Gemeinschaft im persönlichen Gedenken am 9. Mai in Moskau

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Mai 092018
 

Tiefe, sehr bewegende und verwandelnde Eindrücke nehme ich aus dem gemeinsamen Marsch des Gedenkens mit, an dem ich soeben in Moskau teilnahm. Seit etwa 10 Jahren versammeln sich am Tag des Sieges über den Nationalsozialismus, dem 9. Mai, um 15 Uhr die Nachkommen und Angehörige all jener, die im Kampf gegen den Faschismus während der Jahre 1941 bis 1945 ihr Leben unter oft schrecklichsten Umständen verloren; dies waren etwa 40 Millionen Sowjetbürger, die als Kombattanten oder als unbeteiligte Zivilisten zu Opfern des nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskrieges wurden.

Bei diesem Marsch der Trauer und der Erinnerung geht es nicht um Zahlen oder Analysen, sondern um ehrendes Gedächtnis, um Dankbarkeit gegenüber all jenen, die damals im Krieg um das Überleben der Heimat und des Vaterlandes hingemetzelt wurden. Sie kämpften nicht für eine Idee oder für den Kommunismus, sondern für das nackte Überleben des Volkes, für den Fortbestand der russischen Staatlichkeit.

Ich reihe mich zusammen mit russischen Angehörigen und einem russischen Freund ein. Es gibt sogar aus einer originalen sowjetischen Feldküche die damalige Hauptspeise der Soldaten, nämlich Buchweizengrütze mit ein bisschen Fleisch darin. Ivan stellt sich in die Reihe und fordert mich in deutscher Sprache auf näherzutreten. Kaum fallen die deutschen Worte, werde ich bemerkt, ein junges russisches Paar steht vor mir in die Reihe, dreht sich zu mir um und berät flüsternd kurz. Sofort steht ihr Entschluss fest: Sie weichen aus und bitten mich höflich vor. Ich darf zuerst aus dem mir gereichten Plastiknapf essen, dann nehmen sie ihre Portion und lächeln mir zu. Eine wunderbare Geste! Sie zeigt beispielhaft die Würde, den Anstand, die Menschenfreundschaft, den Geist der Versöhnung, mit dem alle Russen mir hier gerade in diesen Tagen begegnen.

Die Trauer, der Schmerz und die Dankbarkeit richten sich auf die Verstorbenen. Über der ganzen Veranstaltung, die in großer Würde verlief, lag ein großes Zutrauen, eine große Verbundenheit mit allem, das lebt. Die Menschen tragen auf Pappschildern Fotos mit dem Namen und den Lebensdaten ihrer Weltkriegsopfer mit sich. Ich schaue in die Gesichter hinein: es sind offene, nahe und sprechende Gesichter. Menschen, denen ich gerne heute begegnen würde.

Als Teilnehmerzahl wurde dieses Mal bei herrlichstem Wetter eine Million gemeldet. Letztes Jahre waren es 800.000 Menschen – Kinder, Greise, Familien, Einzelnen, Freunde.

In der Gegenwart spüre ich bei den Russen keinerlei Groll, keinerlei Ressentiment und schon gar keinen Hass gegenüber uns Deutschen oder Deutschland, sondern Entgegenkommen, freundschaftliches Interesse und echte Anteilnahme.

Und so kann ich mit Trauer, Dankbarkeit und geteiltem Gedenken in dem gewaltigen Zug der Nachfahren mitgehen, mich einreihen in dieses persönliche und doch auch gesellschaftliche Ritual. Zuletzt erreichen wir den Roten Platz auf dem Kreml. Es herrscht Friede, ich kann mitfeiern, mitsummen und mitsingen.

Dies erfahren zu haben, stimmt mich sehr froh.

