Dez 232016
 

Aus meiner winzig kleinen fränkisch-schwäbischen Wandergruppe erreichte als Geschenk mich am ersten Dezember ein guter treuer Gefährte für diesen Monat: der Europa-Besinnungs-Adventskalender. Er steht im Bunde mit europäischen Heiligen und Verbrechern, mit europäischen Künstlern, mit Europas Städten und Europas Ländern, er schweift von Nord nach Süd  alles ab, er spürt den feinsten Verästelungen des Lebens nach, er bietet Schokolade und Poesie, Reiseführer für Polen, er kennt Kyrill und Method, Rätselkrimis und Johannes vom Kreuze. Jeden Tag erfreute er mich mit einem in Knittelversen gereimten Merk- und Denkspruch und einem kleinen, aufmerksam gewählten Geschenk.

Ein Beispiel? Das brachte uns der Adventskalender am 9. Dezember:

Denkspruch am 9. Dezember:

Der 9. Dezember ist der Gedenktag des Abel.
Als Kain den Erfolg Abels nicht mehr ertragen,
hat er seinen Bruder erschlagen –
oder ihn gar mit einem Pfeil niedergestreckt?
Das wird ein Rätsel bleiben für uns –
nur Gott hat die Wahrheit entdeckt.

Geschenk am 9. Dezember:
Andreas Venzke: Ötzi. Die Verfolgungsjagd in der Steinzeit. Ein Rätselkrimi. Bilder von Alexander von Knorre. Arena Verlag Würzburg, 3. Auflage 2015

Morgen wird der gute Kalender sein letztes Geschenk hergeben. Zeit, kurz Rückschau auf all das Geschenkte und Gelehrt zu halten!

Versuchen wir es ebenfalls in Knittelversen!

O Kalender, dreiundzwanzig Tage lang
Hast Du mir jeden Morgen eine Freude gemacht,
Und wenn ich traurig war, hast du mich angelacht.
Nie war dir bang,
Du gabst mir alles, was du hast,
Du lagst auf Lauer ohne Hast.
Wenn ich in trüber Morgensupp zum Tag hinüberschwamm,
Erzähltest du Geschichten, die du aufgesogen wie ein Schwamm,
Und vergaukeltest mir manchen Tag,
Wenn ich dankbar dir zu Füßen lag.

Europas Heilige verehrst du wie kein zweiter,
Sie sind Sprossen dir auf deiner Himmelsleiter,
Nicht Geld und Zinsen, Bank und Konvergenzen,
Sind Kerneuropa, überschreiten Grenzen –

Nein, die Wandrer sind’s, die Lehrer, die Gestalter,
Unsichtbarer Schätze Mehrer und Verwalter,
An sie hast du uns stets herangeführt,
Behutsam horchend ihnen nachgespürt;

Mit kluger Hand gewiesen und gelehrt;
Die Herzen auf den rechten Weg gekehrt,
Durst, Kälte, Hitze, Hunger abgewehrt,
Und dann zum Schluss noch meinen Klagen zugehört.

Europa-Besinnungs-Adventskalender
morgen, am 24. Dezember, endet unser gemeinsamer Weg:

Ich danke Dir!   

 

 Posted by at 23:50
Feb 242016
 

Martinus dixit: „Odium sui rimanebit usque ad introitum caelorum!“
Ego ex eo quaesivi: „Unde istud odium tui christianum, o Martine?“

„Woher kommt dein christlicher Selbsthaß, Martin?“ So fragt‘ ich, als ich vor einigen Wochen in einer 1-tägigen Sonderausstellung der Berliner Staatsbibliothek Martin Luthers vierte, erstmal lateinisch zu Wittenberg niedergelegte These in einem frühen Nürnberger Originaldruck des Jahres 1517 erblickte. Die vierte Wittenberger These sprang mich mit Macht an! Da läuteten alle Glocken in mir!

Denn Theodor Lessing veröffentlichte 1930 in deutscher Sprache ein Buch des Titels „Odium sui hebraicum“, zu deutsch also „Der jüdische Selbsthaß“, erschienen im Jüdischen Verlag zu Berlin. Dies ist die erste Glocke!

„Deutschland verrecke!“, „Nie wieder Deutschland, nie wieder Krieg!“, so habe ich es im 21. Jahrhundert jahrelang in Berlin-Friedrichshain gehört und gelesen, und zwar im öffentlichen Raum, ungestraft, ungescheut las ich es und hörte ich es, niemand machte darob ein Aufhebens. Der deutsche Selbsthaß ist keine Legende, nein, er ist eine Tatsache, die einen geradezu mit Macht anspringt. Durch die Zerstörung Deutschlands meinen die deutschen Antifa-Aktivisten den Krieg abzuschaffen. Der Selbsthaß feiert fröhliche Urständ! Weder deutsche Polizei noch deutsche Justiz kümmern sich um diese Manifestationen des deutschen Selbsthasses. Dies ist die zweite Glocke!

Antony Lerman wiederum entzauberte 2008 in der Jewish Quarterly in einem noch heute sehr lesenswerten Beitrag unter dem Titel Jewish Self-Hatred : Myth or Reality? Rätsel, Legenden, Fakten und Fiktionen des Redens vom angeblichen jüdischen Selbsthaß. Erstaunlicherweise wirft er nach sorgfältiger Prüfung den Begriff des jüdischen Selbsthasses in den Mülleimer der Geschichte. Er ver-wirft den jüdischen Selbsthaß. Er lehnt den Begriff ab. Lest selbst: „It is too much to hope that by revealing just how bankrupt a concept ‘Jewish self-hatred’ is, discourse among Jews on Israel and Zionism could become more productive, both for Jews themselves and for the sake of achieving justice in the conflict between Israelis and Palestinians. Too much is currently invested in this demonising rhetoric. But if we could edge it closer to the rim of the dustbin of history, we’d be making a start.“

Dies ist die dritte Glocke, gewissermaßen das Sterbeglöcklein des jüdischen Selbsthasses.

Der christliche Selbsthaß Martin Luthers von 1517, der deutsche Selbsthaß der Friedrichshainer Antifa von 2014, der jüdische Selbsthaß Theodor Lessings von 1930, der jüdische Selbsthaß Trotzkis von 1917 … haben sie eine gemeinsame Wurzel?

