Dez 162017
 

Adventskonzert_Rufina[1]

Eine einhüllende Dunkelheit wird zerspalten durch den Ruf den Ruf: „Veni Emmanuel!“ Es wird Licht. Der dämmrige Kirchenraum wird bespielt, er erwacht zum Leben. Hirtenfeuer flackern auf! Empfindungen der Einkehr und der Heimkehr erwarten uns morgen bei dem gemeinsam gestalteten Adventskonzert, zu dem ich als Musikant eingeladen worden bin und zu dem ich euch einlade. Kommt, denn alles ist bereitet!

Sonntag, 17. Dezember 2017, 18.00 Uhr, St.-Bonifatius-Kirche, 10965 Berlin-Kreuzberg, Yorckstr. 88C
Rufina Kalschnee: Sopran
Klara-Maria Kalschnee: Mezzosopran
Instrumentalensemble der St. Bonifatius-Kirche
Stefano Barberino: Orgel

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An Schwager Kronos: Freude, Goethe, Musik, Singen

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Okt 082017
 

Schöneberg, d 7 Oktbr 2017. Geselliges, gutes Musizieren im kleinen Kreis guter Menschen! Ich wage mich, auf ausdrückliches Bitten, am Klavier meiner Mutter selig sitzend, gelegentlich aufspringend, erstmals an den Vortrag von Schuberts An Schwager Kronos, freilich nicht im originalen d-moll, sondern in c-moll, wobei ich die Klavierbegleitung eher andeute als getreulich ausführe. Was für ein hochmodernes Gedicht hat Goethe hier geschrieben, hart gefügt, sprunghaft, kraftvoll rasselnd, zwischendrin zärtlich-behutsam innehaltend! Und Schubert drängt das noch einmal deutlich über Goethe hinauslangend ins Tiefste und Höchste hinein. Größte Erschütterung. Glück und Dankbarkeit am Abend.

 

Nachstehend der Text der ältesten überlieferten Fassung aus dem Jahr 1778 in Goethes Handschrift. Schubert hat allerdings den deutlich geglätteten Text der späteren Ausgaben verwendet.

 

AN SCHWAGER KRONOS

In der Postchaise d 10 Oktbr 1774

Spude dich Kronos
Fort den rasselnden Trott!
Bergab gleitet der Weg
Ekles Schwindeln zögert
Mir vor die Stirne dein Haudern
Frisch, den holpernden
Stock, Wurzeln, Steine den Trott
Rasch in’s Leben hinein!

Nun, schon wieder?
Den eratmenden Schritt
Mühsam Berg hinauf.
Auf denn! nicht träge denn!
Strebend und hoffend an.

Weit hoch herrlich der Blick
Rings ins Leben hinein
Vom Gebürg zum Gebürg
Über der ewige Geist
Ewigen Lebens ahndevoll.

Seitwärts des Überdachs Schatten
Zieht dich an
Und der Frischung verheißende Blick
Auf der Schwelle des Mädgens da.
Labe dich – mir auch Mädgen
Diesen schäumenden Trunk
Und den freundlichen Gesundheits Blick.

Ab dann frischer hinab
Sieh die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich faßt
Greisen im Moore Nebelduft,
Entzahnte Kiefer schnattern
Und das schlockernde Gebein.

Trunknen vom letzten Strahl
Reiß mich, ein Feuermeer
Mir im schäumenden Aug,
Mich Geblendeten, Taumelnden,
In der Hölle nächtliches Tor

Töne Schwager dein Horn
Raßle den schallenden Trab
Daß der Orkus vernehme: ein Fürst kommt,
Drunten von ihren Sitzen
Sich die Gewaltigen lüften.

Die Wiedergabe des Gedichtes erfolgt hier buchstaben-, zeilen- und zeichengetreu in der Fassung der „Ersten Weimarer Gedichtsammlung“, welche Goethe eigenhändig im Jahr 1778 schrieb (Handschrift H2).

