Wu de Hosen Husn haaßn… oder: Wo sind wir zuhaus?

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Jun 132017
 

Hanne spricht:

Wo de Hosen Husn haaßn
un de Hasen Hosn haaßn
do sei mer drham.

Wo sind die daheim, die so etwas von sich geben? Ein lustiges Rätsel, gar manchem Deutschen unlösbar, und doch ist dies Rätsel ein Kinderspiel im Vergleich zu den Schwierigkeiten, denen sich einer jener Hunderttausenden syrischer, ägyptischer oder eritreischer Migranten gegenübersieht, wenn er im Erwachsenenalter ohne jegliche Vorkenntnisse in einer europäischen Sprache mit dem Lernen des Deutschen als Fremdsprache (DaF)  beginnt!

Hannes erzählt:

Wir recht du hast, Hanne! Gar manche, ja viele Geflüchtete in meinem Bekanntenkreis besuchen seit 10 oder noch mehr Wochen den deutschen Sprachkurs und können immer noch nicht die so wichtigen Konsonanten p/t/k bzw. b/d/g oder die Vokale o (kurz-lang) und u bzw. e und ä unterscheiden oder nachbilden! Sie kennen und können sie nicht. Sie werden stattdessen offenkundig im Sprachunterricht bombardiert und vollgestopft mit geschriebenen Texten und Formeln, mit abstraktem Regelwissen, mit zu vielen Einzelwörtern, aber sie können und kennen die Laute nicht. Ein Unding!

Hanne erwidert:

Ganz meine Rede, das erfahre ich ebenso in meinen Kursen! Da sind wir auf einer Wellenlänge: Es ist wirklich wichtig ein ö vom u und vom i zu unterscheiden! Nimm können, kennen, Kissen, küssen… Die isolierten Laute und die einfachen zweisilbigen Wörter wie etwa Mama, Papa, Hase, Hose, zuhause, daheim, spielen, schlafen, essen, küssen, kennen sind das geeignete Ausgangsmaterial. Sie treten zusammen zu einfachsten Ausrufen und Sätzen, zu einfachsten Reimen und Liedern, die nach und nach den Mutterboden bilden, in den sich behutsam zarte Würzlein des grammatischen Regelwissens einsenken können.

Hannes bekräftigt:

Ich stimme dir zu!  Die Schulung von Ohr und Stimme ist das A und O beim Anfängerunterricht für Migranten im Erwachsenenalter; sie ist das unerschütterliche Fundament, ohne das jeder Sprachunterricht auf Sand gebaut ist. Ich habe das damals in meiner Zeit als DaF-Dozent wie auch heute immer wieder bemerkt, zum Beispiel auch bei den erwachsenen Zuwanderern hier.

Hanne:

Besonders wichtig für die muttersprachliche Lehrerin ist es, sich ein deutliches Bild von den Lauten der deutschen Sprache zu machen. Ich als Lehrerin muss vorbildlich klar, eindeutig und wahrnehmbar artikulieren, damit sich die einzelnen Laute dem Ohr der Lernenden einprägen.

Hannes fragt:

Was rätst du uns nun? Wie kann sich der künftige Lehrer für Deutsch als Fremdsprache in die Klippen und Fallstricke  der deutschen Lautgebung einarbeiten?

Hanne antwortet:

Vor allem muss sich die Deutsch-Lehrkraft selber der leiblichen und organischen Vorgänge beim Sprechen durchaus bewusst werden. Ohne bewusstes, vorbildliches  Sprechen findet kein sinnvoller Unterricht für Lernende im Erwachsenenalter statt! Mir hat es damals bei der Selbstausbildung meiner Sprechwerkzeuge und bei der Vorbereitung für den DaF-Unterricht geholfen, die folgenden Bücher zu Rate zu ziehen:

Klaus Heizmann: So spreche ich richtig aus. Eine Hilfe für Redner, Chorleiter und Sänger. Verlag Schott, Mainz
Egon Aderhold / Edith Wolf: Sprecherzieherisches Übungsbuch. Henschel Verlag, Berlin
Der kleine Hey. Die Kunst des Sprechens. Nach dem Urtext von Julius Hey. Neu bearbeitet und ergänzt von Fritz Reusch. Verlag Schott, Mainz

Hannes drängt ungeduldig:

Komm doch nun endlich zur Lösung des Rätsels, das dem Buch „So spreche ich richtig aus“ entnommen ist:

Wo de Hosen Husn haaßn
un de Hasen Hosn haaßn
do sei mer drham.

Woher stammen diese Menschen?

Hanne nennt die Lösung:
Aus dem Erzgebirge.

Beleg:
Klaus Heizmann: So spreche ich richtig aus. Eine Hilfe für Redner, Chorleiter und Sänger. Verlag Schott, Mainz, 2. Auflage 2011, S. 21

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Mitleid mit Worten. Am heutigen Welttag der Dichtung

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Mrz 212017
 

Mitleid mit manchen Worten

von Franz Werfel

Ihr armen Worte, abgeschabt und glatt,
Die Sprache und die Mode hat euch satt,
Von zuviel Ausgesprochensein verheert
Seid ihr schon schal und doch wie sehr bedauernswert.

So abgegriffen seid ihr und poliert,
Daß jeder Konsonant an Stoß verliert.
Und was euch einst beschwingtes Leben gab,
Begriff, Gefühl, sie gleiten von euch ab.

Klingt ihr wo auf, gleich kommt mir in den Sinn,
Wie oft! eine alte schlechtgeschminkte Schauspielerin,
Die auf der Bühne routinierte, doch arg verblühte Schritte macht,
Während im Parterre die erbarmungslose Roheit  zischt und lacht.

Oh, dann von Mitleid durchschüttert, schüf ich aus euerm mißachteten Klang
Am liebsten den hehrsten, heißesten Gesang!

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Im dunklen Spiegel des Grabens, oder: Wie wir uns selbst und einander erkennen, oder: Was uns zusammenhält

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Jan 252017
 

Mein Vater sah in den Graben hinab und erkannte zwischen treibenden Schilfblättern und schwappender Entengrütze sich selbst, und dort gewahrte ihn auch der Maler, als er einen Schritt zur Seite machte und dabei in das stehende, nur von schwachen Schauern geriffelte Wasser hinabsah. Sie bemerkten und erkannten sich im dunklen Spiegel des Grabens, und wer weiß: vielleicht rief dies Erkennen eine blitzschnelle Erinnerung wach, die sie beide verband und die nicht aufhören würde, sie zu verbinden…

 

Die deutsche Sprache unterscheidet meist zwischen dem Sich-selbst und dem Sich-Einander, jedoch nicht immer. So ist beispielsweise  in dem Satz „Sie bemerkten und erkannten sich im dunklen Spiegel des Grabens“ im Wortlaut offengelassen, ob sie, die beiden, einander erkannten, ob also der eine den anderen erkannte, oder ob jeder sich selbst erkannte.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild. Irgendwie könnte man auch sagen: Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse. Was hält uns dieweil zusammen? Wie erkennen wir uns? Wie erkennen wir einander dieweil? Was bindet dieweil uns zusammen? Wir wissen es zumeist nicht, wir ahnen es zumeist nur. Es ist wie bereits gesagt worden ist ein Blick in einen undeutlichen Spiegel, ein rätselhaftes Aufblitzen, es ist ein Sich-Selbst-Erkennen in einem Einander-Erkennen.

Jetzt erkennen wir es nur einem undeutlichen Spiegel, gleichsam in einem geriffelten Wasser, damals erkannten wir es deutlich, und dann werden wir es wieder deutlich erkennen.

Lesen wir den Wortlaut nun  laut vor und lesen wir weiter:

Mein Vater sah in den Graben hinab und erkannte zwischen treibenden Schilfblättern und schwappender Entengrütze sich selbst, und dort gewahrte ihn auch der Maler, als er einen Schritt zur Seite machte und dabei in das stehende, nur von schwachen Schauern geriffelte Wasser hinabsah. Sie bemerkten und erkannten sich im dunklen Spiegel des Grabens, und wer weiß: vielleicht rief dies Erkennen eine blitzschnelle Erinnerung wach, die sie beide verband und die nicht aufhören würde, sie zu verbinden, eine Erinnerung, die sie in den kleinen schäbigen Hafen von Glüserup verschlug, wo sie im Schutz der Steinmole angelten oder auf dem Fluttor herumturnten oder sich auf dem gebleichten Deck eines Krabbenkutters sonnten. Aber nicht dies wird es wohl gewesen sein, woran sie beide unwillkürlich dachten, als sie einander im Spiegel des Grabens erkannten, vielmehr wird in ihrer Erinnerung nur der trübe Hafen gewesen sein, der Samstag, an dem mein Vater, als er neun war oder zehn, von dem glitschigen Tor stürzte, mit dem die Flut reguliert wurde, und der Maler wird noch einmal nach ihm getaucht und getaucht haben, so wie damals, bis er ihn endlich am Hemd erwischte, ihn hochzerrte und ihm einen Finger brechen mußte, um sich aus der Klammerung zu befreien.

   Sie traten aufeinander zu, oben und unten, im Graben und auf der Brücke, gaben sich im Wasser und vor der Staffelei die Hand, begrüßten sich wie immer, indem sie, leicht zur Frage angehoben, den Vornamen des andern nannten: Jens? Max?

Quelle: Siegfried Lenz, Deutschstunde. Roman. Ungekürzte Ausgabe. 26. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, September 1993, S. 28-29

Bild: ein Blick in das Horst-Dohm-Eisstadion, Berlin-Wilmersdorf, darin: undeutlich erkennbare Menschen, 15.01.2017

 

 

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Schwingt freudig euch empor – erfrischende Botschaft Japans ans uralte Europa

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Nov 272016
 

„Schwingt freudig euch empor“, so tönt es aus dem fernen Japan zu uns herüber. Bayern 4 Klassik brachte es soeben in mein digitales dümpelndes Kombüsenradio, fast unhörbar leise gestellt, weil ja der Schiffsjunge an Bord noch schlief.

