Im sonnigen Kalifornien lehrte, erforschte und ersann Herbert Marcuse seinen Ruf zur “Großen Weigerung”. “Es gibt kein richtiges Leben im Falschen”, nur die vollständige Verweigerung der Subjekte gegenüber allen kapitalistischen Verwertungszusammenhängen, die Aufkündigung des feigen Einverständnisses mit dem repressiven Ausbeutungszusammenhang des Kapitalismus könne das Individuum – wie immer vorläufig – aus dem zwanghaften Verblendungszusammenhang reißen und im revolutionären Akt einen Vorschein der Erlösung gewähren. Diese Erlösung aber müsse als gewalttätige sozialistische Revolution kommen. Der Großen Verweigerung eines Herbert Marcuse korrespondierten auf der Seite der selbsternannten proletarischen Internationale die vielen verschiedenen Formen des Ereignisses, vom Sit-in über das Teach-in bis hin zu tätiger Unterstützung der Spaßguerilla eines Dieter Kunzelmann. Ins Extrem gesteigert erschien die große Weigerung als klammheimliches Einverständnis mit den mörderischen Aktionen der weit in die Mitte der Gesellschaft hinein verzweigten revolutionären Zellen, etwa der Bewegung 2. Juni und der RAF.

So – in grober, aber nicht falscher Vereinfachung – meine Erinnerung an jene Jahre, deren ferner Nachhall nirgendwo deutlicher zutage tritt als in den streng realitätsresistent fortgeführten Aktionen der aktionistischen Linken, wie sie gerade hier in Kreuzberg noch immer oder immer wieder ihr Haupt erhebt.

Herbert Marcuse, der berühmte gottlose Theologe, griff mit seiner magischen Formel der “Großen Weigerung” ein uraltes Denkbild des religiös grundierten Denkens auf, das ich nicht zufällig am heutigen Tage bei Dante Alighieri wiederfand. Zweifellos besteht zwischen Dantes Gran rifiuto und Marcuses Großer Weigerung ein nicht nur semantischer Zusammenhang.

Poscia ch’io v’ebbi alcun riconosciuto
vidi e conobbi l’ombra di colui
che fece per viltà il gran rifiuto.

Ich übersetze:

Nachdem ich dort nun einige erkannt,
sah und erschaute ich den Schatten jenes Manns
der feige sich die Große Weigerung erfand.

So begegnet Dante im 3. Gesang der Hölle seiner Göttlichen Komödie seinem Trugbild eines Mächtigen, der sich als zum Regieren, also zum tätigen Umgestalten der gesellschaftlichen und politischen Realitäten als zu schwach erwies. Dante verlangte den starken Fürsten, der den Stürmen der Zeit die Stirn bot.

Auf unsere Zeit bezogen, könnte man sagen: Dante stellte immer wieder die Machtfrage, der Verzicht auf Macht und Einfluss war für ihn keine gangbare Option.

Dass ein Mensch das Leben in Wahrheit dem ständigen Streben nach Macht und Einfluss vorzog, dass er der Ehre und Würde in den Augen der Welt entsagte, war für ihn nicht nachvollziehbar.

Dieses Abdanken ist ein Danken, dieses Zurücktreten ist ein Nach-Vorne-Treten. Diese vermeintliche große Weigerung im Verblendungszusammenhang des Ungeschicks ist eine Bejahung der eigenen Endlichkeit im Geschickten des Schicksals. Für ihn gilt, was Fredi Chiappelli über Dante selbst sagt: “Compie più un atto di integrazione che di rinunzia – er vollbringt eher einen Akt der Ergänzung als des Verzichts.”

Stefan Zweig hat diese Grundhaltung des Entsagens um der vollständigen Wahrheit willen, diesen Akt der Befreiung in seinem Lied des Einsiedels eingefangen:

Wie seltsam hat sich dies gewendet,
Daß aller Wege wirrer Sinn
Vor dieser schmalen Tür geendet
Und ich dabei so selig bin.

Der stummen Sterne reine Nähe
Weht mich mit ihrem Zauber an
Und hat der Erde Lust und Wehe
Von meinen Stunden abgetan.

Der süße Atem meiner Geige
Füllt nun mit Gnade mein Gemach,
Und so ich mich dem Abend neige,
Wird Gottes Stimme in mir wach.

Wie seltsam hat sich dies gewendet,
Daß aller Wege wirrer Sinn
Vor dieser schmalen Tür geendet
Und ich dabei so selig bin.

Und von der Welt nur dies begehre,
Die weißen Wolken anzusehn,
Die, lächelnd über Schmerz und Schwere,
Von Gott hin zu den Menschen gehn.

Quellen:
Dante Alighieri: La Divina Commedia. A cura di Fredi Chiappelli. Grande universale Mursia, 4a edizione, Milano 1976, p. 6, p. 38 (Inferno, canto III, vv. 58-60)

Stefan Zweig: Lied des Einsiedels. In: Deutscher Dichterwald. Lyrische Anthologie. Begründet von Georg Scherer. Bearbeitet von Artur Kutscher. 24. Auflage, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Leipzig 1911, S. 369

Jan Engelmann: Der Traum von der großen Verweigerung. taz, 19.07.2003

http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2003/07/19/a0121

Brauchen wir wieder eine “Liste der auszusondernden Literatur und der auszusondernden Wörter”?

