Frühes Eis am Morgen

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Feb 042017
 

 

https://www.youtube.com/watch?v=xkMLvRqQyLE&feature=youtu.be

O mirabilis glacies matutina! Nihil iratum habet, nihil invidum, nihil atrox, nihil miserabile, nihil astutum; casta, verecunda, virgo incorrupta quodam modo haec glacies.

Schau her, wie ich auf dem frischen Eis als erster dahingleite! Dieses Eis  hat nichts Zorniges an sich, Neid und  Hass kennt es nicht, es steht über dem Jämmerlichen des Alltags, es stellt dir keine Fallen; keusch, wahrhaftig breitet es sich vor Dir aus. In gewisser Weise ist dieses Eis unverdorben und jungfräulich.

Zu den Wörtern, die hier ungewohnt klingen, gehört sicher die Erfahrung des Jungfräulichen, hier also des keuschen, wahrhaftigen, jungfräulichen Eises, das ich vorgestern tatsächlich erfahren durfte, da ich als erster Schlittschuhläufer überhaupt an diesem Tag das Stadion umrundete. Jungfräulichkeit, Virginität ist ein Ideal, das heute weithin verworfen wird; und doch lebt es noch in den alten Schriften – und auch in allen muslimischen Familien mitten unter uns.

Keineswegs gibt es jedoch eine Hochschätzung des Jungfräulichen nur in den abrahamitischen Religionen, etwa im Islam; die griechisch-römische Antike kennt es ebenso, wovon Cicero Zeugnis ablegt, der dieses Ideal der Jungfräulichkeit dem philosophischen Gespräch zuschreibt. In der Antike bedeutet Jungfräulichkeit eben auch die Nicht-Unterwerfung unter den Willen des Mannes. So dürfte auch Cicero dazu gelangt sein, das philosophische Gespräch als keusch, unverdorben und jungfräulich zu loben. Im philosophischen Dialog zählt nicht das Machtwort, es zählt die Wahrhaftigkeit, es kommt nicht auf Unterwerfung an, sondern auf Überzeugung, fußend in Wahrhaftigkeit.

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O flaumenleichtes Glück der Frühe

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Feb 022017
 

Vorsichtig ritzte ich heute Linien in das noch weitgehend unbeschriebene Blatt undeutlicher Geschichten. Früh am Morgen ist es. Das Eis trägt am besten in dieser Frühe. Es, das Eis glaubt alles, was ich mit meinen Kufen hineinritze. Klarheit, Wahrheit, Vertrauen, Glauben. Licht! Andere schrieben andere Geschichten als ich! Die – sind zu glauben…

Hier noch zum Abend ein eingeritzter Gedanke:

Sommes-nous des Juifs? Sommes-nous des Grecs? Nous vivons dans la difference entre le Juif et le Grec, qui est peut-être l’unité de ce qu’on appelle l’histoire. So schreibt es Jacques Derrida in L’écriture et la différence (Editions du Seuil, Paris 1967, S. 227).

Dieses Zweierlei von Judentum und Griechentum, dieses Kelajim, wie es auf Hebräisch der Talmud nennt, wird kaum irgendwo deutlicher eingetragen ins Eis der Biographien als bei Augustinus. Er hat dieses unverbundene, vielleicht nie aufzulösende Zweierlei – stellvertretend dafür seien Platon und Moses genannt – in aller Schärfe ausgetragen, und zwar als Römer, als lateinischer, als westlicher Denker. Von daher die alles überragende Bedeutung des Dritten, der Drei. De trinitate ad unitatem, über die Dreiheit zur Einheit, das war für Augustinus offensichtlich die Vermittlung, der Ausweg aus dem schroffen Gegeneinander von Judentum und Griechentum. Und so – aus dieser innigen Verbindung der zwei unverbundenen, entstand ein drittes – das lateinische, das abendländische Christentum – übrigens ganz im Gegensatz zum griechisch-slawischen, östlichen, zum morgenländischen Christentum. „Trinitarische Strukturen des vorthematischen Selbstbewusstseins“, so nennt dies heute zu recht Notger Slecnzka, und er findet sie allenthalben auf den Wegen der westlichen Denker und Geschichtenerzähler, bis hin zu Kant, Hegel, Freud, Max Scheler.

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Das angeborne Recht ist nur ein einziges: FREIHEIT

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Jan 292017
 

Gute Unterrichtsstunde am letzten Donnerstag,  verbracht mit Oberstufenschülern des Beethoven-Gymnasiums bei einem Berufskundetag. Gemeinsam lesen und übersetzen wir den Anfang der Rede des US-amerikanischen Präsidenten vom 19. Juni 2013, gehalten am Brandenburger Tor. Die große lehrreiche Stunde lebt wieder auf; wir versuchen gemeinsam den Hintergrund der wichtigen Rede  auszuleuchten.

As your Chancellor mentioned, five years ago I had the privilege to address this city as senator.  Today, I’m proud to return as President of the United States.  And I bring with me the enduring friendship of the American people, as well as my wife, Michelle, and Malia and Sasha.  You may notice that they’re not here.  The last thing they want to do is to listen to another speech from me.  So they’re out experiencing the beauty and the history of Berlin.  And this history speaks to us today.

Here, for thousands of years, the people of this land have journeyed from tribe to principality to nation-state; through Reformation and Enlightenment, renowned as a “land of poets and thinkers,” among them Immanuel Kant, who taught us that freedom is the “unoriginated birthright of man, and it belongs to him by force of his humanity.”

 

Dass ein US-amerikanischer Verfassungsrechtler, wie es Barack Obama seinem eigenen Beruf nach, seiner akademischen Ausbildung nach ist, ausgerechnet Immanuel Kant mit einer Aussage zur Freiheit als dem Geburtsrecht jedes Menschen wörtlich zitiert, erfüllte mich damals mit Freude, es macht mich heute noch froh. Denn wann hätte je ein führender deutscher Politiker mit derartiger Überzeugung, mit derartigem Glauben wie es der Kantianer Barack Obama tat Immanuel Kant zitiert? Der Jurist, Philosoph, Schriftsteller und Politiker Obama trug Kant nach Berlin, ins Herz der Hauptstadt der Nation! Das war auch notwendig.

Gar nicht so leicht war es, die deutsche Originalquelle zu ermitteln, den Schülern zu vermitteln, was „by force of his humanity“ – „kraft seiner Menschheit“ bedeutet.

Und doch gelang es. Es lohnte sich.
Hier kommt der Beleg in Immanuel Kants eigenen Worten:

Das angeborne Recht ist nur einziges. Freiheit (Unabhängigkeit von eines anderen nötigender Willkür), sofern sie mit jedes anderen Freiheit nach einem allgemeinem Gesetz zusammen bestehen kann, ist dieses einzige, ursprüngliche, jedem Menschen kraft seiner Menschheit, zustehende Recht.

Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten (1797). Erster Teil: Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre, Werkausgabe Band VIII, herausgegeben von Wilhelm Weischedel,  17. Auflage, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2014,  S. 345 [Fettdruck in den beiden Zitaten durch dieses Blog]

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Was oder wer ist Sómogyi?

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Jan 272017
 

26 gennaio. […] Parte del nostro essere ha sede nelle anime di chi ci accosta: ecco perché è non-umana l’esperienza di chi ha vissuto giorni in cui l’uomo è stato una cosa agli occhi dell’uomo. Noi tre ne fummo in gran parte immuni, e ce ne dobbiamo mutua gratitudine; perciò la mia amicizia con Charles resterà a lungo.

[…]

27 gennaio. L’alba. Sul pavimento, l’infame tumulto di membra stecchite, la cosa Sómogyi.
Ci sono lavori più urgenti: non ci si può lavare, non possiamo toccarlo che dopo di aver cucinato e mangiato. E inoltre, <<…rien de si dégoûtant que les débordements>>, dice giustamente Charles; bisogna vuotare la latrina.  I vivi sono più esigenti; i morti possono attendere. Ci mettemmo al lavoro come ogni giorno.

I russi arrivarono mentre Charles ed io portavamo Sómogyi poco lontano. Era molto leggero. Rovesciammo la barella sulla neve grigia.

Charles si tolse il berretto. A me dispiacque di non avere berretto.

Primo Levi: Se questo è un uomo. La tregua. Einaudi tascabili, Turin 1989, Seite 153

Kurzes einsames Innehalten am heutigen Tag vor dem Denkmal der Erinnerung am Kaiser-Wilhelm-Platz: Flossenbürg, Trostenez, Monowitz und all die anderen Orte. Ich gehe nie daran vorbei, ohne nicht mindestens einen der genannten Orte auf der inneren Landkarte zu verankern und kurz an Menschen wie etwa Primo, Charles und Sómogyi zu denken. Und manchmal stelle ich mein Fahrrad hier am Kaiser-Wilhelm-Platz ab und nehme den Helm ab.  So auch am heutigen Tag. Ich glaube: Sómogyi war auch ein Mensch wie wir anderen es heute sind und morgen sein werden. Die Tagebuchaufzeichnungen Primo Levis vom 26. und 27. Januar 1945 aus dem Buch „Ob das ein Mensch ist“  sind der Beweis.

 

 

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Jan 242017
 

I know of no other country in the world that at the heart of its national capital erects monuments to its own shame„, so schrieb es 2014 Neil MacGregor, der damalige Direktor des Britischen Museums in London, heute einer der drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums zu Berlin. Wir übersetzen ins Deutsche: „Ich weiß von keinem anderen Land auf der Welt, das im Herzen der Hauptstadt der Nation Denkmäler seiner eigenen Schande errichtet“, und er fährt fort: „Wie das Siegestor in München stehen sie nicht nur zur Erinnerung an die Vergangenheit da, sondern – und das ist wohl sogar noch wichtiger – um sicherzustellen, dass die Zukunft anders sein möge“, im englischen Original: „Like the Siegestor in Munich, they are there not only to remember the past, but – and perhaps even more importantly – to ensure that the future be different.“

Das sind zwei glänzende, wegweisende Sätze, in denen die Janusköpfigkeit unserer typisch deutschen Gedächtniskultur, die Doppelgesichtigkeit der einzigartigen deutschen Vergangenheitsbewältigung – jeder Vergangenheitsbewältigung, so meine ich –  in geradezu klassischer Vollkommenheit ausgedrückt wird. Zugleich stehen sie am Beginn des Buches „Germany. Memories of a Nation“. Und dieses Buch ist nicht anders zu bewerten denn als glänzender, ja genialer Wurf, nicht nur im gesamten Grundansatz, sondern auch bis in kleinste und feinste Details hinein. Kein Deutscher schafft so etwas derzeit! MacGregor bringt sorgfältig ausgewählte Bilder und Gegenstände zum Sprechen, freilich so, dass sie nicht bloß als tote Gegenstände der Vergangenheit ausgestellt, sondern als mahnende und ermunternde Zeugen freigelegt werden. Sie sollen uns ermöglichen die eigene Zukunft zu gestalten, ohne die letzten 10 Jahrhunderte der deutschen und die letzten 35 Jahrhunderte der europäischen Geschichte mit all ihren vielen guten und auch den schlechten Seiten zu vergessen.