Name der Botschaft, vorgetragen in nahezu akzentfreiem Deutsch:  Kantate am ersten Advent, BWV 36

Träger der Sendung:
Hana Blaziková, Sopran
Robin Blaze, Countertenor
Satoshi Mizukoshi, Tenor
Peter Kooij, Bass
Bach Collegium Japan: Masaaki Suzuki

Erfrischende Erkenntnis, dass zumindest in Japan die überragende Schönheit der Bachkantaten und auch die Klangfülle und Ausdruckskraft der deutschen Sprache noch erkannt und gepflegt wird! Ja, ich lüge nicht, stellt euch vor, dort in Japan, aber auch in England, in den USA, in Tschechien lernen sie – sehr im Gegensatz zu Deutschlands Kindern – noch richtig schönes, klingendes, klangvolles Deutsch, und sei es auch, um eine Bachkantate aufführen zu können.

Motto der Japaner ist: Schwingt freudig euch empor.

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„Der Nebelstreif!“ Von der begnadeten Kunst Jessye Normans

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Jul 262016
 

„Manchmal vermisse ich meine Mutter.“ So schreibt mir ein Freund aus Tel Aviv. So wird es später einmal der Sohn von Antoine Leiris sagen müssen.

Auch ich vermisse meine Mutter immer wieder. Sie hat uns folgendes Lied gesungen. Und wir hatten Angst:

https://www.youtube.com/watch?v=8noeFpdfWcQ

Und manchmal vermisse ich die deutsche Sprache. Nicht irgend ein Gequassel oder Geplärre, wie es aus den Subwoofern der Multiplex-Kinosäle oder aus den High-Voltage-Jammern der üppigst hochgerüsteten deutschen Theaterbühnen ertönt.

Sondern…? Sondern was?

Eine deutsche Aussprache, die ohne Mikrophon und ohne Verstärkung Säle und Kirchen durchdringt. Eine Lautung, bei der du innehältst. Bei der du sagst: Ja … hier spricht noch jemand gutes Deutsch. Endlich singt jemand noch gutes Deutsch.

Wohlgeformte, deutlich hörbare Konsonanten, Vokale, die eine Stimmung, einen Schauder, ein Entzücken entstehen lassen.

Ein fast unerreichtes Vorbild für die heutigen deutschen Sänger in dieser Kunst dürfte Jessye Norman sein. Obwohl oder vielleicht weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, stellt die oben verlinkte Interpretation des Erlkönigs von Schubert mindestens in meinen Ohren ein Besser-geht-es nicht-mehr dar. Wort und Klang, Laut und Sinn sind hier so verschmolzen, dass ich nicht anders kann als mich beglückt zu empfinden.

Gäbe es doch noch einen Schauspieler, der beispielsweise den Eingangsmonolog aus dem Faust II ähnlich gut darzustellen vermöchte! Klaus Maria Brandauer war so einer!

Diese unvergleichliche Kunst, das berühmte Kunstlied eines Schubert, eines Schumann, eines Brahms hatte früher in Deutschland seine Heimstatt. Aber sie verschwindet. Sie droht bei unserer Jugend ganz verlorenzugehen, zusammen mit dem Singen überhaupt.

Was bleibt, ist Geplärre, Gedudel, Genuschel.

 

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„Ich bin Sozial-Demokrat und sonst nichts“. Trotzkis Absage an das Judentum

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Feb 192016
 

„Miteinander verwoben“, so lässt sich treffend das Schicksal der Russen, der Juden und der Deutschen im 20. Jahrhundert bezeichnen. Dafür gibt es Hunderttausende Geschichten, hunderttausende persönliche Erfahrungen, hunderttausende Fäden in diesem unzertrennlichen Gespinst an Fakten, Familiengeschichten, Mythen, Märchen und Wahrheiten.

Nehmen wir Lenin! Lenin war gewissermaßen „Halb-Deutscher“, seine Vorfahren waren mütterlicherseits deutscher Abstammung, er sprach fließend Deutsch. Die Oberste Heeresleitung des Deutschen Reiches setzte große Hoffnungen auf diesen russischen Berufsrevolutionär, sie beförderte ab April 1917 aktiv den Oktober-Staatsstreich der Bolschewiki, da die demokratische Russische Revolution des Februars 1917 wider Erwarten nicht zur Kapitulation Russlands geführt hatte; die Deutschen schafften Lenin zusammen mit 30 weiteren Genossen in einem „Russentransport“, wie sie es nannten, ab 9. April 1917 von Zürich nach Petrograd und trugen somit proaktiv zum gewaltsamen Putsch der Bolschewiki gegen die legitime Regierung und zur Zerstörung der ersten Demokratie auf russischem Boden bei. Der ersten Republik auf russischem Boden waren also nur wenige Monate Existenz beschieden. Möglicherweise hätte sich die Demokratie in Russland halten können, wenn die deutsche Heeresleitung 1917 nicht alles daran gesetzt hätte, dem alten Russland mit viel Geld und der Hilfe Lenins den vernichtenden Todesstoß zu versetzen – und zwar von innen heraus.

Oder nehmen wir Trotzki, den Mann, der die Rote Armee zu einem scharfen Schwert des Terrors schmiedete und der sich brüstete, erst dann herrsche echter Hunger, wenn er „den Müttern befehlen würde, ihre eigenen Kinder zu verspeisen“! Seine Vorfahren waren sowohl auf Mutterseite wie auf Vaterseite Juden, die Mutter war gläubige, praktizierende Jüdin, der Vater, ebenfalls jüdischer Volkszugehörigkeit, hingegen war säkular eingestellt. Russisch und Jiddisch, also das im Osten Europas gesprochene Judendeutsch, hörte Leo Dawidowitsch Bronstein, der spätere Trotzki, von Kindesbeinen an; in Odessa besuchte er das Gymnasium der evangelischen St.-Pauls-Gemeinde, wo er zunächst einmal Hochdeutsch lernen musste, um dem Unterricht folgen zu können. An dieser deutschen Real-Oberschule legte er als Klassenbester das Abitur ab. Wie Lenin sprach auch Trotzki Deutsch, man kann im Internet heute noch eine in Wien gehaltene Ansprache Trotzkis in deutscher Sprache hören. Denn Deutsch war zunächst einmal die allgemeine Verhandlungssprache der internationalen kommunistischen Bewegung auf dem europäischen Kontinent.

Oder nehmen wir Theophil Richter, den deutschen Vater des russisch-deutschen Pianisten Swjatoslaw Richter! Er wirkte ab 1916 an eben dieser genannten deutsch-lutherischen St.-Pauls-Gemeinde zu Odessa als Organist; 1941 wurde er wie vor ihm und nach ihm Hunderttausende andere deutsche, jüdische und russische Sowjetbürger und Sowjetbürger anderer nationaler Minderheiten ohne Gerichtsverfahren von der kommunistischen Geheimpolizei durch Erschießen hingerichtet. Swjatoslaw Richter beschloss daraufhin, den Kontakt zu seiner russischen Mutter einzustellen, und er sprach jahrzehntelang nicht mehr mit ihr.

Trotzkis Mutter war gläubige, praktizierende Jüdin, sein Vater war im russischen Reich der Volkszugehörigkeit nach ebenfalls Jude, also, wie alle russischen Juden vor dem Februar 1917, ein Staatsbürger zweiter Klasse. Die Eltern stellten die Unterhaltszahlungen an ihren Sohn ein, als Lew Davidowitsch Bronstein sich nach dem Abitur dem revolutionären Kampf anschloss und in die Illegalität ging.

War er, Trotzki, wie er sich nunmehr nannte, also selbst Jude, oder hatte er sich vom jüdischen Volk losgesagt? War er ein „Abtrünniger“? Er wurde dies tatsächlich einmal gefragt, ob er sich zum Judentum zähle. Seine historisch verbürgte Antwort, wie sie Sonja Margolina in ihrem noch heute erstaunlichen, auf Deutsch erschienenen Buch „Das Ende der Lügen“ wiedergibt: „Ich bin Sozial-Demokrat und sonst nichts.“

Lesehinweise und Belege:
Sonja Margolina: „Der nichtjüdische Jude“, in: dieselbe, Das Ende der Lügen. Rußland und die Juden im 20. Jahrhundert. Siedler Verlag, Berlin 1992, S. 95-102, hier S. 100 (Trotzki-Zitat)
Leo Trepp: Die Juden. Volk, Geschichte, Religion. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1999, S. 16 und S. 378 (zur Frage: Was ist denn ein Jude?)
Jan Brachmann: Schockstarre Ohren für diesen Heiligen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. März 2015 (über Theophil Richter, den deutschen Vater Swjatoslaw Richters)
Harald Haarmann: „Europasprachen“, in: derselbe, Soziologie und Politik der Sprachen Europas. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1975, S. 240-248, hier S. 247 (Sprachkenntnisse Lenins)
Hugo Portisch: Hört die Signale. Aufstieg und Fall des Sowjetkommunismus. dtv, München 1993, S. 32 (Mitteilung der OHL an Kaiser Wilhelm vom 12.04.1917 über den „Russentransport“)

http://pda.litres.ru/svetlana-aleksievich/vremya-sekond-hend/chitat-onlayn/, darin:
„Hungerzitat“ Trotzkis:
«Москва буквально умирает от голода» (профессор Кузнецов — Троцкому). «Это не голод. Когда Тит брал Иерусалим, еврейские матери ели своих детей. Вот когда я заставлю ваших матерей есть своих детей, тогда вы можете прийти и сказать: “Мы голодаем”» (Троцкий, 1919).

