Nov 122015
 

Herrliche, tiefe Gespräche führe ich immer wieder mit Männern aus verschiedenen Ländern in Afrika und Syrien und aus Libanon und aus Jordanien! Zentrale Themen sind in unseren Gesprächen – Familie, Kinder und Religion! Hurra, Kinder, Religion und Familie, drei zentrale Fragen! Und immer wieder höre ich in verschiedenen Variationen folgende zwei Fragen:

„Warum glaubt ihr Deutschen nicht an Gott?“
„Warum habt ihr Deutschen nur so wenige Kinder?“

Ich versuche dann immer, in ganz schlichten, leicht fasslichen Worten zu antworten, so gut ich kann.

Zunächst die zweite Frage, ein Gefährte aus Homs stellte sie mir: „Ich habe sechs Kinder. Und du?“ Ich nannte die Zahl meiner Kinder. Rückfrage: „Warum habt Ihr in Deutschland so wenige Kinder?“

Meine Antwort: „Für uns in Deutschland steht der Einzelne ganz im Mittelpunkt. Das Ich ist der King. Jeder und jede sucht sein größtmögliches Glück, Geld und Gesundheit. Kinder gelten in Deutschland oft als hinderlich. Eins oder zwei kriegt man meist noch mit Müh und Not unter, aber oft fehlt halt einfach in Deutschland das Geld für Kinder. Und der Job geht vor. Für mehr Kinder fehlt uns Deutschen oft das Geld. Und es fehlt oft der sichere Job.“

Meine Antwort stößt auf Zweifel, Staunen, Fassungslosigkeit bei den Menschen aus Homs, aus Lagos, aus Damaskus. Für sie sind Kinder mit das Schönste. „Ohne Kinder ist das Leben nur halb so schön.“ Nicht zuletzt stiften die Blutsbande ein unzerreißbares soziales Netzwerk. Über viele Länder hinweg reicht das Netzwerk. Jeder hilft jedem, das Wohlergehen der gesamten Familie steht im Mittelpunkt, selbst wenn ein Mitglied der Familie oder ein Teil der Familie nach Deutschland ausreist, wird doch stets materiell und auch finanziell die Verbindung in die Heimat gehalten.

Dagegen soll in Deutschland jeder einzelne Mensch ein Höchstmaß an Wohlstand, beruflichem Erfolg, gesellschaftlicher Anerkennung, körperlicher Fitness, politischer Partizipation, politischer Macht und sozialer Gleichstellung und körperlicher Schönheit erzielen. Und Kinder sind dabei in der Tat eher hinderlich. Das gilt insbesondere auch für Frauen. Die deutsche Politik legt sich mächtig in die Ruder, damit keine Frau sich gegen Kinder entscheiden muss, weil das Geld und der sichere Job fehlen. Viele deutsche Kinder wachsen dennoch in Armut auf. Aber der Sozialstaat hilft, so gut er kann. Viele sagen: Deutschland ist nicht kinderfreundlich.

Also Kinderlosigkeit bei den Deutschen aus Geldmangel! Kinderlosigkeit bei den Deutschen wegen des hohen Armutsrisikos in Deutschlands! Staunen, Fassungslosigkeit, Lachen bei den Flüchtlingen.

Was für Länder wie Syrien, Nigeria oder Jordanien das unzerreißbare, grenzüberschreitende Netz der Verwandtschaft, das ist für uns in Deutschland das unzerreißbare Netz des Sozialstaates. Er trägt und hält uns alle. Er ist der gute, der fürsorgliche Leviathan. Er ist der „sterbliche Gott“, wie ihn Thomas Hobbes genannt hat.

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„Wir rocken Deutschland!“ – Brauchen wir, brauchen die Kinder beliebig viele Eheformen?

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Mrz 052013
 

Wir rocken Deutschland!“ Kaum besser als in diesem Jubelruf des Bundesvorsitzenden einer bekannten Partei drückt sich das überschäumende Politikvertrauen, die nahezu kindliche Gläubigkeit gegenüber den Heilungs- und Lenkungskräften des Staates aus.

Das Kind rocken heißt auf Englisch „hin und her wiegen“. Die Politik soll das Land hin und her wiegen, soll das Land erschüttern und in den Schlaf wiegen. „Wir rocken Deutschland!“  Das ist der klassische Bevormundungsanspruch der Politik und der linken Parteien gegenüber dem rückständigen dumpfen Volk.

In diesem Sinne: Spannende gesellschaftspolitische Debatten laufen über die ehe-, familien- und steuerrechtliche Gleichstellung der Mann-Mann-Ehe und der Frau-Frau-Ehe mit der Frau-Mann-Ehe hier in diesem Lande ab. Es ist eine Auseinandersetzung, die noch einige Jährchen weitergeführt werden muss, ehe man zu Gesetzesänderungen schreitet! Ich bin überzeugt: Zu Gesetzesänderungen besteht jetzt kein dringender Anlass, außer dass das Bundesverfassungsgericht uns in der der ach so rückständigen Restgesellschaft mal wieder an den Karren fährt und das Land rockt.

Aber Vorsicht: Jeder, der sich schwertut mit der völligen Gleichstellung der Homosexuellen-Ehe mit der Mann-Frau-Ehe, muss gewahr sein, als Hinterwäldler und Ewiggestriger abgestempelt und mundtot gemacht zu werden.

