Das Holz schlagen, dem Holz nachhören – der erste Schritt zum Geigen

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Aug 192016
 

Ein großartiger Aufenthalt in Südtirol klingt aus und singt nach! Die vielen Begegnungen mit wunderbaren Menschen, mit der Welt der Berge, das Eintauchen in die ganz eigenen Klänge, Düfte und Belichtungen in dem Land an Etsch und Rienz begeisterte mich nachhaltig.

Am Ritten oberhalb von Bozen, genau an dem Ort, wo 1911 Sigmund Freud für seine Familie einen Ort zur langwöchigen Sommerfrische erkundet hatte, dort übte ich mich spielerisch in der Kunst der „Perkussion und Auskultation“, also des diagnostischen Klopfens  und Lauschens. Freilich nicht am Körper des Kranken, wie das die Lungenärzte zu Zeiten eines Karl Kraus oder Sigmund Freud wohl taten, sondern an kräftig und widerständig und frei in die Höhe gewachsenen, ca. 80-jährigen Bergfichten.

Genau in dieser Höhe, also etwas oberhalb von 1000 m fanden die alten Meister in Nord- und Südtirol, im Trentino und im Böhmerwald ihre besten Klanghölzer für die Violine. Und die Unterschiede beim Anschlagen der Stämme waren beträchtlich! Von Stelle zu Stelle, von Baum zu Baum klingt es und singt es anders in den Stämmen.

Mancher Baum ist stumm und stumpf. Andere, hart daneben aufstrebend, sind klingend, sie bringen etwas mit, sie haben eine „Eigenresonanz“. Diese taugen dann als bestes Klangholz für Streichinstrumente.

Vgl. hierzu:

Walter Kolneder: Das Buch der Violine. Bau, Geschichte, Spiel, Pädagogik, Komposition. Atlantis Musikbuch-Verlag Zürich, 5. Aufl. 1993, bsd. S. 23

 

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Hochzeit zwischen Köthen und Cremona

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Mrz 282016
 

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Cremona, den 11. März, abends

Froh empfind ich mich nun auf klassischem Boden begeistert, lieben Freunde! Wie froh bin ich, dass ich weg von dort bin, vom graulichen Norden, wo der dunkel lastende Himmel mich umfing, und hier bin in Cremona, in der Geburtsstadt des Generals Publius Quinctilius Varus, der Amati-Familie, der Guarnieri, der Sängerin Mina, des Claudio Monteverdi sowie  des Antonio Stradivari  mich aufhalte. Des Nachmittags traf ich mit der Corriera, einem echten Schienersatzverkehr – wie man bei euch im Norden sagt – am Bahnhof in Cremona ein; links grüßt ich kurz hinüber nach Roncole, wo Verdi geboren ward und unser Giovannino Guareschi seine herrlichen Schnurrpfeifereien um Don Camillo und Peppone ersann.

Die Landschaft ist ebenmäßig, dabei doch nicht gleichförmig; häufig fielen mir beim Blick aus der Corriera die akkurat im Rechteck gepflanzten gesetzten Pappeln ein, die sich hunderte von Metern längs des Po erstrecken und der Ebene einen mystischen Carréschliff verleihen.

Den Abend spazierten wir fleißig durch Plätze und Gassen. Die von rückwärts erleuchtete Fassade des Domes wirkt leicht, vielfach durch Zierat gebrochen und höchst sinnreich gegliedert, als wäre sie aus Stuck gearbeitet. Länger verharrten wir vor der Auslage des Geigenbaumeisters Valerio Ferron, der dort, nur wenige Schritte vom Dom entfernt, seine Bottega führt. Er ließ uns eintreten. Ich spielte zwei Bratschen zur Probe; wie alle italienischen Meisterinstrumente, sprachen sie leicht an, sie sind im Schnitt kleiner und einige Gramm leichter als deutsche Instrumente.

