Apr 072012
 

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Am Abend da es kühle war, ward Adams Fallen offenbar. So das Rezitativ Nr. 74 in der Matthäuspassion. Am Abend drücket ihn der Heiland nieder. Spielte Choräle aus Bachs Matthäuspassion auf der Geige. Ergreifend: Alt und Sopran als Doppelgriffe, klappt meist sehr gut. Bin ich gleich von dir gewichen, stell ich mich doch wieder ein. Besuchte meine Mutter, der ich die geschwollenen Füße massierte. Gemeinsam erprobten wir eine behutsame Fußgymnastik, um des Problems Herr zu werden. Der Verteidigungsminister heute in der Süddeutschen: Es gibt keinen gerechten Krieg. Anschließend zu MediaMarkt und Saturn, um einen neuen Laptop zu suchen: Favorit ein 15-Zoller von Samsung, 444 Euro. Super Angebot. Deckel in gebürstetem Metall-Look. Sieht sehr hochwertig aus. Cool! Allerdings: Software kommt noch hinzu. Microsoft Office Home&Professional, ja. Aber: auf DVD oder als ProductKey? Verzichte auf den Kauf. Ja nicht auf das Fest!

Las erstmals seit über 25 Jahren wieder Uwe Timms Kerbels Flucht in einem Zug durch. Ein in sich verkrümmtes Ich, unfähig, den anderen als anderen ernstzunehmen! Sünde, das ist eine incurvatio ad se ipsum, so etwa Luther.  Von daher die ständige Suche nach dem schnellen Kick, die Unfähigkeit etwas sorgfältig anzulegen und abzuschließen über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Ausrasten wegen Eifersucht, Selbstzweifel, weil die Freundin einen verlässt. Na so was!

Statt dessen die dauernde Sucht und Suche dieser ganzen – meiner – Generation, Schuld und nochmal Schuld bei den eigenen Vätern zu suchen. Zitat Uwe Timm:

Der Vorhang reißt, der Fels zerfällt,
Die Erde bebt, die Gräber spalten,
Weil sie den Schöpfer sehn erkalten,
Was willst du deines Ortes tun?

Klappentext: „Eingesperrt in Selbstzweifel und Resination, verliert Kerbel immer mehr den Boden unter den Füßen. In seinen Aufzeichnungen, die literarische Protokolle des Verlusts an Identität und zugleich Versuche sind, das Leid erträglicher zu machen, wird Kerbels tiefe Krise offenbar.“

Es fällt mir sehr schwer, diese Kerbelsche Suchbewegung nicht als eine Art Suche nach dem verlorenen Sinn zu deuten. Mir geht folgende Parodie durch den Sinn:

Am Abend da es kühle war,
Ward Kerbels Fallen offenbar.

Quellenangaben:
Uwe Timm: Kerbels Flucht. Roman. Verlag AutorenEdition, München 1980, Klappentext sowie S. 13

Johann Sebastian Bach: Matthäus-Passion. Nach den Quellen herausgegeben von Siegfried Ochs. Klavierauszug von Kurt Soldan. C.F. Peters,  Frankfurt . M. o.J., S. 151

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Die Für-mich-Gesellschaft

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Apr 062012
 

Heute besuchte ich eine Trauerfeier. Es ging um einen vor Gericht abgeurteilten Menschen, der nicht viel hermachte. Deshalb gibt’s auch keine Fotos. Er, um den es ging, hatte keine schöne und edle Gestalt. Hatte er Freunde? Er hatte zwar einige Freunde, aber als es hart auf hart kam, als es darum gegangen wäre, sich für ihn einzusetzen, ging jeder seiner Wege.

Zitat aus der Berichterstattung: „Ich kenn doch den Menschen gar nicht!“ Ein merkwürdiger Prozess – zu urteilen nach der Berichterstattung – vor einem eigentlich gar nicht zuständigen Gericht entspann sich, geprägt von Missverständnissen und endlosem Aneinander-Vorbeireden. Der Richter zeigte sich heillos überfordert, im Gerichtssaal tobte der aufgehetzte Mob. „Ja, was soll ich denn jetzt noch für wahr halten?“ Selbstaufgabe des Richters!

Ein paar erbauliche Reden wurden gehalten. Beeindruckend fand ich die folgenden Sätze:

Jeder ging für sich seinen Weg.“ Diagnose: Die Menschen kümmerten sich nicht umeinander. Jeder lebte nach dem Motto: Für mich. Die perfekte Jeder-ging-für-sich-seinen-Weg-Gesellschaft! War das die Ursache der endlosen Missverständnisse?

Wer war gemeint? Wir doch nicht etwa? Ich doch nicht etwa?

 

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Apr 052012
 

„Es kommt darauf an, dass einer es wagt, ganz er selbst zu sein, ein einzelner Mensch, dieser bestimmte einzelne Mensch zu sein; allein vor Gott, allein in dieser ungeheuren Anstrengung und mit dieser ungeheuren Verantwortung.“

Diese Worte eines ringenden, wachenden Menschen zitiert Uwe Timm in seinem Buch „Am Beispiel meines Bruders“.  Timm scheint diesen Worten  zuzustimmen. Am heutigen Donnerstag mag eine Betrachtung über Einsamkeit erlaubt sein.