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I‘ vidi angelici costumi: Агарь и ангел

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Mai 082018
 

Was mochte wohl die rätselhafte Zeile Petrarcas bedeuten:

I‘ vidi angelici costumi e bellezze celesti

Unklar dürfte hier vor allem das Substantiv „costumi“ sein. Im heutigen Sprachgebrauch könnte das Wort Gewohnheiten, Gebräuche, Gebärden, aber auch Gewänder, Anzüge oder Kostüme bedeuten.

Also zu deutsch etwa:
Ich sah engelhafte Gewänder und himmlische Schönheiten

Da aber im älteren Italienisch, etwa bei Dante oder Ariost, „costume“ auch „Eigenschaft“, „Kraft“, „Macht“, ja sogar „Wesen“ meint, scheint auch folgende Übersetzung erlaubt:

Ich sah englische Mächte und himmlische Schönheiten —

Was galt? So sang und sann ich endlos und wunderte mich beim erneuten Lesen und Singen von Liszts meisterhafter Vertonung des Petrarca-Sonetts.

Heute nun löste sich das Rätsel beim Besuch des Puschkin-Museums in Moskau. In der Sonderausstellung „Das Zeitalter Vermeers und Rembrandts. Meisterwerke aus der Leiden Collection“ fand ich das Gemälde Hagar und der Engel von Carel Fabritius.

Die Schau erregt einen Riesenandrang, wie es üblich ist, sobald einer der ganz großen Namen der Kunstgeschichte auf dem Titel steht.

Immer wieder drängten sich Betrachter vor mein gebanntes Auge. Wie sollte man da zur Besinnung kommen!

Und doch: Wie in einer plötzlichen Erscheinung fügten sich da sämtliche 14 Zeilen des Sonetts in eine einheitliche Schau! Gezeigt wird hier die wunderbare Errettung der von Abraham in die Wüste verstoßenen zweiten Ehefrau Hagar und ihres Sohnes Ismael. Dort drohen sie zu verschmachten, da errettet sie aus tiefer Not der Erzengel. Hagar und Ismael überleben, und Ismael wird Stammvater unserer heutigen „Ismaeliten“, also unserer heutigen Moslems.

Ich sah: alles hat hier der niederländische Maler Carel Fabritius hineingemalt:
Die Tränen der Hagar – bei Petrarca: lagrimar –
Das Weh und die Wehen einer Mutter, die ihr sterbendes Kind beweint – bei Petrarca: doglia
die plötzlich hinzutretenden Gewänder eines Engels – angelici costumi
die wunderbaren Kräfte eines göttlichen Boten – angelici costumi
die sprechenden Gebärden eines Verkünders der Rettung – angelici costumi
die urplötzlich aufstrahlende, aus dem Himmel fallende Schönheit Gottes – celesti bellezze

Und genau so etwas, oder so etwas Ähnliches, muss auch Petrarca und Franz Liszt vorgeschwebt haben. Oder auch etwas ganz anderes. Wer weiß dies?

Ich sah die ungeheuerliche, hereinbrechende Macht der Errettung aus Ausweglosigkeit, Hungertod, Verzweiflung! Das ist Schönheit, das ist das Gute, das ist Liebe, die die Angst und den Schmerz verschlingt, das ist unermessliche Gelöstheit und Heiterkeit.

Tanta dolcezza avea pien l’aere e `l vento!

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Schmerzen lindern, Freude gewinnen, oder: „75% der OPs sind überflüssig“

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Mai 022018
 

Guter Beitrag zum Thema „Orthopädische Operationen“ heute in der BZ auf S. 19! Ein Schmerz-Experte spricht die Wahrheit aus: 75 Prozent aller Operationen, die durchgeführt würden, seien überflüssig. In jedem Fall müsse der Patient die Entscheidung treffen. Ein Arzt, der sage, die OP müsse sein, der liege falsch. Das ist die Meinung des Mediziners Dr. Martin Marianowicz.

Wir fragen: Was tun bei Schmerzen im Bewegungs- und Halteapparat? Mehr noch: Wie lindert oder vermeidet man Knie-, Hüft- und Schulterschmerzen?