Denkt euch, vorhin durfte ich dann noch auf einer von diesem Cremoneser Meister Ferron haargenau nachgebauten Kopie der Guarnieri-Violine „Il Cannone“  das Andante aus der a-moll-Solosonate von Bach spielen, ehe diese dann morgen, wohl in nicht mehr als 12 Stunden unwiederbringlich an einen nicht näher genannten Kunden verkauft wird. Was für eine Freude, wie leicht, wie perlend kamen doch die Töne aus dem Inneren der Violine hervor, wie mühelos! 1720 etwa schrieb Bach im sachsen-anhaltischen Köthen diese Musik, es ging uns nichts darüber! 22 Jahre später schuf Guarnieri dies Instrument – es war mir wie eine Hochzeit, eine unio mystica zwischen Norden und Süden, wie die Decke und Boden einer Geige passten in diesem Nu die beiden Hälften Europas zusammen.

Ich sende Euch grüßend diesen herrlich summenden und sagenden Ton der Geige zu, wie sie formgleich bereits Paganini selbst auf seinen Reisen mit sich führte. Ihr erinnert euch vielleicht, dass der spielsüchtige Paganini in Livorno eines Abends seine vortreffliche Amati am Spieltisch verspielt hatte, auf der andern Tages hätte spielen müssen. Livron, der reiche französische Musikfreund, half ihm aus der Klemme und schenkte ihm das Guernieri-Stück mit dem charakteristisch weißen Obersattel und dem prachtvoll gemaserten, aus zwei Stücken zusammengesetzten Boden. Es ging ihm nichts darüber, er nannte es Il Cannone, noch heute befindet es sich in Genua. Nach dem Willen des großherzigen Gönners Livron durfte nur Paganini diese Violine spielen.

Ich bedaure, dass ich zwei oder drei Proben in der nächsten Woche werde ausfallen lassen. Wie überreich werden wir alle belohnt sein, wenn ich euch nach meiner Rückkehr mehr erzählen kann. Die Dom-Herberge hat alle Zimmer benamset und das Zimmer, in dem ich einquartiert bin, heißen sie Paganini.

 

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Im Club der lebenden Geiger

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Aug 192015
 

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Mitten im Zimmer ein Notenständer, davor ein Stuhl, auf dem seine Geige lag. Er räumte sie in seinen Kasten, um Platz zu schaffen; es gab keinen zweiten Stuhl im Raum, nur noch ein Sofa. Einmal hatte ich Kwart zu meinem Vater sagen hören, es bedeute für ihn ein Unglück, daß ausgerechnet Heifetz und Oistrach Juden seien: jeder erwarte auch von ihm Großes, doch sei er leider nur ein mittelmäßiger Geiger.

Dieser Abschnitt aus dem Buch „Bronsteins Kinder“, den ich im Kreuzberger Prinzenbad gelesen hatte, brachte mich gestern zum Nachgrübeln.  Ich hatte doch selber gestern im Kreis einiger Freunde die Romanze F-dur von Beethoven vorgetragen, ohne Orchester, ohne Klavier, einige Stimmen der Begleitung dazubrummend, so gut ich eben konnte, und sogar besser als je zuvor.

Was hätte ich Gordon Kwart, dem – wie er sich nennt – „mittelmäßigen Geiger“ erwidern können?

Soeben, beim Heimweg auf sommerlicher Straße, kam mir die Antwort.

Ich hätte folgendes zu Gordon Kwart gesagt:

„Gordon Kwart! Wo ist Jascha Heifetz? Ich sehe hier keinen Heifetz! Vergiß Heifetz!  Ich sehe und höre hier keinen Oistrach. Vergiß Oistrach! Ich sehe dich. Ich will dich hören!  Ich bin überzeugt: Keiner kann hier so gut Geige spielen wie du! Du lebst und du bist der Einzige hier in diesem Zimmer, der so gut Geige spielt! SPIEL! Spielsch mir as Stickl, von dem du glaubst, dass nur du es so gut spielen kannst.“

Das ist auch schon meine Erwiderung auf den Starkult und den Hochleistungsbetrieb der heutigen Geigerszene. Ja, es ist gut, dass es Geiger gab und gibt, die Vorbildliches leisten, denen wir hingerissen zuhören, die wir bewundern. Aber wichtiger noch als die Bewunderung für Abwesende, für die toten Geiger ist das Vertrauen in die lebenden Geiger, in diejenigen, die diese einmalige Chance haben, hier und heute zu spielen, zu singen, zu atmen!

