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Archiv der Kategorie Europa
Werden wir allmählich kulturelle Neandertaler?
6.3.2010 von admin.
Beim Warten auf das Flugzeug las ich vorgestern das Buch “Die Frau mit dem roten Tuch”. Es geht um das Wiederfinden, entfaltet im E-Mail-Austausch zweier Liebender. Ich zitiere aus einer E-mail der schreibenden Frau, Solrun:
“Wir leben heute nur in einer durch und durch materialistischen Kultur, die den Kontakt mit dem Geistigen fast vollständig abgeschnitten hat - vom Jenseitigen ganz zu schweigen. Aber lies Shakespeare, lies die isländischen Sagas, wirf noch einmal einen Blick in die Bibel oder Homer. Oder hör dir an, was die verschiedensten Kulturen von ihren Schamanen und Ahnen erzählen.”
Nun, als Deutscher und als Kreuzberger würde ich der Aufstellung der wiederzulesenden Werke natürlich noch Goethe und den Koran hinzufügen. Aber im Kern hat Solruns Klage vieles für sich: Wir drohen uns abzuschneiden von wichtigen Strömen der europäischen Überlieferung. Wird es uns mit Kant, Goethe und Heine so ergehen wie den Griechen, die ihre Tragödien vollständig einbüßten mitsamt der Sprache - so dass wir Spätlinge heute mit größter Mühe daran arbeiten, sie wieder zu verstehen?
In der Düsseldorfer Neanderkirche entdeckte ich diese Gedenkplatte für den Dichter Joachim Neander (1650-1680):
Mir schießen seine Verse aus seinem Lied “Der Lobende” durch den Sinn:
“Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet,
Der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet”
Wer versteht so eine Sprache heute noch? Die Menschen, die den Koran studieren, ganz sicher! Man lese nur etwa Sure 2, 212: “Und Gott beschert den Lebensunterhalt, wem Er will, ohne zu rechnen.”
Aber die anderen?
Nebenbei: Das Neandertal, nach dem der Neandertaler benannt ist, heißt nach dem Dichter Joachim Neander so. Er ging oft in diese schaurige Einsamkeit und gab sich dort seinen Empfindungen hin.
Lesehinweis:
Jostein Gaarder: Die Frau mit dem Tuch. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Carl Hanser Verlag, München 2010, hier S. 36
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Gehört die Türkei zu Europas Kultur?
2.3.2010 von admin.
“Eis ten polin” - von dieser griechischen Kurzformel leitet sich der moderne Name des heutigen Istanbul her - einer grandiosen Geburtsstätte dessen, was heute das ganze Europa ausmacht. Man könnte diese Stadt eigentlich metaphorisch als “eis ten Europan” benennen, denn sie steht genau an der Grenze zwischen dem östlichen und dem westlichen Europa. Als Byzantion (Byzanz) gegründet, wurde sie im 4. Jh. n. Chr. in Konstantinopel umbenannt. Von da aus empfingen die östlichen Völker das Evangelium in griechischer Sprache - darunter alle ostslawischen Völker. Kleinasien war im 1. Jahrhundert eine der Gründungsstätten des Christentums. Die Türkei birgt den Mutterboden für die europäische Leitreligion.
Die Osmanen bevorzugten die griechische Stadtbezeichnung Konstantiye oder auch Istanbul. Auf diese und andere Zusammenhänge machte kürzlich der studierte Historiker Christan Dettmering auf dem berühmten Glashaus-Stammtisch aufmerksam. Ohnehin sprachen große Teile der türkischen Macht- und Verwaltungselite Griechisch - ja die meisten sprachen nicht nur die damalige Weltsprache Griechisch, sondern waren selbst Griechen. Und noch bei der Gründung der modernen Türkei waren 30% der Bevölkerung Christen, ganz überwiegend Griechen und Armenier.
Ich halte die Türkei für einen Mittler- und Brückenstaat, der kulturell gesehen teilweise zum östlichen Europa gehört, wie etwa auch Griechenland, Bulgarien, Bosnien-Herzegowina, zu einem Teil aber auch zur Gemeinschaft des islamischen Kulturkreises, der vom Maghreb bis nach Indonesien reicht.
Kulturell gesehen gehört also Kleinasien, die heutige Türkei, zum östlichen Teil Europas wie etwa Griechenland und Bulgarien. Auch wenn die 1982 verhängte, noch heute geltende Verfassung von der “ewigen unteilbaren Existenz des türkischen Volkes” ausgeht, tun wir Europäer gut daran, die Türken nicht vor den Kopf zu stoßen: Die Osmanen mischten in der europäischen Geschichte kräftig mit, sie waren ein Teil von ihr, ja über mehrere Jahrhunderte hinweg beherrschten sie weite Teile des östlichen Europa, darunter den ganzen Balkan. Und sie stellten sich bewusst als Nachfolger des antiken Ostrom dar. Die bosnischen Muslime sind eine seit Jahrhunderten bestehende “autochthone” islamische Gemeinde - mitten in Europa.
