Okt 082017
 

Schöneberg, d 7 Oktbr 2017. Geselliges, gutes Musizieren im kleinen Kreis guter Menschen! Ich wage mich, auf ausdrückliches Bitten, am Klavier meiner Mutter selig sitzend, gelegentlich aufspringend, erstmals an den Vortrag von Schuberts An Schwager Kronos, freilich nicht im originalen d-moll, sondern in c-moll, wobei ich die Klavierbegleitung eher andeute als getreulich ausführe. Was für ein hochmodernes Gedicht hat Goethe hier geschrieben, hart gefügt, sprunghaft, kraftvoll rasselnd, zwischendrin zärtlich-behutsam innehaltend! Und Schubert drängt das noch einmal deutlich über Goethe hinauslangend ins Tiefste und Höchste hinein. Größte Erschütterung. Glück und Dankbarkeit am Abend.

 

Nachstehend der Text der ältesten überlieferten Fassung aus dem Jahr 1778 in Goethes Handschrift. Schubert hat allerdings den deutlich geglätteten Text der späteren Ausgaben verwendet.

 

AN SCHWAGER KRONOS

In der Postchaise d 10 Oktbr 1774

Spude dich Kronos
Fort den rasselnden Trott!
Bergab gleitet der Weg
Ekles Schwindeln zögert
Mir vor die Stirne dein Haudern
Frisch, den holpernden
Stock, Wurzeln, Steine den Trott
Rasch in’s Leben hinein!

Nun, schon wieder?
Den eratmenden Schritt
Mühsam Berg hinauf.
Auf denn! nicht träge denn!
Strebend und hoffend an.

Weit hoch herrlich der Blick
Rings ins Leben hinein
Vom Gebürg zum Gebürg
Über der ewige Geist
Ewigen Lebens ahndevoll.

Seitwärts des Überdachs Schatten
Zieht dich an
Und der Frischung verheißende Blick
Auf der Schwelle des Mädgens da.
Labe dich – mir auch Mädgen
Diesen schäumenden Trunk
Und den freundlichen Gesundheits Blick.

Ab dann frischer hinab
Sieh die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich faßt
Greisen im Moore Nebelduft,
Entzahnte Kiefer schnattern
Und das schlockernde Gebein.

Trunknen vom letzten Strahl
Reiß mich, ein Feuermeer
Mir im schäumenden Aug,
Mich Geblendeten, Taumelnden,
In der Hölle nächtliches Tor

Töne Schwager dein Horn
Raßle den schallenden Trab
Daß der Orkus vernehme: ein Fürst kommt,
Drunten von ihren Sitzen
Sich die Gewaltigen lüften.

Die Wiedergabe des Gedichtes erfolgt hier buchstaben-, zeilen- und zeichengetreu in der Fassung der „Ersten Weimarer Gedichtsammlung“, welche Goethe eigenhändig im Jahr 1778 schrieb (Handschrift H2).

Zitiert nach:
Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203

Bild: Goethes Arbeitszimmer, Weimar. Im Spiegel Goethes: der hier Schreibende

 

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Gläserklirren, Besteckklappern, Gemurmel bei Beethovens 2. Symphonie? Skandal!

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Jul 212017
 

Ein dumpfer Klangteppich aus klirrenden Gläsern, das Aufflackern von Zigarren und Zigaretten, Stoßen und Schubsen der Kellner umgibt den Augenblick, da Benjamin Bilse den Taktstock erhebt. Er ist dem Publikum zugewandt, die ersten Geigen sitzen von ihm aus gesehen rechts, die zweiten links, die vier Kontrabässe stehen mittig ganz hinten. So hat es Adolph Menzel festgehalten. Seine Gouache ist seit heute in  der großartigen Sommerausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts zu sehen.

