An Schwager Kronos: Freude, Goethe, Musik, Singen

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Okt 082017
 

Schöneberg, d 7 Oktbr 2017. Geselliges, gutes Musizieren im kleinen Kreis guter Menschen! Ich wage mich, auf ausdrückliches Bitten, am Klavier meiner Mutter selig sitzend, gelegentlich aufspringend, erstmals an den Vortrag von Schuberts An Schwager Kronos, freilich nicht im originalen d-moll, sondern in c-moll, wobei ich die Klavierbegleitung eher andeute als getreulich ausführe. Was für ein hochmodernes Gedicht hat Goethe hier geschrieben, hart gefügt, sprunghaft, kraftvoll rasselnd, zwischendrin zärtlich-behutsam innehaltend! Und Schubert drängt das noch einmal deutlich über Goethe hinauslangend ins Tiefste und Höchste hinein. Größte Erschütterung. Glück und Dankbarkeit am Abend.

 

Nachstehend der Text der ältesten überlieferten Fassung aus dem Jahr 1778 in Goethes Handschrift. Schubert hat allerdings den deutlich geglätteten Text der späteren Ausgaben verwendet.

 

AN SCHWAGER KRONOS

In der Postchaise d 10 Oktbr 1774

Spude dich Kronos
Fort den rasselnden Trott!
Bergab gleitet der Weg
Ekles Schwindeln zögert
Mir vor die Stirne dein Haudern
Frisch, den holpernden
Stock, Wurzeln, Steine den Trott
Rasch in’s Leben hinein!

Nun, schon wieder?
Den eratmenden Schritt
Mühsam Berg hinauf.
Auf denn! nicht träge denn!
Strebend und hoffend an.

Weit hoch herrlich der Blick
Rings ins Leben hinein
Vom Gebürg zum Gebürg
Über der ewige Geist
Ewigen Lebens ahndevoll.

Seitwärts des Überdachs Schatten
Zieht dich an
Und der Frischung verheißende Blick
Auf der Schwelle des Mädgens da.
Labe dich – mir auch Mädgen
Diesen schäumenden Trunk
Und den freundlichen Gesundheits Blick.

Ab dann frischer hinab
Sieh die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich faßt
Greisen im Moore Nebelduft,
Entzahnte Kiefer schnattern
Und das schlockernde Gebein.

Trunknen vom letzten Strahl
Reiß mich, ein Feuermeer
Mir im schäumenden Aug,
Mich Geblendeten, Taumelnden,
In der Hölle nächtliches Tor

Töne Schwager dein Horn
Raßle den schallenden Trab
Daß der Orkus vernehme: ein Fürst kommt,
Drunten von ihren Sitzen
Sich die Gewaltigen lüften.

Die Wiedergabe des Gedichtes erfolgt hier buchstaben-, zeilen- und zeichengetreu in der Fassung der „Ersten Weimarer Gedichtsammlung“, welche Goethe eigenhändig im Jahr 1778 schrieb (Handschrift H2).

Zitiert nach:
Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203

Bild: Goethes Arbeitszimmer, Weimar. Im Spiegel Goethes: der hier Schreibende

 

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10 Jahre – fast nur mit fröhlichen lachenden glücklichen Menschen!

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Sep 262017
 

Heute ist dieses Blogs 10. Jahrestag.

Es begann bescheiden am 26.09.2007 mit Berichten über eine lebhafte Podiumsdiskussion in der Volksbühne, einer musikalischen Danksagung an Simchas Torah von Ernest Bloch, mit fröhlichen lachenden glücklichen Menschen beim Berlin Marathon, streifte so manches nachdenkliche oder kummervolle Feld, hielt aber doch stets den Kopf aufrecht nach vorne gewandt in Zuversicht.

Über Stock und Stein frisch ins Leben hinein, so ging es immer weiter – über bisher 3652 Tage.

Dies ist ein Tag der Danksagung: Dank an Euch alle, die Ihr dies lest und gelesen habt, Dank für Kritik, Rat und Widerspruch!  Dies ist ein Tag, den ich der Freude am Leben widme, und ein Tag, an dem ich mir weiterhin viele fröhliche, lachende, glückliche Menschen aus allen Ländern der Welt wünsche. Traurige, weinende, unglückliche Menschen sind mir ebenfalls willkommen.

