Damit ihr nie vergesset, was deutscher Hass euch tut

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Sep 132017
 

Damit ihr nie vergesset, was meine Liebe tut… 

Dieses Kirchenlied Beim letzten Abendmahle war mir in meinen Kindertagen das liebste. Ich wurde erzogen in dem Glauben an einen verzeihenden, erbarmenden, gütigen Gott. Oft hörte ich: Gott liebt dich durch Jesus. Liebe auch du deinen Nächsten, wie es Jesus getan hat. Es gibt keine unvergängliche Schuld. Der gnädige Gott erbarmt sich deiner. Er erbarme sich unser und nehme von uns Schuld und ewigen Tod. Du darfst nach Verbrechen und Schuld wieder von neuem anfangen.

 

Und heute? Woran glauben die Deutschen? Was sollen wir Deutschen nie vergessen? Was dürfen wir nie vergessen?

 

Die prall gefüllte, ergiebige Seite 24 im heutigen Tagesspiegel gibt die unbestreitbare Antwort! Gute, kundige Besprechung der Übersetzung des neuen Buches von Christian Gerlach über den Mord an den europäischen Juden! Und auch das neue Buch von Sven Felix Kellerhoff wird angemessen durch Bernhard Schulz gewürdigt. Wieder einmal bestätigt sich: Die Jahre 1933-1945 sind der unvergängliche Kern, der strahlende Kohlenstoff, aus dem in alle Ewigkeiten hinein die Deutschen ihr Geschichtsbild schöpfen und umschöpfen. Nichts anderes hat daneben in der deutschen Geschichte Bestand. Daran darf nicht gerüttelt werden. Es ist VERBOTEN.

Generationen und Generationen von Historikern werden da weiterforschen und zu keinem Ende kommen. Das ist Deutschlands ewige Gegenwart, Deutschlands einziges ewiges Licht, Deutschlands Glutkern, Deutschlands unvergängliche, unauslöschliche, immerwährende Schuld und Verantwortung.

Deutsche Männer, deutsche Tücke,
Deutscher Wahn und deutscher Mord.

Dieses Böse dürfen wir nie vergessen, darauf läuft alles immer wieder zu! Das sind wir Deutschen.

Müssen wir Deutschen also die Deutschen hassen? Müssen wir Deutschen also das Deutsche hassen? Es sieht ganz danach aus!

So herrsche denn Thanatos, der alles begonnen!

Christian Gerlach: Der Mord an den europäischen Juden. Ursachen, Ereignisse, Dimensionen. Aus dem Englischen von Martin Richter. C.H. Beck Verlag, München 2017

Sven Felix Kellerhoff: Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder. Klett-Cotta, Stuttgart 2017

Besprochen heute in DER TAGESSPIEGEL

 

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Jun 052017
 

Keine schändlichere Todesart kannte das Römische Reich als die Kreuzigung. Nomen ipsum crucis absit non modo a corpore civium Romanorum, sed etiam a cogitatione, oculis, auribus, schreibt Cicero in seiner noch heute sehr lesenswerten Gerichtsrede Pro C. Rabirio. Die Kreuzigung galt – so geht aus dieser Rede hervor –  im römischen Strafrecht als besonders schmachvoll und entehrend. Keinem römischen Bürger – fordert Cicero – solle sie auch nur ansatzweise zugedacht werden, sie beraube ihn jeder Freiheit.

Für Sklaven, Aufrührer, Kapitalverbrecher und unterlegene Feinde galt zur Zeit Jesu die Kreuzigung als die Strafe der Wahl. Das Kreuz war zu Zeiten Ciceros und Caesars das Denkmal der Schande.

Als Denkmäler ihrer eigenen Schande (monuments to their own shame) bezeichnete zu recht Neil MacGregor, einer der drei Gründungsintendanten des Berliner Humboldt-Forums, die zahlreichen Mahnmale, mit denen die Deutschen der im deutschen Namen ermordeten Menschen gedenken; das bedeutendste unter ihnen ist zweifellos das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das sich nur einen Büchsenschuss vom neuen Humboldt-Forum entfernt befindet.

Was Neil MacGregor völlig zutreffend als Denkmäler der Schande bezeichnet hat, die kennzeichnend für den Umgang Deutschlands mit eigener Schuld seien, das ergänzt nun ein anderer Gründungsintendant des Humboldt-Forums, Horst Bredekamp, um ebenso zutreffende Betrachtungen zur kulturgeschichtlichen Bedeutung des Kreuzes. Auch das Kreuz ist ja ein Mahnmal der Schuld, ein Denkmal der Schmach, ein Symbol der Scham. Das Kreuz ist das überragende Denkmal der Schande des Menschen. Im Kreuz Jesu Christi erblickt der Mensch seine tiefste Erniedrigung. Das Kreuz ist für die Menschen ein Mahnmal ihrer eigenen Scham – a monument to their own shame.

