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Archiv der Kategorie Die verlorenen Söhne
Der verlorene Vater
13.3.2010 von admin.
“Er war verloren und ist wiedergefunden worden”, so heißt es in der alten, ewig jungen Geschichte vom verlorenen Sohn. “Jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern.”
Wenn ich es recht bedenke, müsste diese Geschichte heute ebenso sehr auch als die “Geschichte vom verlorenen Vater” erzählt werden. Wieviele Söhne und Töchter berichten mir davon, dass sie ihren Vater nie so recht gekannt, nie so recht gefunden hätten. Es ist, als hätte sich die Gestalt des Vaters verflüchtigt und müsste erst mühsam wiedergefunden werden. Der Vater - muss wiederkommen.
Die schönste Fassung dieser Geschichte von der Wiederkehr des Vaters bietet in meinen Augen Giani Stuparich, ein 1891 in Triest geborener, Italienisch schreibender Autor. Erst vor wenigen Tagen las ich seine Erzählung “Il ritorno del padre - Die Wiederkehr des Vaters”. Ich kenne keinen anderen Autor, dem es so gut gelänge, dem zuhause verlassenen Sohn wie auch dem in der Welt verlorenen Vater Mitgefühl und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen!
Der Vater - das ist ein Hallodri und Kneipengänger, ein Herumtreiber - so stellen ihn die Verwandten dar. Der Sohn stellt ihn sich ganz anders vor. Er meint: “Die allermeisten Verurteilungen verwandelten sich in Lobpreisungen.” Der Vater ist stark, verständnisvoll, erfolgreich, warmherzig. So soll er zumindest sein in den Phantasien des Sohnes.
Und dann beschreibt Stuparich genau, was bei einer tatsächlichen Begegnung in Vater und Sohn vorgeht. Dieses Hin- und Herschwanken, diese Furchtsamkeit, sich auf einen anderen Menschen einzulassen! In der Begegnung mit dem kleinen Sohn erfährt der Vater seine eigene Schwäche und Verletzlichkeit. Er wehrt sich dagegen. Er möchte einfach so gehen, obwohl der Sohn gerade davor große Angst hat.
Dann bleibt er doch. Mit dem Rauch einer Zigarette bläst der Vater zum Schluss dem Sohn buchstäblich den Ruch des großen Lebens ein - im ausgetauschten Atmen ergibt sich etwas, woran so viele Vater-Sohn-Geschichten ein Leben lang sich vergeblich abmühen: die Versöhnung. Angeleitet von diesem “zarten lebendigen Gewicht, das sich in seine Brust hinabließ wie ein Anker in die beruhigt schimmernden Fluten eines stillen Hafens”, oder im Original:
Negli occhi aperti del padre passavano le luci di nuovi sentimenti, che davano alla sua faccia un’espressione di dolorante bontà. Erano stati sotto, in fondo al suo cuore quei sentimenti, repressi e soffocati da altre passioni: ora tornavano a galla, richiamati da quel dolce e vivo peso, che scendeva dentro il suo petto come un àncora nelle acque riposate e limpide d’un porto in calma.
Ich empfehle diese meisterhafte Erzählung allen Töchtern und Söhnen, die bisher auf die Heimkehr des Vaters vergeblich gewartet haben.
Leseempfehlung: Giani Stuparich, Il ritorno del padre e altri racconti. Con una nota di Arrigo Stara. Verlag Giulio Einaudi, Turin 1961 und 1989, hier S. 18
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“Entdecke dein Selbst!”
22.2.2010 von admin.
Ein wirklich sehenswerter Film muss der Film Bal, der Gewinner der Berlinale sein. Väter und Söhne - das ist eines der großen, der riesigen Themen der Selbstwerdung, der Kulturwerdung überhaupt. Der türkische Film Bal spielt offenbar mit einem Mythos, der namentlich uns Deutschen ja seit dem Nibelungenlied und seit Eichendorff in die Seele gepflanzt ist: der Wald. Ich erinnere mich an Christoph Meckels Vaterbuch Suchbild aus dem Jahr 1980, wo er beschreibt, wie er mit dem Vater Eberhard Meckel zusammen den Wald entdeckte. Ich zitiere sinngemäß: “Mit dem Vater zusammen die Wälder und die Berge zu entdecken war wunderschön. Wenn er Eichendorff rezitierte, fing der Wald zu reden an.”