Zu den Zahlen:

In diesen 10 Jahren habe ich mehr als 3200 Beiträge veröffentlicht. Online sind davon weiterhin 3112. Im Durchschnitt erschien also pro Tag ungefähr ein Beitrag.  In jedem einzelnen Monat erschienen mehrere Beiträge. Niedrigster Wert: 3 (Monat April 2017). Höchster Wert: 81 (Monat November 2010)

Aktuelle Statistik für die letzten 30 Tage: 

Besucherzahl in den letzten 30 Tagen insgesamt: 7509
Durchschnittliche Besucherzahl pro Tag: 250
Seitenaufrufe in den letzten 30 Tagen: 36717

Die drei in den letzten 30 Tagen am meisten besuchten Beiträge aus all diesen zehn Jahren insgesamt sind übrigens:

http://johanneshampel.online.de/2008/07/25/mitgliederschwund-parteien-sind-weiterhin-ratlos/

„Wie unterscheidet man eigentlich Türken von Arabern?“

Ist „das Christliche“ zugleich „das Konservative?“

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„Auffi gehts! Schaugst waida! Gehts aussi!“

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Sep 192017
 

23. Mai 2017, Kreuth am Tegernsee, abends.

Gutes, lauschendes, tief einsaugendes Lauschen auf die Landleute beim Viehtrieb in Kreuth! Das ist ja genau die Sprache, die mir in die früheste Kindheit hineinschallte, meiner Mutter Sprache – Bairisch, ein Idiom, dessen ich mich bei meinen gelegentlichen Aufenthalten in meinem Herkunftsland gern auch selbst befleißige.

Vergessen wir nicht, wir sind hier am Tegernsee auf ältestem deutschem Kulturboden. Der älteste erhaltene deutsche Roman überhaupt, der berühmte Ruodlieb – ein lateinisch verfasstes Versepos – stammt aus dem Kloster Tegernsee! Er wurde gut 9 Jahrhunderte vor Thomas Manns Doktor Faustus verfasst, diesem Schicksalsroman, dessen letzte, dramatisch zugespitzte Szenen ebenfalls im oberbayrischen Voralpenland spielen.  Ja, die in Pfeiffering ausgemalten Schlussbilder, der gutmütige Dr. phil. Serenus Zeitblom  hätte sie auch hier ansiedeln können.

Bild: eine Kreuther Ziegenherde am 23. Mai 2017, wenige Momente nach dem Austrieb aus dem Stall. Unsicher taumelnd  tollen die Ziegen umher. Nach der Sicherheit des Stalls, wo ihnen Tag um Tag das Futter gereicht wurde, löst die Freiheit des Graslandes einen rauschartigen Tanz aus. Die Herde bleibt sicherheitshalber vorerst zusammen. Die Herde bietet Schutz angesichts des Neuen, das da kommen mag.

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Sep 102017
 

Hanadi, Nirit, Essfandiar, Pegah, Sadaf, Banu, Christa, Laura, Jonni, Cem, Marthe, Alexander, Laila, Rose-Anne, Theokleia. Das sind die Namen von 15 Menschen, die vieles gemeinsam haben, vor allem aber eines teilen: Ihre Lebensgeschichte führte sie oder zumindest ihre Eltern aus anderen Ländern nach Berlin, wo sie derzeit wohnen und sich wohl fühlen. Sie bringen den Schatz ihrer Herkünfte mit, leben diesen Schatz weiter aus und verbinden sie auf anrührende Weise mit ihrer neuen Umgebung.  Sie beweisen hier ihre Freiheit, den eigenen Raum zu gestalten und ihre Geschichte mit anderen Menschen zu verbinden.

Sie haben unter ihrem eigenen Namen einen eigenen Raum im Schöneberger Jugend Museum eingerichtet. Wir besuchten sie heute am Tag des offenen Denkmals. Lebende Menschen zeigen sich und ihre Räume. Großartig! Diese Ausstellung lohnt in jedem Fall einen Besuch.