„Kreuzige ihn“, dieser Ruf, in den wir alle einstimmen, wenn wir etwa die Matthäuspassion J. S. Bachs oder die Johannespassion von Thomas Mancinus singen, dieser Ruf führte mir erst vor wenigen Wochen im Karfreitagsgottesdienst wieder einmal in der Schöneberger Kirche St. Norbert vor Ohren, was damit gemeint ist: Wir alle haben diese Möglichkeit des Rufes nach Kreuzigung in uns. Wir alle haben das Zeug in uns, einen Menschen zu kreuzigen. Deshalb ist es richtig und sollte auch von allen Dirigenten so empfohlen werden, dass der Chor dieses „Kreuzige ihn“ mit Macht, mit teuflischer Lust an der Grausamkeit zu singen hat.  Gerade das Knirschen der beiden Konsonanten K und R ist aufs schärfste herauszuarbeiten! Es muss gleichsam in der Seele des Sängers knirschen und krachen. Es muss weh tun. Nietzsches Gott ist tot: ich, ihr, wir haben ihn getötet, Bachs Ich bin’s, ich sollte büßen, an Händen und an Füßen, diese nur scheinbar wahnsinnigen Schuldbekenntnisse drücken nichts anderes aus als den rituellen, symbolischen Nachvollzug der Gottestötung.

Der christliche Glaube ermöglicht im Zeichen des Kreuzes jedem Menschen, die schlimmsten aller Verbrechen, deren Anlagen in uns schlummern, ritualisiert nachzuvollziehen oder vielmehr vorwegzunehmen und sich dadurch vom Bann des Verbrechens zu befreien. „In der Tat, dies waren grausame Verbrechen. Und das schlimmste ist: Ich hätte sie ebenfalls tun können! Ich bin mir nicht sicher, auf welcher Seite ich gestanden hätte.“

Einen Augenblick lang – so meine ich – muss sich jeder Chorsänger in den Turba-Chor hineinversetzen. Er muss nachfühlen können, weshalb die Menge den Tod Jesu verlangt hat. Stärker noch: Er muss selbst den Tod Jesu am Kreuz verlangen. Und diese Einsicht führt zu einem dauernden, verstörenden Selbstzweifel.

Dieses Gefühl des äußersten Selbstzweifels, des in einem aufgerichteten Kreuzes, ist ein Grundzug der europäischen Leitkultur nach Golgatha. Diese eigene Schuldhaftigkeit zu erkennen, sich durch sie hindurchzuarbeiten, entfaltet eine verwandelnde Wirkung. Denn diese Erfahrung ist kein letztes. Es geht ja weiter!

Man mag diesen Selbstzweifel verwerfen, man mag diese radikale Selbstbefragung durch Entfernung aller Kreuze baulich ausmerzen. Man mag sagen: „Hurra, wir haben ja den Euro, wir kämpfen unermüdlich für die Geschlechtergerechtigkeit, wir haben den Klimavertrag, wir retten unaufhaltsam die Mutter Erde durch den Vertrag von Paris. Wir sind die Guten! Hurra, danke, dass wir nicht so sind wie diese da, all die pöbelhaften Plebejer!“

Dann hat man aber auch mit dem Kreuz einen Kern der europäischen Kultur baulich und symbolisch ausgemerzt. Man bewirkt das, was ich nicht umhin komme als Repaganisierung oder besser Entkernung der Leitkultur zu bezeichnen.

Belege:

Neil MacGregor: „Monuments and memories“. in: Neil MacGregor: Germany. Memories of a Nation. Published in Penguin Books 2016 (first published  by Allen Lane in Great Britain 2014), S. IX-XXIII, hier S. XXIII

Horst Bredekamp: „Das Kreuz ist der aufgerichtete Zweifel an sich selbst“. Die Welt, 04.06.2017
https://www.welt.de/kultur/article165221092/Das-Kreuz-ist-der-aufgerichtete-Zweifel-an-sich-selbst.html

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Apr 052017
 

Gutes, dankbares, weidliches Nachblättern im Sündenbock, den uns René Girard geschenkt hat!  Dieser Autor ist einer der wenigen Kulturwissenschaftler unserer Jahre, die es wirklich auf sich genommen haben, die Evangelien genauestens anzuhören, sie wieder und wieder zu lesen, im griechischen Original ebenso wie in den verschiedenen modernen Sprachen. Er empfiehlt sogar, mithilfe des Sich-Versenkens in den Wortlaut der Evangelien andere Sprachen von innen zu erkunden, wenn er sagt:

Quand on connait les Évangiles, leur traduction dans une lange inconnue est un excellent moyen de pénétrer, à peu de frais, dans l’intimité de cette langue.

Zentral ist bei diesem Bemühen für Girard die Passionserzählung, insbesondere in der Fassung des Johannes, des vierten Evangelisten; ihr widmet er zwei ganze Kapitel seines Büchleins. Die Verurteilung und Hinrichtung Jesu deutet Girard als den Widerhall, die Überbietung, die Zusammenfassung und die Überwindung aller bisherigen Opferungen.

Hart in der Nähe des weltberühmten Mahnmals,  mit dem deutsche Erinnerungskultur sich ein Denkmal gesetzt hat, fügen wir noch einige unvorgreifliche Gedanken an, die sich aus einigen Gesprächen mit Holocaustforscherinnen und -forschern meiner Bekanntschaft ergeben haben:

Das übliche, in der judengriechischen Bibel, der Septuaginta hunderte Male vorkommende Wort für die ganzkörperlichen Opfer ist der Holokaust, die Holokausts (meist im Plural ὁλοκαυτώματα / holokautomata verwendet). Wer hätte das gedacht, dass die prophetischen Bücher der jüdisch-griechischen Bibel so oft von den Holokausts sprechen und den ständigen, zunehmend trivialisierten Bezug auf die Holokausts wieder und wieder verwerfen und zurückweisen!