Dienstag, Februar 26th, 2013

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Ein vierbändiges, wichtiges Werk des Ministeriums für Volksbildung der DDR war die berühmte “Liste der auszusondernden Literatur”. Ich meine: Man sollte diskutieren, ob heute nicht eine “Liste der auszusondernden Wörter” ebenfalls not täte.

Kürzlich hat es also Astrid Lindgren und ihre Pippi Langstrumpf ereilt.  Nicht nur brachte Lindgren in ihrem Taku-Taka-Land böse, verbotene Wörter in Umlauf, sondern sie beschrieb in Pippi Langstrumpf eine Welt, in der es gruppenspezifische Vorurteile gibt, statt dass alle Menschen, Jungen wie Mädchen, Alt wie Jung, Schweden wie Afrikaner sich einfach nur liebhaben und als gleichwertig anerkennen. “Miep, miep, miep, wir haben uns alle lieb!”, so lautet das Tischgebet der säkularen Kita.

Und kürzlich las ich erneut den spannenden Roman Der Verschollene. Ebenfalls ein schlimmes Buch mit bösen Wörtern. Hört, was der böse Autor schreibt und dem tüchtigen, arg benachteiligten Werktätigen, dem Heizer des Amerikadampfers in den Mund legt:

“Sehn Sie, wir sind doch auf einem deutschen Schiff, es gehört der Hamburg Amerika Linie, warum sind wir nicht lauter Deutsche hier? Warum ist der Obermaschinist ein Rumäne? Er heißt Schubal. Das ist doch nicht zu glauben. Und dieser Lumpenhund schindet uns Deutsche auf einem deutschen Schiff.”

Ein klarer Fall von Rassismus! Erneut ein klarer Fall von gruppenspezifischen Vorurteilen, ja diese Äußerung grenzt schon an Volksverhetzung! Sollte man also diesen Autor, der ebenfalls ein so böses Wort wie Lumpenhund verwendet, ebenfalls auf die Liste der auszusondernden Bücher setzen, oder doch mindestens das Wort “Lumpenhund” auf die Liste der auszusondernden Wörter setzen? Sollte man den offenkundig rassistischen, offenkundig deutschnationalistischen Verfasser des Romans “Der Verschollene” auf die Liste der auszusondernden Literatur setzen, zumal er ja eine weitere hellsichtige Darstellung des Rassismus und Antisemitismus geliefert hat – die kleine Erzählung Schakale und Araber?

Ich meine: nein. Gruppenspezifische Vorurteile sind etwas Menschliches. Alle Gruppen – ethnische, konfessionelle, politische, ständische Gruppen – neigen dazu, sich nach außen abzuschließen und die anderen herabzusetzen.  Das gilt für Mehrheiten ebenso wie für Minderheiten.

Der Autor des Romans “Der Verschollene” ist kein deutschnationaler Rassist, nur weil er ein gewisses Verständnis für die Lage eines deutschen Arbeiters äußert, der sich auf einem deutschen Schiff von einem Ausländer ungerecht behandelt fühlt.

Es wäre falsch, jetzt alle Bücher säubern, alle bösen Wörter ausmerzen zu wollen, nur weil sie die zutiefst menschliche Neigung zur Feindseligkeit gegenüber anderen Gruppen darstellen.

Schaut euch doch die lachende heitere Astrid Lindgren an, diese fröhlichen zuversichtlichen Kinder! Dies stolze, kühne, unbezähmbare Pippi Langstrumpf! Lasst uns doch diese Bücher nutzen, um wieder Kinder zu werden, um mit Kindern einzulernen, dass die Feindseligkeit, die Herabsetzung anderer Gruppen zwar etwa Menschliches ist, – aber nichts Letztes sein darf!

Wir müssen erkennen, dass das Böse nicht in den Wörtern als solchen liegt, sondern in der Abschließung vor dem anderen, in der Zurückweisung und Entwertung des anderen liegt. Dieses Böse aber – liegt in uns. Es gehört zu uns. Der Pole Kolakowski sagt es so: Zło jest w nas – das Böse ist in uns.

“Ma la Madonna – è una negra!” Die verehrte Mutter ist eine Negerin. Kaum irgendwo besser als in dem Film Basilicata Coast to Coast  können wir diese Überwindung des rassistischen Weltverständnisses erleben. Die bösen Wörter – Neger, Lumpenhund, Schakal usw. – verlieren ihre Bosheit. Im zuvor verachteten, mit bösen Wörtern verspotteten Menschen erblicken wir das Antlitz eines Menschen wie du und ich, der zum Vorbild werden kann.