Woher kommt diese absolute Ablehnung des eigenen Selbst, die wütende Selbstanklage, dieses Gefühl: „Ich bin nichts, ich tauge nichts. In mir ist nichts Gutes, drum besser wär’s, es gäb‘ mich nicht! Fort mit mir!“?

Früheste Belege dieses Gefühls „Fort mit mir!“ scheinen mir ins Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurückzureichen, also ins biblische Buch Bereschit (Buch Genesis). In Kapitel 4, Vers 13 hebräisch sagt es Kain so:

וַיֹּ֥אמֶר קַ֖יִן אֶל־יְהוָ֑ה גָּדֹ֥ול עֲוֹנִ֖י מִנְּשֹֽׂ׃

In rohes unbehauenes ungeliebtes Deutsch übersetzt also:
Und sprach Kajin zu JHWH : Groß meine-schuld aufheben

Kain traut sich nicht mehr aufzuschauen. Es ist, als würde er sagen: „Nach allem, was ich getan habe … was soll ich noch anschauen? Wen darf ich noch anschauen? Was ich getan hab an dem Bruder, kann ich nie büßen.“

Kain formuliert dieses Gefühl: Großschuld – zu große Schuld – übergroße Schuld. Lateinisch: „Mea culpa, mea magna culpa, mea maxima culpa“. Und diese Formulierung kannte der katholische Augustiner Martin Luther mit Sicherheit.

Im spezifischen Sündenbewußtsein Kains, im Bewusstsein seiner unverzeihlichen, seiner übergroßen Schuld goß Martin Luther dieses Gefühl absoluter Verworfenheit in seine vierte Wittenberger These – mit unabsehbaren Folgen für die deutsche und abendländische Geschichte.

Der christliche Selbsthaß Luthers wurzelt genetisch, also der Genesis nach im hebräisch-biblischen Selbsthaß Kains.

Doch ist dieser Selbsthaß keine Eigenheit des jüdischen oder des christlichen oder des deutschen Selbstverhältnisses. Dieser Selbsthaß, er ist etwas Menschliches. Dem Menschen haftet seit Kain das Odium der Selbstverwerfung an.

Denn auch in der paganen Antike außerhalb oder vor der jüdischen und der christlichen Überlieferung sind uns durchaus einige machtvolle Selbstzeugnisse eines derartigen Selbsthasses bekannt. So etwa im Ödipus Tyrannos des Sophokles! Die Schuld des Ödipus ist zu groß, als dass sie aufgehoben werden könnte, er wendet eine ungeheuerliche Aggression gegen sich selbst: er sticht sich die Augen aus. Es ist dies zweifellos eine Art aufgeschobener Selbstmord. In der Übersetzung durch Hugo von Hofmannsthal liest sich der letzte große Monolog des Ödipus so:

Ödipus:
Was soll ich noch anschaun?
Den Vater drunten, wenn ich ihm begegne?
oder die Kinder, ihren Blick in meinen
verschränken und ein unausdenkbares Gespräch
von Aug‘ zu Auge führen? Fort mit mir!
Jagt doch das große Unheil, jagt doch das,
hinaus, was trieft von allen Himmelsflüchen!

Die Greise (zugleich)
Ich wollt‘, ich hätte niemals dich gekannt.

Ödipus (leiser)
Was ich getan hab‘ an der Mutter und
am Vater, büßt Erhängen nicht.

 Posted by at 12:55
Mai 022015
 

Großer Aufgalopp der Selbstgerechtigkeit der deutschen Enkelinnen und Enkel, meiner lieben schreibenden Landsleute, anlässlich des Prozesses gegen den damaligen Wachmann Oskar Gröning! Er war Wachmann und Schreibkraft in Auschwitz, „der Buchhalter des Todes“, wie eine sich an allem Entsetzlichen liebend gern weidende Presse genüsslich ausschlachtet. Als wären sie, die Schreibenden, die Urteilenden dabei gewesen! Als hätten sie in jedem Fall anders gehandelt, so wird hier von viel später Geborenen über einen Menschen geurteilt, den man nur aus der Zeitung und aus den Medien kennt.

„Seine Reue nehme ich ich ihm nicht ab“, „Frau Eva Kor hat ihm verziehen. Subjektiv achtbar! Aber es war objektiv und politisch falsch …“, „Jetzt verstehen wir endlich, dass die ganz normalen deutschen Männer zu Massenmördern wurden“ usw. usw.

Die meisten deutschen Journalistinnen und Journalisten überbieten sich darin, über Oskar Gröning den Stab zu brechen. Dabei wird ihm nicht aktives Töten, sondern Beihilfe zum vielfachen Massenmord vorgeworfen, ohne dass ihm ein „individueller Tatbeitrag nachgewiesen werden muss“, so die aktuelle Rechtslage.

Wieviele Massenmörder gab es damals in Europa? Die Holocaust-Forschung, ein blühender Forschungszweig, spricht von etwa 100.000-200.000 Menschen, die aktiv an den im deutschen Namen begangenen Massenmorden beteiligt waren. Viele der am Holocaust beteiligten Täter waren Deutsche, aber viele dieser Massenmörder gehörten nachweislich vielen anderen Nationalitäten an.

Aus allen europäischen Nationen stammten in den Jahren 1917-1956 viele Massenmörder, also Menschen, die aktiv einen Tatbeitrag zur planmäßigen gezielten Ermordung vieler Menschen aus bestimmten Gruppen (außerhalb von Kriegshandlungen) leisteten. Ich bin überzeugt: Es wäre nach 1945 nach dem Tod Hitlers bzw. 1953 nach dem Tod Stalins unmöglich und technisch undurchführbar gewesen, sie alle aufzuspüren und vor Gericht zu stellen.

Ich halte es vielmehr für weitgehend richtig, wie es in Deutschland nach 1945 (nicht dagegen in Italien oder in Russland) gehandhabt wurde, dass – beginnend bei den Nürnberger Prozessen – exemplarisch an einigen wenigen obersten Führern und Spitzenleuten das ganze Ausmaß des Unrechts und des Schreckens verhandelt wurde und der ganze überwiegende Rest der quälenden Aufarbeitung nach und nach durch die Zivilgesellschaft übernommen wurde.