Hier nur ein Beispiel für viele mögliche andere, entnommen  aus Buch Amos 5:

21μεμίσηκα ἀπῶσμαι ἑορτὰς ὑμῶν καὶ οὐ μὴ ὀσφρανθῶ ἐν ταῖς πανηγύρεσιν ὑμῶν·

22διότι καὶ ἐὰν ἐνέγκητέ μοι ὁλοκαυτώματα καὶ θυσίας ὑμῶν, οὐ προσδέξομαι αὐτά, καὶ σωτηρίου ἐπιφανείας ὑμῶν οὐκ ἐπιβλέψομαι.

Wir halten fest: Mehrfach hat er sich in den Schriften des Judentums über den Mund der Propheten (etwa Amos, etwa Jeremias) beschwert, dass die Menschen ihm mit ihren Holokausts in den Ohren lägen. Ich mag eure Holokausts nicht mehr, ich kann sie nicht mehr riechen, spricht er.

Nach diesem Tod Jesu, so die Deutung, die bereits der Brief an die Hebräer vorgeformt hatte, werden vollends nicht nur die ritualisierten Tieropfer entbehrlich, vielmehr wird jedes weitere ganzkörperliche Opfer überflüssig; kein einzelner muss mehr sterben, damit das Volk leben kann. Das Leiden als solches um eines höheren Zieles willen ist nichts, womit man Gott beeindrucken könnte.

All die Opfer, mit denen die Menschen Gott in den Ohren liegen, werden nach Golgatha überflüssig.  Das Geschehen am Golgatha ist das letzthinnige Opfer; danach wird der Opfergedanke entkräftet; kein Mensch soll mehr geopfert werden, kein Mensch soll mehr sterben für ein größeres Ziel; Gott will keine ganzkörperlichen Opfer mehr! Wir werden vom Gedanken der Opferung befreit oder erlöst, wobei Befreiung und Erlösung häufig als Synonyme auftreten.

Nur noch die Erinnerung an das letzthinnige Opfer, der ritualisierte, symbolische Nachvollzug, der bleibt, in der Sprache, in den Sprachen, im Wort, in den Künsten, im Gespräch.

 

René Girard: Le Bouc émissaire. Grasset, Paris 1982; darin insbesondere: Les maîtres mots de la passion évangélique, S. 151-167; Qu’un seul homme meure…, S. 167-186. Zitat hier: S. 227

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Sep 292015
 

Ein paar Gedanken mögen sich hier anschließen, wie sie mir im Nachklang des Abends in der Katholischen Akademie vom letzten Donnerstag einfallen:

1. Die Sprachlichkeit der Leib-Rede, die Leiblichkeit des gesprochenen Wortes wurde im Vorbeigehen belichtet. Begriffe wie Vergleich, Metapher, Symbol, Sakrament tauchten immer wieder auf.

2. Welche Bedeutung hat das Glauben für die Ein-Leib-Metapher? Die Metapher verlangt als solche keinen Glauben, sondern ein Verstehen. Metaphern sind Stilmittel der Rede, mit denen der Sprechende eine Wirkung erreichen will. „So wie der Körper viele Organe hat, so hat auch das Gemeinwesen viele Organe, deren jedes seine ihm zugewiesene Funktion hat. Der Magen kann nicht sagen: Ich mache nicht mehr mit. Er muss seinen Dienst als Magen verrichten, damit es allen Organen gut geht.“  So überzeugte, oder besser: „überredete“ Menenius Agrippa im Jahr 494 v. Chr. die unzufriedenen Plebejer.  Sie kehrten in die Stadt Rom zurück. Er verwendete die Metapher – „ein gutes Gemeinwesen ist wie ein einziger Leib“ – dieses eine Mal als Mittel im Dienste der Überzeugungsarbeit. Er setzte damit aber kein wiederholbares sinnstiftendes Zeichen, er stiftete kein Sakrament und keinen Ritus.

3. „Das ist mein Leib“ (Mt 26,26), diese Worte sind nicht als Metapher zu verstehen und auch nicht als Symbol. Sie sind vielmehr ein „Zeichen höherer Art“, das durch eine sprachlich verfasste Tathandlung „gesetzt“ wird; der übliche Ausdruck für ein derartiges gesetztes oder „eingesetztes“, „gestiftetes“ Zeichen höherer Art, das im Vollzug des Ritus wiederholbar wird, lautet Sakrament.

4. Sakramente sind im Gegensatz zu Metaphern wiederholbare, stets an den sprachlichen Vollzug gebundene Handlungen, die über die Metapher hinausweisen. Sakramente, „geheiligte Tathandlungen“ also, sind nicht bloß metaphorisch zu verstehen, sondern reichen jenseits der Metapher hinaus. Ihr Reich ist gewissermaßen „nicht nur von dieser Welt“.  Sie sind – sofern man sie glaubt und in ihnen lebt – eine Wirklichkeit jenseits der sprachlich abbildbaren Wirklichkeit, also eine „nur“ geglaubte, „nur“ gelebte Wirklichkeit.

5. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat wie Pasolini diesen Schritt über die Grenzen der metaphorischen Rede hinaus versucht, aber – im Gegensatz zum Künstler – vorerst nicht vollzogen. Wenn er einerseits schreibt: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ und dann weiterschreitet: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische„, dann entzog sich ihm, als er den Tractatus logico-philosophicus verfasste, noch der Sinn für den Vollzugscharakter des Sprachhandelns, also das „Performative“, wie man modischerweise heute sagt.

6. L’umanità di Cristo è spinta da una tale forza interiore, da una tale irriducibile sete di sapere e di verificare il sapere, senza timore per nessuno scandalo e nessuna contraddizione, che per essa la metafora «divina» è ai limiti della metaforicità, fino a essere idealmente una realtà.

Von den „Grenzen des Metaphorischen“ schreibt Pasolini am 12. Mai 1963 an Alfredo Bini.  Ein großes Zeugnis einer großen Liebe: „… amando così svisceratamente il Cristo di Matteo…“ Irgendwann wird seine Stunde kommen. Wann? Wir wissen es nicht.

Quellen:

Ludwig Wittgenstein: Tracatatus Logico-Philosophicus, o.O., o.J., Sätze 5.6, 6.522
http://tractatus-online.appspot.com/Tractatus/jonathan/D.html

Brief Pier Paolo Pasolinis an Alfredo Bini vom 12. Mai 1963, zitiert nach: Gianni Borgna u.a. (Hrsg.): Pasolini Roma. Verlag Skira, Roma 2014 [Ausstellungskatalog], Seite 167

 

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Misère de l’Europe sans Dieu. Michel Houellebecqs Unterwerfung

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Aug 202015
 

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Die am letzten Samstag erfahrene Begegnung mit dem stummen geheimnisvollen Leser von Houellebecqs Soumission in der Eisenbahn nach Jacobsthal  und dann die Busfahrt nach Müllrose ermunterten mich, dieses Buch selber in 2 Tagen durchzulesen. Um es gleich zu sagen: Ich halte es für ein großes, ein geniales, ein wichtiges, dunkel strahlendes Buch. Eine blühende Rose im Müll! Eine politische Satire, bei der man häufig laut auflachen muss, ein groteskes, allzuwahres Portrait einer Gesellschaft ohne Gott, eines Europa ohne Geist.

Misère de l’homme sans Dieu, misère de l’Europe sans l’Esprit!

In seinem Sog erlebte ich Neugier, Erwartung, Trauer, Schmerz. Im Zentrum steht die Suche eines nur in sich selbst verstrickten Menschen nach dem Du, die Verzweiflung eines im Ich gefangenen Menschen ohne Gott, der die Annäherung Gottes verzweifelt sucht und der den sich annähernden Gott dann ausschlägt. Er – und mit ihm die ganze Gesellschaft – unterwirft sich ersatzweise einer trügerischen Gewissheit in der Unterwerfung unter eine halbverstandene bequeme Religion, die ihm Macht, Wohlstand, Frauen, Reichtum und Ewigkeit verheißt.

Zentral für diese Deutung ist also nicht die Politik, sondern die Religion, genauer: das in der Mitte des Buches stehende Erlebnis  einer versuchten Begegnung mit Maria. Houellebecq schreibt: „La Vierge attendait dans l’ombre, calme et immarcescible. Elle possédait la suzeraineté, elle possédait la puissance, mais peu à peu je sentais que je perdai le contact…“ – „Die Jungfrau wartete im Schatten, ruhig und unverwüstlich. Sie strahlte eine gesammelte Hoheit aus, eine bannende Macht, aber nach und nach spürte ich, dass ich den Kontakt verlor.“

Der Betrachtende kommt in Rocamadour jedoch nicht aus seinem reichen kulturellen Wissen über das „Christentum“ heraus. Er weiß zu viel über das Christentum. Ständig schiebt sich das Christentum vor Jesus Christus. Das ganze europäische Christentum versperrt ihm die Begegnung mit dem nächsten Menschen und folglich auch mit Jesus. Er ist nicht bereit, sich auf Maria und Jesus einzulassen. Ihm schwirren beständig Nietzsche, Péguy, Huysmans, Huizinga, das „christliche Mittelalter“, sein gesamtes historisches und politisches Wissen und Herr weißt-du-denn nicht und Frau hast-du-nicht-gelesen durch den Kopf. Sein Kopf ist voll, sein Herz ist leer. Er WUSSTE ZUVIEL. Sein Wissen trennt ihn von sich selbst und von den anderen Menschen, insbesondere von seiner Freundin Myriam, die ihn verlässt und nach Israel übersiedelt. Myriam? Das wäre ja seine Maria für ihn gewesen. Maria ist ja in Myriam. Gespenstisch!

Beklemmend ist auch das völlige Fehlen von Kindern im gesamten Buch. Der unfertige Mensch, der kleine Mensch, das ungeborene Buberl, das sich in der Begegnung zwischen der Base Elisabeth und Maria durch ein Hüpfen bemerkbar macht – das KIND interessiert dieses ICH nicht. Selbst in Jesus vermag er nur den erwachsenen Mann zu sehen. Er sieht nicht das Kind.