Quellen:
Franz Kafka: Der Verschollene. Roman in der Fassung der Handschrift. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Maon 2004, S. 13-14.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/politisch-korrektes-deutsch-verbaende-wollen-soziale-unwoerter-zensieren-12094314.html

Franz Kafka: Schakale und Araber, in: ders., Die Erzählungen und andere ausgewählte Prosa. Herausgegeben von Roger Hermes. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 280-284

In der Kunst ist bloß ein einziges System gestattet: Systemlosigkeit

Donnerstag, Februar 21st, 2013

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“In der Kunst ist bloß ein einziges System gestattet: Systemlosigkeit.” Dieses großartige Wort schrieb der Geiger Carl Flesch als Fußnote in das Vorwort seines 1926 erstmals erschienenen Skalensystems. Ich zitierte es ausführlich am vergangenen Sonntag in einem Konzert junger Geiger, das im Carl-Flesch-Saal der Universität der Künste stattfand, und versäumte nicht, den Rang dieses Werks, das eine dichtgedrängte Folge von zergliederten Tonleiter- und Akkord-Übungen darstellt, herauszustreichen. Noch wichtiger aber als das systematische Zergliedern, das kraftsparende Pflegen und Stärken der geigerischen Technik ist die persönliche Hinwendung zum eigenen Spiel mit Ohr und Hand. Jeder Geiger muss sich immer fragen: “Will ich das so spielen?” Und diese ständige Selbstbeobachtung, Selbststeuerung entsteht nur dann, wenn vorher eine verlässliche Lehrer-Persönlichkeit dem Schüler diese Zuwendung, diese Außenbeobachtung geschenkt hat.

Mein eigener hochverehrter Geigenlehrer, Friedrich Schirbel, ehemals Mitglied der Berliner Philharmoniker, später Konzertmeister des Städtischen Symphonieorchesters Augsburg, erzählte mir während der Geigenstunden immer wieder von den Lehren und Erfahrungen dieser großartigen Persönlichkeit, die Carl Flesch war.

Schirbel, der Kindheit und Jugend in Berlin verbrachte, hatte selbst noch bei Flesch Unterricht genommen. “Flesch war unerbittlich im Unterricht. Faule Ausreden duldete er nicht. Aber spieltechnische Probleme, Schwierigkeiten zerlegte er unbestechlich in Elemente, löste schwierige oder unspielbare Stellen in Teilaufgaben auf – und führte uns so Schritt für Schritt weiter zur Vollendung.”

Carl Flesch wurde 1873 in Ungarisch Wieselburg geboren. Bukarest, Wien, Berlin, Amsterdam waren einige Stationen seines Geigerlebens. Er starb 1944 in Luzern. An Flesch liebe ich neben seinen treffenden, auch heute noch unerschöpflichen pädagogischen Handreichungen auch sein hervorragendes, unnachahmliches, bis in den letzten Nebensatz hinein gepflegtes Deutsch, ein im besten Sinne edles Deutsch, das mich in manchem Tonfall, in der Tonart gewissermaßen, an das mit hellsichtiger Seelenfreundschaft wirkende Deutsch eines Sigmund Freud, eines Franz Kafka erinnert.

So schreibt Flesch in seinem Skalensystem:

“Ich habe lange gezögert, ehe ich mich dazu entschloß, das in alle Tonarten transponierte Skalensystem* zu veröffentlichen. Denn bisher bin ich ein Gegner der allzuvielen Ausgaben dieser Art gewesen, die zumeist einander gleichen, wie ein Ei dem anderen, und denen nur selten ein origineller Gedanke zugunde lag.”

Hierzu ergänzt er in der Fußnote:

“Auch den Ausdruck “System” gebrauche ich nur der Not gehorchend, weil mir eben keine prägnantere Bezeichnung in den Sinn kam. Ich beabsichtige damit bloß die festgefügte praktisch-erprobte Form, jedoch nicht eine starre unelastische Übungsart zu bezeichnen, die dem Wesen echter künstlerischer Freiheit stets entgegengesetzt ist. In der Kunst ist bloß ein einziges System gestattet: Systemlosigkeit.”

Carl Flesch: Das Skalensystem. Tonleiterübungen durch alle Dur- und Moll-Tonarten für das tägliche Studium. Ein Anhang zum I. Bande von “Die Kunst des Violinspiels”. Verlag von Ries&Erler. Berlin 1953 [Erstausgabe: 1926]

Bild: Die Geigen unserer jungen Geiger im Alter von 4 bis 10 Jahren, aufgenommen im Carl-Flesch-Saal vor dem Konzert

Vedi come storpiato è Maometo!

Samstag, Februar 16th, 2013
Noch Philipp Melanchthon, der Mitstreiter Martin Luthers, erblickte im Islam eine schismatische Bewegung innerhalb des Christentums oder vom Stamme des Christentums, worüber dieses Blog am 09.09.2010 berichtete:
http://johanneshampel.online.de/2010/09/09/arbeite-dich-aus-der-hilflosigkeit-hervor-o-mensch/

Und das war wohl im Mittelalter ebenso gewesen!