Und die Nachfolger der Osmanen, das sind die Jungtürken. Sie haben einen an europäischen Staatsmodellen ausgerichteten Überbau geschaffen. Ihr Vorbild waren die damaligen, autoritär geführten Nationalstaaten des westlichen Europa, also etwa Frankreich oder auch Deutschland.
Vor jeder Überheblichkeit gegenüber “Ostrom”, also Istambul oder auch Moskau, sollten wir Spätlinge uns hüten. Vielleicht hilft dabei ein Besuch der folgenden Ausstellung:
Byzanz - Die Supermacht, die Europa vor den Arabern rettete - Kultur - Berliner Morgenpost
Byzanz, so der überwältigende Tenor, war eine Großmacht mit einer Zivilisation, der das abendländische Mittelalter das Wasser nicht reichen konnte. Ein Staat, der, rechnet man nur von der definitiven Reichsteilung nach dem Tod von Theodosius dem Großen 395 bis zum ersten Fall 1204, länger Bestand hatte, als die Neuzeit währt. Vor allem aber hätte das Abendland ohne den oströmischen Schutzschirm kaum die Chance gehabt, einmal zur Geburtstätte von Renaissance, Aufklärung und Weltherrschaft zu werden.
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Wach auf und streck dich, Europa!
2.3.2010 von admin.
Europe’s Errors - TIME
I am not exaggerating when I say Europe’s obsession with restructuring its internal arrangements is akin to rearranging the deck chairs of a sinking Titanic.
Im Flieger von Berlin nach Düsseldorf las ich genüsslich die aktuelle TIME, March 8, 2010, etwa über die Vorzüge des Barfußlaufens, S. 40, oder über die Vorzüge des häuslichen Unterrichts, S. 37. Letzteres, also Schulverweigerung, führt allerdings in Deutschland zu Stigmatisierung, Geldbußen und Sorgerechtsentzug. Die Auflage von TIME: 5,8 Millionen Exemplare. Was hier steht, hat Wirkung!
Im Sinkflug befindet sich der Kontinent Europa. Insonderheit die EU. Ein Haufen von selbstverliebten zankenden Schrebergärtnern, die nichts gebacken kriegen. Dies behauptet Kishore Mahbubani auf S. 20. Lesenswerte Gardinenpredigt! Europa verfehlt seine Stärken, es ist blind gegenüber den globalen Herausforderungen. Europa steht sich selbst im Weg, weil die EU im wesentlichen allzu oft als bloße Umverteilung von Ressourcen hin- und hergerissen wird.
Ich wage nicht, Herrn Mahbubani zu widersprechen - zumal er ausdrücklich seine Sicht als “Außensicht” ausweist.Der Kontinent Europa ist noch nicht zu sich selbst gelangt - und die EU leistet zu wenig dafür, dass dies so werde. Selbstbezüglichkeit herrscht vor.
Ein kleiner Beleg aus meiner europäischen Innensicht: Wenn deutsche Christen von “Ökumene” sprechen, weisen sie stolz darauf hin, dass Protestanten und Katholiken einander nicht mehr die Schädel einschlagen. Die europäische Kirchenspaltung sei deshalb praktisch (wenn auch nicht dogmatisch) überwunden.
Was ist dran? Hier wage ich - immerhin! - zu widersprechen. Ein winziger Beleg: Die Katholiken und die Protestanten in Deutschland haben es immer noch nicht geschafft, die entscheidende, die viel tiefer liegende Kirchenspaltung ins Auge zu fassen, zu benennen, geschweige denn sie zu überwinden. Ich meine das Schisma von 1054, als West- und Ostkirche sich trennten. Seither ist Europa kulturell tief gespalten, und zwar bis zum heutigen Tag. Kleinasien, also die heutige Türkei, Bulgarien, Russland, Teile von Ukraine, Griechenland - diese und andere Länder zählen seit damals zum Osten. Sie sind für uns - das andere Europa (von uns aus gesehen). Wir sind für sie - auch für die Türkei: das andere Europa (von ihnen aus gesehen).
Dass dies in den deutschen Kirchen und auch in der CDU Deutschlands nicht gesehen und gesagt wird, erstaunt mich immer wieder. Ich meine: Es muss deutlich gesagt und oft wiederholt werden. Ich habe größte Mühe, den Sachverhalt meinen russisch-orthodoxen Familienangehörigen gegenüber zu rechtfertigen. Ehrlich gesagt: ich unternehme keine Versuche dazu.
Eine christliche Ökumene, die so tut, als sei sie ohne die mittlerweile überall in Europa lebenden “östlichen”, orthodoxen Christen vollständig, greift ins Leere.
Dies ist nur einer der vielen Belege dafür, dass wir Europäer endlich in die Gänge kommen müssen - nicht nur politisch, sondern auch kulturell. Dazu gehört, dass die Politik und die Menschen sich in den gesamten Strom der europäischen Geschichte stellen und nicht einen Teil abspalten.
Europa must get its act together! Wake up, get to your feet, reach out!