Villa Global. The Next Generation. Jugend Museum. Hauptstr. 40/42, 10827 Berlin-Schöneberg. Öffnungszeiten: Mo-Do, Sa+So 14 bis 18 Uhr, Fr 9-14 Uhr.

www.villaglobal.de

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Von der Freiheit des Absprungs

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Aug 182017
 

Auf dem Anstieg zum Speikboden, einem bekannten Berg im Ahrntal, bestaune ich in etwa 2200 Meter Höhe gebannt die Vorbereitungen der Gleitschirmflieger. Wie sie sorgfältig ihre wulstförmigen Schirme ausrollen, wieder und wieder die Leinen überprüfen und richtig legen. Wie sie regelmäßig hinüber schauen zum gleichmäßig im Wind flatternden Fähnchen. Eine junge Frau probt wieder und wieder den Anlauf und bricht dann mehrfach ab. Zur gleichen Zeit erheben sich mehrere Flieger geradezu mühelos in die Luft. Erheben? Nein, sie lassen sich fallen, sie gehen ein paar Schritte und lassen sich dann hineinfallen ins Meer der Luft wie ein Schwan sich ins Wasser eines Teiches gleiten lässt, um dann gelassen, sicher und gleichsam mit einem grüßenden Lächeln seine Kreise zu ziehen.

Acht Gleitschirmflieger schweben schon dahin. Nach wenigen Sekunden erreichen sie eine Thermikzone. Jetzt beginnen sie in immer erneut wiederholten Kreisen den Aufstieg. Höher und höher fliegen sie. Sie umrunden uns, sie schauen schon auf uns herab.

Nun hat auch die junge Frau den Absprung geschafft. Sie findet die Freiheit des Absprungs. Aus dem krächzenden Mikrophon ertönt die Stimme ihres Betreuers oder Lehrers. Und schon ruht sie sicher in der Luft, als hätte sie dieses Fliegen, dieses Gleiten, dieses königliche Schwimmen nie lernen müssen.

Ein grandioses Schauspiel, das die Fliegenden mit ihren bunten Schirmen uns bieten! Vergleichbar dem Mobile in einem Kinderzimmer, wo beim Einschlafen bunte Fische hin und her schwimmen.

Ahrntaler Flieger, ich danke Euch!

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SENSATION: Glucke führt ihr Völklein aus! Bächlein rauschen in dem Sand! Unverdroßne Bienenschar fleucht! Weizen wächst mit Gewalt!

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Jul 082017
 

Morgen am Sonntag, dem 9. Juli,  findet um 18.00 Uhr ein kleines sommerliches Konzert in der Kreuzberger Kirche St. Bonifatius, Yorckstraße 88, statt. Es eignet sich besonders auch für Kinder, die allmählich an die Musik herangeführt werden sollen. Ich spiele und singe selbst dabei mit. Auch ihr Lesende seid mir alle willkommen. Besonders freue ich mich auf das Singen des Liedes „Geh aus / mein hertz / und suche freud Jn dieser lieben sommerzeit“. Es hat 15 Strophen!

Mit Gewalt setzte heute der Sommer ein! Der erste Tag, an dem der pralle Sommer zu Mittag in uns alle fährt. Im Hans-Baluschek-Park mache ich Halt und nehme die Blumenwiese auf. Zuhause suche ich die älteste gedruckte Fassung des Evergreens von Paul Gerhardt heraus. Sie lautet so:
1
Geh aus / mein hertz / und suche freud
Jn dieser lieben sommerzeit
   An deines Gottes gaben:
Schau an der schönen gärten zier
Vnd siehe / wie sie mir und dir
   Sich außgeschmücket haben.

2
Die bäume stehen voller laub /
Das erdreich decket seinen staub
   Mit einem grünen kleide
Narcissus und die Tulipan
Die ziehen sich viel schöner an /
   Als Salomonis seyde.

3
Die lerche schwingt sich in die luft /
Das täublein fleugt aus seiner kluft /
   Und macht sich in die wälder.
Die hochbegabte nachtigal
Ergötzt und füllt mit jhrem schall
   Berg / hügel / thal und felder.