Vedi come storpiato è Maometo!”

“Schau mal, wie verzerrt [das Bild des] Mohammed [bei uns im Westen] ist!”,

könnte man im Blick auf die heutigen Kenntnisse oder besser Nicht-Kenntnisse des Islams bei uns  diesen Vers Dantes übersetzen.

Fredi Chiapelli, der Kommentator meiner reichlich zerlesenen Handausgabe der Divina Commedia, kommentiert zu diesem Vers 31 des Gesangs XXVIII des Inferno: 

“Maometto: Il fondatore dell’Islam (560-633). Nel Medioevo era considerato uno scismatico.” – “Der Gründer des Islam galt im Mittelalter als Schismatiker.” Der Islam galt jahrhundertelang – bis in die frühe Neuzeit hinein – als eine Abspaltung des Christentums, so wie das Christentum als Abspaltung des Judentums entstanden war.

Das lateinische Mittelalter stellte also Mohammed auf eine Stufe mit den griechischsprachigen Christen des Ostens, mit denen es 1054 zum Bruch gekommen war! Eine Aussöhnung mit der orthodoxen christlichen Ostkirche schien aus westlich-abendländischer Sicht lange Zeit ebenso unmöglich wie eine Aussöhnung mit dem Islam.

Goethe schrieb 1774 seine Ode “Mahomets-Gesang” wie an an einen Geistesverwandten:

Seht den Felsenquell,
Freudehell,
wie ein Sternenblick!
Über Wolken
Nährten seine Jugend
Gute Geister
Zwischen Klippen im Gebüsch.

Und was tun sich neuerdings für aufregende Perspektiven einer Wiederentdeckung des gemeinsamen Quellgrundes auf! Hierfür nur ein Beispiel: die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth. Sie greift den Felsenquell dieser uralten Traditionen, die für uns beispielhaft bei Dante Alighieri, Philipp Melanchthon und Johann Wolfgang Goethe fassbar werden, wieder auf!

Der Strom der asiatisch-europäischen Überlieferungen sprudelt noch. Er ist lebendig noch.

Ausgewählte Quellen:
Dante Alighieri: La Divina Commedia. A cura di Fredi Chiappelli. Grande universale Mursia, 4a edizione, Milano 1976, p. 150

Johann Wolfgang Goethe: Mahomets-Gesang. In: Das große deutsche Gedichtbuch. Von 1500 bis zur Gegenwart. Neu herausgegeben und aktualisiert von Karl Otto Conrady. Artemis & Winkler, München und Zürich, 4. Aufl. 1995, S. 143-144

Angelika Neuwirth: „Der Koran als Text der Spätantike“. Ein europäischer Zugang. Verlag der Weltreligionen im Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 859 S., geb., 39,90 €.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/angelika-neuwirth-der-koran-als-text-der-spaetantike-lesarten-eines-korans-in-dem-europa-sich-erkennen-kann-1612985.html

Rinuncio ex legittimis causis: Die Entsagenden

Freitag, Februar 15th, 2013

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“Ich entsage aus hinreichenden Gründen” – so Coelestin, der povero cristiano, der “schlechte Christenmensch” und Einsiedel des Jahres 1295.

 Goethe sagt 1790 in seinen Venezianischen Epigrammen zu Recht:

Warum treibt sich das Volk so und schreit? Es will sich ernähren,
Kinder zeugen und die nähren, so gut es vermag.
Merke dir, Reisender, das und tue zu Hause desgleichen!
Weiter bringt es kein Mensch, stell er sich, wie er auch will.

Jeder mag sich zu den beiden Distichen verhalten, wie er will. Für mich enthalten sie eine schmerzhafte Einsicht, eine neuartige Demut, eine schmerzhafte Beschränkung der Wirkungsmöglichkeiten, die wir schlechterdings annehmen müssen.

Dennoch fragen wir zurück: “Warum tatest du es nicht dem venezianischen Volke nach, mein lieber Goethe? Warum heiratetest du nicht, sobald du nach Weimar zurückgekehrt, zeugtest eine reiche Kinderschar und gingst völlig im Kinder-Zeugen und Kinder-Nähren auf?”

Seine Antwort hätte lauten können:

“Das Sorgen für eine vielköpfige Familie mit all ihren Mündern und Häuptern und Herzen sowie die übernommene berufliche Tätigkeit hätten kaum Raum für eine weitere beständige Arbeit am Faust, am West-Östlichen Divan, an all den vielbändigen Werken gelassen.  Außerdem hätte meine Familie die gesamte künstlerische und aus innerem Beruf geübte gesellschaftliche Tätigkeit mittragen müssen, hätte des Vaters oft entbehren müssen. Dies wären sie nicht bereit gewesen zu leisten, was unabweisbar zur Quelle dauernden Verdrießlichkeit bei Weib und Kinderschar und nicht zuletzt beim Verfasser selbst geworden wäre. Und so beschied ich mich denn, sobald ich nach Weimar zurückgekehrt war, entgegen jenen mit tiefsinnigem Leichtsinn hingeworfenen Zeilen mit einem nicht völlig zum Ehe- und Familienstand hingewendeten Leben und räumte dem Weib und dem Kind gerade so viel Raum ein, als eben noch den wechselseitigen Neigungen und Antrieben eines jeden zuträglich war.”