Nur diese Erwartung, dieses Vertrauen in den nächsten Geiger, dieser Glaube an den lebenden Geiger, an das Leben im Geiger, wird eine freudige Erwartung befördern, dass etwa Gutes, etwas Schönes hervorkommt.

Für mich selbst bedeutet dies: Jeder Ton, jeder einzelne Ton, den ich auf der Geige produziere, kann oder soll als etwas Einzigartiges dastehen können. Ich versuche ihn so zu spielen, so zu formen, dass er mir gefällt, und folglich vielleicht auch anderen. Er soll glaubwürdig sein, sodass die Menschen ihm gerne zuhören.  Die Frage, ob man dann ein erstklassiger, ein mittelmäßiger oder ein schlechter Geiger ist, wird dann unerheblich oder doch zweitrangig. Entscheidend ist das Vertrauen, ist der Wille, Geige so gut zu spielen, wie es eben geht.

Mit diesen Gedanken betrat ich den Hauseingang. Ich grüßte die Bauarbeiter, die wie schon seit Monaten auch heute wieder auf Asphalt, Pflaster und Weg hämmern, klopfen, werkeln und wuchten.

„Entschuldigung, was für ein Instrument hast du da auf deinem Rücken?“, fragte mich einer.

„Das ist eine Geige!“, erwiderte ich stolz. „Eine Geige … toll … wie David Gatter … oder wie heißt der doch gleich?“, fragte der Bauarbeiter zurück.

„Ja, wie David Garrett eine hat!“, erwiderte ich stolz, froh und selbstbewusst.  „Ihr werdet mich gleich hören, hier auf der Straße!“ „Gut!“, sagten die Straßenarbeiter lachend.

Mitten im Zimmer stellte ich einen Notenständer auf. Ich brauchte keinen Stuhl. Ich packte die Geige aus dem Kasten. Und dann spielte ich in meinem Zimmer, 10 Minuten lang. Romanze F-dur. Hörten sie mir zu, die Bauarbeiter? Ich weiß es nicht. Es konnte sein, es konnte nicht sein. Und es war gut. Es war ein Glück.

Zitat:
Jurek Becker. Bronsteins Kinder. Roman. Reclam Verlag, Leipzig  1990, S. 98

Bild:
Blick auf den Krüpelsee, Zernsdorf, Landkreis Dahme-Spreewald. Auf den Spuren der Vergangenheit. Aufnahme vom 08.08.2015. Nicht weit davon könnte sich das Wochenendhäuschen befinden, in dem der Vater von Hans im Roman „Bronsteins Kinder“ seinen Gefangenen eingesperrt hatte…

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Ein sicheres Geleit für unsere Verstorbenen

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Jun 162013
 

BWV 1003_Andante

Mehrfach in den letzten Wochen riss der Tod uns nahestehende Menschen aus der Mitte der Gemeinschaften, in denen ich mich bewege. Die Trauerfeier für M. Renata Hampel, unsere Tante Bärbel, wie wir sie nannten, hat mich tief bewegt und gestärkt. Sie lebte uns als „Klosterfrau“ ein leuchtendes, oder besser ein lange nachklingendes Beispiel der Mütterlichkeit im Geiste vor! Die ihr anvertrauten Kinder betrachtete sie als ihre Kinder und nannte sie „meine Töchter“. „Ihr seid die Töchter meiner Tante – dann sind wir ja verwandt!“, so sprach ich einige frühere, längst erwachsene Kinder meiner Tante an.

„Hansis Nonne ist ’ne Wonne!“ Der Auftritt der Tante Bärbel in Rudi Carrells Show „Am laufenden Band“ schlug damals hohe Wellen. Klassenkameraden waren dahintergekommen, dass die singende, die lachende Nonne aus Passau, die mit einem ganzen Waisenkinderchor einen Fernsehabend aufmischte,  meine Tante war. Die Neuigkeit fand ihren Weg auf die grüne Schiefertafel im Klassenraum. Für mehr als einen Tag erheiterte uns ihr Witz und ihr Ruhm.