Ich meine dazu – hoffentlich im Einklang mit der BZ und Dr. Martin Marianowicz – Folgendes:

Das Wichtigste ist eine gesunde Lebensweise. Diese schließt folgendes ein:

1) Tägliche körperliche Bewegung in maßvoller Stärke auch bei Schmerzen! Öfters wiederholte, bewusst ausgeführte Bewegungen scheinen mir dafür am besten geeignet, z.B. zügiges Wandern in freier Luft bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit über mindestens 1 Stunde, Kanupaddeln einen Nachmittag lang, Radfahren einen Vormittag lang, Schwimmen für 30 Minuten. Garten- und Feldarbeit gelenk- und rückenschonend ausführen!

2) Gesunde, abwechslungsreiche, selbst zubereitete und genußvolle Ernährung, mit hohem Anteil an Gemüse der Saison, Salat, Vollkornbrot und Obst!

3) Ausreichende Kleidung an Rumpf, Beinen und Kopf, die insbesondere nasse und kalte Füße, einen unterkühlten Rumpf sowie allzu viel Luftzug und übermäßige Sonneneinstrahlung am Kopf verhindert!

4) Kein Rauchen! Wenig oder auch ruhig gar kein Alkohol oder sonstige Drogen!

5) In der warmen Jahreszeit häufiges längeres Barfußgehen auf nachgiebigem Untergrund!

6) Ausreichende, ungestörte, ablenkungsfreie Nachtruhe in einem abgedunkelten Zimmer; keinerlei Medienkonsum während der Nachtruhe!

7) Singen in Gemeinschaft oder allein hilft bei fast allem – es löst den seelischen Schmerz, hilft zu besserem Atmen, verbessert die Sprechfertigkeit in allen Sprachen, und es steigert den Glauben an das Gute im Menschenleben.

Wer diese sieben guten Ratschläge, dieses mein ganzheitliches Anti-Schmerz-Programm ein ganzes Erwachsenen-Leben lang weitestgehend befolgt, der braucht sich – so glaube ich – in 75% der Fälle heute keine BZ zu kaufen und hat 1 Euro gespart. Und er spart in 75% der Fälle Behandlungskosten von rund 3000 Euro pro Gelenk.

Quelle:
Was hilft, wenn Knie, Hüfte und Schulter schmerzen? Schmerz-Experte hat einen neuen Heilungsansatz bei Arthrose. In: BZ. Zeitung des Jahres. 2. Mai 2018, S. 19

Buchempfehlung:
Arthrose selbst heilen: Das ganzheitliche Anti-Schmerz-Programm von Dr. Martin Marianowicz und Dr. Willibald Walter, Verlag GU, 2017

Bild:
Genussvolles, ausdauerndes, bewusst geführtes, schmerzfreies Kanupaddeln im Spreewald gestern, zwischen Lehde und Lübbenau! Freude einen ganzen Tag lang!

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Apr 152014
 

2014-04-02 15.26.07

Während im Osten unseres gemeinsamen europäischen Hauses Ost und West und Süd zersplittern, Scheiben in Slawjansk bersten, Menschen in Kramatorsk zittern, geschieht still und nahezu unerkannt kleiner, erbetener, willkommener Fortschritt in unserem kleinen Kreuzberger Park!

Am Donnerstag, dem 17. April 2014 wird um 15.30 Uhr die Brücke 10 über die Yorckstraße am Fernradweg Leipzig-Berlin durch den Staatssekretär für Verkehr und Umwelt, Herrn Christan Gaebler eröffnet. Niemand wird dann weiterhin Rollstühle durch den tosenden Verkehr der Yorckstraße schieben müssen.

Und wenige Tage nach einem entsprechenden mahnenden Eintrag in diesem Blog konnten wir die orangfarbenen Warn-Markierungen an den Pollern der Fahrradstraße im Park am Gleisdreieck bemerken.

Der Beweis ist hiermit erbracht: Nicht alles wird schlechter. Im Gegenteil: Die Öffentlichkeit lernt, die Verwaltung tut ihre Pflicht.