Ich sprach vor Tagen mit einem jüngeren Ungarn über den Kasus Gröning, der dieser Auffassung entschieden widersprach. Ich warf mich ihm gegenüber darauf vehement für Eva Kors verzeihende Geste ins Zeug. „Gröning hat bekannt – er hat bereut – er war durch sein Wissen, seine Scham bestraft genug. Nebenbei: Das Judentum lehrt seit Jahrtausenden die Kunst und die Gunst des Verzeihens! Wir sollten diese großartige Haltung dankbar annehmen!“

Verzeihen und Vergeben heißt, dass sowohl der Geschädigte wie auch der Schädiger die Schuld anerkennen, dass der Schädiger aktiv bekennt und öffentlich bereut – und dass dann der Geschädigte ihm die Reue „abnimmt“, ihm die Schuld (die ohnehin nicht wiedergutzumachen wäre) ohne Strafe und ohne Rache erlässt.

Der Jude Jesus sagt es – ganz aus dem Geist des Judentums schöpfend – so: „Wem ihr [Menschen in meiner Nachfolge] die Verfehlungen vergebt, dem sind sie vergeben – übersetzen wirs mal auf Französisch: Ceux à qui vous remettrez les péchés, ils leur seront remis (Johannesevangelium 20,23).

Ich glaube: Etwas Besseres kann eigentlich nicht passieren, als dass nach Anerkenntnis einer Schuld die Verzeihung und Versöhnung zwischen dem Opfer und dem Täter erfolgt.

Das Verzeihen ist übrigens auch in der Tat so etwas wie ein Schluß-Strich. Die Schuld wird vom Kerbholz ausgelöscht, man begegnet sich dann so, als „wäre das Ganze nun ein Teil der Vergangenheit“. Der Dichter sagt:

Und von all dem Schrecken schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz.

Das Kains-Mal, das Erinnerungs-Mal des ersten Brudermordes, des absoluten Zivilisationsbruches, ist etwas, was wir nach jüdischer Lehre alle auf der Stirn tragen. „Pass auf, o Mensch, erinnere dich des Kain! Weil es geschehen ist, deswegen kann es auch wieder geschehen, du bist nicht endgültig gefeit dagegen!“

GOtt selbst zog einen ersten Schlußstrich, als er Kain, den geständigen und reuigen Brudermörder, mit einem unauslöschlichen Mal versah, das wir uns als einen Strich auf der Stirn eines jeden vorstellen dürfen. Das Kains-Mal, das ist ein symbolisches „DAS WAR“ „DAS HAT ER GEMACHT“ – und – „ES IST JETZT NICHT MEHR“; es ist aber auch die Aufforderung: du, o Kain, o Mensch, du darfst JETZT und in ZUKUNFT neu anfangen!

Die maßlose Selbstgerechtigkeit derjenigen, die immer wieder unterstellen, eine derart ungeheurliche, maßlose Abfolge von schlimmsten Gewaltverbrechen mit Zehntausenden von Haupttätern und weiteren Hunderttausenden von Mithelfern (wie Gröning einer war) könne wesentlich durch die staatliche Justiz, durch das Strafrecht auch nur annähernd „aufgearbeitet“, „bewältigt“ oder gar wieder gutgemacht werden, irren sich meines Erachtens fundamental.

In jedem Fall stimme ich den anderslautenden Aussagen Eva Mozes Kors, die offenbar tief aus dem mosaischen Erbe schöpft, enthusiastisch zu, wenn sie sagt, „wir hätten sofort nach dem Krieg davon erzählen sollen, zugehen sollen aufeinander.“ Eva Mozes Kor, was für eine herrliche Reihung der Namen! Denn Mozes ist ja Moses, Moshe, wie wir ihn auch nennen …

„Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei“, sagte Kor. An Gröning gewandt sagte sie: „Ich hoffe, dass Sie und ich uns als ehemalige Gegner als Menschen begegnen können.“ Sie appellierte an Gröning, umfassend auszusagen und auch Neonazis die Wahrheit über Auschwitz zu sagen. Kor sagte, sie gebe ihre Erklärung nur in ihrem Namen ab. Kor nannte das Verzeihen einen Akt der Selbstheilung und der Selbstbefreiung.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-04/auschwitz-prozess-holocaust-ueberlebende

Prozess gegen Oskar Gröning, „Buchhalter von Auschwitz“: Ganz normale Männer – Politik – Tagesspiegel.

 Posted by at 21:42
Apr 012015
 

Sturmtief Oskar

Der Film „Planet der Affen – Revolution“, 2014 in unserer Kinos gekommen, wird wohl in jedem nachdenklichen Menschen einen sehr nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Als Regisseur des amerikanischen Streifens zeichnet Matt Reeves. Wir sahen das Kunstwerk mit Kind und Kegel und Popcorngeruch im Cinemaxx am Potsdamer Platz an einem feuchtkalten Sonntag des Jahres 2014.

Der im Original „Dawn of the Planet of the Apes“ betitelte Film spielt 10 Jahre nach einer allvernichtenden Katastrophe in der ferneren Zukunft. Eine düstere, von ständigen Regengüssen gepeitschte Landschaft ermöglicht vorläufig den wenigen überlebenden Menschen und den Affen eine vorläufige, jederzeit gefährdete Existenz, nicht weit entfernt von San Francisco.

Eine Horde Laboraffen, die tierquälerischen medizinischen Experimenten entkommen ist, hat den fast vollständigen Untergang der Menschheit überlebt, hat Lesen und Schreiben gelernt und baut sich mühselig auf den Trümmern der menschlichen Zivilation eine neue, äffische Kultur mit Brauchtum, Riten und Religion auf. Sie bilden also das, was man die „Urhorde“ nennen könnte.