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Erwachsene brauchen Märchen
15.1.2010 von admin.
Bei meinen Nachforschungen zum Märchen “Des Kaisers neue Kleider” stieß ich auf eine bemerkenswerte Tatsache: Der Stoff des Märchens stammt nicht aus Hans-Christian Andersens Phantasie, sondern aus der maurischen Tradition! Also aus der islamisch-spanischen Kultur des 14. Jahrhunderts! Allerdings war es dort, in der ursprünglich muslimischen Erzähltradition, nicht ein Kind, das die einfache, allen zutage liegende Wahrheit aussprach - “der Kaiser ist nackt!” - sondern ein Rossknecht, also jemand von ganz unten. Einer, der selber kein politisches Amt anstrebte, sondern der einfach in der Hierarchie viel zu weit unten stand, als dass er sich selbst hätte Vorteile erwarten dürfen, wenn er die Wahrheit mit klaren, schlichten Worten benannte:
“Der Kaiser ist nackt!”
Die Wikipedia schreibt in ihrem Artikel über dieses zeitlos gültige Märchen:
Die Erzählung wird gelegentlich als Beispiel angeführt, um Leichtgläubigkeit und die unkritische Akzeptanz angeblicher Autoritäten und Experten zu kritisieren – vergleichbar mit Kleider machen Leute und dem Hauptmann von Köpenick. Aus Furcht um seine Stellung und seinen Ruf spricht wider besseres Wissen niemand, nicht einmal der treueste Minister des Kaisers, die offensichtliche Wahrheit aus; vor die Entscheidung „Ansehen und Wohlstand oder Wahrheit“ gestellt, entscheidet man sich letzten Endes gegen die Wahrheit und für die materiellen und ökonomischen Vorteile.
Es lohnt sich, das ganze Märchen Andersens “Des Kaisers neue Kleider” nachzulesen:
Projekt Gutenberg-DE - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur
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“So sind wir” - die politische Grundeinsicht des Wolfgang Schäuble
21.12.2009 von admin.
Kein anderer deutscher Politiker liefert so brillante Analysen zum politischen Tagesgeschäft, kein anderer deutscher Politiker kann den Funktionswandel des politischen Systems seit den Jahren 1989/90 so unbestechlich erklären wie Wolfgang Schäuble. Ich erinnere mich an einige seiner SPIEGEL- und ZEIT-Beiträge. Jeder von ihnen hat mir eine Einsicht geliefert, die ich so oder so ähnlich schon dunkel geahnt hatte - aber eben nicht die Kraft, nicht die Erfahrung hatte, sie auch auszusprechen. Ob man Schäubles Einschätzungen der Lage immer zustimmt, bleibe dahingestellt - aber in seinen hinter die Fassade dringenden, meta-politischen Aussagen halte ich ihn für unübertroffen unter den deutschen Politikern.
Um so überraschter war ich am vergangenen Donnerstag, ihn bei der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa in sehr aufgeräumt-erzählerischer, zwangloser, persönlicher Haltung zu erleben. Thema war erneut: Das Doppelgedächtnis der “alten” und “neuen” EU-Staaten. Zsuzsa Breier hob zu Beginn hervor, wie weit wir noch von einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur entfernt seien. Dazu sei noch sehr viel mehr Erzählen und Benennen nötig. Viel zu wenig werde von den Verbrechen der Kommunisten geredet. Mart Laar, der ehemalige estnische Ministerpräsident, arbeitete in klaren, unzweideutigen Worten heraus, welchen Weg Estland und die ehemaligen Ostblockstaaten insgesamt gegangen seien: weg aus der Unterjochung durch das Zwangssystem des Kommunismus, hin zu Selbstbestimmung, schmerzhaften Reformen, mühsamen Aufbauprozessen.
Schäuble fand von Anfang an einen sehr persönlichen Ton. Ich sah, mit welcher Aufmerksamkeit er durch seinen frei schweifenden Blick das Publikum zu “lesen” versuchte! Immer wieder richtete er auch das Wort direkt an uns Zuhörer. Etwa als er sich klar für das repräsentative und gegen das direkte Modell der Demokratie aussprach: “Machen Sie nicht den Fehler, Volksabstimmungen einzuführen! Sonst kommt so ein Blödsinn heraus wie das Schweizer Minarettbauverbot.” Es gelte vielmehr, mühselige Einsichten “von oben herab” durch “nachholende Zustimmung” in politisches Handeln umzusetzen. Schäuble verwies zu recht darauf, dass die Generation “Adenauer und seine Mitstreiter” viele grundlegende Weichenstellungen durchsetzten, die zweifellos bei direkten Volksabstimmungen damals durchgefallen wären. Regierungskunst ist eben auch, das für richtig Erkannte zu tun, auch wenn die Mehrheiten erst nachher zustande kommen.