Robert Service: Trotsky. A biography. Pan Macmillan Books, London 2010, Abbildung Nr. 14, digitale Ausgabe Pos. 15528
(handschriftliche Selbstauskunft Trotzkis zu seiner Volkszugehörigkeit als Jude aus dem Jahr 1922 anlässlich des 10. Kongresses der Sowjets)

 Posted by at 10:55

Doch immer behalten die Quellen das Wort

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Jan 132016
 

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Solo e pensoso i più deserti campi
vo misurando a passi tardi e lenti …

Gute, erfreuliche Wiederbegegnungen gestrigen Tages mit einigen Autoren und geistigen Vätern meiner Jugend im herrlichen Päsenz-Lesesaal der Berliner Staatsbibliothek am Potsdamer Platz! In ihm wurde ja auch von Wim Wenders ein Teil der Szenen im „Himmel über Berlin“ gedreht!

Beispiel einer von vielen erfreulichen Wiederbegegnungen: der Philosoph Johann Gottlieb Fichte. In München hörte ich noch einige Vorlesungen von Reinhard Lauth, dem 2007 verstorbenen Herausgeber der großen Fichte-Gesamtausgabe. Ich erinnere mich an ihn als eine tiefe, redliche, sanfte mit dem unerbittlichen Ethos des Abseits ausgestattete Lehrerpersönlichkeit.

In Berlin wiederum griff Michael Theunissen, zu früh verstorben am 18. April 2015, damals affirmativ und doch eigenwillig auf Fichtes divulgativ angelegte „Bestimmung des Menschen“ zurück. Der Henry-Ford-Bau wurde damals Treffpunkt und Quellpunkt zahlreicher Forscher- und Akademiker-Karrieren. Unvergeßlich bleiben mir Theunissens hartnäckiges Bemühen, einen Begriff von der Bestimmung des Menschen unter den Bedingungen des späten 20. Jahrhunderts herauszuschälen, – und sein leidenschaftliches Eintreten gegen den „Präsentismus“, also gegen das töricht-überhebliche Bestreben der heutigen Bildung, sich abschätzig und unbelehrbar über alles hinwegzusetzen, was drei Jahrtausende an Geistesgeschichte über uns und zu uns gesagt haben. Im Rendsch Nameh heißt es treffend:

Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkeln unerfahren,
Mag‘ von Tag zu Tage leben.

Heute kennt fast niemand mehr Johann Gottlieb Fichte. Die Ampeln stehen für ihn leider zur Zeit auf der Fichte-Straße komplett auf Rot.

Zitiert wird Fichte außerhalb der Philosophenkreise fast nur noch abschätzig, etwa wegen seiner „Reden an die deutsche Nation“. Immerhin: BBBike, die trefffliche Radfahrer-Navigation, führt mich immer wieder durch die Fichtestraße, wenn ich ins dunkle Friedrichshain hinüber ans andere Ufer des Landwehrkanals wechsle.

Die ignorante Verdammung Fichtes, wie man sie beispielsweise kürzlich in der Süddeutschen Zeitung aus der Feder Michael Bittners lesen konnte, führt in die Irre.

Alles wird da mit triefender bräunlicher Soße übergossen, von Luther führt dann allzuschnell ein gerader Weg über Fichte, Arndt und Jahn nach Trostenez, Flossenbürg und Kephallonia! Furchtbar, dieses Wüten einer unbelehrten und unbelehrbaren Generation junger Deutscher, denen unter dem Bann einer reifizierten Großschuld, der Inkarnation des absolut Bösen, der Selbsthass wirklich von der Kita an eingeimpft ward!

Dabei gelang es Fichte hier in Berlin, im Abseits seiner privat finanzierten und publizierten Vorlesungen, einen im Geist, nicht in der Macht, nicht im Blut, nicht im imperialen Streben, sondern in der sittlichen Bestimmung der Nation begründeten Begriff der Deutschen Nation herauszuarbeiten – selbstverständlich in schroffer Entgegensetzung zum imperialen Machtgestus Napoleons, zum statuarisch-statischen Reichsbegriff des antiken Rom.

Dass all diese Überlegungen so völlig verschwunden sind, mag mit ein Grund dafür sein, weshalb die deutsche Gesellschaft gerade in diesen Tagen ein so klägliches, streitsüchtiges, so zänkisches, so flaches und plattes Bild abgibt: Abbild einer zutiefst verunsicherten, ihrer selbst ungewissen, das eigene Gedächtnis verlierenden Nation.

Bild:
Triefende braune Soße an der Fichtestraße in Kreuzberg, Aufnahme von gestern

 Posted by at 23:48
Nov 182015
 

„Wir beugen unser Haupt vor den Toten, niemals aber beugen wir uns dem Terror.“ So Bundespräsident Gauck am vergangenen Sonntag. Hier wollen wir uns einmal nicht mit den Reden, sondern mit dem Reden des Bundespräsidenten befassen, also mit seiner Art des Vortragens, Sprechens, mit seiner Wortfindung und Gedankenführung. Völlig zu recht wird ja immer wieder seine besondere rednerische Gabe, sein Geschick und seine Überzeugungskraft gerühmt. Worin gründet die besondere Rednergabe Joachim Gaucks? Was macht Joachim Gauck zu einem herausragenden Redner, was macht einen guten Redner aus?

1) Der gute Redner verfügt über eine gute Ausbildung der Stimme, der Sprechwerkzeuge. Er hegt und pflegt das Wort. Er vertraut dem Wort, und das Wort scheint ihm zu vertrauen. Sein Motto scheint zu lauten:

Lebendgem Worte bin ich gut,
das kommt heran so wohlgemut.

Wenn er redet, fällt das Verstehen leicht. Jeder einzelne Laut wird geformt, jedes Wort wird geformt, jeder Satz wird geformt und gewissermaßen in den Raum auf die Zuhörer hin gesprochen. Insbesondere bringt der gute Redner auch die Konsonanten zum Klingen. Das kann so weit gehen, dass auch die Konsonanten wie „gesungen“ wirken.

2) Der gute Redner lässt jede Silbe, insbesondere auch jede unbetonte Silbe gedeihen. Er verschluckt nichts. Der gute Redner sagt also „beugen“, nicht „beugn“, „aufgegangen“ statt „a’fggangn“, „haben“ statt „habm“, „wir loben dich“, nicht „wir lobm dich“. Ein sehr häufiger Fehler der schlecht ausgebildeten deutschen Schauspieler ist seit jeher – von Goethe in seinen „Regeln für Schauspieler“ bereits getadelt – das Verhuschen und Verschlucken der unbetonten Silben.

Als Hörbeispiel diene ein kurzer Wortwechsel aus Goethes Clavigo (1. Akt, 1. Szene):

Clavigo. Zwar ist mir’s weiter nicht bange; sein Einfluß bleibt – Grimaldi und er sind Freunde, und wir können schwatzen und uns bücken –
Carlos. Und denken und thun, was wir wollen.

Man höre sich diese oder ähnliche Sätze in einer beliebigen Aufführung auf einer heutigen deutschen Bühne an – man wird rasch erkennen: Die Schauspieler machen oft mit dem Wortlaut, was sie wollen; sie sind oft nicht imstande, dem Wort zu dienen, sondern sie denken und tun, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Die Lautung wirkt zufällig, die Konsonanten werden gekappt, die Vokale sind undeutlich, die gesamte Sprechweise wirkt kurzatmig und flachbrüstig.

Und dann versuche man einmal, eben diese Sätze zuhause für sich, oder mit einer Partnerin gemeinsam, einzuüben. Nach und nach wird das Ineinandergreifen, dieses florettartige „botta e risposta“, dieses Schlag auf Schlag eines gut vorgetragenen Dialoges hervortreten. Dann erwächst auch allmählich die Freude am Sprechen wieder.

3) Der gute Redner liest nicht nur ab, er hört die Sprache auch, er hat die Sprache gehört, er vernimmt das Singen im Hintergrund, er hat mindestens eine gewisse Zeit mit der Poesie verbracht, er trägt all die Kinderreime aus Küche und Keller, die Märchenverse, die Rätsel und Lautmalereien mit sich herum. Im guten Redner klingt immer etwas von der Dichtung nach, in ihm klingen die Lieder nach, die er gesungen hat. Seine Stimme wurde durch Poesie gekräftigt.

4) Die 1906 im niedersächsischen Linden geborene deutsche Philosophin Hannah Arendt sagt: „Im Deutschen gerade liegt das Volkslied aller Dichtung zugrunde, wenn auch in der eigentlich großen Dichtung so transformiert, daß es kaum noch kenntlich ist. So klingt die Stimme der Dienstbotengesänge durch viele der schönsten deutschen Gedichte.“

5) Atmen – Singen – Reden! Eine unersetzliche Übung für jede zukünftige Rednerin, einen unerschöpflichen Schatz zum Erwerb einer guten deutschen Aussprache – gerade auch im Unterricht mit Kindern und Lernenden nichtdeutscher Muttersprache – stellen die 100 oder 300 wichtigsten deutschen Volkslieder der letzten 300 Jahre dar, etwa das unsterbliche „Der Mond ist aufgegangen“. Wer mag und die Religion seiner Vorfahren nicht fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, der kann und soll ruhig auch die 100 oder 300 wichtigsten geistlichen Lieder der letzten 700 Jahre hören und singen.

Empfehlung für alle Redner, Schauspieler, Sprachlehrer und Menschen, die in der Öffentlichkeit reden müssen:
Der Mond ist aufgegangen, In: 100 deutsche Kinderlieder. Für Klavier mit Liedertexten. Bearbeitet von István Máriássy. Illustriert von Claudia Faber. K 148. Könemann Music Budapest 2000. € 5,95, S. 40-41

Zitat Hannah Arendts hier nach:
Beatrix Brockman: Scherben im Bachsand. Der Nachlass der Lyrikerin Eva Strittmatter kommt in die Akademie der Künste nach Berlin. In: Ars pro toto. Das Magazin der Kulturstiftung der Länder, 3-2015, S. 25-29, hier S. 26

Scherben im Bachsand

Empfohlen sei auch:
Egon Aderhold/Edith Wolf: Sprecherzieherisches Übungsbuch. Henschel Verlag Berlin 2013

 Posted by at 13:05
Nov 142015
 

Schaffen die deutschen Theater Goethe noch? Zweifel bleiben! Der gestrige Theaterabend war wieder einmal niederschmetternd.

