„The healing Sounds dispel his Cares“. David gibt den Ton an

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Jul 272017
 

 

 

 

 

 

Ein erneuter Besuch in der Sommerausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts führte uns gestern bei herbstlichem, trübstem Regenwetter zu diesem Chiaroscuro-Holzschnitt von oder nach Frans Floris. Dargestellt ist eine Szene aus dem 1. Buch Samuel (Kapitel 18): Der strahlende Sieger David spielt vor dem König Saul, den ein böser Geist überfallen hat. In ihm lodern Verdacht, Eifersucht und Neid auf. Voller Ingrimm packt er den Speer und fasst den Beschluss, David an die Wand zu spießen. Nur mühsam gelingt es seinen Angehörigen und Hofbeamten, ihn davon abzuhalten.

Doch Davids Harfenspiel und sein Gesang üben immer wieder eine heilende Wirkung auf den König aus. Die abgrundtiefe Schwermut, der Verfolgungswahn und der Jähzorn Sauls werden durch den Klang der Musik vertrieben. Vertrieben? Nicht ganz, aber doch vorerst „zerstreut“.

In mir stiegen die Nachklänge jener großartigen Aufführung des Oratoriums „Saul“ von George Frideric Handel auf, der ich am 15. Januar 2017 im Kammermusiksaal der Philharmonie lauschen durfte.

Dort sang die Sopranistin Marie Luise Werneburg betörend schön als Sauls jüngere Tochter Michal die folgenden Worte zu dieser im Holzschnitt dargestellten Szene:

Fell Rage and black Despair possesst
With horrid Sway the Monarch’s Breast;
When David with Celestial Fire struck,
Struck the sweet persuasive Lyre:
Soft gliding down his ravish’d Ears,
The healing Sounds dispel his Cares;
Despair and Rage at once are gone,
And Peace and Hope resume the Throne.

So tritt denn das überwältigende Erlebnis jenes Konzerts im Kammermusiksaal durchscheinend hinter die Auffrischung in der Darbietung für die Augen  durch den flämischen Meister. Das ist Musik in den Augen! Das Kupferstichkabinett erweist sich so als der Kammermusiksaal der bildenden Künste; und so wurde es ja auch völlig zu recht schon bei der Eröffnung der diesjährigen Sommerausstellung bezeichnet.

Bezüge:

Die Bibel. 1. Buch Samuel, Kapitel 18

Georg Friedrich Händel: SAUL. HWV 53. Berliner Figuralchor, Cantores minores. Berlin Baroque. Leitung: Gerhard Oppelt. Aufführung am 15. Januar 2017. Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin. Textzitat aus dem Programmheft

Wir geben den Ton an. Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. 21. Juli – 5. November 2017. Katalog Nr. 38

 

 

 

 

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„Von Missetaten weißt du auch…“ Das Rätsel des Zahns der Sünde

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Mrz 272017
 

 

Das Passionskonzert eine Woche vor Beginn der Passionswoche, also am Samstag, den 1. April 2017 um 19:00 Uhr in der Kirche St. Elisabeth, Kolonnenstr. 38, 10829 Berlin-Schöneberg bietet das unsterbliche Stabat Mater von G. B. Pergolesi. Dort hinzugehen lohnt sich für Ohr und Aug, für Herz und Verstand ganz sicherlich!

Das Plakat, mit dem die drei Künstlerinnen euch auf die berühmte rote Insel Schönebergs einladen – unweit des Geburtshauses von Marlene Dietrich – zeigt, nebenbei bemerkt, die Pietà Michelangelos, das Vesperbild, heute in der ersten Seitenkapelle des Petersdomes in Rom aufgestellt.

An genau dieser Pietà entdeckte der Kunstwissenschaftler Marco Bussagli vor kurzem, dass Jesus in seinem naturalistisch deutlichen Gebiss eine auffallende, wenn auch bisher übersehene Unregelmäßigkeit aufweist: einen fünften Schneidezahn nämlich, seinen 33. Zahn also, eine genetisch bedingte Besonderheit, die gelegentlich auch heute noch vorkommt und zu Michelangelos Zeiten als Ausweis der Sündhaftigkeit, des Standes der Gnadenbedürftigkeit der dargestellten Person ausgelegt wurde. Michelangelos Zeitgenossen sprachen vom Zahn der Sünde, dem dente del peccato, dem Zahn der Bastarde, il dente dei bastardi. Aber hört es selbst an:

https://www.umbrialibera.it/I/il-cristo-col-dente-del-peccato–nella-pieta-di-michelangelo-2068

Was für erstaunliche Perspektiven tun sich damit doch auf! Sollte Michelangelo damit etwa angedeutet haben, Jesus habe sich zu Lebzeiten gegenüber seiner Mutter versündigt, etwa indem er sie nicht nur einmal recht schroff zurückwies, sie wieder und wieder lieblos vor den Kopf stieß, sie unnötig leiden ließ? Wusste Jesus von Missetaten? Kannte er die Sünde so gut, weil er sich selbst als sündhaft erlebte, weil er erkannte, dass er wieder und wieder schroff, lieblos gegen Menschen dachte, fühlte, handelte? War er auch darin uns gleich? Etwa bei der Hochzeit zu Kana, als er seine Mama, die eigene Mutter also, grob anfuhr: τί ἐμοὶ καὶ σοί, γύναι; das ist zu deutsch: Welche Gemeinsamkeit gibt es zwischen mir und dir, Frau? Oder, in der Sprache und unveränderten Schreibweise Luthers (Joh 2,4): Weib was habe ich mit dir zuschaffen? 