Er „lässt sich nicht rocken“ von dem, was jetzt in Deutschland als cool und angesagt gilt. Ich konstatiere: Mit atemberaubender Hast werden derzeit Kernstücke der gesellschaftsprägenden, geschichtlich wirksamen Institutionen ins Unverbindliche hin ausgeweitet. Denn selbstverständlich muss jetzt auch die Frage der höchst aktuellen scharia-gemäßen Polygamie und der dann grundgesetzlich einzufordernden Polyandrie steuerrechtlich und eherechtlich besprochen werden. Davor drücken sich aber diejenigen, die Deutschland rocken. Sie liefern keine klare Definition von Ehe.

Es ist schon auffallend, dass – außer im vorchristlichen antiken Griechenland und in den christlich geprägten modernen Ländern des ehemals  lateinischen Westens – in den allermeisten Kulturkreisen die offen gezeigte und ausgelebte Homosexualität stark verdammt, ja verspottet und verboten wird, z.B. massiv in den islamisch geprägten Ländern, aber auch massivst im heutigen China und massivst gerade in diesen Tagen im heutigen Russland beispielsweise.

Die drei Europa prägenden abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam haben jedenfalls jahrtausendelang nicht ohne Grund der Ehe zwischen Mann und Frau einen deutlichen rechtlichen und ökonomischen Vorrang eingeräumt. Im Großen und Ganzen hat sich nämlich das gesellschaftstragende Modell der Familie, bestehend in unterschiedlichsten Ausprägungen aus Vater und Mutter und Kindern weltweit als überaus tauglich erwiesen, es ist seit Menschengedenken das absolut vorherrschende Ideal der Kinder-Erzeugung und Kinder-Erziehung, auch wenn es beispielsweise in den Gemeinschaftsklöstern der Kirchen durchaus alternative Lebens- und Wirtschaftsformen gab, freilich ohne dass die Klöster auf Kinder-Zeugung und Kleinkind-Erziehung hin angelegt wären.

Was brauchen die Kinder? Auch hier spricht das Zeugnis der Jahrtausende eine eindeutige Sprache. Alle Märchen, alle Religionen, fast alle Gesetzeswerke, fast alle Psychologen, Psychiater, Kriminologen, Soziologen, Psychoanalytiker (wie etwa Sigmund Freud) und ich selbst auch kommen darin überein, dass die kleinsten und kleinen Kinder am dringendsten gute Eltern brauchen, also zumeist und zunächst vor allem eine gute Mutter und dann auch einen guten Vater. Nirgendwo gibt es Belege dafür, dass Kleinstkinder ohne eine gute Mutter leben und gedeihen können. Es gibt umgekehrt tausendfache Belege dafür, dass unvollständige, zerbrechende oder zerbrochene Familien – also insbesondere Mutterlosigkeit und Vaterlosigkeit – eine große Gefahr für das Kindeswohl darstellen können.

Ich bestreite beispielsweise, dass zwei Männer einem Kleinkind auch nur im Ansatz eine Muttergestalt, geschweige denn seine leibliche Mutter ersetzen können. Doch genau dies läge unweigerlich in der Konsequenz einer adoptionsrechtlichen Gleichstellung der Homo-Ehe mit der herkömmlichen Mann-Frau-Ehe!

Ist das schon alles? Nein! Als große, vorwärtsweisende Alternativbewegung erweist sich wieder einmal wie seit 2 Jahrtausenden das Christentum. Das Christentum ist genau die Voraussetzung für jene Umwertung aller Werte, die in diesen Jahren unter Umständen zur völligen Gleichstellung der Homo-Ehe – freilich nur im lateinisch geprägten, ehemals christlichen Westen – führen könnte.

Bei den Kirchenvätern des ersten Jahrtausends finden sich „Vorstellungen von der Kirche als Mutterschoß Christi auf Erden“.

Aus einem geistlichen Lied der unfrei Geborenen in den USA ist uns noch der Vers geläufig:

O-a-rock-a my soul
In the bosom of Abraham

Wiege meine Seele
im Mutterschoß Abrahams

Der Mutterschoß Abrahams – ein klares Ideal der männlich-weiblichen Natur des vollkommenen Menschen, der in sich den Zwiespalt von Mann und Frau überwindet.

Und Jesus selbst? Er predigte  – auch hierin seinen Zeitgenossen um mindestens zwei Jahrtausende voraus – die völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau im Eherecht (Markusevangelium 10,12) und verglich sich gerne mit einer Mutter. Der jüdische Mann Jesus und die christlichen Kirchen ebenso vereinigen in sich also klar männliche mit klar weiblichen, ja mütterlichen Zügen.

Quelle zum Zitat „Kirche als Mutterschoß Christi auf Erden“:
Joachim Hake: Loben. Vom Warten, Lesen und Bewundern. EOS Verlag, St. Ottilien 2012, S. 159

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Analı babalı büyüsün (2) – Beste Bildungschancen dank flächendeckender Krippenbetreuung?