Aber ich habe außerhalb des Berufstheaters einige gute Goethe-Aufführungen erlebt: Zuletzt in diesem Jahr die Führung durch die Wörlitzer Parkanlagen durch eine kundige Gästebetreuerin aus dem Städtchen Oranienbaum: „Hier ists ietz unendlich schön..“ zitierte sie aus einem Goethe-Brief. Sie fühlte das, was Goethe schrieb, sie brachte es in leicht fasslicher, leicht sächsischer Lautung ohne Mikrophon, aber mit Gefühl uns zu Ohren. So ist es richtig, so trägt es!

Die andere sehr schöne Goethe-Aufführung erlebte ich vor einigen Jahren an der Kreuzberger Fanny-Hensel-Schule: einige Kinder trugen kleinere Gedichte und Balladen vor, darunter auch den „Erlkönig“ von Goethe. Das kleine Mädchen – nennen wir sie einfach mal Fatima, sie stammte wohl aus einer arabischen Flüchtlingsfamilie – trug das Gedicht fehlerlos, in guter Aussprache, in natürlichem Rhythmus und natürlicher Betonung, wenn auch nicht ohne Lampenfieber vor. Und so war es einfach schön, überzeugend, mitreißend. Danke, „Fatima“!

Flüchtlingskinder und Laien könnten so machen Schauspieler lehren, wie man mit Goethe umgehen kann. Goethes Sprache trägt dich, wenn du dich ihr anvertraust!

Jeder Schauspieler sollte sich an Kindern und Laien ein Beispiel nehmen. Regisseure sollten sich innerlich als Diener an Kindern, an Zuschauern, an Schauspielern, als Diener am guten Wort verstehen. Sie brauchen sich nicht so viel auszudenken. Sie sollten sich selbst und ihr großes großes Ego nicht in den Vordergrund spielen.

 Posted by at 17:59

Kann man sich am Klang der Sprache wie am Klang der Musik erfreuen?

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Aug 212015
 

Könnte man die Freude an der Musik vielleicht auch mit der Sprache empfinden? Oft frage ich mich das. Wenn ich schöne Musik hören will, dann gehe ich einfach in ein Konzert oder spiele selbst mein Instrument oder singe, allein oder mit anderen.

Wenn ich aber schöne Sprache hören will, kann ich dann einfach so ins Theater oder ins Kino gehen, kann ich dann einfach das Radio oder den Fernseher aufdrehen? Jeder oder doch fast jeder versteht und schätzt die Schönheit einer Beethovenschen Symphonie, fast jede oder doch sehr viele erkennen und schätzen die Schönheit einer Zeichnung von Botticelli oder eines Bildes von Rembrandt.

Aber gibt es in Deutschland noch genug Schauspieler oder überhaupt Menschen, die die Schönheit eines Gorkischen oder Goetheschen Gedichtes, die Schönheit und Macht eines Schillerschen oder Shakespeareschen Monologes zu Gehör bringen können? Nein, ich glaube dies nicht. Ganz wenige können dies heute noch!

Die Kunst des guten Sprechens geht in Deutschland deutlich zurück, vielleicht unter der Vorherrschaft des Films, bei dem von den Schauspielern keine gute, reine und schöne Sprech- und Vortragskunst mehr verlangt wird. Man nehme irgendeinen ARD-„Tatort“, irgendeine Folge etwa von „Alarm für Cobra 11“ (Serien, die ich ansonsten sehr schätze), irgendeine Klassikerinszenierung auf einer deutschen Bühne,  und man wird die Wahrheit dieser Aussage nicht bestreiten können.

Es zählen für die Schauspieler heute gutes Aussehen, physische Präsenz, Charisma im So-Sein und Da-Sein, überzeugende Verkörperung der Rolle im Auftreten – und auch mediale Prominenz – mehr als alles andere. Diese Kriterien bestimmen Marktwert und Bühnenerfolg der Schauspieler.

Das gute, wohlklingende, deutliche, schöne gesprochene Wort ist in Deutschland vom Aussterben bedroht, nach meinen leidvollen Erfahrungen auch im Fernsehen, auch im Kino, ja sogar auch im Theater!

Es fehlt an Sprecherziehung, es fehlt in Deutschland am Wissen um die Wichtigkeit der sorgfältigen, geschulten, bewegenden, der klingenden Rede. In den Grundschulen, ja überhaupt in den Schulen herrscht heute ein heilloses Durcheinander in der Aussprache des Deutschen, mit der Folge, dass sehr viele Schüler die Grundstufe der Schule oder sogar die Schule überhaupt ohne grundlegende Sprechkenntnisse verlassen. Das war früher eindeutig anders.

Mit bedeutender, mehrmonatiger  Verspätung – bedingt durch den Streik der Zusteller – erreichten mich gestern zwei weitere bestellte Exemplare eines Buches, aus dem ich gern immer wieder Anregungen schöpfe und das ich gern in mehr deutschen Lehrerzimmern und deutschen Probebühnen sähe:

Egon Aderhold / Edith Wolf: Sprecherzieherisches Übungsbuch. 16. Auflage, Henschel Verlag, Berlin 2013

Diesem Buch entnehme ich auf S. 105 mit Dankbarkeit folgendes Gedicht „Beherzigung“, das sich sehr gut zum Einüben eines guten Vortrages eignet:

Feiger Gedanken
Bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen,
Ängstliches Klagen
Wendet kein Elend,
Macht dich nicht frei.

Allen Gewalten
Zum Trutz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,
Rufet die Arme
Der Götter herbei.

 

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Jahrestage: „Was bedeutet dir der 23. Mai?“

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Mai 222015
 

Jeder kennt wohl die Bedeutung des Jahrestages vom 8. Mai, jeder weiß doch wohl, was damals alles so passiert ist. Der Tag ist uns sehr sehr nahe, allerorten wird er feierlich begangen. Der 8. Mai ist uns sehr nahe, er liegt uns mehr am Herzen als jeder andere Gedenktag im Monat Mai!

„Richtig, der 8. Mai, das war doch …!“

„Du bist Spitze! Und nun das: Was fällt dir zum 23. Mai ein? Bedeutet dir das Datum irgendetwas?“ So fragte ich gestern harmlos und listig einen Mitreisenden, hingekauert auf den Trittstufen des deutlich überfüllten ICE, während draußen die kaltgelben, fetten Rapsfelder um Wittenberge und Fehrbellin vorbeiflogen.

„Hmm … 23. Mai … sagt mir nichts!“ Die Rapsfelder waren verflogen, jetzt kamen Hütten, Gehöfte, Weggabelungen! O Schönheit der Mark Brandenburg!

Also, raten wir doch einmal – hier kommen von a) bis k) elf Ereignisse der deutschen Geschichte und von 1) bis 6) einige Jahrestage zur Auswahl! Teste Dein Wissen! Was bedeutet was? Welches Datum ist dir am nächsten? Erkläre in ein bis zwei Sätzen die Bedeutung dieses Jahrestages für unser Land, die Bundesrepublik Deutschland!

Dalli – dalli!, würde Hans Rosenthal sagen, nach dem das Stadtbad Schöneberg benannt ist, in dessen unmittelbarer Nähe wir dieses Quiz ausgeheckt haben… 🙂

a) Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (im Jahr 1949)
b) Schlacht bei Fehrbellin (im Jahr 1675)
c) Kaiserkrönung Karls des Großen (im Jahr 800)
d) Annahme des Grundgesetzes durch den Parlamentarischen Rat mit 53 gegen 12 Stimmen (1949)
e) Kapitulation der Deutschen Wehrmacht in Reims (1945)
f) DDR öffnet die Grenzen zur Bundesrepublik und zu West-Berlin (1989)
g) Verkündung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland (1949)
h) Abdankung Kaiser Wilhelms II./Ausrufung der Republik (1918)
i) organisiertes Judenpogrom (sog. „Reichskristallnacht“) (1938)
j) Attentat von Sarajewo auf Erzherzog Franz Ferdinand (1914)
k) 40-Jahr-Feier der DDR

1) 8. Mai
2) 23. Mai
3) 28. Juni
4) 7. Oktober
5) 9. November
6) 25. Dezember

DALLI DALLI!

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„Nazi-Deutschland war tatsächlich die Inkarnation des Bösen“: Historiker als Halbtheologen

 Deutschstunde, Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Haß  Kommentare deaktiviert für „Nazi-Deutschland war tatsächlich die Inkarnation des Bösen“: Historiker als Halbtheologen
Apr 042015
 

Die gegenwärtige Passionszeit bringt eine erhöhte Häufigkeit an theologischen, pseudotheologischen und kryptotheologischen Aussagen an den unvermutetsten Stellen mit sich. Was Nietzsche seinerzeit einem Hegel, einem Schelling vorwarf, dass sie nämlich keine echten Philosophen, sondern eigentlich „noch“ Theologen oder nur „Halbpriester“ seien, – was freilich Hegel und Schelling nicht als Vorwurf verstanden hätten, – das gilt in noch stärkerem Maße mitunter von den heutigen Historikern.

Was soll man etwa von folgendem Satz halten:
Nazi-Deutschland war tatsächlich die Inkarnation des Bösen.

Ich meine: Dies ist ein rein theologischer Glaubenssatz, der nur vor dem Hintergrund des Johannes-Evangeliums sinnvoll zu verstehen ist (Joh 1,14). So wie in Jesus Christus Gott Fleisch geworden ist, also inkarniert ward, so ward in Deutschland und nur in Deutschland das absolute Böse inkarniert, also „eingekörpert“. Das ist der Dreh- und Angelpunkt so mancher Debatte, die sich damit von jeder Wissenschaftlichkeit entfernt. In solchen Sätzen entspringt die negative antideutsche Ideologie, die Germanophobie, die gerade in diesen Tagen wieder lebhaft beschworen wird.