Es wird nicht alles gut, aber vieles wird besser.

 Posted by at 23:06
Jan 102014
 

In den letzten Wochen lernte ich von Altenpflegern die rückengerechte Pflege von Behinderten und Alten, die selbst nicht mehr aus eigener Kraft stehen, sitzen, sich hinlegen können: der Helfende muss den eigenen Rücken möglichst gerade halten – dann dem anderen Menschen möglichst nahe kommen, ihn fest mit beiden Armen ergreifen – und ihn dann anheben, aufrichten, hinsetzen, hinlegen usw. Möglichst nie den eigenen Rücken als Hebel nutzen, sondern stets mit Beinen und Armen als Hebeln arbeiten!

Altenpfleger, Erzieher, Grundschullehrer – das sind meine Stars, meine Vorbilder. Von ihnen lerne ich Tag um Tag. Altenpflege – ein wichtiger, schöner, aber auch schwerer Beruf, der viel Fachkunde, Einfühlung und nicht zuletzt auch körperliche Kraft verlangt!

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Was sind wir einander schuldig?

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Aug 042013
 

2013-08-04 17.28.10

Не оставайтесь должными никому ничем, кроме взаимной любви; ибо любящий другого исполнил закон. Ибо заповеди: не прелюбодействуй, не убивай, не кради, не лжесвидетельствуй, не пожелай и все другие заключаются в сем слове: люби ближнего твоего, как самого себя. Любовь не делает ближнему зла; итак любовь есть исполнение закона.

So weit der im türkischen Tarsos geborene Schriftsteller Paulus in seinem Brief an seine Facebook-Gruppe  in Rom, hier vorliegend in russischer Übersetzung. Ein Brief aus der Türkei in die italienische Hauptstadt – vorgelegt in russischer Übersetzung, na bitte, so wächst Europa zusammen! Ich denke, wir sollten derartige Flaschenpost-Botschaften ruhig mal zur Kenntnis nehmen.

Thema: „Was sind wir einander vorschriftsgemäß  in Cent und Euro schuldig?“ Gute Frage, passend in Zeiten der Euro-Krise! Paulus schreibt ungefähr: Ihr seid einander prinzipiell nichts schuldig als wertschätzende Aufmerksamkeit, Hinwendung, Verantwortung für einander.  Paulus nennt diese Haltung mit einem hoffnungslos veralteten Ausdruck „Nächstenliebe“.  Es kommt also letztlich gar nicht so sehr auf Heller und Pfennig, auf Euro und Cent an, sondern auf eine bestimmte Beziehungsqualität zwischen den Menschen der Community.

Ich denke, abgesehen von dem hoffnungslos veralteten Ausdruck Nächstenliebe ist die Flaschenpost OK.

Bild: Am Westhafen in Berlin. Aufnahme vom heutigen Tage.

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Jul 292013
 

2013-07-28 15.33.26

Wieder zurück im Lande! Erster Eindruck von Deutschland: Die Kinder und Jugendlichen und auch wir Älteren sind hierzulande anders drauf.

In der Türkei „gehen sie den Älteren und den Eltern auch mal zur Hand“, bei uns „strecken sie die Hand hin“, um immer mehr auf die Kralle zu kriegen.

In der Türkei sind Behinderte, Alte und kleine Kinder auch in Hotels selbstverständlicher Teil des Alltags, in Deutschland wird wortreich und wohlfeil und zur eigenen Entlastung in weitschweifigen Programmen mehr „Behindertengerechtigkeit“, mehr „Generationengerechtigkeit“, mehr „Familienfreundlichkeit“ von der Politik gefordert. Klingt gut, ist aber meist nur Schall und Rauch. In Deutschland, namentlich in Berlin,  wird fast alles vom Staat erwartet.