Das ICH verweigert sich dem DU. Der Erwachsene verweigert sich dem Kind. Der Mann verweigert sich der Frau. Der Sohn verweigert sich dem Vater.  Der Vater verweigert sich dem Sohn und stirbt, ohne dass die beiden sich vor dem Tod je wiedergesehen hätten. Der Mensch verweigert sich dem Menschen. Darin sehe ich die Tragik in diesem von der ersten bis zur letzten Seite inspirierten, genialen, komischen, satirischen, zum Totlachen lustigen und lächerlich traurigen Buch.  Eine glasklare, messerscharfe Analyse unserer EU-Gesellschaften. Unbedingt empfehlenswert!

Aus der Verweigerung des Du entspringt sekundär der Impuls zur Unterwerfung unter ein fix und fertiges Lehrgebäude, wie es der Islam dem Frankreich des Jahres 2022 zu bieten scheint. Ist also alles zu spät? Ist der Zug auf der Müllhalde der europäischen Geschichte abgefahren?  Die Europäische Union scheint ja mittlerweile ihre Ersatzgewissheit nicht in der Unterwerfung unter den Islam, sondern in der Monetären Union, im verehrten Euro gefunden zu haben. Und was gibt es sonst noch?

Bei einer Wanderung in Südtirol bestieg ich vor wenigen Wochen von Vahrn im Eisacktal hochwandernd die Karspitze. Nach drei Viertel des Wegs machte ich Rast auf der Ziermait-Alm. Dort sah ich eine kleine Marienstatue. Kunstgeschichtlich sicherlich unbeachtlich. Sie steht in keinem Reiseführer. Und doch – wie schön!

La Vierge attendait dans l’ombre, calme et immarcescible. Elle attendait, et elle attend toujours.

Nachweis:
Michel Houellebecq: Soumission. Paris, Flammarion 2015, hier bsd. S. 164-170
Bild: Maria auf der Ziermait-Alm

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Ein Volk, eine Einzigartigkeit, kein Gott: Deutschland

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Apr 222015
 

Der Mönch Adso von Melk berichtet in dem Namen der Rose von dem einzigen Ereignis, das unbestreitbar und unleugbar sei – die unumkehrbare Wahrheit, la verità incontrovertibile, von dem das süße Psalmodieren der Mönche im Kloster summt und singt. Welches ist nun dieses Ereignis, die einzige ereignete Wahrheit, auf der der Glaube dieser Mönche in der Erzählung Umberto Ecos gründet?

Wir vermuten: Es ist die Botschaft von Gottes eingeborenem Sohn, der filius unigenitus, Jesus Christus, dieses für die Christen aller Zeiten so einzigartige Ereignis, die Geschichte von Leben, Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu Christi, welche nach den Worten des Geschichtsphilosophen Hegel die Weltgeschichte in ein Vorher und ein Nachher trennt.

Für die gläubigen Christen aller Zeiten (sie sind stets eine Minderheit gewesen und sind es in Deutschland heute mehr denn je) gibt es dieses eine, einzigartige große Ereignis – die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, die Menschwerdung Gottes in jedem einzelnen Menschen, der heute und morgen geboren wird: Weihnachten.

Die Kreuzigung Jesu ist für die Christen das exemplarische Menschheitsverbrechen schlechthin: schuldlos und grundlos hingerichtet wegen seines So-Seins, wegen seines Anders-Seins: Karfreitag.

Christus ist auferstanden: Die Auferstehung Jesu Christi ist das einzige einzigartige Ereignis für den Adso von Melk, für Johannes den Evangelisten, ja sogar für den Apostel Petrus: Ostern.

Alle anderen Ereignisse erscheinen im Spiegel dieses Heilsgeschehens wie ein Reflex, wie eine Steigerung, Wiederholung, Abwandlung oder Anverwandlung dieser einzigartigen biblischen Geschichte. Abwendung von Jesus Christus bedeutet Leugnung der Einzigartigkeit dieses Ereignisses. Die Einzigartigkeit Jesu Christi wurde im Christentum hunderttausendfach besungen, bebildert, verankert, seine Botschaft der Einheit und Einzigartigkeit von Gottes- und Menschenliebe wurde von früh bis spät gesungen, gepredigt, vorgelebt und nachgeahmt. Das ganzkörperliche Opfer Christi (im Judengriechisch also der Holokaust Jesu Christi) wird gedeutet als Vorspiel und Nachspiel jeder anderen Hinmetzelung von Menschen.

Genau diese Einzigartigkeit eines Ereignisse wollen nun die Fraktionen von CDU und SPD vereinnahmen für ein Ereignis des 20. Jahrhunderts: den Holokaust, besser die vielen, vielleicht 6 Millionen Holokausts der europäischen Juden in den Jahren 1942-1945. Diese 6 Millionen Holokausts werden durch diese neuartige pseudopolitische Ersatztheologie des Bundestages zum Substitut des früheren Glaubens der Christen an die Einzigartigkeit von Kreuzestod und Auferstehung!

Die Holokausts (der Holokaust) werden zum begründungslosen, nicht befragbaren, unhintergehbaren Kristallisationspunkt deutscher Identität. Der Holokaust wird in Deutschland immer stärker zum übergeschichtlichen Ereignis verklärt, wird tausend- und abertausendfach beschworen, bebildert, wiederholt und rituell verteidigt, durch strafrechtliche Leugnungsverbote eingehegt.