Szenenwechsel! Wir sind jetzt in Weimar und schreiben das Jahr 1788.

„Die Götter rächen
Der Väter Missetat nicht an dem Sohn;
Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt
Sich seinen Lohn mit seiner Tat hinweg.
Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.“

So – in der Wiedergabe Goethes – die Mahnung des Pylades an Orest. Orest ist gewissermaßen völlig verstrickt in seine dunkle, mit Schandtaten aller Art beladene Vergangenheit, „obsessed with his ancestors‘  past„. Er ist im zweiten Aufzug von Goethes Iphigenie der Inbegriff des schicksalhaft in die Verbrechen seiner Herkunftsfamilie, seiner Sippe und seines Volkes verfangenen Melancholikers; er leidet am kollektiven Schuldgefühl der Atriden, ausgelöst durch die mehrfach begangenen Kapitalverbrechen der Vorfahren. Ihm gegenüber vertritt Pylades den personalistischen Begriff der Schuld, wie ihn in der Bibel beispielsweise der Prophet Ezechiel im 6. Jahrhundert vor Chr. herausgearbeitet hat. Es gibt keine Kollektivschuld und keine kollektive Haftung bei Ezechiel. Auch von der Augustinischen Lehre der Erbsünde oder gar der neopaganen Lehre vom „Tätervolk“ sind wir Lichtjahre entfernt. Nicht die Sippe, nicht das Volk tragen alle Schuld, sondern jeder einzelne Mensch wird von den Göttern – an deren Existenz Ezechiel ebenso wenig wie Goethe zweifelte – nach individuellem Handeln beurteilt.  Goethes Pylades führt hier gewissermaßen diesen prophetisch-christlichen, befreienden Schuldbegriff in die antikisierende Tragödie ein – die eben dadurch aufhört, eine echte Tragödie zu sein.

Zusammen mit der vorzüglichen, von Dieter Borchmeyer besorgten Neuausgabe von Goethes Klassischen Dramen und der monumentalen Arbeit von Peter Watson über den Deutschen Genius fängt MacGregor, so empfinde ich, das ständige Hin und Her, die fortwährenden, sich wiederholenden 180-Grad-Wendungen ein, die jeder gelingenden Gedächtniskultur by necessity nicht nur in Deutschland innewohnen müssen; man kann, man muss gewissermaßen das Schwabinger Siegestor immer wieder von Nord nach Süd und von Süd nach Nord durchqueren, Schande und sittliche Größe in der eigenen Herkunftsgeschichte gleichermaßen ins Auge fassen.

Blickt man hingegen auf den Streit zurück, den deutsche Geistesgrößen damals fast ausschließlich um völlig abstrakte Begriffe wie etwa „Einzigartigkeit“ oder „Unerklärlichkeit“ führten, ohne dass sie je der konkreten deutschen geschweige denn der europäischen Vergangenheit, diesem Medusen- und Juno-Haupt ins Antlitz geblickt hätten, so kann man ermessen, welch riesigen Schritt voran die vier genannten Bücher von MacGregor, Goethe, Ezechiel und Peter Watson darstellen. Watson, Goethe, MacGregor und der Prophet Hesekiel, diese vier sollte man unbedingt zur Kenntnis nehmen, ehe man auf typisch deutsche Art einen bouc émissaire oder whipping boy erwählt.

Gestern legte ich in einem kurzen Augenblick des Innehaltens diese drei frisch erworbenen Bücher, diese guten, verlässlichen Reiseführer und Wandergefährten in der zerklüfteten Landschaft der deutschen Gedächtniskultur zu Füßen der 3500 Jahre alten, hart an der Friedrichstraße mahnenden und wachenden Sphinx ab, ehe ich sie in meine Fahrradtasche packte. Ad multos annos, o Sphinx!

Neil MacGregor: „Monuments and memories“. in: Neil MacGregor: Germany. Memories of a Nation. Published in Penguin Books 2016 (first published  by Allen Lane in Great Britain 2014), S. IX-XXIII, hier S. XXIII

Johann Wolfgang Goethe: Klassische Dramen. Iphigenie auf Tauris. Egmont. Torquato Tasso. Herausgegeben von Dieter Borchmeyer unter Mitarbeit von Peter Huber. Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 30, Frankfurt am Main 2008, hier v.a. S. 575 (Iphigenie auf Tauris, Vers 713-717)

Peter Watson: The German Genius. Europe’s Third Renaissance, the Second Scientific Revolution, and the Twentieth Century. Simon&Schuster, London 2010

Das Buch Hesekiel/Ezechiel,  Kap. 18, in: Die Bibel

 

 

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Danke, Europa-Besinnungs-Adventskalender!

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Dez 232016
 

Aus meiner winzig kleinen fränkisch-schwäbischen Wandergruppe erreichte als Geschenk mich am ersten Dezember ein guter treuer Gefährte für diesen Monat: der Europa-Besinnungs-Adventskalender. Er steht im Bunde mit europäischen Heiligen und Verbrechern, mit europäischen Künstlern, mit Europas Städten und Europas Ländern, er schweift von Nord nach Süd  alles ab, er spürt den feinsten Verästelungen des Lebens nach, er bietet Schokolade und Poesie, Reiseführer für Polen, er kennt Kyrill und Method, Rätselkrimis und Johannes vom Kreuze. Jeden Tag erfreute er mich mit einem in Knittelversen gereimten Merk- und Denkspruch und einem kleinen, aufmerksam gewählten Geschenk.

Ein Beispiel? Das brachte uns der Adventskalender am 9. Dezember:

Denkspruch am 9. Dezember:

Der 9. Dezember ist der Gedenktag des Abel.
Als Kain den Erfolg Abels nicht mehr ertragen,
hat er seinen Bruder erschlagen –
oder ihn gar mit einem Pfeil niedergestreckt?
Das wird ein Rätsel bleiben für uns –
nur Gott hat die Wahrheit entdeckt.

Geschenk am 9. Dezember:
Andreas Venzke: Ötzi. Die Verfolgungsjagd in der Steinzeit. Ein Rätselkrimi. Bilder von Alexander von Knorre. Arena Verlag Würzburg, 3. Auflage 2015

Morgen wird der gute Kalender sein letztes Geschenk hergeben. Zeit, kurz Rückschau auf all das Geschenkte und Gelehrt zu halten!

Versuchen wir es ebenfalls in Knittelversen!

O Kalender, dreiundzwanzig Tage lang
Hast Du mir jeden Morgen eine Freude gemacht,
Und wenn ich traurig war, hast du mich angelacht.
Nie war dir bang,
Du gabst mir alles, was du hast,
Du lagst auf Lauer ohne Hast.
Wenn ich in trüber Morgensupp zum Tag hinüberschwamm,
Erzähltest du Geschichten, die du aufgesogen wie ein Schwamm,
Und vergaukeltest mir manchen Tag,
Wenn ich dankbar dir zu Füßen lag.

Europas Heilige verehrst du wie kein zweiter,
Sie sind Sprossen dir auf deiner Himmelsleiter,
Nicht Geld und Zinsen, Bank und Konvergenzen,
Sind Kerneuropa, überschreiten Grenzen –

Nein, die Wandrer sind’s, die Lehrer, die Gestalter,
Unsichtbarer Schätze Mehrer und Verwalter,
An sie hast du uns stets herangeführt,
Behutsam horchend ihnen nachgespürt;

Mit kluger Hand gewiesen und gelehrt;
Die Herzen auf den rechten Weg gekehrt,
Durst, Kälte, Hitze, Hunger abgewehrt,
Und dann zum Schluss noch meinen Klagen zugehört.

Europa-Besinnungs-Adventskalender
morgen, am 24. Dezember, endet unser gemeinsamer Weg:

Ich danke Dir!   

 

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geschrey solchs großen Jauchzens, gewaltiges Jauchzen, Jubelschall? Was stimmt denn nun? Zu 1 Sam 4,6

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Dez 172016
 

1) „Was ist das für ein großer Jubelschall im Lager der Hebräer?“

2) „Was ist das für ein gewaltiges Jauchzen im Lager der Hebräer?“

3) „Was ist das geschrey solchs großen jauchzens in der Ebreer lager?“

Drei Mal derselbe Satz, aus dem Hebräischen übersetzt! Welche Übersetzung gibt das Gemeinte am besten wieder? Welche Sprachfassung lässt den Boden erzittern? Bedenke: Wir stehen vor einem Kampf, einer Schlacht, einem Krieg mehrerer tausend Männer! Zwei Heerhaufen treten gegeneinander an. Wie ging es da zu? Wie mochte sich das anhören? 30000 Kriegsopfer werden nach einer einzigen Schlacht zu beklagen sein, das wertvollste Kultgut und Kulturgut wird geraubt sein! Eine niederschmetternde Bilanz wird das sein.

Bedenke:  Die Männer laufen sich gewissermaßen warm, sie stimmen sich ein auf das, was da kommen mag an Gewirr, Geplänkel, Gefecht und Gemetzel.

So. Lies die drei Übersetzungen laut vor! Dann entscheide selbst, welche Übersetzung dich am meisten packt, welche Übersetzung durch Mark und Bein geht! Die neue Lutherübersetzung von 2017, die Münchner gantze Schrifft von 1974, die neue Stuttgarter Einheitsübersetzung von 2016? Oder die Stuttgarter Biblia hebraica von 1997? Stuttgart mit drei Büchern oder München mit einem Buch? Welche Stadt gewinnt diese Schlacht?

Achte auf den Rhythmus, den Klang der Sätze, koste die Wirkung der drei unterschiedlichen Fassungen desselben Satzes aus! Dann begründe deine Entscheidung. Wenn du willst, schlage auch den hebräischen Ausgangstext auf!

Quellen:
1) Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe. 1. Auflage. Katholische Bibelanstalt, Stuttgart 2016, S. 292 [1 Sam 4,6]
2) Die Bibel. Lutherübersetzung. Nach Martin Luthers Übersetzung. Lutherbibel. Revidiert 2017. Jubiläumsausgabe. 500 Jahre Reformation. Mit Sonderseiten zu Martin Luthers Wirken als Reformator und Bibelübersetzer. Deutsche Bibelgesellschaft,  Stuttgart 2016, S. 279 [1. Sam 4,6]
3) D. Martin Luther: Biblia. Das ist die gantze Heilige Schrifft. Deudsch auffs new zugericht. Wittenberg 1545. Herausgegeben von Hans Volz unter Mitarbeit von Heinz Blanke. Textredaktion Friedrich Kur. Band  I, München 1974, S. 512 [I. Buch Samuel, c. IIII, 6]
4) Biblia hebraica stuttgartensia. Editio Quinta emendata opera A. Schenker, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1997,  S. 450 [SAMUEL I, 4,6]

 

 

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Ziemlich beste Freunde

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Dez 132016
 

Ein bemerkenswertes Zwiegespräch entfaltete sich vergangenen Sonnabend zwischen den zwei wohl berühmtesten Schriftstellern unserer Zeit. Lassen wir sie doch am Frauenplan im Hause des Geheimen Rathes zusammentreffen. Als Gesprächspartner wählen wir den Kanzler Müller; Berichterstatter sei in diesem kleinen Phantasiestück Johann Peter Eckermann.