Bild: ein Blick auf die Insel San Giorgio Maggiore, Venedig, 30. Januar 2012

Bild:

Harzreise im Winter

Montag, Februar 11th, 2013

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Von Wernigerode, der bunten Stadt am Harz, brachte uns gestern der Hauderer, wie man früher sagte, der recht gesprächige Mietdroschkenkutscher also, zügig und schnell hinauf ins Harzgebirg, in die Gegend von Schirke und Elend. Denn der 257er Bus des HVB, der Harzer Verkehrsbetriebe GmbH  war um 10.15 Uhr uns vor der Nase abgefahren, wir aber wollten den letzten Tag unseres Harz-Aufenthaltes noch nutzen, um auf schmalem Pfad die herrliche Bergluft einzuatmen, mit jugendlichem Übermut den Blick zu weiten, einmal recht frei herabzublicken auf die verwöhnten Städter und bequemen Zauderer.

“Wem gehörte früher euer Wernigeröder Schloss, das da so schön über eurem Städtchen thront?”, fragten wir den Taxifahrer. “Das waren die Grafen zu Stolberg-Wernigerode. Sie wurden 1945 durch die Bodenreform enteignet. Es gab nach der Wende wohl noch einige juristische Auseinandersetzungen über die Rückgabe des enteigneten Eigentums, aber letztlich einigte man sich. Wir Wernigeröder haben ja auch den goldenen Löwen all die Jahrzehnte behütet, und so war es recht und billig, dass nebst dem Schloss auch der goldene Löwe bei uns blieb und nicht den alten Eigentümern zurückgegeben wurde.”

“Die Stolbergs! Ich kenne einen Dichter dieses Namens! Friedrich Leopold Graf zu Stolberg hat immerhin die Texte zu einigen der bedeutendsten Lieder Franz Schuberts geliefert, darunter auch sein Auf dem Wasser zu singen“, gab ich zu bedenken.

In der Tat: Das Dichterwort kann im Gegensatz zu Schlössern und goldenen Löwen nicht enteignet werden, es wird schließlich Allgemeinbesitz.  Plagiatejäger mögen sich heutigentags, im Zeitalter von Internet und Blogosphäre,  dem Geier gleich gütlich tun! Ab dem Zeitpunkt von 70 Jahren nach dem Tod des Dichters erklingen die Worte der Dichter weiter, sie werden gemeinfrei wie die Lüfte auf den Bergen, und keiner, der ihn zitiert, braucht Rechenschaft abzulegen auf jene drängenden Fragen:

Wo hast du das genommen?
Wie konnt es zu dir kommen?

Einen Knotenstock oder Besenstiel brauchten wir nicht für unsere Wanderung, wir liehen uns statt dessen für 10.- Euro Tagesgebühr jedes ein Paar Langlaufskier samt achselhohen Stöcken, schulterten die Skier und stiegen knapp vor der Schierker Jugendherberge in die weitläufige Loipenlandschaft ein. Die ganze Gegend von Schirke (wie man früher statt Schierke schrieb)  und Elend ist wunderbar leichten Schrittes auf diesen neuartigen, leichten, sehr gefügigen Leisten zu erkunden. Klimapolitisch ist die gezielte Förderung des regional gebundenen Langlauf-Skifahrens ohnehin alternativlos, der Umwelteingriff ist beim Ski-Langlauf minimal. Kein Vergleich zu den dröhnenden Schneekanonen und dem breitflächigen Erd-Abtrag im alpinen Ski-Zirkus, wie ihn die Reichen und Mächtigen unseres Landes pflegen!

Immer wieder hielten wir an, verschnauften, gerieten in Entzücken angesichts der schneestarrenden, gebeugten Bergfichten.

Ich machte die eine oder andere Aufnahme. Und da, als ich gestern das untenstehende Bild schoss wie der Jäger das flüchtende Wild, da kamen mir auch die alten, die ewig jungen Verse der Harzreise im Winter in den Sinn:

In Dickichts-Schauer
Drängt sich das rauhe Wild,
Und mit den Sperlingen
Haben längst die Reichen
In ihre Sümpfe sich gesenkt.

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Die beiden Fotos entstanden gestern beim Ski-Langlaufen im Harzgebirg, Gegend von Schierke und Elend

Quellennachweis:

Johann Wolfgang Goethe: “Harzreise im Winter”, in: Karl Otto Conrady (Hrsg.): Das große deutsche Gedichtbuch.  Athenäum Verlag, Kronberg Ts./1977, S. 246

Welchen monetären oder moralischen Wert, welche Daseinsberechtigung haben eigentlich Kinder?

