Auf der ADFC-Mitgliederversammlung am vergangenen Samstag lobte ich mal wieder öffentlich den ADAC fast über den grünen Klee, weil er wie wir Ökofuzzis und ja sogar wie die Grünen für den Ausbau der Fahrradstraßen in Berlin eintritt und sehr gute Radwanderführer herausgibt. Kuckstu hier: ADAC TourBooks, “Die schönsten Fahrrad-Touren”. Alle nur mit ÖPNV!
Tolle Sache! Ziel- und Anfangspunkte aller Touren sind mit Bahnen erreichbar. Der ADAC weiß längst: es geht auch ohne Auto.
ADAC Tour Books. Die schönsten Fahrrad-Touren.
Tassilo Wengel: Berlin und Umgebung. 17 Tagestouren für Genießer in Berlin und seinem Umland. Bruckmann Verlag/ADAC Verlag, München 2010, 190 Seiten, € 14,95
“Das nebeneinander Fahren mit Fahrrädern ist erlaubt.”
So lautet der amtliche Wortlaut der Straßenverkehrsordnung in Anlage 2 zu § 41 Absatz 1 zu Zeichen 244.1 (“Fahrradstraße”).
Was ist dazu zu bemerken? Ist “das nebeneinander Fahren mit Fahrrädern”, wie es die StVO schreibt, richtig?
Ich meine: nein.
Begründung: Es handelt sich um einen substantivierten Infinitiv. Dieser ist sowohl nach der früheren wie auch nach der jetzt geltenden Rechtschreibregelung mit großem Anfangsbuchstaben zu schreiben, etwa bei: das Singen, das Fahren, das Wandern. Wenn der substantivierte Infinitiv durch einen weiteren Bestandteil ergänzt wird, ist dieser, wenn er am Anfang steht, ebenfalls groß zu schreiben, etwa bei: das Daneben-Singen, das Hintereinander-Fahren, das In-den-Tag-hinein-Wandern.
Die Bestandteile des erweiterten substantivierten Infinitivs können entweder zusammengeschrieben werden oder durch Bindestrich aneinandergekoppelt werden: das Zusammenschreiben, das Zusammen-Schreiben – beide Fassungen sind richtig.
1.
Andere Fahrzeugführer dürfen Fahrradstraßen nicht benutzen, es sei denn, dies ist durch Zusatzzeichen angezeigt.
2.
Alle Fahrzeugführer dürfen nicht schneller als mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h fahren. Radfahrer dürfen weder gefährdet noch behindert werden. Wenn nötig, muss der Kraftfahrzeugführer die Geschwindigkeit weiter verringern.
Erläuterung
1.
Das nebeneinander Fahren mit Fahrrädern ist erlaubt.
2.
Im Übrigen gelten die Vorschriften über die Fahrbahnbenutzung und über die Vorfahrt.
Das Blitzeis ist vorüber – und ich konnte den Beweis erbringen, dass man mit der richtigen Bereifung jeden Tag im Jahr, wirklich jeden Tag mit dem Fahrrad sein Ziel erreichen kann. Punktum. Erledigt.
Nicht so leicht zu erledigen ist unter Verkehrsexperten die folgende Frage: Wie sollen Verkehrsströme geführt werden? Getrennt, zusammen, gemischt, auf eigenen Flächen? “Ich will mich sicher fühlen und fahre deshalb auf dem Gehweg, nicht auf dem Radstreifen”, sagen viele Radfahrerinnen.
Sie müssen erst mühsam daran gewöhnt werden, dass der Radstreifen auf der Fahrbahn das sicherste Mittel ist, um Radverkehr schnell und effizient zu machen und die eine oder andere Begegnung der unangenehmen Art zu vermeiden.
Ich fahre stets auf vorhandenen Radstreifen und sichere so das gedeihliche Auskommen aller Verkehrsteilnehmer!