Dann starb Christoph Meckels Vater. Es starb das Bild vom guten Vater. Dann brach eine Welt zusammen. Aus den Trümmern dieser Welt müssen die Söhne hervorwachsen. Das ist die Aufgabe jedes Sohnes.
Lest hier den Hinweis auf den Film aus dem Neuen Deutschland:
22.02.2010: Der Honig-Bär (Tageszeitung Neues Deutschland)
»Bal« ist ein stiller Film, der sein eigenes Tempo behauptet: die Langsamkeit der Jahreszeiten. Ein Blick in eine Kindheitswelt, in der der Wald die Welt ist. Ein Ort des Blühens und Rauschens, der Vögel. Mit dem Vater an der Seite kann man das staunend erleben. Als der Vater im Wald umkommt, ändert sich alles: Der Wald ist nun auch ein bedrohlich dunkler Raum, er kann einen für immer verschlucken. Und dann doch die wundersame Wiederbefreundung mit dem Wald, der Heimat bleibt, aber nun wissender. Der Junge ist gewachsen, die gläubige Kindheit liegt mit dem Tod des Vaters hinter ihm, er sieht anders: Er wird er selbst.
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Subventionierte Verwahrlosung
2.2.2010 von admin.
Wenig Sympathie kann ich den Streik- und Besetzer-Aktionen einiger Berliner Studenten abgewinnen. Gestern besuchte ich die FU-Rostlaube. Ich hatte den Eindruck eines friedlichen Freizeit-Happenings, eines fröhlichen Schlenderns und Feierns über 7 Tage die Woche. Der größte Hörsaal, Hörsaal Nummer 1, ist besetzt. Vorlesungen oder sinnvolle Arbeit sind dort nicht möglich.
Was ist die Legitimation der Besetzer? Sie wollen “freies, selbstbestimmtes Studium” usw. Sie kämpfen gegen den Bachelor-Titel, gegen die Verschulung des Studiums und ähnliches mehr. Diese Besetzer gebärden sich als eine leidende, unterdrückte Minderheit. Aber ich konnte mich vergewissern: es geht ihnen gut, sie haben reichlich zu essen und trinken. Arbeiten müssen sie nicht.
Das eine oder andere ihrer Anliegen mag berechtigt sein. Gut, dann mögen sie es schriftlich und mündlich, in Demos, in Leserbriefen und selbstverwalteten Seminaren und ähnlichem vorbringen. Aber ganze Hörsäle über Wochen komplett lahmlegen, ohne jede demokratische Legitimation, das geht einfach nicht. Dagegen werde ich immer auftreten. Das ist ein Akt der Gewalt.
Durch diese Besetzung verscherzen sie bei mir jede Sympathie. Die Rostlaube der FU (also der FU-Bau an der Habelschwerdter Allee) beginnt zu vermüllen. Vermüllung hat sich ausgebreitet. Holla! Ich zahle als arbeitender Bürger kräftig Steuern und finanziere damit die Verlängerung der Studiendauer durch derartige Blockade-Aktionen mit!? Das passt mir nicht, oh StudentInnen!
Ich sehe überall Forderungen, Ansprüche, Beschwerden! Alles soll kostenlos sein. Alles soll so sein, wie die Studentinnen und Studenten, oder vielmehr eine kleine Minderheit, es gerne hätten. Die Besetzer sind wie die Kinder. Sie wollen alles und zwar JETZT. Zahlen tun die anderen.
Oh verehrte StudentInnen! Werte Studierende! Warum geht ihr nicht in die Parteien und mischt sie ein bisschen auf? Unterwandert die Parteien! Wo sind eure Briefe an Abgeordnete, wo sind eure Teach-Ins, wo sind eure Bücher, wo sind eure Analysen? Was von euch kommt, ist nur Agitation - soweit mir bekannt.
Warum jammert ihr so viel und warum studiert ihr so wenig?
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Vergeben und Annehmen
28.10.2009 von admin.