Die gnadenlose Ausbeutung des Affen durch den Menschen ist eine fest verankerte, das kulturelle Gedächtnis der Affen prägende Erinnerung; ein Teil der Affen ist durch die erlittenen qualvollen medizinischen Experimente zutiefst traumatisiert; sie lehnen jeden Kompromiss mit den ehemaligen Unterdrückern ab. Sie schwören auf Rache und Vernichtung der wenigen überlebenden Menschen. „Mit den Menschen kann es keine Versöhnung geben; die Menschen werden sich nicht ändern; sie werden uns weiterhin jagen, quälen und töten! Töten wir sie, bevor sie uns töten!“ So etwa lässt sich der kulturelle Subtext dieser Affen-Ideologie zusammenfassen. Der Führer dieser Unerbittlichen ist Koba, ein außergewöhnlich groß gewachsener Bonobo, der unermessliche Qualen in einem medizinischen Labor der Menschen erlitten hat.

Dieser unversöhnlichen Feindschaft zwischen Affe und Mensch setzt Caesar, der charismatische Anführer der äffischen Urhorde, sein grundlegendes Tötungsverbot entgegen: „Affe nicht töten Affe“. Caesar predigt den solidarischen Zusammenhalt aller Affen und fordert den Verzicht auf Gewalt im Umgang der verschiedenen äffischen Sippen.

Gegenüber der Menschenhorde setzt Caesar auf Verhandlungslösungen, Abgrenzung der Territorien und gewaltlose Koexistenz. Caesar ermöglicht so, dass die Menschenhorde Zugang zu einem stillgelegten Kraftwerk hoch droben in den Bergen erhalten und sich so eine Grundlage für nachhaltige Existenz schaffen kann.

Doch sowohl bei der äffischen wie bei der menschlichen Horde behalten Scharfmacher und Hetzer vorerst die Oberhand. Bürgerkriegsartige Konflikte brechen auf, sowohl bei den Menschen wie bei den Affen. Die Mechanismen sind in beiden Horden die gleichen: Hetze, Verrat, Lüge, Gewalt.

Im Zuge dieser zahlreichen Scharmützel und gewaltsam ausgetragenen Binnenkonflikte wird auch der jugendliche Schimpanse Ash getötet, nachdem er sich aus Gewissensgründen und eingedenk der Lehren Caesars geweigert hat, unbewaffnete menschliche Zivilisten zu töten. Kein anderer als der Affe Koba ist es, der den Affen Ash gnadenlos hinrichtet! Ein Affe tötet einen Affen. Hier gefriert einem das Blut in den Adern. Tiefer Winter bricht im Frühling herein!

Einen gewaltigen Schritt in der Gewissensbildung der Affengesellschaft vollzieht jedoch der Schimpanse Caesar. Denn Caesar, der selbst durch Koba schwer an der Schulter verwundet worden ist und auf medizinische Hilfe durch die Menschen hofft, bricht in seiner schwersten Stunde zu der tiefen Einsicht durch. „AFFE … HAT … AFFE GETÖTET!“, seufzt er in seiner für Menschenohren schwer verständlichen Sprache, in seinem von Schluchzen unterbrochenen Bekenntnis. Er trifft diese bittere Feststellung ausgerechnet gegenüber dem Menschen Malcolm, und er gesteht damit ein, dass die eigene äffische Horde sittlich nicht besser ist als die bei den Affen doch so oft verachtete menschliche Horde.

„Wir selber, die eigenen Leute haben die eigenen Leute getötet. Wir Affen sind von Natur aus auch nicht besser als ihr Menschen.“ So deute ich mir Caesars Geständnis. Ich meine: Caesars Redlichkeit, Caesars Mut und Caesars Schuldbekenntnis sind der wahrhaft revolutionäre Durchbruch zu einer möglichen Versöhnung zwischen der Urhorde der Menschen und der Urhorde der Affen! Caesar nimmt aus dieser Position der Schwäche heraus auch Hilfe vom Menschen Malcolm an; er bittet sogar um Hilfe; er gesteht schuldhafte Verstrickungen der eigenen Leute ein. Und er reicht damit die Hand zur Versöhnung zwischen Affe und Mensch.

Caesars ursprüngliche Einsicht in die Schuldfähigkeit des Affen weist im Grunde auch die unerlässliche Voraussetzung zur Versöhnung der in Europa siedelnden Menschenvölker auf. Wie oft sehen wir doch, dass die Schuld für eine Katastrophe nur bei einem Volk allein gesucht wird!

Obwohl in diesem Film „Planet der Affen – Revolution“ die größere Schuld zweifellos beim Menschen liegt, tut der Affe Caesar den ersten Schritt zu Versöhnung und Frieden: er gesteht offen ein, dass auch die eigene Seite Verbrechen begangen hat. Eigene Verbrechen, die nicht schon dadurch gerechtfertigt werden können, dass „die andere Seite“ angefangen hat und ja bekanntlich weit schlimmere und zahlreichere Verbrechen begangen hat. Schwere und schwerste Verbrechen, die, so weiß Caesar, sowohl im Bürgerkrieg gegenüber den eigenen Artgenossen wie auch im Krieg der Horden gegeneinander gegenüber den Angehörigen anderer Arten begangen worden sind.

Echte Aussöhnung – dies ist die große, befreiende Einsicht, die ich 2014 aus diesem Film nachhause nahm – kann nur gelingen, wenn alle Seiten die Fähigkeit zur Einsicht in eigene Verfehlungen mitbringen, eigene Sünden offen bekennen und nicht immer die ganze Schuld nur bei den anderen suchen. Der Schimpanse Caesar weist den europäischen Völkern den Weg zu echter Vergangenheitsbewältigung!

Wird der Frieden gelingen, oder wird der am Ende des Films drohende Krieg zwischen Affen und Menschen in aller Rohheit ausbrechen? Wird echte Vergangenheitsbewältigung im offenen, ehrlichen Dialog der Bürgerkriegsparteien gelingen? Oder behalten die Hetzer auf beiden Seiten die Oberhand?

Wir wissen es nicht. Eine weitere Folge der Serie „Planet der Affen“ ist angekündigt; aber die Zukunft der Geschichte ist offen. Der Produzent und der Regisseur haben sich öffentlich noch nicht festgelegt.