In der Türkei praktizieren die Menschen es einfach, was sie für gut und richtig halten: fleißig und redlich arbeiten, auch für ein Gehalt, das den deutschen Sozialhilfesatz nicht erreicht, nicht lügen, nicht betrügen, das gegebene Wort halten, redlich den Lebensunterhalt für Mann und Weib und Kinder verdienen, Fürsorge füreinander, Anteilnahme, Hilfe für die Fremdlinge, denen mit größter Redlichkeit begegnet wird.  Ein Beispiel von vielen: Am Ende standen wir in Istanbul am Taksim-Platz, uns fehlten 10 Lira für die Transferfahrt mit dem Bus zum Flughafen Atatürk. Innerhalb von 30 Sekunden erhielten wir 3 finanzielle Hilfsangebote – 2 von Türken, eins von einer Deutschen, wie ich fairerweise zugeben muss.

Fazit:  Die Menschen der Türkei  leben uns Deutschen vor, was wir auch – ohne jede staatliche Hilfe – haben könnten. Die heutigen Türken, gerade die Kinder und Jugendlichen,  sind im Durchschnitt  auch einfach besser erzogen als wir.

Sehr viele politische Probleme in Berlin und Deutschland sind nämlich ein Problem mangelnder Erziehung, sind überhaupt nicht politischer Art. Es ist einfach zu viel Geld des deutschen Staates im Umlauf, das Begehrlichkeiten weckt.

Mein äußerst positiver Eindruck von den Menschen in der heutigen  Türkei umfasst übrigens alle – angefangen von Zollbeamten, den Angestellten der Turkish Airlines, Busfahrern, Bauern, „Kopftuchmädchen“, „Bikinimädchen“ am Strand, Säkularen, Muslimen, Alten, Behinderten, Unbehinderten, Kindern, Jugendlichen.

„Merke dir, Fremdling, das und tue zuhause das Gleiche!“ So epigrammatisch verknappt  Goethe. Er hatte recht.

Bild: am Taksim-Platz gestern

 Posted by at 15:01

Die umjubelten Heldentaten der Frau mit den rosaroten Rennschuhen

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Jul 012013
 

2013-06-15 13.55.46

http://www.latimes.com/local/lanow/la-me-ln-wendy-davis-took-on-texas-bullies-on-abortion-and-won-20130626,0,5588133.story

http://www.spiegel.de/panorama/wendy-davis-aus-texas-laufschuhe-werden-zum-verkaufsschlager-a-908481.html

Großer, riesiger Erfolg für Wendy Davis, eine Abgeordnete der Minderheitenfraktion der Demokratischen Partei im texanischen Senat! Die rosaroten Laufschuhe, die sie bei ihrem Redemarathon, dem berühmten amerikanischen Filibuster trug, sind der Renner bei Amazon! Die Presse ist begeistert, der deutsche SPIEGEL stimmt mit Pauken und Trompeten, mit Bilderstrecken und Lobesergüssen in den Jubel ein. Auch  der amerikanische Präsident beglückwünscht seine Parteifreundin zu ihrem heroischen Akt, durch den sie verhinderte, dass die republikanische Mehrheit der Abgeordneten einige Einschränkungen beim Recht der Frau auf sichere, gesunde und selbstbestimmte Abtreibung durchgesetzt hätten.

Finster dreinblickende Frauen, die Frauen aus der Mehrheitspartei, der republikanischen Partei, die Abtreibungsgegnerinnen, standen hinter dem Gesetzentwurf. So zeigte sie der SPIEGEL. Fröhlich befreit jubelnde Männer, die Abtreibungsbefürworter, erhoben laut ihre Stimme und fuchtelten mit den Armen von der Zuschauertribüne herab, nachdem der Gesetzentwurf gescheitert war.

