Dez 162015
 

E s’io non fossi impedito dal sasso
che la cervice mia superba doma,
onde portar convienmi il viso basso,

cotesti, ch’ancor vive e non si noma,
guardere‘ io, per veder s’i‘ ‚l conosco,
e per farlo pietoso a questa soma.

„Sind das wieder einmal die bösen Deutschen, die unter der Last der Vergangenheit zusammenbrechen?“, mag sich so mancher fragen, der zum ersten Mal im Berliner Kupferstichkabinett Botticellis Zeichnung zu Dantes elftem Gesang aus dem Purgatorio erblickt. Wir selbst besuchten in kleinem Kreise, auch um diese Frage zu klären, die Ausstellung „Der Botticelli-Coup“ ein zweites Mal am Samstag vergangener Woche.

Die Antwort ist dank der klug und sparsam informierenden Hinweise des Kuferstichkabinetts eindeutig: Nein, es sind diesmal nicht die bösen Deutschen im elften Gesang, welche unter ihrer Vergangenheit ächzen und stöhnen! Vielmehr kriechen hier italienische ruhmsüchtige Ritter und Künstler wie riesige Käfer umher. Auf dem Rücken sind ihnen Felsklötze aufgebürdet. Schier endlos lastende Schuld drückt sie nieder. Streckfuß übersetzt diese Stelle aus dem elften Gesang im Purgatorio der Göttlichen Komödie (XI, 52-57):

Und drückte nicht der Stein nach Gottes Schluß
Den stolzen Nacken jetzt der Erd’ entgegen,
So daß ich stets zu Boden blicken muß,

So würd’ ich nach ihm hin den Blick bewegen,
Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt,
Erkenn’, und um sein Mitleid zu erregen.

Ist das alles Schuld, die nicht vergehen mag? Nein! Die Antwort des Guglielmo Aldobrandesco deutet es an: Er versucht erstens sich umzuschauen, um dem fragenden Paar der Wanderer den Weg zu weisen. Er hofft auch darauf, den Menschen zu kennen, der ihn nach dem Weg fragt. Er baut darauf, einem anderen Menschen dienlich zu sein und dadurch auch pietà, also Mitgefühl, Erbarmen zu erlangen.

Der Dreischritt aus

Erkenntnis des hilfsbedürftigen Nächsten
Dienst am Nächsten
Erbarmen des Anderen

zeigt hier buchstäblich den Weg aus endlos lastender Schuld. Eine Hoffnung zwar nur, aber eine lebendige Zuversicht, die Dante und Botticelli aufweisen! Für den Luther der vierten Wittenberger These war ein solcher Ausweg aus endlos lastender Schuld nur schwer oder eigentlich überhaupt nicht denkbar, kaum oder überhaupt nicht glaubhaft. Luther schrieb ja: Pena rimanet usque ad introitum regni celorum, die strafende Pein bleibt bis zum Anbruch des Himmelreiches bestehen.

Dante beweist es hier und an anderen Stellen im Purgatorio: Schuld muss nicht endlos lasten. Sie kann gelöst und ausgelöscht werden durch Erkennen der eigenen Verfehlung, durch Umwendung, Zuwendung und Hinwendung zum Nächsten. Das Erbarmen zwischen den Menschen kann die Befreiung von lastender Schuld bewirken. Eine ungeheuerliche, eine revolutionäre Möglichkeit!

Auf lateinisch hieße das: Misericordia hominis efficit gratiam. Gratia efficit misericordiam hominis. Die Gnade bewirkt das Erbarmen zwischen den Menschen.

Jesus selbst, auf den wir uns hier beziehen, hat im Johannesevangelium (20,23) einen ganz ähnlichen Gedanken ausgedrückt. Er spricht den Menschen, also allen Menschen, die ihm darin nachfolgen, diese ungeheuerliche Kraft des Verzeihens, des Nachlassens der Sünden zu:

In der Sprache Platos:
ἄν τινων ἀφῆτε τὰς ἁμαρτίας ἀφέωνται αὐτοῖς

In der Sprache Dantes nach heutigem Gebrauch:
A chi rimetterete i peccati saranno rimessi

In der eigenständig weiterführenden Ermunterung Dantes (Purgatorio XI):
Noi lo mal ch’avem sofferto perdoniamo a ciascuno

In der Sprache Luthers:
WELCHEN JR DIE SÜNDE ERLASSET / DEN SIND SIE ERLASSEN

Bild:

Ein Blick in Dantes Purgatorio, vom ersten Ring des Fegefeuers aus gesehen. In: Ausstellungskatalog:
Der Botticelli-Coup. Schätze der Sammlung Hamilton im Kupferstichkabinett, S. 114-115.
Kupferstichkabinett. Ausstellung. Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz, 16.10.2015 bis 24.01.2016, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr

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Nov 122015
 

Πᾶσα ψυχὴ ἐξουσίαις ὑπερεχούσαις ὑποτασσέσθω. „Jede Seele soll sich den herrschenden Institutionen einordnen“, so (in eigener Übersetzung) der bekannte Briefeschreiber Paulus von Tarsos im Römerbrief, Kapitel 13. Eine unendlich oft – auch von Luther selbst – kommentierte Stelle! Für die Entstehung der lutherischen Kirchen ab 1517 und vor allem für das Verhältnis zwischen irdischen Gewalten und Christengemeinden bereits ab dem ersten Jahrhundert nach Christus von überragender Bedeutung.

Das gilt auch heute noch, wie ein Blick die WELT vom heutigen Tage lehrt (S.6)!

Humanität und Menschenwürde kennen keine Grenzen„, so Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nun? Was folgt daraus? Hat denn irgendjemand behauptet, dass Humanität und Menschenwürde nur in Deutschland zu finden seien, und außerhalb Deutschlands (also z.B. in Luxemburg) keine Humanität und Menschenwürde zu leben seien?

„Wir brauchen keine Grenzen“, „No borders!“, „keine Nationalstaaten mehr!“, „wir brauchen mehr Europa“, „wir brauchen mehr WELT, wir leben in EINER Welt, weg mit den Grenzen, weg mit dem Staatsrecht, weg mit dem Rechtsstaat, weg mit den Institutionen!“

Fast schon verzweifelt lehnen sich noch vereinzelte Stimmen wie etwa der ehemalige deutsche Verfassungsrichter Udo di Fabio, der ehemalige Verfassungsrichter Roman Herzog gegen die Begeisterung für grenzenlose Barmherzigkeit, gegen die kühne, handstreichartige Außerkraftsetzung des institutionell verankerten Rechtsrahmens auf.

„Der Nationalstaat liegt als Projekt hinter uns! Wir brauchen mehr Europa!“

„Das neue Deutschland nach 1949 und 1989 hat seine großen Erfolge in der Wirtschaft-, Sozial- und Außenpolitik nicht als klassischer Nationalstaat, sondern als ein demokratisches, weltoffenes und in Europa integriertes Land erzielt.“

So zuletzt – nur als ein Beispiel von vielen – Heiner Geißler von der CDU. Nun, dem vermag ich in aller Bescheidenheit nicht so schnell zu folgen.

Ich selbst meine, dass der auf Recht gestützte Staat, also der „klassische Verfassungsstaat“ noch nicht ganz ausgedient hat. Der klassische Verfassungsstaat (etwa Frankreich, Deutschland, Polen, Ungarn…) hätte erst dann ausgedient, wenn die Souveräne dieser Staaten, also die Völker, sich dazu verständigt hätten, sich als „postklassischer übernationaler Verfassungsstaat“ zusammenzuschließen. Und das haben sie noch nicht getan. Einige Völker der EU, z.B. die Franzosen, haben dies sogar ausdrücklich per Volksabstimmung abgelehnt.

Ich bekenne mich als ein Anhänger des klassischen parlamentarischen Verfassungsstaates mit seiner klassischen Gewaltenteilung; ich bin ein (übrigens auch durch öffentlichen Eid) eingeschworener Anhänger der derzeit bestehenden Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland.

Selbstverständlich bin ich für die Einhaltung aller internationalen Verpflichtungen, die Deutschland eingegangen ist.

Selbstverständlich soll man Menschen vor Not, Elend und Hunger bewahren; aber eine komplette – auch nur vorübergehende – Außerkraftsetzung des geltenden Rechts wäre das berühmt-berüchtigte „Paradies auf Erden“. Ein Schritt ins Verderben.

Die Genfer Flüchtlingskonvention, das Völkerrecht, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, die vertraglichen Verpflichtungen aus den EU-Verträgen, der methodische und rechtliche Vorrang des Bundestages vor der Bundesregierung, das sind die Grenzen, an denen wir nicht rütteln sollten, an denen aber derzeit tatsächlich heftig gerüttelt wird.