Johann Ernst Benjamin Bilse – er war der führende Dirigent der klassischen Musikszene Berlins, bereiste ganz Europa mit Dirigaten, seine Bilse’sche Kapelle galt als Berlins bestes Orchester, und doch knarrte und krachte es allenthalben! Die Musiker fühlten sich unter Wert gehandelt, unter Wert behandelt, und als Bilse sich 1882 erdreistete, die Musiker in der vierten Klasse der Eisenbahn auf eine Konzertreise zu schicken, kam es zur Sezession: 52 Musiker verließen im revolutionären Zorn die Bilse’sche Kapelle und schlossen sich zum Berliner Philharmonischen Orchester zusammen.

Es wurde eine echte Orchesterdemokratie und ist es bis heute geblieben! Man nennt sie heute weltweit die BERLINER PHILHARMONIKER.

Adolph Menzel: Konzert bei Bilse. Gouache 1871

Wir geben den Ton an. Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. 21. Juli – 5. November 2017. Katalog herausgegeben von Catalina Heroven und Dagmar Korbacher. Erschienen im Imhof Verlag, Petersberg 2017, darin: Abb. 44 (Kat. 107)

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„Gezeichnete Musik“ – gibt es so etwas?

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Jul 192017
 


2017_07_20_Wir geben den Ton an_Einladung (1)

Einen warmen, sommerlich-beschwingten Abend erwarte ich morgen, Donnerstag, im Kupferstichkabinett am Kulturforum, einem der bedeutendsten Museen unserer an Museen nicht eben armen Hauptstadt. Eröffnet wird um 19 Uhr unter dem Titel „Wir geben den Ton an“ eine Ausstellung zum Thema „Musik in der Zeichnung“. „Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse.“ Musik als gezeichneter Augenschmaus? Das klingt vielversprechend.

Frage: Ob es wohl so etwas wie das Musikalische in der Zeichnung, das Zeichnerische in der Musik gibt? Ich weiß es nicht, kann es nicht wissen, es liegt außerhalb meines Fachgebietes, aber ich will mehr dazu erfahren. Gerade heute weidete ich mich an einigen Betrachtungen über „Dichterische und malerische Musik“; verfasst hat sie vor über hundert Jahren Albert Schweitzer, veröffentlicht wurden sie zuerst 1905 in französischer, 1906 dann auch in deutscher Sprache. Heute noch lesenswert!

Es spielt morgen ein junges Blechbläserensemble, das Berlin Concert Quintett.

Der Eintritt ist frei. Alle sind eingeladen zu kommen, lauschen, schauen, plaudern.

Lesehinweis: „Dichterische und malerische Musik“. In: Albert Schweitzer, J. S. Bach, Wiesbaden 1976, S. 382-398

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Seelenamt. Dienst an den Seelen

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Nov 032016
 

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Die Labram-Bratsche aus Nuneaton (Grafschaft Warwickshire) ist auf ihrer sehr irdischen, sehr europäischen Reise am Montag wohlbehalten in Berlin eingetroffen. Ich bin äußerst angetan! Das Instrument hat einen starken und doch weichen, singenden Ton, eine gute Ansprache über alle Saiten hinweg und ist dabei eben doch deutlich eine Viola, also keine „etwas größere Violine“.

Gestern durfte ich darauf mit dem Kirchenchor unter M. Stefano Barberino in heiterer Klage das herrlich-traurige Bratschensolo in Puccinis Requiem darbieten, und zwar im Seelenamt in der sehr großen, geräumigen Hallenkirche St. Bonifatius in Kreuz-Berg.

Auch die kleinere Schwester der Bratsche, die Violine, durfte etwas singen von endloser Trauer. Den ersten Satz, „Obsession“ betitelt,  aus Eugène Ysaÿes Sonate Nr. 2 führte ich deutlich langsamer aus als man ihn sonst zu hören gewohnt ist. Ich hörte und spielte ihn nicht als Perpetuum mobile, das man in sportlicher Manier hinfetzt, sondern als hartes, streitiges, von Zerwürfnissen und Unterbrechungen geprägtes Ringen zwischen Licht und Dunkel, zwischen dem Zorn Gottes und seiner Liebe. Und  bei 5 Sekunden Nachhall, da besteht doch die Gefahr eines Klanggemenges, des gefürchteten Klangbreies!