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„Der Fremde hat Blut wie wir“ – Filmkritik zu Anziehung (Prityazhenie)

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Feb 012017
 

Der neue Film Притяжение (Anziehung) von Fjodor Bondarchuk zog uns am vergangenen Sonntag in das Cinemaxx am Potsdamer Platz. Wir erreichten den Saal rechtzeitig zu Beginn der Vorführung; er war schon gestopft voll. Alle wollten den neuen Film in der russischen Originalfassung sehen, der erst am Vortag, dem 29. Januar 2017 seinen Kinostart in Russland erlebt hatte.

Worum geht es? Eine außerirdische Zivilisation entsendet ein Beobachtungs- und Erkundungs-Raumschiff zur Erde. Schon lange Zeit hatte das Raumschiff die Erde umkreist, doch verzichtete die fremde Kultur auf eine Invasion,  da ihnen die Erde kaum Potenzial zu bieten schien. Die irdischen Bewohner, so hieß es, hätten die Ressourcen weitgehend ausgeplündert und so den Planeten größtenteils zerstört. Inmitten eines Meteoritensturms gerät nun zu Beginn des Films das Raumschiff auf das Radar des russischen Militärs und wird darauf ohne Zögern von der russischen Luftwaffe abgeschossen.

Um das gestrandete Raumschiff, das sphärische Gestalt besitzt, wird sofort eine Sperrzone errichtet und eine Mauer aufgebaut.

Eine  übermenschlich große Gestalt windet sich nach einiger Zeit aus dem Raumschiff heraus und versucht, in der fremden Umgebung Fuß zu fassen. Es kommt zu ersten Versuchen der Kontaktaufnahme.

In einer Schulklasse entwickelt sich ein beziehungsreiches Geflecht aus einer entstehenden zarten Liebesbeziehung zwischen Julia, der Tochter des Oberst, der den Truppeneinsatz gegen die fremde Macht leitet, und einem jungen Mann sowie dessen Freunden, die alle in prekären Verhältnissen in einer Vorstadt von Moskau leben.

Die Clique um Julia dringt entgegen dem schärfsten Verbot in die Zone ein und gerät dabei in die Nähe des gestrandeten Raumschiffs.

Julia gerät dabei in eine Auseinandersetzung mit einem Außerirdischen, der sie verfolgt und dessen Händen sie nur mithilfe der anderen Mitglieder der Clique entkommt. Der Außerirdische wird von den jungen Leuten umzingelt und seiner Rüstung beraubt, die ihm wie ein Exoskelett schier unbezwingliche Kräfte verliehen hatte. „Кровь как нашa – das Blut ist wie unseres“, stellt Julia mit einem Klassenkameraden fest, der Medizin studiert.

Der Außerirdische entpuppt sich als Mensch wie du und ich; er verfügt sogar über die Fähigkeit zu sprechen, und zwar Russisch. Julia verliebt sich in den Außerirdischen; sie erlebt überirdisch schöne Momente des Glücks und der Trance im phantasierten Inneren des Raumschiffes, das mehr und mehr einem himmlischen Jerusalem gleicht, wo Frieden, Eintracht und Wohlstand herrschen.

Julia beendet per Telephonat am Handy die eben erst entstandene Liebesbeziehung zu dem russischen Mann. Doch tappt sie dadurch in eine schreckliche Falle. Der Fremdling wird von den irdischen Jungs zusammengeschlagen und übelst zugerichtet; darauf schlägt der Fremde mit magischen Kräften und ungeheurer Wucht zurück und verlässt die Stelle als Sieger.

An der Frage, wie mit den Fremden umzugehen sei, scheiden sich die Geister der russischen Gesellschaft . „Wir haben eine einmalige Chance zu erkunden wer wir sind!“ beschwört der Lehrer seine Klasse. Er ruft zum unvoreingenommenen Kennenlernen auf.

Doch es kommt anders. In den Volksmassen wächst die Unzufriedenheit mit dem eher vorsichtigen Kurs der russischen Staatsführung.  Die Volksmassen rotten sich zusammen, um die Eindringlinge auf eigene Faust zu verjagen und zu zerstören. Die internationale Staatengemeinschaft ist überfordert, der US-Präsident Trump, der es auch schon in diesen Film geschafft hat, bietet Russland zwar Hilfe an, doch die Situation ist völlig neuartig, und die Nachrichtenwelt steht Kopf. Es bildet sich eine machtvolle, populistische Widerstandsbewegung, die den Angriff auf die Fremden gegen den erklärten Willen der russischen Staatsführung unter Präsident Putin, der ziemlich im Hintergrund bleibt,  lostritt.

In dem daraus entstehenden Chaos kommt der Außerirdische in Polizeigewahrsam und wird festgenommen.

Meine Eindrücke: Die russische Gesellschaft der Jetztzeit wird meines Erachtens sehr gut eingefangen. An keiner Stelle meinte ich, in einem Studio zu sitzen. Alle Gestalten – mit Ausnahme der Aliens – hätten mir auch so oder so ähnlich auf der Straße begegnen können. Das war auch der Eindruck meines Sohnes Ivan, der schon oft in Russland gewesen ist und der mir nicht nur die Kinokarte spendiert hatte, sondern mir auch das eine oder andere russische Wort hilfreich zuflüsterte und diese Rezension mitverfasst und auch gegengelesen hat. Der Film zeigt den inneren Kampf und die Zerrissenheit einer Gesellschaft. Zentral ist die Frage der Gewalt. Gewalt dringt angesichts der überforderten Staatsmacht in alle Lebensbereiche ein; der Gesellschaftsvertrag wird aufgekündigt; die Kräfte des Guten und der Liebe zwischen Verschiedenartigen unterliegen letztlich.

Am Schluss verlässt das Raumschiff die Erde, die sich als äußerst unwirtliches Land erwiesen hat.  Eine beklemmende Studie über die Fragilität der modernen Gesellschaft!