4
Die glucke führt ihr völcklein aus /
Der storch baut und bewohnt sein haus /
   Das schwälblein speist die jungen /
Der schnelle hirsch / das leichte reh
Ist froh und kömmt aus seiner höh
   Ins tiefe graß gesprungen.

5
Die bächlein rauschen in dem sand
Vnd mahlen sich und ihren rand
   Mit schattenreichen myrthen:
Die wiesen ligen hart dabey
Und klingen gantz vom lustgeschrey
   Der schaf und jhrer hirten.

6
Die unverdroßne bienenschaar
Fleucht hin und her / sucht hie und dar
   Jhr edle honigspeise.
Des süssen weinstocks starcker saft
Bringt täglich neue stärck und kraft
   Jn seinem schwachen reise.

7
Der weitzen wächset mit gewalt
Darüber jauchzet jung und alt /
   Und rühmt die grosse güte
Des / der so überflüssig labt /
Und mit so manchem gut begabt
   Das menschliche gemüthe.

8
Ich selbsten kan und mag nicht ruhn:
Des grossen Gottes grosses thun
   Erweckt mir alle sinnen /
Jch singe mit / wenn alles singt /
Und lasse was dem Höchsten klingt
   Aus meinem hertzen rinnen.

9
Ach denck ich / bist du hier so schön /
Und läßst dus uns so lieblich gehn
   Auf dieser armen erden /
Was wil doch wol nach dieser welt
Dort in dem vesten himmelszelt
   Vnd güldnem schlosse werden?

10
Welch hohe lust / welch heller schein
Wird wol in Christi garten seyn /
   Wie muß es da wol klingen /
Da so viel tausent Seraphim /
Mit unverdroßnem mund und stimm
   Jhr Alleluja singen.

11
O wär ich da! o stünd ich schon /
Ach süsser Gott / für deinem thron
   Und trüge meine palmen:
So wolt ich nach der Engel weis
Erhöhen deines Namens preis 
   Mit tausent schönen psalmen.

12
Doch wil ich gleichwol / weil ich noch
Hier trage dieses leibes joch /
   Auch nicht gar stille schweigen /
Mein hertze sol sich fort und fort /
An diesem und an allem ort
   Zu deinem lobe neigen.

13
Hilf mir und segne meinen Geist
Mit segen / der vom himmel fleußt /
   Daß ich dir stetig blühe:
Gib / daß der sommer deiner gnad
In meiner seelen früh und spat
   Viel glaubensfrücht erziehe.

14
Mach in mir deinem Geiste raum /
Daß ich dir werd ein guter baum /
   Und laß mich wol bekleiben /
Verleihe / daß zu deinem ruhm
Jch deines gartens schöne blum
   Vnd pflantze möge bleiben.

15
Erwehle mich zum Paradeis
Vnd laß mich bis zur letzten reis
   An leib und seele grünen:
So wil ich dir und deiner Ehr
Allein / und sonsten keinem mehr /
   Hier und dort ewig dienen. 

Gedruckte Erstfassung hier zitiert nach:
1653. Paul Gerhardt: Sommergesang. Mel. Den Herren meine seel erhebt. In: Gedichte 1600-1700. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Christian Wagenknecht. [=Epochen der deutschen Lyrik in 10 Bänden. Herausgegeben von Walther Killy. Band 4], 2., verbesserte Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1976, S. 207-209

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Schritte von der Verdachtskultur zur Kultur des Vertrauens