Ein weiteres Mittel – neben dem Radstreifen und dem Radweg – sind die Fahrradstraßen, wie sie beispielsweise auch ADAC-Verkehrsvorstand Dorette König heute in der Morgenpost verlangt:
mobil.morgenpost.de
Parallel zu den Hauptverkehrsachsen sollen Radstraßen eingerichtet werden. Als bereits umgesetzte Beispiele nannte König die Linienstraße, auf der Radfahrer parallel zur Torstraße radeln, und die Prinzregentenstraße als Alternative zur Bundesallee.
Was ihr da seht, das nannte man früher einen aufgeblasenen Fahrradaufstellstreifen! Hättet ihr’s gewusst? Dieser hier ist in Düsseldorf zu sehen. In Berlin-Mitte gibt es sie recht prominent etwa an der Einmündung der Oranienburger Straße in die Friedrichstraße. Probiert es mal aus, fahrt mit euren Fahrrädern hin!
Am kommemden Mittwoch, 17.03.2010, 17 Uhr tagt das nächste Mal der bezirkliche FahrRat Friedrichshain-Kreuzberg! Alle Sitzungen sind öffentlich, es lohnt sich, dieses Gremium durch eure Anwesenheit zu beehren! Wo? Rathaus Kreuzberg, Yorckstraße 4-11, Raum 2051. Da geh ich selbst natürlich auch hin!
Noch einmal schaue ich in meine Notizen von der letzten Sitzung! Ich ziehe folgende Bilanz:
Recht weit war das verkehrspolitische Denken schon in unserem Bezirk vor 23 Jahren. Wolfram Däumel vom ADFC hielt bei der letzten Sitzung des bezirklichen FahrRats Friedrichshain-Kreuzberg eine sehr ansprechende Präsentation über die Probleme der Ost-West-Querung in der Südlichen Friedrichstadt, wie sie 1987 in einer von ihm und anderen Autoren verfassten Broschüre zur Internationalen Bauausstellung (IBA) aufgearbeitet worden waren.
In seinem Vortrag stellte DäumelDamals-Heute-Vergleiche an, die er durch aktuelle Fotos untermauerte. Daran schlossen sich kurze Besprechungen einzelner Punkte an.
Die 1987 erarbeitete Broschüre ist heute im Internet abrufbar unter der Adresse:
Allgemeine Themen, die damals, 1987, schon in der Luft lagen:
1.Radwege auf Bürgersteigen? Können eine Verschlechterung der Situation des Radverkehrs bedeuten. Denn es kommt häufig zu Konflikten zwischen Radfahrern und den Fußgängern. Bürgersteigradwege stellten also bereits 1987– selbst wenn sie zu Fahrradrouten gehören – nicht grundsätzlich eine Verbesserung dar.
2.Sinnvolle Fahrradrouten ermöglichen den Radfahrenden das Durchfahren längerer Strecken auch ohne besondere Ortskenntnisse. Mit ihrem deutlich erkennbaren Leitsystem sind sie ein wichtiger Bestandteil der Fahrrad-Infrastruktur.
3.Wichtige Kriterien guter Radverkehrsführung: Einbeziehung ruhigerer Nebenstraßen, Wegweisung für Radfahrer, auf Hauptverkehrsstraßen Radfahrstreifen von 2 m Breite.
4.Bereits damals (1987) wurden wichtige Neuerungen und Verbesserungen gefordert und erklärt: Radfahrstreifen, vorgezogene Aufstellflächen (damals: „aufgeblasener Fahrradaufstellstreifen“ genannt), Abstellbügel (die heutigen „Kreuzberger Bügel“), die „Fahrradstraße“.
U Und das hier sind vorbildliche Anlehnbügel … gesehen vor der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin-Mitte. Ein Vorbild auch für die Konrad-Adenauer Stiftung, die Friedrich-Naumann-Stiftung, die Hanns-Seidel-Stiftung, die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Rosa-Luxemburg-Stiftung? Haltet euch ran! Lehnt euch daran an!
