Gutes, gesammeltes Zuhören, ernstes Ringen um gemeinsame Einsicht, um das gute verbindende Wort bei Anne Will am 24.03.2013! Gesine Schwan, Jürgen Trittin, Edmund Stoiber, Nikolaus Blome und Anne Will lauschen im besten Sinne hellhörig, unverwandten Blicks mit beredten Mienen und buchstäblich offenen Ohrs und offenen Mundes den Ausführungen von Bernd Lucke. Es lohnt sich, diesen Mitschnitt der Talkshow mit stummem Ton anzusehen und sich in die Empfindungen der Lauschenden, der miteinander Redenden hineinzuversetzen!
Die weidlich erprobten Gesine Schwan, Jürgen Trittin, Anne Will, Nikolaus Blome, Edmund Stoiber scheinen in all ihren unwillkürlichen, auch vom geschicktesten Profi nicht steuerbaren, von der Kamera jedoch unbestechlich eingefangenen Gemütsäußerungen dem unerfahrenen Talkshow-Neuling Bernd Lucke zuzustimmen. Ihre Blicke besagen meines Erachtens eindeutig: “Bernd Lucke hat ja recht … ” Das ehrt alle!
Kuckt euch das erst einmal ohne Ton an.
Dank an alle Beteiligten, für Psychologen höchst sehenswert!
“Was wird hier an diesem Brunnen erzählt?” Mit einer russisch-deutschen Fußwandergruppe, deren Teilnehmer hauptsächlich aus Moskau, Berlin und Samara stammten, besuchte ich letzten Sonntag den berühmten Spandauer Eiskeller, den kältesten Punkt ganz Berlins. An jenem Sonntag war es in Spandau aber auch kälter als in Sibirien. Ich verkündete stolz die Werte für Samara, für Moskau, für Wladiwostok, die ich in der U-Bahn noch abgelesen hatte. Wir lagen drunter! Wir Deutschen waren Weltmeister der Kälte!
Beim ev. Johannesstift rätselten wir über die Botschaft des Brunnens. Man sieht wenig an diesem Brunnen: Ein Mann ist von seinem Pferd abgestiegen. Er scheint einem anderen Mann aufzuhelfen. Ein anderer Mann geht vorbei. Wir sind irgendwo zwischen Felsen. Leider war die erklärende Plakette des Brunnens wegen Eisbefalls nicht zu lesen. Es herrschte ja in ganz Europa in jenen Tagen eine große Vereisung und Verpanzerung. Deshalb fehlten an dem Brunnen der Vergangenheit die Erklärschilder. Es fehlte der Erzähler, der die alten Brunnengeschichten erzählen könnte. Die Botschaft des Brunnens war verstummt. Es herrschte Frost und Vereisung.
Einer fasste sich da ein Herz und fing an zu erzählen:
“Ich glaube …”
“Was glaubst du …?”, unterbrachen ihn die Kinder.
“Ich glaube, dass hier erzählt wird, wie ein Mann unter die Straßenräuber fiel. Die Räuber schlugen den Mann zusammen, raubten ihn aus und ließen ihn halbtot liegen. Da kam ein stolzer Moskowiter vorbei, der sagte: “Ach da liegt ja so ein Provinzler. Sicher ein Alkoholiker. Typisch, selber schuld.” Der Moskowiter ging weiter. Da kam ein Berliner vorbei. Der sagte: “O, ein Kälteopfer. Ach was, es gibt ja die Kältehilfe. Die wird sich um den kümmern.” Und ging weiter. Zuletzt kam ein Mann aus Samara vorbei. Ihr wisst ja, liebe Kinder, Samara, früher Kuybischew, die Autostadt hart am Ural, die außer Wäldern, Feldern und Langlaufloipen gerade und auch im Bereich Kultur im Vergleich zu Moskau und Berlin nichts zu bieten hat! Der Mann aus Samara blieb stehen und sagte: “Dir muss ich helfen.” Er verband dem Mann die Wunden, flößte ihm Tee ein und brachte ihn ins nächste Hotel. Dort gab er dem Wirt 200 Euro (in Russland ein inoffiziell anerkanntes Zahlungsmittel). “Kümmer dich um den Mann. Ich komme in ein paar Tagen wieder vorbei. Wenn das Geld nicht reicht, kriegst du noch was von mir.” -
“Nun frage ich euch, liebe Kinder: Was wurde hier erzählt?”
Wir schwiegen zunächst. Dann sagte einer: “Es wurde die Geschichte von dem Gebot der Ersten Hilfe erzählt. Der Mann aus Samara leistet erste Hilfe, die anderen nicht. Er ist also ein Vorbild. Du hast soeben die Entstehung der Samariterhilfe erzählt – und warum sie so heißt!”
