Die neue, die alte, ach die allzu alte Kriegswut

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Nov 282015
 

Aus aktuellem Anlass fügen wir heute ein Gedicht eines in Deutschland vergeßnen Dichters bei. Sein Name tut nichts zur Sache. Nennen wir ihn, diesen unbekannten deutschen Dichter, einfach Fritz Marbacher. An wen richtete sich sein Gedicht? Niemand weiß es. Vielleicht an uns.

Der Marbacher hat damals sehr genau erfasst und verfolgt, was auf der weltpolitischen Bühne geschah: Napoleon erobert mehr als den halben Kontinent Europa, sein Ziel ist die Schaffung eines einzigen großen europäischen Reiches unter französischer Vorherrschaft. Pläne für eine europäische Einheitswährung waren entworfen, doch wollte Napoleon zunächst die politisch-militärische Einheit, erst danach dann die europäische Einheitswährung durchsetzen. 3 Millionen Kriegstote kostete Europa der französische Griff zur Weltmacht innerhalb von weniger als 2 Jahrzehnten. Die europäische Landkarte wurde umgepflügt.

Das ägyptische Abenteuer der Franzosen (1798/99) wurde zum Startschuß für den Wettlauf der beiden führenden Kolonialmächte des 19. Jahrhunderts um neue Herrschaftsgebiete – Großbritannien und Frankreich. In Afrika, im Nahen Osten und überall. Beider Ziel war die Vorherrschaft rings um den gesamten Globus. Frankreich und Großbritannien richteten so die Determinanten der gesamten Nahostpolitik ein; bis zum heutigen Tage prägt die damalige Eroberungs- und Kriegspolitik der Briten und der Franzosen das weltpolitische Geschehen im Nahen und Mittleren Osten.

Freilich haben mittlerweile die USA und Russland – die neuen führenden Kolonialmächte – Frankreich und Großbritannien überflügelt; China und Indien versuchen aufzuschließen. So haben wir ein überraschend stabiles weltgeschichtliches Tableau vor uns: USA, Russland (1917-1991 Sowjetunion), Frankreich und Großbritannien führen seit damals immer wieder „Koalitionskriege“ mit wechselnden Bündnissen – deren erster fand 1792-1797 statt. Die 4 großen Kolonialmächte, THE BIG FOUR der letzten beiden Jahrhunderte, sind wieder da auf der weltpolitischen Bühne! Sie setzen die kriegerischen Akzente, sie erklären den Kriegszustand, sie beginnen und beenden Kriege. Seit 1792 werden an dieser Stelle in unterschiedlichen Koalitionen Kämpfe um die regionale und globale Vorherrschaft geführt. Der Nahe Osten ist seit 2 Jahrhunderten Schauplatz erbitterter Stellvertreterkriege. Die Völker kommen nicht zur Ruhe.

Und wir? Deutschland lässt sich fast blindlings herumtappend hineinziehen: „Der Krieg im Nahen Osten hat endgültig auch Deutschland erreicht.“ So schreibt es die Süddeutsche Zeitung heute auf S. 1. Man betrauert die 130 Todesopfer von Paris. Zu recht. Aber wer betrauert die 180 zivilen Todesopfer allein im Monat Oktober des Bezirks Aleppo?

Ach, läse man doch hierzulande noch Fritz Marbacher. Ach, könnten doch mehr Menschen in Deutschland die schöne französische Sprache verstehen und lesen! Dann würde es den deutschen Politikern wie Schuppen von den Augen fallen. Dann wäre schon viel gewonnen.

Dann müsste das Austrocknen oder besser Aushungern all der Stellvertreterkriege folgen: Stopp der Waffenlieferungen von außen. Stopp der Finanzflüsse, die diese Kriege seit mehr als 2 Jahrhunderten nähren und füttern. Wiedereinführung des Völkerrechts unter Führung der UN. Wiederherstellung souveräner Staaten. Einhaltung und Durchsetzung des Interventionsverbotes gemäß dem Völkerrecht. Wiederherstellung des grundgesetzlich garantierten Rechtsstaatsprinzips in der Bundesrepublik Deutschland durch Stärkung des Bundestages.

Und hier das Gedicht Fritz Marbachers in der Urfassung von 1802:

An ***

Edler Freund! Wo öfnet sich dem Frieden,
Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort?
Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden,
Und das neue öfnet sich mit Mord.

Und die Grenzen aller Länder wanken,
Und die alten Formen stürzen ein,
Nicht das Weltmeer sezt der Kriegswut Schranken,
Nicht der Nilgott und der alte Rhein.

Zwo gewalt’ge Nationen ringen
Um der Welt alleinigen Besitz;
Aller Länder Freiheit zu verschlingen,
Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.

Gold muß ihnen jede Landschaft wägen,
Und wie Brennus in der rohen Zeit,
Legt der Franke seinen ehrnen Degen
In die Waage der Gerechtigkeit.

Seine Handelsflotten streckt der Britte
Gierig wie Polypenarme aus,
Und das Reich der freien Amphitrite
Will er schließen, wie sein eignes Haus.