Zitiert nach:
Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203

Bild: Goethes Arbeitszimmer, Weimar. Im Spiegel Goethes: der hier Schreibende

 

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Gläserklirren, Besteckklappern, Gemurmel bei Beethovens 2. Symphonie? Skandal!

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Jul 212017
 

Ein dumpfer Klangteppich aus klirrenden Gläsern, das Aufflackern von Zigarren und Zigaretten, Stoßen und Schubsen der Kellner umgibt den Augenblick, da Benjamin Bilse den Taktstock erhebt. Er ist dem Publikum zugewandt, die ersten Geigen sitzen von ihm aus gesehen rechts, die zweiten links, die vier Kontrabässe stehen mittig ganz hinten. So hat es Adolph Menzel festgehalten. Seine Gouache ist seit heute in  der großartigen Sommerausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts zu sehen.

Johann Ernst Benjamin Bilse – er war der führende Dirigent der klassischen Musikszene Berlins, bereiste ganz Europa mit Dirigaten, seine Bilse’sche Kapelle galt als Berlins bestes Orchester, und doch knarrte und krachte es allenthalben! Die Musiker fühlten sich unter Wert gehandelt, unter Wert behandelt, und als Bilse sich 1882 erdreistete, die Musiker in der vierten Klasse der Eisenbahn auf eine Konzertreise zu schicken, kam es zur Sezession: 52 Musiker verließen im revolutionären Zorn die Bilse’sche Kapelle und schlossen sich zum Berliner Philharmonischen Orchester zusammen.

Es wurde eine echte Orchesterdemokratie und ist es bis heute geblieben! Man nennt sie heute weltweit die BERLINER PHILHARMONIKER.

Adolph Menzel: Konzert bei Bilse. Gouache 1871

Wir geben den Ton an. Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. 21. Juli – 5. November 2017. Katalog herausgegeben von Catalina Heroven und Dagmar Korbacher. Erschienen im Imhof Verlag, Petersberg 2017, darin: Abb. 44 (Kat. 107)

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„Gezeichnete Musik“ – gibt es so etwas?

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Jul 192017
 


2017_07_20_Wir geben den Ton an_Einladung (1)

Einen warmen, sommerlich-beschwingten Abend erwarte ich morgen, Donnerstag, im Kupferstichkabinett am Kulturforum, einem der bedeutendsten Museen unserer an Museen nicht eben armen Hauptstadt. Eröffnet wird um 19 Uhr unter dem Titel „Wir geben den Ton an“ eine Ausstellung zum Thema „Musik in der Zeichnung“. „Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse.“ Musik als gezeichneter Augenschmaus? Das klingt vielversprechend.

Frage: Ob es wohl so etwas wie das Musikalische in der Zeichnung, das Zeichnerische in der Musik gibt? Ich weiß es nicht, kann es nicht wissen, es liegt außerhalb meines Fachgebietes, aber ich will mehr dazu erfahren. Gerade heute weidete ich mich an einigen Betrachtungen über „Dichterische und malerische Musik“; verfasst hat sie vor über hundert Jahren Albert Schweitzer, veröffentlicht wurden sie zuerst 1905 in französischer, 1906 dann auch in deutscher Sprache. Heute noch lesenswert!

Es spielt morgen ein junges Blechbläserensemble, das Berlin Concert Quintett.

Der Eintritt ist frei. Alle sind eingeladen zu kommen, lauschen, schauen, plaudern.

Lesehinweis: „Dichterische und malerische Musik“. In: Albert Schweitzer, J. S. Bach, Wiesbaden 1976, S. 382-398

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Seelenamt. Dienst an den Seelen

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Nov 032016
 

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Die Labram-Bratsche aus Nuneaton (Grafschaft Warwickshire) ist auf ihrer sehr irdischen, sehr europäischen Reise am Montag wohlbehalten in Berlin eingetroffen. Ich bin äußerst angetan! Das Instrument hat einen starken und doch weichen, singenden Ton, eine gute Ansprache über alle Saiten hinweg und ist dabei eben doch deutlich eine Viola, also keine „etwas größere Violine“.