Planet der Affen: Revolution | Jetzt als Digital HD.
http://en.wikipedia.org/wiki/Dawn_of_the_Planet_of_the_Apes

Bild von gestern, 31. März 2015, 08.55 Uhr. Winter im Frühling. Kreuzberg. Ein Blick durch den Park am Gleisdreieck auf den Potsdamer Platz. Dahinter, hier nicht sichtbar: das Cinemaxx-Kino.

 Posted by at 13:42
Jul 232014
 

Königin Luise 2014-06-01 13.55.09 In einer kleinen Gesellschaft von Kunstfreunden warf gestern unter dem breitschattenden Geäst herrlicher alter Bäume beim Gespräch über eine Grafik-Ausstellung jemand die Frage auf:

Woher kommt eigentlich die Redensart „mein Freund und Kupferstecher“? Ich selbst hörte sie mehrfach von Lehrern in meiner Jugend, wenn ich etwas ausgefressen hatte, was nicht ganz astrein war.

Die Frage verhallte gestern ohne Antwort, eine kleine Nachforschung ergab heute folgendes: Die ironisch-tadelnde Redensart „mein Freund und Kupferstecher“, die z.B. in Fontanes „Frau Jenny Treibel“ vorkommt, dürfte darauf zurückgehen, dass der Druckgrafiker oder „Kupferstecher“ das Werk eines anderen, z.B. eines Malers oder Banknotenausgabehauses, ohne schöpferische Eigenleistung reproduzierte und auch wirtschaftlich weidlich ausnutzte. Dafür war Vertrauen oder Freundschaft bitter nötig. Oft genug mochte das Vertrauen auch enttäuscht worden sein. Das Betrugspotenzial in der Branche war groß. Der Kupferstecher war nach heutigen (nicht damaligen) Maßstäben also ein Falschmünzer des Geistes. Und der entwerfende Künstler, dem die „Erfindung“ glückt, muss trachten, dass der Kupferstecher sein „Freund“ bleibt und ihn nicht nach allen Regeln der Kunst über den Tisch zieht.

Erstaunlich, dass es z.B. im Italienischen keine verwandte Redensart gibt, jedenfalls ist mir keine bekannt. Anzi – im Gegenteil! „Sia detto per inciso“ – „Es sei hiermit im Kupferstich bzw. als Radierung gesagt“ bedeutet ja auf gut Deutsch klipp und klar: „nebenbei gesagt“.

Einer der rätselhaftesten Kupferstiche, die ich je sah, vielleicht überhaupt der rätselvollste, scheint diese Erklärung zu bestätigen! Es handelt sich um die „Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels“, die nach heutigem Forschungsstand aus der Werkstatt des Agostino Veneziano (ca. 1490-1540)  stammt. Selbst nach mehreren Anläufen und Gesprächen mit Kunstkennern ist es mir bisher nicht gelungen, eine stimmige Deutung dieser Darstellung zu erarbeiten. Bereits der Titel dürfte eine spätere Zuschreibung sein. Der kenntnisreiche Kommentator DK, der seinen Namen verschweigt – selbst in dieser Chiffre scheint noch ein Rätsel zu stecken – schreibt, als Erfinder dieser spannungsreichen Darstellung gelte Amico Aspertini, und er fährt fort: „Über den Kupferstecher, der das Blatt schließlich nach Amicos Entwurf ausführte, gab es lange Uneinigkeit in der Forschung […]“

Amico heißt nun aber auf Italienisch der „Freund“!

Wir dürfen schematisch feststellen: Der „Freund/Amico“ hat den kreativen Einfall, der „Kupferstecher“ führt den Einfall des Amicos, des Freundes aus! Könnte diese Tatsache, dass der Einfall des „Freundes“ vom „Kupferstecher“ übersetzt und ausgeführt wird, etwas zur Entstehung der Redensart „Freund und Kupferstecher“ beitragen? Wir wissen es nicht. Die Frage muss für heute und vielleicht auch überhaupt offen bleiben.

Quelle: Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Für das Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. Ausstellungskatalog hgg. von Dagmar Korbacher mit Beiträgen von Christophe Brouard und Marco Riccòmini. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014, S. 46-47

 Posted by at 16:55
Jun 112014
 

An Pfingsten, dem „lieblichen Fest“  versuchte ich einige Seelen für einen Besuch bei Kain zu gewinnen. Und bei mir vor der Kreuzberger Haustür tobte zeitgleich der Karneval der Kulturen mit offiziell 740.000 Besucher*innen. Beste Gelegenheiten!

Ein glühender Hauch hing über der Stadt Berlin, es war das heißeste Pfingstfest seit Beginn der Aufzeichnungen. 

 

Ich wartete bis 15.58 Uhr und murmelte der steinernen, geduldigen Königin Luise ein paar Verslein aus dem Purgatorio und aus dem Faust II zu. 

 

Das Warten in der sengenden Hitze Arkadiens half, denn ich fand dadurch das ganz große entscheidende Thema heraus, nämlich die Frage des Umgangs mit Schuld und Scheitern, auch die Frage des Verzeihens.

μειζων η αιτια μου του αφεθηναι με.

„Meine Schuld ist zu groß, als dass sie mir vergeben werden könnte.“

So sagte es laut der griechischen Übersetzung, der Septuaginta, Kain, der Brudermörder, nachdem Gott ihm auf die Schliche gekommen war. Kain erkannte die Schwere seiner Schuld. Sie schien ihm untragbar und unverzeihlich.

Was mochte Königin Luise wohl zum Kains-Thema denken? Für Königin Luise gab es ja den Vertreter des Bösen schlechthin, das moralische Scheusal, den Kain in moderner Gestalt. Sie begegnete ihm am 6. Juli 1807 in Tilsit. Zweifellos änderte sie bei dieser persönlichen Begegnung ihr vorgefasstes Bild vom Menschen Napoleon. Sie vermenschlichte ihn gewissermaßen, sie entdämonisierte ihn, wie wir zweifelsfrei aus ihren Äußerungen schließen dürfen.   Wäre sie bereit gewesen ihm zu verzeihen?

 

Als krönenden Schlussstein des Gedankenganges erreichte ich schließlich das Evangelium nach Johannes von Pfingsten:

 ἄν τινων ἀφῆτε τὰς ἁμαρτίας ἀφέωνται αὐτοῖς, ἄν τινων κρατῆτε κεκράτηνται.