Mittwoch, Februar 6th, 2013

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Fast alle deutschen Journalistinnen und Journalisten, fast alle deutschen Politikerinnen und Politiker jammern und barmen nach dem Staat, jammern und barmen nach der Politik. Die Politik soll die Menschen glücklich machen. Die Parteien überbieten sich darin, all jenen, denen sie vorher Gefühle der Benachteiligung eingeredet haben, dann postwendend Förderung, Geld, Geld und nochmal Geld zu versprechen. “Wartet, liebe Bürger, wenn ihr uns wählt, dann geht’s euch aber richtig gut, dann hat alle Ungerechtigkeit auf Erden ein Ende!”

Neuestes Beispiel: Kinder. Erneut wird allein monetär über den Wert der Kinder geredet. Niemand stellt sich hin, der sagt: “Egal ob man nun besser oder schlechter dasteht – es ist immer ein großes Glück und manchmal auch ein großes Unglück, Kinder zu haben. Ehe und Familie sind eine wichtige, vielleicht sogar die wichtigste Form, in der volles Menschsein zur Entfaltung kommt, und zwar unabhängig von der Politik, unabhängig von jeder Staatsform.  Die unleugbaren materiellen Nachteile, die das Kinderzeugen und das Kindererziehen mit sich bringt, werden durch tausendfältiges Glück, durch tausendfältiges Leiden in den Gefühlen und den Gedanken mehr als wettgemacht. Das lässt sich mit Geld und Gold gar nicht aufwiegen. Die Entscheidung für oder gegen Familie im Wesentlichen von den Wohltaten des Staates abhängig zu machen, ist unmoralisch.”

Dabei wird in den familienpolitischen Debatten gelogen und betrogen, gefeilscht und gezankt wie in den besten Familien, die sich über das Erbe des Oheims zerstreiten. Es wird gehauen und gestochen, dass es eine Wonne ist. Eine große Lüge ist es beispielsweise, wenn behauptet wird, Kinder bräuchten im Alter von 0-3 Jahren unbedingt die Kita zum besseren Lernen, zum besseren Spracherwerb. Es gibt keinen Beleg dafür. Nichts, keine Biographie, keine seriöse wissenschaftliche Untersuchung, die eindeutig besagt, dass Kinder bessere Sprachfertigkeiten erwerben, wenn sie bereits vor dem Alter von 3 Jahren die Krippe oder die Kita besuchen!

Exemplarisch dafür der folgende nette kleine Clip:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/1768634/Betreuungsgeld-in-der-Kritik

Fast nicht wird geredet darüber, was die KINDER im Alter von 0-3 Jahren brauchen: Bindung, Geborgenheit, Urvertrauen durch die enge räumliche Nähe an Mutter und/oder Vater bzw. an Ersatzmutter oder Ersatzvater.

Wohl und Wehe des Kindes wird nicht gesehen. Im Mittelpunkt stehen die Erwachsenen mit ihren finanziellen Ansprüchen und karrieretechnischen Wünschen, steht die Volkswirtschaft und die Karriere!

Man lese nur etwa die Stellungnahmen aus dem SPIEGEL:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/zehn-jungpolitiker-ueber-den-unsinn-in-der-familienpolitik-a-881532.html

Soeben erreichte uns hierzu auch diese öffentliche Stellungnahme aus der Feder Hedwig von Beverfoerdes, die wir hier wiedergeben und zur Diskussion stellen:

 Berlin, den 06.02.2013 Ungenannte „Experten“ arbeiten derzeit im Auftrag des Finanzministeriums sowie des Familienministeriums an einer Studie zur Bewertung der Wirksamkeit familienpolitischer Leistungen. Vor wenigen Tagen hat das Magazin DER SPIEGEL einen „internen Zwischenbericht“  der Studie veröffentlicht. Aus der sicheren Deckung vermeintlicher Wissenschaftlichkeit heraus wird darin die finanzielle Basis der Familien in Deutschland unter Beschuß genommen.

Die Studie basiert allerdings auf Grundlagen, die so grob fehlerhaft sind, daß man sowohl bezüglich des Inhalts als auch des Prozederes ihrer Veröffentlichung von einem interessegeleiteten Propagandamanöver sprechen muß. Das Fazit der „Studie“ überrascht deshalb nicht. Es ist ebenso simpel wie durchsichtig: Gelder, die den Familien direkt zukommen zur eigenverantwortlichen Verwendung, werden im Bericht fast durchgängig als „unwirksam“ beurteilt, während die Subventionierung außerhäuslicher Betreuung positive Bewertung erfährt.

Dazu die Sprecherin der Initiative Familienschutz, Hedwig von Beverfoerde: „Das hat mit seriöser Evaluation nichts mehr zu tun. Hier wird Krieg geführt gegen die Familie.

