Belebende Sterne

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Apr 072018
 


Io ritornai da la santissima onda rifatto sì come piante novelle rinnovellate di novella fronda com’è puro e disposto a salire alle stelle.

88 weltweit anerkannte Sternbilder gibt es. Ihre Namen gehen zum Teil auf antike Sternsagen zurück. Ursa major, Haar der Berenike, Perseus, Pegasus, Phoenix … der munter erzählende Astronom in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte bot uns gestern nacht einen sehr aufschlussreichen Sternenspaziergang. Wir fanden auch den Polarstern, indem wir fünf Mal die Hinterachse des Großen Wagens abtrugen, der Teil des Großen Bären, Ursa maior, ist.
In jeder Betrübnis, die Geist und Sinn gefangen hält, kann der Mensch sich wieder durch Betrachtung des gestirnten Himmels aufrichten. Die oben angeführten Verse vom Ende des Purgatorio beweisen dies. Dante fühlt sich nach längeren Gesprächen über die Unzuverlässigkeit seiner Erinnerung erschöpft. Der Anblick des Sternenhimmels macht ihn neu. Er gewinnt Zutrauen, er gewinnt seine Erinnerung zurück. Er fühlt sich wie ein begrünter Zweig, der mit frischem Laub wiederbelebt wird.
Die unendliche Größe der Welt, die uns gestern vor Augen geführt wurde, wird aufgewogen durch die strahlende, überschießende Freude beim Anblick des ersten zarten Grüns und dieser frischen Weidenkätzchen im Schöneberger Südgelände.

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Dà oggi a noi la cotidiana manna. Zur vierten Bitte des Vaterunser

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Feb 162018
 


23. 4. 81 – Palazzo vecchio, Firenze: Lettura su Dante.

Diesen handschriftlichen Eintrag entdecke ich in schwarzer Tinte in meinem reichlich mitgenommenen Exemplar der Commedia des Dante Alighieri. Soeben fand ich das schmucklose Taschenbuch in meinem Billy-Regal. Dante begleitet mich als lo duca mio seit Jugendjahren, genauer: seit ein Lateinlehrer irgendwann uns Buben in der neunten Klasse einfach so die Anfangsverse der Commedia rezitierte. Ich verstand kein Wort, aber ich verstand den Klang, ich verstand instinktiv die Sprachmusik Dantes, ich verstand: das ist Poesie.

Bei meiner ersten Fahrt nach Florenz im Jahr 1981 besuchte ich meine erste Lectura Dantis, erneut verstand ich wenig. Aber ich verstand: Das ist Philologie! Nur durch den öffentlichen Vortrag, die öffentliche Erläuterung eines solchen überragenden Werkes kann sich seine ungeheure Lebendigkeit erweisen.

Genug der Erinnerungen, zurück zu den drängenden Fragen der Jetztzeit! Der Theologe Eckhard Nordhofen wirft 2 Jahrtausenden Übersetzungsgeschichte vor, fast die gesamte Christenheit bete heute das Vaterunser mit einem eingebauten kapitalen Übersetzungsfehler. Die Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“ sei falsch und widersinnig übersetzt. Es gehe gerade nicht um das gerade biologisch Lebensnotwendige, sondern um das im höheren Sinne Notwendige, das Hinzukommende, das Überwesentliche, das vom Himmel Fallende – das himmlische Brot: panis supersubstantialis. Die amtlichen Übersetzungen des Vaterunser in den unterschiedlichsten Sprachen (deren einige wir überprüft haben, darunter Russisch) seien grundfalsch. Eine taugliche Übersetzung dürfe nicht „unser tägliches Brot“, sondern müsse in etwa „unser überwesentliches, unser himmlisches Brot“ lauten.

Andere heutige Theologen und Bibelausleger wiederum – genannt seien hier Gianfranco Ravasi und Joseph Ratzinger – beharren in guter Kenntnis des textkritischen Befundes seit längerem darauf, das „tägliche Brot“ meine zunächst einmal das unmittelbare Lebenstaugliche, allenfalls sekundär mit hineingelegt und mitgedacht auch etwas hohes Hinzutretendes, ein „Epiphänomen“ der Gnade also.