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Nov 132012
 

… und wieder ein trauriger, niederschmetternder Beleg für die Einsicht, dass nichts für die ganz kleinen Kinder wichtiger ist als der beständige, verlässliche Kontakt zu Mutter und Vater: einige Daten zur Kindheit einer Angeklagten, über die ganz Deutschland spricht. Ich will damit nichts beschönigen oder verharmlosen. Ich weise nur darauf hin, dass emotionale Verarmung eine schwere Hypothek für das gesamt spätere Leben sein kann. Im Leben fast jedes Straffälligen finden sich derartige brutale Einschnitte, Verluste der Mutter oder völliges Fehlen des Vaters. Besonders häufig ist in den Biographien von Gewaltverbrechern ein Versagen oder Fehlen des Vaters zu bemerken – etwa bei Andreas Baader oder Mohammed Merah! Hier ein Abschnitt aus der FAZ vom 07.11.2012:

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/rechtsextremismus/beate-zschaepe-die-frau-und-der-terror-11952155.html

[…] Ob ein rumänischer Kommilitone Beate Zschäpes Vater war, wurde nie richtig geklärt; dass später ihre Triebfeder der Hass auf Ausländer wurde, ist eine der vielen bestürzenden Facetten ihrer Biographie.

Der Säugling wurde von der Großmutter in Jena betreut, kam im Alter von zwölf Wochen in die Kinderkrippe. Noch im gleichen Jahr heiratete Annerose A. einen Jugendfreund aus der Nachbarschaft, der schon vor der Hochzeit das Kleinkind zu sich holte und zusammen mit seiner Mutter betreute.

Im Sommer 1976 beendete Annerose A. das Studium in Bukarest und kam nach Jena zurück. Die Ehe zerbrach. Für das Kleinkind setzte sich die familiäre Odyssee fort. Die Mutter heiratete wieder, das Kind erhielt den Namen des neuen Mannes; auch diese Ehe scheiterte. Es war eine Kindheit ohne emotionale Sicherheit, bis auf die Bindung zur Großmutter […]

Was folgt daraus? Der Zusammenbruch der frühkindlichen Bindung, das Fehlen von Mutter- und Vaterliebe, die Trennung der Eltern sind offenbar – für sich genommen – die größten Risikofaktoren für kleine Kinder überhaupt. Das Versagen oder das Fehlen der Väter scheint für sich genommen der häufigste Auslöser für Gewalt und Kriminalität zu sein.  Kaiser Friedrich Barbarossa ließ Säuglinge in einem Experiment den Ammen, den „Müttern“, wegnehmen, um herauszufinden, welche Sprache sie sprechen würden. Das Experiment scheiterte: alle Kinder starben. Ihnen fehlte die mütterliche Liebe. Fehlende Liebe in frühester Kindheit kann zum Tod der Seele führen, kann zum völligen Mangel der Empathie führen.

Sozialpolitisch wäre es das Wichtigste, die grundlegende Erfahrung der frühkindlichen Bindung, die verlässliche Bindung an eine einzige oder einige wenige Personen als Grundbedingung für Glück und gelingendes Wachsen zu würdigen, und zwar offenbar in den Lebensjahren 0-3. Nicht Krippe, nicht Kita, nicht „soziale Gerechtigkeit“ sind das wichtigste Rüstzeug der Kinder, sondern stete, verlässliche Bindung an Mutter (oder Mutterersatz) und Vater (oder Vaterersatz).

Eine Gesellschaft wie die unsrige, eine Schule wie die unsrige, die den Kindern fast gar nichts mehr über Vater und Mutter erzählt, über das Zusammenleben von Mama, Papa und Kindern, versündigt sich an ihren Kindern und verspielt die eigene Zukunft.Es reicht nicht, alle Buben und Mädchen im Geiste Pippi Langstrumpfs zu elternlosen  Mannfrauen oder elternlosen Fraumännern zu erziehen. Kinder brauchen Eltern, und zwar als Frau und Mann.

Mozart, Zauberflöte:

Mann und Weib
Und Weib und Mann
Reichen an die Gottheit an.

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2%! Kinder brauchen mehr Armut! Die Kultur des Weniger!

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Mai 192011
 

16052011606.jpg Nur für 2% der berechtigten Kinder wurde bisher das Bildungspaket beantragt.

Wundert das die Damen und Herren Politiker? Mich wundert es nicht.

Ich diskutiere immer wieder mit Eltern, Lehrern und Pädagogen die Probleme der heutigen Armutskinder. Es herrscht weitgehende Einigkeit: Das Hauptproblem heute liegt darin, dass die armen Kinder zu viel Kram, zu viel Geld, zu viel Ablenkendes bekommen. Sie erhalten zu wenig Zuwendung, zu wenig Zumutungen, zu wenig echte Liebe, zu wenig Strenge.

Die Kinder sind überschüttet. Nach einer mit Kindern gemeinsam vorbereiteten Zauberflötenaufführung in einer Grundschule in einem der bundesweit bekannten Armutsbezirke Berlins sahen wir einige Knaben draußen im Schulkorridor sitzen. Sie hatten ein Nokia N 97, das berühmte Slider-Handy und guckten seelenruhig Hardcore-Pornos, die sie kostenlos  aus dem Internet herunterluden.

Ich frage euch: Werden diese armen Kinder mit ihrem Nokia N 97 in der „Hauptstadt der Kinderarmut“ die Angebote kostenlosen Instrumentalunterrichtes annehmen? Pustekuchen!