Gut gemachtes Kino! Der Besuch ist empfehlenswert, wenngleich der Film meines Wissens nur in russischer Sprache in den deutschen Kinos anlaufen wird. Doch ist Russland das größte Land der Erde, eine Gesellschaft im Übergang wie die EU-Länder ja auch, ein wichtiger Teil Europas, mit uns Deutschen, mit uns anderen Europäern durch mannigfache Bande verknüpft, und es war mir eine Freude, der Vorführung unter lauter russischsprachigen Berlinern beizuwohnen, mit ihnen zu bangen und mit ihnen zu lachen. Es war nur ein Film. Und der war phantastisch!

 Posted by at 22:13
Dez 162015
 

E s’io non fossi impedito dal sasso
che la cervice mia superba doma,
onde portar convienmi il viso basso,

cotesti, ch’ancor vive e non si noma,
guardere‘ io, per veder s’i‘ ‚l conosco,
e per farlo pietoso a questa soma.

„Sind das wieder einmal die bösen Deutschen, die unter der Last der Vergangenheit zusammenbrechen?“, mag sich so mancher fragen, der zum ersten Mal im Berliner Kupferstichkabinett Botticellis Zeichnung zu Dantes elftem Gesang aus dem Purgatorio erblickt. Wir selbst besuchten in kleinem Kreise, auch um diese Frage zu klären, die Ausstellung „Der Botticelli-Coup“ ein zweites Mal am Samstag vergangener Woche.

Die Antwort ist dank der klug und sparsam informierenden Hinweise des Kuferstichkabinetts eindeutig: Nein, es sind diesmal nicht die bösen Deutschen im elften Gesang, welche unter ihrer Vergangenheit ächzen und stöhnen! Vielmehr kriechen hier italienische ruhmsüchtige Ritter und Künstler wie riesige Käfer umher. Auf dem Rücken sind ihnen Felsklötze aufgebürdet. Schier endlos lastende Schuld drückt sie nieder. Streckfuß übersetzt diese Stelle aus dem elften Gesang im Purgatorio der Göttlichen Komödie (XI, 52-57):

Und drückte nicht der Stein nach Gottes Schluß
Den stolzen Nacken jetzt der Erd’ entgegen,
So daß ich stets zu Boden blicken muß,

So würd’ ich nach ihm hin den Blick bewegen,
Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt,
Erkenn’, und um sein Mitleid zu erregen.

Ist das alles Schuld, die nicht vergehen mag? Nein! Die Antwort des Guglielmo Aldobrandesco deutet es an: Er versucht erstens sich umzuschauen, um dem fragenden Paar der Wanderer den Weg zu weisen. Er hofft auch darauf, den Menschen zu kennen, der ihn nach dem Weg fragt. Er baut darauf, einem anderen Menschen dienlich zu sein und dadurch auch pietà, also Mitgefühl, Erbarmen zu erlangen.

Der Dreischritt aus

Erkenntnis des hilfsbedürftigen Nächsten
Dienst am Nächsten
Erbarmen des Anderen

zeigt hier buchstäblich den Weg aus endlos lastender Schuld. Eine Hoffnung zwar nur, aber eine lebendige Zuversicht, die Dante und Botticelli aufweisen! Für den Luther der vierten Wittenberger These war ein solcher Ausweg aus endlos lastender Schuld nur schwer oder eigentlich überhaupt nicht denkbar, kaum oder überhaupt nicht glaubhaft. Luther schrieb ja: Pena rimanet usque ad introitum regni celorum, die strafende Pein bleibt bis zum Anbruch des Himmelreiches bestehen.

Dante beweist es hier und an anderen Stellen im Purgatorio: Schuld muss nicht endlos lasten. Sie kann gelöst und ausgelöscht werden durch Erkennen der eigenen Verfehlung, durch Umwendung, Zuwendung und Hinwendung zum Nächsten. Das Erbarmen zwischen den Menschen kann die Befreiung von lastender Schuld bewirken. Eine ungeheuerliche, eine revolutionäre Möglichkeit!

Auf lateinisch hieße das: Misericordia hominis efficit gratiam. Gratia efficit misericordiam hominis. Die Gnade bewirkt das Erbarmen zwischen den Menschen.

Jesus selbst, auf den wir uns hier beziehen, hat im Johannesevangelium (20,23) einen ganz ähnlichen Gedanken ausgedrückt. Er spricht den Menschen, also allen Menschen, die ihm darin nachfolgen, diese ungeheuerliche Kraft des Verzeihens, des Nachlassens der Sünden zu:

In der Sprache Platos:
ἄν τινων ἀφῆτε τὰς ἁμαρτίας ἀφέωνται αὐτοῖς

In der Sprache Dantes nach heutigem Gebrauch:
A chi rimetterete i peccati saranno rimessi

In der eigenständig weiterführenden Ermunterung Dantes (Purgatorio XI):
Noi lo mal ch’avem sofferto perdoniamo a ciascuno

In der Sprache Luthers:
WELCHEN JR DIE SÜNDE ERLASSET / DEN SIND SIE ERLASSEN

Bild:

Ein Blick in Dantes Purgatorio, vom ersten Ring des Fegefeuers aus gesehen. In: Ausstellungskatalog:
Der Botticelli-Coup. Schätze der Sammlung Hamilton im Kupferstichkabinett, S. 114-115.
Kupferstichkabinett. Ausstellung. Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz, 16.10.2015 bis 24.01.2016, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr

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Botticellis geschmeidiges Joch

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Okt 132015
 

„Je weiter du weggehst, desto weiblicher wird Jesus.“ Navid Kermani, der dies schreibt, hat etwas in Worte gefasst, was mich insbesondere an den Zeichnungen Sandro Botticellis immer wieder berührt und berückt: das Weiche, das Gelinde, Fließende seiner Liniengebung, besonders gut fassbar in seinen Zeichnungen zu Dantes Göttlicher Komödie, die ja ab übermorgen wieder im Berliner Kupferstichkabinett meinen ungläubig staunenden Augen geboten werden. Ich freue mich schon darauf. Wiedersehen macht Freude.