Was hätte wohl Dante zu dem seit Jahrhunderten schwelenden brandaktuellen Zwist gesagt?

Bei seiner öffentlichen Lectura Dantis in Hamburg wies uns am vergangenen Dienstag der Schauspieler, Essayist und Philosoph Franco Ricordi darauf hin, Dante habe die vierte Bitte des Vaterunser eigenwillig übersetzt.

Wie? Nun, lesen wir zunächst noch einmal das griechische Original:

τὸν ἄρτον ἡμῶν τὸν ἐπιούσιον δὸς ἡμῖν σήμερον

Dante gibt nun in seiner Umschreibung des Vaterunser in Purgatorio XI,13 diesen Vers Mt 6,11 so wieder:

Dà oggi a noi la cotidiana manna –

also zu deutsch etwa:
Gib heute uns das tägliche Manna

oder als stumpf schließender Endecasillabo con uscita tronca, das heißt mit 10 metrischen Silben:

Gib heute uns das täglich Himmelsbrot

Dante kommt damit dem Übersetzungsvorschlag Nordhofens, das ἄρτον ἐπιούσιον als himmlisches Brot zu übersetzen, erstaunlich nahe. Oder besser: Nordhofen kommt dem Übersetzungsvorschlag Dantes erstaunlich nahe.

Der Befund ist klar: Nicht die ganze Christenheit irrte! Dante hat wie einige andere seiner Zeitgenossen auch mit unerhört kühnem Ausgriff eine jahrhundertelange Übersetzungsquerele beizulegen versucht, die uns bis zu diesem Augenblick beschäftigt. Hat er es geschafft? Die Entscheidung liegt beim Du, sie liegt bei dir, o Bittender!

Ein Blick zurück in Demut ist nie verkehrt, sonst dreht man sich im Kreislauf der ewigen Wiederkehr!

Womit übrigens Dante recht behielte, wenn er sagt (Inf. XI, 13f.) :

Dà oggi a noi la cotidiana manna
sanza la qual per questo aspro deserto
a retro va chi più di gir s’affanna

Wir übersetzen abschließend Dantes drei Verse nunmehr:

Gib heute uns das täglich Himmelsbrot,
Fehlt es daran, so sehr wir uns im Kreis drehn,
Führt rückwärts uns der Weg in Wüstennot.

Dante Alighieri: La Divina Commedia. A cura di Fredi Chiappelli. Grande universale Mursia, 4a edizione, Milano 1976, p. 228-229 (Purgatorio, canto XI vv. 13-15)

Nestle-Aland: Novum testamentum graece, ed. vicesima septima, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1999, Seite 13 [Mt 6,11]

Eckhard Nordhofen: Brot. Ein hapax für jeden Tag. Merkur 72 (824), Januar 2018, S. 86-93

Joseph Ratzinger: „Unser tägliches Brot gib uns heute“, in: derselbe, Jesus von Nazareth. Erster Teil. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2007, hier besonders: S. 185-191

Gianfranco Ravasi: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ in: derselbe, Fragen und Verstehen. 150 Antworten des Glaubens. Aus dem Italienischen von Gabriele Stein. Mit einem Geleitwort von George Augustin. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, S. 289-292

Bild: Die Märzensonne scheint schon wolkenverhangen im winterlichen Februar. Sie wird die Blumenzwiebeln wecken. Aufnahme aus dem Schöneberger Südgelände, 12.02.2018

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Doch muß man glauben! – Muß man?

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Nov 292016
 

Eine der nicht eben zahlreich20160514_130355en Stellen, in denen Dante ausnahmsweise die Rolle des Lehrenden, nicht wie üblich die Rolle des zu Belehrenden, des eifrig Lernenden einnimmt, finden wir im 19. Gesang des Inferno.

„Fatto v’avete Dio d’oro e d’argento
e che altro è da voi a l’idolatre,
se non ch’elli uno, e voi n’orate cento?“

„Ihr habt euch Gott gemacht aus Silber und aus Gold,
und worin seid ihr anders als der Götzendiener,
als daß ihr hunderten, doch er nur Einem hold?“
(eigene Übersetzung des hier Schreibenden)

Muß man glauben an Einen, oder darf man auch an hundert Götter glauben?