In Mozarts Zauberflöte geht es für Pamina und Tamino um das Wartenkönnen, um das Bestehen von Prüfungen, für Papageno und Papagena um Kinder, „die der Eltern Segen sind“. Tamino und Pamina werden durch das Wartenmüsssen, durch das Bestehen von Prüfungen zu erwachsenen, beziehungsfähigen Menschen.

Wer überhaupt nicht mehr warten kann, wird auf Dauer beziehungsunfähig und gleitet in die Sucht ab.

Zu viel, zu früh, zu schnell! Daran leiden unsere Kinder.

Die armen Schüler von heute sehen sich einer maßlosen Fülle an Angeboten gegenüber. Sie haben eigentlich alles verfügbar: Essen, Handys, Sex, Satellitenfernsehen in beliebigen Sprachen rund um die Uhr, die berühmte Capri-Sonne (ein beliebtes Zuckergetränk), zur Not auch Alkohol und Zigaretten. Sie lernen es von früh an zu wenig sich zu konzentrieren, sie lernen es zu wenig, sich lange auf eine Aufgabe vorzubereiten.

In dieser Fülle welche Armut!„, möchte man hier ausrufen. Hier droht vor unseren Augen eine Generation an Kindern verlorenzugehen oder ist schon verlorengegangen.

Und jetzt kommt obendrein noch das Bildungspaket für Kinder in Kinderarmut!  Die armen Kinder fragen: „Wozu denn das? Ich habe doch alles!“

Nein nein, mich wundert es nicht, dass das Bildungspaket so wenig abgerufen wird.

Ich schlage stattdessen vor, dass die armen Kinder in Kita und Schule frühzeitig an kleine Entbehrungen, an kleine Prüfungen herangeführt werden. Welche? Nun, z.B. 5 km am Wandertag zu Fuß zu gehen. Von der Schule weg. Auf Schusters Rappen. Ohne Einkehr, ohne Volksbespaßung, ohne Kino, ohne Geld.

Oder: die 5 Strophen eines alten Volksliedes zu singen, etwa folgendes Lied: „Die güldene Sonne“ von Philipp von Zesen.

1. Die güldene Sonne
bringt Leben und Wonne,
die Finsternis weicht.
Der Morgen sich zeiget,
die Röte aufsteiget,
der Monde verbleicht.2. Nun sollen wir loben
den Höchsten dort oben,
daß er uns die Nacht
hat wollen behüten
vor Schrecken und Wüten
der höllischen Macht.
3. Kommt, lasset uns singen,
die Stimmen erschwingen
zu danken dem Herrn.
Ei, bittet und flehet,
daß er uns beistehet
und weiche nicht fern.4. Es sei ihm ergeben
mein Leben und Streben,
mein Gehen und Stehn.
Er gebe mir Gaben
zu meinem Vorhaben,
laß richtig mich gehn.

5. In meinem Studieren
wird er mich wohl führen
und bleiben bei mir,
wird schärfen die Sinnen
zu meinem Beginnen
und öffnen die Tür.

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Mai 162011
 

16052011608.jpg „… der Eltern Segen werden sein, der Eltern Segen werden sein!“ Wie, ja was? Kinder sind der Segen der Eltern. Ein schönes Wort, das mir aus unserer heutigen Aufführung der Zauberflöte in der Kreuzberger Charlotte-Salomon-Grundschule im Kopf bleibt.

„Abtreibung? Nein, aber das ist doch Sünde!“ So spricht eine Mutter in dem Film „Almanya – Willkommen in Deutschland“ ihrer Tochter ins Gewissen, die ohne Trauschein „zur Unzeit“ schwanger geworden ist – obendrein mit einem Engländer! Mozarts Zauberflöte und die türkische Mama in Almanya kommen darin überein, dass Kinder der Segen der Eltern sind. Die absolute Hochschätzung des Lebens spricht aus Mozarts Zauberflöte ebenso wie aus der kategorischen islamischen Ablehnung der Abtreibung.

Leider wird das Kinderkriegen in der deutschen Gesellschaft fast ausschließlich als pekuniäres Problem gesehen. Es gibt fast keine relevante gesellschaftliche Kraft, die Elternschaft und Familie als Wert preist, die den Mut hätte, junge Erwachsene zum Familiengründen und zur Elternschaft zu ermutigen. Keine deutsche Partei traut sich, eindeutig die Familie als Lebensform zu rühmen.

Kein Wunder, dass alle Versuche, durch sozialtechnische Maßnahmen die deutsche Geburtenrate zu heben, gescheitert sind. Weder mit Geld noch mit besserer Kinderbetreuung lassen sich Menschen bewegen, Kinder in die Welt zu setzen.

Ich halte dies sogar irgendwo für gut. Es zeigt, dass der Staat durch monetäre und sozialpolitische Anreize etwas so Fundamentales wie das Zeugen und Erziehen von Kindern nicht beeinflussen kann.

Umgekehrt ist niemand so von allen guten Geistern des heute üblichen hemmungslosen Opportunismus verlassen, die weit über 120.00 Abtreibungen, die pro Jahr in Deutschland vollzogen werden, als großes Unglück darzustellen. „Nehmen Sie nie das Wort Abtreibung in den Mund, lassen Sie bloß die Finger von dem Thema!“, ist ein Ratschlag, den man jeder Jungpolitikerin ins Stammbuch schreiben muss. „Letztlich muss das Kind in MEINE Lebensplanung hineinpassen, ICH muss letztlich selber entscheiden, ob ICH das Kind haben will oder nicht.“ So in etwa denken viele, mit denen ich gesprochen habe.