Zwei Mal kam Schäuble zu der Feststellung: “So sind wir.” So sind wir - wir werden die Freiheit dem Zwang vorziehen. Und wir werden den größeren Wohlstand dem freiwilligen oder erzwungenen Verzicht und der Mangelwirtschaft vorziehen.Wir können Politik nur mit den Menschen machen, wie “wir” (nicht “sie”) eben sind.
“So sind wir.” Dieser eine Satz hat mich am meisten beeindruckt! Hier wurde nicht von komplizierten Systemen oder Funktionen, vom “christlichen Menschenbild” oder ähnlichem doziert. Hier sprach einer, der sich ausdrücklich einbezog. Der sich selbst für fehlbar, unvollkommen und beschränkt ausgab und ausdrücklich auf eine Stufe mit seinen Wählern stellte.
Den Vorwurf, es werde zu wenig von den Verbrechen der Kommunisten gesprochen, parierte Schäuble mit folgendem Hinweis: “Mir hat mein Freund Ignatz Bubis erzählt, wie lange es dauerte, bis seine Verwandte über die Schrecken des KZ zu reden anfing. Es dauerte bis in die 80er Jahre.” Schäubles Botschaft war: Man sollte nicht zu viel in den Schrecken der Vergangenheit wühlen, sondern beherzt und entschlossen die großen Aufgaben der Zukunft anpacken, etwa die Festigung und Vertiefung der Europäischen Union. Hier sei er keineswegs mit dem Erreichten zufrieden. Die einseitig verfolgte Idee des Nationalstaates habe sich überlebt. Der Nationalstaat bedürfe der Überwölbung durch Europa - aber auch der Stärkung der untergeordneten, der regionalen und lokalen Ebenen. Hier klang das Subsidiaritätsprinzip durch, das - so Schäuble - leider nicht durchgängig genug beachtet werde.
“Wenn es eine umfirmierte NSDAP gegeben hätte, wenn sie nach 1945 nicht verboten worden wäre, dann hätten die Nazis ähnlich hohe Stimmengewinne erzielt wie die umbenannte SED nach 1990.” Diese mutige Aussage bekräftigte Schäuble noch einmal, als ein Zuhörer energisch den Kopf schüttelte. Geschäft der Demokratie sei es, das gesamte Spektrum der Meinungen zuzulassen und durch unablässiges Werben und Kämpfen für die als richtig erkannte Sache einzutreten. Gerade in diesen Passagen wurde deutlich, dass dem politischen Menschen Wolfgang Schäuble jeder eifernde, jeder rechthaberische Zug fehlt. Ich meine: Zwischen dieser klug abwägenden, um die Verführbarkeit des Menschen wissenden Weltsicht und dem, was man als stumm leidendes Mitglied etwa auf Versammlungen der Berliner CDU um die Ohren gewatscht bekommt, liegen wahrhaftig Welten.
Einbeziehung, Ausgleich, klare Friedenspolitik - unter diesen Grundworten ließen sich weitere Anmerkungen zusammenfassen. Einer privilegierten bilateralen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland, wie sie bis 2005 gepflegt wurde, erteilte Schäuble deshalb eine klare Absage: “Wir dürfen als Deutsche keine Russlandpolitik machen ohne unsere europäischen Partner einzubeziehen.”
Mein persönliches Fazit des Abends lautet: Mart Laar und Wolfgang Schäuble teilen wesentliche Grundeinsichten. Sie gehen davon aus, dass die Politik eines freien Europa aktiv-vorwärtsblickend sein muss, im Bewusstsein der zum Glück überwundenen Spaltung Europas klare Ziele verfolgen muss, ohne die Gräben der Vergangenheit durch gefährliches Verschweigen oder nicht zielführendes Darin-herum-Wühlen künstlich offenzuhalten.
Ich fasse also den gesamten Abend so in zwei Worten zusammen: “Wer nicht gegen uns ist, der sei für uns! Wer noch nicht für uns ist, dem reichen wir die Hand hin!”
Die Kraft der Freiheit wird stärker sein als die Knechtschaft eines Systems. Der politische und wirtschaftliche Erfolg des Europäischen Projekts wird stärker sein als das Spaltungsdenken. Und die Idee der Eigenverantwortung wird dem übermäßigen Machtanspruch der Systeme und Bürokratien in jederlei Gestalt widerstehen müssen.
Dem kann ich nur zustimmen. Denn: So sind wir.
Unser Foto zeigt von links nach rechts: Wolfgang Schäuble, Mart Laar, Moderator Konstantin von Hammerstein
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“Die Drina-Linie! Kennen Sie denn nicht die Drina-Linie!”
4.12.2009 von admin.
Diesen verzweifelten Ausruf meines eigenen Vaters rief ich mir ins Gedächtnis, als ich las, was Sascha Stanisic über diesen Fluss schreibt:
“Die Drina weckt mich. Ich schlage die Augen auf, als der Bus in einer kleinen Ortschaft, deren Name mir nicht einfallen will, auf die Straße biegt, die parallel zum Fluss bis nach Visegrad führt. Zahlreiche Tunnels kappen immer wieder das Tageslicht, nur wenige sind beleuchtet.”