Doch diese Musik ist bei aller Düsterkeit unerbittlich präzise, ein scharfkantiges Gebild, das jäh aufflammt, unwirsch auffährt, um dann in süßen Akkorden zu schwelgen. Flötentöne!  Man kann sein Gehör und seine Finger schulen für übermäßige und erniedrigte Ton-Abstände, für weite Spannungen in den Doppelgriffen bis hin zu Dezimen, für die nahezu unerschöpfliche Palette an Klangfarben, die die Geige bietet.

Wir füllten in aller Seelenruhe den Raum der Kirche mit Klängen mühelos völlig aus – und der Raum füllte uns aus! Bei aller Trauer war dieses große Abschiednehmen friedlich und heiter. Unser gemeinsamer Dienst an den Seelen!

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Aussöhnung zwischen Martin und Hans – dank Frau Musika

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Jan 262016
 

Martin singt am Morgen:

Vor allen Freuden auf Erden
Kann niemand keine feiner werden,
Denn die ich geb mit meim Singen
Und mit manchem süßen Klingen.
Hie kann nicht sein ein böser Mut,
Wo da singen Gesellen gut,
Hie bleibt kein Zorn, Zank, Haß noch Neid,
Weichen muß alles Herzeleid;

Hans antwortet ihm am Abend:

Trüb‘ ist der Geist, verworren das Beginnen;
Die hehre Welt wie schwindet sie den Sinnen!

Da schwebt hervor Musik mit Engelschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön‘ um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew’ger Schöne:
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Götter-Wert der Töne wie der Tränen.

Wie hätte wohl Martin Luther erneut am Morgen danach auf diese Verse Goethes geantwortet? Ich bin sicher: er hätte sie dankbar angenommen. Er hätte in Goethe einen ihm gleichartigen, einen gleich ihm beständig Strebenden erkannt. Er hätte ihn verstanden! Musik bannt böse Geister, vertreibt den Teufel in mancherlei Gestalt. Luther und Goethe, sie sind auch hierin, also in der Hochschätzung der lösenden, heilenden, versöhnenden Kraft der Musik, einander ganz nah.

Nachweise:
„Frau Musika – Vorrede auf alle guten Gesangbücher“, in: Die Lieder Martin Luthers. edition Akanthus, Spröda 2013, S. 4 (WA 35, 483f.)

„Aussöhnung“, in: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Herausgegeben von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 1998, S. 462

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„Nimm doch die Pfeife aus dem Mund – du Hund!“, oder: Kirstis Klarheit

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Aug 272015
 

Hochablass 20150822_143128

Letztes Wochenende süffelte ich zusammen mit meinem Bruder ein Weizenbier im Vereinslokal des DJK Augsburg Hochzoll in der Zugspitzstraße. Der kurzgeschorene Rasen lag ausgedörrt in der Sonne, die Zunge klebte ebenfalls ausgedörrt am Gaumen. Es stand 1:0 beim Spiel des FCA gegen Frankfurt. Würde Frankfurt noch den Ausgleich schaffen? Es war so heiß, das Reden fiel mir schwer. Alte Erinnerungen stiegen hoch. War es nicht hier? Hier hatte ich doch damals mit der Schülermannschaft des TSV Firnhaberau ein Fußballspiel ausgetragen, hier hatte ich doch unter sengender Hitze das blechern klingende Lied „Ein Student aus Uppsallallala“ aus dem Stadionlautsprecher gehört, oder täuschte ich mich? Wir verloren, wie hoch? Das habe ich vergessen. Nicht vergessen habe ich „Ein Student aus Uppsala“!

Doch, das war so. Und das Lied „Ein Student aus Uppsala“ prägte sich mir unauslöschlich ein.  Gesungen hat es die Kirsti mit ihrer bezaubernden Stimme. Viele Verse daraus kann ich heute noch auswendig. Warum?