Na, habt ihr ihn erkannt? Den alten Mann von gestern, der für jeden von uns mit 20.000 Euro in der Kreide steht, den alle anpumpen wollen, und den jeder mit seiner Leierkastenmelodie nervt: “Gib, gib, gib mehr!” Richtig, es ist der alte Spendier- und Kümmereronkel – Vater Staat! Etwa 60 Milliarden Staatsschulden hat das Bundesland Berlin zu unser aller Wohl angehäuft – weil die Kinder ja so unersättlich sind.
Heute kam schon wieder eine neue Forderung: 4 Milliarden Euro bis 2030 fordert der ADAC für neue Straßen, neue Tunnels unter der Berliner Innenstadt, neue Autobahnen, neue S-Bahn-Trassen – und, ach wie niedlich! – 25 Millionen Euro für 100 km neue Fahrradstraßen. Zitat aus der Berliner Zeitung:
100 Kilometer Fahrradstraßen wären nötig, um Konflikte zwischen Rad- und Autofahrern zu verhindern – zum Ausgleich könnten auf parallelen Hauptstraßen die Fahrradspuren wieder verschwinden.
Aha! Das Auto holt sich seine Hauptstraßen zurück! Damit noch mehr Menschen, noch mehr Grundschüler aus Angst vor dem Autoverkehr das Fahrrad zuhause lassen und lieber ins Auto steigen.
Allen Prognosen, wonach der Autoverkehr in Berlin wie in den letzten Jahren schon weiter abnehmen dürfte, entgegnet der ADAC:
“Der Fahrspaß wird bleiben.”
Das bedeutet: Die Leute wollen weiter ihren Spaß haben, sie wollen weiter das Auto für ihre Freizeit nutzen. Sie wollen weiter ihre Kinder mit dem Auto zur Grundschule bringen. Jeden Morgen sehe ich das gleiche Bild: Vor allen Grundschulen meines direkten Wohnumfeldes bilden sich lange Schlangen mit wartenden, an- und abfahrenden Autos, mit parkenden Autos. Die Kinder huschen zwischen den Autos zur Grundschule. Ausgerechnet im armen Kreuzberg, wo es doch so viele Hartz-IV-Empfänger gibt?
Und wir haben keinen Platz in einer wohnortnahen, für uns bequem erreichbaren Grundschule bekommen, weil die Autobesitzer aus lauter Fahrspaß ihre Kinder lieber mit dem PKW in die Volkschule bringen! Da stimmt etwas nicht!
Unser Bild zeigt heute mal zur Abwechslung die in vier Reihen parkenden Autos vor der Charlotte-Salomon-Grundschule, aufgenommen heute. Das gleiche Bild zeigt sich vor allen anderen Grundschulen in Kreuzberg-West. Mit einem Fahrrad kommt man zum Glück noch leicht durch.
Durch das Autofahren geht die Erfahrung der Nähe verloren. Freundschaften können nicht so leicht entstehen, weil die Kinder so weit entfernt wohnen. Man kann nicht mehr auf den Straßen spielen. Schon die Grundschulwege werden sehr gefährlich – oder allzu weit.
Ich meine: Dieser Lebensstil mit dem vielen überflüssigen Autofahren ist teuer, er verringert Lebensqualität, vor allem für Kinder. Der Autoverkehr bindet Ressourcen, die anderswo dringendst benötigt werden! In der Bildung, in der Kranken- und Altenpflege, in der Freizeitgestaltung von Jugendlichen.
Es gibt kein Geld für Lesebücher in der Grundschule! Aber die Eltern verfahren jeden Monat Hunderte von Kilometern, um ihre Sprösslinge in der Grundschule abzusetzen. Da stimmt etwas nicht!
Der ADAC will Berlin untertunneln
ADAC-Chef Müller dagegen ist von einer weiteren Zunahme des Autoverkehrs überzeugt. „Der Fahrspaß wird bleiben.“
Mein Tag wurde komplettiert durch eine weitere Fahrrad-Diebstahls-Meldung aus meinem Wohnhaus:
Da haben wir’s! Die Eltern fahren Auto, weil die Fahrräder so leicht gestohlen werden! Was bleibt ihnen anderes übrig?