Mein Vater, der als Böhme noch in den alten Kulturraum der KuK-Monarchie hineingeboren ward, war der Meinung: Wer den Balkan und den Osten Europas nicht versteht und kennt, kennt und versteht die Geschichte Europas nicht. Hatte mein Vater recht? Ich meine: ja! Wer nicht nach Bosnien, nach Slowenien, nach Rumänien, nach Ungarn, nach Estland und Lettland schaut, kann nicht von sich behaupten, dass ihm die Einheit Europas am Herzen liegt.
Wer nicht in den Balkan schaut, der gleicht einem Mann oder einer Frau, die parallel zur Drina durch zahlreiche unbeleuchtete Tunnels fahren. Das sind halbseitig Blinde, halbseitig Gelähmte. Unter der Oberfläche des europäischen Flusses tummeln sich allerlei Ungetüme. Wehe denen, die unachtsam sind! Unser Bild zeigt einen Hai im Aquarium des Berliner Zoologischen Gartens.
Wie schreibt Stanisic weiter: “… links schichten sich klotzige Felsen auf, dünn bemoost und spärlich von abgezehrten Pflanzen bewachsen. Rechts: mein Fluss. Ich bestätige mir den Gedanken - mein Fluss, die warmgrüne Drina, gefasst und makellos sauber. Die Angler, die Klippen, die Abstufungen von Grün.”
Quelle:
Sasa Stanisic: Wie der Soldat das Grammofon repariert. Roman. btb Verlag, München 2008, hier: S. 258
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Wer war Antonescu? Wer war Horthy?
17.11.2009 von admin.
Kaum ein Deutscher wird mit dem Namen Antonescu etwas anfangen können, den Herta Müller auf S. 299 ihrer “Atemschaukel” nennt. Es war der faschistische Diktator Rumäniens, der den Vorläufer zu linksgerichteten Diktatoren wie etwa Ceausescu abgab. Man könnte sagen: “Alles vorbei, ziehen wir endlich einen Schluss-Strich! Fangen wir doch ganz von vorne an!”
Und doch sollten, ja müssen wir uns mit der Vergangenheit der faschistischen und der kommunistischen Diktaturen der neuen EU-Staaten befassen. In Ungarn, aber auch in den östlichen Bundesländern Deutschlands hat sich eine weit verzweigte totalitäre, rechtsradikale Ideologie gehalten. Während des Kommunismus war sie geächtet, wurde kriminalisiert. Da der Sozialismus nach und nach jeden Kredit verspielt hatte, wurde es unter Jugendlichen schick, rechtsradikal und nationalistisch zu sein.
Der Sozialismus ging aber listigerweise in den Staaten des Ostblocks ein Bündnis mit dem nationalen Gedanken ein. Alles, was die Erinnerung an eigene Verstrickungen hätte aufrühren können, wurde totgeschwiegen. Die eigene Nation - ob nun Slowakei, Ungarn oder Rumänien - gewann unter dem Sozialismus die Unschuld zurück, indem man die dunklen Flecken verschwieg.
Die Welt, ja selbst die meisten Deutschen glauben bis zum heutigen Tage, nur die Deutschen hätten eine rassistische Vernichtungspolitik gegenüber dem Judentum betrieben. Die Shoah wird ausschließlich auf das Konto der Deutschen geschrieben. Die Deutschen akzeptieren dies willig und wissentlich - aus Unwissenheit. Und doch gab es in den Staaten Ungarn und Rumänien, im besetzten Teil Frankreichs, ja sogar im nicht besetzten Teil Frankreichs, in der Sowjetunion, in der gesamten arabischen Welt in den vierziger Jahren eine aktive, eine keinesfalls erzwungene, sondern aktiv betriebene Verfolgungs- und Entrechtungspolitik gegenüber den Juden und anderen ausgegrenzten Minderheiten, etwa den nationalen Minderheiten innerhalb der eigenen Staatsgrenzen. Diese mündete dann in vielen besetzten und nicht besetzten Ländern in eine aktive Zuarbeit, eine wissentliche Unterstützung der verbrecherischen Ausrottungspolitik der deutschen Nationalsozialisten. Kaum ein Land hat diese Vergangenheit bisher offen zu bewältigen gewagt. Es ist viel einfacher, viel bequemer, die alleinige Schuld an der Katastrophe des Holocaust den Deutschen und nur den Deutschen, am besten nur den Westdeutschen anzulasten!
Dem war nicht so. Darüber gilt es zu reden, sonst kommen die Gespenster der Vergangenheit wieder zurück.
Der ungarische Historiker Paul Lendvai schreibt heute in der Morgenpost:
Antisemitismus - In Ungarn müssen sich Juden wieder fürchten - Kultur - Berliner Morgenpost
In einem bemerkenswerten Aufsatz betont der bedeutende ungarische Schriftsteller Ivan Sandor die Gefahr der verspäteten Distanzierung der Rechten von den Rechtsradikalen: Statt der “verschönten Scheinvergangenheit” müsse man deutlich aussprechen, dass vom Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie und nach dem schrecklichen Zwischenspiel der kurzweiligen “Räterepublik” 1919 mit rotem und anschließendem weißem Terror alle rechtsgerichteten ungarischen Regierungen den Weg zum verhängnisvollen Bündnis mit Hitler-Deutschland und damit auch zum ungarischen Holocaust geebnet haben.