Hiermit hat sich die Gesellschaft schon recht weit von jener absoluten Schutzwürdigkeit des menschlichen Lebens entfernt, wie sie etwa der römische Kaiser Konstantin 318 vertrat, der die in der gesamten Antike durchaus übliche Kindstötung durch den Vater verbot. Für Konstatin genoss das neugeborene Kind ein Recht auf Leben, das nicht von Zustimmung oder Ablehnung des Erzeugers abhing. Der römische Kaiser war der Meinung, dass alle Kinder ein Recht auf Leben hatten – unabhängig davon, ob sie in die Lebensplanung des Vaters hineinpassten oder nicht.

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Kultureller Reichtum für alle Kinder statt „Kinderarmut“!

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Mai 132011
 

affe-in-waldsieversdorf-011.jpg Ein Wort, bei dem ich nur noch laut auflachen kann, ist das Wort „Kinderarmut“. Es wird so getan, als hätten die Kinder in Berlin, „der Hauptstadt der Kinderarmut“, zu wenig Kram, zu wenig Geld, zu wenig Zerstreuung, zu wenig Hab und Gut. Ein leider fest verwurzelter, wirklich nur noch lachhafter Unsinn! Eine jener grandiosen Dummheiten, die unauslöschlich die politische Debatte durchziehen! Oder sagen wir es mal so: Es gibt in der Tat eine große kulturelle Öde, eine geistige Kinderarmut, ausgelöst durch materielle Überversorgung, durch den Versorgungs- und Verschwendungsstaat, genannt Bundesrepublik Deutschland. Die armen Kinder kommen vor lauter Fernsehen, Computer, Wii und Nintendo nicht mehr in Kontakt mit dem „Reichtum“ der Kultur.

Ich meine im Gegensatz dazu:

Alle Berliner Kinder sollen frühzeitig mit großen Leitwerken und Leitwerten der europäischen und orientalischen Kulturen bekannt gemacht werden. An den Berliner Schulen ist leider ein äußerst zaghafter Umgang mit den großen europäischen und den orientalischen Kulturen der vergangenen Jahrhunderte zu beklagen, als hätten die Schulen Angst, den Kindern etwas anzubieten, was nicht vollständig den Wertvorstellungen und mehr oder minder erleuchteten geistigen Moden des Jahres 2011 entspricht. 

Die Kinder, aber vor allem die männlichen Jugendlichen wachsen bei uns in einer Öde, in einem kulturellen Vakuum heran, das dann von elektronischen Medien aufgefüllt wird. Die Kinder sind völlig wehrlos im Griff der kommerziellen Pop-Kultur und der glitzernden Verheißungen der Warenwelt.

Riesige Themenbereiche scheinen mittlerweile völlig ausgeklammert zu werden, so etwa die Fabeln und Märchen, die Gedichte der klassischen Autoren (soweit für Kinder fasslich), die Mythen und Sagen, die Religionen und die Motive der mündlichen Erzählung, des Singens und des Tanzens.

Die Schulen berauben die Kinder in ihrer prägbarsten Phase des Zugangs zu den reichen Quellen unserer europäischen und orientalischen Kulturen. Das muss sich ändern. Deutschland und Europa dürfen in den Berliner Schulen nicht als blinder Fleck erscheinen. Warum sollen Grundschulkinder nicht bereits erfahren, wer Odysseus oder Sindbad der Seefahrer waren? Warum sollten sie nicht wissen, dass der arabische Burâq unserem griechischen Kentauren entspricht? Warum sollten sie nicht Goethes „Ein großer Teich war zugefroren“ oder Schillers „Kraniche des Ibykus“ lesen und auswendig lernen? Warum nicht Heines „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ singen? Warum nicht Teile aus Mozarts Zauberflöte oder Bachs Matthäuspassion hören und mitsummen?

 Posted by at 11:26

Diagnose: Testeritis frenetica, oder: Sollen Berliner Kinder noch richtig gutes Deutsch lernen?

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Mai 132011
 

affe-in-waldsieversdorf-001.jpg Groß ist das Jammern und Klagen in diesen Tagen über den VERA-Vergleichstest! „Zu schwer“, „die Kinder kennen kaum 700 Wörter und sollen jetzt den Test schreiben?“, stöhnen die Lehrer. Nun, ich kenne die Tests, mein vorwiegend russisch erzogener Mit-Migrationshintergrund-Sohn schreibt ihn dieses Jahr zum zweiten Mal mit.