Eine bunte Fülle an Anregungen für eine moderne, integrierte Fahrradpolitik bot der 1. Nationale Radverkehrskongress, den das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung am 7. und 8. Mai 2009 in Berlin abhielt.
„Wir schaffen Raum.“ Mit dieser griffigen Formel legte Berlins Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer ein klangvolles Bekenntnis zur Stärkung des Radverkehrs ab. Das Fahrrad schafft ein Wir-Gefühl, es ist ein Beitrag zum verantwortlichen Miteinander. Es öffnet den Raum, statt ihn abzuschließen. In der Tat: Schon aus den Eröffnungsansprachen der Senatorin und des Bundesverkehrsministers Tiefensee hätten Marketing-Strategen zahlreiche Werbesprüche herausspinnen und die Holzmarktstraße komplett zuplakatieren können. Man konnte als Zuhörer den Eindruck gewinnen: Das Fahrrad hat keine natürlichen Feinde. Es ist umgeben von Partnern, besser noch Systempartnern, es fügt sich harmonisch ein in den Modal split, in gebrochene Reiseketten, es spielt eine Schlüsselrolle in einem ganzheitlichen Konzept für eine nachhaltige Verkehrspolitik. Also – alles bestens? Ja – wäre da nicht der Münsteraner Oberbürgermeister Berthold Tillmann gewesen. Er stellte heraus, dass der besonders starke Anteil des Radverkehrs entgegen den Erwartungen der Fahrradfans in seiner Stadt auch zu besonders hohen Unfallzahlen mit Radfahrbeteiligung geführt hat. Die Stimmung in der Stadt Münster wendet sich teilweise schon gegen die Radfahrer allgemein. Hier wurde klar: Guter Radverkehr ist kein Selbstläufer. Er bedarf der steten Pflege, vor allem aber verlangt er die mündigen, ihrer Pflichten bewusste Radfahrenden. Deren gibt es noch viel zu wenige, auch in Fahrrad-Hochburgen wie Münster.
Die Pausengespräche, vor allem aber die Kleinarbeit in den zahlreichen Fachforen rückte das zur Eröffnung mit breitem Pinsel gemalte Wohlfühl- und Wimmelbild zurecht:
Aus dem Forum Straßen für alle? – Erfolgreiche Verkehrssicherheitsarbeit blieben vor allem zwei Beiträge haften: Die ostwestfälische Stadt Bünde will, dass mehr Kinder und Jugendliche mit dem Rad zur Schule fahren. Dem diente das Projekt It’s cool to bike to school. Dabei wirken Schüler, Lehrer, Eltern und Stadtverwaltung zusammen, um das Radfahren sicher und attraktiv zu gestalten. An alles wird gedacht: Eine Pausenaufsicht verhindert Vandalismus an der Abstellanlage, die Straße vor dem Gymnasium wurde als Fahrradstraße ausgewiesen. Gut gefiel mir die Gestalt des Fahrradscouts: Die älteren Schüler wirken als Vorbilder, sie übernehmen Verantwortung und helfen jüngeren Schülern, ihren eigenen Rad-Weg zu finden.
In der Aussprache meldete ich mich zu Wort: „Alles gut und schön. Aber wie gehen Sie mit Schülern um, die von ihren Familien her das Radfahren nicht kennen? In Berlin fahren die Türken und die Araber mehrheitlich nicht Rad, sondern Auto, sobald es nur irgendwie geht.“ Mit dieser Frage löste ich erkennbar Verblüffung aus – denn da es im ostwestfälischen Bünde kaum türkische und arabische Einwanderer gibt, kennt eigentlich jedes Kind von zuhause her das Fahrrad. Mich wiederum verblüfft immer wieder, dass bei allen Berliner Fahrraddiskussionen eigentlich nie irgendwelche Migranten sich vernehmbar machen – ist das Fahrrad also ein urdeutsches Phänomen? Das nähme mich wunder, habe ich doch sowohl in Italien wie auch in den USA wie auch in Holland und Belgien immer wieder wackere nichtdeutsche Pedalisten gesichtet.