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Was wir ihr bei der Trauerfeier am 3. Juni in der Pfarrkirche Simbach  bereitet haben, war eine Art sicheres Geleit für Schwester Renata, unsere liebe Tante Bärbel, die noch heute eine starke, eine unversiegliche Quelle für unser eigenes Weiterleben im Guten ist. „Handle so [wie beispielsweise Schwester Renata] und du wirst leben“,  mit diesen einfachen Worten  fasse ich am heutigen Sonntag den bleibenden Eindruck zusammen, den ich von Simbach-Marienhöhe mit nachhause nehmen durfte.

Es freute mich sehr, dass den Schwestern M.Renatas und den anderen Mitfeiernden die Musik von Johann Sebastian Bach, das Andante aus der Sonate Nr. 2 in  a-moll für Violine solo von Johann Sebastian Bach, BWV 1003, so passend erschien. Die Musik zeigt in ihrem Pochen der Begleitstimme eine Art unverlierbares Herzpochen inmitten aller Ängste an, eine Art mütterliches Herzpochen und Einwiegen, das freilich irgendwann aufhört – in einem kräftigen C-dur, wie es für Bach eben das kraftvolle Leben selbst ist. Das ist in 28 Takten im Grunde eine vollkommene Gleichnisrede für das Dahingehen und das Vorübergehen, das Hinausgehen und das Zurückkehren. Ich spielte während der Gabenbereitung diese Musik auf der Geige von der Empore der Pfarrkirche Simbach herab. Den Notentext stellte ich mir als ein laufendes Band vor, das die Herzen verflicht. Der Tod ist kein Letztes. Das ist die Botschaft, die aus diesem Band hervortrat.

Ich füge euch hier oben als Anhang eine Ablichtung der originalen Handschrift des Komponisten bei.

 

 

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In der Kunst ist bloß ein einziges System gestattet: Systemlosigkeit

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Feb 212013
 

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„In der Kunst ist bloß ein einziges System gestattet: Systemlosigkeit.“ Dieses großartige Wort schrieb der Geiger Carl Flesch als Fußnote in das Vorwort seines 1926 erstmals erschienenen Skalensystems. Ich zitierte es ausführlich am vergangenen Sonntag in einem Konzert junger Geiger, das im Carl-Flesch-Saal der Universität der Künste stattfand, und versäumte nicht, den Rang dieses Werks, das eine dichtgedrängte Folge von zergliederten Tonleiter- und Akkord-Übungen darstellt, herauszustreichen. Noch wichtiger aber als das systematische Zergliedern, das kraftsparende Pflegen und Stärken der geigerischen Technik ist die persönliche Hinwendung zum eigenen Spiel mit Ohr und Hand. Jeder Geiger muss sich immer fragen: „Will ich das so spielen?“ Und diese ständige Selbstbeobachtung, Selbststeuerung entsteht nur dann, wenn vorher eine verlässliche Lehrer-Persönlichkeit dem Schüler diese Zuwendung, diese Außenbeobachtung geschenkt hat.

Mein eigener hochverehrter Geigenlehrer, Friedrich Schirbel, ehemals Mitglied der Berliner Philharmoniker, später Konzertmeister des Städtischen Symphonieorchesters Augsburg, erzählte mir während der Geigenstunden immer wieder von den Lehren und Erfahrungen dieser großartigen Persönlichkeit, die Carl Flesch war.

Schirbel, der Kindheit und Jugend in Berlin verbrachte, hatte selbst noch bei Flesch Unterricht genommen. „Flesch war unerbittlich im Unterricht. Faule Ausreden duldete er nicht. Aber spieltechnische Probleme, Schwierigkeiten zerlegte er unbestechlich in Elemente, löste schwierige oder unspielbare Stellen in Teilaufgaben auf – und führte uns so Schritt für Schritt weiter zur Vollendung.“

Carl Flesch wurde 1873 in Ungarisch Wieselburg geboren. Bukarest, Wien, Berlin, Amsterdam waren einige Stationen seines Geigerlebens. Er starb 1944 in Luzern. An Flesch liebe ich neben seinen treffenden, auch heute noch unerschöpflichen pädagogischen Handreichungen auch sein hervorragendes, unnachahmliches, bis in den letzten Nebensatz hinein gepflegtes Deutsch, ein im besten Sinne edles Deutsch, das mich in manchem Tonfall, in der Tonart gewissermaßen, an das mit hellsichtiger Seelenfreundschaft wirkende Deutsch eines Sigmund Freud, eines Franz Kafka erinnert.