Und so lesen wir gleich hinein in die nachträglich angefertigten Notizen des getreuen Eckermann, wobei wir noch vorausschicken, dass der soeben behandelte Gegenstand nichts anderes als die Ode auf den 5. Mai von Alessandro Manzoni gewesen war.

[…] »Euer Exzellenz«, sagte ich, »sprechen große Dinge aus, und ich bin glücklich, Ihnen zuzuhören.« – »Manzoni«, sagte Goethe, »hilft uns zu guten Gedanken.« Er wollte in Äußerung seiner Betrachtungen fortfahren, als der Kanzler an der Pforte von Goethes Hausgarten uns entgegentrat und so das Gespräch unterbrochen wurde. Er gesellte sich als ein Willkommener zu uns, der freilich nicht allein kam, sondern zwei Schriftsteller mitbrachte, die soeben aus dem herzoglichen Theater nachhause kehrten und sich ganz offenkundig in einem angeregten Gespräch über die soeben gesehene Vorstellung befunden hatten.

„Seien Sie uns willkommen in unserer bescheidenen Oberbühne“, grüßte Goethe, der selbst weniger und weniger ins Theater ging. Die drei Männer kamen über das Büstenzimmer in den länglichen Saal, wo die Rouleaus niedergelassen waren und auf dem Tische am Fenster zwei Lichter brannten. Der Kanzler stellte beide in knappen Worten vor: der erste war der aus St. Peter-Ording stammende Autor Michael Hohlbeck, eine angenehme, fast jugendliche Erscheinung von wohl 58 oder 60 Jahren, gepflegt locker mit offenem Hemdkragen erscheinend, aber nicht abgerissen gekleidet, wie es in den Berliner Salons seit Jahren üblich geworden; der andre, Bodo Cimetière, soeben erst aus Reggio Calabria zurückgekehrt, wo er einige Nachforschungen zu seinem jüngsten Roman angestellt, trug noch einen Panama Jenkins, der ihm leider doch etwas Stutzerhaftes verlieh; auf unglückliche Weise verstärkt wurde dieser Eindruck dadurch, dass die Herstellermarke STETSON deutlich an einer geckenhaft flatternden Banderole abzulesen war.

Wir setzten uns um den Tisch, der Hausherr schenkte in die bereitstehenden Gläser reichlich aus der bereits geöffneten Flasche „Würzburger Stein“ ein und fragte Hohlbeck: „Sie kommen aus dem Theater? Wurde da heute nicht Ihre „Unterwerfung“ gegeben? Ich habe Ihren Roman mit Gewinn gelesen, und möchte wohl wissen, wie unser Schauspieldirektor Ihre vielfach verwinkelte, tolldreiste Geschichte in ein Theaterstück umgemodelt hat?“

„Nun, ich war selbst äußerst gespannt, habe den Theatermachern aber völlig freie Hand gelassen“, wich Hohlbeck aus, indem er sich eine Zigarette ansteckte und an seinem Weinglas nippte. Einen kurzen Moment herrschte Schweigen. Goethe zeigte eine Regung von Ungeduld und forderte uns auf, mehr zu erzählen.

„Die ganze Handlung des Romans wird in ein Lazarett verlegt“, schaltete sich unvermittelt der Kanzler ein, „ein genialer Schachzug, wie er eigentlich nur einem so bedeutenden Theatermann wie unserem guten ***** einfallen konnte. Der Held des Romans erlebt die gesamte Handlung wie in einem Fieberwahn. Ihn plagt eine hartnäckige Fußpilzerkrankung, und während um ihn herum in ganz Frankreich ein islamischer Präsident das Leben grundhaft umgestaltet, erfährt unser Held im Krankensaal jede nur erdenkliche Zuwendung durch seine Pflegerin und einen Kollegen von der Académie!“

Goethe setzte, als hätte ihn ein bislang versteckter Groll ergriffen, sein Glas ruckhaft heftig auf und begann also mit sich allmählich steigerndem Unmut: „Die heutigen Schriftsteller schreiben alle, als wären sie krank und die ganze Welt ein Lazarett. Alle sprechen sie von dem Leiden und dem Jammer der Erde und von den Freuden der Zukunft, und unzufrieden, wie schon alle sind, hetzt einer den andern in noch größere Unzufriedenheit hinein. Das ist ein wahrer Mißbrauch der dramatischen Kunst, die uns doch eigentlich dazu gegeben ist, um die kleinen Verhältnisse des Lebens kraftvoll zu steigern und den Menschen mit der Welt bekannter zu machen, ja ihn letztlich zu ermutigen, die Welt, wie sie nun einmal ist, kräftig wirkend und strebend zu verändern.  Aber die jetzige Generation fürchtet sich vor aller echten Kraft, und nur bei der Schwäche ist es ihr gemütlich und poetisch zu Sinne; echte Dramen, wie sie uns Schiller mit seinem Wallenstein geschenkt, werden schon lange nicht mehr geschrieben.“

Hohlbeck, Cimetière, der Kanzler und ich wussten darauf vorderhand nichts darauf zu erwidern. Wir saßen stumm da und sagten nichts.  »Euer Exzellenz«, sagte ich endlich, um das betretene Schweigen zu brechen, »sprechen etwas Wahres aus, und wir sind glücklich, Ihnen zuzuhören.«

»Ich habe ein gutes Wort gefunden,« fuhr Goethe fort, »um diese Herren zu ärgern. Ich will ihre Schauspiele die ›Lazarett-Dramatik‹ nennen; dagegen die echt ›tyrtäische‹ diejenige, die nicht bloß Schlachtlieder auf offener Bühne singt, sondern auch den Menschen mit Mut ausrüstet, die Kämpfe des Lebens zu bestehen.«

Goethes Worte erhielten meine ganze Zustimmung. Cimetière, der Kanzler und Hohlbeck hingegen erkannten wohl, dass mit dem Alten heute Abend kein einvernehmlicher Diskurs mehr zu führen war.

Wir tranken, nachdem wir uns mit stummen Blicken ausgetauscht, unseren Würzburger Stein aus, wussten das Gespräch auf unbedeutende Zeitung zu lenken, etwa das Verbot der Pferdedroschken, das die neue Berliner Stadtregierung am Pariser Platz einzuführen gedachte, sowie auch den Literaturpreis, den Cimetière von der Leipziger Buchmesse soeben erhalten hatte. So konnte nicht der Eindruck entstehen, der Abend habe mit einem Mißklang geendet.

Wir verabschiedeten uns artig mit einigen französischen Wendungen, verließen den länglichen Saal, gingen die Stiege hinab und nahmen die am Frauenplan bereitstehende Pferdedroschke, um jedes möglichst rasch nachhause zu gelangen, während Goethe oben noch seinem Würzburger Stein beim Schein der beiden am Fenster herabbrennenden Kerzen zusprechen mochte.

Hinweis:
Das vorstehende frei erfundene  „Phantasiestück“ verwendet freizügig unterschiedlichste Stoffe aus folgenden Quellen:

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Mit erläuterndem Register besorgt von Hans Jürgen Meinerts. Im Bertelsmann Lesering 1960,  S. 190-192 (=Einträge vom 23. Juli 1827 / 24. September 1827)

Unterwerfung. Nach dem Roman von Michel Houellebecq. Regie: Stephan Kimmig. Deutsches Theater, Berlin, Aufführung gesehen im Dezember 2016

Michel Houellebecq:  Soumission, Flammarion, Paris 2015

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Eine Novelle, Frankfurt 2016, hier insbesondere S. 174

Foto:

Ein Blick aus dem Saal im Wohnhaus Goethes auf den Garten, Weimar, Radtour vom 19.07.2015

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Nikolaus, du hilfst uns zu guten Gedanken!

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Dez 062016
 

Kinder denkt euch nur! Als ich heute früh erwachte, herrschte draußen noch Finsternis. Ich sprang auf, knipste das Licht an und streckte die Beine in der ausgekühlten Wohnung aus. Doch was spürte ich da? Ein Päckchen lag zu Füßen meines Bettes! Blau eingepackt, mit einem goldenen Stern darauf! Wer mochte das geheimnisvolle Päckchen dort hingelegt haben? War das etwa der… ? Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Das war sicher der gute Nikolaus gewesen, der bei  mir vorbeigeschaut hatte, als ich schon schlief! Ich kniete gleich nieder, im Nu hatte ich das Päckchen ausgewickelt. Was war das? Ein Buch, in lindgrünem Umschlag, mit einem sauberen Rücken aus dunkelgrünem Leinen! Gleich öffnete ich es, da fiel schon ein Kärtchen heraus, mit sauberer Schönschrift bedeckt.

Wollt ihr wissen, was auf dem Kärtchen stand?

Ich las:

„Der 6. Dezember ist der Gedenktag des Hl. Nikolaus. Die Gebeine des Heiligen ruhen in Bari.

Ein Gespräch ist ein Geschenk,
dessen sind wir hiermit eingedenk,
In der Stadt des Heiligen, der heut wird verehrt,
hast Du diese Kunst einst gelernt und gelehrt.“

O der gute Nikolaus! Wie hatte er diese Wahrheiten denn gelernt? Es stimmte! Wer hatte sie ihm hinterbracht? Doch nicht sein Knecht Ruprecht? Wer, welcher tüchtige Franke hatte diese altfränkischen Knittelverse gedichtet, die so recht an den alten Hans Sachs und die Nürnberger Meistersinger erinnerten? Oder war es der treffliche Johann Peter Uz oder eine Schwester von ihm aus dem mittelfränkischen Ansbach, der noch einmal seine alte Reim- und Deute-Kunst uns zu Gehör brachte?

Ich sprang vor Freude auf und jubelte! Hatte das wirklich alles der Nikolaus selbst im Verbund mit Hans Sachs und Johann Peter Uz vorbereitet, bedacht, ersonnen? Was glaubt ihr, Kinder?

Ihr lächelt, ihr zweifelt, ihr schmunzelt? Glaubt mir doch, Kinder, nichts von all diesem ist erfunden! Glaubt mir nur, es stimmt.