Gestern durfte ich darauf mit dem Kirchenchor unter M. Stefano Barberino in heiterer Klage das herrlich-traurige Bratschensolo in Puccinis Requiem darbieten, und zwar im Seelenamt in der sehr großen, geräumigen Hallenkirche St. Bonifatius in Kreuz-Berg.

Auch die kleinere Schwester der Bratsche, die Violine, durfte etwas singen von endloser Trauer. Den ersten Satz, „Obsession“ betitelt,  aus Eugène Ysaÿes Sonate Nr. 2 führte ich deutlich langsamer aus als man ihn sonst zu hören gewohnt ist. Ich hörte und spielte ihn nicht als Perpetuum mobile, das man in sportlicher Manier hinfetzt, sondern als hartes, streitiges, von Zerwürfnissen und Unterbrechungen geprägtes Ringen zwischen Licht und Dunkel, zwischen dem Zorn Gottes und seiner Liebe. Und  bei 5 Sekunden Nachhall, da besteht doch die Gefahr eines Klanggemenges, des gefürchteten Klangbreies!

Doch diese Musik ist bei aller Düsterkeit unerbittlich präzise, ein scharfkantiges Gebild, das jäh aufflammt, unwirsch auffährt, um dann in süßen Akkorden zu schwelgen. Flötentöne!  Man kann sein Gehör und seine Finger schulen für übermäßige und erniedrigte Ton-Abstände, für weite Spannungen in den Doppelgriffen bis hin zu Dezimen, für die nahezu unerschöpfliche Palette an Klangfarben, die die Geige bietet.

Wir füllten in aller Seelenruhe den Raum der Kirche mit Klängen mühelos völlig aus – und der Raum füllte uns aus! Bei aller Trauer war dieses große Abschiednehmen friedlich und heiter. Unser gemeinsamer Dienst an den Seelen!

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Aussöhnung zwischen Martin und Hans – dank Frau Musika

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Jan 262016
 

Martin singt am Morgen:

Vor allen Freuden auf Erden
Kann niemand keine feiner werden,
Denn die ich geb mit meim Singen
Und mit manchem süßen Klingen.
Hie kann nicht sein ein böser Mut,
Wo da singen Gesellen gut,
Hie bleibt kein Zorn, Zank, Haß noch Neid,
Weichen muß alles Herzeleid;

Hans antwortet ihm am Abend:

Trüb‘ ist der Geist, verworren das Beginnen;
Die hehre Welt wie schwindet sie den Sinnen!

Da schwebt hervor Musik mit Engelschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön‘ um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew’ger Schöne:
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Götter-Wert der Töne wie der Tränen.

Wie hätte wohl Martin Luther erneut am Morgen danach auf diese Verse Goethes geantwortet? Ich bin sicher: er hätte sie dankbar angenommen. Er hätte in Goethe einen ihm gleichartigen, einen gleich ihm beständig Strebenden erkannt. Er hätte ihn verstanden! Musik bannt böse Geister, vertreibt den Teufel in mancherlei Gestalt. Luther und Goethe, sie sind auch hierin, also in der Hochschätzung der lösenden, heilenden, versöhnenden Kraft der Musik, einander ganz nah.

Nachweise:
„Frau Musika – Vorrede auf alle guten Gesangbücher“, in: Die Lieder Martin Luthers. edition Akanthus, Spröda 2013, S. 4 (WA 35, 483f.)

„Aussöhnung“, in: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Herausgegeben von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 1998, S. 462

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Dez 172015
 

Advent, das ist die Zeit der Dürre, der Versteppung. Advent, da zweifeln die Menschen an sich selbst. Auch die höhere, die gerühmte höchste Kultur findet heute keine Worte mehr, um die Größe und das Leuchten des Menschen, das Leuchten der Kinderaugen zu beschreiben.