Kirsti hatte die Gabe, jedes einzelne Wort und jeden einzelnen Satz so zu singen, dass sie über Jahre und Jahrzehnte haften blieben. Kirstis Aussprache des Deutschen war vorbildlich. Kirsti hatte offenbar eine sehr gute Schulung durchlaufen.

Ebenso unvergesslich: Der „Surabaya Johnny“, das Lied von Bert Brecht und Kurt Weill, gesungen von Lotte Lenya. „Nimm doch die Pfeife aus dem Mund, du Hund!“ Hier stimmt jedes Wort, hier stimmt jeder Satz, man sieht gewissermaßen, man erlebt mit, wie Lotte Lenya diesem unverwüstlichen, unsympathischen und doch unwiderstehlichen Surabaya Jonny die Pfeife aus dem Mund schlagen möchte!

Hört man solche und andere ältere Aufnahmen von deutschsprachigen Songs, Schlagern, Liedern und Opernarien an, so stellt man immer wieder fest, dass jedes einzelne Wort noch Jahrzehnte später klar, frisch und eindeutig zu verstehen ist.

Die Norwegerin Kirsti Sparboe, die Wienerin Lotte Lenya, der niederländische Kinderstar Heintje  … die Reihe lässt sich fortsetzen:   die Italienerin Milva, der Tscheche Karel Gott, der Österreicher Peter Alexander – sie alle verfügten noch über das, was heute bei deutschsprachigen Schauspielern und Sängern fast nicht mehr zu finden ist, weder im Pop noch im Rap, weder in der Unterhaltungsmusik noch auf der Sprechbühne noch in der sogenannten E-Musik: eine bestechend klare, fest sitzende, das Verständnis der Worte und Wörter sichernde Aussprache des Deutschen – oder auch des Englischen.

Diese hohe Kultur des Sprechens und Singens droht heute mindestens in Deutschland nach meinen Eindrücken verlorenzugehen, und zwar durch die Bank bei Sängern, Schauspielern, Chören, bei Profis und bei Laien, bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen fast gleichermaßen.

Der European Song Contest liefert Jahr um Jahr besonders schlagende Belege dafür. Viele Texte (in diesem Fall in Englisch) sind gerade bei deutschen Teilnehmerinnen nur halb verständlich, es wird genuschelt, gemümmelt, gedrückt und gesäuselt, was das Zeug hält. Technische, computertechnische, ja pyrotechnische Effekte beherrschen die Szene, die Show überwiegt, das gesungene Wort verschwimmt und verschwindet. Und viele besonders erfolgreiche  Sänger könnten eindeutig auf offener Bühne gar nicht mehr ohne technisches Backup oder Playback singen.

Woran liegt das? Vielleicht daran, dass von Kindesbeinen an nicht mehr so viel gemeinsam gesungen wird? Vielleicht daran, dass es keine gemeinsamen Texte, keinen gemeinsamen Kanon an Liedern, Märchen und Geschichten mehr gibt?

Wie auch immer. Abfinden sollte man sich damit nicht!  Ich denke, gerade wenn wir jetzt 800.000 Menschen, 800.000 neue Mitbürger ohne jede Kenntnisse der Landessprache Deutsch in einem einzigen Jahr in Deutschland integrieren wollen, was ja löblich ist, was ich gutheiße, müssen wir unbedingt unsere Muttersprache Deutsch mehr achten und pflegen. Und wir sollten bei uns, bei unserem Sprechen damit anfangen.

Kirsti, Milva, Lotte, Heintje, Peter, Karel … sie alle können uns lehren, dass gutes, klingendes, verständliches, beseeltes Deutsch möglich und nötig ist, wenn wir es wollen. So wahnsinnig schwer ist es auch wieder nicht! Und es macht Spaß!