Es ergeht mir schließlich bei Botticellis Gemälden, mehr aber noch in Botticellis Zeichnungen so, dass jeder strenge, richtende, urteilende, verurteilende Blick geschmeidiger wird, man könnte sagen: das strenge Auge löst sich, es fühlt sich mild und weich. Man glaubt an diesen affetto, an diese unwillkürlich anrührende Gefühlsregung. Ich glaube, ein Lächeln zu sehen, ein Tränen des Auges, hinter dessen Schlieren alles Grobkantige ins Schwingen gebracht wird. Dante beschreibt das hier Angedeutete so (Paradiso VI, 121-123):

Quindi addolcisce la viva giustizia
in noi l’affetto sì, che non si puote
torcer già mai ad alcuna nequizia.

Selbst noch in Botticellis Kreuztragung, in der Pinakothek von Kermani alleine vierzig, fünfzig Minuten lang ungläubig bestaunt, verliert der härteste, der letzte Gang, der Weg des Kreuzes viel von seiner Härte, von seiner eklatanten, schreienden Ungerechtigkeit, seiner krassen nequizia! Er wird zum Tanz der herannahenden Befreiung.

Und so fand ich soeben auch nach einigem Nachdenken (40, 50 Minuten lang) die richtige Übersetzung für Jesu Wort (Matthäus 11,30):

ὁ γὰρ ζυγός μου χρηστὸς καὶ τὸ φορτίον μου ἐλαφρόν ἐστιν

Denn mein Joch ist wohltuend und meine Last ist geschmeidig.

Hinweise:
Der Botticelli-Coup. Schätze der Sammlung Hamilton im Kupferstichkabinett. Eröffnung der Ausstellung am Donnerstag, 15.10.2015, 19 Uhr (Eintritt zur Eröffnung frei). Kupferstichkabinett. Ausstellung. Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz, 16.10.2015 bis 24.01.2016, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr

Sandro Botticelli: Kreuztragung. Tempera auf Leinwand. Pinacothèque de Paris.

Zu diesem Bild:
Navid Kermani: „Schönheit“ in: ders., „Ungläubiges Staunen“. Über das Christentum. C.H. Beck Verlag, München 2015, S. 44-49

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Was schuf Donatello: ein rilievo „stiacciato“ oder ein rilievo „schiacciato“?

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Sep 062015
 

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Kaum je sonst ist in einem Kunstwerk die innige Umarmung, die Fürsorge, Zärtlichkeit, die wechselseitige Stützung, Abhängigkeit und Obhut zwischen Mutter und Kind so ergreifend und so begreiflich dargestellt wie in dem Flachrelief Donatellos, das wir gestern in der Skulpturensammlung des Bode-Museums betrachteten.

Die Mutter Maria umfasst Jesus, das Buberl, mit beiden Händen; sie schützt, hegt, umfasst das Kind und zeigt der Welt zugleich das Kind mit seiner ganzen Geschichte. Durch seine unglaubliche Kunstfertigkeit gelingt es Donatello, Maria zugleich innerhalb wie außerhalb des steinernen Rahmens zu zeigen. Innerhalb weniger Millimeter Dicke erzeugt also der Bildhauer eine phänomenale räumliche Tiefe, die sich aufschließt, wenn man dieses gepresste Relief von verschiedenen Blickwinkeln aus in den Blick nimmt. Weltöffnung und Innigkeit, Ausgesetztsein und Geborgenheit treten auf ungeheuerliche, fast atemberaubende Weise ins Gleichgewicht:

Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn,

möglicherweise dachte der Dichter an einen ähnlichen Einklang von Innen und Außen, von Nacht und Tag, als er sein Gedicht Um Mitternacht schrieb. Wer weiß dies?

Abschließend besprachen wir noch die Terminologie: rilievo stiacciato oder rilievo schiacciato? Welcher der beiden Ausdrücke ist richtig? Antwort: beide, stellt doch das seltene Verbum stiacciare eine Abart oder Sonderform des geläufigeren schiacciare dar. Dieses Flachrelief Donatellos ist zweifellos ein rilievo stiacciato (so die in der Kunstgeschichte besser belegte Variante), ein Pressrelief, dessen Eigenart darin besteht, in sehr geringer tatsächlicher räumlicher Tiefe eine perspektivische Mächtigkeit zu erzielen.

Was sollte man danach noch anschauen? Ich war danach für die vielen anderen, vermutlich fast ebenso bedeutenden Kunstwerke dort drinnen im Bodemuseum schon fast verloren; erst draußen, auf den Stufen zum Bodemuseum, gelangte ich wieder ganz in die Außenwelt – und zwar durch Maria; denn das spielende Kind, dem wir dort begegneten und nach dessen Namen ich mich erkundigte, hieß genau so.

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Η Ευρώπη είναι το σύμβολο της Ευρώπης; – Ist Europa das Symbol Europas?

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Jun 232015
 

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… sic et Europe niveum doloso
credidit tauro latus…

„… so vertraute Europa auch dem listigen Stier
an die schneeweiße Hüfte…“

So besingt ein europäischer Dichter, Quintus Horatius Flaccus, das Schicksal Europas (Ode 3,27). Europa, mit einem erlesenen Sinn für Schönheit, für Natur, für Vielfalt und für Freundschaft unter den Menschen begabt, steht bei Horaz symbolisch für Europa im Zeichen der europäischen Kulturen, der europäischen Natur, der europäischen Schönheiten und der Solidarität.

Im Blick auf Europa dürfen wir sagen: Europa ist da stark und überzeugend, wo der Sinn für Freundschaft, Schönheit und Kultur gedeiht, wo Vielfalt nicht zertrampelt wird, sondern sprießt und wo Europa nicht unter das Joch der Gewalt gespannt wird.