Wir schauten genauer hin. Wie realistisch war die Erzählung? Gab es denn damals, als der Brunnen gebaut wurde, schon den Euro? Glaubte der Erzähler eigentlich selbst das, was er da aufgetischt hatte? Was ist die Wahrheit? Was ist Wahrheit?
Da entdeckten wir die Bestätigung dessen, dass die Samariter-Erzählung des mutigen Erzählers wahr war. Denn das Eis, der Schnee auf der Szene hatte zu tauen begonnen. Die Sonne hatte ein Erbarmen, sie unterstrich die Wahrheit dieser Geschichte von der Barmherzigkeit. Ein Wunder! In ganz Berlin war dies die einzige Stelle, an der die Sonne stark genug war, das Eis zum Schmelzen bringen!
War dies so? Was ist die Wahrheit dieser Erzählung? Hat sich dies so zugetragen? Es könnte sein, es könnte nicht sein. Dass etwa der Arbeiter-Samariter-Bund auf die russische Stadt Samara an der Wolga zurückgeht – wer will das behaupten oder bestreiten?
Vielleicht hat der Erzähler das eine oder andere ergänzt oder umgedreht. Die Botschaft aber dürfte so zutreffen. Die Wahrheit ist: Man darf an die Botschaft glauben und ihr folgen.
Die Sonne brachte den Beweis von der Wahrhaftigkeit der Erzählung vom barmherzigen Samariter.
Beim Umherschweifen in den reichen Beständen der Vatikanischen Bibliothek heftete sich mein Blick im Codex palatinus latinus 220, auf Seite 58 recto an ein rätselhaft anmutendes Gebild:
So lässt es sich ausschreiben:
kirst imbi ist hucze nu fliuc du vihu mina hera
fridu frono in munt godes gisunt heim zi comonne
Sizi sizi bina inbit dir sctê Maria hurolob ni habe du zi holce
ni fluc du noh du mir nindrinnes noh du mir nintuuin
nest sizi vilu stillo uuirki godes uuillon
Was mochte dies bedeuten? Sogleich erkannte ich, dass es sich um einen deutschen Text handeln musste, sicherlich vor dem 11. Jahrhundert entstanden. Ein Schreiber hatte ihn eigenwillig am Fuße eines lateinischen Texts eingetragen, wobei er den Rand kopfüber beschrieb. Und so lege ich mir das in unserer heutigen Sprache zurecht:
kirst imme ist haußen nun flieg du mein getier her
mit friede des herrn in obhut gottes gesund heimzukommen
sitz sitz Biene gebot dir Sancta Maria Erlaubnis habe du nicht zum Wald
nicht flieg du weder entrinnest du mir noch du mir entwisch
est sitz ganz still wirke Gottes Willen
Mit kirst könnte Jesus Christus gemeint sein, doch ist dies nicht sicher. Vor uns liegt ein früher, tastender Versuch, durch Einklang und Reimklang der Sprache die Gemeinschaft im Wort zu bewirken.
Mit für uns kaum mehr eindeutig einzuholenden Mitteln versucht der unbekannte deutsche Schreiber seinen Wunsch nach Frieden mit dem Vieh und dem Wald und mit der Welt und mit Gott zu stottern und zu stammeln. Gewissheit im Weltenwald gibt es allerdings nicht. Aus den Versen spricht dennoch wie immer vorläufig die Zuversicht des Gelingens.
Möge uns alle zu Weihnachten 2012 und im neuen Jahr eine vergleichbare Zuversicht leiten! Aus dem zu Lorsch gefundenen Bienensegen können wir lernen: Sicherheit und Planungsgewissheit gibt es nicht, sehr wohl aber können wir den Willen und die Bereitschaft empfangen, nach einem Augenblick stillsitzenden Hörens tatkräftig etwas Gutes zu bewirken.
Lassen wir doch unsere Bienen des Unsichtbaren für 2013 weder entwischen noch entrinnen!
Bei allen meinen Gesprächen mit Menschen, die in der Türkei, in Griechenland, in Italien, in Spanien oder in Portugal aufgewachsen sind, läuft in meinem Kopf ein “Süd-Nord-Dolmetscher-Programm” mit. Es geht mir dabei darum, die Geschichte und Geschichten besser zu verstehen, die auf jene Menschen eine prägende Kraft ausgeübt haben. Jenseits der Landessprachen Türkisch, Griechisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch, die man ruhig auch erlernen könnte und sollte, ist die Kenntnis der kulturell tief verankerten Grundwerte fast noch wichtiger, um Europa in all seiner großartigen Vielfalt zu verstehen und zu erzählen.