„Nehmt den heiligen Hauch. Wenn ihr die Verfehlungen irgendwelcher vergebt, sollen sie ihnen vergeben werden. Wenn ihr sie verfestigt, sollen sie verfestigt sein.“

 

Die Nachfolger Jesu haben – so die Ansage des Johannes in Joh 20, 21-23 – die Gabe und den Auftrag, Sünden zu vergeben.  

Verzeihung der Schuld, das ist also laut Jesus keine Gnade, kein Wunder, keine Leistung der Flüsse Lethe und Eunoe, keine Leistung des Vergessens (Lethe) oder des Wohlwollens (Eunoe), sie ist keine überpersönliche Einwirkung der arkadischen Natur, wie das Goethe zu Beginn des Faust II, wie es Dantes Matelda in Purgatorio XXVIII verkündet, sondern eine persönliche Erfahrung  der vom Geist angeleiteten Begegnung zwischen Menschen in Fleisch und Blut.

Diese Verzeihung erfolgt aus der Freiheit des Entscheidens. Sie ist weder an einen Ritus und noch viel weniger an ein bestimmtes Gottesbild geknüpft. Sie ist an den Geist und an den Menschen geknüpft. Sie ist zweifellos an sprachliches Handeln geknüpft. Sie vollzieht sich im Medium des in Freiheit gesprochenen Wortes.

 Posted by at 23:39
Jun 092014
 
Jahrhundertschritt 2014-06-04
Schon verloschen sind die Stunden,
Hingeschwunden Schmerz und Glück;
Fühl‘ es vor! du wirst gesunden;
Traue neuem Tagesblick.
Täler grünen, Hügel schwellen,
Buschen sich zu Schattenruh;
Und in schwanken Silberwellen
Wogt die Saat der Ernte zu.
„Faust leistet wahrhaftig keine ‚Trauerarbeit‘. Nicht die auf der Fähigkeit zur Schuldeinsicht beruhende moralische Würde des Menschen erweist sich an ihm, sondern eine amoralisch vegetative Regenerationsfähigkeit auch der menschlichen Natur. Nichts mehr wird erinnert. Fausts Gewissensentlastung verdankt sich dem Vergessen.“
Eine großartige, zugleich niederschmetternde Deutung, die Albrecht Schöne hier anbietet! Sie ging mir gestern bei der Wanderung durch den gleichsam geschichtslos in der Mittagshitze brütenden Berliner Tiergarten-Park hin zur geschichtsträchtigen Luiseninsel durch den Sinn, wo ich die arkadisch-unsterblichen Verse des großen Deutschen Goethe und die des großen Italieners Dante murmelte.  Ein möglicher Sinn, wenn auch nicht der einzig mögliche Sinn von Arkadien ist es ja gerade, Unbill, Plackerei und Plage, the drudgery of life, wie die Engländerin sagt, Schuld und Schande der Geschichte zu vergessen, um damit Frieden und Freude zu erlangen. Frieden, Freude, ein ruhiges Gewissen, unbezähmbarer Tatendrang also durch Vergessen!
«Нельзя допустить, чтобы ужасы прошлого были преданы забвению… Надо все время напоминать о прошлом. Оно было, оказалось возможным, и эта возможность остается. Лишь знание способно предотвратить ее. Опасность здесь – в нежелании знать, в стремлении забыть, в неверии, что все это действительно происходило…» so schreibt Karl Jaspers 1949 in seinem Buch „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“.
Die zitierte  Übersetzung verdanken wir einem Facebook-Eintrag des russischen Regisseurs Andrei Kontschalowski vom heutigen Tage. Die deutsche Urfassung des Buches von Karl Jaspers liegt uns zur Zeit nicht vor. Also behelfen wir uns mit der russischen Umformung.
Jaspers und Kontschalowskij sprechen sich hier – sehr im Gegensatz zu Goethe, sehr im Gegensatz zu Faust – gegen das Vergessen, gegen das Frage- und Erinnerungsverbot aus, welches allzulange die europäischen Völker voneinander getrennt hat. Gerade im Vergessen, im allzu reichlichen Trinken von den Flüssen Lethe und Eunoe, wie sie Dantes Matelda im 28. Gesange des Purgatorio anempfiehlt, erblicken sie die größte Gefahr.
Welch verheerende Auswirkungen das Nicht-Wissenwollen, das erzwungene Vergessen bedeuten, konnte ich immer wieder bei meinen Reisen durch die Länder des ehemaligen europäischen Ostens, des ehemaligen „Ostblocks“ beobachten. Aber auch in Jugoslawien, auch in Italien, auch in Spanien, auch in Deutschland werden immer wieder Frage- und Erinnerungshindernisse aufgerichtet. Es ist vielfach so, als wollte man alle Schrecken, alle Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts ausschließlich immer wieder bei den Deutschen vor der Tür abladen, den Deutschen buchstäblich vor die Füße knallen. Gerade hier im Zentrum Berlins, gerade auch bei den laufenden Debatten zur Eurorettungspolitik  ist es geradezu unmöglich, den übermächtig ragenden, den immer mehr Fläche beanspruchenden Monumenten deutscher Schuld und deutscher Schande auch nur einen Augenblick zu entkommen.
Oft höre ich dann, wenn ich als überzeugter Europäer und überzeugter Mensch – der ich ja sowohl dem Blute wie dem Geiste nach bin –  etwa kommunistische Massenverbrechen in der Ukraine, sowjetische Völkermorde und Angriffskriege, ausmerzende Massentötungen in der Krim, Brudermorde und Vertreibungen verwandter slawischer Völker wie der Tschechen und der Slowaken anspreche: „Das liegt doch jetzt schon so lange zurück!“ „Warum sollen wir denn jetzt noch von all den kommunistischen  Verbrechen sprechen, die in der Zeit von 1917 bis 1989 geschehen sind? Schnee von gestern! Und außerdem haben es die Kommunisten – im Gegensatz zu den Nationalsozialisten-  nur   gut gemeint. Also Schwamm drüber!“ „Es war so schrecklich in den sowjetischen Lagern, so furchtbare Dinge sind im GULAG geschehen, wir wollen nicht noch einmal daran erinnert werden. Das macht uns nur noch kränker als wir ohnehin schon sind.“
Ich meine in der Tat: Die ungestützte, die schonungslose, die nicht in bewusste Versöhnungs- und Trauerarbeit eingebundene Erinnerung an die großen Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts und auch die neuen Menschheitsverbrechen bereits des 21. Jahrhunderts hat oftmals eine nachträglich traumatisierende Wirkung bei den Nachkommen und Enkelinnen der Opfer, eine oftmals verheerende, stigmatisierende Wirkung bei den Nachkommen und Enkelinnen der Täter.
Und eine geradezu unauflöslich persönlichkeitsspaltende, eine im tiefsten Sinne panische Wirkung bei denen, die Nachkommen sowohl der Täter wie der Opfer sind – also etwa bei deutschen Kommunisten, die nach Krieg, Lagerhaft, Massenmorden der Sowjetunion im vollen Bewusstsein all der kommunistischen und nationalsozialistischen Massenverbrechen  zum Aufbau der DDR nach Deutschland zurückkehrten. Als ein besonders eindrückliches Beispiel dafür sei hier der gläubige Kommunist Alfred Kurella genannt, dessen Bruder Heinrich Kurella, ebenfalls ein gläubiger Kommunist,  von einem kommunistischen Schnellgericht wegen „Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation“ ähnlich Hunderttausend anderen gläubigen Kommunisten (wie etwa Boris Bibikow) zum Tode verurteilt und am 28.10.1937 erschossen wurde. Martin Schaad hat uns dazu eine aufrüttelnde, höchst lesenswerte, beunruhigende Untersuchung vorgelegt.
Eine unausgesprochene Frage durchzieht dieses ganze Buch:
Alfred Kurella! Wo ist dein Bruder Heinrich Kurella?
K! Wo ist dein Bruder?
Albrecht Schöne: Johann Wolfgang Goethe. Faust. Kommentare. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 1999, S. 401
Facebook-Auftritt von Andrei Kontschalowskij:
https://www.facebook.com/a.konchalovsky
Martin Schaad: Die fabelhaften Bekenntnisse des Genossen Alfred Kurella. Eine biografische Spurensuche. Hamburger Edition, Hamburg 2014, hier bsd. S. 167
Bild: Wolfgang Mattheuer: Jahrhundertschritt. Skulptur im Hof des Brandenburgisch-Preussischen Hauses der Geschichte, Potsdam. Aufnahme des bloggenden Wanderers vom 04.06.2014