Es bleiben Töne, es bleiben Kinderaugen!

Herzlich lade ich Sie und Euch deshalb zu dem folgenden Konzert am kommenden Samstag ein, bei dem ich selbst auch als Geiger mitwirke:

Adventskonzert in der St.-Bonifatius-Kirche

Am 19.12.2015 ab 16:00 Uhr in der St.-Bonifatius-Kirche, Yorckstraße 88, Kreuzberg, Berlin

Der Eintritt ist frei; Spenden erbeten.

Mitwirkende:
•Kirchenchor St. Bonifatius
•Charlottenburger Vokalensemble
•Mitglieder des St. Bonifatius-Orchesters,
•Solisten: Sandra Barenthin und Irina Potapenko

Leitung: Stefano Barberino

Werke von Bach, Vivaldi, Telemann, Mendelssohn
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„Nimm doch die Pfeife aus dem Mund – du Hund!“, oder: Kirstis Klarheit

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Aug 272015
 

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Letztes Wochenende süffelte ich zusammen mit meinem Bruder ein Weizenbier im Vereinslokal des DJK Augsburg Hochzoll in der Zugspitzstraße. Der kurzgeschorene Rasen lag ausgedörrt in der Sonne, die Zunge klebte ebenfalls ausgedörrt am Gaumen. Es stand 1:0 beim Spiel des FCA gegen Frankfurt. Würde Frankfurt noch den Ausgleich schaffen? Es war so heiß, das Reden fiel mir schwer. Alte Erinnerungen stiegen hoch. War es nicht hier? Hier hatte ich doch damals mit der Schülermannschaft des TSV Firnhaberau ein Fußballspiel ausgetragen, hier hatte ich doch unter sengender Hitze das blechern klingende Lied „Ein Student aus Uppsallallala“ aus dem Stadionlautsprecher gehört, oder täuschte ich mich? Wir verloren, wie hoch? Das habe ich vergessen. Nicht vergessen habe ich „Ein Student aus Uppsala“!

Doch, das war so. Und das Lied „Ein Student aus Uppsala“ prägte sich mir unauslöschlich ein.  Gesungen hat es die Kirsti mit ihrer bezaubernden Stimme. Viele Verse daraus kann ich heute noch auswendig. Warum?

Kirsti hatte die Gabe, jedes einzelne Wort und jeden einzelnen Satz so zu singen, dass sie über Jahre und Jahrzehnte haften blieben. Kirstis Aussprache des Deutschen war vorbildlich. Kirsti hatte offenbar eine sehr gute Schulung durchlaufen.

Ebenso unvergesslich: Der „Surabaya Johnny“, das Lied von Bert Brecht und Kurt Weill, gesungen von Lotte Lenya. „Nimm doch die Pfeife aus dem Mund, du Hund!“ Hier stimmt jedes Wort, hier stimmt jeder Satz, man sieht gewissermaßen, man erlebt mit, wie Lotte Lenya diesem unverwüstlichen, unsympathischen und doch unwiderstehlichen Surabaya Jonny die Pfeife aus dem Mund schlagen möchte!

Hört man solche und andere ältere Aufnahmen von deutschsprachigen Songs, Schlagern, Liedern und Opernarien an, so stellt man immer wieder fest, dass jedes einzelne Wort noch Jahrzehnte später klar, frisch und eindeutig zu verstehen ist.

Die Norwegerin Kirsti Sparboe, die Wienerin Lotte Lenya, der niederländische Kinderstar Heintje  … die Reihe lässt sich fortsetzen:   die Italienerin Milva, der Tscheche Karel Gott, der Österreicher Peter Alexander – sie alle verfügten noch über das, was heute bei deutschsprachigen Schauspielern und Sängern fast nicht mehr zu finden ist, weder im Pop noch im Rap, weder in der Unterhaltungsmusik noch auf der Sprechbühne noch in der sogenannten E-Musik: eine bestechend klare, fest sitzende, das Verständnis der Worte und Wörter sichernde Aussprache des Deutschen – oder auch des Englischen.