Als blumenpflückende Prinzessin stellt auch Bernardino Luini, der Zeitgenosse Martin Luthers, um das Jahr 1522 Europa dar. Wir sehen Europa beim Blumenpflücken. Wie schön: Europa im Frieden! Frieden für Europa – das wollen wir doch alle!

Doch dieses Idealbild Europas ist gefährdet. Ein scheinbar zutraulicher, scheinbar zahmer Stier nähert sich Europa. Was führt er im Schilde? Der Zeichner Luini zeigt es uns nicht; die furchtbare Vergewaltigung und Entführung Europas bleibt unseren Augen erspart.

Im Blick auf die heutige Lage dürfen wir sagen: Der Stier, der Europa auf die Hörner nimmt, vergewaltigt und entführt, steht symbolisch für die Macht des Einen, für die zügellose Herrschaft. Es ist der Inhaber der Macht selbst, der sich als angreifender Stier verkleidet hat, um Europa zu vergewaltigen. Nicht umsonst steht der angreifende Stier, the Charging Bull, als Monument für die Macht am Bowling Green. Der Stier der verführerischen, unterjochenden Macht des Geldes hat Europa auf die Hörner genommen.

Europa steht symbolisch für ein Europa der Vielfalt, der Blüte der Kulturen, ein Europa der Achtung der Menschenrechte. Die Königstochter Europa steht für ein Europa des Wortes und der Kultur. Und Europa will den Frieden.

Der Stier der Macht hingegen steht für Zwang, Herrschaft, Gewalt, Unterjochung, Zwangsehe. Aus den Hörnern des Stiers gibt es kein Entkommen. Der Stier – er mag als europäisches Schwert, als europäisches Reich, als zügellos herrschendes Geld erscheinen – kennt keine Bindung an das Recht. Er holt sich, was er will.

Europa? Ist das nicht unser Kontinent? Richtig – es ist Europa, von dem Europa den Namen hat.

Europa, Tochter des Königs Agenor, ist das Symbol Europas.

Ein Schöneberger fragt: Ist also nicht der Euro, sondern Europa das Symbol Europas? Antworte mir, Kreuzberger!

Einige Quellen Europas:
Das Gedicht von Horaz ist z.B. hier publiziert:
Q. Horati Flacci opera. Ediderunt Edvardus C. Wickham et H.W. Garrod. Oxonii, 1975, carminum liber III, carmen XXVII.

Bild: Europa und ihre Gefährtinnen beim Blumenpflücken. Zeichnung, Pinsel in Braungrau, weiß gehöht. Entwurf für Fresko in der Casa Rabia in Mailand. Foto Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin. Fotograf/in: Volker H. Schneider

Die Zeichnung Bernardino Luinis ist hier publiziert:
„Europa und ihre Gefährtinnen beim Blumenpflücken.“ In: Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Für das Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. Ausstellungskatalog hgg. von Dagmar Korbacher mit Beiträgen von Christophe Brouard und Marco Riccòmini. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014, S. 216-217

Eine Website mit dem angreifenden Stier – The CHARGING BULL – findet sich hier:
http://chargingbull.com/

Die Geschichte Europas steht hier:

Η Ευρώπη

Source: Ευρώπη (μυθολογία) – Βικιπαίδεια

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Feder und Pinsel in Braun, laviert. 33,1 x 22,9

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Dez 272014
 

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Ein unerwartetes, unverdientes Geschenk, bei dem ich staune und dankbar bin: vor mir liegt die Ablichtung einer kleinformatigen Zeichnung Giambattista Tiepolos, wohl in zwei oder drei Stunden hingeworfen, irgendwann zwischen 1754 und 1762. „Feder und Pinsel in Braun, laviert.“ Ich schaue: Der markante Kopf des Mannes erinnert mich an den Teppichhändler Abdias, von dem Adalbert Stifter erzählt hat, erinnert an einen Mann, der lange in der Hitze gelebt hat, der lange umhergezogen ist. Hinter ihm meine ich schwach das Bellen der Wüstenhunde zu hören. Seinem Mund merkt man an, dass er lächeln muss, obwohl er nicht lächeln wollte. Er lächelt unwillkürlich! Die Augen der Frau sind verdeckt durch den Schleier. Wer wollte ihr jetzt in die Augen sehen? Die unsäglichen Mühen der Geburt liegen hinter ihr; es ist doch gerade erst geschehen. Hinter meinem „Abdias“ beugt sich ein dritter Erwachsener hinzu, ein Zeuge, der eher zurückweicht. Er weiß noch nicht, ob er gemeint ist, oder ob ihm nicht etwas widerfahren könnte, wodurch ihm Hören und Sehen vergeht. Rechts hinter und über den drei Erwachsenen ragt ein roh gezimmertes Kreuz auf.

Alles ist weich hineingezeichnet in das Papier, wie man ein schwaches neugeborenes Kind hineinlegt in wärmende Hände. Was mag daraus werden? Niemand weiß es. Und doch hat der Zeichner in Umrissen viele frei lavierende Geschichten hineingelegt – nein, nicht er hat sie hineingelegt! Wir legen sie lavierend im Fahrwasser, lavierend in den Strudeln des Lebens hinein.Wir können diese Geschichte aufgreifen, weiterführen, hinauserzählen. Ein unverhofftes, plötzliches Geschenk, hineingezeichnet mit wenigen Strichen, in nicht mehr als in zwei oder drei Stunden, mit Feder und Pinsel in Braun, auf 33,1 mal 22,9 cm.

Bild: Gasometer in Berlin-Schöneberg, Aufnahme vom Balkon einer Wohnung, 27.12.2014. Abends: Künstliche Lichter, darüber der Mond

 

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Abbiamo bisogno di una metanoia europea?