So schreibt Flesch in seinem Skalensystem:

„Ich habe lange gezögert, ehe ich mich dazu entschloß, das in alle Tonarten transponierte Skalensystem* zu veröffentlichen. Denn bisher bin ich ein Gegner der allzuvielen Ausgaben dieser Art gewesen, die zumeist einander gleichen, wie ein Ei dem anderen, und denen nur selten ein origineller Gedanke zugunde lag.“

Hierzu ergänzt er in der Fußnote:

„Auch den Ausdruck „System“ gebrauche ich nur der Not gehorchend, weil mir eben keine prägnantere Bezeichnung in den Sinn kam. Ich beabsichtige damit bloß die festgefügte praktisch-erprobte Form, jedoch nicht eine starre unelastische Übungsart zu bezeichnen, die dem Wesen echter künstlerischer Freiheit stets entgegengesetzt ist. In der Kunst ist bloß ein einziges System gestattet: Systemlosigkeit.“

Carl Flesch: Das Skalensystem. Tonleiterübungen durch alle Dur- und Moll-Tonarten für das tägliche Studium. Ein Anhang zum I. Bande von „Die Kunst des Violinspiels“. Verlag von Ries&Erler. Berlin 1953 [Erstausgabe: 1926]

Bild: Die Geigen unserer jungen Geiger im Alter von 4 bis 10 Jahren, aufgenommen im Carl-Flesch-Saal vor dem Konzert

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Jun 082012
 

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Von der Kunst des sorgfältigen Erzählens

Kolja Blacher, Violine, und Markus Becker, Klavier, gaben am 12. Mai in der Maison de France am Kurfürstendamm ein gutbesuchtes, begeistert aufgenommenes Konzert. Der Erlös kommt über den Verein Morus 14 dem Neuköllner Netzwerk Schülerhilfe Rollberg zugute.

Die a-Moll-Sonate von Robert Schumann packte Blacher sehr selbstverständlich, ohne jeden Drücker und Schleifer an. Erzählen, nicht scheinen! Das war sein Vorsatz: „So bin ich. Das ist meine Geschichte. Hört sie euch an. Lasst euch etwas erzählen.“ Die Leidenschaft kommt vom Leiden, das um die Vergangenheit weiß.  Alles ließ er auf die wenigen Spitzentöne, etwa auf das hohe E zulaufen. In den Sechzehnteln ließ er jeden einzelnen Ton zu seinem Recht kommen, und dazu wählte Blacher  im zweiten Satz eine behutsame Langsamkeit, im dritten Satz eine mühsam gebändigte, abgemessene Unrast.

Die d-Moll-Partita von Johann Sebastian Bach, komponiert 1720 in genau jenem Köthen, nach dem die Kreuzberger Köthener Straße benannt ist, konnte so auch für einen wie mich, der sie hundert Mal gespielt hatte, wie neu klingen. „Jetzt sind wir hier. Jetzt spielen wir diese 5 Sätze, diese 5 Geschichten hören wir uns gemeinsam an.“ Und die Geige – die herrliche Stradivari Tritton – war bestens aufgelegt, erzählte bereitwilligst mit, es klang nie so, als müsste Blacher sie bitten, sondern jeder Ton floss aus ihr heraus. Wohltuend empfand ich, dass Blacher seine Violine singen ließ und nicht den Eindruck erzwingen wollte, als hätten einige Generationen von Geigern bisher den Schlüssel zu diesem herrlichen Werk noch nicht gefunden. Blacher spielte in bestem Sinne edel, ohne sich in den Vordergrund zu schieben. Nur zwei große gestalterische Zäsuren setzte er in der Chaconne, nämlich beim Übergang von Moll zu plötzlichem hellem D-Dur und zurück von Dur zurück zu wehmütig-abschiednehmendem Moll. Da war es so, als würde alle Last der mächtig aufgetürmten Doppelgriffe  abfallen, als würde eine große Versöhnung zwischen Wollen und Müssen erreicht.