Und das geschenkte Buch? So lautet es – es hat einen recht anspruchsvollen Titel:

Italienische Konversations-Grammatik für den Schul- und Privatunterricht. Von Pio Gironi. Copyright 1942 by Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung (Professor G. Langenscheidt) K.G., Berlin-Schöneberg, Bahnstraße 28-30

Aber wie kann das sein…? Das ist doch nur einen Steinwurf von unserer Wohnung entfernt! Die Bahnstraße, da war doch wirklich einmal der Langenscheidt Verlag ansässig. Und später, liebe Kinder, da wurde diese Bahnstraße in Crellestraße umbenannt, und so heißt sie heute noch. Der Langenscheidt Verlag mit seinen vielen gelben Büchern ist zwar mittlerweile umgezogen, aber die gelben Bände, die habe ich immer zu Dutzenden noch in meinem Bücherschrank. Aber damals, vor über 70 Jahren, damals waren die Bücher noch grün.

Und in diesem Buch finde ich schöne italienisch-deutsche Geschichten, von Dante etwa oder von Goethe, der Manzonis Ode „Il cinque Maggio“ selbst übersetzte und auf eigene Faust drucken ließ, während Manzoni selbst das Gedicht in Mailand nicht herausbringen durfte. Die hartherzigen Österreicher, die damals über die Stadt herrschten, verboten es! Einfach so!

Aber Goethe – wir zitieren aus dem von Nikolaus geschenkten Buch – „trovò tanto bella l’ode del fratello minore italiano che la tradusse in tedesco e pubblicò originale e traduzione in Germania“.

Eine schöne Geschichte, der sich heute abend bei uns zuhaus noch ein Gespräch anschließt. Denn was sagte Goethe über Manzoni in seinem Gespräch mit Eckermann am 23. Juli 1827? Hört es selbst:

„Manzoni ist ein geborener Poet, so wie Schiller einer war. Doch unsere Zeit ist so schlecht, daß dem Dichter im umgebenden menschlichen Leben keine brauchbare Natur mehr begegnet. Um sich nun aufzuerbauen, griff Schiller zu zwei großen Dingen: zu Philosophie und Geschichte; Manzoni zur Geschichte allein. Schillers ›Wallenstein‹ ist so groß, daß in seiner Art zum zweiten Mal nicht etwas Ähnliches vorhanden ist; aber Sie werden finden, daß eben diese beiden gewaltigen Hülfen, die Geschichte und Philosophie, dem Werke an verschiedenen Teilen im Wege sind und seinen reinen poetischen Sukzeß hindern. So leidet Manzoni durch ein Übergewicht der Geschichte.«

»Euer Exzellenz«, sagte ich, »sprechen große Dinge aus, und ich bin glücklich, Ihnen zuzuhören.« – »Manzoni«, sagte Goethe, »hilft uns zu guten Gedanken.« Er wollte in Äußerung seiner Betrachtungen fortfahren, als der Kanzler an der Pforte von Goethes Hausgarten uns entgegentrat und so das Gespräch unterbrochen wurde. Er gesellte sich als ein Willkommener zu uns, und wir begleiteten Goethe die kleine Treppe hinauf durch das Büstenzimmer in den länglichen Saal, wo die Rouleaus niedergelassen waren und auf dem Tische am Fenster zwei Lichter brannten. Wir setzten uns um den Tisch, wo dann zwischen Goethe und dem Kanzler Gegenstände anderer Art verhandelt wurden.

Was Goethe damals über Manzoni sagte, das sag ich heute abend über dich, guter Nikolaus von Bari! Du hast mir heute zu guten Gedanken geholfen. Und dafür danke ich dir und deinen fränkischen Gehilfen von Herzen!

 

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Ötzi – ein Mensch wie wir?

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Sep 202016
 

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Vermutlich aus heimtückischen Motiven wurde Ötzi umgebracht. Neid, Zurückweisung oder Kränkung könnten Beweggründe gewesen sein, weshalb der andere unbekannte Mensch ihm nach dem Leben trachtete und eine Pfeilspitze in Ötzis Schulter jagte. So das Fazit des Münchner Hauptkommissars und Profilers Alexander Horn, vorgetragen in Bozen anlässlich des 25. Jahrestages der Entdeckung der im Gletscher verborgenen Mumie.

Das entspricht genau unseren Überlegungen, wie wir sie vor wenigen Tagen, am 23. August, hier im Anschluss an einen Besuch des Bozener Landesmuseums für Archäologie niederlegten.

Stillschweigende Voraussetzung bei solchen Mutmaßungen ist jedoch, dass die Menschen des 4. Jahrtausends v. Chr. ungefähr psychisch so ähnlich ausgestattet waren wie wir, so ähnlich fühlten wie wir, dieselben Regungen empfanden wie wir Heutigen.

Und diese Voraussetzung halte ich für durchaus zulässig. Wo immer wir auch hinschauen, so weit wir auch zurückschauen, dem Verständnis des Menschlichen sind kaum Grenzen gesetzt. Die ältesten schriftlichen Zeugnisse, die uns in unseren Kulturen ab dem 3. Jahrtausend – zunächst aus Mesopotamien und aus Ägypten – vorliegen, belegen durchaus so etwas wie eine Gemeinverständlichkeit des Menschen. Wir können und dürfen uns hineinversetzen in das, was die damaligen Menschen dachten, fühlten und bewirkten.

Was aber war und ist dies? Liebe, Haß, Fürsorge, gesellige Bindungen, Wunsch nach Selbsterhaltung, Wunsch nach Erhaltung der eigenen Art, Gefühle der Verbundenheit zwischen den Verwandten, sexuelles Begehren, Streben nach Macht und Anerkennung, Neid angesichts der Vorzüge anderer, aber auch der Drang anderen Böses zuzufügen – diese Regungen dürften überall und zu allen Zeiten zur genetischen Grundausstattung der biologischen Art Mensch gehören.

Die schriftliche Überlieferung ab dem 8. und 7. Jahrhundert vor Chr. – etwa die ältesten Schriften der Bibel oder die Gesänge Homers – wird  vollends nicht durch Bücher mit sieben Siegeln gebildet. Diese jahrtausendealten Schriften sind auch heute nach Erklärung durchaus verständlich, sie sind in unsere modernen Sprachen übersetzbar; so las ich mehr oder zufällig vor kurzem das Kap. 18 im Buch des Propheten Ezechiel/Hesekiel in verschiedenen alten und neuen Sprachen. Und der gemeinte Sinn trat innerhalb gewisser Bandbreiten des Deutens und Weiterdenkens doch deutlich, überdeutlich hervor.

In diesem Fall ist der Sinn des Propheten: Jeder einzelne Mensch wird nach dem, was er tut und lässt, beurteilt. Der einzelne Mensch zählt letztlich, nicht seine Abstammung, nicht seine Einbindung in einen Sippenverband, nicht seine Klasse, Rasse, Geschlecht, soziale Geltung. Ein sehr moderner Gedanke, – hinter den freilich immer wieder zurückgefallen wird, etwa wenn man sagt: „Die anderen da, die sind so. Die anderen da, die waren alle so. Die anderen da, die werden immer so sein. Die anderen haben das gemacht. Nicht ich. Ich würde das niemals tun.“

Quellenangaben:
Profiler: Mord an Ötzi war „heimtückisch“. Berliner Morgenpost, 20. September 2016, S. 14
Das Buch Ezechiel,  Kap. 18, 593-571 v. Chr. in: Die Bibel
Bild:
So mochte er ungefähr ausgehen haben, ehe ihn der heimtückische Pfeil traf. Aufnahme aus dem Bozener Landesmuseum für Archäologie, August 2016

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Feb 242016
 

Martinus dixit: „Odium sui rimanebit usque ad introitum caelorum!“
Ego ex eo quaesivi: „Unde istud odium tui christianum, o Martine?“

„Woher kommt dein christlicher Selbsthaß, Martin?“ So fragt‘ ich, als ich vor einigen Wochen in einer 1-tägigen Sonderausstellung der Berliner Staatsbibliothek Martin Luthers vierte, erstmal lateinisch zu Wittenberg niedergelegte These in einem frühen Nürnberger Originaldruck des Jahres 1517 erblickte. Die vierte Wittenberger These sprang mich mit Macht an! Da läuteten alle Glocken in mir!

Denn Theodor Lessing veröffentlichte 1930 in deutscher Sprache ein Buch des Titels „Odium sui hebraicum“, zu deutsch also „Der jüdische Selbsthaß“, erschienen im Jüdischen Verlag zu Berlin. Dies ist die erste Glocke!

„Deutschland verrecke!“, „Nie wieder Deutschland, nie wieder Krieg!“, so habe ich es im 21. Jahrhundert jahrelang in Berlin-Friedrichshain gehört und gelesen, und zwar im öffentlichen Raum, ungestraft, ungescheut las ich es und hörte ich es, niemand machte darob ein Aufhebens. Der deutsche Selbsthaß ist keine Legende, nein, er ist eine Tatsache, die einen geradezu mit Macht anspringt. Durch die Zerstörung Deutschlands meinen die deutschen Antifa-Aktivisten den Krieg abzuschaffen. Der Selbsthaß feiert fröhliche Urständ! Weder deutsche Polizei noch deutsche Justiz kümmern sich um diese Manifestationen des deutschen Selbsthasses. Dies ist die zweite Glocke!

Antony Lerman wiederum entzauberte 2008 in der Jewish Quarterly in einem noch heute sehr lesenswerten Beitrag unter dem Titel Jewish Self-Hatred : Myth or Reality? Rätsel, Legenden, Fakten und Fiktionen des Redens vom angeblichen jüdischen Selbsthaß. Erstaunlicherweise wirft er nach sorgfältiger Prüfung den Begriff des jüdischen Selbsthasses in den Mülleimer der Geschichte. Er ver-wirft den jüdischen Selbsthaß. Er lehnt den Begriff ab. Lest selbst: „It is too much to hope that by revealing just how bankrupt a concept ‘Jewish self-hatred’ is, discourse among Jews on Israel and Zionism could become more productive, both for Jews themselves and for the sake of achieving justice in the conflict between Israelis and Palestinians. Too much is currently invested in this demonising rhetoric. But if we could edge it closer to the rim of the dustbin of history, we’d be making a start.“

Dies ist die dritte Glocke, gewissermaßen das Sterbeglöcklein des jüdischen Selbsthasses.

Der christliche Selbsthaß Martin Luthers von 1517, der deutsche Selbsthaß der Friedrichshainer Antifa von 2014, der jüdische Selbsthaß Theodor Lessings von 1930, der jüdische Selbsthaß Trotzkis von 1917 … haben sie eine gemeinsame Wurzel?

Woher kommt diese absolute Ablehnung des eigenen Selbst, die wütende Selbstanklage, dieses Gefühl: „Ich bin nichts, ich tauge nichts. In mir ist nichts Gutes, drum besser wär’s, es gäb‘ mich nicht! Fort mit mir!“?