Seit der Erzählung vom Goldenen Kalb ist die abendländische Überlieferung gespickt mit Warnungen vor der Vergötterung von Gold und Geld. Karl Marx, der Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus, schleudert seinen gehässigen Bannstrahl auf das Volk, dem er doch entstammt, indem er in seiner Schrift „Zur Judenfrage“ das Judentum als „Religion des Geldes“ bezeichnet. Moses selbst zweifelt an seiner Aufgabe, als er sieht, wie sein Volk Israel einem selbstgemachten Gott huldigt. Er zertrümmert die Gesetzestafeln, die er eben erst auf dem Sinai empfangen hat. Und Dante zählt im 19. Gesang der Hölle mit dem Papst Nikolaus III., dem Apostel Judas und mit der Konstantinischen Schenkung des Kirchenstaates an Papst Silvester I., einer der wirkungsvollsten Geschichtsfälschungen  des Abendlandes, eine lange Reihe von Sünden auf, in denen der Glaube an die Heilkraft und die Macht des Geldes die Christen in die Irre geführt hat und auch weiterhin führt. Für Mose, Dante Alighieri, Karl Marx und einige andere, darunter auch Fausts Gretchen, stand fest: Das Geld und das Gold kann niemals die Grundlage der Glückseligkeit sein. Es kann nicht das Fundament sein, auf das sich echter Glaube stützt.

 

Doch muß man glauben!
Muß man?

 

Bild: Mailand: ein Blick auf Kathedralen des Geldes

 

Quellen:

Die Bibel, Zweites Buch: „Und das sind die Namen“/ „Auszug“, hierin insbesondere Kapitel 32. Zum Beispiel nach folgender Ausgabe: Neue Jerusalemer Bibel. Herder Verlag Freiburg Basel Wien, 1. Auflage der Sonderausgabe 2007, Buch Exodus, Kapitel 32, S. 119-121

Dante Alighieri: La Divina Commedia. A cura di Fredi Chiappelli. Grande universale Mursia, 4a edizione, Milano 1976, p. 108-112 (Inferno, canto XIX, insbesondere vv. 112-114)

Karl Marx: Zur Judenfrage, in: Karl Marx: Die Frühschriften. Herausgegeben von Siegfried Landshut. 7. Auflage. Neu eingerichtet von Oliver Heins und Richard Sperl. Geleitwort von Oskar Negt. Stuttgart: Kröner 2004 [=Kröners Taschenausgabe; Band 209] S. 237-274, hier bsd. S. 268-270

 

 

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„Pecore matte“?, oder: Sind Schafe immer „lammfromm“ oder „gut“?

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Mai 302016
 

Eine unerschöpfliche Quelle von Beobachtungen bieten die Hornschafe im Natur-Park Schöneberger Südgelände! So manche gute Stunde habe ich damit verbracht, sie anzuschauen. Und so heißt diese Rasse ja denn auch: „Guteschaf“, wobei „Gute-“ sich auf die Herkunft dieser Spielart bezieht, nämlich Gotland in Schweden. Die Widder tragen spiralförmige prachtvolle Hörner, die Hörner der Auen sind krumm wie eben die Krummhörner.

Hier eine Aufnahme vom 26. Mai 2016. Erstaunlich sind die schnellen Läufe einzelner Tiere, das spielerische Rangeln und Raufen, das heftige Aufeinanderprallen kämpfender Widder. Zu Beginn ist eine niesende Aue zu hören und zu sehen. Das gesamte Sozialverhalten der geselligen Tiere weicht stark von dem der üblichen Hausschafe ab. Die Herde zeigt starke selbstregulatorische Verhaltensmuster: Ruhen, Äsen, Spielen, Kämpfen, Fellwechsel scheinen sich von selbst in dieser Lebensgemeinschaft „einzuspielen“. Als ich sie heute erneut besuchte, war der Fellwechsel vollzogen. Der dicke Winterpelz, den einige Tiere noch vor wenigen Tagen zeigten, hat sich in großflächigen Abschnitten abgelöst.

Von der angeblichen „Schafsgeduld“ konnte ich wenig entdecken. Im Gegenteil! Die Herde wirkt außerordentlich aktiv, sie gestaltet ein geselliges Leben, sie gestaltet verändernd auch das eigene Lebensumfeld. Die einzelnen Tiere zeigen Neugierde, Anlehnungsbedürfnis, Geselligkeit, Rivalität, Aggression und Gemeinschaftssinn.