„Nazi-Deutschland war tatsächlich die Inkarnation des Bösen.“ Mit diesem „Credo in unum malum“ wurde jüngst ein namhafter, bestens ausgewiesener Neuzeit-Historiker von der Universität Freiburg zitiert (SZ, 20.03.2015). Hat er es wirklich so gesagt? Dies zu glauben fällt allerdings schwer. Aber der Satz wird ihm so zugeschrieben.

Wie auch immer: Es wimmelt in den zeitgeschichtlichen und politischen Debatten von derartigen Glaubenssätzen, es werden auf Schritt und Tritt Frageverbote, Tabus und Anathemata aufgestellt, es werden Bannflüche gegen Häretiker und Zweifler erlassen und Einzigartigkeitsthesen in den Raum gestellt, wie sie zu gottgläubigen Zeiten allenfalls an den theologischen Fakultäten noch denkbar waren.

Der deutsche Historikerstreit der Jahre 1986/1987 etwa, der ja um den Begriff der Einzigartigkeit kreiste, war im Grunde eine Art kryptotheologischer Debattierklub, bei dem umfassende Quellenaufarbeitung, vorteilslose Beiziehung aller verfügbaren historischen Zeugnisse in den 10 oder 12 wichtigsten europäischen Sprachen (darunter auch Italienisch, darunter auch Russisch) fast keine Rolle spielten. Eine wissenschaftliche Bankrotterklärung. Ein Verzicht des historischen Begreifens auf jede Historisierung, ein Verzicht auf Motivationsforschung! Und dafür, für diese Selbstaufgabe der Wissenschaft, kann man bis in unsere Tage wahrlich zahllose Beispiele anbringen.

Wie steht es nun mit der logischen bzw. theo-logischen Kategorie der Einzigartigkeit? Das Eine, das Einzige, gibt es das? Falls ja, welche Aussagen kann man über das Eine sinnvollerweise machen? Ein uraltes philosophisches Problem, das Platon in seinem „Parmenides“ in vortrefflicher, später nicht mehr oder allenfalls bei Hegel erreichter Komplexität durchdenkt und in letztlich nicht auflösbare begriffliche Aporien hineinführt.

Der nicht logische, sondern theo-logische Ausweg aus diesen Aporien, den die berühmten drei monotheistischen Religionen suchten, lautete in etwa: „Es gibt nur eine einzige einzigartige Wesenheit – wir nennen diese singuläre Wesenheit Gott.“ Es gibt nur einen Gott. Ein Gott! Und wenn es nur Einen Gott gibt, so gibt es in der Zeitgeschichte nur Einen Teufel – eben Nazi-Deutschland. So einfach ist das. Sancta Simplicitas! Man kann es aus lauter Verzweiflung nur noch ins Lateinische übersetzen, um sich den versteckten theologischen Hintergrund der aktuellen zeitgeschichtlichen Debatten verständlich zu machen: „Germania nationalis-socialista vere incarnatio diaboli erat.“

Deutschland als Inkarnation des Bösen! Das ist natürlich keine Theologie, keine Historie, es ist keine Wissenschaft, sondern … es ist ein unbeweisbarer und auch unwiderlegbarer Glaube an das absolute Böse, das in Deutschland Fleisch geworden sein und unter uns gewohnt haben soll.

Quelle:
Johannes Wilms: Krieger, Sieger und Besiegte. Elmau, die Tagung: Historiker untersuchen Europas gefährdeten Frieden [=Tagungsbericht zur Elmauer Tagung „A peace to end all peace“]. Süddeutsche Zeitung, 20. März 2015, S. 12

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Trouvaille des Tages auf dem Titel der Rechtschreibbibel

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Jan 152015
 

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Rechtschreibfehler bei der Sprach-Instanz: Der Duden als Naschlagewerk – Welt – Tagesspiegel.

Der Duden als Naschlagewerk? Herrliche Trouvaille, die uns der Tagesspiegel auftischt! Darüber sich lustig zu machen, ist jedoch unweise und kurzsichtig. Wenn man nämlich etwa seinen deutschen Luther im Original aus den Quellen liest, wird man erkennen, dass alle unsere heute gedruckten deutschen Texte gegenüber damals eine unvergleichlich größere Einheitlichkeit bieten als alles, was damals auch nur ein einzelner Deutschschreibender – etwa Martin Luther oder Albrecht Dürer – zu Papier gab.

Es fehlte schlechterdings jahrhundertelang eine in allen deutschen Gebieten anerkannte Rechtschreibnorm. Noch Goethe rang fast täglich im Verein mit dem damals führenden Wörterbuch, dem „Adelung“, mit seinen Sekretären und Verlegern um die jeweils beste, möglichst einheitliche Schreibung.

Nebenbei: Eine köstliche Nascherei bot damals im Jahr 1996 die 21. Auflage des Rechtschreibdudens; mancher hatte sich redlich abgemüht, die Feinheiten der „neuen Rechtschreibung“, der berühmten „Rechtschreibreform“ zu erlernen – eines elitären Unterfangens wohlbestallter Akademiker, das der ehemalige Bundespräsident Herzog „überflüssig wie einen Kropf“ nannte.

Roman Herzog: ein echter Populist der Mitte im besten Sinne, der kein Blatt vor den Mund nimmt und sich kein X für ein U vormachen lässt, damals wie heute – auch wenn es nicht bloß die deutsche Rechtschreibung, sondern den weit gravierenderen, sich zusehends verschärfenden Normenkonflikt  zwischen dem Verfassungsrecht der Bundesrepublik Deutschland und dem durch ein fast unübersehbar kompliziertes Vertragswerk gesetzten Recht der Europäischen Union betrifft!

Wie überrascht sind manche, dass selbst die vertragsschließenden Parteien der EU-Verträge namentlich im Zusammenhang mit der Wirtschafts- und Währungsunion immer wieder gegen die selbstverkündeten Regeln verstießen und weiterhin verstoßen – ein „Schandstück“, wie es recht undiplomatisch der Altkanzler Kohl (CDU) zu Protokoll gab.

Wie überrascht waren manche zu erkennen, dass selbst der Rechtschreibduden immer wieder gegen die selbstverkündeten Regeln verstieß und verstößt!

Seit jeher weist ja die deutsche Rechtschreibung – sowohl alt wie neu –  allerlei glitschige Klippen und Fallstricke auf. Unvergesslich bleibt mir da beispielsweise die genannte 21., 1996 erschienene Auflage des Mannheimer Rechtschreibdudens. Sie brachte neben den unvermeidlichen Flüchtigkeitsfehlern gleich mehrere dicke Zeichensetzungsfehler auf dem Umschlag des Buches (wie oben abgebildet).

Der Fehler bestand darin, dass mehrere Male freistehende Zeilen des Titels – also Überschriften – mit einem Punkt abgeschlossen wurden. Ja, wie denn das: Abschluss einer freistehenden, vom übrigen Text abgehobenen  Zeile mit einem Punkt? Dies gilt seit 1900 als falsch, obwohl es bis etwa 1900 gang und gäbe war. Auch die amtliche Neuregelung blieb bei diesem Prinzip; siehe § 68 der amtlichen Regelung der deutschen Rechtschreibung in der letzten Fassung von 2010: „Nach freistehenden Zeilen setzt man keinen Punkt.“

Lies das corpus delicti selbst:

Die deutsche Rechtschreibung

Das Standwerk zu allen Fragen der
Rechtschreibung

Auf der Grundlage der amtlichen Rechtschreibregeln.

Mehr als 115 000 Stichwörter […]

Schau genau hin! Siehst du den Fehler? Der Punkt hinter „Rechtschreibregeln“ ist strenggenommen fehl am Platze. Sei’s drum. Wir wollen nicht päpstlicher als der Papst sein. Die tüchtigen Frauen und Männer in der DUDEN-Redaktion sind sicher Manns genug, dieses kleine Interpunktions-Malheur, das auf dem Titel der 21. Auflage des Rechtschreibdudens von 1996 prangt, in ihr Kuriositätenkabinett aufzunehmen! Seien wir nachsichtig! Wer weiß, vielleicht steckt auch dieses Blog voll unbemerkter Rechtschreibfehler? Es wäre keine Schande und auch kein Schandstück!

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Apr 292014
 

Itsche 2014-04-29 12.44.14

 

 

 

 

 

 

 

Heute habe ich mit meiner greisen Mutter und einer anderen Frau ihres Alters das alte Märchen „Die drei Federn“ aus den Märchen der Gebrüder Grimm gelesen.

Es heißt da:

Die Türe tat sich auf, und er sah eine große dicke Itsche sitzen und rings um sie eine Menge kleiner Itschen. Die dicke Itsche fragte was sein Begehren wäre. Er antwortete „ich hätte gern den schönsten und feinsten Teppich.“

Dann sang ich mit den beiden Greisinnen  das uralte Volkslied „Wahre Freundschaft soll nicht wanken“ in allen drei Strophen.

1. Wahre Freundschaft soll nicht wanken,
Wenn sie gleich entfernet ist;
Lebet fort noch in Gedanken
Und der Treue nicht vergißt.

2. Keine Ader soll mir schlagen,
Wo ich nicht an dich gedacht,
Ich will für dich Sorge tragen
Bis zur späten Mitternacht.

3. Wenn der Mühlstein träget Reben
Und daraus fließt kühler Wein,
Wenn der Tod mir nimmt das Leben,
Hör ich auf getreu zu sein.


Kinder, ich sage euch: Die alten Frauen freuen sich über jeden, der mit ihnen singt, spricht, betet!

Bis zur späten Mitternacht will ich für euch Sorge tragen!

Und wißt ihr auch, was eine Itsche ist, die in dem Märchen vorkommt?

Das wisst ihr nicht – dann schaut auf das topaktuelle Bild aus der brandneuen Zeitschrift „Gala“ vom 24.04.2014, auf Seite 3. Supi! Da seht ihr ein staunendes Kind – und eine große dicke Itsche. Die Zeitschrift mit dem Bild von der Itsche las ich heute begierig durch, während ich bei meinem Lieblings-Vietnamesen in Kreuzberg auf mein Tellerchen mit Sushi wartete.