 

 Posted by at 14:35
Jun 042014
 

Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend

So schreibt es Goethe im Faust, Vers 4722f.

Wir erinnern uns: Faust hat ein schweres Verbrechen begangen, das ihn niederdrückt. Seine Schuld ist zu schwer, als dass er sie tragen könnte, „zu groß als das sie mir müge vergeben werden“, wie es im Buch Genesis in Luthers Übersetzung über Kains Fehl heißt.

Geht es weiter? Wie geht es weiter?

Die Gestalt Kains begegnet mehrfach im irdischen Paradies Arkadien. Warum ist das so? Gibt es nach schwerster Schuld einen Neuanfang?
Wir werden diesen Fragen nachgehen, genießen an Pfingsten den flammenden Wohllaut der vielen Sprachen und die zarte Augenlust einiger früher Drucke aus Italien.

Woher kam die Anregung? Sie kam aus dieser Ausstellung:

Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien
Kupferstichkabinett, Kulturforum Berlin-Tiergarten
Hier sind einige wichtige Aussagen zu Kain aus der jüdischen, christlichen und islamischen Überlieferung:
1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 1-16
Talmud: Traktat Sanhedrin 91 b
Koran: Sure 5, Der Tisch, Vers 27-35

Gibt es Vergessen der Schuld, gibt es einen Neuanfang, gibt es eine tabula rasa?

Dante und Goethe schicken uns an den Fluß Lethe, den Fluß des Vergessens:

ed ecco più andar mi tolse un rio
che ’nver sinistra con sue picciole onde
piegava l’erba che’n sua ripa uscio
Dante Alighieri: Divina Commedia, Purgatorio, canto XXVIII, 25-27

Wir betrachten einige Drucke in der Ausstellung, vor allem:
– Agostino Veneziano: Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels
– Cristofano di Michele, genannt Robetta: Adam und Eva mit Kain und Abel
– Sandro Botticelli: Das irdische Paradies. Dante und Matelda
– Giulio Campagnola: Die Buße des hl. Chrysostomus

Katalog: Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Hgg. von Dagmar Korbacher. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014

 Posted by at 10:18
Apr 302014
 

2013-06-15 11.19.35

13וַיֹּ֥אמֶר קַ֖יִן אֶל־יְהוָ֑ה גָּדֹ֥ול עֲוֹנִ֖י מִנְּשֹֽׂא

Das 1. Buch Mose, hebräisch meist Bereschit, christlich meist Genesis genannt, wird heute allgemein auf Hebräisch in der hier angegebenen Verschriftung vorgelesen und vorgetragen, etwa unter dem Namen Biblia hebraica. Die fünf Bücher Mose sind ein unerschöpflicher Brunnen für die Juden, die Christen und die Muslime. Diese drei Religionen stehen mit ihren Füßen in der mosaischen Überlieferung.

Nachdem Kain seinen Bruder Abel ermordet hat, bekennt er in diesem Satz seine Schuld. Was hat Kain gesagt?

Ein antastender Übersetzungsversuchversuch des hier schreibenden Bloggers lautet: 

Dsprchknzjhwhgrßmnsnd’fzhbn

Kommentar:

Mein deutscher Übersetzungsversuch verzichtet – wie in der gesamten Antike üblich – auf spätere Zutaten wie Satzzeichen, Trennung der Wörter und auf Vokalzeichen. Das hebräische alef, der vokalische „Knacklaut“, wird hier behelfsweise als   ‚ wiedergegeben. Hier kann man erkennen, wie sich das anfühlt, wenn man einen antiken hebräischen Text vor Augen hat.