Vergebt einander und nehmet einander an!
Dahin wird jede gesunde Beziehung der Kinder zu den Eltern gelangen. Erst dann werden die Kinder frei. Erst dann finden die Eltern Frieden.
Bei den alten 68ern fehlt mir sehr oft diese Fähigkeit.
Die Söhne dünken sich meist schlauer als die Väter. Das gilt auch in der Politik. Wir oft wurde über den alten Bundeskanzler aus der Pfalz gelästert.
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weg mit faSCHISSt/Innen!!!!!!!
21.7.2009 von admin.
Wie geht man als Blogger mit abweichenden Meinungsäußerungen um? Nehmen wir ein Beispiel: Gestern las ich in einem befreundeten Blog von Vera die folgende, hier unverändert wiedergegebene Meinungsäußerung Anjas, die sich an Vera und die Autoren des befreundeten Blogs kollektiv richtete. Hintergrund: es ging um den Flyer, in dem im Vorfeld des gestrigen Gelöbnisses die Bundeswehrsoldaten als Mörder bezeichnet wurden und dazu aufgefordert wurde, sie zu schmähen, zu bespucken, zu beleidigen und zu verletzen. Dies sagte Anja:
ihr habt doch echt ne klatsche weg ihr (ich spar mir den kommentar) ..faSCHISSt/Innen ich finde den flyer gerechtfertigt und es stimmt was in dem flyer steht: soldaten sind (nunmal) wirklich mörder! sie werden zu kleinen kampfmaschienen ausgebildet, müssen sich verpflichten 12 jahre und irgendwannn auch an die front , sie wissen sie müssen eines tages töten! und mit solchen menschen die tagtäglich lernen wie man am besten irgendwen zur strecke bringt willl man doch tatsächlich nicht in einer stadt einem bezirk usw…zusammenleben!!! das das alle in ordnung finden find ich echt strange…
und sonntags wurd erstmal schön von dem sch. faSCHISStenpack ein typ krankenhausreif geprügelt und das im friedrichshain! und an der warschauer werden mysteriöse grüne V flyer verteillt. die einem auch erstmal auf eine nicht ganz sooo politisch korrekte internet seite verweisen…
ES MUSS WAS GETAN WERDEN !!!!!! wer versucht uns am leben zu hindern spürt unseren wiederstand! weg mit faSCHIssTinnen!!!!!!!
und wo sollen die junkies vom kotti hin? sollen die sich in luft auflösen???? wie stellt ihr euch das vor??? denkt ihr wennn ihr kreuzberg “verschönert” und zu einer touristenmotropole verwandelt wird alles besser??? ganz im gegenteil !°!!
wir werden es nicht zulassen und auf jedenfalll nicht die CDU/CSU Wählen ^^
So weit Anja. Wie hättet ihr Anja geantwortet? Erst wenn ihr das überlegt habt, - klickt hier drauf und lest nach, was Vera selbst und was ich unter meinem echten Vornamen “Johannes” auf diese wunderbar kraftvolle Beschimpfung Anjas erwidert haben. Nicht spicken - erstmal selber überlegen, wie ihr darauf reagiert hättet! Bitte! Ihr könnt Anja auch hier oder Vera dort eine Antwort geben. Wer hat recht - Anja oder Vera?
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Väter und Söhne und Töchter
9.5.2009 von admin.
“Väterpartei” gegen “Partei der Töchter und Söhne”. Mit dieser Formel versuchte ich am 19. April in einer Diskussion mit Wolfgang Schäuble und Jürgen Trittin die verschwiegene Verwandtschaft zwischen CDU/CSU und den Grünen zu fassen - mit ausdrücklicher Zustimmung von Jürgen Trittin. Die Grünen sind entsprungen aus der Unfähigkeit der Unionsparteien, einen geordneten Übergang der Macht an die nachwachsende rebellierende Generation innerhalb der Partei zu vollziehen. Nachdem die widerborstigen Töchter und Söhne nicht gewonnen worden waren, blieb der Union nur übrig, die anderen, die braven Söhne, die buchstäblich schon in Anzug und Krawatte geboren werden, still und unauffällig nachrücken zu lassen. Nur wenige Male gelang eine echte Rebellion innerhalb der Unionsparteien: als Ludwig Erhard den Bundeskanzler Adenauer verdrängte oder verdrängen ließ - und ein zweites Mal im Jahre 1999, als Generalsekretärin Merkel mit ihrem Brief an die FAZ dem Kanzler Kohl ausdrücklich die Gefolgschaft aufkündigte. Sie tat dies, indem sie ausdrücklich darauf hinwies, dass auch Parteien - wie Jugendliche in der Pubertät - sich von den großen Vaterfiguren lösen müssten, wobei sie namentlich das “Schlachtross” Helmut Kohl anführte.