Ich las die Zeitschrift Gala in einem Zug durch. Was ich alles nicht wusste! Boris Becker hat Sorgen mit seiner Finca auf Mallorca und  muss sie verkaufen. Schlimm! ABER:  Toni Garrn turtelt ungescheut mit ihrem Leonardo di Caprio auf Bora Bora. Ist das der Verlobungskuss? Wie cool ist das denn!

Dann aß ich artig und brav mein Tellerchen mit Sushi. Supi!

Quellenverzeichnis:

http://www.gala.de/service/gala-inhaltsverzeichnis_3168.html
hier: S. 3

„63. Die drei Federn“. In: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen. Herausgegeben von Heinz Rölleke. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2009, S. 328-330, hier S. 328

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Sep 262013
 

Reiterhof 2013-05-11 08.22.10

Litwo! Ojczyzno moja! ty jesteś jak zdrowie.
Ile cię trzeba cenić, ten tylko się dowie,
Kto cię stracił. Dziś piękność twą w całej ozdobie
Widzę i opisuję, bo tęsknię po tobie…

Was hält den Kontinent Europa zusammen? „Die Europäische Union – selbstverständlich!“, werden mir viele zurufen. „Der Euro – unsere geliebte Währung ist die entscheidende Klammer Europas!“, „Die Erinnerung an die unnennbaren Verbrechen, die die Deutschen überall in Europa begangen haben, nie mehr dürfen die Deutschen so viele Verbrechen begehen, wie sie sie von 1914 bis 1945 überall in Europa begangen haben!“, schallt es aus allen anderen 27 Ländern der EU uns Deutschen entgegen.

So sind auch die sieben Kreise der europäischen Erinnerung aufzufassen, die Claus Leggewie – ähnlich den Höllenkreisen des Danteschen Inferno – an den Anfang seines Buches über die europäische Erinnerung stellt. Und im Zentrum steht der Holocaust – er ist das Factum absolutum der europäischen Identität, an dem jeder Zweifel, jede Relativierung mittlerweile gesetzlich verboten und untersagt ist. Vergleichbar dem summum bonum der mittelalterlichen Theologie, hat sich mittlerweile unumstößlich eine negative Geschichtstheologie in Europa etabliert, an deren Wurzel die deutschen Verbrechen stehen.

Polens Außenminister Radosław Sikorski scheint allerdings laut neuestem ZEIT-Interview nicht ganz mit dieser allgemein akzeptierten Absolutsetzung des deutschen Massenmordes an den europäischen Juden  einverstanden zu sein: er fordert von uns Deutschen, wir sollten uns nicht immer nur für den Holocaust schämen, sondern ebenso sehr (oder fast so sehr?) dafür, wie unsere Väter und Großväter sich in Polen aufgeführt haben. Sikorski sagt, nachdem er die Erinnerung von uns Deutschen an Holocaust und Stalingrad gewürdigt hat, wörtlich: „Aber Sie [= Sie Deutsche] geben sich wenig Mühe zu erfahren, wie Ihre Väter oder Großväter sich bei uns aufgeführt haben.“

Kurz: Nicht nur der Holocaust, sondern auch die Zerstörung Polens, die Ermordung von vielen Millionen Polen soll konstitutiv für das deutsche und europäische Geschichtsbewusstsein werden. Geschichtstheologisch hat Sikorski sicher recht: die Ermordung von etwa drei Millionen nichtjüdischen Polen ist sicherlich genauso schlimm wie die Ermordung der etwa 3 Millionen polnischen Juden.

Sofern dies keine Relativierung oder schlimmer noch strafbare Verharmlosung („Kontextualisierung“)  des Holocaust darstellt, worüber man aber bei den deutschen Richtern nie sicher sein kann, hat Sikorski vor europäischen Gerichten nichts zu befürchten. Entscheidend ist: Leggewie und Sikorski begründen das einigende Band ausschließlich negativ: „Europa soll zusammenwachsen, damit es nie wieder so schlimm wird, wie die Deutschen es einmal getrieben haben.“

Die EU, namentlich der Euro,  ist also im Grunde ein metaphysisches Projekt zur Abschaffung des in Deutschland verkörperten Bösen in der europäischen Geschichte. Es ist, als würde landauf, landab verkündet: Solange der Euro hält und solange die von den Deutschen begangenen Verbrechen, insbesondere der von den Deutschen begangene Holocaust nicht als absolutes Böses der Weltgeschichte angezweifelt wird, sondern durch eifriges Gedenken und eifriges Feiern wachgehalten wird, geht es Europa gut.

Wie hängt beides zusammen? Nun, der Holocaust spielt mittlerweile eine ähnlich absolut gesetzte dogmatische Rolle in der Vergangenheitstheologie, wie sie der Euro in der dogmatisch überhöhten Gegenwartspolitik spielt. Die leidenschaftliche Verteidigung des Euro, klar zu besichtigen im letzten Bundestagswahlkampf,  ist nur als eine Art pseudoreligiöse Erregung, eine Art dumpfe Massenhysterie zu begreifen, an deren Wurzel der Wunsch nach Selbsterlösung „von allem Bösen“ zu stehen scheint.  So wie die Erinnerung an die unauslöschliche Schuld der Deutschen der absolute Gründungsmythos der heutigen europäischen Geschichtsmythen ist, so ist der Euro der absolute Zukunftsmythos der Europäischen Union, an dem ebenfalls Zweifel nicht erlaubt sind.

Spannend! Die Deutschen sollen also im Grunde durch den Euro von ihren unnennbaren Verbrechen befreit werden. Das ist die Tiefenpsychologie der Euro-Debatte, rationale Erwägungen dringen in diesen quasireligiös verhärteten Kern nicht mehr ein. Das Interview mit Radosław Sikorski bringt auf genialische Weise die Verschränkung der beiden zentralen Grundmotive der heutigen politischen Theologie auf den Nenner: a) Die Deutschen sollen sich endlich in vollem Umfang  ihrer Schuld an ihren unnennbaren Verbrechen stellen. b) Sie sollen mehr Solidarität mit Europa zeigen und mehr für die Rettung des Euros tun. Damit können sie „das Vertrauen in die Unzerstörbarkeit der Europäischen Union wiederherstellen.“

Ist dies alles so eindeutig? Gibt es denn wirklich nichts Positives, das Europa zusammenhält? Überzeitliche Werte? Was würde Marcel Reich-Ranicki dazu sagen, der Goethe und Schiller aus dem Kopf nacherzählte?

Eine kleine Urlaubsbegebenheit fällt mir dazu ein: Wir selbst haben bei unserem jüngsten Besuch in Polen auf einem Reiterhof in der früher deutschen, seit 1945 polnischen Neumark die ersten Verse des Pan Tadeusz in deutscher und polnischer Sprache in den Abendhimmel hinaus rezitiert, allerdings nicht aus dem Kopf, sondern nur von einem mitgebrachten Blatt Papier, das ich tief unten am Boden in meiner Radtasche mitführte:

Litwo! Ojczyzno moja! ty jesteś jak zdrowie.
Ile cię trzeba cenić, ten tylko się dowie,
Kto cię stracił. Dziś piękność twą w całej ozdobie
Widzę i opisuję, bo tęsknię po tobie.

Der heimkehrende Dichter besingt hier die verlorene Heimat, deren er erst im Verlust gewahr wurde!

Hier sind andere Worte zu hören: Heimat, Wiederkehr, Mutterland, Schönheit, Sehnsucht, Muttersprache. Die zählen mehr als Mord, Totschlag, Verbrechen. Für mich sind solche Erfahrungen mit verschiedenen europäischen Sprachen, mit Menschen in Polen und Deutschland, aber auch mit der Natur, etwa mit Pferden unendlich wichtig.

Marcel Reich-Ranicki, der mitten im geschundenen Polen aus dem Kopf Schiller und Goethe nacherzählt, ich selbst, der auf einer Radtour in einem polnischen Reiterhof vor einigen Zuhörern den Pan Tadeusz in polnischer und deutscher Sprache zu Gehör bringen durfte … das sind für mich Kristallisationskerne des Zusammenhaltes in Europa. Jawohl, diese Gemeinschaft im Wort halte ich für sogar wichtiger als den Euro, wichtiger als das ritualisierte Bekenntnis zu den unnennbaren deutschen Verbrechen, der Aufdeckung, Analyse, Durcharbeitung, kultischen Verehrung und Pflege der Erinnerung an die deutschen Verbrechen.

Ich bin überzeugt: Die fast schon wahnsinnig zu nennende, unter dem Bann des Geldes stehende  Euro- und Politikgläubigkeit der EU-Politiker, das fast schon wahnsinnige Starren auf deutsche Schuld und nur auf deutsche Euro-Schuldigkeit kann nie und nimmer den Kontinent zusammenhalten.

Mein Bekenntnis lautet: Europa kann ohne die Pflege der reichen, üppigen  Gedächtnislandschaft, ohne die Pflege des Schönen und Guten, ohne die Pflege der Sprachen und das Zusammenfinden der Herzen  nicht zusammenwachsen. Für sie heute beispielhaft mögen heute stehen die Namen Goethe, Mickiewicz und Marcel Reich-Ranicki.

Quellen:
„Wir wollen keinen kalten Krieg!“. Interview mit Polens Außenminister Radosław Sikorski. DIE ZEIT, 26.09.2013, S. 12
Claus Leggewie: Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Verlag C.H. Beck, München 2011, S. 14
http://pl.wikisource.org/wiki/Pan_Tadeusz/Ksi%C4%99ga_pierwsza:_Gospodarstwo

Foto: Der polnische Reiterhof, wo sich das oben beschriebene Ereignis zutrug

 

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„Voll Mißtraun gegen den eigenen Vater“ – das Scherbengericht der Söhne und Töchter

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Apr 092013
 

2013-03-25 14.01.41

Hassenden läuft der Hass nach, Liebenden kommt die Liebe entgegen. So spricht eine gezettelte Botschaft des Talmud auf der Wilhelmstraße.