Früheste Belege dieses Gefühls „Fort mit mir!“ scheinen mir ins Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurückzureichen, also ins biblische Buch Bereschit (Buch Genesis). In Kapitel 4, Vers 13 hebräisch sagt es Kain so:

וַיֹּ֥אמֶר קַ֖יִן אֶל־יְהוָ֑ה גָּדֹ֥ול עֲוֹנִ֖י מִנְּשֹֽׂ׃

In rohes unbehauenes ungeliebtes Deutsch übersetzt also:
Und sprach Kajin zu JHWH : Groß meine-schuld aufheben

Kain traut sich nicht mehr aufzuschauen. Es ist, als würde er sagen: „Nach allem, was ich getan habe … was soll ich noch anschauen? Wen darf ich noch anschauen? Was ich getan hab an dem Bruder, kann ich nie büßen.“

Kain formuliert dieses Gefühl: Großschuld – zu große Schuld – übergroße Schuld. Lateinisch: „Mea culpa, mea magna culpa, mea maxima culpa“. Und diese Formulierung kannte der katholische Augustiner Martin Luther mit Sicherheit.

Im spezifischen Sündenbewußtsein Kains, im Bewusstsein seiner unverzeihlichen, seiner übergroßen Schuld goß Martin Luther dieses Gefühl absoluter Verworfenheit in seine vierte Wittenberger These – mit unabsehbaren Folgen für die deutsche und abendländische Geschichte.

Der christliche Selbsthaß Luthers wurzelt genetisch, also der Genesis nach im hebräisch-biblischen Selbsthaß Kains.

Doch ist dieser Selbsthaß keine Eigenheit des jüdischen oder des christlichen oder des deutschen Selbstverhältnisses. Dieser Selbsthaß, er ist etwas Menschliches. Dem Menschen haftet seit Kain das Odium der Selbstverwerfung an.

Denn auch in der paganen Antike außerhalb oder vor der jüdischen und der christlichen Überlieferung sind uns durchaus einige machtvolle Selbstzeugnisse eines derartigen Selbsthasses bekannt. So etwa im Ödipus Tyrannos des Sophokles! Die Schuld des Ödipus ist zu groß, als dass sie aufgehoben werden könnte, er wendet eine ungeheuerliche Aggression gegen sich selbst: er sticht sich die Augen aus. Es ist dies zweifellos eine Art aufgeschobener Selbstmord. In der Übersetzung durch Hugo von Hofmannsthal liest sich der letzte große Monolog des Ödipus so:

Ödipus:
Was soll ich noch anschaun?
Den Vater drunten, wenn ich ihm begegne?
oder die Kinder, ihren Blick in meinen
verschränken und ein unausdenkbares Gespräch
von Aug‘ zu Auge führen? Fort mit mir!
Jagt doch das große Unheil, jagt doch das,
hinaus, was trieft von allen Himmelsflüchen!

Die Greise (zugleich)
Ich wollt‘, ich hätte niemals dich gekannt.

Ödipus (leiser)
Was ich getan hab‘ an der Mutter und
am Vater, büßt Erhängen nicht.

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Znów czytam Pańskie wiersze. Goethe lesend. Ein Dialog

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Jan 162016
 

Europäischer Freund:
Schon wieder ertappe ich dich beim Lesen Goethes! Und dafür hast du Zeit, teurer Freund? Warum leistest du dir diesen überflüssigen Luxus?

Ego:
Weil … wenn ich Goethe lese, sei es nun der Rendsch Nameh, also das Buch des Unmuths, oder auch der Beginn des Zweiten Teiles des Faust, diese großartigen Stanzen, Goethes sehr persönliche Annäherung und Anverwandlung an Dantes Jenseitsreise, dann ergeht es mir häufig so, wie dies Adam Zagajewski für seine eigenen Lese-Erlebnisse mit Czesławz Miłosz beschrieben hat.

Europäischer Freund:
Aha, ein Pole! Polen erfreut sich ja derzeit wieder besonderer Aufmerksamkeit der westlichen Mächte des EU-Reiches! Fürwahr, fast möchte man meinen, alle die Kommentatoren, alle die Mächtigen des EU-Reiches verstünden fließend Polnisch, so rasch fertig sind sie mit ihrem Urteil über Polen.

Ego:
Es muss so sein! All die Mächtigen haben im Schlaf Polnisch gelernt, anders ist mir diese Einhelligkeit im Westen des EU-Reiches nicht erklärbar. Du lächelst, europäischer Freund?

Europäischer Freund:
Ja, ich schmunzle! Ich zweifle!

Ego:
Dann lies doch bitte das nachfolgende Gedicht aufmerksam durch! Als Erläuterung diene dir, daß das polnische Wort Pan nicht nur die höfliche Anrede – entsprechend dem deutschen „Sie“, wenn an eine männliche Person gerichtet – ist, sondern auch für Herr steht, und obendrein noch für den HErrn, also den Herrgott…!

Europäischer Freund:
Klingt spannend. Nun lass mich das Gedicht endlich hören!

Ego:
So höre denn, übersetze dir stumm das Gehörte in dein geliebtes Deutsch, und wenn du willst, ersetze einfach das Wort Pan durch Goethe … oder durch Dante … es wird dich zum Schmunzeln bringen. Zweifle nicht! Dann übersetze diese Verse … es ist nicht schwer. Ich fang schon mal an:

Ich lese Herrn Goethes Verse und Herrn Dantes Verse erneut,
geschrieben durch einen Reichen, der ein Allesversteher war,
und durch einen Bettler, der ein Unbehauster ward,
durch einen Auswandrer und Eigenbrötler

usw.usw.

Doch lies erst das polnische Original:

Czytając Miłosza

Znów czytam Pańskie wiersze
spisane przez bogacza, który wszystko zrozumiał,
i przez biedaka, któremu zabrano dom,
przez emigranta i samotnika.

Pan zawsze chce powiedzieć więcej
niż można – ponad poezję, w góry, w stronę wysokości,
ale i w dół, tam gdzie dopiero się zaczyna
nasz region, pokornie i nieśmiało.

Pan mówi niekiedy takim tonem
że – naprawdę – czytelnik
przez chwilę wierzy,
że każdy dzień jest świętem

i że poezja, jakby to wyrazić,
sprawia, iż życie jest zaokrąglone,
pełne, dumne, nie wstydzące się
doskonałej formy.

Dopiero wieczorem,
gdy odkładam książkę
wraca zwyczajny zgiełk miasta –
ktoś kaszle, płacze, ktoś złorzeczy.

z tomu „Anteny“, 2005

Quelle:
http://www.goldenline.pl/grupy/Literatura_kino_sztuka/ludzie-wiersze-pisza/o-czytaniu-i-czytelnikach,949094/s/1

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Sokrates und die Bibel in gutes Deutsch übersetzt – ist das die deutsche Leitkultur?

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Dez 102015
 

Einen wertvollen Denkanstoß zu unserer Besinnung auf das, was die deutsche Leitkultur oder überhaupt die nationalen Leitkulturen Europas ausmacht, lieferte im Jahr 1856 der Dichter Ernst Moritz Arndt.

Seine Formel für den Grundbestand der europäischen Nationalkulturen lautete damals: Griechische Antike und Bibel.

Die Weisheit des hartnäckig fragenden Sokrates mit dem Schatz der Bibel zusammengebracht – das ist in der Tat, in gröbster Vereinfachung, das Basiswissen unserer europäischen Nationalkulturen. Dies gilt, so meine ich, in dieser Allgemeinheit völlig unspezifisch für Polen, Russen, Griechen, Deutsche, Franzosen, für Juden, Muslime, Christen und Atheisten gleichermaßen!

Das sind die unerlässlichen Grundzutaten der vorwaltenden Kulturen aller europäischen Völker. Die Mischung im Teig variiert, aber die Ausgangsstoffe sind überall dieselben.

Und das Nationale, das Eigentümliche der europäischen Völker, des Europas der 47 europäischen Staaten? Es tritt in Form von „Zuschlagstoffen“ hinzu. Aber der Teig, die Masse als solche bleibt dieselbe.

Die Bibel und der größte Zweifler, der wegen Gotteslästerung und Jugendverführung hingerichtete Skeptiker der hellenischen Antike in verlässliches Deutsch übersetzt, das dürfte einen großen Teil unserer deutschen Leitkultur ausmachen. Sie, die nationalen Leitkulturen Europas, sind allesamt Übersetzungskulturen! Nachfolgekulturen der griechischen Antike und der griechisch übersetzten Bibel sind es samt und sonders! Ohne Kenntnis der griechischen Antike und der Bibel kann man die europäischen Leitkulturen nicht würdigen und nicht verstehen.

Wer hätte das gedacht! Ausgerechnet bei Ernst Moritz Arndt finden wir dieses Grundschulwissen! Ein langer Weg, den er seit seinen Anfängen zurückgelegt hat!

Lest selbst, diskutiert diese steile These!

Ernst Moritz Arndt
Der Dämon des Sokrates

Sokrates, der große Geisteskämpfer,
Hatte einen Flüstrer und Erreger,
Einen Weiser Leiter Halter Dämpfer
Und auch Diener und Laternenträger,
Wo es galt durch Finsterniß zu wanken.
Dieser Ohrenflüstrer Haucher Lauscher,
Aller seiner Triebe und Gedanken
Kluger Mitdurchsprecher Gegentauscher
Galt ihm, wie uns Andern das Gewissen;
Dämon schalt er ihn und all sein Wissen,
All sein Ahnen Lieben Denken Wollen –
Wie in uns auch Geisterchen sich rollen –
Schob er diesem Führer zu und Folger.

Ach! ruft Jeder, lebt noch wo ein Solcher?
Sind sie denn erloschen jene Sterne,
Woher solche Folger Menschen kamen?

O ihr Gaffer, Greifer in die Ferne!
Könnt ihr des Begleiters kurzen Namen,
Jenes weisen, gottgeweihten Griechen,
Euch in gutes Deutsch nicht übersetzen?
Müsset durch den Hochmuth doppelt siechen?
Drum herunter von den hohen Stufen!
Auf die Bank der Schüler mit der Fibel!
Dort wird auch der Kleinste lachend rufen:
Das war ja der Engel aus der Bibel.

Quelle:
Gedichte 1830-1900. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Ralph-Rainer Wuthenow. [=Epochen der deutschen Lyrik. Herausgegeben von Walther Killy, Band 8], Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Aufl., München 1975, S. 237

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Advent – Zeit der Wüste, Zeit der Versteppung, Zeit des Durstes nach Licht!

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Dez 072015
 

Beim Warten auf den Einsatz mit Vivaldis jubelndem Gloria hörte ich gestern in der Canisius-Kirche eine äußerst bewegende Predigt. Grundgedanke war: Advent, das ist die Zeit der Dürre, der Versteppung. Advent, da zweifeln die Menschen an sich selbst. Auch die „philosophische Anthropologie“ findet heute keine Worte mehr, um die Größe und das Leuchten des Menschen, das Leuchten der Kinderaugen zu beschreiben.

Advent, da wissen sie nicht ein noch aus.

Irgendwie wanderten meine Gedanken beim Nachhauseradeln zu dem „Traum der Wüste“, zu dem großen, gewaltigen Gedicht Clemens Brentanos ab. Neben Adalbert Stifter, neben den Beschreibungen der endlosen kalmückischen Steppe, wie sie der Rotarmist Wassili Grossman geliefert hat, ist Brentano derjenige, der wohl am ehesten den abgrundtiefen Verzweiflungston der Psalmen, die wehe Zerrissenheit der Jahre 1914-1945 getroffen hat.