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Nov 292014
 

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1. Metanoia – Umdenken, Umwenden, das innere Ruder herumwerfen – das mag wohl der Sinn des alten, heute außer Gebrauch gekommenen  Wortes Reue sein. Jesaja, Jeremia, aber auch Johannes der Täufer erhoben diese Haltung der Umkehr zum Grundmotiv. Griechisch lautet das Wort metanoia. Es dient als Übersetzung des hebräischen schuv oder teschuwa. Johannes erwartet von den Machthabern, dass sie mit der Reue, mit dem Um-Denken, bei sich selbst anfangen. Er misstraut der Macht, er bestreitet, dass Macht das Recht setzt, er verlangt, dass der Mächtige sich dem, was recht und billig ist, unterordnet. Kein König, kein Herr steht über dem Recht. Keiner darf sich zügellos über die Weisung hinwegsetzen.

2. Die Metanoia strafft gewissermaßen die Zügel beim Zügellosen. Schau sie dir an! Du siehst sie hier in diesem Bild der 1980 in Istanbul geborenen Künstlerin Yaşam Şaşmazer. Der Zügellose hat die Orientierung verloren. Er liegt platt auf der Erde. Hinter ihm die Metanoia. Sie versucht ihn aufzurichten. Aber er lässt sich fallen, er stellt sich tot. Wir betrachteten das ungleiche Gespann des Unbußfertigen und der Metanoia, als wir unterwegs zum Joseph Roth in der Potsdamer Straße waren .

3. Als Frucht der „metanoia tedesca“, der deutschen Umkehr, der deutschen Buß und Reu, wertet der italienische Politologe Angelo Bolaffi in seinem Buch Cuore tedesco den Erfolg der Bundesrepublik Deutschland – sie stelle das einzige erstrebenswerte Vorbild für die dringend gebotene Neuordnung der Europäischen Union dar: l’unico modello di riferimento che abbia dato buona prova di sé dal punto di vista della giustizia sociale e dell’efficienza economica.

4. Kommt Reue eigentlich im Euro-Wortschatz vor? Euro!  Reue! Beide Wörter klingen so ähnlich! Und doch sind sie unendlich weit voneinander weg. Ich schlug dazu das Euro-Wörterbuch des Langenscheidt-Verlages auf, als ich an der Ausstellung Metanoia  vorbeigelaufen war. Mich interessierte, wie man Metanoia ins Türkische übersetzt. Fehlanzeige! Gab es denn wirklich keinen Platz für das Wort Reue im Euro-Raum? Nein, in der Tat fehlt zwischen den Einträgen „Rettungsring“ und „Revanche“ das Wort „Reue“ im Euro-Wörterbuch.

5. Und doch wäre die tätige Reue der Rettungsring, der den Kreislauf aus Niederfallen und Revanche aufbrechen könnte.

6. Forse abbiamo bisogno di una metanoia europea. Wir brauchen wohl ein europäisches Umdenken.

Beweise:
Yaşam Şaşmazer: Metanoia.  Ausstellung in der Galerie Berlinartprojects, Berlin, Potsdamer Str. 61, 19.09.-31.10.2014
Langenscheidt Euro-Wörterbuch Türkisch. Langenscheidt Verlag KG, Berlin und München 1999, S. 481
Angelo Bolaffi: Cuore tedesco, Roma 2013, S. 254

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Wer oder was ist das – der „Freund und Kupferstecher“?

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Jul 232014
 

Königin Luise 2014-06-01 13.55.09 In einer kleinen Gesellschaft von Kunstfreunden warf gestern unter dem breitschattenden Geäst herrlicher alter Bäume beim Gespräch über eine Grafik-Ausstellung jemand die Frage auf:

Woher kommt eigentlich die Redensart „mein Freund und Kupferstecher“? Ich selbst hörte sie mehrfach von Lehrern in meiner Jugend, wenn ich etwas ausgefressen hatte, was nicht ganz astrein war.

Die Frage verhallte gestern ohne Antwort, eine kleine Nachforschung ergab heute folgendes: Die ironisch-tadelnde Redensart „mein Freund und Kupferstecher“, die z.B. in Fontanes „Frau Jenny Treibel“ vorkommt, dürfte darauf zurückgehen, dass der Druckgrafiker oder „Kupferstecher“ das Werk eines anderen, z.B. eines Malers oder Banknotenausgabehauses, ohne schöpferische Eigenleistung reproduzierte und auch wirtschaftlich weidlich ausnutzte. Dafür war Vertrauen oder Freundschaft bitter nötig. Oft genug mochte das Vertrauen auch enttäuscht worden sein. Das Betrugspotenzial in der Branche war groß. Der Kupferstecher war nach heutigen (nicht damaligen) Maßstäben also ein Falschmünzer des Geistes. Und der entwerfende Künstler, dem die „Erfindung“ glückt, muss trachten, dass der Kupferstecher sein „Freund“ bleibt und ihn nicht nach allen Regeln der Kunst über den Tisch zieht.

Erstaunlich, dass es z.B. im Italienischen keine verwandte Redensart gibt, jedenfalls ist mir keine bekannt. Anzi – im Gegenteil! „Sia detto per inciso“ – „Es sei hiermit im Kupferstich bzw. als Radierung gesagt“ bedeutet ja auf gut Deutsch klipp und klar: „nebenbei gesagt“.

Einer der rätselhaftesten Kupferstiche, die ich je sah, vielleicht überhaupt der rätselvollste, scheint diese Erklärung zu bestätigen! Es handelt sich um die „Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels“, die nach heutigem Forschungsstand aus der Werkstatt des Agostino Veneziano (ca. 1490-1540)  stammt. Selbst nach mehreren Anläufen und Gesprächen mit Kunstkennern ist es mir bisher nicht gelungen, eine stimmige Deutung dieser Darstellung zu erarbeiten. Bereits der Titel dürfte eine spätere Zuschreibung sein. Der kenntnisreiche Kommentator DK, der seinen Namen verschweigt – selbst in dieser Chiffre scheint noch ein Rätsel zu stecken – schreibt, als Erfinder dieser spannungsreichen Darstellung gelte Amico Aspertini, und er fährt fort: „Über den Kupferstecher, der das Blatt schließlich nach Amicos Entwurf ausführte, gab es lange Uneinigkeit in der Forschung […]“

Amico heißt nun aber auf Italienisch der „Freund“!