Entscheidend bleibt: Die Grünen sind eine Akademikerpartei “aus gutem Hause”. Ihr erstaunlicher Erfolg speist sich aus der zur Dauergeste erstarrten, moralisch begründeten Rebellion gegen ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, deren Produkt sie sind und bleiben.
Der gegenwärtig stattfindende Parteitag der Grünen liefert reichlich Belege für diese These. Lest etwa folgenden Abschnitt aus dem Tagesspiegel:
Die Botschaft, die die Grünen von ihrem Wahlparteitag aussenden wollen, ist klar: Die krisengeschüttelte Welt spricht grün. Selbst alte Industriebranchen, wie die Auto- oder Chemieindustrie sind derzeit stark interessiert an einer energiesparenden Produktion. Grüne Themen haben Konjunktur. Oder wie es der realo-intellektuelle Fraktionschef Fritz Kuhn sagt: “Grün ist eingedrungen in den hegemonialen Diskurs der Republik”.
Man lese den letzten Satz zweimal: “Grün dringt in das Sinnen und Trachten der herrschenden Alten ein.” So lässt sich die Wendung “hegemonialer Diskurs” in gemeinverständliches Deutsch übersetzen. Die Rebellion wird verkleinert zur Infiltration der Diskursordnung. Man versuche einmal diesen Satz Fritz Kuhns sich auf einem Parteitag der Union vorzustellen - und man wird erkennen, welch riesige Kluft zwischen den Unionsparteien und den Grünen klafft.
Ein Unionspublikum wird den Satz Fritz Kuhns nicht verstehen. Denn in der Aufbauleistung der Nachkriegsjahre hatten die Väter keine Zeit, den italienischen Theoretiker Antonio Gramsci oder den Diskursanalytiker Michel Foucault zu lesen. Der Satz würde verpuffen. Ohne Abitur und ohne mindestens ein paar Semester Hochschulstudium wird niemand den Verhandlungen der Grünen folgen können. Dies schränkt - soll ich sagen glücklicherweise? - ihre Wählerbasis ein.
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Helmut Kohls, Wolfgang Schäubles, Horst Köhlers … Töchter und Söhne wählen die Grünen
7.5.2009 von admin.
Nun ist es da, was der Mann kürzlich im Beisein von Jürgen Trittin und Wolfgang Schäuble auf dem taz-Kongress vortrug. Der gute Beitrag von Franz Walter in Spiegel online ist obendrein Wasser auf meine Mühlen: Der unterschwellige Generationenkonflikt bestimmt im wesentlichen die Wählermilieus von CDU und Grünen, denn die Wähler der Grünen sind die Söhne und Töchter der klassischen CDU-Wähler. Dazu passt auch der gestrige Renten-Coup der Bundesregierung: Wie die Süddeutsche Zeitung heute auf S. 6 berichtet (”Die wachsende Macht der Senioren”), lagen bei nahezu allen Wahlen der letzten zehn Jahre die CDU-Ergebnisse bei den Älteren deutlich über dem Gesamtergebnis. Bei sonst gleichen soziokulturellen Voraussetzungen, also der Herkunft aus dem besitzenden Bürgertum, gilt also schematisch: Alt und bürgerlich wählt CDU, jung und bürgerlich wählt Grüne.
Volkspartei ade? Die CDU betreibt wie andere Parteien auch klassische Klientelpolitik, statt die Interessen des Ganzen im Auge zu behalten, wenn sie seit gestern trockenen Auges die Meinung vertritt: “Die Renten werden nie und nimmer sinken!”