Aus diesem Grunde gebe ich das Gedicht unverändert wieder:

Der Traum der Wüste

O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen,
Blau überspannt vom Zelte, Stern an Stern;
O Wüstenglut voll Tau, o Lieb voll Tränen,
Weil sich unendlich Nahes ewig fern.

O Wüstentraum, wo Lieb auf Herzschlag lauschet,
Wenn flüchtgen Wildes Huf die Wüste drischt,
O Traum, wo der Geliebten Schleier rauschet,
Wenn Geierflug im Sandmeer Schlangen fischt.

O Wüstentraum, wo Liebe träumt zu fassen
Jetzt Josephs Mantelsaum mit durstger Hand,
Da geißelt wach, verhöhnt halb, ganz verlassen
Ihr Herz, der Wüste Geißel, glüher Sand.

O Liebe, Wüstentraum der Sehnsuchtspalme,
Die blütenlos Gezweig zum Himmel streckt,
Bis segnend in des höchsten Liedes Psalme
Der Engel sie mit heilgem Fruchtstaub weckt.

O Wüste, Traum der Liebe, die verachtet
Vom Haus verstoßen mit der Hagar irrt,
Wo schläft der Quell? da Ismael verschmachtet,
Bis deine Brust ihm eine Amme wird.

O Wüstentraum der Liebe, die sich sehnet,
Steigt nie ein Weiherauch aus dir empor?
Geht duftend, auf den Bräutigam gelehnet,
Nie meine Seele heil aus dir hervor?

O Wüste, wo das Wort der ewgen Liebe
Im unversehrten Dorn vor Moses flammt,
Ein Zeugnis, daß die Mutter Jungfrau bliebe,
Aus deren Schoß der Sohn der Gottheit stammt.

Lieb‘, Wüstentraum, so laut des Rufers Stimme,
»Bereit‘ den Weg des Herrn!« dir mahnend schallt,
Summt in des Löwen Schlund dir doch die Imme,
Die Süßes baut im Rachen der Gewalt.

O Durst der Liebe, Wüstentraum, wann spaltet
Der Herr den Fels, daß Wasser gibt der Stein,
Wann deckt in dir den Tisch, der gütig waltet,
Wann sammle ich das Himmelbrot mir ein?

Durst, Liebe, Wüstentraum, dort scheint am Hügel
Der Morgenstrahl, ein Hirtenfeuer weiß,
Wo Durst gewähnt des Wasserfalles Spiegel
Fand Liebe ein Geschiebe Fraueneis.

O Liebe, Wüstentraum des Heimatkranken,
Ihr Paradiese, schimmernd in der Luft,
Ihr Sehnsuchtsströme, die durch Wiesen ranken,
Ihr Palmenhaine, lockend in dem Duft.

O Liebe, Wüstentraumquell, beim Erwachen
Rauscht dir kein Quell, es wirbelt glüher Sand,
Es saust das Haus der Schlangen und der Drachen
Und prasselt nieder an der Felsenwand.

O Wüstentraum, wo Sehnsucht Feuer trinket,
Und Liebe angehaucht vom giftgen Smum,
Ohn Trost und Hoffnung tot zur Erde sinket;
O Tod ohn Liebe, Hoffnung, Ehr und Ruhm!

O Wüstentraum der Lieb! in der Oase
Labt dich am Quell, der zwischen Palmen glänzt,
Ein schlankes Kind – die Schlange ist’s im Grase,
Der Räuber Kundschaft’rin, ein Truggespenst.

O Liebe, Wüstentraum, nach kurzem Gasten
Sprengt dich der Räuber gastfrei an mit Hohn:
»Mein Brüderchen! entlaste dich zum Fasten,
Wo denkest du hinaus, mein lieber Sohn?«

O Liebe, Wüstentraum, du mußt verbluten,
Beraubt, verwundet, trifft der Sonne Stich,
Der Wüste Speer dich, und in Sandesgluten
Begräbt der Wind dich, und Gott findet dich!

Clemens Brentano: Der Traum der Wüste. In: Clemens Brentano. Eine Auswahl. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Curt Hohoff. Veröffentlicht unter der Zulassungs-Nr. US. E-119 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung. Carl Hanser Verlag, München o.J., Erster Band, S. 135-137

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„Ich wollte das Haus mit dem Dache zu bauen beginnen“

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Aug 102015
 

Schloss Wusterhausen20150808_173017

Unser denkwürdiger Besuch vorgestern im Jagdschloß Wusterhausen! Die ungelenken Malübungen des Königs, aufgehängt im Festsaal des Schlosses, verfehlten in all ihrer grotesken Übertreibung eine anrührende Wirkung nicht. Man merkt den Bildern an, aus welchen körperlichen und seelischen Schmerzen sie entstanden sein müssen. „Ich wollte das Haus mit dem Dache zu bauen beginnen“, bemerkt der König selbstkritisch einmal. Der König hatte Wassersucht und Gicht, das Malen war seine Ergotherapie. „Nun malte König Friedrich Wilhelm seine Bauern, wie er vordem immer sein Gesinde zu porträtieren pflegte, als sei ein treues Gesicht so rar, daß man es festhalten mußte! Fünf Tage brauchte König Friedrich Wilhelm für ein Bild; und wenn er gar zu große Schmerzen hatte, ließ er sich auch noch die Umrisse vorzeichnen“, schreibt Jochen Klepper in seiner Biographie „Der Vater. Roman eines Königs“.

„Ich muß sagen das ich mich nit Ruinieren kan weitter mein geldt wegzuschmeißen und ich es vor Gott und meine kinder nit verandtworten kan da Preußen mir klug gemachet. graben Bauen viehe kauffen ist aus und werde mit Gottes hülfe kein pfen mer verquaquelen den ich die Risee bin gewehsen von der gantzen Weldt und meine schöne verfassung armée und alles übern hauffen zu gehen sehr sehr nahe gewesen“

So äußerte sich – hier in originaler Schreibung wiedergegeben – König Friedrich Wilhelm I., als ihm eins der kühnsten Infrastrukturprojekte des 18. Jahrhunderts, der Elbe-Havel-Kanal vorgelegt wurde. Die damals nur vorgedachte, durchgehend schiffbare Verbindung zwischen Elbe und Havel wurde erst im 20. Jahrhundert hergestellt.

Man sieht: der Staatsbankrott, die Zahlungsunfähigkeit des Staates waren zu Beginn der Regierung von Friedrich Wilhelm I. nicht nur ein Schreckgespenst, sie waren eine echte Gefahr! Die Mittel gegen den drohenden Staatszerfall, die im Laufe der Jahre 1713-1740 zum Erfolg führten, dürften zum Teil überzeitlich gültig sein: Pflichttreue, Sparsamkeit (beginnend bei der Hofhaltung), drastische Sparmaßnahmen, Landesausbau, Förderung und Ansiedlung der Gewerbe, Ausbildung der Bauern und Bäuerinnen in Haus- und Feldwirtschaft,  Ansiedlungsmaßnahmen in schwachbesiedelten Gebieten – etwa im Oderbruch und im pestverheerten Litauen, gezielte Ansiedlung und Aufnahme von Vertriebenen und Asylanten (15.000 Religionsflüchtlinge aus Salzburg!), Kampf gegen Korruption und Bestechlichkeit, Verwaltungsreformen, Straffung der Administration, Herausbildung einer absolut loyalen Beamtenschaft, Beschneidung der Privilegien der oberen Stände.

Dann aber auch der Haß, das tiefe, unheilbare Zerwürfnis mit dem eigenen Sohn! „- er eigensinniger, böser Kopf, der nicht seinen Vater liebet!“, schreibt der Vater dem Sohn.  Klepper merkt an: „Der einundvierzigjährige Mann und der siebzehnjährige Jüngling saßen, durch wenige Stufen, Wände und Balken getrennt, am Schreibtisch und klagten sich in Briefen an, als gelte es, aller Welt und künftigen Zeit die Dokumente solcher Erbitterung zu überliefern.“

Die Briefe der beiden sind erhalten. Unfassliche Dokumente des abgrundtiefen Grams, die sich mühelos an die Seite der Gemälde des Königs stellen lassen.  Welches Bild des gequälten, verlassenen,  verworfenen Menschen tritt da hervor?

Quellen:
Jochen Klepper: Der Vater. Roman eines Königs. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 5. Aufl. 1986, hier bsd. S. 488-489, S. 613-614, S. 620-621

„Geschichtsmächtiger Sonderfall der territorialstaatlichen Entwicklung: Brandenburg-Preußen“, in: Der große Ploetz. Die Enzyklopädie der Weltgeschichte, 35. Aufl., Freiburg 2008, S. 916-920

Bild: Ansicht des Jagdschlosses in Königs Wusterhausen, Aufnahme vom 08. August 2015

 

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Haben uns Sophokles und die Griechen noch etwas zu sagen?

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Jul 112015
 

Immer wieder tauchen wir hinab in die alte, griechisch sprechende Welt, die Europa zu dem werden ließ, was es heute zu werden verspricht. In den attischen Tragödien des 5. und 4. Jahrhunderts vor Christus werden zahllose Fragen erörtert, die uns bis zum heutigen Tage beschäftigen. Etwa die folgende:

Was hält Europa und die Europäische Union zusammen?

“Die Wirtschaft!” werden die meisten sagen. “Der freie Austausch an Waren und Dienstleistungen sichert den Zusammenhalt!”.

“Der acquis communautaire!” schallt es aus Brüssel zurück. “Die etwa 100.000 Seiten gemeinsamer Rechtstexte über Ansprüche und Rechte der Mitgliedsstaaten sind eine unlösbare institutionelle Klammer!”

“Der Euro!”, werden wieder andere einwerfen. “Nur durch die Gemeinschaftswährung werden die Schicksale der Staaten so unlösbar verknüpft, dass Wohlstand, Wachstum und soziale Gerechtigkeit gesichert sind.”

Kaum ein Zweifel darf bestehen, dass die Europäische Union und überhaupt europäische Politik auf der Wirtschaft und auf dem Geld begründet ist. Das Geld und die Wirtschaft sind – nach der aktuellen Politik zu urteilen – die eigentlichen Fundamente und der Maßstab der Europäischen Union.

“Lernt doch erst mal griechische Texte lesen”, begehre ich auf, wenn wieder einmal derartige Reden geführt werden. “Habt ihr nicht die Antigone des Sophokles gelesen?”