Wir dürfen schematisch feststellen: Der „Freund/Amico“ hat den kreativen Einfall, der „Kupferstecher“ führt den Einfall des Amicos, des Freundes aus! Könnte diese Tatsache, dass der Einfall des „Freundes“ vom „Kupferstecher“ übersetzt und ausgeführt wird, etwas zur Entstehung der Redensart „Freund und Kupferstecher“ beitragen? Wir wissen es nicht. Die Frage muss für heute und vielleicht auch überhaupt offen bleiben.

Quelle: Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Für das Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. Ausstellungskatalog hgg. von Dagmar Korbacher mit Beiträgen von Christophe Brouard und Marco Riccòmini. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014, S. 46-47

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Jun 062014
 
2014-06-02 11.59.22
Königin Luise 2014-06-01 13.55.09
Königin Luise 2014-06-01 13.55.09
Meine lieben Leser, es herrscht eine unglaubliche, geradezu arkadische Ruhe und Heiterkeit hier in der Stadt! Übermorgen werde ich eine Museumsführung und eine Dichterlesung mit Dante und Goethe veranstalten. Hier ist meine Einladung:
Kain, auch du in Arkadien?
Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend

Goethe, Faust, V. 4722f.
Liebe Freunde, liebe Kinder, die Gestalt Kains begegnet mehrfach im irdischen Paradies Arkadien. Warum ist das so? Gibt es nach schwerster Schuld einen Neuanfang?
Ausstellung
Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien
Kupferstichkabinett, Kulturforum Berlin-Tiergarten
Unser Treffpunkt: Pfingstsonntag, 8. Juni 2014, nachmittags 15.30 Uhr vor der Königin-Luise-Statue auf der Luiseninsel im Tiergarten, Berlin
Ohne Dante mit Eichhörnchen spielen die Kleinen:
– Finde den Weg durch das Labyrinth der Liebe des Guadagno!
– Zeichne das Eichhörnchen des Marcantonio Raimondi ab!
– Wie viele Saiten hat die Lira da braccio des Gottes Apoll?
Mit Dante ohne Eichhörnchen besprechen die Großen:
1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 1-16
Wir tragen vor:
– Dante Alighieri: Divina Commedia, Purgatorio, canto XXVIII (in italienischer Sprache)
– J.W. Goethe: Faust, Anmutige Gegend, Verse  4613-4727 (in deutscher Sprache)
Wir betrachten einige Drucke im Katalog der Ausstellung, vor allem:
– Agostino Veneziano: Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels
– Cristofano di Michele, genannt Robetta: Adam und Eva mit Kain und Abel
– Sandro Botticelli: Das irdische Paradies. Dante und Matelda
– Giulio Campagnola: Die Buße des hl. Chrysostomus
Anschließend gehen wir nach kurzem Fußweg etwa um 16.30 Uhr in die Ausstellung „Arkadien – Paradies auf Papier“ im Kupferstichkabinett am Kulturforum.
Johannes
P.S.: Es ist ein lockeres privates Treffen ohne beruflichen Anspruch. Kinder jedes Alters sind willkommen.
Eintritt in die Ausstellung für Erwachsene:
6.-, ermäßigt €  3.-
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre: Eintritt frei
Haltestelle Bus 200 Haltestelle Philharmonie
Bus M 29 Haltestelle Gedenkstätte Deutscher Widerstand
S-Bahn oder Bahn Potsdamer Platz
Bild: Die Statue der Königin Luise
 Posted by at 22:49
Mai 302014
 

2014-05-01 15.06.03

 

 

 

 

 

 

 

 

Tityre tu patulae recubans sub tegmine fagi
silvestrem tenui musam meditaris avena
nos patriae finis et dulcia linquimus arva
nos patriam fugimus tu Tityre lentus in umbra
formosam resonare doces Amaryllida silvas …

Tiyrus rücklings gelehnt unter dem schützenden Dach der Buche …

Einen berauschenden Sonnen- und Sinnesgenuß hat der europäische Dichtervater hier in Worte gegossen.  Gerade erst blitzt der Sonnenstrahl über Kreuzberg auf, unten im Hof plätschert der immerwache Brunnen. Das Volk tut und das Kind tut, was es gern tut – es schläft.

Arkadien – ein erdachtes Paradies steigt in aller Frühe aus dem Papier ins Ohr hinein.

Noch wenige Wochen, bis zum 22. Juni 2014, verbleibt die Ausstellung „Arkadien – Paradies auf Papier“ im Berliner Kupferstichkabinett zu besichtigen. Dann wird sie die Pforten schließen. Das empfindliche Papier verträgt ungeschützt den Strahl des Lichts immer nur kurze Zeit. Du schaust, du staunst: So ist dies also. Ich besuchte die Ausstellung vor einigen Tagen. Die zarten, oft mit Andeutungen und Anspielungen arbeitenden Zeichnungen riefen lange verschüttete Klänge, Wörter und Bilder hervor.

Der Anblick des Schönen ist endlich. Er ist zeitlich befristet.

Aber unsere Ohren können sich – gestützt auf den schwachen Abdruck des gezeichneten Erinnerungsbildes – den Klang der Worte Vergils jederzeit ins Gedächtnis rufen. Diese Worte haben das Bild hervorgebracht, sie überdauern die Zeiten, sie sind dauerhafter als das Papier, dauerhafter als das Erz der Druckplatte, aus der der Kupferstich für wenige Jahrzehnte des Anblicks nur hervorging.

via Vergil, ecloge 1: Meliboeus und Tityrus (lateinisch, deutsch).