Mein Gesamteindruck von VERA: der Test für die dritte Jahrgangsstufe orientiert sich an dem, was die Generation der heutigen Lehrer und Kultusbeamten in ihrer eigenen Schulzeit etwa am Ende der ersten Klasse beherrschte. Im Test wird also vorausgesetzt oder erwartet, dass die Berliner Kinder heute in der dritten Jahrgangsstufe etwa so gut Deutsch können wie vor 20 oder 30 Jahren die Lehrer am Ende der ersten Klasse. Eine fromme Hoffnung! Eine wortreich beschwiegene, von den Berliner Parteien nicht einmal ansatzweise erkannte Tatsache der Berliner Schulwelt ist: Große Teile der nachwachsenden Generation lernen bis zum Ende der Schulzeit nicht mehr richtig Deutsch. Wer das nicht anerkennt, kennt Kreuzberg, Wedding, Schöneberg, Spandau, Lichtenberg, Tiergarten, Neukölln nicht. Lest einen beliebigen Abschnitt aus einer beliebigen Jammerarie:

mobil.morgenpost.de
Marion Hein, Deutschlehrerin an der Sonnen-Grundschule, findet den Text zu anspruchsvoll für ihre Schüler. „Sie müssen nicht nur die verschiedenen Vogelarten bis zur Lerche kennen, sondern auch noch verstehen, dass den Tieren in der Fabel menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden“, sagt sie. Diese Übertragung schaffen die Kinder noch nicht, meint sie. Zudem sei ihre Erfahrungswelt in der Natur oft sehr begrenzt. Als sie mit ihrer Klasse zum ersten Mal im Zoo war, dachten einige Kinder, die Affen seien große Eichhörnchen, erzählt die Lehrerin. Die meisten Eltern seien arbeitslos. Nur selten kämen die Kinder aus dem Neubaugebiet am Dammweg heraus.

Also, wir halten fest: Die Berliner Kinder kennen am Ende der dritten Klasse keine Fabeln. Sie wissen nicht mehr, worum es in einer der bekannten Tierfabeln geht, wie sie in den europäischen und orientalischen Kulturen seit etwa 2 Jahrtausenden gang und gäbe waren. Obwohl Tiere auch im heutigen Leben der Stadtkinder allgegenwärtig sind – etwa in Gestalt von Hunden und Katzen, aber zunehmend auch in Gestalt von Füchsen, Mardern, Eichhörnchen, Tauben, Ratten, Fischen, Spatzen, ja sogar Wildschweinen, lernen die Kinder nicht mehr, dass wir Menschen uns seit Jahrtausenden in den Tieren widerspiegeln und ihnen menschliche Eigenschaften zuschreiben.

Der „böse“ Wolf, das „sanfte“ Lamm, der „stolze“ Adler. Wolf, Lamm, Adler: unwillkürlich erscheinen uns diese Tiere als böse, sanft, stolz. Die Berliner Kinder heute kennen am Ende der dritten Jahrgangsstufe das Wort böse sicherlich noch, aber „sanft“ und „stolz“ sind ihnen meist schon spanische Dörfer. Redet mit ihnen!

Ich bedaure es sehr, dass die Berliner Parteien nicht zu erkennen geben, dass sie sich des Problems  der mangelhaften Deutschkenntnisse der Mehrheit der Berliner Kinder überhaupt bewusst sind. Außer einer  Testeritis frenetica fällt ihnen wenig ein. Es fehlt in Berlin und Brandenburg an jedem tauglichen Modell zur Unterrichtung in Deutsch als Zweitsprache!

Die Grundschullehrer sind sich selbst überlassen. Der Test VERA – oder vielmehr die Klagen der Lehrer über VERA – decken dies schonungslos auf.

Hier stehen wir deutschkundigen Eltern in der Verantwortung. Wir müssen die Berliner Parteien aufrütteln und kräftig durchschütteln! Ich persönlich habe dies vor einer Woche im Hotel Estrel mit schwachen Kräften versucht. Das Echo war mau, oder sagen wir: sanft.

Bild: ein Affe in Waldsieversdorf

 Posted by at 10:43
Nov 182010
 

17112010065.jpg Gestern war ein schöner Tag. Am Nachmittag führten meine Frau, einige Kinder und ich in der Lomonossow-Grundschule die Zauberflöte  von Mozart auf. Ich durfte wie ein echter Theaterdirektor das Schauspiel ankündigen, die Puppe des Tamino und der Pamina führen und zusammen mit meinem braven Weib Irina die Handlung erzählen. Die Kinder lachten unglaublich viel. Wir besprachen gemeinsam Fragen von Gut und Böse. Wir fanden heraus, dass es uns allen freisteht, das Gute zu wählen.

Am Abend radelte ich zu der Sitzung des ADFC-Bezirksrates. Wir besprachen wichtige Themen. Ich habe viel gelernt. Manche eigene Ansichten habe ich überprüft und geändert. Das gemeinsame Ziel, den Radverkehr in Berlin zu fördern, verbindet und eint uns. Das Amt des Sprechers des Bezirksrates gab ich mit Ablauf meiner zweiten Amtszeit im besten Einvernehmen an Annette Schlipphak weiter.

Lomonossow-Grundschule zu Berlin :: Private deutsch-russische Lomonossow-Grundschule zu Berlin

 Posted by at 15:16
Sep 012010
 

So, damit kommen wir der Sache näher: Fast niemand der Befragten aus dem Goethe-Gymnasium kannte bei der Befragung durch die hartnäckigen Hart-aber-fair-Spürhunde das Gedicht „Wanderers Nachtlied“ von Goethe.

Thilo Sarrazin, der in der Runde saß und höchst achtbar seinen Mann stand, war sichtlich traurig darüber. Ich glaube, nichts hat ihn mehr getroffen und betrübt als diese Befragung der Schüler und Lehrer des Goethe-Gymnasiums, bei der Abiturienten und Lehrer nichts von diesem herrlichen Nachtlied wussten, das Franz Schubert so herzbewegend vertont hat.