Erstaunlich etwa, was König Kreon in der Antigone des Sophokles über das Geld sagt:

οὐδὲν γὰρ ἀνθρώποισιν οἷον ἄργυρος

κακὸν νόμισμ᾽ ἔβλαστε. τοῦτο καὶ πόλεις

πορθεῖ, τόδ᾽ ἄνδρας ἐξανίστησιν δόμων·

τόδ᾽ ἐκδιδάσκει καὶ παραλλάσσει φρένας

χρηστὰς πρὸς αἰσχρὰ πράγματ᾽ ἵστασθαι βροτῶν·

Meine deutende Übersetzung in modernes Deutsch lautet:

“Denn keine so schlimme Gesetzesgrundlage erwuchs für Menschen wie das Geld. Es zerstört sogar Städte, es vertreibt Männer aus den Häusern, Geld prägt Mentalitäten um, so dass die an sich richtige Gesinnung zum Niederträchtigen gewendet wird.”

In diesen Versen (295-299), die wohl um das Jahr 442 vor Christus entstanden, schreibt Kreon dem Geld eine unterminierende, gemeinschaftsszerstörende Kraft zu. Keine schlechtere Grundlage für Gesetze als das Geld gibt es. Fremdes Geld zerstört den Zusammenhalt der Polis, Geldgier führt zu Hader, Zank und Zwietracht in der Stadt, die Gier nach Silber brachte die griechischen Städte gegeneinander auf.
Ich meine: Der Ansatz, die Europäische Union vornehmlich auf dem Geld begründen zu wollen, hat uns alle in die Irre geführt.

Die Europäische Union muss stattdessen auf anderen, auf kulturellen Werten, vor allem auf dem freien Wort stets von neuem begründet werden!

Weit geschmeidiger, weit moderner als der Kreon des 5. Jahrhunderts v. Chr. drückte dies kürzlich ein Schriftsteller, der unter uns lebende Petros Markaris in folgenden Worten aus:

Wir haben mit der Einführung des Euro diese Werte vernachlässigt und Europa mit dem Euro identifiziert. Und jetzt, mit der Rettungsaktion für den Euro, werfen wir die gemeinsamen Werte, die Diversität der europäischen Geschichte, die verschiedenen Kulturen und Traditionen als Ballast über Bord. Europa hat viel in die Wirtschaft investiert, aber zu wenig in die Kultur und die gemeinsamen Werte.

Quellen:

Sophoclis fabulae. Ed. A.C. Pearson, Oxonii 1975, Ant. vv. 295-300

Süddeutsche Zeitung, 26.01.2012:

http://www.sueddeutsche.de/politik/reise-des-schriftstellers-petros-markaris-die-krise-hat-das-letzte-wort-1.1267452

The Little Sailing: Ancient Greek Texts

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Europa an sich: „Gib dich doch nicht verloren nur des Geldes wegen!“

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Jul 092015
 

„Dice Angela Merkel che se fallisce l’euro, fallisce anche l’Europa. È vero.“
Zu deutsch also:
„Angela Merkel sagt, dass wenn der Euro scheitert, auch Europa scheitert. Das ist wahr.“
So schreibt es wörtlich Antonio Polito unter dem Titel „Una questione di sopravvivenza“ auf Seite 1 im italienischen Corriere della sera am 30. Juni 2015.

Ist das wahr? Stimmt das? Und vor allem: Sollen wir das glauben? Ist der Erhalt des Euro in seiner jetzigen Form eine Überlebensfrage für die Europäische Union oder gar für unseren Kontinent? Ist das so? Ist das Euro-Geld der Richter über Wohl und Wehe unseres Kontinents, der sich seit etwa 2700 Jahren als etwas mehr oder minder Zusammengehöriges betrachtet?

Nein, nein, nein. Ochi. Lassen wir uns das doch nicht einreden. Der Europäischen Union ging es vor der Einführung des Euro besser als danach. Der europäischen Wirtschaft ging es vor dem Euro besser. Nie herrschte mehr Zwietracht und Uneinigkeit in der Europäischen Union als seit der Einführung des Euro. Das Geld, oder weniger das Geld an sich als vielmehr vor allem der geradezu wahnhafte Glaube an die zentrale Symbolkraft der Einheitswährung, hat Streit und Hader nach Europa getragen. Der Streit um das Geld untergräbt die Einigkeit der Nationen.

„Also sind Sie gegen den Euro, Kreuzberger?“

Nein, ich bin nicht gegen den Euro als solchen. Er könnte und sollte bleiben, denn die Menschen wollen ihn und glauben irgendwie an seinen Wert und seine Haltbarkeit, wenn sie auch sonst nicht wissen, woran sie glauben sollen. Ich beklage aber mit aller Leidenschaft, dass wieder und wieder die Einheitswährung als symbolischer Werteanker der Europäischen Union oder schlimmer noch Europas beweihräuchert wird. Ich halte das für einen gefährlichen, wahnartigen Mythos. Hier ist Umdenken gefordert. Und dann sind die nötigen Schritte schnell, rasch und entschlossen zu tätigen. Zaudern zögert den Tod heran.

Ich meine im Gegenteil: Eintracht im Geiste ist wichtiger als Einheit im Gelde. Ja: Einigkeit, Eintracht sind wichtiger als Einheit! Europa steht und fällt nicht mit dem Euro. Europa blühte besser vor der Einheitswährung. Ja: Die Europäische Union steht und fällt nicht mit dem Euro. Die Europäische Eintracht, die Europäische Union stehen und fallen doch nicht mit dem Geld. Das sollten wir uns doch nicht einreden lassen. Da sollten wir drüber stehen. Ja: Freiheit, Recht und Einigkeit sind wichtiger als Macht, Wohlstandskonvergenz und Einheit unter dem zentralistischen Mythos der Einheitswährung.

Der aus dem sächsischen Hartenstein gebürtige Dichter Paul Fleming, der die beispiellosen Verwüstungen eines mörderischen gesamteuropäischen Krieges, – dieser forderte prozentual gesehen mehr Menschenopfer als selbst der Zweite Weltkrieg – gesehen hatte, spricht uns in dieser verfahrenen Lage Mut zu. Hören wir – mit geringen zeitbedingten Abwandlungen – was er uns heute zu sagen hat:

Sei unverzagt, Europa. Gib dich doch nicht verloren.
Weich doch dem Gelde nicht. Steh höher als der Neid.
Vergnüge dich an dir, und halt es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Geld, Bank und Macht verschworen.
Was dich betrübt und labt, das hast du selbst erkoren,
Nimm dein Verhängnis an. Laß alles unbereut.
Tu, was getan sein muß, und eh man dirs gebeut.
Was du erhoffen kannst, das wird dir auch geboren.
Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist sich ein jeder selbst. Schau alle Sachen an.
Dies alles ist in dir. Laß deinen eitlen Wahn
und eh du weiter gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.

Hier das Gedicht Flemings in der Fassung des Erstdruckes von 1642:

Sey dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.
Weich keinem Glücke nicht. Steh‘ höher als der Neid.
Vergnüge dich an dir / und acht es für kein Leid /
hat sich gleich wieder dich Glück‘ / Ort / und Zeit verschworen.
Was dich betrübt und labt / halt alles für erkohren.
Nim dein Verhängnüß an. Laß‘ alles unbereut.
Thu / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeut.
Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets gebohren.
Was klagt / was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.
Diß alles ist in dir / laß deinen eiteln Wahn /
und eh du förder gehst / so geh‘ in dich zu rücke.
Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kan /
dem ist die weite Welt und alles unterthan.

Quelle: An Sich. In: Paul Flemings Teütsche Poemata. Lübeck Jn Verlegung Laurentz Jauchen Buchhl., Lübeck 1642, S. 576

http://gdz.sub.uni-goettingen.de/dms/load/img/?PPN=PPN719573971&DMDID=DMDLOG_0020&LOGID=LOG_0023&PHYSID=PHYS_0595

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Hat uns Homer heute noch etwas zu sagen? Zu Od. VI, 180-186

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Jul 072015
 

Mögen dir Götter geben, soviel du dir immer wünschest,
Mann und Haus, und damit einhergehend Eintracht
in Lauterkeit; nichts Stärkeres oder Beßres gibt es ja,
Als wenn einträchtig das Haus besitzen einigen Sinns
Mann und Frau; das ärgert die Neidischen mit argem Verdruß
Und bezaubert die Wohlgesonnenen; am meisten mehrt es den Ruf ihnen selbst.

Soweit die Wünsche und Einsichten, die Odysseus nach seinem Schiffbruch gegenüber Nausikaa äußert (Homer, Odyssee, sechster Gesang, Verse 180-186, hier eigene Übersetzung des Bloggers). Wir brachten sie griechisch im vorigen Eintrag, der einem abendlichen Gang über die Monumentenbrücke entsprang.

Oikos, das „Haus“, ist die Grundlage des Wirtschaftens. Oikonomia, „Hauswirtschaft“ also, ist die Wurzel des Begriffs „Ökonomie“. Ökonomisches Denken geht bei den alten Griechen von kleinen, relativ selbständigen Einheiten des Erwerbens, Sicherns, Mehrens von Gütern und Diensten aus.

Vom „Haus“, oikos, geht es weiter zur Burg, „polis“ im archaischen Griechisch. Poleis wie etwa Ithaka, Sparta, Athen, Troia sind Zusammenschlüsse von Haushalten; zugleich Stätten des Austragens von ständigen Macht- und Gefolgschaftskämpfen. Ithaka selbst ward ausweislich der Odyssee in der Abwesenheit des kleinen Lokalherrschers Odysseus zerrüttet und gerüttelt von zahllosen kleineren Rivalitäten der machtbegierigen Kleinherren, der „Freier“, wie sie bei Homer heißen. Es fehlte die zentrale Herrschergewalt, es fehlten in jenen Jahrhunderten die ausdifferenzierten Institutionen, wie sie etwa ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. sich langsam und mühsam durchsetzen.

Homophrosyne, Eintracht, einiges Denken und Fühlen, nicht starres Regelwerk und schriftlich fixierte Regeln, sollen laut dem Wunsch des Odysseus den Frieden und den Wohlstand der Hauswirtschaft sichern.

An der Wurzel des griechischen Politikverständnisses steht dieses ständige Ringen um Einmütigkeit, um eine Eintracht, die jederzeit gefährdet ist. Noch bei Aristoteles sind es – in seiner Politik und seiner Nikomachischen Ethik – nicht etwa die Regeln, deren Befolgen Glück und Gedeihen bewirken, sondern die Gemeinsamkeit des Fühlens, Handelns und Denkens, auch homonoia (Gemeinsinnigkeit) oder philia (freundschaftliche Zugewandtheit) genannt, die den politischen und ethischen Zusammenhalt der Stadt sichern. Politik ist nach diesem griechischen Verständnis ein Vorgang des streitigen Aushandelns, der nie zum Ende kommt und nur vorübergehend durch Verträge oder Gerichtsurteile stillgestellt wird. In der gesamten Antike bis in die Zeit des Hellenismus haben es die Griechen somit nie zu dem gebracht, was wir „Staat“ nennen; Staatlichkeit in diesem heutigen Sinne eines institutionalisierten, verlässlichen, rechtlich beständigen Ordnungsrahmens schuf erst das Imperium Romanum.