Ich finde so etwas nicht gut. Wenn Parteien sich im Grunde wie Fußballvereine oder Trachtenvereine nur noch durch einige äußerliche Merkmale bestimmen, durch die berühmten “Lagerfeuer” der Parteiseele, wenn sie nur noch danach gieren, den eigenen Wählern irgendwelche kaum bedachten politische Brocken hinzuwerfen, die diese dann aufschnappen sollen, dann geht politische Substanz verloren.
Lest hier noch einen Auszug aus dem Aufsatz von Franz Walter:
Grüne 2009: Partei der Selbstbetrüger - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik
Und außerdem: Wollen die grünen Wähler wirklich und überhaupt das, was die grünen Politiker als wünschenswerte Politik in ihr Wahlprogramm hineingeschrieben haben?Gewiss, es ist nicht einfach für politische Aktivisten der Ökopartei. Die Anhängerschaft der Grünen lebt unzweifelhaft in einer Art stetem Selbstbetrug. Seit Jahren zeigen etliche Erhebungen, dass die postmaterialistischen Menschen der Republik im Grunde vollauf zufrieden sind mit den Verhältnissen, ihren eigenen gegenwärtigen Lebensumständen, ihren weiten Zukunftsaussichten.
So zufrieden wie die grüne Klientel ist kein Milieu sonst in Deutschland.
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Zeit zum Abtauchen. Unverbindlich.
1.5.2009 von admin.
Heute nachmittag trieben wir über das Myfest in der Oranienstraße hin. Die Menschen stehen in dichten Trauben. Mein Sohn Wanja zieht mich furchtlos durch die Menge. Es herrscht ausgelassene Feststimmung, buntes Treiben, die Atmosphäre ist vollkommen locker. Gegenüber der Blindenanstalt treffe ich Kurt Wansner, lachend, unversehrt an Leib und Leben. Wir plaudern ein paar Worte. Ein solches Fest erlaubt es dir abzutauchen. Dennoch herrscht eine gewisse Unverbindlichkeit. Es könnte alles so sein - oder auch anders. Es kommt nicht darauf an.
Und genau diese Unverbindlichkeit steckt auch in den Auseinandersetzungen zwischen Randalierern und Polizei, von denen ich jetzt nur noch in den Medien erfahre. Die Parolen, die da skandiert werden, sind sinnleer, austauschbar. Jutta Ditfurth sagte laut Tagesspiegel: “Die soziale Ordnung in Deutschland bleibt eine Gefängnisordnung.” Im Verlauf der Wirtschaftskrise seien in Deutschland 100.000 Leiharbeiter “geräuschlos entsorgt” worden. “Ulrike Meinhof hat Bambule empfohlen - wir auch!” “Wäre die Bastille gefallen - nur durch Lichterketten? Wäre die Befreiung vom Faschistenpack denkbar - als Loveparade?” Eine grandiose Selbstüberschätzung der Rednerin, erklärbar nur durch völlige Verblendung. Ein Bezug zur Realität ist in solchen Worthülsen nicht mehr erkennbar.
Die Jungs im schwarzen Block, das sind unsere verlorenen Söhne, die sich da in die Austauschbarkeit maskieren, abtauchen in die Anonymität. Sie haben erkennbar nichts von der Welt gesehen, waren nie in Weißrussland oder in Kenia, haben nie mit Menschen aus den KZs oder aus dem GULAG geredet. Sie kennen keinen Hunger, keine Not. Ihnen fehlen jede Maßstäbe. Sie wollen zeigen: Schaut her, wir sind auch noch da. Eine maßlose Gier nach Aufmerksamkeit liegt in diesen Steinwürfen. Eine Gier, die keine anderen Mittel findet als eben diese Ausbrüche und Katz-und-Maus-Spiele. Erbärmlich.
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“Wo sind die Väter?”, oder: Lange Abwesenheit
28.4.2009 von admin.