Wir zitieren beispielhaft aus dem neuesten Beschlussentwurf des Bundestages (Hervorhebung durch uns):

In dem neuen Text von Union und SPD im Bundestag steht nun, 1915 habe das damalige türkische Regime mit der planmäßigen Vernichtung von mehr als einer Million Armenier begonnen. Wörtlich heißt es: „Ihr Schicksal steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen und der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist. Dabei wissen wir um die Einzigartigkeit des Holocaust, für den Deutschland Schuld und Verantwortung trägt.“

Auffallend: Nicht Nazi-Deutschland, nicht die deutschen oder besser europäischen Mörder von damals trugen nach Meinung des Bundestags individuelle Schuld, sondern ganz Deutschland trug damals und trägt auch heute und fürderhin weiterhin Schuld. So sehen das die Fraktionen von CDU und SPD im Deutschen Bundestag. Also tragen alle Deutschen Schuld am Holokaust – auch Thomas Mann, auch Paul Gerhardt, auch Albert Einstein, auch die deutschen Juden von damals und heute, auch Margot Käßmann, alle alle alle Deutschen sind schuldig in alle Ewigkeit.

Es ist eine reizvolle Aufgabe nachzuvollziehen, wie der ehemals verstandene Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes nunmehr in der deutschen Gesellschaft und im Deutschen Bundestag durch einen universal durchgesetzten, nicht mehr bezweifelbaren Holokaust-Bezug ersetzt werden soll.

Eine Gesellschaft wie die unsrige, die mit dem Gedanken der Einzigartigkeit der Menschwerdung Gottes nichts mehr anfangen kann, hat sich eine felsenfeste Ersatzgewissheit gesucht und gefunden und schickt sich an, an diesem Freitag durch den deutschen Bundestag die Einzigartigkeit deutscher Schuld, die Unvergänglichkeit der Schuld Deutschlands auf alle Zeiten in Stein zu meißeln.

Während das Judentum und das Christentum Religionen des Lebens sind, möchte der Deutsche Bundestag offenbar eine absolute Religion des Bösen, eine dauerhafte Fixierung an die Gewissheit kollektiver, völkischer Schuld verkünden: die Holokaustbindung der Bundesrepublik Deutschland wird so zur leibhaftigen Religion des Todes.

Es ist reizvoll zu erkennen, dass der Bundestag ein zutiefst reliöses Wort aus dem alexandrinischen Judengriechisch übernimmt, um dem Holokaust eine abgründige, sakrale Würde zu verleihen. Diese Sakralisierung des abgrundtief Bösen ist spiegelbildlich verkehrt zur Banalität des Bösen, von der Hannah Arendt sprach.

Für den Deutschen Bundestag tritt wohl am Freitag der Holokaust des europäischen Judentums als Ersatzmythos an die Stelle des weithin verdrängten und vergessenen früheren Glaubens an den Menschen Jesus Christus. Statt an den auferstandenen Menschen Jesus Christus glauben sie an den immer zu besiegenden Teufel, sie glauben, dass Deutschland die Inkarnation des Bösen darstellt.

via Genozid: Merkel nennt Massaker an Armeniern nun doch Völkermord – DIE WELT.

 Posted by at 22:51
Apr 222014
 

2014-03-30 13.55.50Die Ostertage fanden mich häufig den Zug wechselnd, häufig das Gefährt und die Gefährten wechselnd, wandernd, reisend, redend, singend, feiernd. Hier mit einigen Tagen Verspätung nachgereicht ein Gespräch, das ich am vergangenen Samstag im ICE 1525 irgendwo zwischen Jena und Nürnberg aufzeichnete:

Karsamstag ist es heute, der Tag der Grabesruhe, der Tag des stillen Nachdenkens. Ein unbezwingliches Verlangen trieb mich am Gründonnerstag in die Berliner Philharmonie. Enoch zu Guttenberg würde dort um 20 Uhr die Matthäuspassion Johann Sebastian Bachs dirigieren. Ich wollte erfahren, ob verschiedene Vermutungen, die ich am Nachmittag fiedelnd und summend zur Gestalt des Petrus und zur fundamentalen Bedeutung der Ungläubigen für die Gläubigen angestellt hatte, eine Art Widerhall oder eine Art Widerspruch finden würden.

Guttenberg fasst die Matthäuspassion als rauhe See mit gelegentlicher Windstille, als durch und durch aufgewühlte, von Rubati, von Affekten, gestoßenen Rufen und gezogenen Klagen durchzogene Klangrede. Gelebte Rede, wirkendes Wort! Das Wort trägt und gestaltet alles. Die Musik ist nichts anderes als eine ins Unermessliche verstärkte Rede. Es geht nicht um „Kunstgenuss“ des Bildungsbürgertums, das immer noch weiß oder zu wissen glaubt, was „der Deutsche an seiner Matthäuspassion hat“, um Norbert Elias verkürzt wiederzugeben. Nein, die Aufführung strebt den sinnlichen, leibhaftigen theatralischen Nachvollzug eines Geschehens an, das den ganzen Menschen verhandelt, behandelt, durchwalkt, aufstört, annagelt, zerlegt und heilend wieder zusammensetzt.

Das getragen Schreitende, das gravitätisch Gemessene, das mir noch aus den eigenen Aufführungen in den Ohren hängt, ist fast völlig verschwunden. Die tiefe Frömmigkeit, welche üblicherweise in die Choräle, die „schimmernden Barockjuwelen“, hineingelegt wurde, ist restlos geschwunden. Ein Beispiel vom Beginn (Choral Nr.3):

Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen,
Daß man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?