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Jun 102017
 

Die Berliner Landes- und Bezirkspolitik erzeugt parteiübergreifend allzu oft eine Kultur des Verdachts, zum Beispiel indem sie Angst vor Veränderungen schürt, indem sie den Wandel aussperrt, indem sie starr am Vorhandenen festhält. Man gewinnt oft den Eindruck, die paternalistische Politik Berlins wollte das freie Handeln freier Menschen verhindern und traue ihnen nichts zu. Die Verhängung einer Erhaltungsverordnung – gekoppelt mit der Aufforderung an die Bürger, „verdächtige Baumaßnahmen“ zu melden – ist ein bezeichnendes Beispiel dafür. Allein schon das Wort „Verdachtsgebiet“ spricht Bände! So viel Verzagtheit, so viel Missmut, so viel Angst prägt ein solches Vorgehen, wie man es wieder und wieder im Bundesland Berlin sehen kann! Dabei hat nachweislich eine derartige typisch Berliner Verhinderungspolitik – zu der auch das Verbot privater Ferienwohnungen gehört – das unleugbare Steigen der Mieten weder verhindern noch verlangsamen können; und auch private Investoren ziehen sich zunehmend aus dem Wohnungsbau zurück. Wen wundert’s?

Um so wichtiger war es mir heute, dagegen kräftige Zeichen des Vertrauens aufzunehmen, sobald sie sich bieten würden! Und so geschah es! Angesagt war heute das Ordnen meines reichen Notenbestandes.  Dazu kauften wir ein Regal zum Selberbauen. Ein Möbeltaxi brachte es nachhause. Ich knüpfte ein Gespräch mit dem Fahrer an. Sein Name war Ismael. Sofort stellte sich eine Vertrauensbasis her. Denn Ismael, das ist ja der erstgeborene Sohn Abrahams, gezeugt mit der Magd Hadschar oder auch Hagar, wie sie bei uns meist genannt wird. Wie die meisten anderen biblischen Gestalten auch, so erscheint der Urvater Abraham oft eher schwach, ja zwielichtig. Die Art, wie er Hadschar und den gemeinsamen Sohn Ismael in der Wüste aussetzt, wird schonungslos sowohl in jüdischen wie auch in muslimischen Quellen geschildert: er gibt den Einflüsterungen seiner Erstfrau nach und verstößt Mutter und Sohn in die wasserlose Wüste. Clemens Brentano hat dieses Schicksal sehr ergreifend und voller Mitgefühl besungen:

O Wüste, Traum der Liebe, die verachtet
Vom Haus verstoßen mit der Hagar irrt,
Wo schläft der Quell? da Ismael verschmachtet,
Bis deine Brust ihm eine Amme wird.

Das Fehlverhalten Abrahams wird weder in der Bibel noch im Koran beschönigt. Und doch wird dieser verstoßene Erstling Abrahams zum Stammvater der Muslime weltweit werden, auf den sie sich heute alle noch beziehen! In der wunderbaren Errettung Ismaels aus der wasserlosen Wüste erblicken viele Muslime einen besonderen Gnadenbeweis – „und Gott findet dich…“, wird Brentano in seinem grandiosen Gedicht „Der Traum der Wüste“ dichten.

Nicht überrascht war ich, als auch mein heutiger Ismael berichtete, dass er aus einer mehr oder minder aus dem Land getriebenen Minderheit stamme, nämlich der türkischen Volksgruppe, die bis vor kurzem noch in Bulgarien wohnte. Wir plauderten freundschaftlich über dies und das, und schon bald hatten wir das Ziel erreicht, und ich konnte endlich meinen gesammelten Notenbeständen (Bach, Beethoven und den anderen Gefährten) eine neue, sichere Heimat namens Billy gewähren.

Mein Gespräch und die Taxifahrt mit Ismael bedeutete den Übergang vom Verdachtsgebiet der Berliner Politik  in das Vertrauensgebiet der Berliner Menschen.- Weitere Schritte in das Vertrauensgebiet brachte dann eine kurze Rast in der herrlichen Labungsstätte des Namens Rüyam – „mein Traum“ heißt das auf Türkisch. Und der Wüstentraum manifestierte sich hier als rein pflanzlicher Kebap; eine echte Delikatesse Schönebergs! Die Menschen dort im Rüyam zeigen alle viel Herz – und wer hätte das gedacht? Als hätten sie geahnt, dass wir sehr durstig waren, schenkten sie uns noch zwei Becher Ayran dazu. Einfach so, es gab keinen echten Anlass; es war eine Geste der Menschenfreundschaft.