Tragödie des Judentums ist Tragödie des UngartumsDer ungarische Historiker György Ranki hat darauf hingewiesen, dass sich die Juden nirgendwo in Osteuropa mehr mit einer Nation identifiziert haben wie in Ungarn. Deshalb war die Tragödie des Judentums auch eine Tragödie des Ungartums.
Drei Judengesetze1938-1941 zerstörten die Existenz von Hunderttausenden Menschen, und nach dem Einmarsch der Deutschen am 19. März 1944 lief die “Endlösung” auf Hochtouren. Unter Aufsicht Adolf Eichmanns und seiner Schergen hat die ungarische Polizei in knapp sieben Wochen 437.402 Juden in 147 Zügen nach Auschwitz deportiert. Insgesamt 564.000 ungarische Juden wurden, zum Teil auf den Straßen von Budapest, umgebracht. Heute leben schätzungsweise nur noch 80.000 bis 100.000 Juden in Ungarn, überwiegend in Budapest.
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Mauerfall geht weiter: Sprechen über das, was gewesen ist!
12.11.2009 von admin.
Den Reden und Ansprachen zu 20 Jahren Mauerfall habe ich mit höchster Aufmerksamkeit gelauscht. Die Tonlage, oder die “Tonalität”, wie manche sagen, war doch recht unterschiedlich, je nachdem, aus welchem Land die Redner stammten. Spricht man mit einfachen Menschen aus dem Volk, wird man diese Beobachtung auf Schritt und Tritt bestätigt finden. Ein Russe hat nun einmal einen anderen Blickwinkel auf den Mauerfall als ein Franzose oder ein Pole. Für Franzosen stehen Ideale wie Liberté oder Solidarité im Vordergrund, für die Russen hingegen ist das Faktum der Aussöhnung zwischen den beiden Völkern, den Russen und den Deutschen, viel wichtiger: der Fall der Mauer ermöglicht endlich das, was die Russen seit jeher wünschen - nämlich eine lebendige, bewusst gepflegte Freundschaft der Länder Russland und Deutschland. Für die Polen steht die Wiedergewinnung der nationalen Identität im Vordergrund, nachdem die als Fremdherrschaft empfundene Macht des Kommunismus gebrochen ist. Geblieben jedoch ist in Polen ein gewisses Misstrauen gegenüber der “hohen Politik”.
Wir verallgemeinern hier - aber es gibt nun einmal in allen Ländern Europas gewisse allgemeine Grundhaltungen, die auf die Mehrheit der Bevölkerung zutreffen. Zum Beispiel sind die Franzosen und die Polen und die Russen stolz auf ihr Land, die meisten Deutschen sind es nicht. Linke Deutsche sind gegen Atomkraftwerke, linke Israelis sind für Atomkraftwerke usw. usw. Die Deutschen sind eher für Umweltschutz, die Polen sind eher für Wirtschaftswachstum usw.usw. Solche Dinge sollte man wissen.
Wichtig ist es, diese allgemeinen Unterschiede wahrzunehmen. Nur so werden wir im Laufe der Jahrzehnte zu einem gemeinsamen europäischen Geschichtsbild kommen.
Das heutige Bild zeigt den hier bloggenden deutschen Unterschichtler im lockeren Geplauder mit zwei Russinnen: der Pianistin Natalia Christoph und der Sängerin Irina Potapenko. Den Hintergrund bilden Gemälde aus der Schule des Sozialistischen Realismus, derzeit zu sehen in der Galerie Jeschke van Vliet in Berlin-Mitte.
Es sind Bilder aus einer Zeit, über die wir weiterhin das Gespräch suchen müssen. Auf den Mauerfall folgen die Mauerabrissgespräche.
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Was ist besser zwischen Freunden: Toleranz oder Konfrontation?
2.11.2009 von admin.
“Wir wollen, dass die Menschen verbunden, nicht getrennt werden”, in diesem Sinne äußerte sich gestern unser neuer Außenminister. Aus diesem Grund gab er durch die Blume zu verstehen, dass die Wünsche unserer östlichen Freunde bei der Besetzung einer nationalen Stiftung berücksichtigt werden. Er gab den Freunden nicht in der Sache recht, er widerlegte auch die Argumente der Freunde nicht. Er forderte die Freunde nicht auf, eine Gewissenserforschung zu versuchen. Mit einem Wort: Der Außenminister zeigte ein Beispiel diplomatischer Toleranz. Toleranz bedeutet in diesem Sinne: Man nimmt die Bedenken und Vorwürfe des Freundes so entgegen, wie sie kommen. Man streitet nicht mit ihm, sondern lässt ihn in seinem Glauben. Man lässt alles, wie es ist, und vermeidet die Konfrontation. Eine gute Beziehung ist in diesem Fall wichtiger als die Suche nach einer gemeinsamen Wahrheit. Man vermeidet die Auseinandersetzung in der Sache. So ist es über viele Monate hinweg zwischen Deutschland und Polen geschehen. Da ich Polnisch kann, immer wieder mit Polen zusammentreffe, kann ich nur sagen: Deutsche und Polen sind von einer gemeinsamen Wahrheitssuche noch weit entfernt.