Fast unverständlich ist diese Zusammenballung von Konsonanten! Was haben verschiedene Übersetzer aus dieser so fundamental wichtigen Kernstelle, aus dieser jahrtausendelang weitererzählten Frühgeschichte des Menschlichen, die sich in Judentum, Christentum und Islam findet, werden lassen? Vieles! Die Vielfalt lässt staunen!

Hier eine kleine Auswahl:

1) KAin aber sprach zu dem HERRN / Meine Sünde ist grösser / denn das sie mir vergeben werden müge.
Martin Luther, Wittenberg 1545

2) Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.
Die heute verwendete Lutherbibel, also der Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984, derzeit von der Evangelischen Kirche in Deutschland zum kirchlichen Gebrauch empfohlen

3) Kain antwortete dem Herrn: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte.
Heute verwendete Einheitsübersetzung der deutschen katholischen Bistümer, Katholische Bibelanstalt Freiburg 1980

4) Cain said to the LORD: „My punishment is greater than I can bear.“
Revised Standard Version 1952

5) Kain rzekł do Pana: Zbyt wielka jest kara moja, abym mógł ją znieść.
Katholische „Jahrtausendbibel“, derzeit meistverbreitete polnische Fassung

6) Disse Caino al Signore:  „Troppo grande è la mia colpa per ottenere perdono!“
Offizielle Übersetzung der italienischen Bischofskonferenz, 1974, derzeit im kirchlichen Gebrauch, Roma 1996

7) Da sagte Kain zu Adonaj: „Meine Schuld ist zu groß, sie kann nicht aufgehoben werden.“
Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006

Befund: 7 sehr unterschiedliche Übersetzungen!

Die 7 Übersetzungen lassen sich lose in drei Gruppen oder drei Sinn-Familien zusammenstellen.

Die alte Übersetzung Martin Luthers (1) und die aktuelle Übersetzung der italienischen katholischen Bischofskonferenz (6) sind dem Sinne nach recht nah beieinander. Sie können ineinander übersetzt werden.  Gleiches gilt für die Übersetzungen (2), (4) und (5), die als sinngemäß mehr oder minder übereinstimmende Übersetzungen zu gelten haben.  Die deutsche katholische Einheitsübersetzung (3) und der neuartige Übersetzungsversuch der evangelischen Autorengemeinschaft (7) hingegen stehen in dieser Siebenergruppe recht solitär da.

Wer hat nun recht, Martin Luther oder die Lutherbibel der Evangelischen Kirche? Die polnischen Katholiken oder die deutschen Katholiken? Die Italiener oder die Engländer?

Was hat Kain gemeint? Was hat Kain gesagt? Welche Übersetzung der Bibel ist die einzig richtige oder doch zumindest die beste? Von der Antwort auf diese Frage hängt vieles, sehr vieles ab.

Horche! Überlege selbst! Entscheide selbst!

Bild: In Wittenberg. Der unerschöpflich sprudelnde Brunnen mit den drei Säulen. Innenhof der Leucorea der Universität Halle-Wittenberg. Winzig klein im Hintergrund: das kleine geparkte Fahrzeug des Kreuzbergers mit der bezeichnenden roten Packtasche. Aufnahme vom 15. Juni 2013.

 

 Posted by at 20:22
Apr 272013
 

Das Label Silvio Meier hat kaum noch etwas mit meinem ermordeten Freund zu tun.

So schreibt Dirk Moldt, ein Freund des Erstochenen, in der taz. In der Tat, Moldt hat recht. Silvio Meier, der kämpferische Unerschrockene,  hätte dergleichen ersatzreligiösen Opferkult vermutlich empört zurückgewiesen, wie er ihm nun wider Willen widerfährt. Die Umbennung der Gabelsbergerstraße in Silvio-Meier-Straße ist wirklich autozelebratorische Symbolpolitik vom Allerfeinsten. Man könnte auch sagen: Sie ist ein klarer Triumph der Anti-Hitler-Koalition, ein Sieg des ritualisierten Opfergedenkens im grünroten Friedrichshain-Kreuzberg, einer bundesweit bestens ausgewiesenen Hochburg der politisch maskierten, politisch grundierten Gewalt. Friedrichshain-Kreuzberg ist wirklich ein Saatbeet der zum Rechtsbruch geneigten politischen Extremismen. 

Zugleich ist die Straßenumbenennung eine Legitimation für die Fortsetzung des – mitunter gewaltsamen – nachgeholten antifaschistischen Kampfes gegen Mussolini, Hitler, Franco und Metaxas. Was die Deutschen in Deutschland – im Gegensatz etwa zu den Polen – zu Lebzeiten Mussolinis, Lenins, Hitlers, Lenins, Stalins, Maos, Metaxas‘, Francos, also zu Lebzeiten der „großen“ Diktatoren  nicht zustande brachten, nämlich eine breit aufgestellte, organisierte Widerstandsbewegung gegen die italienischen Faschisten, deutschen und österreichischen Nationalsozialisten, Rassisten, Hitleristen, Stalinisten, Nationalkommunisten, Bolschewisten … e tutti quanti im eigenen Lande, das holen die Antifaschisten der neuesten Stunde nunmehr nach. Sie alle, die Hitlergegner, die ein paar Jahrzehnte nach Hitler kommen, setzen sich mit der Silvio-Meier-Straße ein Denkmal der eigenen Großartigkeit.

Man darf darauf warten, wann in Kreuzberg auch einer der zahlreichen in den letzten Jahren praktisch vor unseren Augen ermordeten türkischen Kreuzberger Frauen erstmals durch Straßenumbenennungen gedacht wird. Der von der BVV geforderten Frauenquote im Friedrichshain-Kreuzberger Straßenland täte es gut!

Der von mehreren Zeugen eindeutig identifizierte Mörder der Klientin von Seyran Ateş lebt oder lebte nach seinem Freispruch angeblich unbehelligt im schnuckeligen Kreuzberg. Der Mord geschah in Kreuzberg, hier um die Ecke am U-Bahnhof Möckernstraße.  Und einige andere Morde an türkischen Frauen, von denen niemand etwas wissen will, ebenfalls.

via Straße für Silvio Meier: Das Leben toter Helden – taz.de.

 Posted by at 12:16