Ausstellung:
Arkadien – Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin, 7. März – 22. Juni 2014

Bild:

Eine Blumenwiese mit Bächlein, unter dem schützenden Dach von Buchen. Aufnahme des Wanderers vom 1. Mai 2014, Thüringer Wald, bei Eisenach

 Posted by at 09:38

Josef, der durchaus moderne Mann, ein dienender Wasserträger der Familie

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Mrz 202013
 

 

 

„Zeige mir das neugeborene Kind Jesus!“
„Es ist nicht zu sehen. Dein Jesus ist gar nicht da!“
„Was siehst du stattdessen?“
„Ich sehe ein baufälliges Fachwerkhaus. Im Hof dieses Hauses kniet ein Mann, der Wasser aus einem Brunnen schöpft.“

Ich zeigte kürzlich einem Kind diesen Kupferstich Dürers. „Dein Jesus ist gar nicht da!“

Wir sehen:

Alte vereinzelte Dachsparren, vom Wind gelockert, ein verkrauteter Turm, ein grasbewachsener Bogen, durch den eine dörfliche Landschaft hereinscheint.

Erst beim zweiten oder dritten Hinsehen wird man eine Art Geburtsszene entdecken. Das Kind nimmt einen unscheinbaren, geringen Platz ein. Dem Kind muss der Betrachter in seinem Blick erst Raum gewähren. Erst durch das genaue Aufmerken gewinnt das Kind die Bedeutung, die der Titel ihm zuspricht.
Der Mann Josef beweist sich als eifriger Wasserschöpfer. Er scheint von der eigentlichen Geburt abgesetzt. Er ist der Dritte, der von außen an Mutter und Kind heranrückt. Mutter und Neugeborenes sind eng zusammengerückt, sie bilden eine Zweiheit. Erst durch den dienenden, den wasserschöpfenden Dritten wird der Innenraum von Mutter und Kind auf die Welt hin geöffnet.

Hier wird eine Auffassung von Väterlichkeit vorgeprägt, die im dienenden Hinzutreten des Dritten aufgeht. Im unscheinbaren, tatkräftigen Wasserschöpfen ordnet sich der dienende Vater dem Hauptgeschehen unter. Er ist der moderne Mann, der das Hauptgeschehen mitträgt und zur Welt hin öffnet.

Josef stellt sich in den Dienst an Mutter und Kind. Er vertritt in dieser Darstellung Albrecht Dürers aus dem Jahr 1504 die Außenwelt. Der Zeichner setzt ihn sogar ins Zentrum dieser Darstellung – eine unerhörte Kühnheit bei einem Kupferstich, der doch den Titel „Die Weihnachten“ trägt.

Öffnen der Mutter-Kind-Dyade zur Welt hin – Versorgen von Frau und Kind mit dem Nötigen, also dem Wasser, das ist genau die überlebensnotwendige Funktion, die auch die moderne Tiefenpsychologie dem Vater zuschreibt.

Quelle:
Albrecht Dürer. Das druckgraphische Werk. Kupferstiche, Holzschnitte und Bücher. Band I: Die frühen Jahre bis zur zweiten italienischen Reise. Sammlung K. u. U. Schulz. Ausstellungskatalog. Augsburg 11.10.2012-27.01.2013, S. 108-109

Google-Ergebnis für http://www.radierung.de/images/product_images/info_images/ad_0013_s.jpg.

 Posted by at 00:21
Aug 272011
 

Toller Katalog der Gesichter der Renaissance-Ausstellung! Ich werde mir alle Bilder erst einmal im Katalog erschließen und erlesen, ehe ich dann den großen Gang in all die Herrlichkeiten unternehme! Eines macht mich stutzig, nämlich folgende Behauptung:

Wenn man ein Hermelin fangen will, braucht man nur den Weg zum Nest zu beschmutzen. Es wird sich lieber fangen lassen als das weiße Fell zu beschmutzen. Malo mori quam foedari, schön und gut, aber: Ob Leonardo da Vinci das glaubte?

Katalog:
Gesichter der Renaissance. Meisterwerke italienischer Porträt-Kunst. Für die Gemäldegalerie – Staatliche Museen zu Berlin und das Metropolitan Museum of Art, New York. Hg. von Keith Christiansen und Stefan Weppelmann. Hirmer Verlag, München 2011, 420 Seiten, hier: S. 73-74

Museum Berlin | Homepage zur Ausstellung Gesichter der Renaissance im Bode-Museum – Home

 Posted by at 21:55
Dez 232007
 

millais-christ-in-the-house-of-his-parents.jpg Das Weihnachtsfest begehen wir bescheiden im engsten Kreis, mit einigen Besuchen und einigen Geschenken. Dieses Bild von John Everett Millais gefällt mir heute am besten: es zeigt die Mühsal des Alltags in einer Schreinerwerkstatt. Es zeigt unsere Verletzlichkeit. Wie leicht schneidet man sich an herumliegenden Messern! Die rohe Geschöpflichkeit der beiden Schafsköpfe, die der Maler sich aus einer Metzgerei bringen ließ. Mein Namenspatron steht auch da: Ganz an der Seite – so als gehörte er nicht ganz dazu. Die Mutter ist verhärmt. Sie war eben nie auf Rosen gebettet. Da unser nächster und größter Nachbar pünktlich zum Weihnachtsfest ebenfalls zum Schengen-Raum gehört, zeige ich Euch, wie gut Ihr schon Polnisch könnt – denn das versteht Ihr doch, oder?

Zdrowych, spokojnych i radosnych Świąt Bożego Narodzenia oraz wszystkiego najlepszego w nadchodzącym Nowym 2008 Roku

 Posted by at 12:46