Das Motto der Arbeit ergibt sich zwanglos beim Betrachten eines beliebigen Bildes, hier zum Beispiel: der Hochablass in der Brecht-Stadt Augsburg, aufgenommen in Hochzoll am 22. August 2015.
Nimm doch die Pfeife aus dem Mund!
Sei doch kein knurrender Hund!
Höre das Rauschen des tosenden Lechs,
wie er hinabstürzt über den Hochablass!
Kiesel um Kiesel nimmt er mit sich.
Wer kann dem tosenden Fluß widerstehen?
Wer könnte, wer wollte sich diesem Fluß entgegenstemmen?
Ich nicht! Du nicht! Schwimme mit mir!
Aber noch einmal sage ich’s dir:
Nimm doch die Pfeife aus dem Mund.
Sei doch kein knurrender Hund.

Eine schöne Handreichung zur eigenen Arbeit an guter Aussprache möchte ich abschließend noch empfehlen:

Klaus Heizmann: So spreche ich richtig aus. Eine Hilfe für Redner, Chorleiter und Sänger. Schott Verlag Mainz, 2. Aufl. 2011

 

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Der Tag geht schon zur Neige

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Nov 252014
 

Der Tag geht schon zur Neige wie ein wildes Tier nach langem Suchen und Kämpfen seine Lagerstatt sucht. Was soll all das Kämpfen, was soll all das Suchen?

Wie von selbst klingen jetzt  Brentanos herrliche Verse im Ohr:

  

Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.

 

Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

 

Klingender Lieder
Glänzender Lauf
Ringelt sich nieder
Wallet hinauf

Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt,
Alles ist freundlich wohlwollend verbunden
Bietet sich tröstend und traurend die Hand.

 

 

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Vergrämung des Menschen durch klassische Musik

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Okt 192014
 

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Vergrämung – davon sprechen Vogelkundler, wenn Tauben oder Kormorane durch unangenehme Reizüberflutung von einem Ort vertrieben werden – der Kormoran von einem Fischteich etwa, die Taube aus einem U-Bahnhof.

Das Urban-Krankenhaus im heimatlichen Kreuzberg vergrämt in diesem Sinne Raucher mit klassischer Musik. Ich habe die erzwungene Beschallung selbst erlebt, als ich vor einiger Zeit eine krebskranke Patientin im Urban betreute. Und so las ich es gestern in der U6 Richtung Alt-Tegel. Die suchtkranken Patientinnen und Patienten ertragen „das Gejaule“ nicht.

http://www.bz-berlin.de/berlin/friedrichshain-kreuzberg/klinik-verjagt-raucher-mit-klassischer-musik

So weit ist es also gekommen – klassische Musik (Vivaldi, J.S. Bach, Tschaikowski, Beethoven) wird als Waffe gegen suchtkranke Menschen eingesetzt.

Es ist nicht zu leugnen: Rein theoretisch kann man Bach, Mozart, Beethoven, Brahms auch als Folterwerkzeug einsetzen, indem man sie zu laut, zu lange, am falschen Ort und zur falschen Zeit auf die Ohren drückt, oder sie als abstrakten Lernstoff in Kinderseelen hineindrückt. Auch Licht, eine gute Quelle unseres guten Lebens,  kann man zur Folter einsetzen. Und das wird in Gefängnissen mancher Länder auch gemacht.

Tiefer Gram erfasst mich. So tief ist Deutschland, das Land Bachs, Beethovens, Felix Mendelssohns und Johannes Brahms‘  gesunken. Vor Jahren wurde Mozart wenigstens noch als Mittel zur besseren Hühnerei-Ausbeute in Legebatterien gepriesen, oder auch als Mittel zur pränatalen Intelligenzförderung bei Kindern. Und jetzt verjagt man die Leute mit klassischer Musik.  So wird von Anfang an der Sinn für die Schönheit klassischer Musik unterdrückt. Die Leute werden durch Zwangsbeschallung gefügig gemacht. Der Sinn für Schönheit wird ihnen gewissermaßen herausoperiert.