Drastischster Beleg für die mangelnde Seriosität der Studie ist die Tatsache, daß sie nach wie vor an der erwiesenermaßen falschen Zahl von 200 Milliarden Euro Familienleistungen festhält. Diese seit Jahren in der Debatte umherirrende falsche Zahl hatte das Familienministerium erst vor wenigen Wochen im Familienreport 2012 auf 55 Milliarden als „Familienförderung im engeren Sinne“ korrigiert. Hedwig von Beverfoerde stellt dazu klar: „Die Autoren dieser Studie haben offenbar erneut Leistungen zur Familienförderung gezählt, die überhaupt nicht dazu gehören. Das Kindergeld ist zu zwei Dritteln eine Rückzahlung des Staates von zu viel bezahlten Steuern der Familien mit Kindern. Die Mitversicherung von Familienangehörigen in der Krankenkasse wird über die Krankenversicherungsbeiträge vom Versicherten selbst finanziert, nicht vom Staat. Es ist eine Frechheit, nach der jüngst endlich erfolgten Richtigstellung des Familienministeriums hier nach wie vor etwas anderes zu behaupten.“

Auch die Diskreditierung des Ehegattensplittings als „Förderung der traditionellen Versorger-Ehe“, in der ein Hauptverdiener (meist der Mann) den Rest der Familie versorge, ist unredlich, da sachlich falsch. Das Splittingverfahren dient vielmehr der Vermeidung von Überbesteuerung von Ehegatten im Verhältnis zu Singles, da Ehegatten in einer Wirtschafts- und Erwerbsgemeinschaft leben, die ihnen auch vielfältige finanzwirksame gegenseitige Verpflichtungen auferlegt. Das Ehegattensplitting erfüllt, anders als in der Studie behauptet, genau seinen steuerlichen Gleichbehandlungs-Zweck.

Von Beverfoerde: „Ein Staatsziel zur Erzwingung gleichmäßiger Voll-Erwerbstätigkeit von Müttern und Väter bei maximaler staatlicher Kindesbetreuung, zu dessen Erreichen staatliche Familienleistungen in ihrer Wirksamkeit zu messen wären, existiert nicht. Ein solches Ziel wäre mit unserer Verfassung auch nicht vereinbar. Diese Studie ist daher das Papier nicht wert, auf dem sie steht.“

http://www.familien-schutz.de/aktionen/

 

Bayern, Baden-Württemberg, Hessen: Bitte bitte kein Geld mehr nach Berlin schicken!

Mittwoch, Januar 23rd, 2013

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Schaut euch das an, es ist erstaunlich: Wenn auch Berlin und Brandenburg keinen Flughafen hinbekommen, so erhält doch Friedrichshain-Kreuzberg beständig neue Spielhallen und Zockerbuden. Das klappt also zumindest. Innerhalb einer kleinen Radfahrt von 10 Minuten entdeckte ich heute drei neue Spielhallen in Kreuzberg! In der Wilhelmstraße sehe ich täglich sogar zwei Spielhallen direkt nebeneinander, die auch etwa erst ein Jahr lang hier sind. Und das, obwohl wir offiziell ein “Armuts-Bezirk” sind. Man sieht praktisch nie Menschen aus- und eingehen. Die wenigen Male, die ich aus Neugierde die Spielhallen besucht habe, war ich meist der einzige Besucher.

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Etwa 45 Milliarden Euro hat Berlin seit 1995, als es dem Länderfinanzausgleich beitrat, von den Geberländern des Finanzausgleichs vor die Haustür gekippt erhalten. Oft fragen die Menschen aus den derzeit nur noch 3 Geberländern des Bundesfinanzausgleichs: “Wo versickert denn das ganze Geld, das wir euch schenken? Alles in der Flughafen-Baustelle?”Nein! Das Geld wird hier in Berlin weitergereicht und versickert an tausend Stellen. Das Bundesland Berlin ist in vieler Hinsicht mit Griechenland vergleichbar: es zirkuliert hier in Berlin wie auch in Griechenland viel zu viel nicht selbst erwirtschaftetes Geld. Es ist viel zu viel Geld im System der öffentlichen Mittelvergabe.

Die Geberländer Berlins finanzieren Berliner Baustellen, Berliner Spielhallen, finanzieren in großem Umfang Berliner Faulheit, Berliner Bequemlichkeit und Trödelei, finanzieren Glücksspiel, Drogen- und Menschenhandel, Betrug, Rechtsbruch und Staatsausplünderung. Das öffentliche Gut, das Gemeinwohl verkommt. Mehr noch: Die Politik leistet dem Herunterkommen ganzer Stadtviertel Vorschub. Öffentliche Gebäude wie die Schule in der Reichenberger Straße werden in diesem Sinne vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg kostenlos als geduldete Zonen des Rechtsbruchs ausgewiesen, statt etwa einer dringend benötigten Grundschule in freier Trägerschaft gegen Miete überlassen zu werden.  Und wer sind diesmal die Benachteiligten, die es durch dreiste Spiegelfechtereien zu schützen gilt? Flüchtlinge, Asylbewerber! Dass ich nicht lache! Ein derartiger Missbrauch der Not von Menschen, die in Deutschland Schutz vor politischer Verfolgung suchen und dann durch selbsternannte Menschenrechtsaktivisten zum Rechtsbruch verführt werden, ist noch nicht oft vorgekommen.