In der Pause konnten wir nett und angenehm plaudern. Die Musik hatte uns zusammengebracht. Manch unerwartetes Wiedersehen ereignete sich. „Du siehst aber viel jünger aus als beim letzten Mal!“

In Sergei Prokofjews 5 Melodien op. 35 beugt sich die Musik zurück auf eine lange, dankbar weitergeführte Vorgeschichte. Früher oft als traditionalistisch belächelt, wird diese Musik in ihrem altmeisterlichen Gestus heute erst so richtig fassbar. Da, wo Zugehörigkeit, wo Herkunft durch und durch fragwürdig wird, stiften Prokofjews Miniaturen eben doch so etwas wie eine Rückbindung an fast schon verloren geglaubte Klangwelten. Markus Becker war ein ebenbürtiger Partner, sekundierte da, wo es nötig war, wob hinein, ergänzte, stützte den Geiger.

Die altmeisterliche Souveränität eines Komponisten-Spielers, die keineswegs selbstverständlich ist, trat in der f-Moll-Sonate Prokofjews noch deutlicher in den Vordergrund.  Markus Becker und Kolja Blacher schafften es, diese viersätzige Sonate wie den abschließenden Flügel eines mehrteiligen Gemäldes der Schumann-Sonate gegenüberzustellen. Wer zwei Ohren hat, der wird diese Doppelung hören.

Alle Zuhörer merkten wohl, dass hier ein großer Kreis ausgeschritten worden war. Offen, leicht zugänglich, anstrengungslos und doch mitreißend, so bleibt dieser großartige Erzähler-Konzertabend in unserer Erinnerung stehen und wirkt noch nach.  „So sind wir. Das ist unsere Geschichte!“ In dieser befreienden Botschaft des sorgfältigen Erzählens beflügelt die Musik auch unser oft mühseliges Schaffen mit Kindern und Jugendlichen.

Dank an die Künstler Kolja Blacher und Markus Becker, Dank an das Institut Français, Dank an den Verein Morus 14, der dieses Benefizkonzert ermöglicht hat!

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„Die Geige klingt wie eine Geige!“

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Jun 052011
 

05062011683.jpgAlles klar für das Umweltfestival. Der Soundcheck am Brandenburger Tor machte große Freude: „Ihre Geige klingt wie eine Geige!“ Schön, dass es das noch gibt, so unverstellt wahr, so echt. Das grüne Bändchen der Künstler ist sehr kleidsam!

Plaudereien führen mich über die Stände, vor allem natürlich zum ADFC-Stand.  Dort erhalte ich Gewissheit: Diese Satteltaschen werden auch einzeln verkauft – nur nicht überall. Gut auch: Ich erstehe von ADFC-Vorstandsmitglied Martina Schneider persönlich eine Warnweste, die den Autofahrer um 1,5 m Abstand beim Überholen von Radfahrern bittet. Gut angelegte 5 Euro!

Nachher um 15.30 Uhr: Auftritt des armen Kreuzberger Bloggers!

Bild: Das ist mein Helm. Das ist meine Geige. Das ist meine Tasche. Einfach. Schlicht.
Helm, Geige, Tasche. Froh zu sein bedarf es wenig.

Umweltfestival

 Posted by at 12:03
Mrz 112010
 

Mit diesem Ausruf kam vor zwei Wochen ein Mädchen in der Kreuzberger Fanny-Hensel-Grundschule auf mich zu. Ich kannte sie noch von einem unserer Schulkonzerte. „Das Lied, das du gespielt hast, hat mir gefallen“, sagte sie. „Das will ich auch spielen!“ Freunde, ich sag euch: Für solche Momente lohnt sich alle Mühe! Da gleitet man auch über allerlei bedenkliche Zwischenrufe hinweg, die die Berliner Dirigenten warnend erschallen lassen.

Es mag zwar sein, dass Berlin ein einziger Poblemkiez ist, was die musikalische Bildung angeht. Es wird zuviel gedudelt. Aber es liegt an uns dies zu ändern. Gebt nicht nur einem Kreuzberger Kind eine Geige, gebt jedem Berliner Kind ein Instrument: Geige für die Jungs, Kontrabass für die Mädchen, Baglama für Lichtenberger Jungen, Blockflöte für Neuköllner Jungen!