Die großartige Chance, die sich mit den Jahren 1989/1990 eröffnete, ist bisher erst ansatzweise genutzt worden. Wir könnten heute ohne Unterjochung durch diktatorische Regimes versuchen, im gemeinsamen schmerzhaften Dialog eine Aufarbeitung der Vergangenheit zu erreichen.
Konfrontativ wäre es, wenn man Argumente für oder gegen eine Position abwöge und dann versuchte, eine gemeinsame Lösung zu suchen. Man würde - auch im Verhältnis zwischen Freunden - den Widerstreit unterschiedlicher Positionen aushalten.
Ich meine: Ein übermäßiges Entgegenkommen, ein ständiges Eingehen auf die Wünsche der Beziehungspartner ist Zeichen mangelnden Selbst- und mangelnden Fremdvertrauens. Die Beziehung ist nicht belastbar genug für eine Konfrontation. Der Psychologe Jeffrey Young spricht hier von einem zum Schema erstarrten Unterwerfungsgebaren: Starke eigene Unsicherheit führt uns dazu, uns den anderen gewissermaßen anzudienen. Wir halten dann größere Meinungsunterschiede nicht aus. Wir übernehmen die Sichtweise der anderen, ohne deren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Wir bleiben im Bann einer nicht durchschauten, unaufgelösten traumatischen Erfahrung. Wir sind dem Trauma verhaftet, wagen es nicht anzurühren aus Angst, der andere könnte böse werden, wenn wir ihn auf verschwiegene Wahrheiten aufmerksam machen.
Eine solche Toleranz gegenüber den anderen, ein bloßes Akzeptieren und Hinnehmen aller Übergriffe und Behauptungen des anderen halte ich für äußerst gefährlich. Denn es führt zu einer Leugnung von Erkenntnissen, zu einer künstlichen Beziehungsrealität, die zum Schema erstarrt. Der eine Partner wird ständig versuchen, mit dem anderen “Schlitten zu fahren”. Die Geschichte der Diplomatie ist angefüllt mit Beispielen dafür.
Ich meine: Zu jeder echten Freundschaft, zu jeder echten Beziehung gehört auch ein gewisses Maß an Konfrontation. Konfrontativ ist ein Verhalten, das unbequeme Meinungen ausspricht und aushält. Das Gerichtsverfahren zwischen zwei Zivilprozessgegnern ist ein Beispiel dafür. Im streitigen Für und Wider werden die unterschiedlichen Standpunkte vorgetragen, bewertet und entschieden.
Freunde können, ja müssen einander auch unbequeme Wahrheiten sagen. Es ist gerade Zeichen einer echten Freundschaft, wenn Meinungsunterschiede zugelassen werden. Sich-Andienen, Sich-Unterwerfen ist auf Dauer schädlich für jede Beziehung zwischen gleichberechtigten Partnern. Echte Freunde, Partner einer guten, gesunden, entwicklungsfähigen Beziehung finden den rechten Mittelweg zwischen Konfrontation und Toleranz.
Das Ideal der Toleranz allein führt in Gleichgültigkeit, in Erstarrung und Unterhöhlung von Beziehungen. Das Ideal der Konfrontation allein hingegen führt zu Streit, es kann - wenn dem anderen zuviel zugemutet wird - zum Beziehungsabbruch führen. Gleichgültigkeit und Beziehungsabbruch sind gefährlich.
Erneut verwenden wir einen Ausdruck aus der Welt der Psychotherapie: Eine gesunde Beziehung hält die Spannung zwischen polaren Positionen aus.
324 Jahre nach dem berühmten Toleranzedikt von Potsdam gilt es zu bedenken, dass Toleranz allein nicht der Goldstandard des Zusammenlebens sein kann. Falsch verstandene Toleranz vereinzelt. Das rechte Maß an Toleranz und Konfrontation ist unerlässlich für eine gelingende Partnerschaft. Das gilt sowohl für zwischenmenschliche als auch für zwischenstaatliche Beziehungen.