Die Antwort auf unserer heutige Frage lautet also: Schafe sind keineswegs nur lammfromm. Dante hatte einst gedichtet: „Siate uomini e non pecore matte – Seid Männer, nicht tumbe Schafe!“ Ich meine, er würde seine vorgeprägte Meinung über Schafe ändern, wenn er sähe, wie ausgelassen Schafe tollen, wie tapfer und mannhaft sie kämpfen können!

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Giovanni Battista, il grande semaforo della modernità

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Jan 102016
 

Johannes IMG-20160110-WA0015 (1)

Avete il novo e ‚l vecchio Testamento
e ‚l pastor de la Chiesa che vi guida
questo vi basti a vostro salvamento

Ihr habt den neuen und den alten Bund
Und auch den Hirten der Gemeinde, der euch leitet
Bescheidet euch damit, so werdet ihr gesund

Soweit die Stimme Beatrices in der Wiedergabe durch Dante (Div. Com., Par. V 76-78), durch uns übersetzt ins Deutsche. Anlaß für eine kleine abendliche Disputation!

Ego:
Aber liebe Beatrice, erlaube eine Frage: „Haben“ wir wirklich ein für allemal das Alte und das Neue Testament?

Beatrice:
Überlege selbst! Ist das so? Kann es einen endgültigen Besitz der Schriften geben? Ich bezweifle dies ebenfalls!

Ego:
Kleine, unmerkliche Rückungen, Umdeutungen, Anverwandlungen! Das ermöglicht mir das tastende Nachlesen des hebräischen und des griechischen Wortlautes der Schriften des alten und neuen Bundes!

Beatrice:
Du tust gut daran! Umdenken, Nach-Denken, Voraus-Denken, das ist der Kern der Johanneischen Botschaft, o Freund! Der Täufer ist nicht selbst das Licht, er ist nicht selbst die Bedeutung, er weist nur hin auf die Bedeutung, er ist ein Träger des Zeichens – ein Sema-Phor!

Ego:
Er ist also … ein Semaforo, wie die Italiener heutigentags sagen! Nennen wir doch deinen Johannes einfach Giovanni Semaforo!

Beatrice:
Du machst mich lachen! „Semaforo“ – das heißt doch Ampel, die „Lichtzeichen-Anlage“ der StVO in deiner geliebten deutschen Sprache?

Ego:
Richtig, Beatrice, ich sehe, du interessierst dich für unsere Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert!

Beatrice:
Sehr wohl! Hast du auch der heutigen Lesung im Gottesdienst zugehört? Hier stand Johannes im Mittelpunkt, der Schutzpatron meiner geliebten Vaterstadt Florenz, die meinen Dante so schnöde zum Tode verurteilt hat und sich heute seiner rühmt, als hätte es nie ein tiefes Zerwürfnis gegeben!

Ego:
Wenn’s dem eigenen Heil und dem Stadtsäckel dient … O ja, ich hörte sehr genau hin, Beatrice! Und ich staunte lange über die Zusendung einer Darstellung aus dem Metropolitan Museum of Art in New York, die mich heute ebenfalls erreichte! Sie zeigt Johannes, wie er das lebendige Zeichen der Gnade Gottes auf den Schultern trägt!

Beatrice:
Er ist – der Hinweisgeber, der Zeichenträger… er ist nicht selbst das Licht …

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Siate uomini, non pecore matte: der Weckruf des Dante Alighieri

 Dante, Selbsthaß, Was ist deutsch?  Kommentare deaktiviert für Siate uomini, non pecore matte: der Weckruf des Dante Alighieri
Jan 092016
 

O mente che scrivesti ciò ch’io vidi!
O Geist, du hast geschrieben, was ich sah!

Wir hörten hier Vers 8 aus dem Gesang II von Dantes Unterwelt.

Als europäischen Dichter schlechthin bezeichneten wir in dieser gegenwärtigen, wühlend-verworrenen Lage Europas einmal Dante Alighieri (1265-1321). Warum ihn?