Jede Wanderung beginnt mit einem Schritt!

Musikalische Bildung – „Berlin ist ein einziger Problemkiez“ – Berlin Aktuell – Berliner Morgenpost
Berlins Schülern fehlt es flächendeckend an musikalischer Bildung, dieser Ansicht ist Anne-Kathrin Ostrop Musiktheaterpädagogin der Komischen Oper. Sie erlebt in Workshops die Defizite von Schüler. „Die Situation ist bereits verfahren“, sagte sie Morgenpost Online. Der Zweck von Musikunterrich sei es eigentlich, Sozialkompetenz zu erwerben. „Unsere Kinder sollen nicht grobschlächtig, sondern sensibel werden.“ Doch das Wissen um die Kultur und die Fähigkeit, bewusst Musik zu hören, seien „deutlich geschwunden“.
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Ostrop . In anderen Bundesländern gebe es aber zumindest Initiativen wie die Aktion „Jedem Kind ein Instrument“ in Nordrhein-Westfalen. Lokale Schwerpunkte gebe es in Berlin nicht mehr, nur noch 20 Prozent der Schulkinder hätten einen qualifizierten Musikunterricht: „Berlin ist ein einziger großer Problemkiez.“

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Der Märchengeiger kam

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Feb 082010
 

2010_02_07_foto_keramikwerkstatt.jpg Ein schönes Erlebnis war für mich gestern die Märchen-Erzählstunde in der Keramikwerkstatt bei Eva Trenz-Diakité. Noch 1 Stunde vorher wusste ich nicht genau, wie ich das Märchen „Der Kaiser und der Rossknecht“ erzählen sollte. Zu Beginn spielten Ira, Wanja und ich unseren alten Dauerbrenner „Der dreiköpfige Drache“. Dann war ich dran! Der Märchengeiger kam!

Das Motiv entnahm ich der alten spanischen Märchensammlung „El Conde Lucanor“ von 1335, über das ich aus dem Internet Kunde erhalten hatte. Doch kannte ich nur den Titel und ein Motiv. Eine Inhaltsangabe, geschweige denn ein Text lagen mir nicht vor.

Ich hatte mir also kaum mehr als folgendes zurechtgelegt:

Der Kaiser von Spanien ist krank. Das ganze Land leidet. Keiner kann helfen: kein Weiser, kein Arzt, kein Gaukler oder Spielmann. Ganz zuletzt kommt ein Rossknecht, der die rechten Worte trifft. Der Kaiser wird wieder gesund, der Rossknecht verwandelt sich in einen Prinzen und heiratet die Prinzessin.

Das alles kleidete ich in allerlei Einfälle und Melodien, die ich mit der Geige spielte. Während des Spielens überlegte ich mir schon die nächsten Erzählschritte. Die Kinder warfen immer wieder Fragen, Zwischenrufe und Einfälle ein – ich verflocht alles in ein buntes Ganzes.

Und so entfaltete sich das ganze bunte Märchenland … Nachher saßen wir noch bei guten Plaudereien, Gesprächen und einem Topf Borschtsch zusammen.

Danke an alle – insbesondere an Eva, Ira und Wanja! Und an alle großen und kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer! Es war ein schönes Gemeinschaftswerk!

Auf dem Foto von links nach rechts: Eva Trenz-Diakité, der Märchengeiger, Irina Potapenko, Wanja Hampel

 Posted by at 17:43
Nov 242009
 

24112009.jpg Das Konzert „Fanny und Felix – das geheimnisvolle Band“ hat stattgefunden! Es war sehr sehr schön für mich! Nebenstehend seht ihr ein Foto des jungen Publikums.

Erik, Mischa, Mark, Natalia spielten, dass es eine Freude war. Ira sang Fanny Hensel, ich geigte Mendelssohn.

Zum ersten Mal unternehme ich den Versuch, die tägliche Rückschau als Video einzustellen. Klickt hier drauf!

 Posted by at 22:20