Leseanregungen:
1) Eckhard Roediger: Praxis der Schematherapie. Grundlagen - Anwendung - Perspektiven. Schattauer Verlag, Stuttgart 2009, hier insbesondere: S. 63 und S. 200
2) Potsdamer Toleranzedikt - Start
Am 324. Jahrestag der Verkündung des Ediktes von Potsdam gründet sich in der Französischen Kirche Potsdam dieser Verein. Er betrachtet als seine Zielsetzung, die Ergebnisse des Potsdamer Toleranzediktes des Jahres 2008 aktiv fortzuführen. “Der Verein setzt sich ein für die Förderung von Toleranz, Meinungsfreiheit und Demokratie im Sinne einer offenen und toleranten Stadt der Bürgerschaft”. Ziel ist es, das zivilgesellschaftliche Engagement im Sinne einer Stadt der Bürgerschaft anzuregen und zu fördern. Die stadtweite Toleranzdiskussion soll hierbei konkret durch Unterstützung bestehender Projekte, Bündnisse, Gruppen, Vereine, Aktivitäten und Ideen aufgegriffen und fortgeführt werden.
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Westerwelles ignoranter Kotau vor den Polen
2.11.2009 von admin.
Gut, dass der neue Außenminister Westerwelle seinen Antrittsbesuch bei unserem nächsten Nachbarn macht - also bei den Polen. Die Polen sind wichtige Nachbarn, die Freundschaft zu Polen ist ebenso wichtig wie die zu Frankreich! Da lacht mein Herz, und das Herz meiner polnischen Urgroßmutter obendrein.
Weniger lacht mein slawophiles Herz, wenn ich höre, dass Westerwelle den feigen Kotau in der Causa Erika Steinbach ebenfalls mitmacht. Wie man Erika Steinbach in Polen mitgespielt hat, ruft immer noch meinen Zorn hervor. Es ist leider so, dass Polen immer noch nicht bereit ist, sich den eigenen Verstrickungen in den Holocaust und dem Vertreibungsunrecht zu stellen! Wer weiß denn etwa, dass das Lager Auschwitz bereits vor 1939 von den Polen als Internierungslager für unliebsame Fremdstämmige angelegt und betrieben wurde? Dass es auch nach dem Krieg von den Polen als Internierungslager weiterbetrieben wurde? Dass weniger als 50 Deutsche den gesamten Lagerkomplex Auschwitz befehligten, während viele Henker und Helfershelfer, viele Mörder der hunderttausenden von Opfern anderen Nationalitäten angehörten? So viel Heuchelei, so viel Verschweigen, so wenig Ehrlichkeit! Der Holocaust, unter deutscher Verantwortung begangen, war ein gigantisches Verbrechen, an dem Angehörige sehr vieler europäischer Völker beteiligt waren. Der Holocaust war ein gesamteuropäisches Unternehmen - unter deutscher Leitung, aber eben mitausgeführt von zahlreichen Nationalitäten, darunter insbesondere auch Franzosen und viele Polen, Letten, Litauer und Ukrainer.
Ich meine: Außenminister Westerwelle hätte keinen Kotau vor den Polen begehen sollen. Dass man sich von den aufgehetzten Polen so in die personelle Zusammensetzung einer deutschen Stiftung hineinpfuschen lässt, ist Zeichen einer völligen Unbekanntschaft mit den historischen Vorgängen. Ich meine: Was die polnische Presse mit Erika Steinbach veranstaltet hat, ist unwürdig. Unwürdig ist es, dass deutsche Politiker, zu denen neben Kanzlerin Merkel nunmehr auch Außenminister Westerwelle gehört, so wenig getan haben, um die ungerechten, im höchsten Maße verlogenen Angriffe gegen Erika Steinbach zu unterbinden.
Bezeichnend, dass die polnische Presse sofort die diplomatische Distanzierung Westerwelles als Absage an Steinbach deutet:
Westerwelle w Polsce, koniec straszenia Sztajnbachowa - Amstern: “Tez widzane z Niemiec, ale oczami Wypedzonego” - Salon24
I najwazniejsze dla Polakow: minister Westerwelle na pytanie o centrum i pania Steinbach, odpowiedzial, ze centrum bedzie budowane bez pani Steinbach. Centrum ma laczyc Niemcy i Polske, a nie dzielic.
Znakiem tego, nastapi w Polsce koniec straszenia Sztajnbachowa.
WRESZCIE! kamien mi spada z serca.
Na bitte, da mag dir ruhig ein Stein vom Herzen fallen! Lieber polnischer Journalist! So habt ihr euch noch einmal um die Aufarbeitung eurer Geschichte herumgedrückt. Nur weiter so! Schlaft weiter! Lasst euch den Schlaf der Gerechten nicht durch den Albtraum Steinbach vermiesen.
Was für eine Verlogenheit! Was für eine Vertuschung der historischen Vorgänge! Die Polen haben es bisher versäumt, ihre Verstrickung in das antisemitische Unrecht, ihre Verstrickung in die Verbrechen der Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg einzugestehen.
Die Polen perhorreszieren mit Wonne und Schadenfreude die arme Erika Steinbach. So mogeln sie sich um eine echte Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte herum. Das verlogene Geschichtsbild aus der kommunistischen Ära wird konserviert. “Deutsche Faschisten haben alles Böse getan, die lammfrommen Polen haben alles nur erduldet.” Dass ich nicht lache!
Gut, dass wenistens Herta Müller bei der Verleihung des Franz-Werfel-Preises nicht zurückzuckte.
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