Schauen wir uns den Triumph der jubelnden Massen genauer an – vergleichen wir die geplante, aber durch Wendy Davis‘ heroischen Filibuster verhinderte  Einengung des Rechts der Frau auf gesunde, sichere und selbstbestimmte Abtreibung mit unserer Lage in Deutschland!  Das versuchte die Mehrheitsfraktion der Republikaner durch die Gesetzesvorlage durchzusetzen:

1) Eine Abtreibung des Fötus nach der 20. Woche (=etwa 5 Monate alter Fötus)  nach der Befruchtung wäre in Texas grundsätzlich verboten worden; nur bei akuter Gefahr für das Leben der werdenden Mutter wäre sie weiterhin erlaubt gewesen. Grundsätzlich gilt laut US-Bundesrecht, dass die Abtreibung bis zur Überlebensfähigkeit des Fötus außerhalb des Uterus („viability“) erlaubt ist. Nach deutschem Sprachgebrauch ging es also in Texas um die sogenannten Spätabtreibungen, wie sie etwa in China millionenfach gang und gäbe sind – es sind die Fälle, bei denen manchmal die Ärzte dann einen lebendigen Fötus auf dem OP-Tisch haben und nicht so recht wissen, wie sie mit ihm umgehen sollen. Er ist ja an der frischen Luft nur wenige Minuten lebensfähig.

Vergleich mit Deutschland: Mit dieser Gesetzesänderung wäre die Rechtslage in Texas etwas strenger als bisher in den meisten US-Staaten, aber noch bei weitem nicht  so streng wie in Deutschland geworden. In Deutschland ist bekanntlich die Abtreibung des Embryos nur bis zur 12. Woche (etwa 3 Monate)  der Schwangerschaft bei Einhaltung gewisser Beratungspflichten  straffrei und danach nur bei akuter Gefahr für das Leben der Frau zulässig. Das deutsche Recht erkennt auch dem ungeborenen menschlichen Leben grundsätzlich eine gewisse Schutzwürdigkeit zu.

2) Der Schwangerschaftsabbruch hätte nur noch in medizinischen Einrichtungen durchgeführt werden dürfen, die als Tagesklinik ausgestattet gewesen wären, nicht hingegen in rein ambulanten Praxen von niedergelassenen Ärzten.

Vergleich mit Deutschland: Der Eingriff gilt in Deutschland innerhalb der ersten drei Monate in medizinischer Sicht als unproblematisch, etwa 100.000 Abbrüche werden pro Jahr ganz überwiegend ambulant durchgeführt. Von diesen sind etwa 3% durch akute medizinische oder durch kriminologische Notlagen, also durch die Schwangerschaft als Ergebnis einer Vergewaltigung, bedingt.

Wie mag ein Fötus in der 20. oder 24. Schwangerschaftswoche die Abtreibung wohl empfinden? Zwar lernen die Winzlinge bereits in diesem Alter den Klang der mütterlichen Stimme kennen, sie erkennen den mütterlichen Herzschlag, sie reagieren auf seelische Erschütterungen der Mutter. Bewegende Zeugnisse dieser vorgeburtlichen Empfindungsfähigkeit haben mir schwangere Mütter immer wieder berichtet. Sie erleben das Kind bereits vor der Geburt als eine Art inneres Gegenüber, als ein menschliches Wesen, das irgendwie das Leben der Mutter sanft oder auch gewaltsam zu verwandeln beginnt. Durch die Abtreibung wird diese menschliche Beziehung jäh unterbrochen.

Ich persönlich habe das Gefühl, dieses zarte beginnende menschliche Leben verdient Schutz und Hege. So hat es – wie ich meine zu Recht – der deutsche Gesetzgeber auch damals bei der bitter umkämpften Neufassung des § 218 ausdrücklich niedergelegt.

In den USA steht dagegen das Recht der Frau auf ein selbstbestimmtes Leben deutlich vorne. Keine Frau soll Mutter werden, ohne dies zu wollen. Der Wille der Frau entscheidet. Das Recht der Frau auf ein selbstbestimmtes Leben, die absolute Herrschaft über den eigenen Körper behält die Oberhand über dem unerwünschten Leben des menschlichen Winzlings, der zur falschen Zeit am falschen Ort kommt. So legen es die Abtreibungsbefürworter immer wieder dar. Sie verneinen, dass dem menschlichen Leben aus sich heraus grundsätzliche Schutzbedürftigkeit zukomme. Niemand soll der Frau dreinreden, was sie mit ihrem Körper macht, schon gar kein Mann!