Der Verkehrsrichter Friedrich Dencker schilderte eindrücklich die häufigsten Unfallursachen im Radverkehr, die dann auf den Tischen der Zivilgerichte landen. Was das Fehlverhalten der Radfahrer angeht, sind dies die häufigsten Beanstandungen: Fahren in falscher Richtung, Missachtung des Rotlichts, Fahren ohne ausreichende Beleuchtung, Fahren auf dem Gehweg. Für Verblüffungbei uns sorgte der Fall eines Radfahrers, der den Gehweg in hoher Geschwindigkeit befuhr und dann gegen einen aus einer Ausfahrt fahrenden PKW prallte. Dem Fahrradfahrer wurde vom Gericht nur ein Teilverschulden angelastet – und zwar, weil seine Bremsen nicht in ordentlichem Zustand waren. Opfer von Verkehrsunfällen werden Radfahrer besonders häufig dadurch, dass Kraftfahrer sie beim Rechtsabbiegen übersehen und die Autotür bei der Vorbeifahrt von Radfahrern öffnen.
Die entscheidende Botschaft, die durch die Foren wehte und den gesamten Kongress prägte: Radverkehr ist eine Querschnittsaufgabe! Verkehrsplaner, Firmen, Schulen, Eltern, Polizei – alle sind gefordert, das Fahrrad als unschlagbar effizientes und sozialverträgliches Werkzeug moderner Mobilität zu stärken. Der gute Wille allein reicht nicht. Es gilt, an vielen kleinen Stellschrauben zu drehen, um das Rad nicht neu zu erfinden, sondern es neu zu verbinden, es einzubinden in ein gesamtes Verkehrsumfeld, das endlich auf die Bedürfnisse aller Verkehrsteilnehmer, nicht vorrangig auf die der Autofahrer zugeschnitten werden muss.
Alle kleinliche Krittelei verstummte in der abschließenden Siegerehrung unter dem Titel „Best-for-bike“. Der bekennende Ab-und-zu-Radfahrer Klaus Töpfer ward wegen seines weltweiten Einsatzes für nachhaltige Entwicklung geehrt. Wofür er sich in einer artig-launischen Rede bedankte. Seine Anwesenheit rückte ins Bewusstsein: Wer ein eigenes Fahrrad hat, ist bereits in gewisser Weise privilegiert, denn die meisten Menschen auf dieser Erde sind zu arm dafür. Die Auszeichnung für den Evangelischen Kirchentag als fahrradfreundlichste Großveranstaltung hob beispielhaft hervor, wie in kleinen, aufeinander abgestimmten Schritten guter Radverkehr gelingt: Durch sinnvolle, miteinander vernetzte Angebote. Durch klare, ermutigende Botschaften. Und nicht zuletzt durch lebende Menschen aus Fleisch und Blut, die das, was sie verkünden, auch vorbildhaft tun.
Echt paradiesisch ist folgendes: Bereits seit über einem Jahr wurde uns kein Fahrrad mehr gestohlen! Der Grund: Wir besitzen teure Kabel- und Bügelschlösser und schließen die Fahrräder stets an einem ortsfesten Gegenstand an. Richtige Anlehnbügel haben wir nicht im Hof, aber ich schließe das Kabelschloss mit dem sogenannten Felgenkiller und dem Fahrradrahmen zusammen. Und zur großen Verwunderung meiner Nachbarn schleppe ich die Räder abends meist in den Keller. Morgens schleppe ich sie dann wieder hoch. Passiert ist in den letzten Monaten nichts, aber meine Kleidung muss ich öfter reinigen, da die Kellerwände abfärben, wenn man sie versehentlich entlangstreift.
Der Tagesspiegel berichtet heute:
Berlin – ein Paradies für Fahrraddiebe
Wer in Berlin ein Fahrrad klaut, muss in den seltensten Fällen damit rechnen, ertappt zu werden. Die Aufklärungsquote beträgt gerade einmal 5,4 Prozent. [...] Von 2007 zu 2008 nahm die Zahl der Diebstähle an Bahnhöfen enorm zu: Plus 43,5 Prozent Zunahme, heißt es in der Kriminalstatistik. Polizeipräsident Dieter Glietsch hat eine schlichte Erklärung dafür: Immer mehr Berliner fahren Rad.