Er ist vermutlich derjenige europäische Dichter, der den umfassendsten Versuch unternommen hat, das gesamte historische, naturwissenschaftliche, mythologische und religiöse Wissen seiner Zeit in einem einzigen großen Werk einzufangen. Der Enyzklopädist unter den europäischen Dichtern ist er mehr als alle anderen, so wie Aristoteles und Hegel in einem ähnlichen Sinne die beiden großen Enzyklopädisten unter den europäischen Philosophen sein dürften.

Dante bedient sich dabei einer ungeheuren Fülle an Bildern, Geschichten, Verweisen, Zitaten, Umformulierungen: er spiegelt das gesamte damalige Weltwissen in Form eine Reise, die er in Ich-Form erzählt. Der italienische Komiker Roberto Benigni hat vor Jahren dem von seiner Vaterstadt Florenz ausgestoßenen, zum Tode verurteilten Dichter postum eine begeisterte Huldigung gewidmet und scheute dabei nicht davor zurück, den aus der toskanischen Heimatstadt vertriebenen Sohn als größten Dichter aller Sprachen und aller Literaturen überhaupt zu rühmen. Schaut es euch an:

12.000 Italienerinnen und Italiener lauschten Benigni hingerissen, als er den größten Dichter italienischer Zunge auf öffentlichem Platz zu Gehör brachte. „Dante ist unser – wir stehen zu Dante, unser Dante ist der größte aller Zeiten und aller Länder“, diese Botschaft kam bei den Italienern sehr gut an.

Man stelle sich nun einmal vor, ein verdienter deutscher Komiker, nach Rang und darstellerischem Können Roberto Benigni vergleichbar, wie etwa Harald Schmidt, Carolin Kebekus, Fatih Çevikkollu, Anke Engelke, Thomas Gottschalk, Bülent Ceylan oder Stefan Raab würden einen großen deutschen Dichter an einem riesigen Platz vor einem hingerissenen Publikum rühmen und preisen, auswendig vortragen und mit Leib und Seele für ihn kämpfen…!

Unvorstellbar, oder? Die Leute würden nur noch schenkelklopfend lachen, wenn sich einer öffentlich hinstellte und den alten Friedrich Hölderlin, den alten Heinrich Heine, den alten Johann Wolfgang Goethe, den alten Friedrich Schiller oder den alten Rainer Maria Rilke vortrüge… oder niemand würde hingehen.

Was in Florenz geschehen ist, wäre bei uns in Deutschland undenkbar.

Und das ist eben der riesige Unterschied zwischen uns Deutschen und anderen europäischen Völkern! Wir Deutschen haben ein abgründig negativ getöntes Grundverständnis der eigenen Nation. Wir sind – einige Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg – gewissermaßen durch die ab 1945 geborene geistig-moralische Elite unseres Landes gebrainwasht worden. Wir stehen auf permanentem Kriegsfuß mit uns selbst. Wir verweigern die kräftigende Milch, die aus den reichen Beständen unserer deutschsprachigen kulturellen Überlieferung fließt, wir spucken sie buchstäblich aus, wir trampeln auf ihr herum.

Statt Schiller, Kant oder Goethe wieder an den Schulen oder zuhause zu lesen (von Homer oder Shakespeare ganz zu schweigen, die sind ebenfalls abgemeldet), entlarven wir gerne wieder einmal mit wissenschaftlicher Akribie eines der vielen nationalsozialistischen Lügengebäude. Wir hängen sozusagen lauter kleine Zettelchen dran, an denen steht: „Aufgepasst, alles Quatsch, was der böse Mann aus Österreich da schreibt!“ … und wir bekennen uns mutig und stolz zum Antifaschismus sowie zur gränzenlosen Liebe zum Euro, zu Europa, zu Afrika und zu Asien und zu allen Menschen, die anders sind als wir.

Und Dante? Er könnte uns Deutschen entgegenhalten:

Se mala cupidigia altro vi grida
Uomini siate, e non pecore matte
sì che ‚l giudice di voi tra voi non rida!
Non fate com’agnel che lascia il latte.

Wenn schriller Selbsthaß in euch wacht,
seid mannhaft, keine blöden Schafe,
Daß nicht der innre Richter euch verlacht,
Wenn Milch ihr ausspuckt euch zur Strafe.