Noch vor  der um sich greifenden  Selbstaufgabe der europäischen Sprachen, etwa des Deutschen, Italienischen oder Polnischen, zugunsten des Globischen (z.B. „There will be no Staatsbankrott“, wie es Wolfgang Schäuble formulierte), neben der schleichenden, fortschreitenden Selbstaushöhlung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zugunsten der Europäischen Zentralbank  oder der EU-Kommission (also der beiden derzeit scharf konkurrierenden zentralen Gesetzgebungsbehörden der Europäischen Union) empfinde ich die Verhunzung, die Verleugnung, den Missbrauch der großen Musik etwa Antonio Vivaldis, Beethovens, Johannes Brahms‘, Felix Mendelssohns, Peter Tschaikoswkijs  oder Johann Sebastian Bachs als besonders schlimm. Diese bewusste Abkopplung einer ganzen Gesellschaft von allem, was sich in der Vergangenheit als schön und gut und erhaltenswert erwiesen hat,  was mir zumindest auch weitergebenswert erscheint, ist für mich Quelle tiefen Grams.

Ich meine: Die Schönheit der klassischen Musik – also etwa des zweiten Satzes in Beethovens Streichquartett op. 18 Nr. 1 –  soll den Kindern und den Kranken im Urban-Krankenhaus behutsam erschlossen werden. Ein Aufscheinen, ein plötzliches Durchzucktwerden, ein freudiges, strahlendes Schönen  trägt diese Musik. Als Mittel zur Vergrämung des Menschen ist diese Musik viel zu schade.

 

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Mai 022014
 

2014-05-01 17.26.47

Heut bin ich recht froh, sintemalen ich gestern mich in Eisenach bei unserem Martin LUTHER und unserem Johannes BACH gestärkt habe. Wer – Johannes Bach? Warum nicht Johann Sebastian Bach? Nun, ich betrachtete genau das Schülerverzeichnis der Eisenacher Lateinschule, die Johann Sebastian Bach ab dem Alter von 8 Jahren  besuchte. Der schulamtliche Name unseres Meisters aller Gattungen lautet dort – handschriftlich eingetragen-  nicht „Bach Johann Sebastian“ sondern „Bach Johannes“. 

Denkt Euch nur: Ich durfte am 1. Mai 2014 nachmittags um 17 Uhr im Bachhaus am Frauenplan zu Eisenach an diesem vielleicht von Bach selbst einmal traktierten oder vielleicht inspizierten Orgelpositiv des Jahres 1650 als tüchtiger Kalkant musizieren. Der Organist vertraute mir. Er glaubte mir auf mein gutes Wort hin, dass ich ein guter Kalkant sein werde! Das ist Glauben, ist Vertrauen: „Ja, du schaffst das schon! Kalkant – das kannst du!“, sagten die Augen des Organisten. 

Damit fängt alles an.

Ich strahlte: Ich ein Kalkant im Bachhaus am Frauenplan zu Eisenach! Herrlich, überherrlich! „Empfangt den heiligen Hauch!“, sagte es in mir – und das ist akkurat, was im Evangelio des Johannes 20, 22 steht! Es ist eine der Osterbotschaften Jesu. Das lateinische Spiritus bedeutet Hauch, griechisch Pneuma, hebräisch Ruach.

Omnis spiritus laudet te!

 Posted by at 15:18
Apr 222014
 

2014-03-30 13.55.50Die Ostertage fanden mich häufig den Zug wechselnd, häufig das Gefährt und die Gefährten wechselnd, wandernd, reisend, redend, singend, feiernd. Hier mit einigen Tagen Verspätung nachgereicht ein Gespräch, das ich am vergangenen Samstag im ICE 1525 irgendwo zwischen Jena und Nürnberg aufzeichnete:

Karsamstag ist es heute, der Tag der Grabesruhe, der Tag des stillen Nachdenkens. Ein unbezwingliches Verlangen trieb mich am Gründonnerstag in die Berliner Philharmonie. Enoch zu Guttenberg würde dort um 20 Uhr die Matthäuspassion Johann Sebastian Bachs dirigieren. Ich wollte erfahren, ob verschiedene Vermutungen, die ich am Nachmittag fiedelnd und summend zur Gestalt des Petrus und zur fundamentalen Bedeutung der Ungläubigen für die Gläubigen angestellt hatte, eine Art Widerhall oder eine Art Widerspruch finden würden.