Und die Schwäche der institutionellen Staatlichkeit wurde durch die 5 Jahrhunderte osmanischer Herrschaft in Griechenland noch vertieft. Es war ein Irrtum zu glauben, dass der Beitritt zur EU – ganz zu schweigen vom Beitritt zur Eurozone – diese jahrtausendealte Tiefenprägung innerhalb weniger Jahrzehnte überwinden könne!

Was zählt, ist weiterhin die persönliche Gefolgschaft, die Loyalität zu einem Vordermann, das Charisma des Führers, heiße er nun Ioannis Metaxas wie 1940 oder Alexis Tsipras wie 2015.

Ohne Eintracht, so sagt es Homer, so sagt es Jahrhunderte später Aristoteles, keine gemeinsame Wirtschaft, keine erfolgreiche Politik! Genau an dieser Eintracht fehlt es der Europäischen Union unserer Tage in einem fundamentalen Sinne. An die Stelle dieser nicht vorhandenen Eintracht setzt sich nun der symbolische Herrschaftszusammenhang aus „Haben“ und „Sollen“, aus Kredit und Schulden. Ein selbstzerstörerischer Zirkel der wechselseitigen Vorwürfe, der Zwietracht ist unter der Oberherrschaft des Euro, des neuen Monarchen, der neuen zentralen Herrscherikone in Gang gekommen.

Der Euro, das System einer hoch differenzierten, dem einzelnen Bürger nicht zu erklärenden, darüber hinaus dysfunktionalen Institutionenbildung, steht quer zum personalistischen Politikverständnis, wie es in Griechenland und einigen anderen Ländern des Mittelmeerraumes vorherrscht.

In der jetzigen Situation wäre es unerlässlich, das im engeren, im griechischen Sinne Politische wiederzugewinnen. Wie? Hier meine ich: Das kann nur durch „Homophrosyne“ gelingen, also durch den glaubwürdig ausgehandelten Einklang im Fühlen, Handeln und Denken.

„Wir wollen zusammenbleiben, wir sind bereit, das und das dafür zu tun.“ Das wäre die Grundformel einer solchen Eintracht, an der es derzeit so bitter fehlt wie an nichts anderem. Fehlt es an dieser Eintracht, an diesem JA (dem Nai) und setzt sich das NEIN (das mythisch überhöhte Ochi), die ausgesäte Zwietracht durch, dann droht das Ende der politischen Union; das Geld, die Einheitswährung Euro kann als Surrogat des Politischen niemals die fehlende Eintracht ersetzen. Diesem Wahn gaben sich die führenden Politiker allzu lange hin.

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Schritte zur europäischen Eintracht (Szene 1)

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Jul 022015
 

Trainspotter 20150701_220000Zwei europäische Bürger – einer aus Kreuzberg, der andere aus Schöneberg – stehen auf der Monumentenbrücke zwischen Kreuzberg und Schöneberg, nachdem sie Basketball auf dem Court unterhalb der Brücke trainiert haben.
Schöneberger:
Lass uns eine Pause einlegen. Das Basketballspiel fordert echt den ganzen Körper. Und der Mond scheint voll schön im Abendsonnenschein über den roten neuen Wohnungen. Siehst du dort das Café Trainspotter? Mensch, die Bewohner können den Abend genießen!
Kreuzberger:
Ja. Dort im Café Trainspotter habe ich heute eine Kartoffelsuppe gegessen. Puh, man kommt beim Basketball so was von aus der Puste. Lass uns quatschen!
Schöneberger:
Gut. Worüber? Welches Thema schlägst du vor?
Kreuzberger:
Alle Welt spricht doch in diesen Tagen von Griechenland – so lass uns ebenfalls von Griechenland sprechen.
Schöneberger:
Gut, einverstanden. Wo fängst du an?
Kreuzberger:
Beim Wasser, beim Meer. Beim Anfang von allem. Die Griechen sind ja ein Seefahrervolk. Höre doch die folgenden Verse, die ein Schiffbrüchiger sprach. Sein Name? Errate ihn! Ein Grieche, schlau und listig. Er war rettungslos gescheitert. Allein, im Stich gelassen! Du kannst doch Griechisch? Nein? Falls nicht, ich werde dir helfen! Höre erst einmal zu!
Schöneberger: OK. Leg los!

Der Kreuzberger rezitiert:

σοὶ δὲ θεοὶ τόσα δοῖεν ὅσα φρεσὶ σῇσι μενοινᾷς,
ἄνδρα τε καὶ οἶκον, καὶ ὁμοφροσύνην ὀπάσειαν
ἐσθλήν: οὐ μὲν γὰρ τοῦ γε κρεῖσσον καὶ ἄρειον,
ἢ ὅθ᾽ ὁμοφρονέοντε νοήμασιν οἶκον ἔχητον
ἀνὴρ ἠδὲ γυνή: πόλλ᾽ ἄλγεα δυσμενέεσσι,
χάρματα δ᾽ εὐμενέτῃσι, μάλιστα δέ τ᾽ ἔκλυον αὐτοί.

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Europäisches Gegenglück: der Geist, das Wort, die Schönheit und Wahrheit

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Feb 252015
 

Wo alles sich durch Macht beweist
Und tauscht das Geld und tauscht die Ringe
Im Weingeruch, im Rausch der Dinge -:
Dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

Mon Dieu, c’est tellement beau! Kein anderes Buch hat mir in den letzten Wochen so viel Glück gegeben wie das Buch „Le principe“ von Jerôme Ferrari. Diese behutsame Annäherung, diese erfundene Zwiesprache eines offensichtlich gescheiterten, heute lebenden französischen Physikstudenten an den verstorbenen deutschen Physiker Werner Heisenberg ist der perfekte Gegenentwurf zu dem, was die verehrte Zentralmacht des Geldes nicht leistet, nicht leisten kann: das Verstehen-Wollen, das Anfragen, das An-die-Tür-Klopfen. Das Schreiben, das Hören, das Miteinander-Reden.

Was hat das mit Europa zu tun? Sehr viel! Denn Heisenberg versuchte nichts anderes, als was die Philosophen und Physiker Europas vor ihm seit Jahrtausenden, beginnend von den Zeiten eines Heraklit, Thales oder Platon wieder und wieder versucht hatten: ein einigendes Prinzip, eine leitende Idee, eine erklärende Formel all dessen zu finden, was sich in bunter Vielfalt darbietet.

Im philosophischen Bereich konkurrieren in Europa seit Jahrtausenden eher idealistische mit eher empiristischen Ansätzen.

„Das Wahre ist eins. Und das absolut Eine ist Geist. Die Materie ist für den Geist letztlich erkennbar. Der Geist kommt zu den Dingen selbst. Er trifft wahre Aussagen über Seiendes.“ So der Platon der Politeia, so der Hegel der Enzyklopädie.

„Nein! Das Wahre ist vieles. Und eine absolute Erkennntnis ohne Erkenntnis der mannigfaltigen Bedingtheiten des Erkennens ist unmöglich. Das Wahre ist eine Vielfalt von Einzelerkenntnissen. Das Ding an sich bleibt prinzipiell unerkennbar.“ Mindestens hierin kommen Aristoteles und Kant überein.

Heisenberg wiederum gelangte in Abhebung von Einsteins Relativitätstheorie zur Überzeugung, dass die Materie im subatomaren Bereich, also bei den sogenannten Quanten, dass Ort und Impuls eines Teilchens nicht mehr eindeutig, nicht mehr unabhängig vom Standpunkt des Messenden zu bestimmen seien. Im letzten, im kleinsten Bereich herrsche also ein „Unbestimmtheitsprinzip“, eine „Unschärferelation“, die nicht mehr hintergehbar seien. Das letzte gründende Prinzip der Physik wäre also nicht das Eine – sondern eine Relation zwischen dem Zweierlei aus Impuls und Masse, wobei weder Impuls noch Masse außerhalb dieser Relation existierten.

Etwas Übergreifendes, etwa Zusammenführendes vermochte Heisenberg noch im Erlebnis des Schönen, in der Musik etwa, im Erklingen etwa der Bachschen d-moll-Chaconne für Violine solo, im Anblick des Walchensees zu erkennen. Das Ding an sich, die unverhüllte Wahrheit bliebe unabschließbar, bliebe in der gegebenen langen oder kurzen Zeit unerfindlich.

Man könnte sagen: Lang oder kurz ist die Zeit, es ereignet sich allenfalls das Wahre.

Zu „erkennen“? Nein, das Letzte, den tiefsten Grund – so schildert es mehrfach Ferrari – den konnte er nicht mehr erkennen. Den kann er nur „heraushören“, oder „hineinhören“.

Ich höre jetzt den ungeduldigen Zwischenruf:
„Schluss damit! Einheit oder Vielfalt? Platon oder Aristoteles? Kant oder Hegel? Albert Einstein oder Werner Heisenberg? Wer hat denn nun letztlich recht? Es können doch nicht beide recht haben!“

Wenn man nur lange genug forsche, dann müsse doch auch einmal die wissenschaftliche Wahrheit ein für alle Mal hervortreten, sagt unser Gegenüber. So dachte auch ich als Kind, so denken heute noch viele. Und doch deutet bis heute nichts darauf hin. Im Gegenteil, alles deutet darauf hin, dass mit jeder neuen Erkenntnis die Unabschließbarkeit des Erkennens sich deutlicher offenbart.

Genau dieses Hin und Her zwischen Alternativen, diese unabgeschlossene Bewegtheit und Beweglichkeit ist es, die so etwas wie Freiheit eröffnet. Wenn es so ist, dass am Grund der Materie keine letzte Bestimmtheit herrscht, dann ist genau diese Unbestimmtheit auch eine notwendige Voraussetzung dafür, dass Freiheit gedacht werden kann.

Und der bewusste Träger dieser Freiheit ist – was? Oder wer? Die Antwort lautet: Im einen Fall ist es Werner Heisenberg, im anderen Fall ist es Jérôme Ferrari. Oder der Leser Heisenbergs, der Leser Ferraris.

Inbild und Inhaber dieser Freiheit kann sein oder ist überhaupt und jederzeit, so er dies will – der Mensch: das Du, das Ich, das Wir. Alle. Il maggior dono di Dio all’uomo è la libertà.

Ich erlebte das öffentliche Gespräch über Ferraris „Principe“, zu dem die Französische Botschaft in Berlin eingeladen hatte, als rundweg gelungenes europäisches Miteinander über Sprachengrenzen hinweg, als Gegenglück, als lustvolles Eintauchen in den Kern des europäischen Freiheitsdenkens.

Und die Reaktion darauf waren – Tränen. Was ist ist inopportun oder schlimm an solchen Tränen?

Der Dichter sagte doch: Lasst mich weinen. Das ist keine Schande. Weinende Männer sind gut.

Zitat:
Jérôme Ferrari, Le principe. Roman. Actes Sud, Paris, mars 2015, hier bsd. S. 75 sowie S. 3 (handschriftliche Widmung des Autors)

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