Dieser ringende, wache Mensch ist zweifellos ein sehr einsamer Mensch, zumal er nichts Übermenschliches von seinen Mitmenschen verlangt hat: „Du schläfst? Konntest du nicht einmal eine Stunde wach bleiben?“

Man kann die Worte des ringenden Menschen nämlich auch von hinten her lesen: von der Verantwortung her. Verantwortung heißt heute und hier: die angenommene Verantwortung des einzelnen Menschen, nicht die abgeschobene  Verantwortung des Kollektivs, der Zeit, der Gruppe, der Umstände. Verantwortung heißt, dass ich eine Antwort geben kann auf das was ich getan und gefühlt habe – sofern mich jemand danach fragt.

Ver-ant-wort-ung beruht auf der Fähigkeit, das Wort, vor allem das Wort Ich in Freiheit zu verwenden. „Ich habe das getan. Ja, ich habe das unterlassen. Ich bin es gewesen. Ich habe so gehandelt, aber ich hätte auch anders handeln können.“

Verantwortung in diesem individualethischen Sinn entspringt aus dem Einzel-Ich, nicht aus dem Gruppen-Wir. Nur wer zu diesem einzelnen bestimmten Ich Ja sagt und sich selbst annimmt, wird andere annehmen und Verantwortung für andere übernehmen können.

Zitat:
Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders. Vom Autor neu durchgesehene Ausgabe 2010. 6. Auflage 2011. Deutscher Taschenbuch Verlag 2011, Seite 147

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Feb 162012
 

Cooler Link der Stanford University! Was die Deutschen kaum mehr haben wollen, dafür interessieren sich immerhin die Amis: die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Hier einmal nur als Text geboten – warum nicht? Gut zu lesen!

Nr. 30 „Wo ist denn dein Freund hingegangen?“ Der Überbringer der Botschaft vom Menschen wird als reines Du dargestellt, als Freund, den man immer wieder verlieren, immer wieder suchen kann! Man kann ihm die Ferse zuwenden und ihn dann doch wiederfinden. Man mag ihn als Balkensepp beschimpfen und aufspießen, wie es die spießigen Tazzler  aus der Rudi-Dutschke-Straße gerne tun und getan haben. Er hat schon Schlimmeres überstanden.

Dieser Glaube an den vorbildlichen Menschen entspringt der ständigen Gefährdung menschlicher Beziehungen, er ist im Grunde ein ständiges Ringen mit dem reinen Du.

Ganz ähnlich der Geist, aus dem der arabische Dichter Hamza Kaschgari in seinem zutiefst anrührenden Geburtstagsgruß schöpft. Für den gläubigen Moslem vermag der Sendbote ebenso zum freundlichen Du des reinen Mitmenschen zu werden wie sein Sendbote für den gläubigen Christen. -„Ich spreche zu dir als einem Freund!“ Vgl. hierzu Sure 18, 110: „Ich bin ja nur ein Mensch wie ihr!“ Man kann ihm die Ferse zuwenden und ihn dann doch wiederfinden. Aus genau diesem Menschen-Bewusstsein spricht Hamza Kashgari:

„I shall smile at you as you smile at me. I shall speak to you as a friend.“

Sehr bewegend auch das sehenswerte Selbstporträt auf Seite 1 der heutigen Süddeutschen Zeitung! Wer ist dargestellt? Viele werden sagen: „Das ist aber Jesus, wie ihn die Renaissance sah!“ Andere werden sagen: „Das ist aber Dürers Selbstbildnis aus dem Jahre 1500.“

Wer hat recht? Beide haben recht. Das Bild des Menschen schlechthin verschmilzt hier mit dem unverwechselbaren Selbstbild. In diesem Bildnis des Menschen selbst mögen Risse auftreten, es ist und bleibt aber sehr reisetauglich. Wiederfinden macht Freude.

Bach Matthäuspassion Textbuch

 Posted by at 12:15
Nov 232007
 

Zu später Stunde sendet mir ein Leser aus Berlin ein Gedicht Majakowskis mit der Bitte, eine Übersetzung der ersten Zeile zu liefern. Die erste Zeile lautet:

Себе, любимому, посвящает эти строки автор

Wohlan denn – mein Vorschlag zur Übersetzung lautet:

„Dem lieben Selbst widmet diese Zeilen der Autor“

 

Kommentar: Majakowski scheint hier jene typischen Widmungseinträge in Büchern auf die Schippe zu nehmen, etwa: „Dem lieben Wanja widmet diese Zeilen der Autor.“ Lustig, oder? Man könnte auch an die herrlich-ironische Wendung von Sigmund Freud denken: „Seine Majestät – das Selbst“.

Das ganze Gedicht von Majakowski könnt Ihr lesen, wenn ihr auf Kommentar zu diesem Eintrag klickt!

 Posted by at 01:25