Das also ist des Pudels Kern! Die Deutschen vergessen ihre große, ihre überragende Kultur, die weltweit in den Konzertsälen und Bibliotheken gelehrt und verehrt wird. Weltweit: außerhalb Deutschlands. Und deshalb hegen viele Deutsche die Angst, das Land könnte sich abschaffen.

Sie sind das status-unsichere Volk schlechthin! Incertitude allemande! Ich halte diese kulturelle Amnesie der Deutschen für höchst gefährlich. Denn sie kann in politische Instabilität umkippen.

Kaum etwas hat mich in den letzten Monaten stärker bewegt als unsere Elternkonzerte für die Kinder der Fanny-Hensel-Schule in Kreuzberg (Migrantenquote: 98%), als wir uns etwa über den Freischütz von C.M. von Weber unterhielten. Und eins unserer „libanesischen“ Mädchen sang den Jägerchor nach – ohne Scheu, taktsicher, mit herrlichem klaren Trallala. Es geht doch! Die muslimischen Kinder sind hungrig, sind wach, kennen keine Scheu vor der großen europäischen Kultur.

Unsere Kinder wollen und suchen das Schöne, das Wahre, das Gute. Sie haben ein Recht darauf. Sie haben ein Recht darauf, sehr früh, ab Klasse 1 mit Mozarts Zauberflöte bekanntgemacht zu werden. Sie haben ein Recht darauf, fragen zu dürfen, ob die Königin der Nacht gut oder böse ist.

Also muss die Schule ihnen diese Schätze auch bieten.

Ein Jammer, dass unsere Schulen so wenig weitergeben, weiterschenken von dem, was wir Deutsche zu bieten haben.

Nur wer gibt, kann auch nehmen.

Zum unverzichtbaren Kernbestand der deutschen Kultur rechne ich persönlich neben etwa zwei Dutzend Gedichten Goethes seinen Faust, rechne ich Musik Bachs und Mozarts, Kenntnisse über klassische deutsche Literatur, Geschichte ab etwa 1000 (nicht nur 1933-1945), Musik, Geographie. Beethoven! Brahms! Das sind Kontinente des Deutschen. Wenn unsere jungen  Leute diese Kontinente nicht mehr erfahren, dann gute Nacht, Deutschland!

Man sollte wissen, wer Immanuel Kant war und was er ungefähr gewollt hat. Man sollte mit Namen wie Adenauer, Karl der Große, Hitler, Rosa Luxemburg, Freud, Marx etwas anfangen können. Und Goethe, immer wieder Goethe! Goethe mehr denn je, denn er hält uns Deutschen den Schlüssel zum Verständnis des Islams in der Hand!

Weil sie keinen Goethe, keinen Friedrich Schiller mehr  kennen, sind sie taub für die Wortmusik eines Hafis oder Rumi. Und sie sind taub für Shakespeare.

Weil sie keine Bibel kennen, verstehen sie – die Deutschen – die Muslime nicht.

Weil sie Grimms Märchen nicht pflegen, sagt ihnen 1001 Nacht auch nichts mehr.

Gerade lese ich den Kinderkoran Lamya Kaddors mit großem Gewinn und großer Freude. Warum enthalten unsere Schulen den Kindern die großen Menschheitsgeschichten einer Maryam/Maria, eines Josef/Yusuf, eines  Moses/Musa, eines Isa/Jesus, eines Abraham/Ibrahim vor?

Auch dieser Fehl gehört zum kulturellen Gedächtnisverlust!

Weil die Deutschen ihre eigene Herkunft nicht pflegen, interessieren sie sich auch nicht für die Herkunft der Zuwanderer. Wer in Deutschland kennt schon türkische Dichter oder arabische Philosophen?

Es herrscht Ödnis. Wüste.

Weil sie schludrig mit ihrer eigenen Sprache umgehen, wollen auch andere Menschen sie nicht lernen.

Weil die Deutschen sich ihrer eigenen kulturellen Herkunft nicht vergewissern, haben sie Zukunftsangst. Deshalb hat Sarrazins Buch so viel Erfolg. Es rührt an die tiefe kulturelle Unsicherheit der Deutschen.

Das sehe ich in allen Schulen, das bemerke ich auf Schritt und Tritt bei Gesprächen. Sie reden über Mieten in Mallorca, über das neueste i-Phone, über die Bundesliga. Nichts gegen Mieten in Mallorca, i-Phones, Bundesliga – aber das kann nicht alles sein.

Wir können die Zuwanderer nur aufnehmen, wenn wir das Schöne und Große unserer Herkunft mit ihnen teilen lernen.

Sonst ruhen wir allzu balde.

 Posted by at 23:44
Dez 172009
 

1194272589___irinapotapenkoport.jpg Zu den beeindruckendsten Opernregisseuren der Gegenwart zählen für mich Christoph Schlingensief (Deutschland, Österreich, Burkina Faso usw.) und die russische Opernsängerin Irina Potapenko (Schöneberg, Kreuzberg). Was haben die beiden gemeinsam? Sie bringen die Oper als Kunstform an ungewöhnliche Orte. Sie gehen zu den Kindern, den Armen, den Vergessenen. Zu den Unterschichtlern dieser Erde. Sie glauben an die verwandelnde Kraft der Kunst, des Gesanges. Kultur, Musik, Gesang, Oper – nennt es doch wie ihr wollt! – ist etwas für alle. Sie ist so wichtig wie das täglich Brot.