Für die Griechen gilt, dass man sie nur verstehen kann, wenn man noch ein klein bisschen Rest-Ahnung vom Christentum und vom Neuen Testament hat. Hä, Christentum? Was war das noch einmal? Nun, Deutschland hat zwei staatliche Ordnungen erlitten, die sich klar als Überwindung, als Gegenentwurf zum Christentum positionierten, als säkulare Ersatzreligionen, die nach und nach oder auch mit einem revolutionären Schlag das Christentum aus Deutschland hinausfegen wollten: der Nationalsozialismus in ganz Deutschland (1933-1945), der eine extreme, mörderische Feindschaft gegenüber dem Judentum und eine moderatere, kompromissbereite Feindschaft gegenüber dem Christentum verkündete, und der Kommunismus in der DDR (1949-1989). In keinem anderen Land der Europäischen Union ist deshalb die Ablehnung des Christentums oder mindestens die Ertaubung gegenüber dem Christentum und überhaupt gegenüber den alten Religionen in weiten Kreisen der Bevölkerung so ausgeprägt wie in der Bundesrepublik Deutschland. Das spürt man als vielsprachiger Europäer subkutan, und das lässt sich auch empirisch belegen.
Anders Griechenland! Die heutige modische Christentumsfeindschaft Deutschlands und der westlichen europäischen Länder findet man in Griechenland eben nicht. Zwar gibt es auch in Griechenland heftige Kirchenkritik, aber die Kritik an der griechisch-orthodoxen Kirche spart stets das Christentum als solches aus. Das Christentum als solches lebt in Griechenland weiter wie eh und je. Denn das Land ist nicht nur christlich geprägt, sondern erkennt das Christentum als offizielle Staatsreligion an – so wie Norwegen und das Vereinigte Königreich (UK) ja auch.
Nie hat in Griechenland eine rabiate Form der Kirchenfeindschaft, wie sie etwa der Kommunismus und der Nationalsozialismus in West-Europa predigten, um sich gegriffen! Selbst die griechischen Kommunisten waren und sind keine Christentumsfeinde, wie das etwa die russischen Bolschewisten und die europäischen Nationalsozialisten verschiedenster Länder waren und sind.
Viele heutige Griechen stammen ethnisch gesehen von Türken ab – sie sind die Nachfahren getaufter Türken. Für Griechen ist das Bekenntnis zum Christentum deshalb oftmals identitätsstiftend, so wie auch die etwa 2 Millionen in Deutschland lebenden türkischen Staatsbürger und auch die deutschen Staatsbürger kurdischer, tscherkessischer oder türkischer Abstammung automatisch als Muslime geführt werden, weil viele heutige Türken die Nachfahren von islamisierten Griechen sind. Kein Wunder, dass man etwa in einer griechisch geführten Kneipe Schönebergs durchaus noch das orthodoxe Kreuz mit dem Doppelbalken über dem Zapfhahn findet – ein christliches Kreuz in einer säkularen Spelunke, das wäre im westlichen Europa sicher höchst ungewöhnlich!
Genug des allgemeinen Blabla!
Hier kommt eine kleine griechisch-deutsche Übersetzungsübung samt angefügter Interpretation!
“Ein Mann namens Hananias verkaufte zusammen mit seiner Frau Sapphira eine Immobilie …”
Mit diesen Worten beginnt ein griechischer, heute weithin vergessener Schriftsteller seine kleine Erzählung über einen Streit über die Pflicht, die Wahrheit zu sagen. Hananias und Sapphira lauten die schönklingenden Namen des Ehepaares, das sich der Gemeinschaft erkenntlich zeigt und einen Teil des Erlöses aus dem Verkauf einer eigenen Immobilie der Gemeinschaft zur Verfügung stellt. Nicolas Poussin hat die Szene sehr schön gemalt, man findet sein Bild im Louvre. Allerdings unterschlagen Hananias und Sapphira der Gemeinschaft einen Teil der Wahrheit, indem sie – unabhängig voneinander – einen falschen Preis nennen und die verschwiegene Differenz einbehalten. Sie täuschen also die Gemeinschaft über ihre wahren Vermögensverhältnisse.