Guttenberg fasst die Matthäuspassion als rauhe See mit gelegentlicher Windstille, als durch und durch aufgewühlte, von Rubati, von Affekten, gestoßenen Rufen und gezogenen Klagen durchzogene Klangrede. Gelebte Rede, wirkendes Wort! Das Wort trägt und gestaltet alles. Die Musik ist nichts anderes als eine ins Unermessliche verstärkte Rede. Es geht nicht um „Kunstgenuss“ des Bildungsbürgertums, das immer noch weiß oder zu wissen glaubt, was „der Deutsche an seiner Matthäuspassion hat“, um Norbert Elias verkürzt wiederzugeben. Nein, die Aufführung strebt den sinnlichen, leibhaftigen theatralischen Nachvollzug eines Geschehens an, das den ganzen Menschen verhandelt, behandelt, durchwalkt, aufstört, annagelt, zerlegt und heilend wieder zusammensetzt.

Das getragen Schreitende, das gravitätisch Gemessene, das mir noch aus den eigenen Aufführungen in den Ohren hängt, ist fast völlig verschwunden. Die tiefe Frömmigkeit, welche üblicherweise in die Choräle, die „schimmernden Barockjuwelen“, hineingelegt wurde, ist restlos geschwunden. Ein Beispiel vom Beginn (Choral Nr.3):

Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen,
Daß man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?

Selbst innerhalb von 8 Takten stößt, bedrängt, zieht Guttenberg den Chor und setzt dabei jedes einzelne Wort, jeden einzelnen Satz in ein neues Licht. Der Chor „kriegt sich nicht ein“ – er ist nach dem klar erkennbaren Willen des Dirigenten vollkommen aus dem Häuschen. Es fehlt dem Chor – das Selbstverständliche, es fehlt das Schwelgerische, es fehlt der bunte gewebte Klangteppich der dekorativen Bach-Aufführungen, die auch heute noch immer wieder schimmernd erklingen. Alles wird neu errungen, alles wird neu aus der Taufe gehoben.

Rasche, häufige Tempi-Wechsel, klares Herausarbeiten der Zentralität des Wortes, das sich des Klanges bedient. So hörten wir das am Gründonnerstag.

Daneben gab es aber doch einige herausgehobene Ruhe- und Haltepunkte. Deren erster war die Szene der wechselseitigen Erkenntnis zwischen Judas und Jesus im Rezitativ Nr. 11.

Bin ich’s Rabbi?
Er sprach zu ihm:
Du sagest’s.

Unterlegt wird der kleine Dialog des Einverständnisses durch einige eher triviale Harmonien in g-Moll, ausgeführt durch das Continuo mit Streichern. Hier staunte ich: Das Tempo der Achtelakkorde wurde durch den herrischen Stab des Dirigenten ins Zeitlupenhafte, ins fast Elysische gedehnt. Ich meinte eine Verlangsamung sondergleichen zu hören. Eine der langsamsten Stellen des ganzen Abends! Es war die vollkommene Harmonie, hinsinkend aus dem verminderten Akkord auf der Dominante hinab ins ruhige, smaragdgrün leuchtende g-Moll. Grundstufe g-Moll! Tiefes, tiefes G im Kontrabass. Ein tiefes tiefes Geh! Geh! Geh! war da herauszuhören. Eine klare Ausdeutung, die Guttenberg hier liefert: Zwischen Judas und Jesus bestand laut dieser Aufführung ein tiefes, inniges, zum Frieden führendes Einverständnis: Geh! Geh! Geh!  Judas ist gewissermaßen ein verlässlicher Mitspieler in diesem Drama. Er tut, was ihm gesagt wird, er sucht seine Rolle und führt sie dann „untadelig“ aus. Ein Verräter, der die Wahrheit des Verrats vorher offen verkündet. Meeresstille – , ein letztes Atemholen, eine untrügliche Ruhe vor dem Sturm!