Was ist der Unterschied? Schlingensief findet viele Mitstreiter. Das schreibt die ZEIT über ihn und sein afrikanisches Opernhaus:

»Ich meine das ernst«, sagt Schlingensief. In seinem Opernhaus sollen Künstler aus Afrika und Europa zusammenkommen. Er hat sich die Unterstützung von Außenminister Steinmeier geholt, vom Goethe-Institut, und er hofft auf private Spender – etwas mehr als eine Million Euro wird Schlingensief wohl brauchen. Und nun ist er hier in Burkina Faso mit einem fünfköpfigen Team, um nach einem geeigneten Ort zu suchen.

Irina Potapenko kommt ohne Subventionen, ohne Team, ja sogar ohne Außenminister aus. Die Puppen bastelt sie selbst in ihrer Freizeit. Einige davon hat sie schon verschenkt. Ihre Spielorte sind Kitas und Schulen, sind die berühmten Schimmel- und Asbestkieze Kreuzbergs und Schönebergs. Finanzielle Unterstützung erhält sie keine. Mit ihrem lustigen dreirädrigen Lastenrad fährt sie die Requisiten zur Bühne, werkelt, malt und hämmert selbst. Sie führt Regie, malt mit den arabischen und türkischen Kindern die Bühnenbilder, singt selbst, lässt Kinder als Mitwirkende auftreten, spannt auch ihren willfährigen Ehemann, nämlich den hier schreibenden Blogger, als Helferlein ein. Und das Beste daran ist: Keine einzige Zeitung nimmt Ira Potapenko wahr. Sie macht es um der Kinder willen, um der Kultur willen.

Irina Potapenko ist für mich die Opernregisseurin des Jahres 2009. Wirklich – nur für mich! Bitte, bitte: Nicht weitersagen, dass das Gute so nah liegt! Pssst!

 Posted by at 12:21
Feb 202008
 

zauberflote_19022008.jpg In aller Frühe brachen wir gestern zur Aufführung der Zauberflöte auf. Eine Freundin hatte uns in eine Berliner Grundschule eingeladen, für die sie arbeitet. Vor 110 Kindern der Klassen 1 und 2 produzieren wir Mozarts Zauberflöte in der Fassung für Marionettentheater. Etwa 20 Kinder spielen begeistert als wilde Tiere mit, die durch die Zauberflöte gezähmt werden und artig tanzen, die anderen sind zahme Katzen, die den Vorhang für die Königin der Nacht öffnen. Dramaturgie, Regie, Textfassung, Sopran, Dompteuse: Ira Potapenko, unsere Prinzipalin in der Kunst wie echten Leben. Was für ein Gefühl, vor einer dichtgedrängten Aula den Kindern das Blaue vom Himmel herunterzuerzählen! Und ich darf mich sogar als Dirigent der von einer CD eingespielten Ouvertüre betätigen. Damit erzielen wir die größten Lacher bei dieser Aufführung. Mozarts Werk bleibt fesselnd, eine Handlung, die bei aller Verworrenheit eben doch einen guten Ausgang verheißt. Danach fühlte ich mich erledigt wie nach jedem anderen öffentlichen Auftreten auch, aber eben auch stolz und froh: „Wir haben es geschafft“!

Anschließend Gespräch über die Lage an den Schulen. „Leider wird unsere Aula nur einmal im Jahr gereinigt. Es ist kein Geld da, um die Aula mehr als einmal im Jahr zu reinigen. Es finden keine Feste statt. Das ist die offizielle Linie in der Berliner Schulpolitik.“ Interessant zu sehen, wie die Spuren der Zeit sich ablagern, all der Staub, die Flusen, die vergessenen Schühchen … Ich denke: Ist das Jahr seit der letzten Reinigung schon wieder um?

Zuhause angelangt, übe ich die Grundrechenarten:

Aufgabe:

Gesetzt, einer jener mehreren Hundert deutschen Steuerhinterzieher, von denen die Welt heute spricht, habe 1 Million Euro pro Jahr hinterzogen, wie oft könnte dann die Aula einer Berliner Grundschule gereinigt werden, so dass dort wieder Feste und Versammlungen in einer sauberen Umgebung stattfinden können? Veranschlagen Sie die Gestehungskosten inkl. Sozialabgaben und Steuern mit 42.-/Euro pro Stunde, und unterstellen Sie, dass die Reinigung der Aula vier Stunden dauert! Runden Sie nach mathematischen Rundungsregeln auf ganze Jahre!

Lösung:

Reinigungskosten pro Woche: 168.-.Reinigungskosten pro Jahr (40 Wochen, da ohne Ferien): 6720.- Zahl der Jahre: 148,809523809

Ergebnis:

Mit der Summe, die ein durchschnittlicher Liechtenstein-Steuerflüchtling pro Jahr im Ausland hinterzieht, lässt sich die Aula einer Berliner Grundschule 149 Jahre lang einmal wöchentlich reinigen, so dass dort wieder Feiern und Versammlungen in einer sauberen Umgebung stattfinden können (Ferien ausgenommen).

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