Und damit ist auch das merkwürdige Erlebnis, durch die Politik plötzlich das eigene Wohngebiet zum „Verdachtsgebiet“ erklärt zu wissen, abgehakt und überwunden! O nein, ihr Politiker, wir leben hier ganz und gar nicht im Verdachtsgebiet, sondern offenkundig in einem Vertrauensgebiet, einem Gebiet der Mitmenschlichkeit und der Menschenfreundschaft.

Brentano, dessen Herz auch für Ismael schlug, klingt hier erneut nach:

Dann wehet Friede,
klingender Lieder
glänzender Lauf,
ringelt sich nieder,
wallet hinauf.

 

 Posted by at 23:04

Aug in Aug mit dem Luchs

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Jun 052017
 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen und brachte uns wieder
Parkrind und Wolf, das wollige Schaf, die trächtigen Sauen auf schorfiger Heide!
Aug in Aug verharrte ich da beim geschmeidigen Luchs, der
dehnte und reckte sich, schnappte den Brocken des blutigen Fleisches,
welches ihm hinwarf die eilige Schaffnerin, die uns erklärte,
Leben und Beute des Luchses, wie er sich schlägt und mehrt.
[…]

Gute, endlose Zwiesprache zu Pfingsten mit den Tieren und Menschen im Wildpark Schorfheide! Besonders angetan hat es mir heute der Luchs, den ich noch nie so lange ungestört beobachten konnte. Anschließend wanderten wir zu Fuß zurück zum Bahnhof Groß Schönebeck, besahen die Kirche und das Jagdschloss. Alles schön, alles gut, ein zauberhafter Tag im Sonnenschein und voll üppigem Grün!

 Posted by at 20:13

Einen Weck – mehr brauchst du nicht am heutgen Tag

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Mai 272017
 
In Goethes Leiden des jungen Werthers heißt es unter dem Datum vom 10. Mai 1771: Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich denen süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen geniesse. Und unter dem heutigen 27. Mai erzählt er, wie er jedem der ihm begegnenden Kinder einen Kreuzer und wohl auch „einen Weck zur Suppe“ gibt.
Der Weck, das ist natürlich a Weggla, wie der Franke sagt, ist natürlich ne Schrippe, wie der Berliner sagt, a Sömmi, wie der Bayer sagt!
Jeden Tag einen Weck zur Suppe, jeden Tag einen Kreuzer in die Hand, so leben wir in den Frühling hinein, als wenn es nie einen Winter gegeben hätte.
Obendrein hast du uns auch die Guteschafe in den Schöneberger Südpark zurück geschickt, lieber Mai, in dieses kleine arkadische Wahlheim, in dem wir immer wieder in Verzückungen, Gleichnisse und Deklamation verfallen.
Zitat:
Die Leiden des jungen Werthers. Erster Theil. Leipzig. In der Weygandschen Buchhandlung, 1774, Seite 8
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Die unversiegliche Kraft des alten Neuen. Zum Antritt des Neuen Jahres

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Jan 022017
 

Groß und stark und zuversichtlich kam das Neue Jahr herauf. Wir begrüßten es im Harz. Zwei Tage vor Silvester bestiegen wir in völliger Dunkelheit den Brocken; dort erschien nach dem ersten farbenprächtigen Präludium des Anstiegs zuerst ein glutroter Fleck in weiter Ferne, ein dunkelrotes Etwas, das sich wie eine glühende Esse zischend und gischtend ausbreitete. Dann erst hob sich der Feuerball vor unseren Augen über den Horizont, bezwingend und unbezwinglich trieb es ihn höher und höher.

Das Neue Jahr beginnt zuversichtlich, stark, mutig, staunend, lächelnd. Der Mut, die Zuversicht, die Stärke, das Staunen, das Lächeln, sind sie alle noch da, die alten Tugenden, die unerschöpflichen, sonnenähnlichen Kraftquellen? Ja, sie sind’s! Wir haben sie auf dem Brocken unversieglich gespürt.

Die Ihr dies lest und seht, möget auch Ihr sie verspüren!

Bild: Sonnenaufgang am Morgen des 30. Dezember 2016, Brocken/Harz

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