Judas erscheint hier überhaupt in einem neuen Licht. Während Petrus, die Jünger, Pilatus und das Volk mehr oder minder ratlos und haltlos getrieben, vom Dirigenten gepeitscht und oft auch unberechenbar agieren, ziehen Judas und Jesus ihre Handlungslinien als einzige ohne Schwanken und ohne Zweifel durch. Jesus und Judas sind die beiden Zuverlässigen unter all den Unzuverlässigen. Verlässlichkeit – wie man sie von einem Freund erwartet. Nicht zufällig ist Judas im gesamten Neuen Testament der einzige Jünger, den Jesus mit dem Ehrentitel Freund anredet (Rezitativ Nr. 26):

„Mein Freund, warum bist du kommen?“
Eine andere Lesart sagt:
„Mein Freund, darum bist du gekommen?“

Und noch eine zweite glatte, friedliche See zeichnete diese Aufführung. Es ist der Chor des römischen Hauptmannes und seines Volks (Nr. 63b):

Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.

Die tiefe Seelenruhe, der erlösende Friede im Glauben an den Menschensohn, der Gottes Sohn gewesen ist, trat mit überwältigender Kraft in den wenigen Tönen der ungläubigen, der außenstehenden Zeugen zutage. Diese Stelle war die zentrale Stelle dieser Aufführung. Sie war der entscheidende Schlusspunkt.

Alles andere, was noch danach kam, war schon Nachgesang, war Rückführung ins Hier und Jetzt, war tänzerischer Kehraus, bis hin zum beschwingten Menuett des Schlusschors (Nr. 68): „Wir setzen uns mit Tränen nieder.“

Nun, diese Tränen flossen reichlich herab, sie hatten eine befreiende, reinigende Wirkung. Sie waren schon sehr schön – sehr schön inszeniert. Sie standen im Herabfließen schon nicht mehr auf der Höhe des „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.“

Die Chorgemeinschaft Neubeuern, der Tölzer Knabenchor, das Orchester der KlangVerwaltung, die Solisten Carolina Ullrich (Sopran), Olivia Vermeulen (Alt), Daniel Johannsen (Evangelist), Manuel König (Tenor), Falko Hönisch (Christus) hoben unter der Stabführung Enoch zu Guttenbergs die Matthäus-Passion – ein Werk, das ich zu kennen glaubte, zumal ich es seit Kindheitstagen mehrmals selbst mitgesungen und mitgespielt hatte – völlig neu aus der Taufe.

Fulgebat crucis mysterium – das unerschöpfliche Geheimnis des Kreuzes trat völlig neuartig hervor in der Berliner „Philharmonie“ – wörtlich übersetzt: Harmonie der beiden Freunde.  Zentralität des Wortes, Zentralität der Jesus-Judas-Beziehung sind in meinen Ohren die tragenden Einsichten dieser erschütternden Darbietung gewesen. Und dafür danke ich am heutigen Tag der Grabesruhe allen, die dabei geholfen haben.  

Bild: Ein Blick auf den Altar und in die Apsis der Klosterkirche zu Zinna (am Teltower Fläming-Skate-Rundkurs). Das Altarbild dürfte etwa auf 1703 zu datieren sein, also in etwa auf die Entstehungszeit der Matthäus-Passion. Die Ausmalung der Apsis geht etwa auf 1900 zurück. Die Kirche selbst gilt als eine der besterhaltenen Zisterzienserkirchen im nördlichen Deutschand. Aufnahme vom 30.03.2014

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