Mit einem Lesezirkel hochbetagter, hochweiser Damen und Herren in der nämlichen Wilhelmstraße besprach ich Theodor Fontanes unsterbliches (es wird uns alle überleben!) Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“. Gemeinsam kramend, suchend stöbernd in den Herzkammern des Gedächtnisses, gelang es uns, einen Großteil des Gedichts wiederherzustellen, das früher jedes Berliner Schulkind kannte.

Merkwürdig, ja fast anstößig  ward mir beim Rezitieren folgende Strophe, und in ihr insbesondere die fettgedruckten Zeile:

So klagten die Kinder. Das war nicht recht –
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn‘ ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn – eine starke, harte, grob treffende Zeile!

Die Literatur, aber mehr noch die gesamte politische Debatte ist ja heute reich, überreich an Vorwurfsdiskursen der Jungen gegen die Alten. Hier bei Fontane erhebt einmal der Alte einen stillen Vorwurf gegen den Sohn. Könnte es sein, dass einmal, ein einziges Mal in der Weltgeschichte, die Väter bessere Menschen als die Söhne, die Mütter bessere Menschen als die Töchter sind? Ich hege diese Vermutung, ich bin davon überzeugt! Es können durchaus die Väter und Mütter mehr geleistet haben, mehr Bleibendes zum Wohl und Gedeihen der Nachkömmlinge hinterlassen als umgekehrt die Söhne und Töchter schaffen!

Insbesondere die 68er Generation brüstet sich in Teilen bis heute damit, erstmals das Versagen, Verdrängen und Vergessen der Vätergeneration in den Jahren 1933-1945 aufgedeckt zu haben.

Voll Mißtraun gegen den eigenen Vater – das könnte das Motto eines Christoph Meckel, eines Günter Seuren, eines Günter Grass, eines Bernward Vesper, einer Gudrun Ensslin, einer Ulrike Meinhof  und tausender anderer Kämpfer der 68er Generation sein! Diese Geisteshaltung prägt heute große Teile der meinungsprägenden Redaktionen und Feuilletons. All diese Söhne und Töchter bezogen ihre unerschütterliche Überzeugung der eigenen moralischen Überlegenheit aus dem wiederholten, ritualisierten, gemeinschaftlich vollzogenen Prozess gegen die eigenen Eltern – einer Art ständig wiederholten symbolischen Hinrichtung der Mörder.

Die ab 1949 vollbrachte Aufbauleistung der Bundesrepublik Deutschland wurde und wird nicht gewürdigt. Sie wird verleugnet. Bis zum heutigen Tag brüsten sich Vertreter der 68er Generation damit, sie hätten den „Muff der Adenauer-Jahre“ beseitigt. Ein großer, ein grotesker  Irrtum, wie ich finde! Die deutsche Literatur der Jahre 1946 bis 1965 bestätigt die satte, selbstverliebte, selbstzufriedene moralische Überlegenheitsgeste der Jüngeren, also der ab 1935 bis 1960 Geborenen, schlechterdings nicht. Die frühen, vielgelesenen  Erzählungen Heinrich Bölls, die 1952 bei der Eröffnung des Mahnmals Bergen-Belsen gehaltene Rede des Bundespräsidenten Theodor Heuss zeigen ebenso wie zahlreiche Reden von Bundeskanzler Adenauer eindeutig, dass – von den Spitzen der Literatur und der Politik ausgehend – ein klares Bewusstsein von deutscher Schuld und Schande zu erwachsen begann.

Die 68er-Generation fiel jäh hinter den schmerzhaften Prozess der Gewissenserforschung der Väter und Kriegsheimkehrer zurück, sie prahlte, drohte, johlte, sie fiel zwar nicht auf Hitler herein, aber sehr wohl auf Mao, Ho Tschi Minh, Lenin, Fidel Castro, Che Guevara, später Ghaddafi  – diese waren aber wie Hitler allesamt Diktatoren, an deren Händen reichlich Blut klebte. Und die 68er – etwa Rudi Dutschke, ebenso Teile der späteren Grünen wie etwa Joschka Fischer oder Hans-Christian Ströbele  – bejahten Gewalt als politisches Druckmittel. Hinhören, Einfühlen, Verzeihen, Gewaltverzicht kannten sie nicht. Sie glaubten nicht an die Liebe, nicht an die Erinnerung, nicht an die Versöhnung.

Mahler, Dutschke, Cohn-Bendit, Günter Grass und viele andere haben damals ein Scherbengericht veranstaltet, mit dessen letzten Hinterlassenschaften wir uns heute herumzuschlagen haben. Die völlige Delegitimation der demokratischen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland, die die 68er-Bewegung versuchte, brachte jahrelang, bringt auch heute noch ein erhebliches Potenzial an Gewaltbereitschaft hervor. „Wehrt euch“. Unser Bild zeigt einen gezettelten Anschlag auf der Ohlauer Straße/Reichenberger Straße, Kreuzberg, aufgenommen heute, direkt vor der besetzten Grundschule, einem der neu entstandenen rechtsfreien Räume.

2013-04-09 17.46.13

 Posted by at 21:35

Sizi sizi bina!

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Dez 202012
 

Beim Umherschweifen in den reichen Beständen der Vatikanischen Bibliothek heftete sich mein Blick im Codex palatinus latinus 220, auf Seite 58 recto an ein rätselhaft anmutendes Gebild:

bienensegen.jpg

So lässt es sich ausschreiben:

kirst imbi ist hucze nu fliuc du vihu mina hera
fridu frono in munt godes gisunt heim zi comonne
Sizi sizi bina inbit dir sctê Maria hurolob ni habe du zi holce
ni fluc du noh du mir nindrinnes noh du mir nintuuin
nest sizi vilu stillo uuirki godes uuillon

Was mochte dies bedeuten? Sogleich erkannte ich, dass es sich um einen deutschen Text handeln musste, sicherlich vor dem 11. Jahrhundert entstanden. Ein Schreiber hatte ihn eigenwillig am Fuße eines lateinischen Texts eingetragen, wobei er den Rand kopfüber beschrieb. Und so lege ich mir das in unserer heutigen Sprache zurecht:

 

kirst imme ist haußen nun flieg du mein getier her
mit friede des herrn in obhut gottes gesund heimzukommen
sitz sitz Biene gebot dir Sancta Maria Erlaubnis habe du nicht zum Wald
nicht flieg du weder entrinnest du mir noch du mir entwisch
est sitz ganz still wirke Gottes Willen

 

Mit kirst könnte Jesus Christus gemeint sein, doch ist dies nicht sicher.  Vor uns liegt ein früher, tastender Versuch, durch Einklang und Reimklang der Sprache die Gemeinschaft im Wort zu bewirken. 

Mit für uns kaum mehr eindeutig einzuholenden Mitteln versucht der unbekannte deutsche Schreiber seinen Wunsch nach Frieden mit dem Vieh und dem Wald und mit der Welt und mit Gott zu stottern und zu stammeln. Gewissheit im  Weltenwald  gibt es allerdings nicht. Aus den Versen spricht dennoch wie immer vorläufig die Zuversicht des Gelingens.

Möge uns alle zu Weihnachten 2012 und im neuen Jahr eine vergleichbare Zuversicht leiten!  Aus dem  zu Lorsch gefundenen Bienensegen können wir lernen: Sicherheit und Planungsgewissheit gibt es nicht, sehr wohl aber können wir den Willen und die Bereitschaft empfangen, nach einem Augenblick stillsitzenden Hörens tatkräftig etwas Gutes zu bewirken.

Lassen wir doch unsere  Bienen des Unsichtbaren für 2013 weder entwischen noch entrinnen!

 

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Tätst du dir selbst vertrauen …

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Okt 252012
 

2012-10-12-163608.jpgDEUTSCHLAND 1952

O Deutschland wie bist du zerrissen …
Und nicht mit dir allein.
In Kält und Finsternissen
Schlägt eins aufs andre ein.
Und hättst so schöne Auen
Und stolzer Städte viel:
Tätst du dir selbst vertrauen
Wär alles Kinderspiel.

Ein merkwürdiges Gedicht, das Bert Brecht 1952 schrieb! Der ersten Nachkriegsgeneration fehlte noch das Starren auf die zurückliegenden Schrecken, man sucht sich freizuschaufeln. Die Zukunft wird besser!

Erst seit etwa 1980 beobachte ich eine rabiate antideutsche Gesinnung bei Teilen der deutschen Bevölkerung. Diese antideutsche Ideologie speist sich erstaunlicherweise nicht aus der Klage über das Deutschland von heute oder gestern, sondern über das Deutschland von vorgestern, von vor 1945! Eine reaktive retardierte Depression, wie die Psychiater sagen würden, wenn es sich um einen einzelnen Menschen handelte.

Selbstzweifel, Aushöhlung der eigenen, lebendig sich entfaltenden Identität eines Volkes im Rückgriff auf jahrzentelang entfernte Verbrechen der Großvätergeneration!

Ein Phänomen, das nahezu einzigartig in der Weltgeschichte dasteht! Ich kenne keine andere Nation, die auch nur im entferntesten eine derartige kulturelle Entkernung mit sich anstellt. So ziert etwa den Umschlag des Deutsch-Lehrbuches meines Sohnes (5. Klasse) ein Text in schwedischer Sprache. Motto scheint zu sein: Nur nichts Deutsches im Deutsch-Unterricht!

Den NS-Tätern fehlte dieses Gefühl der Scham fast durchweg, den Söhnen und Töchtern der Verbrecher fehlte es auch in den meisten Fällen. Dieses Gefühl der kollektiven Scham und Schuld droht aber jetzt die Enkel-Generation zu ergreifen.

Hier gilt es gegenzusteuern.