In des Südpols nie erblickten Sternen
Dringt sein rastlos ungehemmter Lauf,
Alle Inseln spürt er, alle fernen
Küsten – nur das Paradies nicht auf.

Ach, umsonst auf allen Ländercharten
Spähst du nach dem seligen Gebiet,
Wo der Freiheit ewig grüner Garten,
Wo der Menschheit schöne Jugend blüht.

Endlos liegt die Welt vor deinen Blicken,
Und die Schiffahrt selbst ermißt sie kaum;
Doch auf ihrem unermeßnen Rücken
Ist für zehen Glückliche nicht Raum.

In des Herzens heilig stille Räume
Mußt du fliehen aus des Lebens Drang,
Freiheit ist nur in dem Reich der Träume,
Und das Schöne blüht nur im Gesang.

Quelle:
Gedichte 1800-1830. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Jost Schillemeit [=Epochen der deutschen Lyrik. Herausgegeben von Walther Killy, Band 7], Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Aufl., München 1978, S. 67-68

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Mit dem Dolch im Gewande: Jugend rezitiert

 Deutschstunde, Europäisches Lesebuch, Friedrich Schiller, Goethe, Leitkulturen  Kommentare deaktiviert für Mit dem Dolch im Gewande: Jugend rezitiert
Apr 062010
 

06042010.jpg Immer wieder entdecke ich im Internet, dass Ideen, die ich ausbrüte und die mir zunächst ungewöhnlich und unbekannt scheinen, bereits verwirklicht sind. So schlug ich gestern – inspiriert durch die 8. Türkisch-Olympiade im heimatlichen Kreuzberger Tempodrom – einer lernfähigen Volkspartei einen „Landeswettbewerb Jugend rezitiert“ vor, ähnlich dem äußerst erfolgreichen „Jugend musiziert“.

Dabei dachte ich an den Vortrag einiger Pflichtstücke von Goethe und Schiller, daneben Pflichtstücke aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert sowie auch eine Eigendichtung jedes Teilnehmers. Goethe und Schiller, das waren zwei großartige Männer, echte Europäer, aufsässig, oftmals widerborstig, kaum zu bändigen als junge Männer, draufgängerisch-machohaft, aber später doch recht verantwortungsbewusst. Wer Goethe und Schiller akzent- und fehlerfrei rezitieren kann, der spricht besser Deutsch als 80% unserer Bevölkerung. Das wäre doch was für unsre Ghetto-Kids!

Ich z.B. musste als 7-Jähriger bereits die erste Hälfte von Schillers Bürgschaft auswendig vortragen, und meine Oma freute sich an ihrem Geburtstag herzlich darüber. Wir fuhren zu dem Zwecke eigens nach Berchtesgaden an den Fuß des gletscherbedeckten Watzmann! Die zweite Hälfte rezitierte mein älterer Bruder. Es hat uns nicht geschadet aufzusagen:

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
ihn schlugen die Häscher in Bande.
„Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!“

Es war merkwürdig: Dass  jemand seinen Willen einfach mit einem Dolch durchsetzen wollte, erschien mir sehr sehr fernliegend. Heute ist es aber für einige unserer Neuköllner Jugendlichen Normalität geworden, dass unsere jungen Männer mit Macheten aufeinander losgehen.  Das heißt: Schillers Erfahrungsraum ist der Lebenswelt der Neuköllner Jugendlichen, die vor Richterin Kirsten Heisig als ihre Stammkundschaft erscheinen, weit näher als uns Buben aus dem behütet-bildungsnahen Bürgertum! Was für eine Chance böten die Frühwerke Schillers für den Landeswettbewerb „Jugend rezitiert“!

Finstere Wüteriche – bereitet euch vor! Zeigt es den behüteten Bürgersöhnen!

Und genau diese Idee – Integration, sprachlich-sittliche Höherbildung unserer jungen verwöhnten Machos durch klassische Bildung – haben sie in Weimar selbst auch schon ausgeheckt und umgesetzt. Chapeau!

Jugendprojekt: Götterfunken für harte Neuköllner – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – SchulSPIEGEL
„Wir wollen die Akzeptanz bei Jugendlichen für jahrhundertealtes Kulturgut schaffen“, sagt Projektleiter Peer Wiechmann. In Neukölln oder Marzahn, wo die 16 Teilnehmer herkommen, bekämen die wenigsten einen Bezug dazu. Das Ziel ist ambitioniert. Wiechmann sieht in dem Projekt einen Weg, die Jugendlichen kulturell an der Gesellschaft teilhaben zu lassen.

Zitatnachweis: Friedrich Schiller: Sämtliche Werke. Erster Band. Gedichte. Dramen I. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 8., durchgesehene Auflage, 1987, S. 352

Das Bild zeigt einen abschmelzenden Gletscher am Fuße des heimischen Kreuzbergs, aufgenommen vor 2 Stunden. Eine Folge des Klimawandels? Wohl kaum. Eher vermute ich: Es wird Frühling.

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