Diese Täuschung, diese Lüge wird offenbar, und der Gemeindevorsteher – nennen wir ihn einmal auf gut Deutsch Peter – tadelt die Eheleute Hananias und danach auch Sapphira individuell aufs heftigste: “Wie konntest du uns das antun? Du hättest deinen Besitz für dich behalten können. Wir wären auch ohne deinen Immobilienverkauf einigermaßen über die Runden gekommen. Aber dass du uns belogen hast, ist unter aller Kanone! Damit zerstörst du die Gemeinschaft im Wort. Wer lügt, untergräbt sinnvolles Zusammenleben. Es wäre besser gewesen, ihr hättet eure Immobilie für euch behalten, statt uns zu belügen!”
Wie ist die Geschichte von Hananias und Saphira aus der Feder des griechischen Schriftstellers Lukas zu deuten? Vermutlich so: Wichtiger als Hab und Gut, wichtiger als Verteilungsgerechtigkeit, wichtiger als die Aufgabe des individuellen Reichtums zugunsten der Gemeinschaft ist die Gemeinschaft im Wort. Nur wer frei entscheidet, seine Entscheidung dann redlich und ehrlich verkündet, dient der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft des Wortes ist entscheidend, ist der Dreh- und Angelpunkt der Europäischen Union.
Wahrheit und Freiheit sind wichtiger als Wohlstand. Ehrlichkeit ist wichtiger als Pseudo-Sozialismus. Wichtiger als die Vergemeinschaftung der Immobilienverhältnisse ist die Redlichkeit des Wortes.
Diese zutiefst griechische, diese urgriechische Einsicht gilt auch im Verhältnis zwischen Staaten und Völkern.
Die Europäische Union steht und fällt mit der Gemeinschaft im Wort. Das hat Europa von den Griechen gelernt. Griechenland hat Europa diese in griechischer Sprache verfassten Urtexte des europäischen Selbstbewusstseins geschenkt. Dafür sollten wir anderen Europäaer wir kulturellen Graeculi dem Mutterland der europäischen Kultur HELLAS zutiefst dankbar sein!
Not tun mehr Nord-Süd-Übersetzer, die sich mutig und unerschrocken ins Gebrüll und Gewühl stellen!
Quellenangabe zur Geschichte von Hananias, Sapphira und Peter:
Apostelgeschichte, Kapitel 5, Vers 1-11, hier zitiert nach der griechischen Urfassung Novum testamentum graece, ed. Nestle-Aland, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart, 1993, S. 332-333
Gestern war Johannestag. Mit einigen anderen Hörern der Gemeinde hörte ich mir am Vormittag die Geschichte an, wie dieser Name gefunden wurde, um das Herz der Väter wieder den Kindern zuzuwenden. Ein guter Spruch zur Geburt des Johannes! Eine ganze Feier rollte im Zeichen der Namenfindung ab!
Also: Wenn einer auftritt, der das Herz der Väter wieder den Söhnen zuwendet, dann fängt etwas Neues, etwas Gutes an. Dann kommen kommen menschliche Beziehungen wieder ins Lot, und ein alter Mann – sein Name ist Zacharias – findet wieder zum Wort zurück. In der Namenfindung für den kleinen neugeborenen Johannes entsteht Gemeinschaft im Wort. Wie kann man diesen Zustand nennen, in dem die menschlichen Beziehungen wieder ins Reine gebracht werden? Lange dachte ich darüber nach, wie man den Vorgang griffig und knackig ins modernste Deutsch wenden könnte.
Mir fiel heute folgendes ein: Good spiritual governance. Good governance bedeut die Anwendung allgemein anerkannter Regeln und Grundsätze ins Gewirr und ins chaotische Durcheinander gestörter Beziehungen.
Der Ausgleich zwischen Vätern und Söhnen, das Öffnen der Herzen der Väter auf die Söhne hin, also der intergenerationelle Dialog, die Versöhnung der Generationen ist ein zentrales Anliegen, das in die Namenfindung des Johannes hineingelegt ist.
“Ich bin stolz auf diesen Namen, denn er enthält eine Geschichte!”, rief ich heute im Gespräch mit einigen Frauen aus.
So, damit kommen wir der Sache näher: Fast niemand der Befragten aus dem Goethe-Gymnasium kannte bei der Befragung durch die hartnäckigen Hart-aber-fair-Spürhunde das Gedicht “Wanderers Nachtlied” von Goethe.
Thilo Sarrazin, der in der Runde saß und höchst achtbar seinen Mann stand, war sichtlich traurig darüber. Ich glaube, nichts hat ihn mehr getroffen und betrübt als diese Befragung der Schüler und Lehrer des Goethe-Gymnasiums, bei der Abiturienten und Lehrer nichts von diesem herrlichen Nachtlied wussten, das Franz Schubert so herzbewegend vertont hat.