Diese hohe Kultur des Sprechens und Singens droht heute mindestens in Deutschland nach meinen Eindrücken verlorenzugehen, und zwar durch die Bank bei Sängern, Schauspielern, Chören, bei Profis und bei Laien, bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen fast gleichermaßen.

Der European Song Contest liefert Jahr um Jahr besonders schlagende Belege dafür. Viele Texte (in diesem Fall in Englisch) sind gerade bei deutschen Teilnehmerinnen nur halb verständlich, es wird genuschelt, gemümmelt, gedrückt und gesäuselt, was das Zeug hält. Technische, computertechnische, ja pyrotechnische Effekte beherrschen die Szene, die Show überwiegt, das gesungene Wort verschwimmt und verschwindet. Und viele besonders erfolgreiche  Sänger könnten eindeutig auf offener Bühne gar nicht mehr ohne technisches Backup oder Playback singen.

Woran liegt das? Vielleicht daran, dass von Kindesbeinen an nicht mehr so viel gemeinsam gesungen wird? Vielleicht daran, dass es keine gemeinsamen Texte, keinen gemeinsamen Kanon an Liedern, Märchen und Geschichten mehr gibt?

Wie auch immer. Abfinden sollte man sich damit nicht!  Ich denke, gerade wenn wir jetzt 800.000 Menschen, 800.000 neue Mitbürger ohne jede Kenntnisse der Landessprache Deutsch in einem einzigen Jahr in Deutschland integrieren wollen, was ja löblich ist, was ich gutheiße, müssen wir unbedingt unsere Muttersprache Deutsch mehr achten und pflegen. Und wir sollten bei uns, bei unserem Sprechen damit anfangen.

Kirsti, Milva, Lotte, Heintje, Peter, Karel … sie alle können uns lehren, dass gutes, klingendes, verständliches, beseeltes Deutsch möglich und nötig ist, wenn wir es wollen. So wahnsinnig schwer ist es auch wieder nicht! Und es macht Spaß!

Das Motto der Arbeit ergibt sich zwanglos beim Betrachten eines beliebigen Bildes, hier zum Beispiel: der Hochablass in der Brecht-Stadt Augsburg, aufgenommen in Hochzoll am 22. August 2015.
Nimm doch die Pfeife aus dem Mund!
Sei doch kein knurrender Hund!
Höre das Rauschen des tosenden Lechs,
wie er hinabstürzt über den Hochablass!
Kiesel um Kiesel nimmt er mit sich.
Wer kann dem tosenden Fluß widerstehen?
Wer könnte, wer wollte sich diesem Fluß entgegenstemmen?
Ich nicht! Du nicht! Schwimme mit mir!
Aber noch einmal sage ich’s dir:
Nimm doch die Pfeife aus dem Mund.
Sei doch kein knurrender Hund.

Eine schöne Handreichung zur eigenen Arbeit an guter Aussprache möchte ich abschließend noch empfehlen:

Klaus Heizmann: So spreche ich richtig aus. Eine Hilfe für Redner, Chorleiter und Sänger. Schott Verlag Mainz, 2. Aufl. 2011

 

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Kann man sich am Klang der Sprache wie am Klang der Musik erfreuen?

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Aug 212015
 

Könnte man die Freude an der Musik vielleicht auch mit der Sprache empfinden? Oft frage ich mich das. Wenn ich schöne Musik hören will, dann gehe ich einfach in ein Konzert oder spiele selbst mein Instrument oder singe, allein oder mit anderen.