“Wo sind die Väter?”, diese Frage stellte ich mir schon häufig: in den Elternversammlungen in der Kita, wo nur die türkischen Mütter erschienen, im Spreeewaldbad, im Prinzenbad. Die Kreuzberger Jungs wirken auf mich häufig wie verwaist, vollkommen alleingelassen. Und sie dürsten bei allem coolen Macho-Gehabe wirklich nach Gesprächen mit erwachsenen Männern. Versucht es, sprecht mit ihnen! Heute finde ich einige Antworten. Christian Füller zitiert Wiesbadener Sozialarbeiter: “Väter gibt es hier kaum. Es gibt immer wieder Männer, aber das sind quasi durchlaufende Posten. Eze spricht lieber ein bisschen über seinen echten Vater, der sich nach Nigeria aufgemacht hat. Und über sich” (Die gute Schule, S. 75). “Lange Abwesenheit”, so fasste Brigitte Schwaiger bereits im Titel ihres Buches ihre eigene Vater-Erfahrung zusammen. Und Kazim Erdogan berichtet heute aus seiner eigenen ehrenamtlichen Praxis ähnliches über die türkisch-deutschen Väter:
Türkische Männer: “Ein Ehrenmann schlägt seine Frau nicht” - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama
Erdogan: Sie stellen Regeln auf und bestrafen ihre Kinder - aber sie sprechen kaum mit ihnen. Manche wissen nicht einmal den Namen der Schule. Die sagen, mein Kind geht in einen Backsteinbau. In der modernen Welt aber müssen sie in der Kindererziehung am Ball bleiben, sie müssen wissen, wie es mit den Lehrern und Freunden läuft. In Neukölln lauern so viele Gefahren: Drogen, Gangs, falsche Freunde.SPIEGEL ONLINE: Darum kümmern sich aber nur die Frauen?
Erdogan: Sie sind in den traditionellen, türkischen Familien für das tägliche Leben zuständig. Wenn dann die Ehen auseinandergehen, ziehen sie die Kinder meist alleine groß, und die Väter stehlen sich aus der Verantwortung. Gerade türkische Jungs brauchen aber ihre Väter, um zu lernen, dass es Grenzen gibt, die auch eingehalten werden müssen.
Das Fehlen von uns Vätern - darin erblicke ich eine der Ursachen für die hier in Kreuzberg weit verbreitete negative Grundhaltung gegenüber der Gesellschaft und dem Staat. Denn der Staat, vertreten im wesentlichen durch die Lehrerinnen, kann selbstverständlich die Vater-Rolle nicht ersetzen. Vater-Rolle aber scheint im besten Fall zweierlei zu bedeuten: Vorbild - der jüngere Sohn möchte aufschauen können, möchte den Wunsch hegen: “Später werd ich mal wie Papa!”
Und der Jugendliche muss sich später dann mühsam, mühsam abarbeiten können am Vater: “Der Vater macht alles falsch - ich möchte später mal auf keinen Fall so werden wie Papa!”
Beide Haltungen - das kindliche Nacheifern und die jugendliche Empörung - halte ich für notwendige Stufen auf dem Weg zu gelingender Männlichkeit, zu echter Integration in die Gesellschaft der Erwachsenen. Und wenn ein Kind ohne greifbaren Vater aufwächst? Dann, so meine ich, werden andere Wege beschritten. Ein Weg ist die stärkere Anlehnung an die Mutter oder an andere Vaterfiguren. Ein anderer Weg, aber nicht der einzige, scheint zu sein: Man sucht die streitige Auseinandersetzung mit dem abstrakten Vater - also dem Staat. Gesetzesübertretungen, kriminelle Taten führen den Jugendlichen in eine verwandelnde Begegnung mit der bisher fehlenden Vater-Instanz hinein. Die Jugendstrafanstalten, die Männergefängnisse sind gefüllt mit Männern, denen offensichtlich die gelingende Auseinandersetzung mit dem Vater in der Kindheit verwehrt wurde. Dies ist sicher nicht die einzig mögliche Erklärung, aber für viele straffällige junge Männer dürfte sie zutreffen.
Schlussfolgerung: Söhne brauchen anwesende Väter. Der Staat kann nicht immer die Aufräumarbeiten hinterher machen. Das wird auch viel zu teuer. Besser sind Väterschulen, oder auch Elternschulen: also regelrechte Kurse, in denen Eltern aufgeklärt und, jawohl, belehrt werden.