Berlins Politik ist großartig darin, immer neue Programme zu ersinnen, um das Geld der anderen Bundesländer unters Volk zu bringen. Neuester Coup: das “Berliner Mietenbündnis”. Ein weiterer in einer endlosen Serie an Taschenspielertricks aus der bunten Traum- und Zauberwelt der Berliner Landespolitik. Es funktioniert alles nicht, wie erst kürzlich wieder der rbb feststellte:

http://www.rbb-online.de/klartext/archiv/klartext_vom_16_01/0.html

Also: Die landeseigenen Wohnungsunternehmen tragen zur Preissteigerung bei – auch dank des zusätzlichen Geldes, das durch derartige Bettelei nach Berlin umgeleitet wird. Aber 40 Millionen Euro an Bundesmitteln werden dafür in Anspruch genommen. Zweck erfüllt! Der Zweck all dieser fruchtlosen Übungen ist: Wähler bei Laune halten, Geld nach Berlin lenken, Zustimmung erkaufen, Wandel verhindern! So und nur so funktioniert das.

Es ist mir wichtig festzuhalten: Wir Berliner sind groß im Handausstrecken! Wir Berliner finden 1001 Geschichten, um nachzuweisen, dass wir benachteiligt sind. Die Berliner Politiker sind große Meister darin, sich gezielt Gruppen von Benachteiligten zu suchen, denen sie dann diesen Status einpauken: “Ihr seid benachteiligt!” Die Parteien nehmen sich da übrigens gegenseitig nichts. Schwaben, Bayern, Hessen: Bitte auskehren. Wir brauchen das.

“Ma – è una negra!”, oder: Brauchen wir noch das Bild der guten Mutter?

Dienstag, Dezember 18th, 2012

“Das Bild der guten Mutter verhindert, dass die Menschen in Deutschland mehr Kinder bekommen.” So der Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung der deutschen Bundesregierung. Wir übersetzen: Wenn wir das Bild der guten Mutter nicht hätten, dann gäbe es mehr Kinder. Die gute Mutter, die für 2 oder 3 Jahre dem Wohl des Kindes Vorrang vor dem eigenen beruflichen Fortkommen einräumt, verhindert es, dass Kinder geboren werden.

In dem 2010 gedrehten Film Basilicata  Coast to Coast wird das Bild einer guten Mutter gezeigt. Auf den Schultern getragen von vier Männern, zu Fuß. Im strahlenden Sonnenschein, hoch droben im jäh zerklüfteten Hochgebirg, abgelegen, bestaunt von fünf abgehalfterten Musikern, die mit Sack und Pack, mit “einem Pferd und vier Eseln” / “con un cavallo e quattro somari”  zu Fuß zu einem Festival tippeln, bei dem sie ihren großen Karriereschritt erwarten.

Wie so oft, treten retardierende Momente in die Handlung ein. Dass hier ein Bild der guten Mutter vorbeigetragen wird, erweist sich erneut als Hindernis im Fortgang der Handlung. Kein Wunder, dass die menschlichen,  allzumenschlichen Esel zu spät bei dem Festival von Scanzano Ionico ankommen. Sie haben sich ablenken lassen und haben sich verirrt. Das Bild der guten Mutter bedeutet gewissermaßen den Karriereknick der guten Musiker!

Kommentar eines Musiker-Esels zu dem Bild: “Ma – è una negra!” Zu deutsch: “Aber – das ist ja eine Negerin!”

Im Film selbst wird gleich die Erklärung nachgeliefert: Dass die gute Mutter häufig als Negerin, also als Schwarz-Afrikanerin (wie man als guter Antirassist heute sagen muss) dargestellt wird, bedeutet, dass die gute Mutter (Miriam wie sie auf Hebräisch, Meryem wie sie auf Arabisch, Maria wie sie auf Italienisch heißt) als universale Mutter zu verstehen ist, als Brücke zwischen den Kontinenten.  Sie ist eine Brücke zwischen Orient und Okzident, aber nicht nur das: Die “Schwarze Madonna”, wie die gelehrten Kunsthistoriker diesen Bildertyp der guten Mutter Miriam/Meryem/Maria  nennen, verbindet auch Afrika, Asien und Europa. Man came out of Africa! Ähnlich wie dies etwa der gute Vater Augustinus von Hippo (heute: Souk Ahras) lehrt, der ebenfalls des öfteren als Neger dargestellt wird.

Den Film Basilicata Coast to Coast von Rocco Papaleo zeigt heute das Kino Babylon in Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz um 18.30 Uhr. Man sollte ihn ankucken.

Danach mag jeder sich fragen, ob wir heute noch das Bild der guten Mutter brauchen, oder ob es nicht endlich an der Zeit wäre, das Bild der guten Mutter ersatzlos abzuschaffen. Unsere Gesellschaft ist – kräftig unterstützt durch die Politik – seit etwa 41 Jahren eifrigst damit beschäftigt, dies zu tun.