Aber wir müssen wieder einmal erkennen, dass moralische Vorstellungen von Land zu Land unterschiedlich  sind. Das zeigt sich etwa im Waffenrecht der USA. Es zeigt sich aber auch im Recht der Frau auf Abtreibung.

Vor wenigen Tagen, genau an dem Tag, als ich gerade von den Heldentaten der demokratischen Abgeordneten Wendy Davis mit den rosaroten Sneakern, die der Renner bei Amazon sind,  gelesen hatte,  hupte mich ein wütender Autofahrer an, weil ich beim Überqueren der Fahrbahn  für ihn nicht schnell genug die Straße räumte. Fast hätte ich ihn, der über sicherlich 140 PS verfügte,  gezwungen, sein Fahrzeug abzubremsen. Ich, der radelnde Winzling stand ihm sozusagen im Weg. Vielleicht hatte er ja eine eilige Besorgung? Ich hinderte ihn gewissermaßen daran, seine Pläne und Vorhaben zügig und straff durchzuführen.

Dennoch durfte ich mich darauf verlassen, dass der Autofahrer im Notfall abgebremst hätte. Obwohl ich der deutlich, der unvergleichlich Schwächere war, obwohl ich zur falschen Zeit am falschen Ort war, hätte er mit größter Wahrscheinlichkeit  mein Leben verschont. Er hätte die Schutzbedürftigkeit des trödelnden Radfahrers sicherlich anerkannt, zumal ja so ein Unfall mit einem Fußgänger oder Radfahrer immer mit vielen Scherereien – Schäden am Kotflügel, Polizeiärger, Versicherungen, Gerichtsverhandlung – verbunden ist.

Ich atmete erleichtert auf: Wie froh dürfen wir doch sein, dass unsere Rechtsordnung allen Menschen von Geburt an ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zuerkennt! Ein Unbehagen bleibt dennoch: Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn das Erreichen der Geburt so eindeutig an die Zustimmung der Mutter gebunden ist? Erscheint es dann nicht so, als „verdankten“ wir wie alle anderen Kinder letztlich dem Willen der Erwachsenen, dass wir geboren werden durften? Entsteht dann nicht der Eindruck, als lebten wir alle sozusagen von Gnaden unserer Mütter?

Diese Gedanken schossen mir bei dem und kurz nach dem Beinahe-Unfall durch den Kopf. Ich konnte ab da dem Erfolg des heroischen Filibusters keinen Jubel abgewinnen. Im Gegenteil. Der Jubel erstickt einem sozusagen im Halse.

Bild: Hier stand einmal ein Baum. 13.06.2013, Kreuzberg, Großbeerenstraße

 Posted by at 00:20

„Ergreift endlich Verantwortung – gestaltet den Wandel“ … genau das ist der ominöse Wertkonservatismus!

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Apr 222013
 

Speriamo che ognuno faccia il suo dovere – wir hoffen, dass jeder seine Pflicht erfüllen möge.

Baff erstaunt kann man über die neuesten Reden von Giorgio Napolitano sein – etwa die vom heutigen Tage!  Und doch sind sie nur ein weiterer Beleg für den tiefgreifenden Wertewandel, den ganz Italien unter unseren Augen in den letzten Jahrzehnten seit etwa 1990 durchlebt hat. Ich erinnere mich noch an Napolitano, als er noch Kommunist innerhalb der KPI war. Beim Einmarsch der Sowjets 1956 in Ungarn verteidigte er die Panzer noch als Wahrer des Friedens. Später kämpfte er für Solidarität mit der Arbeiterklasse, für den Wandel des Kommunismus hin zum „Eurokommunismus“, einer menschenfreundlichen Spielart des Kommunismus, an die damals vor allem Intellektuelle in den kapitalistischen Ländern Süd-Europas und Westberlins glaubten.