Selbst innerhalb von 8 Takten stößt, bedrängt, zieht Guttenberg den Chor und setzt dabei jedes einzelne Wort, jeden einzelnen Satz in ein neues Licht. Der Chor „kriegt sich nicht ein“ – er ist nach dem klar erkennbaren Willen des Dirigenten vollkommen aus dem Häuschen. Es fehlt dem Chor – das Selbstverständliche, es fehlt das Schwelgerische, es fehlt der bunte gewebte Klangteppich der dekorativen Bach-Aufführungen, die auch heute noch immer wieder schimmernd erklingen. Alles wird neu errungen, alles wird neu aus der Taufe gehoben.

Rasche, häufige Tempi-Wechsel, klares Herausarbeiten der Zentralität des Wortes, das sich des Klanges bedient. So hörten wir das am Gründonnerstag.

Daneben gab es aber doch einige herausgehobene Ruhe- und Haltepunkte. Deren erster war die Szene der wechselseitigen Erkenntnis zwischen Judas und Jesus im Rezitativ Nr. 11.

Bin ich’s Rabbi?
Er sprach zu ihm:
Du sagest’s.

Unterlegt wird der kleine Dialog des Einverständnisses durch einige eher triviale Harmonien in g-Moll, ausgeführt durch das Continuo mit Streichern. Hier staunte ich: Das Tempo der Achtelakkorde wurde durch den herrischen Stab des Dirigenten ins Zeitlupenhafte, ins fast Elysische gedehnt. Ich meinte eine Verlangsamung sondergleichen zu hören. Eine der langsamsten Stellen des ganzen Abends! Es war die vollkommene Harmonie, hinsinkend aus dem verminderten Akkord auf der Dominante hinab ins ruhige, smaragdgrün leuchtende g-Moll. Grundstufe g-Moll! Tiefes, tiefes G im Kontrabass. Ein tiefes tiefes Geh! Geh! Geh! war da herauszuhören. Eine klare Ausdeutung, die Guttenberg hier liefert: Zwischen Judas und Jesus bestand laut dieser Aufführung ein tiefes, inniges, zum Frieden führendes Einverständnis: Geh! Geh! Geh!  Judas ist gewissermaßen ein verlässlicher Mitspieler in diesem Drama. Er tut, was ihm gesagt wird, er sucht seine Rolle und führt sie dann „untadelig“ aus. Ein Verräter, der die Wahrheit des Verrats vorher offen verkündet. Meeresstille – , ein letztes Atemholen, eine untrügliche Ruhe vor dem Sturm!

Judas erscheint hier überhaupt in einem neuen Licht. Während Petrus, die Jünger, Pilatus und das Volk mehr oder minder ratlos und haltlos getrieben, vom Dirigenten gepeitscht und oft auch unberechenbar agieren, ziehen Judas und Jesus ihre Handlungslinien als einzige ohne Schwanken und ohne Zweifel durch. Jesus und Judas sind die beiden Zuverlässigen unter all den Unzuverlässigen. Verlässlichkeit – wie man sie von einem Freund erwartet. Nicht zufällig ist Judas im gesamten Neuen Testament der einzige Jünger, den Jesus mit dem Ehrentitel Freund anredet (Rezitativ Nr. 26):

„Mein Freund, warum bist du kommen?“
Eine andere Lesart sagt:
„Mein Freund, darum bist du gekommen?“

Und noch eine zweite glatte, friedliche See zeichnete diese Aufführung. Es ist der Chor des römischen Hauptmannes und seines Volks (Nr. 63b):

Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.

Die tiefe Seelenruhe, der erlösende Friede im Glauben an den Menschensohn, der Gottes Sohn gewesen ist, trat mit überwältigender Kraft in den wenigen Tönen der ungläubigen, der außenstehenden Zeugen zutage. Diese Stelle war die zentrale Stelle dieser Aufführung. Sie war der entscheidende Schlusspunkt.

Alles andere, was noch danach kam, war schon Nachgesang, war Rückführung ins Hier und Jetzt, war tänzerischer Kehraus, bis hin zum beschwingten Menuett des Schlusschors (Nr. 68): „Wir setzen uns mit Tränen nieder.“

Nun, diese Tränen flossen reichlich herab, sie hatten eine befreiende, reinigende Wirkung. Sie waren schon sehr schön – sehr schön inszeniert. Sie standen im Herabfließen schon nicht mehr auf der Höhe des „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.“

Die Chorgemeinschaft Neubeuern, der Tölzer Knabenchor, das Orchester der KlangVerwaltung, die Solisten Carolina Ullrich (Sopran), Olivia Vermeulen (Alt), Daniel Johannsen (Evangelist), Manuel König (Tenor), Falko Hönisch (Christus) hoben unter der Stabführung Enoch zu Guttenbergs die Matthäus-Passion – ein Werk, das ich zu kennen glaubte, zumal ich es seit Kindheitstagen mehrmals selbst mitgesungen und mitgespielt hatte – völlig neu aus der Taufe.