(eigene Übersetzung des leicht veränderten Originals)

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Dez 162015
 

E s’io non fossi impedito dal sasso
che la cervice mia superba doma,
onde portar convienmi il viso basso,

cotesti, ch’ancor vive e non si noma,
guardere‘ io, per veder s’i‘ ‚l conosco,
e per farlo pietoso a questa soma.

„Sind das wieder einmal die bösen Deutschen, die unter der Last der Vergangenheit zusammenbrechen?“, mag sich so mancher fragen, der zum ersten Mal im Berliner Kupferstichkabinett Botticellis Zeichnung zu Dantes elftem Gesang aus dem Purgatorio erblickt. Wir selbst besuchten in kleinem Kreise, auch um diese Frage zu klären, die Ausstellung „Der Botticelli-Coup“ ein zweites Mal am Samstag vergangener Woche.

Die Antwort ist dank der klug und sparsam informierenden Hinweise des Kuferstichkabinetts eindeutig: Nein, es sind diesmal nicht die bösen Deutschen im elften Gesang, welche unter ihrer Vergangenheit ächzen und stöhnen! Vielmehr kriechen hier italienische ruhmsüchtige Ritter und Künstler wie riesige Käfer umher. Auf dem Rücken sind ihnen Felsklötze aufgebürdet. Schier endlos lastende Schuld drückt sie nieder. Streckfuß übersetzt diese Stelle aus dem elften Gesang im Purgatorio der Göttlichen Komödie (XI, 52-57):

Und drückte nicht der Stein nach Gottes Schluß
Den stolzen Nacken jetzt der Erd’ entgegen,
So daß ich stets zu Boden blicken muß,

So würd’ ich nach ihm hin den Blick bewegen,
Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt,
Erkenn’, und um sein Mitleid zu erregen.

Ist das alles Schuld, die nicht vergehen mag? Nein! Die Antwort des Guglielmo Aldobrandesco deutet es an: Er versucht erstens sich umzuschauen, um dem fragenden Paar der Wanderer den Weg zu weisen. Er hofft auch darauf, den Menschen zu kennen, der ihn nach dem Weg fragt. Er baut darauf, einem anderen Menschen dienlich zu sein und dadurch auch pietà, also Mitgefühl, Erbarmen zu erlangen.

Der Dreischritt aus

Erkenntnis des hilfsbedürftigen Nächsten
Dienst am Nächsten
Erbarmen des Anderen

zeigt hier buchstäblich den Weg aus endlos lastender Schuld. Eine Hoffnung zwar nur, aber eine lebendige Zuversicht, die Dante und Botticelli aufweisen! Für den Luther der vierten Wittenberger These war ein solcher Ausweg aus endlos lastender Schuld nur schwer oder eigentlich überhaupt nicht denkbar, kaum oder überhaupt nicht glaubhaft. Luther schrieb ja: Pena rimanet usque ad introitum regni celorum, die strafende Pein bleibt bis zum Anbruch des Himmelreiches bestehen.

Dante beweist es hier und an anderen Stellen im Purgatorio: Schuld muss nicht endlos lasten. Sie kann gelöst und ausgelöscht werden durch Erkennen der eigenen Verfehlung, durch Umwendung, Zuwendung und Hinwendung zum Nächsten. Das Erbarmen zwischen den Menschen kann die Befreiung von lastender Schuld bewirken. Eine ungeheuerliche, eine revolutionäre Möglichkeit!

Auf lateinisch hieße das: Misericordia hominis efficit gratiam. Gratia efficit misericordiam hominis. Die Gnade bewirkt das Erbarmen zwischen den Menschen.