Angesichts dieser Zahlen hatte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) die S-Bahn aufgefordert, „mehr sichere Abstellanlagen“ zu bauen. Das wiederum empört die S-Bahn. Sie verweist darauf, dass es an den 166 Stationen 7500 sichere und teilweise überdachte Plätze gebe, also knapp 50 pro Station. Dies sei freiwillig und auf eigene Kosten geschehen – zuständig seien eigentlich die Bezirke. Dass die uninteressiert seien, zeige sich am Hauptbahnhof. Dort gibt es nur wenige Bügel, die ständig überbelegt sind. Räder werden überall und kreuz und quer hingestellt. Zwar soll irgendwann ein „Fahrradparkhaus“ gebaut werden, einen Termin gibt es aber nicht – der Bahnhof ist seit drei Jahren in Betrieb. Doch Fahrräder, die nicht an einen stabilen Bügel geschlossen sind, sind leichte Beute für Diebe. Der Fahrradclub ADFC empfiehlt Bügelschlösser bekannter Hersteller (ab 30 Euro).
Bei Neubauten von Häusern oder Geschäften verlangt die Berliner Bauordnung mittlerweile zwingend den Aufbau „guter“ Ständer: zwei Stück pro Wohnung oder einen pro 100 Quadratmeter Ladenfläche. Die berüchtigten „Felgenverbieger“ früherer Jahrzehnte, in die nur das Vorderrad eingeschoben werden kann, sind nicht zugelassen. Der Senat geht mit gutem Vorbild voran: So wurden beim Umbau der Linienstraße in Mitte zur „Fahrradstraße“ zahlreiche moderne Ständer am Rand installiert.
In Berlin, darüber spotten Polizisten seit langem, wird nur ermittelt, wenn der Fahrraddieb am Tatort seinen Personalausweis verloren hat.
Endlich ist es so weit: Die erste Fahrradstraße im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist heute eröffnet worden. Die Baustadträtin Jutta Kalepky erwies sich als sehr trittsicher und schwindelfrei: sie enthüllte die Verkehrszeichen, die deutlich sichtbar anzeigen: Hier beginnt ein Bereich, der den Radfahrern gewidmet ist. Kraftfahrzeuge von Anliegern sind hier weiterhin geduldet, sie müssen jedoch auf die Belange des Radverkehrs Rücksicht nehmen.
Mit Sohn Wanja kann ich bei einem solchen Ereignis nicht fehlen. Frau Kalepky hob in ihrer kurzen Ansprache hervor, dass diese Fahrradstraße ein erster Schritt sei – hin zu einer weiteren Entschleunigung des Verkehrs, zu einem besseren partnerschaftlichen Miteinander. Hätte ich nicht so viel fotografiert, hätte ich an dieser Stelle besonders laut geklatscht. Mit einigen Verkehrsexperten bespreche ich nach der Zerimonie die technischen Einzelheiten. Ich lerne, dass am Beginn einer solchen Fahrradstraße durch geschickte bauliche Mittel eine “Portalsituation” geschaffen werden müsse. Das ist hier gelungen: durch Aufpflasterungen, durch kleine Inselchen an der Einmündung der Baerwaldstraße, durch gute Sichtbarkeit der Verkehrszeichen. Die Initiatoren des Projekts vom BUND verlangen in einer Presseerklärung bereits die Fortsetzung der Fahrradstraße vom Marheinekeplatz bis hin zum Mehringdamm.
Der BUND hat es nach langem Werben geschafft: Die Bergmannstraße wird im östlichen Teil Fahrradstraße. Gratulation von meiner Seite an Projektleiterin Merja Spott und ihre Mitstreiter! Ihr habt das Projekt ganz wesentlich angestoßen und vorangetrieben.
Unser Foto zeigt heute den herrlichen frischgemalten neuen Radfahrstreifen auf der Bergmannstraße und zwei Radler auf einem Rad.