Bild: Ein neues Denkmal, errichtet 2008, zur Erinnerung an die 1,5 Millionen jüdischen Kinder, die in den Konzentrationslagern der Deutschen ermordet worden sind. Berlin, Bahnhof Friedrichstraße.

Bert Brecht: Deutschland 1952
Bertolt Brecht: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Vierter Band. Gedichte 2. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2005

Zitat: S. 429

 Posted by at 23:32

Herzlich willkommen bei uns im KZ-Land!

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Okt 252012
 

2012-10-12-141650.jpg

Ein Besuch in der brandenburgischen Stadt Hennigsdorf führte mir kürzlich vor Augen, wie Deutschland seine Gegenwart im Spiegel der Vergangenheit sieht: Breit, machtvoll und beherrschend empfängt den unvorbereiteten Touristen sofort beim Verlassen des Bahnhofs die Inschrift KZ.  Ein Blick, der einen trifft wie ein Hammerschlag.

Vor wenigen Tagen führte mich mein Weg durch das Rathaus Schöneberg. Eine Gruppe von etwa 10-jährigen Schülern besichtigte gerade unter gedämpfter Belehrung durch den Lehrer eine Gedenkausstellung über jüdische Mitbürger, die Nachbarn waren und dann von der Gestapo abgeholt worden waren. Eine von tausend Szenen, in denen allen Kindern in Deutschland bereits sehr früh Scham und Schande der deutschen Vergangenheit eingeflößt wird. Die Kinderseelen verbinden mit dem Wort „Gedenken“, mit dem Wort „Deutschland“ von Anfang der Schulkarriere an ein tiefes, nagendes, wühlendes Schuldgefühl, mit dem sie dann allein gelassen werden.

Zehn oder 12 Jahre später sehen wir dann die Ergebnisse dieses Sperrfeuers der Pädagogik des Schreckens: Eine De-Identifikation mit Deutschland, ein verhuschtes, graues Männerbild, eine kollektive Selbstverleugnung und Selbsterniedrigung, die keinerlei Grenzen mehr kennt. Eine hochgefährliche Pädagogik, wie ich finde, die da auf Kinderseelen im Alter von 10 oder 12 Jahren niederbricht, gefährlich, weil sie unvermittelt in brutalen deutschen Nationalismus und brutalen deutschen Antinationalismus umschlagen kann.

„Deutschland verrecke“ – eine klare Ansage in Friedrichshain, breit hingepinselt auf dem Dach, nicht minder kriminelle Volksverhetzung  als das „Juda verrecke“ der bösen 12 Jahre.

Ich bin sogar überzeugt, dass die rituelle Konzentration auf die negative Theologie der ewigen Auschwitz-Schuld der Deutschen den rassistischen Verbrechen von Neonazis Vorschub leistet.

Denn wenn das Kind von früh an erfährt, dass die Deutschen das böseste Volk der gesamten Menschheitsgeschichte sind, kann dies auch zur paradoxen Identifikation mit dem Bösen führen. „Alle sagen, dass wir böse sind. Na – dann seien wir es eben!“

Der deutsche Politiker Cem Özdemir hat einmal von seiner Einbürgerungsfeier erzählt, bei der er fast der einzige gewesen sei, der sich über den endlich erreichten Status eines deutschen Bürgers habe freuen können. Andere Deutsche warnten ihn: „Hast du dir das auch gut überlegt?“

Der Kabarettist Fatih Çevikkollu sagt es so:

“Du wächst hier auf und kommst zu dem Punkt, an dem du “ja” sagst zu dem Land, und dann stellst du fest, du stehst allein da. Deutschland ist gar nicht mehr angesagt. Und wenn du jetzt noch den berühmten Integrationsgedanken zu Ende denkst, merkst du, der funktioniert gar nicht. Du sollst dich an ein Land anpassen, was sich selbst gar nicht will.”

Die Gedenkstättenlandschaft hier in Berlin wächst unaufhaltsam – allerdings wachsen diese Wüsten des Bösen nur in Deutschland. Nirgendwo sonst hat ein Volk eine derart beherrschende Neigung entwickelt, die eigene Geschichte ganz überwiegend als Inbegriff des Bösen zu sehen. Was steckt dahinter? Das Kalkül, dass die anderen Völker dann wieder ganz lieb zu uns sind, wenn wir wieder und wieder den Status als Verbrechervolk hervorkehren? Und Deutschland steht mit seinem Kult der Schuld und der Schande wirklich einzigartig da! Weder erkenne ich irgendwo ein Denkmal für die etwa 20 Millionen verstümmelten und ermordeten, vertriebenen Opfer der belgischen Kolonialherrschaft, noch hat Kuba ein Denkmal für die in KZ eingesperrten Homosexuellen erichtet, noch hat Russland ein Denkmal für die gedemütigten und entrechteteten Nachbarvölker errichtet, die es jahrhundertelang knechtete. „Russland ist ein Siegervolk. Das steckt in unseren Genen.“ Die Türkei hat das İnsanlık Abidesi in Kars, das Denkmal zur Erinnerung an die vertriebenen und ermordeten Armenier, im Jahr 2011 gleich ganz beseitigt, sonnt sich im Gefühl der siegreichen Schlacht von Manzikert (1071), der Eroberung von Konstantinopel (1453), in denen das ewige türkische Volk das ihm zustehende Land in Besitz nahm, mit Blut tränkte, Fremdvölker unterwarf.  Die Italiener besuchen liebend gern das KZ Auschwitz. Dass es in Jugoslawien, etwa in Rab, auch italienische KZs gab, dass die Italiener 1935 massenmörderische Giftgasangriffe in Abessinien niederbrechen ließen, wird den italienischen Kindern und Jugendlichen nicht gesagt. Italiani brava gente! Weiterhin wird geflissentlich verschwiegen, welch bestialischer Bürgerkrieg zwischen den Italienern innerhalb Italiens nach dem Waffenstillstand vom 03.09.1943 ausbrach.

Die Gedenkstättenlandschaft wächst! Weh dem, der noch Gutes sinnt oder ein gutes Haar an der deutschen Geschichte lässt! Weh dem, der noch ein Denkmal für etwas Schönes fordert. Das Nichtzustandekommen des Berliner Freiheitsdenkmals spricht Bände!

Das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma ist eröffnet, endlich, viel zu spät! Sinnvollerweise müssten wir aber dann auch allen Opferkategorien Gerechtigkeit widerfahren lassen: den Polen, den Russen, und vielen vielen anderen Opfergruppen.

Zu recht fordern Polen jetzt ein ähnlich repräsentatives Denkmal für die nichtjüdischen polnischen Opfer der Deutschen, wie es die Juden Europas bereits besichtigen dürfen. Platz in der städtischen Brache Berlins ist genug! Doch damit nicht genug! Wann werden die Russen endlich ihr angemessenes Denkmal in Berlin bekommen? Immerhin verloren etwa 20 Millionen Russen ihr Leben durch den verbrecherischen Angriffskrieg, an dem sich reguläre Armeen aus Deutschland, Österreich, Italien, Ungarn, Rumänien und Slowakei beteiligten, der unterstützt wurde von starken Freiwilligenverbänden aus mehr als einem Dutzend europäischer Länder, darunter auch 200.000 Russen unter Führung des Generals Wlassow.

Wo immer du hinkommst in Deutschland, das Böse empfängt dich. Das ist die Botschaft.

Quellen:

http://www.morgenpost.de/politik/ausland/article110261079/Tusk-Berater-will-Mahnmal-fuer-Polens-Nazi-Opfer.html

Ulrich Schmidt-Denter: Die Nation, die sich nicht mag. Psychologie heute, September 2012, S. 34-37

Bild: Eine typische Stadtlandschaft in Deutschland. Blick auf das KZ-Denkmal in Hennigsdorf.

http://www.psychologie-heute.de/das-heft/aktuelle-ausgabe/detailansicht/news/die_nation_die_sich_nicht_mag

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Soll man die deutsche Rechtschreibung ganz schleifen lassen?

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Okt 042011
 

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„Es ist zum politikerverdrossen werden.“ Ein altes, in diesem Blog bereits mehrfach, unter anderem am 14.01.2011 erörtertes Problem der deutschen Rechtschreibung springt uns heute beim Tagesspiegel-Lesen wieder mit Macht an. Dieses Problem, das Problem des mithilfe des Artikels substantivierten Infinitivs ist aber auch wirklich zum Die-Haare-Ausraufen – oder zum die haare ausraufen? Lest und entscheidet! Nur einer der fünf folgenden Sätze ist gemäß der früheren und auch gemäß der jetzt geltenden amtlichen Rechtschreibung richtig geschrieben. Welcher?

a) Es ist zum politik verdrossen werden.

b) Es ist zum politikerverdrossen werden.

c) Es ist zum Politiker-verdrossen-Werden.

d) Es ist zum politikverdrossen werden.

e) Das nebeneinander fahren ist den Rad fahrenden auf Fahrradstraßen gemäß Straßenverkehrsordnung erlaubt.

Koalitionssuche in Berlin: Rot-Grün in Berlin: Es ist zum politikverdrossen werden – Meinung – Tagesspiegel
Es ist zum politikerverdrossen werden.

Die Auflösung erfahrt ihr morgen beim Armes-Kreuzberger-Blog-Lesen bzw. beim Armeskreuzbergerbloglesen – oder auch beim Lesen des armen Kreuzberger Blogs!

Wir meinen: Die Rechtschreibung ist nichts zum Auf-die-leichte-Schulter-Nehmen. Gerade gegenüber Kindern wird man kaum in der Schule verlangen können, sie sollten sich an die Regeln halten, wo doch selbst viele Erwachsene ihre liebe Not mit dem Richtigschreiben haben.

Das Gleiche gilt, nebenbei bemerkt, für das Bei-roter-Ampel-Anhalten und das Sauberhalten des Parks.

Im Bild: Der neue Park am Gleisdreieck in Kreuzberg

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