Jesus selbst, auf den wir uns hier beziehen, hat im Johannesevangelium (20,23) einen ganz ähnlichen Gedanken ausgedrückt. Er spricht den Menschen, also allen Menschen, die ihm darin nachfolgen, diese ungeheuerliche Kraft des Verzeihens, des Nachlassens der Sünden zu:

In der Sprache Platos:
ἄν τινων ἀφῆτε τὰς ἁμαρτίας ἀφέωνται αὐτοῖς

In der Sprache Dantes nach heutigem Gebrauch:
A chi rimetterete i peccati saranno rimessi

In der eigenständig weiterführenden Ermunterung Dantes (Purgatorio XI):
Noi lo mal ch’avem sofferto perdoniamo a ciascuno

In der Sprache Luthers:
WELCHEN JR DIE SÜNDE ERLASSET / DEN SIND SIE ERLASSEN

Bild:

Ein Blick in Dantes Purgatorio, vom ersten Ring des Fegefeuers aus gesehen. In: Ausstellungskatalog:
Der Botticelli-Coup. Schätze der Sammlung Hamilton im Kupferstichkabinett, S. 114-115.
Kupferstichkabinett. Ausstellung. Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz, 16.10.2015 bis 24.01.2016, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr

P XI 20151213_161525

 Posted by at 14:48
Okt 132015
 

„Je weiter du weggehst, desto weiblicher wird Jesus.“ Navid Kermani, der dies schreibt, hat etwas in Worte gefasst, was mich insbesondere an den Zeichnungen Sandro Botticellis immer wieder berührt und berückt: das Weiche, das Gelinde, Fließende seiner Liniengebung, besonders gut fassbar in seinen Zeichnungen zu Dantes Göttlicher Komödie, die ja ab übermorgen wieder im Berliner Kupferstichkabinett meinen ungläubig staunenden Augen geboten werden. Ich freue mich schon darauf. Wiedersehen macht Freude.

Es ergeht mir schließlich bei Botticellis Gemälden, mehr aber noch in Botticellis Zeichnungen so, dass jeder strenge, richtende, urteilende, verurteilende Blick geschmeidiger wird, man könnte sagen: das strenge Auge löst sich, es fühlt sich mild und weich. Man glaubt an diesen affetto, an diese unwillkürlich anrührende Gefühlsregung. Ich glaube, ein Lächeln zu sehen, ein Tränen des Auges, hinter dessen Schlieren alles Grobkantige ins Schwingen gebracht wird. Dante beschreibt das hier Angedeutete so (Paradiso VI, 121-123):

Quindi addolcisce la viva giustizia
in noi l’affetto sì, che non si puote
torcer già mai ad alcuna nequizia.

Selbst noch in Botticellis Kreuztragung, in der Pinakothek von Kermani alleine vierzig, fünfzig Minuten lang ungläubig bestaunt, verliert der härteste, der letzte Gang, der Weg des Kreuzes viel von seiner Härte, von seiner eklatanten, schreienden Ungerechtigkeit, seiner krassen nequizia! Er wird zum Tanz der herannahenden Befreiung.

Und so fand ich soeben auch nach einigem Nachdenken (40, 50 Minuten lang) die richtige Übersetzung für Jesu Wort (Matthäus 11,30):

ὁ γὰρ ζυγός μου χρηστὸς καὶ τὸ φορτίον μου ἐλαφρόν ἐστιν

Denn mein Joch ist wohltuend und meine Last ist geschmeidig.

Hinweise:
Der Botticelli-Coup. Schätze der Sammlung Hamilton im Kupferstichkabinett. Eröffnung der Ausstellung am Donnerstag, 15.10.2015, 19 Uhr (Eintritt zur Eröffnung frei). Kupferstichkabinett. Ausstellung. Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz, 16.10.2015 bis 24.01.2016, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr

Sandro Botticelli: Kreuztragung. Tempera auf Leinwand. Pinacothèque de Paris.

Zu diesem Bild:
Navid Kermani: „Schönheit“ in: ders., „Ungläubiges Staunen“. Über das Christentum. C.H. Beck Verlag, München 2015, S. 44-49

Botticelli_Coup_20151013_141111[1]

 Posted by at 15:58
Jun 062014
 
2014-06-02 11.59.22
Königin Luise 2014-06-01 13.55.09
Königin Luise 2014-06-01 13.55.09
Meine lieben Leser, es herrscht eine unglaubliche, geradezu arkadische Ruhe und Heiterkeit hier in der Stadt! Übermorgen werde ich eine Museumsführung und eine Dichterlesung mit Dante und Goethe veranstalten. Hier ist meine Einladung:
Kain, auch du in Arkadien?
Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend

Goethe, Faust, V. 4722f.
Liebe Freunde, liebe Kinder, die Gestalt Kains begegnet mehrfach im irdischen Paradies Arkadien. Warum ist das so? Gibt es nach schwerster Schuld einen Neuanfang?
Ausstellung
Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien
Kupferstichkabinett, Kulturforum Berlin-Tiergarten
Unser Treffpunkt: Pfingstsonntag, 8. Juni 2014, nachmittags 15.30 Uhr vor der Königin-Luise-Statue auf der Luiseninsel im Tiergarten, Berlin
Ohne Dante mit Eichhörnchen spielen die Kleinen:
– Finde den Weg durch das Labyrinth der Liebe des Guadagno!
– Zeichne das Eichhörnchen des Marcantonio Raimondi ab!
– Wie viele Saiten hat die Lira da braccio des Gottes Apoll?
Mit Dante ohne Eichhörnchen besprechen die Großen:
1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 1-16
Wir tragen vor:
– Dante Alighieri: Divina Commedia, Purgatorio, canto XXVIII (in italienischer Sprache)
– J.W. Goethe: Faust, Anmutige Gegend, Verse  4613-4727 (in deutscher Sprache)
Wir betrachten einige Drucke im Katalog der Ausstellung, vor allem:
– Agostino Veneziano: Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels
– Cristofano di Michele, genannt Robetta: Adam und Eva mit Kain und Abel
– Sandro Botticelli: Das irdische Paradies. Dante und Matelda
– Giulio Campagnola: Die Buße des hl. Chrysostomus
Anschließend gehen wir nach kurzem Fußweg etwa um 16.30 Uhr in die Ausstellung „Arkadien – Paradies auf Papier“ im Kupferstichkabinett am Kulturforum.
Johannes
P.S.: Es ist ein lockeres privates Treffen ohne beruflichen Anspruch. Kinder jedes Alters sind willkommen.
Eintritt in die Ausstellung für Erwachsene:
6.-, ermäßigt €  3.-
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre: Eintritt frei
Haltestelle Bus 200 Haltestelle Philharmonie
Bus M 29 Haltestelle Gedenkstätte Deutscher Widerstand
S-Bahn oder Bahn Potsdamer Platz
Bild: Die Statue der Königin Luise
 Posted by at 22:49
Jun 042014
 

Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend

So schreibt es Goethe im Faust, Vers 4722f.

Wir erinnern uns: Faust hat ein schweres Verbrechen begangen, das ihn niederdrückt. Seine Schuld ist zu schwer, als dass er sie tragen könnte, „zu groß als das sie mir müge vergeben werden“, wie es im Buch Genesis in Luthers Übersetzung über Kains Fehl heißt.

Geht es weiter? Wie geht es weiter?

Die Gestalt Kains begegnet mehrfach im irdischen Paradies Arkadien. Warum ist das so? Gibt es nach schwerster Schuld einen Neuanfang?
Wir werden diesen Fragen nachgehen, genießen an Pfingsten den flammenden Wohllaut der vielen Sprachen und die zarte Augenlust einiger früher Drucke aus Italien.

Woher kam die Anregung? Sie kam aus dieser Ausstellung:

Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien
Kupferstichkabinett, Kulturforum Berlin-Tiergarten
Hier sind einige wichtige Aussagen zu Kain aus der jüdischen, christlichen und islamischen Überlieferung:
1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 1-16
Talmud: Traktat Sanhedrin 91 b
Koran: Sure 5, Der Tisch, Vers 27-35

Gibt es Vergessen der Schuld, gibt es einen Neuanfang, gibt es eine tabula rasa?

Dante und Goethe schicken uns an den Fluß Lethe, den Fluß des Vergessens:

ed ecco più andar mi tolse un rio
che ’nver sinistra con sue picciole onde
piegava l’erba che’n sua ripa uscio
Dante Alighieri: Divina Commedia, Purgatorio, canto XXVIII, 25-27

Wir betrachten einige Drucke in der Ausstellung, vor allem:
– Agostino Veneziano: Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels
– Cristofano di Michele, genannt Robetta: Adam und Eva mit Kain und Abel
– Sandro Botticelli: Das irdische Paradies. Dante und Matelda
– Giulio Campagnola: Die Buße des hl. Chrysostomus

Katalog: Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Hgg. von Dagmar Korbacher. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014

 Posted by at 10:18