Wenn ich aber schöne Sprache hören will, kann ich dann einfach so ins Theater oder ins Kino gehen, kann ich dann einfach das Radio oder den Fernseher aufdrehen? Jeder oder doch fast jeder versteht und schätzt die Schönheit einer Beethovenschen Symphonie, fast jede oder doch sehr viele erkennen und schätzen die Schönheit einer Zeichnung von Botticelli oder eines Bildes von Rembrandt.

Aber gibt es in Deutschland noch genug Schauspieler oder überhaupt Menschen, die die Schönheit eines Gorkischen oder Goetheschen Gedichtes, die Schönheit und Macht eines Schillerschen oder Shakespeareschen Monologes zu Gehör bringen können? Nein, ich glaube dies nicht. Ganz wenige können dies heute noch!

Die Kunst des guten Sprechens geht in Deutschland deutlich zurück, vielleicht unter der Vorherrschaft des Films, bei dem von den Schauspielern keine gute, reine und schöne Sprech- und Vortragskunst mehr verlangt wird. Man nehme irgendeinen ARD-„Tatort“, irgendeine Folge etwa von „Alarm für Cobra 11“ (Serien, die ich ansonsten sehr schätze), irgendeine Klassikerinszenierung auf einer deutschen Bühne,  und man wird die Wahrheit dieser Aussage nicht bestreiten können.

Es zählen für die Schauspieler heute gutes Aussehen, physische Präsenz, Charisma im So-Sein und Da-Sein, überzeugende Verkörperung der Rolle im Auftreten – und auch mediale Prominenz – mehr als alles andere. Diese Kriterien bestimmen Marktwert und Bühnenerfolg der Schauspieler.

Das gute, wohlklingende, deutliche, schöne gesprochene Wort ist in Deutschland vom Aussterben bedroht, nach meinen leidvollen Erfahrungen auch im Fernsehen, auch im Kino, ja sogar auch im Theater!

Es fehlt an Sprecherziehung, es fehlt in Deutschland am Wissen um die Wichtigkeit der sorgfältigen, geschulten, bewegenden, der klingenden Rede. In den Grundschulen, ja überhaupt in den Schulen herrscht heute ein heilloses Durcheinander in der Aussprache des Deutschen, mit der Folge, dass sehr viele Schüler die Grundstufe der Schule oder sogar die Schule überhaupt ohne grundlegende Sprechkenntnisse verlassen. Das war früher eindeutig anders.

Mit bedeutender, mehrmonatiger  Verspätung – bedingt durch den Streik der Zusteller – erreichten mich gestern zwei weitere bestellte Exemplare eines Buches, aus dem ich gern immer wieder Anregungen schöpfe und das ich gern in mehr deutschen Lehrerzimmern und deutschen Probebühnen sähe:

Egon Aderhold / Edith Wolf: Sprecherzieherisches Übungsbuch. 16. Auflage, Henschel Verlag, Berlin 2013

Diesem Buch entnehme ich auf S. 105 mit Dankbarkeit folgendes Gedicht „Beherzigung“, das sich sehr gut zum Einüben eines guten Vortrages eignet:

Feiger Gedanken
Bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen,
Ängstliches Klagen
Wendet kein Elend,
Macht dich nicht frei.

Allen Gewalten
Zum Trutz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,
Rufet die Arme
Der Götter herbei.

 

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Der Tag geht schon zur Neige

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Nov 252014
 

Der Tag geht schon zur Neige wie ein wildes Tier nach langem Suchen und Kämpfen seine Lagerstatt sucht. Was soll all das Kämpfen, was soll all das Suchen?

Wie von selbst klingen jetzt  Brentanos herrliche Verse im Ohr:

  

Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.

 

Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

 

Klingender Lieder
Glänzender Lauf
Ringelt sich nieder
Wallet hinauf

Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt,
Alles ist freundlich wohlwollend verbunden
Bietet sich tröstend und traurend die Hand.

 

 

 Posted by at 23:47