Das also ist des Pudels Kern! Die Deutschen vergessen ihre große, ihre überragende Kultur, die weltweit in den Konzertsälen und Bibliotheken gelehrt und verehrt wird. Weltweit: außerhalb Deutschlands. Und deshalb hegen viele Deutsche die Angst, das Land könnte sich abschaffen.
Sie sind das status-unsichere Volk schlechthin! Incertitude allemande! Ich halte diese kulturelle Amnesie der Deutschen für höchst gefährlich. Denn sie kann in politische Instabilität umkippen.
Kaum etwas hat mich in den letzten Monaten stärker bewegt als unsere Elternkonzerte für die Kinder der Fanny-Hensel-Schule in Kreuzberg (Migrantenquote: 98%), als wir uns etwa über den Freischütz von C.M. von Weber unterhielten. Und eins unserer “libanesischen” Mädchen sang den Jägerchor nach – ohne Scheu, taktsicher, mit herrlichem klaren Trallala. Es geht doch! Die muslimischen Kinder sind hungrig, sind wach, kennen keine Scheu vor der großen europäischen Kultur.
Unsere Kinder wollen und suchen das Schöne, das Wahre, das Gute. Sie haben ein Recht darauf. Sie haben ein Recht darauf, sehr früh, ab Klasse 1 mit Mozarts Zauberflöte bekanntgemacht zu werden. Sie haben ein Recht darauf, fragen zu dürfen, ob die Königin der Nacht gut oder böse ist.
Also muss die Schule ihnen diese Schätze auch bieten.
Ein Jammer, dass unsere Schulen so wenig weitergeben, weiterschenken von dem, was wir Deutsche zu bieten haben.
Nur wer gibt, kann auch nehmen.
Zum unverzichtbaren Kernbestand der deutschen Kultur rechne ich persönlich neben etwa zwei Dutzend Gedichten Goethes seinen Faust, rechne ich Musik Bachs und Mozarts, Kenntnisse über klassische deutsche Literatur, Geschichte ab etwa 1000 (nicht nur 1933-1945), Musik, Geographie. Beethoven! Brahms! Das sind Kontinente des Deutschen. Wenn unsere jungen Leute diese Kontinente nicht mehr erfahren, dann gute Nacht, Deutschland!
Man sollte wissen, wer Immanuel Kant war und was er ungefähr gewollt hat. Man sollte mit Namen wie Adenauer, Karl der Große, Hitler, Rosa Luxemburg, Freud, Marx etwas anfangen können. Und Goethe, immer wieder Goethe! Goethe mehr denn je, denn er hält uns Deutschen den Schlüssel zum Verständnis des Islams in der Hand!
Weil sie keinen Goethe, keinen Friedrich Schiller mehr kennen, sind sie taub für die Wortmusik eines Hafis oder Rumi. Und sie sind taub für Shakespeare.
Weil sie keine Bibel kennen, verstehen sie – die Deutschen – die Muslime nicht.
Weil sie Grimms Märchen nicht pflegen, sagt ihnen 1001 Nacht auch nichts mehr.
Gerade lese ich den Kinderkoran Lamya Kaddors mit großem Gewinn und großer Freude. Warum enthalten unsere Schulen den Kindern die großen Menschheitsgeschichten einer Maryam/Maria, eines Josef/Yusuf, eines Moses/Musa, eines Isa/Jesus, eines Abraham/Ibrahim vor?
Auch dieser Fehl gehört zum kulturellen Gedächtnisverlust!
Weil die Deutschen ihre eigene Herkunft nicht pflegen, interessieren sie sich auch nicht für die Herkunft der Zuwanderer. Wer in Deutschland kennt schon türkische Dichter oder arabische Philosophen?
Es herrscht Ödnis. Wüste.
Weil sie schludrig mit ihrer eigenen Sprache umgehen, wollen auch andere Menschen sie nicht lernen.
Weil die Deutschen sich ihrer eigenen kulturellen Herkunft nicht vergewissern, haben sie Zukunftsangst. Deshalb hat Sarrazins Buch so viel Erfolg. Es rührt an die tiefe kulturelle Unsicherheit der Deutschen.
Das sehe ich in allen Schulen, das bemerke ich auf Schritt und Tritt bei Gesprächen. Sie reden über Mieten in Mallorca, über das neueste i-Phone, über die Bundesliga. Nichts gegen Mieten in Mallorca, i-Phones, Bundesliga – aber das kann nicht alles sein.
Wir können die Zuwanderer nur aufnehmen, wenn wir das Schöne und Große unserer Herkunft mit ihnen teilen lernen.