Wir brauchen nicht einmal Paulus Rö 13, um an die Einhaltung der geltenden Rechtsordnung zu erinnern.

Nachweise:
Antieuropäische Ressentiments: Nationales Gedankengut wird hoffähig | Geißlers Nachschlag – Berliner Kurier – Lesen Sie mehr auf:
http://www.berliner-kurier.de/geisslers-nachschlag/antieuropaeische-ressentiments-nationales-gedankengut-wird-hoffaehig,11561998,25797542.html#plx1435918713

http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article148748357/Fluechtlingskrise-reisst-eine-Wunde-in-deutsches-Recht.html

Bild:
Ein Blick in Dantes Inferno, vom Rande des Europa-Rechts her gesehen. In: Ausstellungskatalog:
Der Botticelli-Coup. Schätze der Sammlung Hamilton im Kupferstichkabinett. Kupferstichkabinett. Ausstellung. Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz, 16.10.2015 bis 24.01.2016, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr

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 Posted by at 14:38
Okt 132015
 

„Je weiter du weggehst, desto weiblicher wird Jesus.“ Navid Kermani, der dies schreibt, hat etwas in Worte gefasst, was mich insbesondere an den Zeichnungen Sandro Botticellis immer wieder berührt und berückt: das Weiche, das Gelinde, Fließende seiner Liniengebung, besonders gut fassbar in seinen Zeichnungen zu Dantes Göttlicher Komödie, die ja ab übermorgen wieder im Berliner Kupferstichkabinett meinen ungläubig staunenden Augen geboten werden. Ich freue mich schon darauf. Wiedersehen macht Freude.

Es ergeht mir schließlich bei Botticellis Gemälden, mehr aber noch in Botticellis Zeichnungen so, dass jeder strenge, richtende, urteilende, verurteilende Blick geschmeidiger wird, man könnte sagen: das strenge Auge löst sich, es fühlt sich mild und weich. Man glaubt an diesen affetto, an diese unwillkürlich anrührende Gefühlsregung. Ich glaube, ein Lächeln zu sehen, ein Tränen des Auges, hinter dessen Schlieren alles Grobkantige ins Schwingen gebracht wird. Dante beschreibt das hier Angedeutete so (Paradiso VI, 121-123):

Quindi addolcisce la viva giustizia
in noi l’affetto sì, che non si puote
torcer già mai ad alcuna nequizia.

Selbst noch in Botticellis Kreuztragung, in der Pinakothek von Kermani alleine vierzig, fünfzig Minuten lang ungläubig bestaunt, verliert der härteste, der letzte Gang, der Weg des Kreuzes viel von seiner Härte, von seiner eklatanten, schreienden Ungerechtigkeit, seiner krassen nequizia! Er wird zum Tanz der herannahenden Befreiung.

Und so fand ich soeben auch nach einigem Nachdenken (40, 50 Minuten lang) die richtige Übersetzung für Jesu Wort (Matthäus 11,30):

ὁ γὰρ ζυγός μου χρηστὸς καὶ τὸ φορτίον μου ἐλαφρόν ἐστιν

Denn mein Joch ist wohltuend und meine Last ist geschmeidig.

Hinweise:
Der Botticelli-Coup. Schätze der Sammlung Hamilton im Kupferstichkabinett. Eröffnung der Ausstellung am Donnerstag, 15.10.2015, 19 Uhr (Eintritt zur Eröffnung frei). Kupferstichkabinett. Ausstellung. Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz, 16.10.2015 bis 24.01.2016, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr

Sandro Botticelli: Kreuztragung. Tempera auf Leinwand. Pinacothèque de Paris.

Zu diesem Bild:
Navid Kermani: „Schönheit“ in: ders., „Ungläubiges Staunen“. Über das Christentum. C.H. Beck Verlag, München 2015, S. 44-49

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 Posted by at 15:58
Jun 062014
 
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Königin Luise 2014-06-01 13.55.09
Königin Luise 2014-06-01 13.55.09
Meine lieben Leser, es herrscht eine unglaubliche, geradezu arkadische Ruhe und Heiterkeit hier in der Stadt! Übermorgen werde ich eine Museumsführung und eine Dichterlesung mit Dante und Goethe veranstalten. Hier ist meine Einladung:
Kain, auch du in Arkadien?
Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend

Goethe, Faust, V. 4722f.
Liebe Freunde, liebe Kinder, die Gestalt Kains begegnet mehrfach im irdischen Paradies Arkadien. Warum ist das so? Gibt es nach schwerster Schuld einen Neuanfang?
Ausstellung
Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien
Kupferstichkabinett, Kulturforum Berlin-Tiergarten
Unser Treffpunkt: Pfingstsonntag, 8. Juni 2014, nachmittags 15.30 Uhr vor der Königin-Luise-Statue auf der Luiseninsel im Tiergarten, Berlin
Ohne Dante mit Eichhörnchen spielen die Kleinen:
– Finde den Weg durch das Labyrinth der Liebe des Guadagno!
– Zeichne das Eichhörnchen des Marcantonio Raimondi ab!
– Wie viele Saiten hat die Lira da braccio des Gottes Apoll?
Mit Dante ohne Eichhörnchen besprechen die Großen:
1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 1-16
Wir tragen vor:
– Dante Alighieri: Divina Commedia, Purgatorio, canto XXVIII (in italienischer Sprache)
– J.W. Goethe: Faust, Anmutige Gegend, Verse  4613-4727 (in deutscher Sprache)
Wir betrachten einige Drucke im Katalog der Ausstellung, vor allem:
– Agostino Veneziano: Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels
– Cristofano di Michele, genannt Robetta: Adam und Eva mit Kain und Abel
– Sandro Botticelli: Das irdische Paradies. Dante und Matelda
– Giulio Campagnola: Die Buße des hl. Chrysostomus
Anschließend gehen wir nach kurzem Fußweg etwa um 16.30 Uhr in die Ausstellung „Arkadien – Paradies auf Papier“ im Kupferstichkabinett am Kulturforum.
Johannes
P.S.: Es ist ein lockeres privates Treffen ohne beruflichen Anspruch. Kinder jedes Alters sind willkommen.
Eintritt in die Ausstellung für Erwachsene:
6.-, ermäßigt €  3.-
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre: Eintritt frei
Haltestelle Bus 200 Haltestelle Philharmonie
Bus M 29 Haltestelle Gedenkstätte Deutscher Widerstand
S-Bahn oder Bahn Potsdamer Platz
Bild: Die Statue der Königin Luise
 Posted by at 22:49
Jun 042014
 

Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend

So schreibt es Goethe im Faust, Vers 4722f.

Wir erinnern uns: Faust hat ein schweres Verbrechen begangen, das ihn niederdrückt. Seine Schuld ist zu schwer, als dass er sie tragen könnte, „zu groß als das sie mir müge vergeben werden“, wie es im Buch Genesis in Luthers Übersetzung über Kains Fehl heißt.

Geht es weiter? Wie geht es weiter?

Die Gestalt Kains begegnet mehrfach im irdischen Paradies Arkadien. Warum ist das so? Gibt es nach schwerster Schuld einen Neuanfang?
Wir werden diesen Fragen nachgehen, genießen an Pfingsten den flammenden Wohllaut der vielen Sprachen und die zarte Augenlust einiger früher Drucke aus Italien.

Woher kam die Anregung? Sie kam aus dieser Ausstellung:

Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien
Kupferstichkabinett, Kulturforum Berlin-Tiergarten
Hier sind einige wichtige Aussagen zu Kain aus der jüdischen, christlichen und islamischen Überlieferung:
1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 1-16
Talmud: Traktat Sanhedrin 91 b
Koran: Sure 5, Der Tisch, Vers 27-35

Gibt es Vergessen der Schuld, gibt es einen Neuanfang, gibt es eine tabula rasa?

Dante und Goethe schicken uns an den Fluß Lethe, den Fluß des Vergessens:

ed ecco più andar mi tolse un rio
che ’nver sinistra con sue picciole onde
piegava l’erba che’n sua ripa uscio
Dante Alighieri: Divina Commedia, Purgatorio, canto XXVIII, 25-27

Wir betrachten einige Drucke in der Ausstellung, vor allem:
– Agostino Veneziano: Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels
– Cristofano di Michele, genannt Robetta: Adam und Eva mit Kain und Abel
– Sandro Botticelli: Das irdische Paradies. Dante und Matelda
– Giulio Campagnola: Die Buße des hl. Chrysostomus

Katalog: Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Hgg. von Dagmar Korbacher. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014

 Posted by at 10:18