http://it.wikipedia.org/wiki/Giorgio_Napolitano

Heute vertritt er  im Grund einen Wertekonservatismus reinsten Wassers, wie ihn bei uns in Deutschland selbst keine CDU-Politikerin mehr zu äußern wagen würde! Von „gesellschaftlicher Ungerechtigkeit“, vom einfühlsamen Sozialstaat, von der Benachteiligung der Arbeiterklasse, von Frauenquoten und derlei phantastischen Gebilden ist nicht mehr die Rede.

Statt dessen geht es heute in Italien um Ehrlichkeit, Anstand, Verlässlichkeit, Fähigkeit des Zuhörens, des Miteinander-Redens, es geht um Gemeinsinn, Bürgersinn, Rechtstreue, Rechtsstaatlichkeit, Pflichterfüllung, Liebe und Treue zum Vaterland Italien, Einheit der Nation, Familie, Stärkung der Institutionen, Mitgefühl mit den Menschen, denen es weniger gut geht. Es geht nicht um den Kampf gegen die Ausbeutung des Menschen, es geht nicht um strukturelle Transformation der Gesellschaft oder der Wirtschaft.

 

Gut gefällt mir auch, dass in Italien kaum mehr alle Schuld auf den mehrfach gewählten früheren Ministerpräsidenten Berlusconi geschoben wird, wie das einige unverbesserliche deutsche Politiker leider bis in jüngste Zeit getan haben. Das Schwarze-Peter-Spiel verfängt nicht mehr. Es zählen nunmehr in Italien auch und gerade für die ehemals linken oder kommunistischen Politiker wie Napolitano die Werte, die es schon gab, als wir alle noch nicht geboren waren. Es sind die zeitüberdauernden Werte der Menschheit, die man weder mit Panzern noch mit viel viel Geld durchsetzen kann. Diese Werte sind von den einzelnen Menschen, den einzelnen Parteien und Unternehmen vorzuleben. Es sind die Werte des individualethischen Denkens.

 Posted by at 22:22

„Erwidere eine üble Tat mit etwas Besserem!“

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Apr 182013
 
Ich finde die vom TBB erwirkte Rüge der UN-Stelle gegen Deutschland sehr ärgerlich. Die Vorstellung des TBB, dass der Staat seine Bürger gerichtlich  vor seiner Meinung nach gefährlichen Meinungen schützen müsse, führt zur Gesinnungssschnüffelei, zu Duckmäusertum, zur Schere im Kopf. Sie ist einer freiheitlichen Demokratie unwürdig. Der TBB fährt eine sehr gefährliche Strategie, nämlich die, die Türkei selbst und das Ausland zunehmend gegen Deutschland in Stellung zu bringen.  Das Ganze scheint darauf hinauszulaufen, dem deutschen Staat seine Unfähigkeit nachweisen zu wollen, die türkische Volksgruppe zu schützen, so dass dann irgendwann  die Türkei, also die Schutzmacht der türkischen und der muslimischen Volksgruppe, sich einmischen müsse. Dem sollten alle besonnene Menschen entgegenwirken!
Diese nationalistische Strategie des TBB kann nur Zwietracht und Unfrieden säen, statt endlich einmal etwas Positives dagegen zu stellen, wie es der Prophet in Sure 41, Vers 34 ausdrücklich anempfiehlt. „Erwidere eine üble Tat mit etwas Besserem!“ Warum nicht mal statt über Sarrazin zu hetzen und petzen mit Sarrazin friedlich und freundlich diskutieren – ? Wie wär’s mit einem nachgeholten Geplauder im Hasir? Man isst sehr gut dort!

 

Rassismus-Vorwürfe: SPD, Grüne und Linke loben UN-Rüge im Fall Sarrazin – Berlin – Tagesspiegel.

 Posted by at 22:23