Die Initiative des Neuköllner Sozialarbeiters Kazim Erdogan halte ich deswegen für wegweisend. Er versammelt türkische Väter, spricht mit ihnen, leistet HIlfestellung, damit die Väter ihre Verantwortung erkennen.
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Ist die CDU die Partei der bildungsfernen Schichten?
20.4.2009 von admin.
Gestern erlaubte ich mir die Bemerkung, die CDU sei die Partei der “bildungsfernen Schichten”. Das war natürlich überspitzt, zumal es gerade unter den Spitzenleuten der Union viele Menschen mit Doktortitel gibt. Aber der Besuch des taz-Kongresses in den vergangenen zwei Tagen zeigte doch, dass die Musik der Akademiker heutzutage weitgehend außerhalb der Unionsparteien spielt. Immerhin war mit Wolfgang Schäuble ein namhafter Vertreter der Unionsparteien geladen, und die Reaktion im Saal habe ich so erfühlt: “Der Mann hat völlig recht, auch wenn er von der CDU ist.” Aber die eigentlichen Debattenthemen kann die Union nicht setzen. Der Zentralbegriff der ganzen Veranstaltung war Verantwortung - eigentlich ein Kernbegriff der CDU/CSU. Auch hier hat sich die Union offenbar die Diskurshoheit abnehmen lassen. Die taz ist nunmehr - unter diesem Leitbild der Verantwortung - weder eine linke noch revolutionäre Zeitung mehr, das wissen sie auch längst. Der herausragend gut besetzte taz-Kongress spiegelte vielmehr den Hauptstrom des bürgerlich-gesitteten Tischgesprächs wider. Sie, die taz, ist eine Zeitung der Töchter und Söhne der bürgerlichen Mitte. Während die Väter und Mütter des bürgerlich-gesitteten Tischgeprächs die Nase weiterhin in Zeitungen wie etwa FAZ, Süddeutsche oder Berliner Zeitung stecken.
Ganz wichtig: Die lokale Berliner CDU muss sich wegbewegen von einer Politik der heruntergezogenen Mundwinkel, von einer Politik des Ressentiments. Unter Ressentiment meine ich hier den Appell an negative Grundhaltungen, Haltungen der Mißgunst, des Neides, des Schlechtredens, der Verteufelung. Re-Sentiment - das heißt ja: Eine Re-Aktion in den Gefühlen auslösen, und zwar eine vorwiegend negativ besetzte Reaktion. Das Grau der Antipathie herrscht dann vor. In einem Ruf lässt sich diese Haltung zusammenfassen: “Tu nix - es bringt nix!”
Erfolgreiche Politik arbeitet mit Zuversicht, mit den bunten Farben der Sympathie und Ermutigung. Sie äußert sich in Aktionen, nicht in Reaktionen, also in positiven, nach vorne gerichteten Botschaften. In einem Grundwort: “Tu was - du kannst was!”
Hier noch ein empirischer Beleg aus der Morgenpost vom 17.04.2009 für meine gestrige Behauptung:
Berlin-Trend - SPD baut Vorsprung vor der CDU wieder aus - Berlin - Printarchiv - Berliner Morgenpost
Die Daten verdeutlichen einige gravierende Probleme der CDU. Die Partei kommt nicht nur im Ostteil schlecht an, sondern bei jüngeren Leuten generell. Erst in der Altersgruppe 45 bis 60 überspringt die CDU die 20-Prozent-Marke, bei der Generation 60 plus liegt sie dann mit 33 Prozent vorn. Entsprechend der Altersstruktur ihrer Wählerschaft liegt die CDU auch unter den Eltern schulpflichtiger Kinder mit 19 Prozent deutlich hinter SPD (25) und Grünen (22) zurück. Unschön für die CDU ist ein weiterer Befund. Unter den besser gebildeten Berlinern fällt die Union durch. Bei Menschen mit Abitur oder Fachhochschulreife, die die Mehrheit der vielen Zuzügler in die Stadt stellen, kommt die CDU gleichauf mit der Linken nur auf 18 Prozent. Bei den Hochgebildeten rangiert abermals die SPD mit 25 vor den Grünen mit 24 Prozent.
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