Fulgebat crucis mysterium – das unerschöpfliche Geheimnis des Kreuzes trat völlig neuartig hervor in der Berliner „Philharmonie“ – wörtlich übersetzt: Harmonie der beiden Freunde.  Zentralität des Wortes, Zentralität der Jesus-Judas-Beziehung sind in meinen Ohren die tragenden Einsichten dieser erschütternden Darbietung gewesen. Und dafür danke ich am heutigen Tag der Grabesruhe allen, die dabei geholfen haben.  

Bild: Ein Blick auf den Altar und in die Apsis der Klosterkirche zu Zinna (am Teltower Fläming-Skate-Rundkurs). Das Altarbild dürfte etwa auf 1703 zu datieren sein, also in etwa auf die Entstehungszeit der Matthäus-Passion. Die Ausmalung der Apsis geht etwa auf 1900 zurück. Die Kirche selbst gilt als eine der besterhaltenen Zisterzienserkirchen im nördlichen Deutschand. Aufnahme vom 30.03.2014

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Mach das und du wirst leben

 Jesus Christus, Novum Testamentum graece  Kommentare deaktiviert für Mach das und du wirst leben
Apr 062013
 

2013-03-24 11.23.59

„Mach das und du wirst leben.“ τοῦτο ποίει καὶ ζήσῃ. So steht im Lukasevangelium Kapitel 10, 28.

Wir erinnern uns: Die Anfrage des Schriftkundigen richtete sich darauf, wie er Anteil am ewigen Leben erlangen könnte.  Statt einer Auskunft fragt Jesus zurück:

Ἐν τῷ νόμῳ τί γέγραπται; πῶς ἀναγινώσκεις;

„Was steht in der Weisung geschrieben? Wie liest du?“ Gemeint ist in dieser persönlich zugespitzten Frage: „Wie liest du persönlich die Torah? Was zählt für dich persönlich?“ Der Schriftgelehrte gibt seine Antwort: das Gebot der Gottesliebe und das Gebot der Nächstenliebe stehen für ihn als direkt gefragte Person ganz oben. So steht es auch vorher bereits in der Bibel bis zum heutigen Tag, 5. Buch Mose (Deuteronomium) 6,5 mit dem Gebot der Gottesliebe und 3. Buch Mose (Levitikus) 19,18,  mit dem Gebot der Nächstenliebe.

„Du hast richtig geantwortet. Mach das und du wirst leben.“

Das kann bedeuten: Tu es einfach, tue das, was du aus deiner Wahl heraus für das Gebotene hältst. Tue das, woran du glaubst, und alles andere, wonach du strebst, wird folgen. Wieder so eine unerhört knappe, geradezu atemberaubend theoriefreie Antwort, die uns heute wohl ebenso fassungslos zurücklässt wie damals die ersten Hörer, die uns aber weiterhin beflügeln kann. Gefordert sind also nicht weitere Worte, sondern Handlungen.  Nicht Bekenntnisse, kein gescheites Reden, sondern Handeln aus der Einsicht in das, was geboten ist.

Das Gebot der Nächstenliebe wird hier in dieser Begegnung nicht vom Meister auferlegt, vielmehr soll der Fragende durch Besinnung auf das, was für ihn zählt, das Wesentliche selbst herausfinden und dann danach handeln.

Mach das und du wirst leben.

Bild: Eine Brücke über einen winterlichen Bach in Spandaus Eiskeller

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Dez 252007
 

heiligabend.jpg Hoch oben auf der Empore der Heilig-Kreuz-Kirche, auf den Treppenstufen hockend – denn es war kein Platz auf den Bänken – höre ich mir die Botschaft an:


„Habt keine Angst!“ Unser Kind schwirrt auf eigene Faust im gewaltigen Kirchenraum umher. „Habt keine Angst!“ Zuhause suchte und fand ich einen zeitgenössischen Deuter, der diese Freudenbotschaft, deren Verkündung ein Teil der Menschheit heute begeht, ganz wesentlich als Befreiung von Angst deutet. Von der Angst, die in mannigfachen Gestalten unser Dasein wesentlich bestimmt. Es ist Eugen Drewermann. Ich habe mir seinen Kommentar zum Johannes-Evangelium entliehen. Drewermann schreibt:

Verständlich machen lässt sich die „neue Wirklichkeit“ (Paul Tillich), die mit der Person Jesu in die „Welt“ getreten ist, wohl nur, wenn man sowohl individualpsychologisch als auch sozialpsychologisch die Mechanismen freilegt, die im Felde der Angst das gesamte Dasein des Menschen und seine Weltauslegung verformen. „In der Welt habt ihr Angst; aber faßt Mut: ich – besiegt habe ich die Welt“, sagt der johanneische Jesus (Joh 16,32).

Eugen Drewermann: Das Johannes-Evangelium. Bilder einer neuen Welt. Zweiter Teil: Joh 11-21. Patmos Verlag, Düsseldorf 2003, S. 8

Alle Weihnachtslieder singe ich mit, doch bricht mir manchmal die Stimme.

Ich werde gerade in diesen von Lohnarbeit freigestellten Tagen meine Studien zum griechisch verfassten Neuen Testament fortsetzen und beständig immer wieder in die dionysische Welt des Aischylos eintauchen. Höchst bemerkenswert, dass Drewermann wieder und wieder eine Nähe des Johannes-Evangeliums zum Dionysos-Kult zu belegen meint.

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